„W kommt vor X" – Eine europäische Alternative zu Elon Musks Plattform

Anna Zeiter will mit W das schaffen, woran andere gescheitert sind: ein soziales Netzwerk aus Europa für die Welt bauen – ohne KI-Bots, mit Datensouveränität und einem klaren politischen Anspruch. Ein Gespräch über digitale Abhängigkeit, Verifizierung per Pass und warum das Momentum genau jetzt ist.

10. Mai 2026
Anna Zeiter (W)

Sie nennen Ihren Slogan „Trust Your Feed". Vertrauen ist das Kernversprechen – aber warum sollte man ausgerechnet einer neuen Plattform vertrauen?

Weil wir von Anfang an transparent machen, was wir tun und was nicht. Das Kernversprechen ist: echte Menschen, keine KI-Bots. Auf X sollen mittlerweile über 50 Prozent der Accounts Bots sein – ich weiß nicht, ob das exakt stimmt, aber die Tendenz ist klar. Wir wollen eine Plattform sein, auf der man sicher sein kann, dass man mit einem Menschen kommuniziert. Und die eben aus Europa kommt, europäischem Recht unterliegt und europäische Daten in Europa behält.

Was ist W konkret – und für wen?

W ist eine Alternative zu X, bewusst gebaut in und aus Europa, aber offen für die Welt. Made in Europe for the world. Was uns unterscheidet: Wer nicht nur lesen, sondern auch Inhalte teilen will, muss sich als Mensch verifizieren. Das ist unser wichtigstes Merkmal. Wir wollen eine Plattform sein, auf der Journalisten, Politiker, Bürgerinnen und Bürger aus Europa miteinander reden können – und dabei wissen, dass ihr Gegenüber kein Bot ist.

Das klingt nach einer politischen Mission, nicht nur nach einem Produkt.

Es ist beides. Schaut man sich an, welche sozialen Medien wir in Europa nutzen: LinkedIn aus den USA, X aus den USA, Instagram und Facebook aus den USA, TikTok aus China. Wir geben unsere Daten, unser Revenue, alles dorthin – und bekommen Content zurück. Aber eben auch die Weltanschauung dieser Plattformen, gezielte Desinformation und Propaganda. Das haben wir bei europäischen Wahlen bereits gesehen, der Brexit war wohl einer der ersten Fälle, bei dem ausländische Akteure gezielt europäische Demokratien manipuliert haben – über genau diese Plattformen, mit Bots. Larry Ellison hat es offen gesagt: „The true value of AI lies in private data." Und Elon Musk hat im Dezember auf X geschrieben, er wolle die Europäische Union abschaffen. Gleichzeitig ist X in allen 27 EU-Mitgliedstaaten die meistgenutzte Nachrichtenquelle – nicht nur die meistgenutzte Social-Media-Plattform, die Nachrichtenquelle Nummer eins. Das ist ein ernsthaftes Problem.

Ihr seid nicht die ersten, die eine europäische Alternative versuchen. Warum hat es bisher nicht funktioniert?

Weil sich keiner getraut hat, wirklich mit X zu konkurrieren. Es gibt viele kleine europäische Nischenplattformen für Kletterer, für Umweltaktivisten, für bestimmte Communitys. Aber niemand hat gesagt: Wir gehen direkt gegen die Großen. Unser Logo ist kein Zufall. W steht für die Welt – aber es steht auch im Alphabet vor X. Und ja, man muss auch ein bisschen bold sein. Das zweite Problem ist der Netzwerkeffekt: Eine leere Plattform bringt niemandem etwas. Deshalb haben wir eine smarte Lösung gewählt.

Welche?

Wir sitzen auf dem AT-Protokoll, demselben Open-Source-Protokoll wie BlueSky. Auch EuroSky sitzt dort. Das bedeutet: Wir sind bereits interoperabel mit 40 Millionen Nutzern. Wer einen BlueSky-Account hat, kann mir schon jetzt folgen. Und man kann seinen gesamten Account inklusive aller Follower zu W migrieren. Man nimmt alles mit, hat dann aber den Vorteil, dass die Daten auf europäischen Servern liegen und man zusätzliche Funktionen bekommt. Wir fangen also nicht bei null an.

Wie läuft die Menschenverifizierung genau ab – und wie schützt ihr dabei die Privatsphäre?

Das klassische CAPTCHA reicht nicht mehr, das können KI-Bots längst anklicken. Wir machen das mit einem Ausweisdokument – ähnlich wie bei der Anmeldung bei PayPal. Wer Inhalte teilen will, muss sich einmal verifizieren. Die Daten bleiben dabei auf dem Gerät. Ein externer Dienstleister prüft die Identität und löscht die Daten danach sofort. Bei W kommt nur an: „User 123 ist ein Mensch." Wer ich bin, sehen wir nicht. Und die Nutzer entscheiden selbst, ob sie unter ihrem Klarnamen auftreten oder anonym bleiben wollen. Um das glaubhaft zu machen, haben wir die Bundesdatenschutzbeauftragte Luisa Specht-Riemenschneider in unser Advisory Board geholt – nicht nur als Signal, sondern weil wir von Anfang an die Aufsichtsbehörden im Boot haben wollen.

Die AfD hat euch vorgeworfen, eine staatliche Überwachungsmaschine zu bauen.

Fake News, direkt von X. Als wir das Projekt vorgestellt haben, gab es eine koordinierte Desinformationskampagne: W sei von Ursula von der Leyen persönlich mit 500 Millionen Euro Steuergeldern gegründet worden. Wir haben keinen Cent öffentliche Mittel bekommen. Und ich will die Daten gar nicht haben – das ist ja gerade der Punkt.

Wo steht ihr bei der Finanzierung, wer steckt dahinter?

Hauptgesellschafter ist We Don't Have Time, eine schwedische Social-Media-Plattform im Klimabereich – daher auch das W im Namen. Wir sprechen gerade mit allen großen Medienhäusern in Europa. Und interessanterweise haben sich auch schon US-amerikanischen Player gemeldet, weil Europa für sie ein wachsender Markt ist. Das zeigt, dass wir kein europäischer Closed Shop sind. Wir wollen, dass Qualitätsjournalisten aus der ganzen Welt hier eine Heimat finden.

Wann geht W für alle an den Start?

Ursprünglich wollten wir uns mehr Zeit lassen. Aber als Musk schrieb, er wolle die EU abschaffen, und alle Europäer sich auf X darüber beschwert haben – auf X! – haben wir die Timeline um sechs Monate vorgezogen. Die Beta-Version öffnen wir im Juni für alle, die auf der Warteliste stehen. Und ich bekomme gerade Anfragen per Signal und WhatsApp von deutschen Bundesministern, ob sie schon dabei sein dürfen.

Was kommt danach?

Eine Ende-zu-Ende-verschlüsselte Chat-Funktion – also X und WhatsApp in einem, auf europäischem Boden. Und eine Trend-Maschine für Journalisten: Was wird global diskutiert, was in Berlin, wer spricht über den Ukraine-Krieg, aus welcher Perspektive? Das wollen wir teilweise als Premium-Feature monetarisieren. Im Kern aber gilt: Alle Trends für alle, echte Menschen, europäische Daten. Und für alle, die auf BlueSky sind: Schaut einfach mal rein. Ihr könnt uns bereits sehen.

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Letzte Aktualisierung: 10. Mai 2026