Kommt doch eine Steuererhöhung?
Dauer: 25:10

Kommt doch eine Steuererhöhung?

Kurz vor dem CDU-Bundesparteitag liegen gleich mehrere Steuervorschläge auf dem Tisch. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann will den Spitzensteuersatz später greifen lassen, die SPD fordert eine höhere Reichensteuer. Und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ist nicht auszuschließen. [01:25]


Reiner Holznagel, Präsident des Steuerzahlerbundes, warnt: „Wir haben ein Steuersystem kreiert, das mehr Leistung bestraft." Er schlägt einen Kompromiss vor, der beide Seiten zusammenbringen könnte. [05:38]


Die Chemieindustrie steckt in der Krise – ausgelöst durch Regulierung und zusätzliche Belastungen. Markus Steilemann, Präsident des Verbands der chemischen Industrie und Covestro-Chef, fordert von der Bundesregierung sofort wirksame Maßnahmen statt Diskussionen über langfristige Klimaziele. Steilemann berichtet, dass viele Unternehmen vor dem Aus stehen: „Der Mittelstand stirbt leise. Da sehen Sie diese Ankündigung nicht. Und das passiert Tag für Tag." [13:32]


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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Bricht die Regierung das nächste Wahlversprechen? Eigentlich wurden im Koalitionsvertrag ja Steuererhöhungen ausgeschlossen. Doch jetzt liegt kurz vor dem CDU-Bundesparteitag gleich mehreres auf dem Tisch, was nach einer Steuererhöhung aussieht, ob Reichensteuer oder Spitzensteuersatz. Was will eigentlich die SPD? Was will die CDU wirklich? Und wie sehr profitiert eine Alleinverdienerfamilie? Das fragen wir gleich den Präsidenten des Steuerzahlerbundes, Rainer Holzlague.

Sprecher 3: Mit der Chemie-Agenda 2045 will die Bundesregierung der Branche, die in der Krise steckt, helfen. Strompreise, CO2-Steuer, Bürokratie. Was braucht die Chemieindustrie, um sich gegen die Konkurrenz vor allem natürlich aus China durchsetzen zu können und außerdem die Arbeitsplätze hier im Land zu sichern? Das fragen wir Markus Steilemann, den Chef des Verbands der chemischen Industrie und Vorstandsvorsitzender von Covestro.

Sprecher 2: Im Ruche keiner, keiner, der uns zählt. Wie man fasst, der Lore, die Fieretät. Der Karneval ist leider vorbei und jetzt beginnt die harte Zeit des Fastens. Und ich sage Ihnen, Helene Bubrowski hat etwas vor, was wahnsinnig ist. Darüber gleich mehr an diesem wunderbaren Aschermittwoch, den 18. Februar.

Sprecher 3: Friedrich Scholz oder sogar ein bisschen schlechter? So jedenfalls ließ es sich nach einer Insa-Umfrage. Die Beliebtheitswerte des Kanzlers sind wirklich unterirdisch nach einem knappen Jahr Regierungszeit. 35 Prozent finden, dass Olaf Scholz einen besseren Job gemacht hat als Friedrich Merz und nur 22 Prozent glauben, dass Merz besser ist als Scholz und Scholz galt schon damals als sehr unbeliebter Kanzler.

Sprecher 2: Der Außenkanzler wird ja eigentlich gelobt, aber innen irgendwie scheint er es noch nicht auf die Popularitätsranglisten geschafft zu haben. Da muss er nachlegen, immerhin. Der Rest der Minister kommt auch nicht gut weg, außer Johann Wadephul, dessen Instagram-Account, muss man sagen, wirklich exorbitant gut ist und sehr viel gelobt wird. Und Alexander Dobrin, der Schritt für Schritt aber ohne großes Aufsehen liefert.

Sprecher 3: Man kann sich jetzt natürlich fragen, was diese Umfragen wert sind und ob Beliebtheit wirklich in der repräsentativen Demokratie die richtige Währung ist. Umgekehrt könnte man auch sagen, naja, in diesen schweren Zeiten müssen Politiker harte Maßnahmen durchsetzen, natürlich dafür werben, aber auch konsequent sein und eben auch dem Volk die Zumutungen nicht ersparen. Und das könnte eben dann vorübergehend zu einer Einbuße in den Umfragen führen, aber möglicherweise langfristig dazu, dass dieses Land auf einen guten Zweig kommt. Allerdings ist das natürlich die Lage bei Friedrich Merz nicht, denn genau das ist ja das Problem. Mutiger Reformer ist er bisher nicht gewesen.

Sprecher 2: Ja, aber ich meine, wer beliebt ist, wer populär ist, kann tendenziell auch mehr umsetzen. Also die Beliebtheitswerte spielen am Ende auch bei der Durchsetzungsfähigkeit eines Politikers eine Rolle. Jedenfalls ist jetzt vor diesem CDU-Parteitag natürlich die große Chance für Friedrich Merz da. Denn er könnte nicht nur mit einem guten Ergebnis und einer starken Rede, sondern vielleicht auch mal mit einem Leitantrag, in dem tatsächlich steht, was er als CDU-Kanzler vorhat, was er noch innenpolitisch machen will. Ein großes Thema hat ihm jetzt sein Generalsekretär vor die Füße gelegt und man kann nur hoffen, dass er es annimmt, nämlich innerhalb dieser Koalition auf eine große, umfassende Steuerreform zu drängen. Die CDU möchte eine Steuersenkung auf breiter Front, also nicht nur die unteren, mittleren, sondern vor allem auch die Spitzenverdiener entlasten, die heute schon bei einem zu versteuernden Jahreseinkommen von knapp 70.000 Euro den Spitzensteuersatz zahlen müssen. Das will die Union nach rechts verschieben. Der soll später greifen, das will die SPD auch, aber die SPD will oben an dem reichen Steuersatz oder am Spitzensteuersatz was machen, um das zumindest teilweise gegenzufinanzieren. Und es gibt Mitglieder des Koalitionsausschusses, die vor ein paar Wochen mir vertraulich schon mal gesagt haben, wenn wir uns nicht einigen, am Ende wird es wie bei Merkel damals und wir erhöhen einfach nur gemeinsam die Mehrwertsteuer.

Sprecher 4: Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Guten Abend, meine Damen und Herren. Union und SPD haben sich nach vier Wochen Verhandlungen geeinigt.

Sprecher 5: Bis zuletzt wurde über die heikelsten Fragen gestritten. Dann die Einigung, die Mehrwertsteuer steigt 2007 von 16 auf 19 Prozent zur Haushaltskonsolidierung und der Senkung der Arbeitskosten.

Sprecher 3: In einem Punkt sind sich ja Union und SPD schon einig, im Wahlkampf schon gewesen, dass man die breite Mitte entlasten möchte. Und da ist natürlich eine Erhöhung der Mehrwertsteuer genau das falsche Signal. Denn das betrifft alle gleichermaßen unabhängig vom Einkommen. Da ist nichts mit breiten Schultern und schmalen Schultern, sondern alle müssen mehr zahlen. In einem Land, in dem die Steuern sowieso schon so hoch sind. Wobei, das ist ganz interessant. Wenn man nur auf die Mehrwertsteuer schaut, dann ist Deutschland gar nicht so ein Hochsteuerland, denn der Deutschland 19 Prozent, wie wir alle wissen, der EU-Schnitt ist bei 21,8 und Spitzenreiter sind tatsächlich Ungarn mit 27 Prozent, Finnland mit 25,5 und Dänemark und Schweden mit 25 Prozent. Die niedrigsten Sätze sind in Luxemburg mit 16 Prozent, also wie früher in Deutschland. Schon interessant, wobei man in Steuerfragen ja nie einen Punkt mit einem anderen vergleichen kann, sondern man muss das Konzept insgesamt sehen. Und da sind natürlich in anderen Bereichen in Deutschland die Steuern deutlich höher als in anderen Ländern, zum Beispiel die Einkommenssteuer.

Sprecher 2: Es gibt einen Vorschlag vom Steuerzahlerbund, den Sie bei uns im Berlin-Table gestern Abend nachlesen. konnten und der aus meiner Sicht beide Welten durchaus zusammenbringt. Nämlich, man geht auf einen höheren Spitzensteuersatz bei der reichen Steuer, aber man macht auch in der Breite und bei den unteren und mittleren Einkommen eine deutliche Entlastung. Einer, der alles durchberechnet hat, also welche konkrete Entlastung wäre möglich, wenn man welches Konzept umsetzt, ist der Steuerzahlerbund, dessen Präsident ist jetzt bei uns zu Gast, Rainer Holznagel. Einen schönen guten Tag, Herr Holznagel.

Sprecher 6: Guten Tag, ich grüße Sie.

Sprecher 2: Die CDU eröffnet kurz vor dem Parteitag wieder einmal die Steuerdebatte und will zumindest den Spitzensteuersatz später greifen lassen. Ist das der richtige Weg?

Sprecher 6: Das ist der richtige Weg und der Vorschlag und der Vorstoß sind absolut notwendig. Wir sehen, die Wirtschaft steckt tief in der Krise. Die Maßnahmen, die die Regierung bis jetzt ergriffen hat, sind gut, reichen aber nicht aus. Jetzt muss wirklich die Diskussion losgehen, wie es denn wirklich auch aussehen kann und welche Summen auch im Spiel sind. 80.000 Euro finde ich völlig legitim. Insofern hat Carsten Linnemann recht, aber jetzt muss auch Substanz kommen.

Sprecher 2: Wenn man sich den Steuertarif anschaut, Herr Holznagel, linear, progressiv, gerade zwischen 13.000 zu versteuerndem Einkommen und knapp 70.000 geht er sehr steil nach oben. Wenn man ihn nur nach rechts verschiebt, müsste man ihn dann auch nicht abflachen?

Sprecher 6: Herr Brücker, Sie sprechen ein Problem an, was wir seit Jahren beobachten. Um es kurz zu sagen, wir haben ein Steuersystem kreiert, das mehr Leistung bestraft. Und das fängt schon beim Mindestlohn an. Nehmen wir mal die 15 Euro, wenn die jetzt... realisiert werden, dann wäre das eine Steigerung von 1,10 Euro und am Ende ist natürlich das 8 Prozent. Aber die Steuer würde um 22 Prozent steigen. Das heißt, viele Beschäftigte haben eher das Gefühl, wenn sie mehr verdienen, haben sie weniger in der Tasche. Tatsächlich ist das zwar nicht der Fall, aber das Gefühl ist da. Und das zieht sich durch den ganzen Tarif durch bis hoch zum Spitzensteuersatz, wo viele Menschen, die in Sindelfingen am Fließband stehen, schon mit einem Bein im Spitzensteuersatz stecken. Und deswegen ist dieser Tarif alles andere als fair und gerecht und wir müssen daran, damit ihn Leistung sich lohnt. Alle anderen Debatten, wie überstundenfrei oder auch die Aktivenrente, sind aus meiner Sicht Pille-Palle dagegen, sondern wir müssen tatsächlich eine Einkommenssteuerreform durchführen, damit der ganz normale Otto-Normal-Verbraucher bzw. Einkommenssteuerzahler das Gefühl hat, es lohnt sich. Im Übrigen ist die Einkommenssteuer die Unternehmenssteuer für viele kleine und mittelständische Betriebe. Dann nützt die Körperschaftssteuer nicht und dann nützen auch nicht große Absteuerungsrunden.

Sprecher 2: Dann lassen Sie uns konkret werden, bevor wir zur SPD kommen. Was wäre der aus Ihrer Sicht Ihres Verbands ideale Steuertarif?

Sprecher 6: Wir müssen insgesamt alle Werte nach rechts verschieben. Der Spitzensteuersatz erst ab 100.000 Euro. Wir müssen in der Mitte wirklich aufräumen. Das muss abgeflacht werden. Das heißt, der, der mehr verdient, muss auch mehr Steuern zahlen, aber nicht überproportional. Und das ist genau jetzt das Problem. Und natürlich müssen wir auch dafür Sorge tragen, dass im oberen Bereich genügend Spielräume da bleibt, um eben... zu investieren. Nochmal, es geht nicht um Einkommensmillionäre im klassischen Sinne, sondern es geht um die betriebliche Steuer des Mittelstandes und deswegen muss man an dieser Stelle wirklich Entlastungen organisieren.

Sprecher 2: Das heißt aber auch, machen wir uns ehrlich, eine solche Reform, wie Sie sie vorschlagen, würde wahrscheinlich 30 Milliarden Euro an Steuerausfällen bringen pro Jahr, oder?

Sprecher 6: Tatsächlich 35 Milliarden, das wären dann knapp 9 Prozent, wenn wir das Volumen der Einkommens- und Lohnsteuer nehmen. Also 9 Prozent stellen wir in Frage. Und ich glaube, dass das in diesen Zeiten wirklich angebracht ist. Und natürlich muss das gegenfinanziert werden, auch im Haushalt. Wir haben auf der anderen Seite den Höchststand der Subventionen. Und ich finde es unfair, dass alle das bezahlen, was einige wenige bekommen. Aber alle sollen bessere Rahmenbedingungen haben. Und deswegen muss man auch allgemein an die Steuer ran.

Sprecher 2: Ja, dann lassen Sie uns über die Gegenfinanzierung reden. Die SPD würde das gerne im System machen, wenn ich es richtig verstehe, auch die Rechtsverschiebung des Spitzensteuersatzes, aber oben nochmal was drauflegen. Also entweder man geht an den reichen Steuersatz ran, der beträgt 47 Prozent bei einem zu versteuernden Jahreseinkommen von rund 280.000 Euro.

Sprecher 6: Inklusive Solidaritätszuschlag, ja.

Sprecher 2: Genau. Oder man geht doch an den Einkommensteuersatz, Spitzensteuersatz, an der heute 42 Prozent ist und geht den hoch. Also wo gäbe es überhaupt eine Chance auf eine Gegenfinanzierung oder gibt es die im System sowieso nicht, weil man oben nie so viel holen kann, wie man in der Breite gibt.

Sprecher 6: 5% der reichsten Einkommensteuerzahler zahlen 43% des gesamten Aufkommens. Das heißt, wenn wir uns die Summen anschauen, Und dann ist oben schon sehr, sehr viel Belastung da und auch sehr viel Musik. Deswegen muss man klar und deutlich sagen, wer oben noch ein Stück drauf tun will, der diskutiert nicht vor dem Hintergrund der Einnahmen, sondern vielleicht vor dem Hintergrund der Fairness und vielleicht, um das Ganze besser zu verkaufen. Eine Spitzensteuersatzerhöhung würde niemals eine Gegenfinanzierung erreichen, die im unteren Bereich wirklich wirkt. Das muss uns allen klar sein. Gleichwohl erkenne ich an, dass das Gerechtigkeitsgefühl der Deutschen dann auch empfindlich gestört ist, wenn man nur oben entlastet. Insofern würde ich schon die Diskussion führen, beispielsweise den Steuersatz zu erhöhen, wenn ein Einkommen von über einer Million zu versteuern ist. Da kann man durchaus ran. Die Österreicher machen es auch. Und insofern hätten wir dann auch wirklich eine Spitzenbesteuerung. Heute fangen wir sehr, sehr früh an bei 68.000 Euro zu versteuernden Einkommen. Das ist alles andere als ein Spitzensteuersatz. Das ist schon fast Durchschnitt. Und insofern müssen wir hier klar sagen, der deutsche Fiskus macht mit der Masse Kasse, aber er ist eben am Ende nicht fair und gerecht.

Sprecher 2: Machen Sie mal konkret, was müsste der für einen Steuersatz zahlen, der über eine Million Jahreseinkommen hat?

Sprecher 6: Beispielsweise schlagen wir hier 48 Prozent vor. Das wäre eine Maßnahme, die aus meiner Sicht fair ist, aber die nicht zur Gegenfinanzierung der Steuerentlastung davor beiträgt.

Sprecher 2: Wie viel kämen denn rein, schätzungsweise dadurch?

Sprecher 6: Wir sind hier deutlich unter einer Milliarde, um das mal klar zu sagen. Also hier sind wir wirklich nicht... in dem Bereich, wo man groß was gegenfinanziert. Das ist auch das große Märchen.

Sprecher 2: Weil die Unternehmen anders besteuert würden und dann...

Sprecher 6: Weil wir in diesem Bereich immer weniger Unternehmen, aber auch Einzelpersonen haben. Das ist eigentlich die Wahrheit. Sondern es geht hier wirklich nur um Fairness, um Gerechtigkeit, um Ausgleich. Das akzeptiere ich, das nehme ich auch wahr. Und das ist auch in Ordnung so. Ein Steuersystem hat auch immer etwas mit dem Empfinden der Gesellschaft zu tun. Und ich glaube, auch sehr viele wohlhabende Menschen haben damit auch gar kein Problem. Aber der Fokus muss doch in der Mitte liegen. Und hier ist ein Märchen, das immer wieder erzählt wird, dass wenn man die Mitte entlastet, dass das oben gegenfinanziert wird. Das Märchen geht fiskalisch nicht auf.

Sprecher 2: Machen Sie zum Schluss nochmal einmal, wenn die Union und die SPD mit dieser Rechtsverschiebung käme, was macht das für ein Alleinverdienerpaar mit zwei Kindern im Monat überhaupt aus? Worüber reden wir hier?

Sprecher 6: Also die größte Entlastung haben wir tatsächlich in der Range, sagen wir mal zwischen 30.000 und 60.000 Euro. Wenn wir mal ein Monatsbrutto nehmen, zwei Kinder, Alleinverdienerpaar, 4.000 Euro, dann haben wir eine Entlastung von 15 Prozent. Das sind fast 400 Euro, 380 Euro.

Sprecher 2: Sie meinen 380 Euro pro Jahr, richtig?

Sprecher 6: 380 Euro pro Jahr, selbstverständlich. 31,67, um es genau zu sein, im Monat.

Sprecher 2: Und haben Sie auch mal eine Berechnung für eine mögliche SPD-Steuerreform gemacht?

Sprecher 6: Ich habe jetzt schon mal in Koalitionsform gedacht, das ist CDU und SPD zusammen. Linnemann will oben entlasten, Klingbeil will unten entlasten. Und daraus habe ich jetzt mal einen Kompromiss gemacht, nämlich unten und oben, wobei oben mehr Mitte ist. Und das finde ich gut. Also wir sollten den Grundfreibetrag durchaus anfassen, aber auch die Rechtsverschiebung beim Spitzensteuersatz. Und wenn das so ist, dann entlasten wir tatsächlich die Mitte sehr deutlich.

Sprecher 2: Wunderbar, damit kann die Große Koalition doch arbeiten. Ich bedanke mich sehr für diese konkreten Vorschläge und Analysen. Vielen Dank, Herr Holznagel.

Sprecher 6: Vielen Dank, Herr Brücker.

Sprecher 3: Die Chemieindustrie ist in der Krise in ganz Europa. In Deutschland laufen die Chemiewerke aktuell nur mit einer Auslastung von 70 Prozent und ändert sich daran nicht schnell etwas, sind weitere Jobstreichungen unvermeidbar und mehrere Firmen haben das auch schon angekündigt. Da soll nun die Chemieagenda 2045 helfen, die Agenda der Bundesregierung. Die hier Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen soll. Man sollte hier zu wettbewerbsfähigen Konditionen produzieren. Aber was genau erwartet die Branche eigentlich von der Regierung? Das fragen wir den Präsidenten des Verbands der chemischen Industrie und Vorstandsvorsitzenden von Covestro, Markus Steilemann.

Sprecher 2: Einen schönen guten Tag, Herr Steilemann.

Sprecher 7: Einen schönen guten Tag an Sie, Herr Brücker.

Sprecher 2: Sie sind ja nun mal eine sehr energieintensive Branche. Das ist das Thema auch beim Europäischen Rat vergangene Woche zur Wettbewerbsfähigkeit gewesen. Welche konkreten politischen Maßnahmen erwarten Sie eigentlich dieses Jahr noch, um Ihnen bei den Energiekosten zu helfen?

Sprecher 7: Naja, zum einen braucht... Brauchen wir bei einem der zentralen Elemente, dem europäischen Zertifikatehandel oder auch ETS genannt, eine erhebliche Erleichterung gegenüber der derzeit geplanten Verschärfung?

Sprecher 8: Machen Sie das mal konkret, was Sie meinen.

Sprecher 7: Naja, bisher haben energieintensive Industrien... Zum Beispiel freie Zertifikate zugeteilt bekommen, also Emissionsrechte. Und diese Emissionsrechte sollen ja nun deutlich eingeschränkt werden. Das heißt für die chemische Industrie in Deutschland alleine, wenn das so käme wie geplant, 200 Millionen Euro pro Jahr in 2026 zusätzliche Kostenbelastung. Das ist das eine Thema. Das zweite Thema ist, welche Benchmarks man zugrunde legt. Also wie viele Emissionen werden als der technische Standard festgelegt? Gegenüber bestimmten Vergleichszeiträumen. Auch hier gibt es wesentliche Vereinfachungsmöglichkeiten, beispielsweise welcher Zeitraum zur Grundlage gelegt wird oder welche Anlagen man zugrunde legt. Heute ist zum Beispiel geplant in den Benchmarks noch gar nicht in großtechnischem Maßstab verfügbare Anlagen und Prozesse mit in den Benchmark einzubeziehen. All das führt dazu, dass wir weiter Wettbewerbsnachteile allein durch Regulierung haben. Und da erwarte ich, dass die Europäische Kommission endlich die Augen öffnet und sich weniger Bürokratie, deutlich mehr Wettbewerbsfähigkeit und eine deutlich weniger feinstreifigen, sagen wir mal, Eingriffs- oder übergriffigen Politik hingibt.

Sprecher 2: Sollte die EU und vielleicht auch damit die deutsche Politik die Klimaziele, die Klimaneutralität 2045 auch auf das europäische 2050er Ziel verschieben?

Sprecher 7: Wissen Sie, ich bin kein großer Freund von so mittel- und langfristigen Zielen, deren Verschiebung, deren Verschärfung, weil was eigentlich jetzt zählt, sind sofort wirksame Maßnahmen. Die deutlich weniger Bürokratie, deutlich schnellere Verfahren, deutlich strukturellere Reformen endlich nach vorne treiben. Es ergibt ja keinen Sinn, wenn man ständig langfristige Zieldebatten führt, aber schon bei den ersten Schritten kläglich scheitert. Und das ist eben im Moment das Problem, dass es scheinbar auf der europäischen Ebene insbesondere noch nicht angekommen zu sein scheint, dass die übergriffige und feinstreifige Politik der Vergangenheit leider Gottes nicht das gewünschte Ergebnis erzielt hat, sondern genau das Gegenteil. Die europäische Chemieindustrie, die deutsche Chemieindustrie ist nicht mehr wettbewerbsfähig aufgrund überbordender Bürokratie, während andere Regionen... In beispielsweise Nordamerika, aber auch in Asien deutlich bessere Regulierungen, bessere Rahmenbedingungen schaffen oder sogar sehr schnell deregulieren. Und ich glaube, das muss endlich mal zur politischen Realität gehören, auch in Brüssel.

Sprecher 2: Welche konkrete Strompreisspanne vielleicht, eine Range, braucht denn die Chemieindustrie, damit neue Investitionen wieder hier in Deutschland stattfinden können und nicht im Ausland?

Sprecher 7: Also ganz wichtig ist, und das war auch in der Vergangenheit der richtige Weg, dass die Energiepreise, Preise nur ein Teil einer wettbewerbsfähigen Gesamtstruktur sind. Und wenn Sie über Energiepreise konkret sprechen, dann haben wir bereits unter der Vorgängerregierung gesagt, alles zwischen 4 und 5 Cent und zwar beim Abnehmer sind die richtigen Energiepreisniveaus. Wir haben diese, aber da kommen dann normalerweise noch Netzentgelte, Steuern und weitere Investitionen in Unternehmen dazu. Das heißt, diese 4 bis 5 Cent, die wir teilweise als Erzeugerpreise haben, kommen leider bei den Verbrauchern sowohl im industriellen als auch im privaten Kontext nicht an. Und da liegt das große Thema.

Sprecher 2: Die Ausnahmen für die energieintensive Industrie waren ja jetzt schon in den letzten Jahren, fast Jahrzehnten immer vorhanden. Jetzt soll der Industriestrompreis eure Branche nochmal entlasten. Was erwarten Sie sich?

Sprecher 7: Naja, wir kommen bei ganz wenigen Unternehmen, wo... Aber wirklich bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, kommen wir in die Nähe von 6 Cent, vielleicht 7 Cent. Das Dilemma ist, dass viele der mittelständischen Unternehmen, der Kleinunternehmen genau von diesen Entlastungen nicht profitieren. Das ist das eine. Das zweite ist, mittlerweile hat sich diese überbordende, feinstreifige und übergriffige Bürokratie so durch das Wirtschaftssystem gefressen, dass selbst die Entlastung von Großunternehmen eigentlich kaum noch hilft. Es ist der richtige Schritt, deshalb muss man den auch konsequent weiterführen. Aber jetzt fehlen eben die großen strukturellen Reformen, die die Produktivität in Deutschland und Europa wieder auf ein internationales, wettbewerbsfähiges Niveau heben. Das heißt, es kommt viel zu spät und viel zu wenig zurzeit an. Das hört sich so an nach dem Motto, Klagen ist das Lied des Kaufmannes. Das hat der damalige Regierungschef in Deutschland immer wieder vorgebracht. Fakt ist aber, dass wir im letzten Jahr allein in Europa 20.000 hoch- und höchstbezahlte Arbeitsplätze in der Chemie für immer verloren haben und weitere 90.000 indirekte Arbeitsplätze ebenfalls bereits. Verloren gegangen sind. In Europa sind 9% der chemischen Kapazität oder umgerechnet 37 Millionen Tonnen Kapazität rausgenommen worden, die nicht wiederkommen. Wir haben mittlerweile seit 2022 eine Versechsfachung der Ankündigung von Schließungen. Also die Zahlen sprechen doch eine eindeutige Sprache und da ist für diese feinstreifigen Diskussionen ein Cent rauf oder ein Cent runter gar kein Platz mehr. Wir müssen an grundlegende Reformen zur Produktivitätssteigerung.

Sprecher 2: Können Sie das in absoluten Zahlen mal sagen, was am Ende des Jahres an Unternehmen aus der chemischen Industrie aus Ihrer Sicht nicht mehr in Deutschland produzieren werden, die es im vergangenen Jahr noch getan haben?

Sprecher 7: Ich habe jetzt keine absolute Zahl. Wie gesagt, es handelt sich um Ankündigungen. Und der Trend der letzten Jahre zeigt ja eindeutig, dass es weiter nach Süden geht, was die Arbeitsplätze anbelangt. Und Sie konnten ja jüngst lesen, dass einige Unternehmen bereits Anlagenschließungen angekündigt haben. Amerikanische Unternehmen, die in Europa produzieren, auch in Deutschland produzieren. Und wir hatten auch ein belgisches Unternehmen. was im Osten Deutschlands produziert hat, die jetzt in die Insolvenz gegangen sind. Das Dilemma ist, dass der Mittelstand leise stirbt. Da sehen Sie diese Ankündigung nicht und das passiert Tag für Tag. Ich habe mit vielen mittelständischen Unternehmensleitern zu tun in meiner Rolle als VCI-Präsident, die mir sagen, du, wenn ich könnte, würde ich lieber heute als morgen verkaufen oder Produktion verlagern.

Sprecher 2: Das sind besorgniserregende Zahlen, Herr Steilemann. Über die Politik haben wir gesprochen. Eine letzte Frage muss ich noch an den Co-Vestro-Chef stellen. Dass jetzt Ihr Unternehmen mehrheitlich einem emiratischen Staatskonzern gehört, ist das ein Zeichen dafür, dass die Chemieindustrie in Deutschland alleine nicht mehr... Überlebensfähig ist und diese ausländischen finanzstarken Partner braucht, um zu überleben?

Sprecher 7: Ich glaube, es ist eher ein umgekehrtes Signal. Es zeigt, dass im Grundsatz die chemische Industrie, wenn man investiert, wenn man die richtigen Rahmenbedingungen setzt, sehr großes Potenzial hat. Wo liegt dieses Potenzial? Das Potenzial liegt insbesondere im Bereich der Innovation. Der Materialforschung im hochwertigen Bereich. Und es gibt noch einige weitere Faktoren, die für den Standort sprechen. Und ich glaube, ausländische Investoren erkennen gerade, dass wenn es zu einer Trendwende kommt, die durch die richtigen politischen Maßnahmen eingeleitet werden kann, wie groß das Potenzial eigentlich ist. Das heißt, insbesondere langfristig orientierte strategische Investoren erkennen zunehmend das Potenzial Deutschlands. Das heißt aber auch im Umkehrschluss, dass wir hier unsere Hausaufgaben machen müssen. In der Industrie, Stichwort strategische Konsolidierung, aber auch in der Politik, Stichwort erhebliche Entlastung in all den zuvor genannten Bereichen.

Sprecher 2: Vielen Dank, lieber Herr Steilemann.

Sprecher 7: Vielen Dank, Herr Brücker.

Sprecher 2: Helene, war noch was?

Sprecher 3: Michael, heute beginnt die Fastenzeit.

Sprecher 2: Du hast was Radikales vor. Und wo ich mich vielleicht anschließen werde, du musst mir erstmal erklären, was du machen willst.

Sprecher 3: Der langweiligere Teil ist, ich werde ab heute keinen Alkohol trinken für mindestens mal vier Wochen. Ich weiß ja nicht, ob ich es die ganze Zeit machen kann.

Sprecher 2: Ich weiß nicht, ob du dann überhaupt zu genießen bist.

Sprecher 3: Das weiß ich auch noch nicht so genau. Aber dann mache ich noch etwas, das ich jetzt einige Jahre nicht mehr gemacht habe, aber früher jedes Jahr. Nämlich eine Woche sogenanntes Wasserfasten. Das heißt nichts essen, nichts trinken außer Wasser und Kräutertee.

Sprecher 2: Und auch keine Hühnerbrühe?

Sprecher 3: Nein.

Sprecher 2: Das ist aber echt krass. Wie lange? Zehn Tage?

Sprecher 3: Ja, so sieben bis zehn, je nachdem. Aber mir geht es dabei jedes Mal gut.

Sprecher 2: Was soll der Quatsch? Was soll der Quatsch mit der Culture sagen?

Sprecher 3: Ich habe das Gefühl, es ist wie als wenn der Organismus einmal runtergefahren wird und neu aufgeladen wird. Es ist eine innere Entschlackung, wie man sagt oder wie die Ayurveda-Leute sagen. Also eine Art von alles mal reinigen, innerlich und äußerlich. Eine Zeit der Ruhe, auch der Besinnung. Man ist dann ein bisschen anders, also nicht schlechter gelaunt, überhaupt nicht. Aber man fühlt sich insgesamt leichter. leichter und danach hat man jedenfalls für eine gewisse Zeit eine andere Einstellung zum Essen. Und das hat mir früher immer sehr gut getan. Das habe ich die letzten Jahre nicht gemacht. Und jetzt dachte ich, jetzt ist es wieder an der Zeit.

Sprecher 2: Ich mache vielleicht mit und erinnere an dieser Stelle an den großen Martin Heidegger. Verzicht nimmt nicht, Verzicht gibt. In diesem Sinne, viel Spaß in der Fastenzeit, Helene.

Sprecher 3: Wir wollen aber auch nochmal kurz schauen auf eine Studie und nicht immer nur über uns selber reden, Michael. Und das ist nämlich ganz interessant, worauf die Leute am meisten verzichten. 75 Prozent verzichten in der Fastenzeit auf Alkohol, Süßigkeiten 71 Prozent, Rauchen immerhin 48 Prozent und Autofahren, finde ich auch interessant, 20 Prozent fasten das Auto.

Sprecher 2: Verzichten Sie bitte nicht, liebe Zuhörer und Zuhörer, morgen 5 Uhr Table Today wieder bis dahin.

Sprecher 3: Tschüss.

Sprecher 9: Oh, as long as I know how to love, I know I'll be alive. I've got all my life to live. I've got all my love to give. I'll survive. I will survive. Go on now, go. Walk out the door. Just turn around now. You're not welcome anymore. Weren't you the one who tried to break me with your fire? You think I'd crumble? You think I'd lay down and die? No, no, I will survive. Oh, as long as I know how to love, I know I'll still live. I've got all my life to live.