Katarina Blind macht Mebis schön

Katarina Blind arbeitet am Laptop, sie verschönert Bayerns Lernportal Mebis.
Eine Schülerin hat Bayerns Lernportal neu gestaltet.

„Mebis“ ist ein Akronym für „Medien Bildung Service“, eine bayerische Lernplattform – und eine Skandalnudel. Im vergangenen Schuljahr machte Mebis dadurch Furore, dass das Portal öfter ausfiel. Und zwar dann, wenn man es dringend brauchte – zum Beispiel bei den Schulschließungen vor Weihnachten. Plötzlich aber erzählt man sich über Mebis in Bayern eine Geschichte, die sich wie ein Märchen anhört. Denn seit Katarina Blind sich Mebis angenommen hat, fallen ganz andere Vokabeln: schön, intuitiv, leicht nutzbar. Am bezauberndsten an dieser – wahren – Geschichte ist, dass Katarina keine routinierte IT-Fachfrau ist – sondern eine Schülerin. In den nächsten Tagen bekommt die 18-Jährige ihr Abiturzeugnis ausgehändigt. Katarina hat das Lernmanagementsystem Mebis aufgemotzt – während der großen Prüfung ihrer Schulzeit. 

Die in München geborene Gymnasiastin steht für eine andere, eine digitale Welt. Der glücklose bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) fiel dadurch auf, dass er versuchte, mit bürokratischer Gründlichkeit und ungelenken Rechtfertigungen Mebis zum Laufen zu bringen. Die Abiturientin hingegen formt Sätze, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. „Man sollte eine Software benutzen können, ohne irgendwas zu wissen“, sagt sie. Über ihre Motivation berichtet die junge Designerin: „Die Priorität meiner Arbeit liegt auf ‚leicht nutzbar‘. Es ist mir wichtig, dass es schön aussieht – aber das Wichtigste dabei ist, dass man es gut nutzen kann.“ Über ihre Generation sagt sie: „Wenn jene, die täglich Apps nutzen, Mebis nicht verstehen, dann muss da was falsch sein.“ Und was hat sie bewogen, sich statt mit TikTok mit einem Lernmanagementsystem auseinander zu setzen? „Im April letzten Jahres hatte ich angefangen, mich mit Mebis zu befassen. Als ich meine Skizzen im Januar wieder durchsah, dachte ich mir: ‚Dieses Mebis muss ich neu machen. So kann das nicht bleiben.’“ 

Eine Schulcloud, die Spaß macht

Nun muss man sagen, dass es ein bisschen unfair wäre, die Leichtigkeit einer Abiturientin mit der Bürde eines Ministers in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Was die Holzkirchener Gymnasiastin gebaut hat, ist kein fertiges neues Lernmanagementsystem (LMS). Katarina hat ein Konzeptdesign gemacht, einen low fidelity prototype. Das heißt, es existiert noch kein nutzbares LMS. „Da kann man natürlich noch nichts reinladen, das müsste man wirklich erst umsetzen“, sagt sie. Aber wer sich auf Katarinas Website durch ihre Studie klickt, bekommt eine Ahnung davon, wie sich eine Schulcloud anfühlen könnte, die Spaß macht. 

Bisher hatte man nicht das Gefühl, dass es so etwas häufig gibt. Im Jahr 2020 fiel Mebis an 20 Tagen ganz oder teilweise aus. Es ist eigentlich ungerecht, nur über diese Tage zu sprechen, denn Mebis ist das LMS mit der größten Reichweite in Deutschland – potenziell eine Million Lernende und Lehrende können darauf zugreifen. Allerdings stotterte Mebis eben vier Tage zur Schulschließung im März und dann erneute bei der zweiten kurz vor Weihnachten. Das war – in der öffentlichen Meinung – das Todesurteil für Mebis. Ganz egal, ob das Lernportal Zuwächse in der Nutzung von fantastischen 7.400 Prozent zählte. Lästerten die Journalisten zuvor über den vergleichsweise winzigen „Lernraum Berlin“, trug plötzlich der Dauer-Pisasieger Bayern die rote Laterne. Minister Piazolo soll kurz vor der Ablösung gestanden haben. Immerhin soll die neue, 80 Millionen teure, „Bayern Cloud Schule“ auf Mebis aufbauen. 

Von der digitalen Seite der Schule enttäuscht

Katarinas Berichte können Bildungs- und Digitalpolitiker beschämen. „Ich war schon vorher von der digitalen Seite des deutschen Schulsystems enttäuscht„, sagt sie. „Als ich aber in Kanada gesehen habe, wie gut man’s wirklich machen kann, war Mebis für mich praktisch gestorben“. Die zehnte Klasse verbrachte Blind in einer Highschool am Ontariosee. Dort bekam sie mit, was Workflow heißt, wenn alle Schüler und Lehrer eine Plattform nutzen, auf der sie gemeinsam an Dokumenten arbeiten, über ein integriertes Messenger-System kommunizieren und alle einen Mail-Account haben. 

Mebis muss nutzerfreundlicher werden

Das Urteil der Schülerin über Mebis ist vernichtend. Und dabei ist Mebis das am besten gepflegte LMS Deutschlands. „Mein inneres Gefühl hat mir schon immer gesagt, dass Mebis einfach viel zu kompliziert ist“, sagt Katarina Blind, die das System in der Schule nutzte, ohne es wirklich zu nutzen. Weil nur wenige Lehrer es anwendeten. Und weil sie immer wieder an den einfachsten Dingen scheiterte: Sie wusste nicht, wo sie sich einloggen sollte. Sie moniert das, was nicht wenige Lehrer an Mebis gut finden, als entscheidendes Problem: seine Komplexität. „In der Lernplattform gibt es so viele verschiedene Schichten, dass es mich verwirrt“, berichtet die Schülerin. „Mir ist ganz oft passiert, dass jemand zu mir sagte: ‚Du, ich hab’s auf Mebis hochgeladen.‚ Dann war ich auf Mebis – und ich hab’s erst mal nicht gefunden.“ Das wahrscheinlich stichhaltigste Argument der angehenden Absolventin ist dieses: „Meine Altersgruppe ist sehr technikaffin. Wir haben ein gutes Gefühl dafür, wie man digitale Tools benutzt. Wenn meine Mitschüler nicht rausfinden, wie man Mebis benutzen kann, dann ist das ein dickes rotes Ausrufezeichen! Das bedeutet gleichzeitig, dass diejenigen abgehängt werden, die oft gar nicht Bescheid wissen – die Lehrer. 

Katarina Blind wird ihre Schule demnächst verlassen. Und wohl auch Bayern. Sie hat viel Zeit in Mebis investiert, aber noch mehr in die Suche nach einem Studienplatz. Sie will nach Finnland, und wenn sie dort nicht genommen wird, hat sie sich eine zweite Studien-Variante in den Niederlanden gesucht. Vielleicht wäre es gut, die begeisternde Designerin nach ihren Erfahrungen und ihren Prinzipien des user experience design zu befragen. Einen Anruf von Michael Piazolo hat sie bisher nicht bekommen. Christian Füller

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