Deutschlands Mittelstand sucht Nachfolger – und Europas Industrie ihre Zukunft

Tausende Mittelständler suchen bis 2030 eine Nachfolge – doch viele Familien wollen nicht übernehmen. Stattdessen entdecken Investoren und Gründer den deutschen Mittelstand als neues Geschäftsmodell. Kann das funktionieren?

26. Mai 2026
Neue und alte Besen - bitte Bilderdownload aktivieren
Neue Besen Kehren gut? Seltener übergeben Unternehmer an ihre Kinder, stattdessen rücken Management-Buy-outs, also die Übernahme durch einen Mitarbeiter des Betriebs, in den Fokus – und der Verkauf an Externe. (Imago)

Bis 2030 steht bei 186.000 Unternehmen in Deutschland eine Übergabe an, so die aktuelle Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM). Chefinnen und Chefs im Mittelstand sind aktuell im Schnitt 54 Jahre alt, viele wollen an Jüngere abgeben. Jeder Vierte fasst laut Nachfolge-Monitoring Mittelstand der KfW allerdings auch die Möglichkeit ins Auge, das Geschäft mit dem eigenen Ausscheiden stillzulegen. Weil sie keine Nachfolger finden? So wird das oft berichtet. Die Zahlen sagen aber etwas anderes: Die KfW verzeichnet in ihrem Monitor 109.000 bereitstehende Nachfolger, die bis 2029 einen Betrieb übernehmen wollen – darunter viele, die nicht aus der Eigentümerfamilie, manche noch nicht mal aus dem eigenen Betrieb kommen.

Söhne und Töchter verlieren die Lust. „Wir stellen aufgrund unserer wissenschaftlichen Analysen fest, dass familieninterne Nachfolgen in den vergangenen 15 Jahren leicht an Bedeutung verloren haben“, sagt Ökonomin Nadine Schlömer-Laufen vom IfM in Bonn. Vor 2010 übernahmen in 55 Prozent aller Übergaben Familienmitglieder, seitdem nur noch in 51 Prozent.

„Entrepreneurship Through Acquisition“ oder „Übernahmegründungen“ – in diesem Ansatz liegen zugleich Hoffnung für und Angst um das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Droht ein Ausverkauf an Investoren oder kommt so frischer Gründergeist in den Mittelstand? Das Münchner Gründungs- und Innovationszentrum UnternehmerTUM beschäftigt sich seit fünf Jahren mit Lösungen für eine gelungene Übergabe an Kandidaten von außerhalb und hat im vergangenen Herbst ein Programm aufgelegt, um solche Unternehmensnachfolger zu befähigen, gute Unternehmensinhaber zu werden. Das Interesse sei überwältigend, sagt Christian Mohr, Geschäftsführer und CCO von UnternehmerTUM.

Es gibt unterschiedliche Wege, eine Unternehmensübernahme von extern zu gestalten; zentral ist die Frage: Woher kommt das nötige Kapital? Letztes Jahr erlebten die Modelle „Search Fund“ und „Roll-up“ einen Hype. Bei letzterem kaufen Unternehmer, meist jung und auffällig oft aus der Berliner Gründerszene, mithilfe von Investoren Betriebe, um sie zu modernisieren, zu digitalisieren und zu skalieren, indem sie mehrere Unternehmen zusammenführen. Mehrere häusliche Pflegedienste etwa, um durch Optimierung der Routenplanung und der Flotte und Reduzierung von Overhead-Kosten mehr Gewinn zu erwirtschaften. Der einstige Zalando-CEO Rubin Ritter sucht mit seiner Investmentfirma Talberg Capital gezielt nach „Firmen in Nachfolgesituationen“; Onefootball-Gründer Lucas von Cranach nutzt das Roll-up-Modell mit Optikerfirmen.

Etwas anders geartet ist das aus den USA stammende Search-Fund-Modell. Harvard-Professor Irving Grousbeck propagierte in den 1980er-Jahren, dass man weder viel Kapital noch Erfahrung brauche, um Unternehmer zu werden, sondern Investoren, die einen während der Suche nach einem Übernahme-Target und bei dessen Akquisition unterstützen. Dafür werden sie mit Anteilen einer Firma entlohnt, die unter der neuen Führung – so die Hoffnung – wächst und prosperiert. In Europa nimmt die IESE Business School eine Vorreiterrolle darin ein, sogenannte „Searcher“ auszubilden.

UnternehmerTUM-Geschäftsführer Mohr sucht einen anderen Weg: „Was mich gerade stark beschäftigt: Wie finden wir ein Nachfolgemodell, das für den deutschen Mittelstand gleichermaßen motivierend und strukturell wirksam ist?“ fragt er. „Wie bilden wir in der Breite willige Nachfolger aus, befähigen sie und statten sie mit einem Modell aus, das sie nicht wie beim Search Fund zu Minderheitseigentümern macht, die nach vier bis fünf Jahren gezwungen sind, über Teil-Exits der Investoren nachzudenken?“ Sein Ideal sei es, dass der neue Eigentümer 100 Prozent der Firmenanteile bekommt und „ein echter Nachfolger wird – und eben nicht ein Interimsmanager“.

„Wenn es darum geht, die bestehende Wirtschaft standortpolitisch durch Nachfolge zu modernisieren und zu erhalten, dann brauchen wir ein Modell, das auf echte Eigentümerschaft einzahlt“, sagt Mohr. Dann sei Nachfolge eine echte Chance für einen Innovationssprung am Wirtschaftsstandort. Die Herausforderung ist allerdings die Finanzierung. Die angestrebten Unternehmenskaufpreise haben seit dem Jahr 2019 laut Nachfolge-Monitoring der KfW merklich angezogen, und zwar um rund 34 Prozent. Im Schnitt liegt der Wunsch-Verkaufspreis eines mittelständischen Unternehmens bei rund 499.000 Euro. Die KfW hat ihr Angebot an Förderkrediten für solche Fälle erweitert und übernimmt beispielsweise bei einem 200.000-Euro-Kredit für Unternehmensnachfolger das Ausfallrisiko bis zu 80 Prozent.

Gelungene Unternehmensnachfolgen könnten eine der wirksamsten Antworten auf die Frage sein, wie Deutschland seine Wirtschaftskraft erhält. Mohr erklärt: „Wie viele Gründungen brauche ich für 500.000 Jobs? Wir können gar nicht so viel gründen, wie wir Arbeitsplätze brauchen – und zwar jetzt, nicht in zehn Jahren.“ In den kommenden fünf Jahren gebe es ein einmaliges Zeitfenster, Europa technologisch souveräner zu machen. Dafür brauche es sowohl neue Impulse aus Forschung, Start-ups und Innovationszentren als auch strukturelle Lösungen für Unternehmensnachfolgen.

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Letzte Aktualisierung: 26. Mai 2026