„Wir müssen die Risiken digitaler Technologien für Schule benennen“

Digital in der Schule, Medienpädagogik wird immer wichtiger.
Digitalisierung des Lernens: reales und virtuelles Fadenstrahlrohr (links) im Physikunterricht einer Oberstufe.

Herr Rummler, Sie haben gerade mit Kolleg:innen der Medienpädagogik ein Papier veröffentlicht, das sich kritisch mit digitaler Schule befasst. Wo wollen Sie die Digitalisierung stoppen? Wo geht sie in die falsche Richtung? 

Stoppen wäre der falsche Ansatz. Was aber durchaus irritierend ist, dass sich auch die frühkindliche Bildung für digitale Vermessungs-Technologien öffnen soll. Die pauschalisierende Rede von den Potenzialen digitaler Medien beim Lernen bedarf der Demystifizierung. Die Kultusminister:innen müssen mögliche Risiken, die mit dem Einsatz digitaler Technologien in der Schule einhergehen, klarer in den Blick nehmen.

Was besorgt Sie? 

Wir müssen neoliberale und ökonomisierende Tendenzen, welche die Digitalisierung mit sich bringt, viel ernster nehmen, gerade im Schulbereich. Die zunehmende Ökonomisierung der Bildung auch durch digitale Medien führt zu einer grundlegenden Veränderung des Schulsystems.

Tablets: „keine leistungsfähigen digitalen Arbeitsgeräte für die Schule“

Aber Sie sind doch nicht grundsätzlich gegen Digitalisierung?

Nein, natürlich nicht. Ein Einbezug digitaler Medien in der Schule macht aus Sicht der Medienpädagogik Sinn. Digitale Medien gehören heute selbstverständlich zum Arbeitsalltag von Schüler:innen und Lehrpersonen – meist allerdings außerhalb der Schule. Das heißt, auch in die Schulen müssen endlich Arbeitsgeräte einziehen wie zum Beispiel Notebooks oder Convertibles – ich meine nicht Tablets…

… warum keine Tablets? 

Tablets sind wie große Smartphones, aber keine ernstzunehmenden leistungsfähigen Arbeitsgeräte. Notebooks und Convertibles sind dagegen universell einsetzbar. Zur selbstverständlichen Ausstattung von Schulen zählen ferner, flächendeckendes WLAN an Schulen, Zugang zu online-Lernmitteln bis hin zu Hausaufgaben, die sich allein oder in Gruppen bearbeiten lassen.

Sie sind Medienpädagoge. Warum konzentrieren Sie sich so sehr auf die apparative Ausstattung der Schulen? 

Ohne diese Ausstattung können Lehrer:innen die Bildung in der digitalen Welt nicht umsetzen. Im Digitalpakt geht es ja in der Praxis zunächst mal um die technische Infrastruktur der Schulen. Aber, Sie haben recht, das Hauptgeschäft der Medienpädagogik liegt im Entwickeln pädagogischer Konzepte zur Förderung der Medienkompetenz von Schüler:innen.

Man hat den Eindruck, Sie verlieren in Ihrer Kritik die Big Five, die Billionen-Dollar-Konzerne wie Google, Apple und Microsoft, aus dem Blick. Dafür fassen Sie die kleinen digitalen Bildungsanbieter umso härter an. 

Nein, die Kritik an einer zunehmenden Ökonomisierung durch digitale Medien bezieht sich sowohl auf Hyperscaler als auch auf kleinere Bildungsanbietende. Zentral ist es für uns, die Entscheider für die Ambivalenzen von Digitalisierung zu sensibilisieren. Das betrifft alle Akteure von schulischer Bildung von den Schulträgern bis hin zu den Kultusminister:innen. Sie sind es, die die Weichen bei der Digitalisierung stellen – häufig, ohne die kritischen öffentlichen Reflexionen. Das kann ganz schnell gehen. Österreich und Schweiz etwa haben mit Microsoft Rahmenverträge für das gesamte Bildungssystem abgeschlossen.

Medienpädagogik hat gegen Rahmenverträge mit Hyperscalern interveniert

Warum haben Sie gegen diese Rahmenverträge nicht interveniert? 

Das haben wir, sind aber damit nicht durchgedrungen. Das Problem an diesen Prozessen ist auch die intransparente Vergabestruktur. Verschiedene Kolleg:innen der Medienpädagogik haben darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig die öffentliche vergleichende Auswahl an Anbietern für digitale Schule ist. Wir müssen Lobbystrukturen aufdecken – so wie wir das zum Beispiel in Österreich getan haben. Es geht uns nicht darum, digitale Medien in der Schule zu verhindern. Aber wir brauchen endlich eine intensive öffentliche Diskussion: über deren Einsatz, die Folgen und mögliche Alternativen aus dem Open Source-Bereich. So wie es in Frankreich zum Beispiel im Fall der öffentlichen Verwaltung geschah. 

Wäre es nicht ganz einfach? Schule soll Kinder durch Lernen zur Selbstbestimmung führen. Aber ohne informationelle Selbstbestimmung über ihre Daten geht das nun mal nicht.

So einfach ist es leider nicht. In der Schule haben die Kinder ohnehin nur eingeschränkte Selbstbestimmung über ihre Daten. Schulen haben schon immer Daten von Schüler:innen erzeugt, verwaltet und ausgewertet. Bei der Speicherung in digitalen Systemen wird es nun nochmal komplizierter – und weitreichender. Da darf man sich nicht so einfach den vertraglichen Beteuerungen der Anbieter hingeben. Wir müssen eine Datenanalyse etablieren, die wissenschaftlichen Kriterien standhält. Und wir müssen dies in breiter Öffentlichkeit publik machen. 

Die wirtschaftliche Konzentration durch die Big Five beobachten

Das Hauptproblem sind hier ja die Big Five, die unsere Daten grundsätzlich den US-Behörden verfügbar machen müssen. Warum aber führen dann bestimmte Teile der Medienpädagogik eine regelrechte Kampagne gegen digitale Mittelständler wie Bettermarks, Simpleclub oder Sofatutor?

Ich sehe diese Kampagne nicht. Besagte Unternehmen machen inhaltlich teilweise einen echt guten Job. Der Markt wird momentan genau durch diese neuen Player ziemlich durchgeschüttelt. Nun müssen wir erkennen, dass man auf dem Markt der Bildungsmedien gar nicht genau darauf geachtet hat, welche unternehmerischen und wirtschaftlichen Konzentrationen entstanden sind, Stichwort Schulbuchverlage. Diese Debatte müssen wir jetzt auf den gesamten Markt übertragen – gerade weil die mächtigen Big Five dort immer stärker eindringen. 

Wo liegt das pädagogische Problem dieser Intervention von Technologie?

Hier geht es auch um Phänomene zunehmender Vermessung von Schüler:innen und Lehrpersonen. Und um Fragen nach Qualität – und die sind unabhängig von der Größe des jeweiligen Unternehmens. Wir sollten genau(er) hinschauen, was unter dem Deckmantel der Innovation nun die Schule betritt. Und welche Folgen das gerade für diesen sensiblen Bereich hat. 

Nachmittagsmarkt: „Eltern sollten auf Datenschutz achten“

Selbst kleine Startups wie Scoolio, Learnu oder Study Smarter können sich zu Datenkraken entwickeln. Wieso erkennt die Medienpädagogik solche Fälle nicht früher?

Bei Scoolio und Learnu muss man – wie bei allen Anbietern – genau hinschauen. Einerseits gibt es – oft übertriebene – Befürchtungen aus dem Alltagsleben. Etwa die Angst, dass dunkle Mächte Daten-Abwanderungen oder gar den Verkauf persönlicher Daten inszenieren. Andererseits brauchen wir belastbare wissenschaftlich-empirische Analysen zu Datenverkehr und zum technischen Aufbau einer Bildungssoftware. Diese Anbieter bedienen übrigens den Bildungsmarkt außerhalb der Schule. Da können wir als Medienpädagogen zunächst nur an Eltern appellieren, auf den Datenschutz bei digitaler Bildung zu achten. 

Nehmen wir das Beispiel GoStudent. Ein Startup, das den weltweiten Markt im Schnellverfahren erobert, ein Einhorn mit einem Wert von einer Milliarde Euro. Welche Position nimmt die Medienpädagogik da ein?

Auch GoStudent ist ein Anbieter außerhalb des Bildungssystems. Meist geraten sie erst in unseren Blick, wenn sie in das Bildungssystem integriert werden. Solche Unternehmen gewähren zudem praktisch nie Einblick in ihren Code und in die Software. So kann man beispielsweise nicht einschätzen, was eine KI dort genau macht. Daher fordern wir, dass die neuen Bildungsunternehmen sich und ihre Algorithmen für die Forschung öffnen – dann könnte man sie  auch ernster nehmen. 

Wie ist Ihre Haltung zu Learning Analytics? Sie ermöglichen es, die Lernbewegungen einzelner Schülerinnen und Schüler zu diagnostizieren. 

Auch hier gilt es, die Ambivalenzen zwischen Förderung und Überwachung in den Blick zu nehmen. Die quantitative Vermessung von Bildungsprozessen ist nicht per se gut oder schlecht. Sie gehen mit Folgen und Nebenwirkungen einher, die Lern- und Bildungsprozessen auch schaden können. Wir warnen daher vor einem weiteren blinden Ausbau und vor allem einem blinden Vertrauen in derartige Technologien – insbesondere in der Schule.

Wer trifft pädagogische Entscheidung? Der Algorithmus oder Lehrkräfte?

Wie weit sind Learning Analytics (LA) verbreitet?

LA treten derzeit in sehr unterschiedlichen Formen und recht lückenhaft im Schulsystem auf. Es ist in meinen Augen derzeit noch kein durchgängiges und kein wirklich nutzbares Diagnosetool. Unser Ziel ist es, die pädagogische Diagnostik von Learning Analytics besser für Lehrpersonen verfügbar zu machen. Wichtig ist zu reflektieren: Wer hat denn am Ende eigentlich die Entscheidung über den Umgang mit den Lerndaten inne? Treffen Lehrpersonen die pädagogische Entscheidung? Oder ist es alleine das System, das über Noten, Leistungsniveau oder über den Schulübertritt entscheidet?

Wie kann denn der Umgang mit Learning Analytics durch Schulen so gestaltet werden, dass Kinder nicht zum gläsernen Schüler werden?

Da muss ich schmunzeln. Der viel beschworene gläserne Patient stellte sich nach Einführung der Krankenkassenkarte noch als das geringste Problem heraus. 

Was ist beim digitalen Lernen das Problem?

Mit der Digitalisierung geraten wir derzeit in eine riesige gesellschaftliche Aushandlungsdebatte: Welche Daten von uns wollen wir sichtbar machen? Welche sollen wenigstens halbwegs unsichtbar, aber längerfristig übertragbar sein? Und gibt es Daten, die wir keinesfalls gespeichert wissen wollen?

Wieso kommt Ihr Papier eigentlich so spät?

Die Medienpädagogik hätte bereits im Frühjahr 2021 zur weiteren Entwicklung des Strategiepapiers „Bildung in der digitalen Welt“ Stellung nehmen sollen. Die KMK hat das jedoch abgelehnt und stattdessen die eigene Ständige Wissenschaftskommission damit beauftragt. Dort sind aber keine Medienspezialisten vertreten, die den jetzigen Stand wirklich einordnen können. Daher wollten wir mit Blick auf die KMK-Sitzung am 9. Dezember dieses kritische Positionspapier bekannt machen. 

Dr. Klaus Rummler ist Senior Researcher an der Pädagogischen Hochschule Zürich, Vorsitzender der Sektion Medienpädagogik (der Gesellschaft für Erziehungswissenschaften) und geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift MedienPädagogik.

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