Können wir im großen Stil nach Syrien abschieben?
Dauer: 26:36

Können wir im großen Stil nach Syrien abschieben?

Bundeskanzler Friedrich Merz hat beim Besuch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa eine Zahl in den Raum gestellt, die für Diskussionen und auch Verwunderung sorgt: 80 Prozent der rund 900.000 in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer sollen binnen drei Jahren in ihre Heimat zurückkehren. Markus Bickel, Redaktionsleiter des Security.Table, ordnet ein, wie realistisch die Ansage des Kanzlers tatsächlich ist.

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Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, lobt die FinanzKommission Gesundheit. „Sie hat wirklich ein umfängliches, gut fundiertes, solides Maßnahmenpaket vorgelegt mit diesen 66 Instrumenten oder Maßnahmen mit Einsparvolumen über 42 Milliarden Euro. Die drei größten Kostentreiber Krankenhaus, ambulante Versorgung und Arzneimittel habe die Kommission adressiert.

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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Dass Reformen nötig sind, das haben wir hier nun schon oft gesagt, aber um die Reformen im Gesundheitssystem, über die reden wir seit ein paar Stunden konkreter. Denn die Finanzkommission hat geliefert, 66 Vorschläge liegen auf dem Tisch. Aber wenn alle über Sparen reden, dann muss man unbedingt auch mal die GKV fragen, die gesetzliche Krankenversicherung. Und die Chefin des größten Verbands, nämlich der AOK, ist bei uns, Carola Reimann. Und wir sind gespannt, ob sie uns versprechen kann, dass die Kosten nun erstmal nicht weiter steigen werden. Friedrich Merz will, dass 80 Prozent der Syrer Deutschland innerhalb der nächsten drei Jahre verlassen. Allerdings ist das wirklich mit der Lage im Heimatland vereinbar. In Syrien hungern neun Millionen Menschen und selbst Johann Wadephul spricht von unwürdigen Bedingungen. Markus Bickel vom Security Table ordnet die Ansage des Kanzlers für uns ein. Mehr Menschen denn je haben gesagt, ich will es nochmal wissen. Sie haben sich durchgebissen und einen Hochschulabschluss gemacht, obwohl es eigentlich für sie gar nicht danach aussah. Auch diese Erfolgsgeschichte gibt es heute bei uns, den 1. April. Schön, dass Sie dabei sind. Ersten Vorschläge der Finanzkommission Gesundheit liegen vor und natürlich gibt es auch die erste Kritik, denn die gibt es in Deutschland immer zuverlässig und leider zu oft auch reflexartig. Aber die Lage ist ja auch vertrackt. Alle wissen, es fehlen Milliarden im zweistelligen Bereich in unserem Gesundheitssystem und zwar schon im nächsten Jahr und viel mehr noch in den Jahren darauf. Wenn es darum geht, die Ausgaben in den Griff zu bekommen, dann sind natürlich auch die Krankenkassen gefragt und zwar auch die allgemeinen Ortskrankenkassen, kurz die AOKs. Sie sind als Verbund die Nummer 1 in Deutschland, haben zusammen 27 Millionen Versicherte. Das sind rund 37 Prozent aller gesetzlich Versicherten. Deswegen ist es so schön, dass die Chefin des AOK-Bundesverbandes bei uns ist, Carola Reimann. Hallo, guten Morgen, Frau Reimann. Guten Morgen, Frau Brupa-Free. Ja, vielleicht mal eine erste Gesamteinschätzung dieses Werkzeugkastens, wie Bundesgesundheitsministerin Nina Waken sagt. Sind Sie ganz zufrieden mit dem Vorschlag insgesamt oder hatten Sie mehr erwartet?

Sprecher 3: Ich finde, zunächst muss man der Kommission Lob und Anerkennung aussprechen. Sie hat wirklich ein umfängliches, gut fundiertes, solides Maßnahmenpaket vorgelegt mit diesen 66 Instrumenten oder Maßnahmen mit Einsparvolumen über 42 Milliarden Euro. Mit einer klaren Adresse an die Ausgabenseite. Und das begrüße ich sehr, dass die Kommission sich zu einer einnahmenorientierten Ausgabenpolitik wirklich bekennt und dazu eben auch wirksame Vorschläge macht.

Sprecher 2: Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Vorschläge, die wirklich so etwas sein können wie ein Game Changer, um eben diese explodierenden Ausgaben zu verhindern? Zu bremsen?

Sprecher 3: Also ich finde, die Kommission adressiert wirklich die größten Kostentreiber. Das sind Krankenhaus, da haben sie Begrenzungen an Ausgaben für das Pflegebudget vorgeschlagen. Das ist der ambulante Bereich, da haben sie eine globale Begrenzung der Vergütungsanstiege vorgeschlagen. Das halte ich für absolut wichtig. Und sie haben im Arzneimittelbereich, das ist ja der dritte größte Treiber, auch nochmal eine Anhebung des Herstellerarbeits vorgeschlagen. Und auch das finde ich absolut richtig. Und das sind die drei größten Bereiche, wo sie dann wirklich auch wirksame Vorschläge zur Ausgabenbegrenzung vorlegen.

Sprecher 2: Wobei es mutet ja schon auch dann wieder paradox an, dass man jetzt bei den Krankenhäusern Einsparungen sieht, aber dass die Bundesgesundheitsministerin gerade... die Krankenhausreform deutlich abgeschwächt hat, wo ja in puncto Effizienz noch deutlich mehr drin gewesen wäre. Ihr Vorgänger Karl Lauterbach hat ja den Weg gezeigt und ist ehrlich gesagt den Weg ja auch zu Ende gegangen. Also wie passt das zusammen?

Sprecher 3: Die Vorschläge sind die Vorschläge der Experten und Sachverständigen. Die eigentliche Arbeit kommt jetzt und Da muss Politik natürlich Mut und Entschlossenheit beweisen. Und wenn das passiert, muss man sagen, dann ist es aber auch möglich, dass ohne die Versicherten nochmal zusätzlich belastet werden. Dass wenn man alle relevanten Maßnahmen auf der Ausgabenseite umsetzt, dann braucht es meiner Ansicht nach keine Leistungskürzung und es braucht auch keine zusätzliche Belastung der Versicherten, wie zum Beispiel Zuzahlung oder auch die Streichung der Mitversicherung von Ehegatten.

Sprecher 2: Aha, also das nochmal nachgefragt. Das heißt, da würden Sie sagen, das ist ohne Steigerung der Zusatzbeiträge, was wir in den vergangenen Jahren immer wieder gesehen haben, möglich, auch wenn wir an der Einnahmenseite nichts tun. Das heißt, diese Vorschläge, die gerade bei Verbraucherverbänden nicht besonders gut ankommen, Steigerung der Zuzahlung Medikamente mit Versicherung Ehegatten, das müsste dann gar nicht kommen.

Sprecher 3: Ja, die Zuzahlungen, die zielen ja wieder auf zusätzliche Einnahmen. Und ich bin der Meinung, wir haben genug Geld im System. Und man muss bei den Ausgaben ansetzen. Und für die Versicherten bedeuten diese Zuzahlungen eine Preiserhöhung. Und ich finde, die Versicherten sind in den letzten Jahren in Vorleistung gegangen mit immer höheren... Zusatzbeiträgen und Beitragsanstiegen.

Sprecher 2: Und welche Empfehlungen geben Sie jetzt? Also, dass man erst ordentlich rangeht an die Ausgabenseite und dann schaut, ob noch Bedarf da ist bei der Einnahmeseite? Oder welche Handlungsempfehlungen geben Sie der Politik?

Sprecher 3: Ich würde den Fokus auf jeden Fall auf der Ausgabenseite legen. Natürlich haben die Experten auch vorgeschlagen, da klagen die Krankenkassen ja auch jetzt, dass die Bürgergeldbeziehende anders finanziert werden müssen. Da ist aber dann noch offen, ob die Koalition die Kraft findet, 12 Milliarden pro Jahr aus dem Haushalt zu verdienen. Auch zu stemmen. Aber ansonsten würde ich auf der Ausgabenseite ansetzen. Und die Kommission hat ja ihre Vorschläge selbst kategorisiert in A+, A und B. Und alles, was bei A+, ist, A+, ist ja die Kategorie Entlastung der Finanzen mit Verbesserung der Versorgung. Die, finde ich, sollte man auf jeden Fall umsetzen.

Sprecher 2: Nochmal kurz gefragt zur Krankenhausreform. Sind Sie denn mit dem jetzigen Weg erstmal zufrieden oder würden Sie auch da noch Nachbesserungen anmahnen? Denn wie Sie gesagt haben, das ist ja kostenmäßig der allergrößte Block.

Sprecher 3: Ja, aber der Krankenhausreform ist, es ist gut, dass sie jetzt kommt. Sie wird langsamer. eingeführt, als wir uns das gewünscht hätten. Und die hat zwei Punkte in der Tat, die verbessert werden mussten. Das ist einmal die Vorhaltefinanzierung. Diese Kritik haben wir von Anfang an gestellt. Die Vorhaltefinanzierung Die Regierung sollte die Vergütung vom Fall lösen. Das tut sie aber nur unzureichend jetzt. Und das muss man tun. Und da braucht es aber auch ein Instrument, um die Bedarfe entsprechend abzudecken. Das haben wir im Moment nicht. Da finde ich schade, dass die Zeit, die jetzt ja da ist, nicht genutzt wird, um ein solches Instrument zu entwickeln, um das zu messen. Und das andere Thema ist tatsächlich Pflegebudget. Da gab es ja einen Änderungsantrag, der versucht hat, eine Verbesserung herbeizuführen. Das ist aber nicht... Das Ende, das sehen glaube ich alle und deshalb ist konsequent, dass auch die Kommission das Thema Pflegebudget wieder auf die Agenda genommen hat und dann auch einen Vorschlag dazu unterbreitet.

Sprecher 2: Der Vorsitzende der Kommission, Ferdinand Gerlach, hat erwartet als Reaktion auf diese Ratschläge, wie er sagt, einen Shitstorm epischen Ausmaßes. Wenn Sie sich die Debatten rund um das Gesundheitswesen anschauen in den vergangenen Jahren, dann muss man sagen, hat er möglicherweise nicht Unrecht. Wie schätzen Sie das ein? Ist der Ernst der Lage jetzt so groß, dass die Koalition und auch die anderen Stakeholder in diesem Bereich den Mut finden, sich jetzt ernsthaft mal dran zu machen? Oder wird das alles wieder... Zerredet werden. Jeder wird wieder sagen, was auf gar keinen Fall geht und man wird so weitermachen und dann zulasten der Versicherten, die entweder mehr bezahlen müssen oder geringere Leistungen vielleicht auch dann zusätzlich noch bekommen.

Sprecher 3: Ja, wir hören ja und wir haben schon im Vorfeld natürlich tagelang Proteste, Drohungen bis hin zu Erpressungen gehört. Und ich hoffe sehr, dass die Politik wirklich den Mut und die Entschlossenheit hat und den Ärzteallage begreift und da auch wirklich... Hinsteht und gegen alle diese Widerstände dann auch diese Dinge umsetzt. Aber dass es Widerstände gibt, haben wir im Vorfeld schon gesehen, hören wir jetzt, dass auch mit Minderleistung oder Nichterbringung von Leistung gedroht wird. Das war zu erwarten und ist aber jetzt die schwere Aufgabe, der Koalitionäre, das auch miteinander auszuhalten und dennoch die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Sprecher 2: Der zu erwartende Shitstorm, die Kritik betrifft immer auch die Fragen von Zucker, Steuer und anderem. Man wittert da immer Verbote, die Gängelung des Bürgers. Wie sehen Sie das? Welche lenkende Wirkung haben solche Maßnahmen? Ist nicht Prävention etwas, das ja immer wieder beteuert wird, aber dann am Ende doch unterschätzt wird?

Sprecher 3: Ja, Prävention, meiner Ansicht nach, könnte das auch ein Game-Changer sein und wirklich einen erheblichen Beitrag zur dauerhaften Tragfähigkeit der Finanzierung leisten. Das ist etwas, was nicht kurzfristig wirkt. Deswegen wird sich die Kommission sicher auch nochmal in dem zweiten Gutachten damit befassen. Sie hat aber jetzt schon vorgeschlagen. unter anderem eine gestaffelte Abgabe auf zuckergesüßte Getränke. Und wir haben im letzten Jahr einen Public Health Index gemeinsam mit dem DKFZ, dem Deutschen Krebsforschungszentrum, entwickelt und vorgestellt, der vergleicht die europäischen Staaten, inwieweit sie... Von der WHO empfohlene Maßnahmen umgesetzt haben. Und da sind wir leider vorletzter, weil wir da gar nicht viel machen. Und andere Nachbarn sind da sehr viel weiter. Und wenn man da in die europäische Nachbarschaft guckt, dann ist eben zum Beispiel Großbritannien da sehr erfolgreich. Mit einer gestaffelten Abgabe, die dazu geführt hat, dass dann die Formulierung, also die Zusammensetzung der Limonaden, sich stark verändert hat und der Zuckergehalt stark abgenommen hat. Das sind natürlich Dinge, die sinnvoll sind für die Gesundheit. Von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen, wenn man auf ernährungsbedingte Erkrankungen schaut. Dafür geben wir immerhin 63 Milliarden Euro im Jahr aus.

Sprecher 2: Frau Reimann, wollen wir zum Ende hin den Winkel ein bisschen weiten und auf das System als solches schauen? Ein System aus gesetzlichen Kassen und privaten Versicherungen, was immer wieder kritisiert wird von der SPD, aber auch von den Grünen, die sich für eine Bürgerversicherung interessieren. einsetzen. Wie sehen Sie das? Wäre das auch ein Baustein zur Zukunftsfestigkeit unseres Gesundheitssystems, wenn man eine Kasse für alle schafft oder ist auch das eine Scheindebatte, die die Gemüter aufregt, aber uns eigentlich nicht weiterbringt?

Sprecher 3: Die Debatte ist ja etwas verklungen, aber vor vielen Jahren hatten wir eine Diskussion, nicht um eine Einheitskasse, aber um ein einheitliches Versicherungssystem. Frau Wagen sagt ja dann immer, es gibt keine Denkverbote. Da ist aber die Grenze dessen, was die Kommission denken und beraten durfte. Und deshalb werden wir in dieser Legislaturperiode dazu nichts sehen.

Sprecher 2: Sie halten es aber im Prinzip für richtig.

Sprecher 3: Man wird diese Diskussion auch weiterführen müssen, das glaube ich schon. Zumal wir haben eine demografische Entwicklung, die nicht von der Hand zu weisen ist. Und diese Herausforderungen werden uns ja weiter begleiten. Und deswegen wird im politischen Raum sicher diese Debatte auch wieder auftauchen. Aber ich sehe die jetzt nicht. Als eine, die auch tatsächlich zu einer Lösung führen kann.

Sprecher 2: Ein Finanzthema, aber natürlich auch ein Gerechtigkeitsthema, unser Gesundheitssystem. Vielen Dank, liebe Frau Dr. Reimann, dass Sie heute bei uns waren und über diesen Werkzeugkasten gesprochen haben.

Sprecher 3: Sehr gerne, vielen Dank.

Sprecher 2: 80 Prozent der Syrer sollen Deutschland verlassen. Und zwar innerhalb von drei Jahren, also von jetzt angemessen bis kurz vor der nächsten Bundestagswahl. So hat es Friedrich Merz angekündigt, direkt neben dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Shara im Kanzleramt.

Sprecher 4: In der längeren Perspektive der nächsten drei Jahre, das ist der Wunsch von Präsident Scharra gewesen, sollen rund 80 Prozent der in Deutschland jetzt sich aufhaltenden Syrerinnen und Syrer zurück in ihr Heimatland kehren. Viele, die hier sind, werden zu Hause gebraucht. Und deshalb ist dies jetzt, glaube ich, ein richtiger Zeitpunkt, auch über diese Menschen zu sprechen.

Sprecher 2: Erstmals im Dezember gab es wieder einen Abschiebeflug nach Syrien nach 14-jähriger Pause, weil man mit Bashar al-Assad, dem Diktator, keine gemeinsame Sache machen wollte. Aber auch im Dezember und folgenden dann im Januar bei den Abschiebeflügen ging es um Straftäter und Gefährder und nicht um Regelabschiebungen. Das will der Kanzler nun ändern. Ist das überhaupt möglich? In Syrien leben neun Millionen Menschen in Hunger und mehr als ein Drittel der Infrastruktur ist zerstört. Diplomaten reisen nur unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ein und Ende März hat es Angriffe auf Christen in dem Land gegeben. Selbst Johann Wadephul Merz eigener Außenminister hatte bei seinem Syrien-Besuch gesagt, dort können Menschen kaum würdig leben, was dann zu einer Kontroverse innerhalb der CDU geführt hatte. Wir sprechen ja das ganze Thema innenpolitisch und außenpolitisch mit dem Chef unserer Security Table, Markus Bickel. Er ist hier bei mir im Studio. Hallo Markus.

Sprecher 5: Hallo Helene.

Sprecher 2: Markus, 900.000 Syrer leben ungefähr in Deutschland dieser Zeit, die einen Asylstatus haben. Was hast du gedacht, als du Friedrich Merz am Montag gehört hast?

Sprecher 5: Ich dachte, das ist ja eine ganz schön heftige Forderung, hunderttausenden Menschen zu signalisieren, dass sie möglichst bald wieder zurückkehren sollen. Das sind ja Menschen, die seit Jahren hier leben, die Kinder hier haben, die in die Schule gehen. Viele von denen sprechen besser Deutsch als Arabisch. Und das hat ja Johann Wadephul gestern auch gesagt bei dem Treffen mit dem syrischen Präsidenten Schara. Menschen, für die Deutschland ihre Heimat geworden ist. Und denen zu sagen, das ist nicht so, ihr kehrt zurück dorthin, wo ihr zum Teil nie wart, das finde ich kein gutes Signal.

Sprecher 2: Zumal ja ein Teil der Syrer, die 2015 eingereist sind, auch schon Deutsche geworden sind. Das ist über zehn Jahre her. Da ist die Frist für die Einbürgerung bereits erfüllt. Markus, du hast lange in der Region gelebt, deswegen bin ich gespannt, wie du die Lage in Syrien einschätzt. Kann man dorthin zurückkehren?

Sprecher 5: Dorthin können Einzelne zurückkehren, viele wollen. dorthin zurückkehren, aber ob sie das unter lebenswürdigen Umständen tun können, stellen die Vereinten Nationen, Hilfsorganisationen alle unter große Fragezeichen, weil 90 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut, 70 Prozent sind auf humanitäre Hilfe angewiesen und große Teile des Landes sind einfach weiterhin zerstört. Es gab letztes Jahr Kämpfe, es gab Massaker an Minderheiten, an Alawiten, an Drusen, an Christen noch vor einer Woche. Wer freiwillig zurückkehrt, sind vor allem aus den Nachbarländern, aus der Türkei, aus dem Libanon Menschen, die aber auch anders als hier in Deutschland in Zeltstädten, in Flüchtlingslagern gelebt haben, für die eine Situation in Syrien vielleicht sich besser anfühlt als eine wie hier in Deutschland, wo Kinder in den Schulen sind, wo die Leute Arbeitsplätze haben. Das nicht aufgeben wollen.

Sprecher 2: Weil es ja rechtlich nicht die Frage ist, ob man jetzt gerne und gut in diesem Land lebt, sondern ob man verfolgt ist. Und da hast du gesagt, es gibt Bevölkerungsgruppen, Christen, Drusen, Aleviten, die verfolgt werden. Für den Rest ist es, wenn ich richtig informiert bin, derzeit nicht der Fall, oder?

Sprecher 5: Für die große Anzahl von Sunniten, die ja unter dem Assad-Regime eigentlich eher die Verfolgten waren, ist das nicht der Fall. Aber die Frage ist auch, wohin können sie zurückkehren? Können die Minderheiten zurückkehren in die Gebiete, wo sie einst gelebt haben? Können die Sunniten das? Und da gibt es auch bei Migrationsexperten erhebliche Zweifel, dass das sicher möglich ist. Und die Frage von humanitären Mindeststandards, stellt sich ja weiterhin, die werden nicht erfüllt.

Sprecher 2: Diese Aufwertung von Al-Shara durch Friedrich Merz, erfolgt die eigentlich zu Recht? Immerhin kommt dieser Mann aus der HTS, der Nachfolgerorganisation von Al-Nusra. Er ist ein Islamist, also wie belastbar ist das Verhältnis? Können wir diesem Mann wirklich vertrauen, zumindest mal für die Zwecke der Rückführung?

Sprecher 5: Ich würde es nicht auf die Zwecke der Rückführung reduzieren. Das finde ich einen populistischen Diskurs, auch letztlich der wieder zeigt, dass es diese Beziehung nur geben soll für die Abschiebung. Ich glaube, Assad hat in dem guten Jahr, das er jetzt in der Macht verbracht hat, gezeigt, dass er sich sehr pragmatisch verhalten kann. Er hat ja jetzt nicht nur März getroffen, sondern schon vorher Trump. Er war in Paris bei Macron und versucht alles, diesen Staat zu einem Staat zu machen, soweit es nach 14 Jahren Bürgerkrieg möglich ist. Und ich glaube, der Versuch, es mit ihm zu probieren, ist richtig. Die Kritik an seiner Minderheitenpolitik ist auch richtig, aber er versucht schon, gesamtinstitutionelle Verfahren einzuführen, die dann auch verhindern, dass einzelne Bevölkerungsgruppen quasi die Kurden im Norden ihren eigenen Staat errichten gegen den Gesamtstaat. Insofern halte ich den Kurs für richtig. Ob er am Ende aufgeht und sich Schara wirklich durchsetzen kann, ist offen. Aber dieser Weg von März ist schon mal richtig. Aber nicht allein für die Abschiebung, sondern viel wichtiger wäre es, stärker noch beim Wiederaufbau zu unterstützen.

Sprecher 2: Im vergangenen Jahr im November hat Friedrich Merz die Richtung schon vorgegeben, es gebe keinerlei Gründe mehr für syrisches Asyl, so hat er das damals gesagt. Und jetzt kommt er mit der 80-Prozent-Forderung um die Ecke. In drei Jahren wird sich diese Zahl messen lassen, sind 80 Prozent von 900.000 Syrern tatsächlich... Abgeschoben und das setzt auch den Innenminister Alexander Dobrindt von der CSU natürlich massiv unter Druck, mit dem am Ende das Ergebnis auch nach Hause gehen wird und zwar direkt vor der nächsten Bundestagswahl. Ist das Wahlkampfrhetorik? Ist das klare Kante zeigen in der Migrationspolitik? Also Kraftmeierei, aber vielleicht zu einem zu hohen Risiko. Wie schätzt du die Erfolgsaussichten ein?

Sprecher 5: Die Erfolgsaussichten sind sehr gering, Hunderttausende zurückzuführen und abzuschieben. Und das Kalkül von Merz scheint ja zu sein, der AfD zu signalisieren, wir sind die... Hardliner in Sachen Abschiebepolitik, aber wenn er in drei Jahren an dieser Zahl gemessen werden wird, was passieren wird, dann wird da eine weitaus geringere Zahl an Zurückgeführten stehen und das wird die AfD für sich zu nutzen wissen, ist mein Eindruck. Und vielleicht noch ein Satz dazu, dass es ja viele, viele Syrer gibt, die zurückkehren wollen, wenn die Bedingungen so wären, dass man zurückkehren kann. Länder, Frankreich, die Türkei, erlauben auch Menschen ohne festen Schutzstatus in ihren Ländern, sich die Lage in Syrien anzuschauen, aber dann auch zurückzukehren. Und von, ich glaube, es sind 700.000, die keinen dauerhaften Schutzstatus haben, trauen sich viele gar nicht, nach Syrien zu fahren, weil sie danach nicht zurückkehren dürfen nach Deutschland. Und wer geht in ein zerstörtes Land? Ohne Rückflugticket, um dort einfach ein neues Leben aufzubauen, das macht, glaube ich, keiner.

Sprecher 2: Ja, jedenfalls erinnert man sich bei dieser 80-Prozent-Forderung von Friedrich Merz an seine Ansage, er wolle die Wahlerfolge der AfD halbieren. Also das ist immer die Krux mit solchen Ankündigungen. Sie klingen in dem Moment der Ankündigung gut und gut. kraftstrotzend, aber wenn sie nachher nicht erfüllt werden, sondern wenn sogar vielleicht das Gegenteil passiert, weil die Rahmenbedingungen eben dann andere sind, dann wird es schwierig, ähnlich sein Versprechen, die Wirtschaft anzukurbeln und jetzt haben wir Iran und ähnliches und es klappt einfach nicht. Dann ist die Erklärungsnot umso größer. Gut, trotzdem muss man sagen, die Politik muss sich ja Ziele stecken. Also es ist, ich gebe es zu, Eine schwierige Gemengelage. Du hast dich im Auswärtigen Amt und überhaupt in der CDU umgehört. Was hast du gehört? Wie viel Unterstützung gibt es da für den Kurs des Kanzlers?

Sprecher 5: Da ist die Unterstützung eher eine andere. Eine Unterstützung, dass Syrer, die in Deutschland im Handwerk, in der Pflege, im Gesundheitswesen, oder im Bausektor Expertise sich angeeignet haben, diese Expertise einzubringen in deutschen Firmen, die in Syrien investieren, die beim Wiederaufbau helfen wollen, aber eben nicht durch Abschiebungen, sondern durch Fachkräfte, die in Syrien beim Wiederaufbau helfen. Das hat... Wirtschaftsministerin Reiche gestern gesagt, das hat auch Johann Wadephul gesagt und das sagen auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer oder der BDI, dass es nicht darum geht, Menschen aus Deutschland loszuwerden, sondern Menschen, die hier Expertise angeeignet haben, die in ihrem Herkunftsland einzubringen.

Sprecher 2: Offenbar ist die Ansage des Kanzlers also nicht abgestimmt innerhalb der Regierung. Die Skepsis ist mit Händen zu greifen, übrigens auch im Innenministerium vom zuständigen Minister. Viele offene Fragen und natürlich hat auch die SPD sofort Kritik angemeldet. Und auch in der Wirtschaft ist natürlich die Sorge, dass man qualifizierte Arbeitsplätze verlieren könnte. Der Kollege Okan Beligli hat gesprochen mit dem IAB, das ist das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Und dort hieß es, das sei Gift für die Integration, diese Ansage. Wenn nämlich sowohl Syrer als auch potenzielle Arbeitgeber in Ungewissheit verharren müssten, was denn nun mit diesen hunderttausenden Menschen in den kommenden zwei bis drei Jahren passieren soll. Lieber Markus, viele offene Fragen. Vielen Dank, dass du jedenfalls einige mit uns heute klären und besprechen konntest. Danke dir. Danke dir. Und was sonst noch war, liebe Hörerinnen und Hörer, gute Nachrichten aus dem Bildungsland Deutschland. So kann man es vielleicht mal wieder sagen, denn mehr als 10.000 Menschen haben in Deutschland einen Hochschulabschluss geschafft, obwohl sie kein Abitur haben. Das ist ein neuer Rekord im vergangenen Jahr. Die Zahl ist um 8 Prozent gestiegen. Exakt sind es 10.270 Bachelor- und Masterabschlüsse. Die meisten kommen aus der Pflege oder den Gesundheitswissenschaften, wo sich jeder Vierte über den Beruf qualifiziert hat. Rund 70.000 Menschen studieren aktuell in Deutschland ohne Hochschulzugangsberechtigung. Also das System ist durchlässiger geworden. Da hat Deutschland gelernt aus Nachbarländern wie etwa der Schweiz. Das Zentrum für Hochschulentwicklung hat die Zahlen in der vergangenen Woche veröffentlicht und sie zeigen, der gerade Weg ist nicht der einzige. Wir hier im Podcast haben sowieso eine Schwäche für das Unkonventionelle, für die Geschichten, die so unwahrscheinlich sind und trotzdem schön. Und damit verabschiede ich Sie in diesem Mittwoch, den 1. April. Lassen Sie sich heute nicht reinlegen. Wir im Podcast machen das jedenfalls nicht. Und morgen sind wir wieder für Sie da am grünen Donnerstag. Und dann habe ich einen ganz besonderen Gast, nämlich Dagmar Rosenfeld. Wir werden in der ständigen Vertretung gemeinsam auf die Welt schauen. Und darauf freue ich mich sehr. Und auf Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, natürlich auch. Haben Sie einen guten Tag und bis morgen. Tschüss.

Sprecher 6: Jacking up so you won't do. If I could, baby, I'd give you my world. Everything's waiting for you. Go your own way. You can call it another. You can go your own way. No, we can't.

Sprecher 7: No, no, no. I'm in love with you. Go down on me.