Reformdebatte: Warum Söder jetzt bremst
Lars Klingbeil hat Reform- und Kompromissbereitschaft signalisiert und auch konkrete Vorschläge gemacht. Aus der CDU sind die Reaktionen wohlwollend. Aber CSU-Chef Söder weist die Vorschläge zurück. Ist Söder der Bremser in der Reformdebatte?
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Das Justizministerium hat einen ersten Gesetzentwurf vorgelegt, der Strafbarkeitslücken bei digitaler Gewalt schließen soll. Diese geplanten Änderungen des Strafrechts haben durch die Berichterstattung über Collien Fernandes neue Aufmerksamkeit bekommen. Wie sehen die Änderungen aus und welche Kritik gibt es?
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Seit die Straße von Hormus gesperrt ist, haben sich Transporte weltweit drastisch verteuert. Tobias Bartz, Vorstandsvorsitzender der Rhenus Gruppe, erklärt, wie sein Unternehmen auf die neue Unordnung im Welthandel reagiert. Welche Konsequenzen haben die gestörten Lieferketten für Kosten, Routen und die globale Wirtschaft?
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Der Fall Colin Fernandes und Christian Ulmen treibt tausende Demonstranten auf die Straße und er hat eine juristische, aber auch mediale Debatte ausgelöst über digitale Gewalt. Wir schauen uns das mal genauer an.
Sprecher 3: Lars Klingbeil macht Reformvorschläge, Friedrich Merz kündigt einen großen Wurf an. Doch was macht eigentlich der Dritte in diesem Bündnis, nämlich Markus Söder? Der starke Mann aus Bayern gibt jetzt ausgerechnet den Bremser. Spielt er damit Klingbeil in die Hände oder sind das nur die Muskelspiele vor den Verhandlungen? Wir versuchen es zu klären.
Sprecher 2: Wie wichtig Transportwege sind, das wissen wir spätestens seit der Schließung der Straße von Hormuz. Und diejenigen, die das am ehesten und am schnellsten spüren, das sind die Logistiker. Wir sprechen heute mal mit dem Chef des zweitgrößten Logistikunternehmens in Deutschland, nämlich mit Renus. Wie teuer inzwischen Transporte der Weltwirtschaft geworden sind.
Sprecher 3: Nachtzug nach Lissabon, so heißt das wunderbare Buch von Pascal Mercier. Aber es gibt jetzt einen anderen Nachtzug und der fährt wieder von Berlin nach Paris. Und darüber sprechen wir eine gute Nachricht an diesem Freitag, den 27. März. Schön, dass Sie dabei sind.
Sprecher 2: Gestern Abend Demonstration im Fall Ulmen Fernandes, der seit Wochen die Schlagzeilen in Teilen zumindest der öffentlichen Debatte bestimmt. Es geht um digitale Gewalt, zwei prominente Persönlichkeiten und ein ziemlich bitteres Ende einer Beziehung.
Sprecher 3: Ja, was da eigentlich genau passiert ist, das ist ziemlich unklar. Darüber wird nun auch gestritten, auch unter Zuhilfenahme von Anwälten. Also die Behauptung von Colin Fernandes, der Moderatorin und Schauspielerin im Spiegel, war ja sehr brachial. Sie richtete sich eben gegen ihren Ex-Mann und sie warf ihm vor, ihn digital vergewaltigt zu haben. Er lässt über seinen Anwalt diese Vorwürfe bestreiten. Und nun ja, sind einige Unklarheiten aufgetaucht. Aber bevor das eigentlich so genau beleuchtet wurde, hatte sich die Öffentlichkeit schon empört. Die Grünen hatten sich klar geäußert, hatten, Gricada Lang sogar, hatte den Bundeskanzler aufgefordert, Stellung zu nehmen. Also für einen Teil der Gesellschaft war die Sache wieder vollkommen klar, wo der Schuldige ist. Naja, und ich denke immer bei dieser frühen Empörung, wenn wir uns an Fälle erinnern wie Gil-Oferin, wo sich auch alle empört haben und hinterher war der Fall ein völlig anderer. Ist vielleicht etwas mehr Mäßigung das Gebot der Stunde.
Sprecher 2: Die Empörungswelle kommt immer sehr schnell. Die Verurteilungen und auch Täteropfer sind in diesem Fall auch eindeutig geklärt. So scheint es. Oder Helene, was ist eigentlich der Stand der Ermittlungen?
Sprecher 3: Die öffentliche Verurteilung ist sehr schnell da. Genau passiert, damit beschäftigen sich die Gerichte und da gibt es ein paar offene Fragen. Zum Beispiel gibt es nun die Nachricht von der Staatsanwaltschaft Itzehoe in Schleswig-Holstein, wo Colin Fernandes Anzeige erstattet hatte, weil es eben einen Fake-Account gab unter ihrem Namen, den sie aber, das ist auch soweit unstreitig, nicht selber gepflegt hat, auch nicht selber eingerichtet hat. Und dort wurde eben pornografisches Material hochgeladen von ihr. Und sie selber sagt, das sei jedenfalls zum Teil auch Deepfake. Jedenfalls hat sie Anzeige erstattet und daraufhin hat die Polizei Berlin und die Polizei Schleswig-Holstein sie gefragt um Übersendung von... Unterlagen gebeten von Hinweisen, um die Täter zu ermitteln. Damals war der Verdacht noch nicht auf Ulmen gefallen und sie hat sich daraufhin nicht zurückgemeldet. Das jedenfalls sagt die Staatsanwaltschaft. Colin Fernandes behauptet nun, doch, sie habe sich schon zurückgemeldet, aber die Staatsanwaltschaft bleibt bei ihrer Darstellung. Es gibt nun Dokumente, wo allerdings keine Daten draufstehen. Also alles ein bisschen merkwürdig. Normalerweise hat derjenige, der Anzeige erstattet, ein Interesse daran, dass die Polizei den Täter ermittelt und hilft dann mit. Ein bisschen kann man die Parallele ziehen zu einer Demonstration, zu der Colin Fernandes aufgerufen hatte am Brandenburger Tor. Da waren dann alle mögliche Prominenz. Sie selber ist allerdings nicht gekommen, weil sie an der Karibik gedreht hat. Das heißt alles nicht, dass es so nicht stattgefunden hat, aber es gibt doch eine ganze Reihe. von noch ungeklärten Fragen und es steht eben Aussage gegen Aussage und was man nicht vergessen darf in Deutschland gilt die Unschuldsvermutung und solange die Schuld nicht erwiesen ist, dürfen wir auch nicht davon ausgehen, dass Christian Ulmen sich strafbar gemacht hat und sollten uns vor Vorverurteilungen schützen. Auch deswegen übrigens, weil das Presserecht uns das aufgibt und zwar zu Recht.
Sprecher 2: Dann werden wir das auch an dieser Stelle tun, aber es gab ja unabhängig von diesem Fall tatsächlich schon Gesetzesinitiativen auch in dieser schwarz-roten Regierung gegen digitale Gewalt. Worum geht es da genau?
Sprecher 3: Ja, und da ist es übrigens auch interessant, dass zwar in derselben Ausgabe des Spiegel Colin Fernandes dieses Interview gegeben hat, wo sie ihren Ex-Mann beschuldigt und gleichzeitig hatte Stefanie Hubig ein Interview gegeben zu den Maßnahmen, die sie ergreifen will, zu den Strafbarkeitslücken im Digitalen, die sie schließen will. Daraus haben nun manche interessierte Kreise einen Komplott gemacht und gesagt, da habe nun Colin Fernandes mit der Justizministerin zusammengearbeitet und das sei ein abgekartetes Spiel. Das stimmt so nicht. Als die Justizministerin dieses Interview gab, wusste sie überhaupt nichts davon, dass in derselben Ausgabe auch diese Geschichte von Colin Fernandes ist. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Schauen wir uns nochmal an, was hat das Justizministerium eigentlich vor? Sie wollen das Strafrecht erweitern, weil sie der Meinung sind und da natürlich auch zu Recht, die digitale Entwicklung geht so schnell, auch die KI-Entwicklung. Da gibt es jetzt einfach Lücken im Strafrecht, weil online Dinge möglich sind, die einfach vor einigen Jahren noch nicht denkbar waren. Hauptpunkt ist eigentlich ein neuer Paragraf, der soll 184k heißen. Und da geht es darum, dass wer intime Aufnahmen macht, und zwar ohne Einwilligung, oder wer sexualisierte Deepfakes erstellt, der soll sich Strafe machen, und zwar mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren.
Sprecher 2: Was ist ein Deepfake und was ist eine intime Aufnahme? Muss man das nicht irgendwie mal eingrenzen?
Sprecher 3: Da wird es sicherlich eine Definition im Gesetz geben, aber das sind sicherlich die Geschlechtsteile der Menschen mal auf jeden Fall. Allerdings soll auch mit umfasst sein bekleidete Körperstellen, wenn sie in sexualisierter Weise dargestellt werden. Also da kann man sich jetzt alles Mögliche darunter vorstellen und da ist dann wiederum die Frage der Bestimmtheit im Strafrecht. Also das kann jetzt auch nicht alles irgendwie sein.
Sprecher 2: Jetzt sagen wir mal, ich meine Kumpel von hinten fotografiere und der macht irgendwie eine Muskelpose und es ist sein Po zu sehen in einer Badehose und ich verteile das irgendwo in einer WhatsApp-Gruppe. Bin ich dann jetzt schon strafrechtlich zu Rate zu ziehen oder wie ist das?
Sprecher 3: Naja, die Frage ist erstmal, ob das ohne seine Einwilligung passierte oder nicht. Wenn er einverstanden war, dann ist es okay. Ja, Michael, da hast du jetzt genau den Punkt getroffen, der schwierig ist. Wo fängt das an und wo hört das auf? Also der Po zählt sicherlich mal zum... Intimeren Bereich. Es gibt bestimmt die klaren Fälle und dann gibt es den Graubereich und das ist für das Strafrecht immer ganz schwierig.
Sprecher 2: Aber öffnet das nicht wirklich die Tür? Tür und Tor, gerade in Beziehungsfragen, also eigentlich die getrennten Beziehungen, die nachträglich dann durch diese neuen möglichen Straftatbestände völlig eskalieren und jedes Foto, was irgendeiner von seinem Ex-Partner mal in eine, was eigentlich öffentlich oder in eine Gruppe mit mehreren Menschen geschickt hat, wird dann Gegenstand von juristischen Auseinandersetzungen?
Sprecher 3: Das kann eben passieren. Trotzdem kann man natürlich auch nicht sagen, dass das alles wie bisher hinnehmbar sein soll. Ja, es gibt den Schutz am eigenen Bild. Das gibt es schon bisher. Aber dieses Deepfake, also dass man Teile der eigenen Fotos nimmt und dann eben verändert mit KI einem fremden Körper ein Gesicht aufsetzt oder ähnliches, das ist bisher eben noch nicht strafbar. Und sich das einfach gefallen lassen zu müssen. Also da gibt es ja nun auch Frauen, die sich zu Wort melden, die traumatisiert sind, weil sie plötzlich in irgendwelchen Chatforen ihr eigenes Gesicht finden mit irgendwelchen nackten Körpern in einer aufreizenden Darstellung in Reizwäsche oder sonst was. Das können wir natürlich so auch nicht hinnehmen. Aber in der Tat, dieser Bereich ist für Juristen ein komplizierter. Nicht nur, weil das eben viel mit Partnerschaft zu tun hat und man weiß immer nicht ganz genau, wer hat nun eigentlich was gemacht. Wir sprachen darüber im Kontext mit Colin Fernandes. Sondern, ja, weil auch die Frage ist, wo fängt die sexualisierte Darstellung eigentlich an? Da gehen vielleicht auch die Meinungen durchaus auseinander. Der eine sagt, wieso, das ist doch einfach nur ein Po in einer Hose, die vielleicht eng ist. Und der andere sagt, nein, nach meinen Moralvorstellungen ist das längst eine übergriffige, Geschichte.
Sprecher 2: Ja, und wenn ich jetzt sehe, dass KI-Inhalte, die nicht pornografisch sind, aber geeignet sind, das Ansehen einer Person erheblich zu schädigen, auch da unter einen neuen weiteren Paragrafen fallen soll. Wer definiert das Ansehen einer Person und den möglichen Schaden?
Sprecher 3: Ja, wobei das, da gibt es jetzt schon natürlich Rechtsprechung, weil das Recht der Ehre, also was Beleidigungen angeht, da gibt es ja nun schon seit vielen Jahren eine Strafbarkeit und da geht es auch immer um die Frage, das Ansehen einer Person ist beschädigt und das ist natürlich nicht jede Kleinigkeit. Das muss schon eine bestimmte Schwelle überschreiten.
Sprecher 2: Jedenfalls muss es überhaupt erstmal zur Anzeige kommen. Da sind wir uns alle einig, nur 2,4 Prozent der Betroffenen digitaler Gewalt, so lautet es in einer Dunkelfeldstudie, erstatten überhaupt Anzeige. Kann natürlich auch daran liegen, dass eben darüber noch nicht diskutiert wurde oder man gar nicht wusste, dass es strafbar ist. Also die Befürworter, vor allem Hate Aid, die Organisation, freut sich über diesen neuen Straftatbestand, findet das überfällig. Kritiker, gerade auch Juristen, bezweifeln eben, ob das alles so genau hilft. Immerhin bis zum Herbst sollte Bundestag und Bundesrat diese Verschärfungen beschließen.
Sprecher 3: Ja, generell darf man in Strafrechtsverschärfung auch nicht allzu große Hoffnungen setzen, denn die Frage ist schon, wird das jemanden abschrecken, das zu tun, nur weil er weiß, darauf stehen zwei Jahre Haft im schlimmsten Fall. Die meisten Täter gehen davon aus, dass sie nicht gefasst werden. Trotzdem ist es natürlich eine generalpräventive Wirkung, wie man sagt. Am Ende ist das Strafrecht Ausdruck unserer Werteordnung und dass wir so etwas nicht... wollen, das ist natürlich schon auch wichtig, dass das zum Ausdruck kommt.
Sprecher 2: Helene, die CDU lobt Lars Klingbeils Reformrede, die Wirtschaft, der DIHK, auch der BDI findet lobende Worte für Lars Klingbeil. Selbst Hendrik Wüst, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident, sieht viele positive Ansätze. Nur einer im Süden, der steckt halt noch ein bisschen.
Sprecher 3: Ja, interessant, ausgerechnet Markus Söder, der sich doch auch als Reformator aufschwingen könnte, als kraftstrotzender Mann, der die Dinge in die Hand nimmt. Der hat nun was zu meckern. Vielleicht liegt es genau daran, dass Markus Söder immer eine Sonderrolle beanspruchen muss. Und wenn alle der Meinung sind, das ist toll, muss es doch einen geben, der es auch anders sieht.
Sprecher 2: Jedenfalls hat er rote Linien gezogen in mehreren Interviews jetzt, die einige in der Union, selbst auch in der CSU-Landesgruppe, für gewagt oder unnötig finden. Je nachdem, mit wem man spricht, die kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern, die ja eventuell abgeschafft wird, das geht auf gar keinen Fall, sagt er. Die Erhöhung des Spitzensteuersatzes oder der Erbschaftssteuer sowieso überhaupt nicht. Und natürlich auch die Abschaffung des Ehegattensplittings, auch das nicht mit der CSU zu machen. Die CSU-Landesgruppe ist not amused, weil das ihren Verhandlungsspielraum natürlich einengt. Und der Kanzler ist auch not amused. So was treibt Markus Söder. Was ist deine These?
Sprecher 3: Naja, zum Teil ist es natürlich. Natürlich nicht neu, dass Markus Söder sich als Schutzherr der Familien aufspielt und eben Ehegattensplitting beibehalten will, auch die kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern. Das ist nun weniger überraschend. Bei ihm ist es eher dieser brachiale Ton, der so störend ist. Es gibt ja auch einige in der CDU, die nicht jeden Vorschlag von Lars Klingbeil richtig finden. Aber die Frage, um die es gehen muss, ist doch, gibt es jetzt eine allgemeine Aufbruchsstimmung? Kann man jetzt aus diesem Momentum etwas machen, dass der SPD-Chef, der eigentlich mit dem Rücken gegen die Wand steht, sich hinstellt und sagt, ich habe mal ein paar Vorschläge, ich bin bereit, einen Schritt zu machen, ich bin bereit, die Hand auszustrecken. Lass uns jetzt gemeinsam loslegen. Und da muss man nicht sofort jeden, selbst wenn man anderer Meinung ist, jedes Detail zerreden, sondern man kann doch einfach sagen, okay, komm, dann lassen wir jetzt mal. Und da ist es natürlich hochgradig kontraproduktiv, dass einer dann erstmal sagt, nein.
Sprecher 2: Es gibt zwei Begründungen, die man in der CSU hört, warum er gerade so loslegt. Natürlich die Wahlniederlagen der CSU bei den Kommunalwahlen, die treiben ihn immer schon zur Profilierung. Nach einer Wahl geht man nach vorne und ist noch schärfer. Das kennt man von Markus Söder. Aber er war eben auch bei einem Treffen jüngst im Kanzleramt von Lars Klingbeil, Friedrich Merz und Bärbel Baas nicht dabei, obwohl er doch einer der drei mächtigen Parteivorsitzenden dieser Koalition ist. Das könnte ihn auch ein bisschen gewurmt haben und dann meldet man sich eben aus München ein bisschen deutlicher zu Wort.
Sprecher 3: Wenn es wirklich Trotz ist, dann haben wir echt ein Problem, denn da... Dafür sind die Zeiten schlicht zu ernst.
Sprecher 2: Auf der anderen Seite auch Markus Söder hat schon vieles gesagt, was dann am Ende nicht ins Gesetzblatt kam. Oder eben doch. Auch das ist hier wohl Verhandlungstaktik. Je mehr Produkte man ins Schaufenster stellt, desto mehr bleiben vielleicht dann am Ende auch für die CSU übrig, wenn man einige wieder raussortiert. Wir werden es abwarten. Jedenfalls bis Pfingsten soll das Reformpaket stehen. Da sind sich jetzt alle Beteiligten einig. Also zwischen Ostern und Pfingstern wird hier in Berlin richtig rangeklotzt. Gut, dass einige von den Kollegen und Kolleginnen nochmal ein paar Tage in den Urlaub gehen. Die Logistikbranche, sie ist so etwas wie der Seismograph der Weltwirtschaft. Wenn irgendwo ein Kanal gesperrt wird, wenn Luftfrachtraten sich in zwei Wochen verdoppeln, wenn elf Prozent der weltweiten Schiffsflotte plötzlich eine Umleitung brauchen, dann merkt das kein Marktforscher oder Ökonom früher als ein Spediteur. Tobias Bartz ist der Chef von Renus Logistics, einem der größten privaten Logistikkonzerne in Deutschland. Nina Klotz, die Kollegin aus dem CO-Table, hat mit Tobias Bartz gesprochen über neue Handelswege, über die berühmte Straße von Hormuz und über den Druck auf die weltweiten Lieferketten.
Sprecher 4: Herr Bartz, für einen Logistiker müssen das doch aktuell entsetzliche Zeiten sein. All diese Unsicherheiten. Stabilität, und das ist jetzt ein Zitat von Ihnen, das haben Sie den Kollegen von der FAZ im vergangenen Herbst gesagt, Stabilität ist das A und O im Handel. Und mit den Kriegen in der Ukraine und dem Iran und mit der Sperrung der Straße von Hormuz und Umleitung Luftverkehr, da sehe ich eigentlich gar keine Stabilität der Handelswege. Wie planen Sie als Logistiker da überhaupt Ihr Geschäft? Wie geht es Ihnen damit?
Sprecher 5: Stabilität wird gebraucht, um die Supply Chains stabil zu halten. Und das ist unsere Hauptaufgabe, auch in den, wie Sie schon richtigerweise sagten, volatilen Zeiten. Es ist außer Frage, dass wir die Zeiten vor Covid, die geprägt waren durch stabiles Wachstum, Verbesserungen der Abläufe, nun seit Covid nicht mehr finden und natürlich auch mit dem Iran-Krieg wieder eine neue. neue Hürde nehmen müssen. Aber es ist wirklich unsere Aufgabe, wird es auch von unseren Kunden an uns herangetreten, für Stabilität zu sorgen. Neue Wege, Beratungsthemen werden heute immer wichtiger in unserem Day-to-Day. Und dadurch sind wir in der Lage als Renos auch Kunden zu gewinnen, für uns zu begeistern. Und nehmen diese Challenge auch gerne an.
Sprecher 4: Und dabei sind das ja nur die Probleme da draußen in der Welt. Es ist ja nicht so, als hätten wir hier zu Hause nicht auch welche. Das Schwächeln der deutschen Wirtschaft, spüren Sie das als Logistikunternehmen nicht auch? Denn Sie exportieren Waren, Sie importieren Rohstoffe und von beidem geht möglicherweise nicht so viel.
Sprecher 5: Das ist so. Und seit 2021 ist es so, dass wir im Schnitt in der Eurozone um 1% wachsen, was natürlich sehr, sehr wenig ist. Aber da wir global aufgestellt sind, können wir das als Renus kompensieren, weil sie haben absolut recht, das deutsche Wachstum ist überschaubar, wenn es denn da ist. Und wenn man jetzt noch die Inflation bereinigt, dann stehen wir vor... Herausforderungen, weniger Güter, die produziert und transportiert und gelagert werden. Das macht den Wettbewerb natürlich aus unserer Sicht schwieriger. Es gibt allerdings auch Lichtblicke. Zum Beispiel die 7,8 Prozent des Auftragswachstums Dezember zu Januar ist für uns ein sehr, sehr gutes Zeichen. Darauf setzen wir, bauen da drauf. Aber auch die Freihandelsabkommen, die gezeichnet wurden, ich beweise da auf Indien, auf Mercosur, Australien, das sind alles Sachen, die uns als Logistiker, aber ich denke mal auch die Wirtschaft, optimistisch stimmen müssen. Ja, die Eurozone steht unter Druck und ja, Deutschland dementsprechend auch. Aber wir sind immer noch die drittgrößte Wirtschaft in der Welt und darauf gilt es zu setzen. Und diese Stellung auszubauen durch Freihandelsabkommen.
Sprecher 4: Mir fällt noch eine Schattenseite zu Ihren Lichtblicken ein. Wie ist das mit Energie- und Treibstoffpreisen? Ich meine, das muss Ihr Unternehmen doch auch massiv belasten. Wie teuer ist Logistik in den letzten Wochen oder sagen wir mal seit Anfang des Jahres 2026 geworden?
Sprecher 5: Sie haben absolut recht. Die Energie- und Treibstoffkosten sind natürlich sehr, sehr hoch und oft angestiegen. Aber in den letzten Jahren hatten wir auch Personal- und Lohnkostensteigerungen. Die Finanzierungs- und Kapitalkosten sind nach oben geschnellt und die regulatorischen Kosten sind auch nicht außer Acht zu lassen. Also es gab wirklich diverse Punkte, die es unter Druck setzen. Die Volatilität der Frachtraten ist dann noch was oben drauf kommt. Somit ja, Sie haben vollkommen recht, die Margen sind unter Druck. Gleichzeitig ist es auch so, dass wir als Logistiker auch höhere Beratungsleistungen nun abrechnen, da man uns gerade zu Zöllen, zu Rerootings, zu neuen Trade Lanes befragt und unsere Meinung haben möchte, um Wege in dieser doch sehr komplexen Welt aufzuzeigen. Also ja, die Margen sind auf der einen Seite unter Druck aufgrund der steigenden Kosten, gleichzeitig tun sich aber auch neue Produkte auf.
Sprecher 4: Und tatsächlich, Ihren Optimismus, den kann man ja auch irgendwie in Zahlen ablesen. Sie sind zwar unter Druck, aber den scheinen Sie gut zu meistern. 2025 dürfte ja auch schon kein leichtes Jahr gewesen sein mit Trumps Hand. und Zollpolitik und trotzdem haben sie es geschafft, den Umsatz um fast eine Milliarde von 8,2 Milliarden Euro in 2024 auf mehr als 9 Milliarden in 2025 zu steigern. Kann man eigentlich sagen, dass die Logistikbranche, dass Renus vom Chaos irgendwie profitiert?
Sprecher 5: Naja, das ist eine lange Vorbereitung. Also wir haben fünf Divisionen. Wir haben unsere Automotorsparte, unsere Häfen mit der Binnenschifffahrt. Wir haben Landverkehre, See- und Luftfracht. Wir haben unsere Contract-Logistik. Und somit sind wir sehr breit aufgestellt. Und wir können punkten, weil wir in der Lage sind, die Supply Chains von End zu End zu bedienen. Das kann so schnell nicht jeder. Und vor allen Dingen gerade bei Großkunden das gesamte Portfolio abzudenken. Nicht nur Container oder Luftfracht oder Landverkehre, sondern auch wenn es um Bulk Car, um Massengut geht. Da punkten wir mit 70 Häfen, da können wir mit 500 Binnenschiften genauso punkten, wie mit einer eigenen Containerflotte von 50.000 Containern. Das kann so schnell keiner. Damit können wir punkten und sehr im Recht, damit wachsen wir im Umsatz. Stark und können profitieren von der Vorarbeit, die wir in den letzten Jahren haben leisten wollen und dürfen.
Sprecher 4: Aber manche Dinge sind ja auch nicht vorzubereiten gewesen. Also dass jetzt der Luftraum über dem Iran dicht ist, konnte man nicht vorhersehen. Und das muss ja jetzt schon auch einen gewissen Druck auf diese vielbefahrene Route Europa-Asien machen. Geben Sie uns doch mal einen Eindruck, wie viel auf dieser Strecke hin und her geht und was da gerade los ist. An bestimmten Stellen kommt man gar nicht los. durch, was sind dann da die alternativen Wege? Ich habe von dem sogenannten mittleren Korridor gelesen. Was ist das? Was kostet das mehr? Und das dauert ja sicherlich dann doch auch länger.
Sprecher 5: Die Luftfahrtraten Asien und Europa haben sich verdoppelt in den letzten zwei Wochen. Natürlich ist es so, die Straße von Hormuz hat gerade 11 Prozent der Schiffsflotte abgeschnitten. Und die Verkehre sind nunmehr durch den Suezkanal gar nicht mehr möglich. Und Sie haben vollkommen recht, da kommt es zu Verzögerungen, zu längeren Routen. Und dazu kommt auch, dass wir zum Beispiel gerade angefragt werden, um die in Indien oftmals abgeladenen Container für den Mittleren Osten zu verschiffen. Und da können wir punkten, weil wir eigene Container haben. Also wir gehen wirklich auf... Unsere eigenen Pluspunkte können wir zurückgreifen und können den Kunden Leistungen bieten, die die anderen halt nicht können. Das gilt auch für Zentralasien. Sie sprachen den mittleren Korridor an. Da haben wir gerade in Usbekistan und in Kasachstan zwei neue eigene Terminals eröffnen dürfen, wo wir... Zentralasien über Zug, aber auch Binnenschiffnetze an Europa anbinden werden. Ja, das ist teurer, da haben Sie vollkommen recht. Wenn Sie von China über den mittleren Korridor nach Europa fahren, können Sie fast im doppelten Preis rechnen, sind aber auch teilweise, wenn es optimal läuft, in 15 bis 25 Tagen in Europa. Sie brauchen sonst alleine für den Seeweg um Afrika rum ja 30 bis 45 Tage, je nachdem. Das heißt, gerade für Kunden, die hochwertige Ware haben, ist das wirklich eine belastbare Route. Wird diese Route die gesamten Menge... Ablösen können, die über Containerschiffe läuft? Absolut nicht. Aber für gewisse Kunden mit gewissen Warenströmen ist das ein gangbarer Weg.
Sprecher 4: Würden Sie sich manchmal wünschen, in einer Branche unterwegs zu sein, wo man weniger agil und resilient sein muss und sich ständig neu erfinden und alternative Routen finden muss?
Sprecher 5: Nein, ich liebe die Branche. Ich bin seit 21 Jahren, es ist kein Tag wie der andere, besonders in den letzten sechs Jahren. Von daher, nein, die Branche ist genau das, was ich liebe. Und ich glaube, alle, die in der Branche sind, wünschen sich da auch nichts raus. Wir haben den großen Luxus, die Kulturen kennenlernen zu dürfen und zu verbinden. Das können nicht viele Branchen. Und somit, ich bin unheimlich glücklich hier und sehe auch Riesenpotenzial.
Sprecher 4: Herr Barth, vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Interview.
Sprecher 5: Sehr gerne. Danke Ihnen.
Sprecher 2: Helene, wann warst du das letzte Mal im Nachtzug?
Sprecher 3: Michael, es ist schon ziemlich lange her. Das letzte Mal, dass ich Nachtzug gefahren bin, war von Hamburg nach Paris. Und jetzt gibt es einen Nachtzug, dann ist die schöne Nachricht des Morgens. Ein Nachtzug von Berlin nach Paris und der ist in der vergangenen Nacht das erste Mal nach einer Pause wieder gefahren. Und ich finde ja Nachtzug fahren ein sehr schönes Erlebnis.
Sprecher 2: Eine belgisch-niederländische Koproduktion der European Sleeper, so heißt dieser Nachtzug in wunderbarer Name, nur 16 Stunden Fahrzeit, dreimal wöchentlich allerdings nur. Und angeblich kommt dieses Unternehmen im Gegensatz zu den früheren Versuchen, die dann auch alle gescheitert sind, ohne staatliche Subventionen aus. Es gäbe einen Markt, einen Bedarf und Kunden. Mit einer spreche ich offenbar. Helene, wirst du ihn denn mal nutzen?
Sprecher 3: Das wäre wirklich sehr, sehr schön. Vielleicht im Spätsommer mal, wenn das möglich ist. Als Kind sind wir auch zuweilen Nachtzug gefahren. Und wenn man so ein richtiges kleines Bett hat und dann kam damals immer morgens noch der Schaffner und sammelte die Pässe ein, wenn man über die Schweizer Grenze gefahren ist und brachte einem dann auch irgendwie einen Tee oder so ähnlich. Ich fand es schon als Kind sehr aufregend und ich glaube, als Erwachsener ist es nicht minder aufregend.
Sprecher 2: Ich habe es auch mal gemacht nach Österreich. Es war mir deutlich zu ungemütlich am Ende dieser ewig langen Fahrt. Aber gut, wenn hier in Berlin Wannsee, wo früher übrigens mal Nachtzüge gefahren sind, wenn dieser... Bahnhof endlich mal wieder umfunktioniert wird zu einem internationalen Knotenpunkt. Dann überlege ich es mir auch. Die Mobilität der Zukunft, die ist übrigens auch morgen bei uns Thema in der CEO Edition. Am Samstag hören Sie mal rein. Zwei spannende CEOs von Mobilitätsanbietern haben wir den Opel-Chef und den Miles-CEO. Bis dahin freuen sich darauf. Ciao, ciao. Und fahren Sie gut.