„Niemand will in die Vor-Pandemie-Zeit zurück“

Britta Ernst (SPD), Bildungsministerin Brandenburg und KMK-Präsidentin

Frau Ernst, gibt es ein schülernahes Digital-Projekt in Brandenburg, das Ihnen besonders gefällt?

Es gibt so viele gute Schulen in meinem Bundesland, dass es mir wirklich schwerfällt, ein Projekt herauszupicken. Klar: Im Vorteil waren in der Pandemie all die Schulen, die beim Breitbandausbau und der technischen Ausstattung vorn dran waren. Aber mich begeistern die vielen kleinen Projekte, wenn etwa Musikunterricht geschickt gemacht wird, Bewegungsabläufe gefilmt werden oder auch die Sprachlernprojekte.

Wenn Ihnen digitalen Projekte so wichtig sind, wieso holen Sie sich dann nicht Rat und Hilfe von den Startups und laden sie zu einem Runden Tisch ein?

Ich habe in Brandenburg schon im letzten Jahr erste Gespräche mit allen Beteiligten geführt und im Februar dieses Jahres einen ersten Entwurf einer Digitalisierungsstrategie meines Ministeriums vorgelegt. Die digitalen Bildungsanbieter in Deutschland haben der Bundesbildungsministerin und der Kultusministerkonferenz einen Brief geschrieben und einen Runden Tisch angeregt. Den wird es auch geben und der KMK-Generalsekretär wird daran teilnehmen. Das wird zweifellos ein wichtiges Gespräch.

Warum hat es noch nicht stattgefunden?

Man muss bedenken, dass es für die Bundesländer zunächst darum geht, dass alle funktionierende Lernplattformen auf den Weg bringen. Erst dann macht es Sinn, über deren inhaltliche Bestückung zu reden. Und wir sind noch nicht überall so weit, dass wir Entscheidungen darüber fällen können. Dieser Prozess wird in der zweiten Jahreshälfte Fahrt aufnehmen. Und er wird von der KMK begleitet werden.

Beteiligen Sie sich selbst am Hackathon „Wir für Schule“?

Nein, aber die Ergebnisse von Beteiligungsprozessen wie dem Hackathon interessieren mich natürlich sehr.

Wird sich die KMK mit den Ergebnissen des Hackathons befassen?

Natürlich. Wir werden die Ergebnisse entweder im Präsidium oder in der KMK präsentieren lassen.

Wenn Lehrkräfte digitale Lehrmethoden anwenden wollen, müssen sie das meist auf privaten Rechnern tun. Wann wird es in deutschen Schulen selbstverständlich sein, dass jeder Lehrer, jede Lehrerin, im Unterricht als Arbeitsmittel nicht nur Kreide, sondern auch einen Laptop oder ein Tablet zur Verfügung gestellt bekommt?

Mit der Erweiterung des Digitalpaktes um die Beschaffung von Endgeräten für Lehrkräfte ist der entscheidende Schritt getan. Nun müssen die Zuständigkeiten dauerhaft geklärt werden. Eigentlich sind die Schulträger für die Ausstattung der Lehrkräfte zuständig. Es ist in den Flächenländern eine große Herausforderung. In den Stadtstaaten ist das nicht so ein Problem, weil dort die Senatsverwaltungen Schulträger sind. In Mecklenburg-Vorpommern wurde jetzt ein guter Rahmenvertrag beschlossen. Und die anderen Bundesländer müssen das mit Nachdruck mit den kommunalen Spitzenverbänden zum Abschluss bringen.

Wie sieht es in Brandenburg aus, Frau Ministerin?

Die Richtlinie ist so gut wie fertig. Aber auch Brandenburg hat das Problem, dass es Engpässe bei der Beschaffung der Endgeräte gibt. Der Markt ist einfach nicht in der Lage zu liefern. Deshalb kann ich mich nicht festlegen und ein Datum nennen, ab dem alle Lehrkräfte Endgeräte haben werden.

Was machen Sie aus mit dem Geld der Nachhilfeförderung und der sozialpädagogischen Hilfe des Bundes in Brandenburg?

Wir kofinanzieren die Bundesmittel mit 30 Millionen Euro, unter anderem für das Ferienprogramm und das Programm, Studierende an die Schulen zur Unterstützung vor Ort zu bringen. Zusätzlich werden wir rund 24 Millionen Euro zur personellen Verstärkung an den Schulen aufwenden, da die Bundesmittel ja nicht für Personalmittel an Schulen eingesetzt werden dürfen. Das sind pro Jahr rund 200 Stellen, die Schüler:innen mit Hilfebedarf unterstützen werden. Für das außerschulische Programm suchen wir gerade Partner. Das Geld wird natürlich dafür eingesetzt, den Schüler:innen beim Schließen von Lernlücken zu helfen. Wir werden es aber auch für Programme zum schwimmen lernen oder sozialpsychologische Maßnahmen einsetzen.

Klappt das bis zum Ende der Ferien?

Ich gehe davon aus, dass zumindest ein Start möglich ist. Zunächst muss die Qualität der Maßnahmen sichergestellt werden. Und bei den Mitteln, die an die Ergebnisse der Lernausgangslage geknüpft sind, müssen die Voraussetzungen erfüllt werden. Und diese Ergebnisse liegen erst Ende September vor.

Haben Sie ein Bild der Lernlücken, die im Jahr 2020 entstanden sind?

Ja, das haben wir. Die Untersuchung war im August und die Lernlücken waren besonders in Mathematik groß. Allerdings denken wir, dass das nicht unbedingt nur ein Ergebnis der Pandemie war, sondern Teil des deutschlandweiten Mathematik-Problems. Um das in den Griff zu bekommen, denkt die KMK über ein großes Forschungsprojekt nach.

Schulcloud löst Datenschutzprobleme

Sie starten auf der Basis des HPI-Projektes gemeinsam mit Thüringen und Niedersachsen eine Schulcloud. Wer wird die gemeinsame Betreibergesellschaft?

Das betrifft laufende Verhandlungen und darüber spreche ich nicht.

Welchen Vorteil hat es, in Deutschland 13 unterschiedliche Schulclouds zu betreiben?

Das will ich nicht beurteilen. Wenn wir aber nur ein Projekt gestartet hätten und es wäre misslungen, dann würden wir jetzt auch nicht besser dastehen. Wir als Ministerium haben nicht den Sachverstand, um so eine Cloud selbst zu entwickeln. Daher kann ich Ihnen sagen, dass wir sehr froh darüber sind, dass wir mit dem Modell aus dem Hasso-Plattner-Institut eine funktionierende Schulcloud bekommen haben, die den Datenschutzbestimmungen entspricht. Ich weiß, dass es Bundesländer gibt, die bereits Interesse bekundet haben, weil wir die Datenschutzprobleme gelöst haben.

Sie sprechen über Baden-Württemberg?

Es gibt mehrere Länder. Mag sein, dass die mit amerikanischen Anbietern vielleicht bedienerfreundliche Modelle haben, aber sie haben eben die Datenschutzfragen nicht geklärt. Wir nehmen für uns in Anspruch, dass wir das hinbekommen. Wir entwickeln die Schulcloud weiter, damit sie bedienerfreundlich wird. Sie ist zur Zeit eingefroren in ihren Nutzungen, im August gehts dann weiter.

Im aktuellen KMK-Beschluss zum Präsenzunterricht nach den Sommerferien schreiben Sie, dass Sie „überzeugt davon (sind), dass Präsenzunterricht in seiner ganzen Breite die notwendige Grundlage erfolgreichen Lehrens und Lernens ist“. Das klingt wie eine Absage an digitale Lösungen.

Nein. Wir sind absolut davon überzeugt, dass wir in der Pandemie wertvolle Erfahrungen beim selbstbestimmten Lernen gemacht haben, die wir bewahren wollen. Und digitale Unterrichtsformen helfen darüber hinaus auch zum Beispiel chronisch kranken Kindern. Niemand will in die Vor-Pandemie-Zeit zurück, Wir brauchen Präsenzunterricht als Basis. Christian Füller