„Wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, werden wir uns wehren mit dem, was wir haben“

Christian Miele sieht Deutschland vor einem weiteren Abschwung – Fabrikschließungen, Jobverluste, weniger Wachstum. Doch ausgerechnet im Mittelstand erkennt er die Chance auf ein Comeback – wenn Industrie und Start-ups enger zusammenarbeiten.

09. Mai 2026
Investor Christian Miele in Gummistiefeln
Als Investor ist Christian Miele, General Partner beim VC Headline, Teil der Tech-Szene. Er kommt allerdings aus einem Familienunternehmen und vom Dorf. Er sei, wie er sagt, eigentlich „mehr Gummistiefel als Anzug“ - und beweist das mit diesem Foto. (privat)

Christian Miele sieht die Zukunft der deutschen Wirtschaft da, wo der Mittelstand zuhause ist. Der werde, wenn er veränderungswillig ist und bereit, Allianzen mit der Tech-Welt einzugehen, den Industriestandort retten. Allerdings glaubt der Investor auch: „Wir werden noch tiefer sacken. Fabriken werden schließen, Arbeitsplätze werden verloren gehen.“ Wertschöpfung werde abwandern, Investoren sich zurückziehen und die Wachstumsprognosen würden weiter gesenkt.

„Bis wir so sehr mit dem Rücken zur Wand stehen, dass zwischen unserem Rücken und der Wand kein Platz mehr ist. Das ist der Moment, in dem wir anfangen uns zu wehren – und zwar mit dem, was wir haben: Ingenieurskunst, Maschinenbau, Präzisionsarbeit, unsere Zuverlässigkeit und die Bereitschaft, in die Hände zu spucken.“ Oder anders gesagt: mit genau jenen Fähigkeiten und Tugenden, die nicht nur Miele dem deutschen Mittelstand zuschreibt.

Seit Wochen reist der Berliner Venture Capitalist voller Begeisterung durchs Hinterland. Orte wie Sindelfingen, Lingen, Winnenden und Kirchanschöring machen ihm Mut, sagt er. Miele, selbst Spross eines 100 Jahre alten Familienunternehmens und Neffe des Geschäftsführers des Haushaltsgeräteherstellers Miele, kommt aus einem kleinen Dorf. Er sei „mehr Gummistiefel als Anzug“. Mit den bodenständigen Menschen dort abends Pils zu trinken und Leberwurstbrote zu essen, sei für ihn wie eine „Frischlufttherapie, um aus dieser Berliner Blase rauszukommen.“ Aber nicht deswegen reist der General Partner der VC-Firma Headline so viel. Miele hat eine Mission: Er will den Mittelstand und die Tech- und Start-up-Welt zusammenbringen.

Diese Idee ist alt und war immer schon schwierig. In der Theorie ergibt es Sinn, dass gewachsene Unternehmen in wachsende investieren, ihre innovativen Technologien testen und nutzen oder die Start-ups kaufen und integrieren. In der Praxis hakt es allerdings an Budgetengpässen und Marktunsicherheiten, aber auch an Missverständnissen und Misstrauen zwischen zwei sehr unterschiedlichen Arbeitswelten. Laut dem aktuellen Start-up Monitor sank die Zahl der Start-ups, die mit Corporates und Mittelständlern zusammenarbeiten, von 71,8 Prozent (2020) auf 56 Prozent (2025). Nur elf Prozent der Start-ups werteten die Kooperationsbereitschaft der Großen als hoch.

Jetzt aber habe sich etwas verändert, behauptet Miele, es gäbe Konsens und einen Sinn für Dringlichkeit. Er erlebe flächendeckend die Erkenntnis, dass Deutschland strukturelle Probleme hat: der demografische Wandel oder ein Energiesystem, das nicht gemacht ist für die Zukunft. Und auch, dass Lösungen dafür aus der Tech-Welt kommen, leuchte inzwischen den meisten ein. Die Welt der Fabriken, Anlagen und Maschinen und die der Tech-Firmen müssten deshalb verschmelzen. „Das ist alternativlos“, sagt Miele. Ein Beispiel, bei dem ihm „die Tränen kommen vor Freude“, sei der EUV MK5, ein hochmodernes Gerät zur Chipherstellung. Die neueste Generation der EUV-Lithografie für die Chipproduktion wurde in einer Kooperation von ASML und den deutschen Mittelständlern Trumpf und Zeiss entwickelt.

Doch wie viele mittelständische Unternehmen qualifizieren sich wirklich für solche Hightech-Joint-Ventures? Wer kann etwas bieten, aus dem sich Zukunftstechnologie machen lässt, und wessen Produkte fallen aus der Zeit und aus dem Rennen? „Das sind die zentralen Fragen, die in den nächsten fünf bis zehn Jahren in allen Inhaberfamilien diskutiert werden müssen“, sagt Miele. „Was machen wir denn jetzt?“ Dass jemand, der jetzt noch Autoteile fertigt, später Drohnenteile herstellen kann, sei naheliegend.

Andere werden länger nachdenken und verschiedenes ausprobieren müssen. Nokia habe mit Gummistiefeln angefangen, später Traktoren gebaut, dann Mobiltelefone. Und auch das Unternehmen seiner Familie fing mit Butterfässern an, erzählt Miele, baute zeitweise Autos und dann erst Waschmaschinen. Einige Firmen werden auch verschwinden, glaubt Miele. Doch mit genügend Bereitschaft zur Veränderung könne Deutschland ein Industriestandort bleiben. „Da ist wieder mein Argument: Erst wenn du komplett mit dem Rücken an der Wand stehst, musst und wirst du alles riskieren.“

Briefings wie CEO.Table per E-Mail erhalten

Keine Bankdaten. Keine automatische Verlängerung.

Sie haben bereits das Table.Briefing Abonnement?

Anmelden

Letzte Aktualisierung: 09. Mai 2026