„Es geht um Transformation, nicht nur um Digitalisierung“

Transformation SPD Kommission
SPD-Vorsitzende Saskia Esken leitet die Bildungskommission der Partei.

Frau Esken, schon wieder eine Kommission, die sich mit digitaler Bildung befasst. Ihr gehören unter anderen Kultusminister wie Ties Rabe, Oppositionspolitiker wie Andreas Stoch und Vertreter der Zivilgesellschaft wie Dario Schramm und Stephan Dorgerloh an. Warum braucht die Nation so etwas?

Wenn Sie genau hinschauen, dann sehen Sie, dass das Digitale nur ein Aspekt der Arbeit der Kommission für „Bildung in der Transformation“ ist. Unter dem Dach der Gesamterzählung „Gestaltung der Transformation“ ist die Digitalisierung natürlich ein wichtiger Aspekt. Weitere Treiber der Transformation sind unser Ziel, so bald wie möglich klimaneutral zu wirtschaften und zu leben, aber auch der demografische Wandel und nicht zuletzt die geopolitische Zeitenwende. Was aber sind die Grundlagen, damit Mensch und Gesellschaft diese Veränderungen nicht scheuen, auch nicht nur ertragen, sondern im Idealfall aktiv mitgestalten? Da ist Bildung als Mittel zur Emanzipation des Menschen ein ganz wichtiger Schlüssel. Deshalb diese Kommission.

Passt da eigentlich noch der alte sozialdemokratische Gassenhauer der Chancengleichheit, um diese großen Phänomene zu erfassen?

Das Thema Bildungsgerechtigkeit ist und bleibt ein verbindendes Leitmotiv für uns. Das Bildungssystem hat klar die Aufgabe, Nachteile auszugleichen. Wir verlieren aber noch viel zu viele Potenziale.

Bildung: Emanzipation so wichtig wie das Aufstiegsversprechen

Was heißt das konkret für die Kommission?

Wir wollen darüber nachdenken, wie genau diese Fragen in der Bildung wieder Einzug halten. Es ist nicht zu tolerieren, dass wir bei den Schulvergleichsstudien wieder 20 Prozent Schulverlierer messen. Bei denen sind die Bildungschancen schon in der Grundschule zerbrochen. Das ist später nicht oder nur mit viel Aufwand aufzuholen. Dadurch entlassen wir viel zu viele Jugendliche ohne adäquaten Abschluss aus den Schulen. Das ist ungerecht, aber auch volkswirtschaftlich ein Sündenfall. Dabei geht es mir bei der Chancengleichheit in der Bildung gar nicht so sehr um das Aufstiegsversprechen, sondern erstmal um Emanzipation und Teilhabe des und der Einzelnen. Das ist eine Frage von Respekt, von Gerechtigkeit. Wir können es uns aber auch nicht leisten, in der Transformation auch nur ein Talent liegenzulassen. Sonst fehlen uns die guten Leute für die Bewältigung der großen Herausforderungen.

Auch die Schullandschaft verändert sich seit Pisa radikal: Hauptschulen verschwinden, auch die Realschulen stürzen geradezu ab. Gleichzeitig steigt die Zahl der integrierten Schulen und der Schulen mit mehreren Bildungsgängen. Ist es nicht die historische Aufgabe der Sozialdemokratie, dies zu ordnen?

Sie haben recht, dass in den letzten 20 Jahren ein regelrechtes Blütenmeer an Schularten entstanden ist. Da ist also nicht überall ein Mangel an Veränderungsbereitschaft festzustellen. Es gibt aber schon auch Privilegien und Besitzstände, die verteidigt werden. Wenn wir die Breite und die Heterogenität ihrer Schüler*innenschaft anschauen, dann sind doch unsere Gymnasien die eigentlichen Gemeinschaftsschulen. Sie müssen nur noch einen Umgang mit dieser Verschiedenheit und ihren Potenzialen finden.

Startchancen: Sozialindex soll Königsteiner Schlüssel ablösen

Ist Ihre Kommission auch ein Zaunpfahl, mit dem sie Richtung der Bildungsministerin des Bundes winken? Sie hatten ja die letzte Bildungsministerin, Frau Karliczek, mit den Worten kritisiert, sie sei ein Fall betreuten Regierens.

Das ist nicht vergleichbar. Frau Karliczek hatte ihre 100 Tage des Dazulernens praktisch auf vier Jahre Amtszeit ausgedehnt. Das ist bei Bettina Stark-Watzinger ganz anders. Sie hat ambitionierte Aufgaben aus unserem Koalitionsvertrag – etwa das Startchancen-Programm, das diejenigen Schulen, die eine stark benachteiligte Schüler*innenschaft haben, besonders hochwertig ausstatten soll, sächlich und personell. Wir können ja aber nicht erwarten, dass jeder Punkt aus dem Koalitionsvertrag schon im ersten Jahr abgehakt ist.

Was ist daran so kompliziert, die zehn Prozent Brennpunktschulen der Republik besser auszustatten?

Zum Beispiel die Verteilungsfrage. Bisher wird das Geld nach dem Königsteiner Schlüssel gleichmäßig auf die Länder verteilt. Aber es wäre klüger, nach einem Sozialindex vorzugehen. Das gefällt nur nicht jedem.

Ist es nicht so, dass die Länder ständig blockieren? Einer der größten Bremsklötze scheint mir Hamburgs Schulsenator Ties Rabe zu sein, der die sozialdemokratisch geführten Länder koordiniert und zusammen mit Frau Karliczek den Bildungsrat versenkt hat. Der thront nun in Ihrer Kommission.

Da sitzt niemand, den oder die ich nicht ganz gezielt dabei haben wollte. Ich habe als SPD-Vorsitzende und Leiterin der Kommission ganz bewusst Ties Rabe eingeladen, der in Hamburg sehr gute Ergebnisse vorweisen kann, sowohl bei der Digitalisierung als auch bei der Gerechtigkeit.

Digitalpakt: Das wird keine Eintagsfliege bleiben

Als das neue futuristische KMK-Papier zu digitalem Lernen vorgestellt wurde, fiel ihm dazu ein, dass Präsenz das Nonplusultra von Schule ist.

Ich finde es richtig, zu sagen, dass dieser Distanzunterricht, den wir jetzt wegen Corona erleben mussten, nicht unsere Idee von digitaler Bildung ist. Wir sind nicht in Australien, wo wir im Outback Schüler nur über digitale Verbindungen in die Schule bringen können. Es kann und darf kein Dauerzustand sein, dass die Schüler allein zu Hause sitzen. Auch die Bildungsgerechtigkeit hat darunter gelitten.

Sondern?

Wir müssen digitales Lernen und Präsenz zusammen denken. Es hat nichts mit digitaler Bildung zu tun, als Schüler von zu Hause Videounterricht mit dem Lehrer anzuhören. Schülerinnen und Schülern müssen viel mehr lernen, wie sie sich über digitale Methoden neues Wissen, aber auch neue Kompetenzen erschließen.

Sind Sie sicher, dass der zweite Digitalpakt überhaupt noch kommt?

Wir sind uns in der Ampel einig, dass der Digitalpakt keine Eintagsfliege bleibt. Diese Zusage ist da. Wir müssen natürlich auch dafür sorgen, dass die Mittel des ersten Digitalpakts abfließen.

Die SPD-Kommission „Bildung in der Transformation“ hat 21 Teilnehmer. Sie soll bis zum Bundesparteitag im Dezember 2023 einen Schlussbericht vorlegen. Die Brandenburger Kultusministerin Britta Ernst gehört ihr nicht an.

Mehr zum Thema

    Ladestation für erschöpfte Lehrer gesucht
    Nature-Studie entdeckt große Corona-Lernlücke
    SWK-Forscherinnen zur Exzellenzinitiative: Wo ist die Evidenz?
    Länder ringen um Abkehr vom Königsteiner Schlüssel