Die Fachkräfteallianz braucht die Zivilgesellschaft

Deutschland braucht Fachkräfte – dringlich und auf lange Sicht. Es ist daher sinnvoll, dass das BMZ mit dem Launch der Fachkräfteallianz „WE-Fair“ Mitte März dieses Thema nun mit Nachdruck angeht, meint Markus Demele, Generalsekretär von Kolping International. Das BMZ dürfe das Thema aber nicht zu eng fassen.

MD
13. Februar 2026
Markus Demele, Generalsekretär von Kolping International. (Kolping International/Barbara Bechtloff)
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In der entwicklungspolitischen Debatte ist die Angst vor einem schädlichen Brain-Drain in den Partnerländern der berechtigten Hoffnung gewichen, dass Arbeits- und Fachkräftemigration ein mindestens dreifacher Gewinn sein kann: für die Menschen selbst, für ihre Herkunftsländer und auch für Deutschland. Diese integrierte Perspektive braucht es, damit Fachkräfteanwerbung als langfristige Partnerschaft verstanden wird.

So begrüßenswert diese neue Initiative daher ist, die Bundesregierung hebt damit noch lange nicht das volle Potenzial bestehender Strukturen. Was müsste besser laufen, damit Fachkräftemigration sowohl arbeitsmarkt- als auch entwicklungspolitisch optimale Wirkungen entfaltet?

Zum einen: mehr Koordination innerhalb der Bundesregierung. Das BMZ ist bei der Fachkräfteanwerbung nicht federführend. Die berührten Themen Migration, Arbeit, Wirtschaft und Inneres liegen in der Zuständigkeit mehrerer Ressorts. BMAS, BMI, BMWE und BMZ verfolgen jeweils eigene Programme und Logiken. Solange es aber kein hinreichend kohärentes Gesamtkonzept der Bundesregierung gibt, läuft jede einzelne Initiative – auch eine gut gemeinte Fachkräfteallianz – Gefahr, unverbunden neben anderen Maßnahmen zu stehen, statt Teil einer strategisch abgestimmten Gesamtarchitektur zu sein. Erfolgreiche Fachkräftegewinnung braucht jedoch in einem europäischen Wettbewerb Verlässlichkeit, klare Zuständigkeiten und politische Kohärenz.

Ein Zweites: Als Reaktion auf die gesellschaftlich gewachsene Skepsis gegenüber dem Nutzen der Entwicklungszusammenarbeit will das BMZ gezielt die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft stärken. In dieser neuen Linie fokussiert sich die Fachkräfteallianz aktuell primär auf privatwirtschaftliche Akteure. Ja, Unternehmen sind zentrale Partner in diesem Feld. Sie kennen ihren Bedarf, schaffen Arbeitsplätze und tragen Verantwortung für Aus- und Weiterbildung. In den Partnerländern sind es jedoch häufig zivilgesellschaftliche Akteure, die die eigentlichen Brücken schlagen. Sie wirken meist seit Jahrzehnten in den Partnerländern. Viele dieser NGOs sind lokal verankert und genießen enormes Vertrauen bei Bevölkerung und Regierungen. Gerade in einem Markt, in dem immer mehr Unternehmen aktiv sind, die sich in keiner Weise um normative Standards ethischer Anwerbung scheren oder gar schlicht betrügerisch und ausbeutend Menschen rekrutieren, ist dieser Vertrauensvorschuss ein kaum zu überschätzender Faktor.

Hinzu kommt ein Drittes: Fachkräfteanwerbung endet nicht mit der Einreise. Die größte Hürde liegt oft in der Integration. Sprache, Anerkennung von Qualifikationen, soziale Einbindung, Wohnen – all das entscheidet darüber, ob Migration gelingt oder scheitert. Im Blick steht dabei nicht allein das Wohlergehen der einzelnen migrierenden Person, sondern auch die Frage, ob durch dauerhafte oder zirkuläre Erwerbsarbeit makroökonomisch wirklich positive Beschäftigungs- und Wachstumseffekte in Deutschland eintreten. Auch hier ist die Zivilgesellschaft unverzichtbar. Organisationen wie Kolping, Malteser, AWO oder die Volkshochschulen verfügen bereits durch ihre Bildungs- und Wohlfahrtsstrukturen über erprobte Integrationsrahmen in Deutschland und als internationale Verbände zugleich über Partnerorganisationen in den Herkunftsländern. Diese transnationalen Netzwerke lassen sich als echte Wertschöpfungsketten der Fachkräftegewinnung nutzen – von der Vorbereitung über die Anwerbung bis zur nachhaltigen Integration.

Die Richtung stimmt also. Aber sie reicht noch nicht. Fachkräftegewinnung wird Deutschland noch über Jahrzehnte beschäftigen. Sie kann viele Gewinner hervorbringen, wenn sie verzahnt, ethisch grundiert und partnerschaftlich mit den Herkunftsländern und den einzelnen Fachkräften gestaltet wird. Damit das gelingt, muss die Fachkräfteallianz jedoch konsequent über die Privatwirtschaft hinaus geöffnet werden. Zivilgesellschaftliche Akteure sind kein „Add-on“ oder bloße Wächter eines fairen Recruitings. Sie sind gerade in ihrer sozialwirtschaftlichen Verfasstheit ein strategischer Schlüssel. Wer sie systematisch einbindet, macht Fachkräftegewinnung nicht nur wirksamer – sondern auch glaubwürdiger, nachhaltiger und entwicklungspolitisch sinnvoller.

Markus Demele ist seit 2012 Generalsekretär von Kolping International und vertritt die Kolping Recruiting und Integration in der Fachkräfteallianz des BMZ.

Standpunkte spiegeln nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

Dieser Standpunkt spiegelt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

Letzte Aktualisierung: 27. März 2026