Digitaler Euro: Kaum Mehrwert für Verbraucher, Banken wehren sich

Unter Druck der Banken hat die EZB ihr Projekt deutlich zurückgefahren. Für Verbraucher bietet der digitale Euro kaum Mehrwert, während die Kreditwirtschaft vor allem die hohen Einführungskosten kritisiert und Einlagenabflüsse fürchtet.

19. Mai 2026
Digitaler Euro - Ein Kunde bezahlt seinen Einkauf mit dem digitalen Euro per Smartphone und Kartenlesegerät. Symbolbild für bargeldlose Transaktionen, moderne Finanztechnologie und digitales Zentralbankgeld.
Künftig sollen alle Bürger die Wahl haben, ob sie mit dem digitalen Euro oder Scheinen und Münzen bezahlen. (picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer)

Eigentlich soll der digitale Euro als digitales Pendant zum Bargeld das Bezahlen im stationären Handel, online und zwischen Privatpersonen digitalisieren. Und er soll auch offline funktionieren. Es geht aber auch darum, Europa unabhängiger von US‑Zahlungsanbietern wie Visa und Mastercard zu machen – Stichwort: europäische Souveränität. Doch was als strategisches Prestigeprojekt gedacht war, droht zum Minimalkompromiss zu werden. Innerhalb der Geschäftsbanken regt sich Widerstand, der Prozess verzögert sich – und in seiner aktuellen Ausgestaltung bietet der digitale Euro für Verbraucher kaum erkennbaren Mehrwert.

Wenn das EU-Parlament am 23. Juni über die Verordnung zum digitalen Euro abstimmt, entscheidet es formal über den rechtlichen Rahmen eines Projekts, das gegenüber früheren Plänen deutlich an Ambition verloren hat. „Die EZB ist beim digitalen Zentralbankgeld spät dran und hat unter dem Druck aus Politik, Öffentlichkeit und nicht zuletzt den Banken deutlich zurückgerudert“, sagt Pawel Tokarski, Ökonom bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), im Gespräch mit Table.Briefings. Gerade im Alltagseinsatz biete der digitale Euro „in der aktuellen Form wenig Mehrwert“. Zwar bleibt ein struktureller Vorteil bestehen – etwa die staatliche Garantie durch die EZB und die geringere Abhängigkeit von Visa und Mastercard –, doch dieser sei für „den normalen Nutzer nicht besonders sichtbar“.

Der digitale Euro unterscheidet sich von Geld auf dem Bankkonto dadurch, dass er direkt eine Forderung gegenüber der Zentralbank darstellt, während Guthaben auf dem Konto eine Forderung gegenüber der jeweiligen Geschäftsbank ist. Zwar besteht auch beim heutigen Kontogeld keine direkte Forderung gegenüber Visa oder Mastercard, doch laufen Kartenzahlungen in der Praxis häufig über deren Netzwerke, die die Abwicklung zwischen den Banken übernehmen. Genau diese Abhängigkeit von US‑Infrastruktur soll der digitale Euro verringern, indem er auf einer eigenständigen europäischen Zahlungsplattform basiert.

In der konkreten Ausgestaltung wird dieses Konzept jedoch bewusst begrenzt. Diskutiert werden Halteobergrenzen, die nach Informationen von Table.Briefings deutlich unter der einmal ins Spiel gebrachten Höhe von 3.000 Euro liegen, sowie eine ausbleibende Verzinsung. Damit wird genau jenes Risiko adressiert, das die Banken besonders fürchten: „Banken bremsen das Projekt, weil sie Abflüsse von Einlagen zur Zentralbank fürchten“, sagt Tokarski. Durch Limits und fehlende Verzinsung werde sichergestellt, „dass die Banken keine echte Konkurrenz mehr fürchten müssen“.

Vor allem aus Frankreich, aber auch beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband regte sich Widerstand. Vordergründig kritisieren die Banken die hohen Einführungskosten, über deren tatsächliche Höhe jedoch erheblicher Dissens besteht. Eine von den drei europäischen Kreditverbänden (European Credit Sector Associations, ECSA) in Auftrag gegebene PwC-Studie schätzt die Gesamtkosten für die Banken im Euroraum auf 18 bis 30 Milliarden Euro, da beispielsweise Bezahlterminals, Geldautomaten, Karten, Online-Banking und Banking-Apps angepasst werden müssten. Die EZB kommt hingegen zu deutlich niedrigeren Werten und beziffert die Investitionskosten für den Bankensektor auf 4 bis 5,8 Milliarden Euro und die Entwicklungskosten des Eurosystems auf rund 1,3 Milliarden Euro, hinzu kommen etwa 320 Millionen Euro jährliche Betriebskosten.

Strategisch setzt Europa auf ein staatlich getragenes Modell und grenzt sich damit bewusst von den USA ab. Während die USA konsequent auf privat emittierte Stablecoins setzen und einen staatlichen digitalen Dollar gesetzlich ausgeschlossen haben, wählt Europa den gegenteiligen Weg und konzentriert sich mit dem digitalen Euro auf die Entwicklung eines staatlich kontrollierten Stablecoins in Form von digitalem Zentralbankgeld. Rund 99 Prozent der weltweit umlaufenden Stablecoins entfallen laut EZB auf dollarbasierte Token wie USDT oder USDC – der Markt ist damit strukturell vom US-Dollar dominiert. EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnte unlängst in einer Rede vor einer dominanten Rolle privater Stablecoins und verwies dabei auf Risiken für Finanzstabilität und Geldpolitik, insbesondere bei möglichen Vertrauensverlusten und schnellen Kapitalabzügen.

Sparkassenpräsident Ulrich Reuter kritisiert dagegen die staatliche Rolle in einem Table-Gastbeitrag grundsätzlich: „Anstatt die Kräftebündelung europäischer Anbieter zu unterstützen, wird die EZB mit einem milliardenschweren Projekt über Jahre hinweg sämtliche Entwicklungskapazitäten europäischer Paymentanbieter belegen.“ Er plädiert stattdessen für Wero – eine europäische Zahlungslösung der European Payments Initiative (EPI), ein Zusammenschluss aus großen europäischen Banken und Zahlungsdienstleistern.

Bundesbankpräsident Joachim Nagel hält dem entgegen, dass es im Euroraum zwar „mehr als 100 europäische digitale Zahlungslösungen“ gebe, aber keine flächendeckende Lösung, wie er Ende April bei einer Rede im House of the Euro in Brüssel betonte. Eine gemeinsame Infrastruktur könne daher Innovation erst ermöglichen. Ökonom Tokarski von der SWP unterstützt den europäischen Ansatz grundsätzlich: „Ich halte es für richtig, dass Europa beim digitalen Euro auf staatliches Zentralbankgeld setzt“, auch weil mit der EZB eine Institution dahinterstehe, „die im Zweifel als sogenannter Lender of Last Resort einspringen kann, also als letzte Instanz Liquidität bereitstellt und Krisen abfedert.“

Ein Beschluss des EU-Parlaments im Juni wäre dabei nur ein wichtiger Zwischenschritt im Gesetzgebungsverfahren. Burkhard Balz, der im Vorstand bei der Bundesbank den digitalen Euro vorantreibt, ist sehr positiv gestimmt, was eine Zustimmung des EU-Parlaments angeht. Er rechnet noch vor der Sommerpause mit einem ersten Trilog-Verfahren zwischen Mitgliedstaaten und EU-Kommission. Erst nach dieser Einigung entsteht der finale Rechtsrahmen. Darauf folgt eine mehrjährige Umsetzungsphase: Die EZB baut die Infrastruktur auf, Banken integrieren den digitalen Euro in ihre Systeme, und erste Pilotprojekte könnten ab 2027 starten. Die EZB strebt an, bis 2029 für eine mögliche Einführung bereit zu sein.

Briefings wie CEO.Table per E-Mail erhalten

Keine Bankdaten. Keine automatische Verlängerung.

Sie haben bereits das Table.Briefing Abonnement?

Anmelden

Letzte Aktualisierung: 19. Mai 2026