Das Aus von Mercron?
„Wenn wir nichts tun, ist Europa in fünf Jahren weggefegt" – mit diesen drastischen Worten geht Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in die Münchner Sicherheitskonferenz. Er spricht von einem „tiefgreifenden geopolitischen Bruch" durch wirtschaftlichen Druck aus China und politische Unberechenbarkeit der USA unter Donald Trump. Im deutsch-französischen Verhältnis knirscht es unterdessen:
[06:25]
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Familienministerin Karin Prien haben die erste Dunkelfeldstudie zu häuslicher Gewalt vorgestellt – mit erschreckenden Ergebnissen: 48 Prozent aller Frauen erleben mindestens einmal psychische Gewalt, weniger als fünf Prozent der Fälle werden angezeigt. Dobrindt stellte eine neue Tarn-App zur Beweissicherung vor, mit der Frauen Verletzungen fälschungssicher dokumentieren können. Außerdem sollen Sensoren auf den Handys von Opfern warnen, wenn Täter mit elektronischer Fußfessel sich nähern.
[02:04]
Deutschland hat so viel erneuerbare Energie wie nie – und trotzdem sind die Strompreise gerade für die Industrie viel zu hoch. EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos erklärt das Problem im Gespräch mit Europe.Table-Journalist Markus Grabitz: „Die Strompreise in Deutschland sind hoch. Für mich ist der wesentliche Grund dafür, dass wir den Ausbau der Netze mit dem Ausbau der Erneuerbaren nicht richtig genug koordiniert haben."
[09:26]
Der Paderborner Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz positioniert die Kirche klar als Akteur im Kampf für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. „Eine wehrhafte Demokratie lebt davon, dass auch die Gesellschaft wehrhaft ist", sagt er im Gespräch mit Helene Bubrowski.
Trotz Kirchenaustritten und Missbrauchsaufarbeitung will Bentz die Kirche aus der Selbstbeschäftigung herausführen – hin zu einer „prophetischen Grundhaltung" mitten in der Gesellschaft.
[16:18]
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Vielleicht war das gestern eine der wichtigsten Pressekonferenzen dieser Bundesregierung. Karin Prien und Alexander Dobrindt sprachen über häusliche Gewalt. 95 Prozent der Fälle von Gewalt in Beziehungen werden nämlich gar nicht angezeigt. Das ist das Ergebnis der ersten Dunkelfeldstudie, die vorgestellt wurde. Das kann und darf so nicht bleiben und es soll deswegen unter anderem eine neue App geben, eine Tarn-App, die wir Ihnen unbedingt mal vorstellen müssen.
Sprecher 3: Die Münchner Sicherheitskonferenz wirft ihre Schatten voraus und da gibt es ein Zitat, über das wir uns unterhalten müssen, von Emmanuel Macron, dem französischen Präsidenten. Wenn wir nichts tun, ist Europa in fünf Jahren weggefegt. Das hat er im Gespräch mit mehreren europäischen Zeitungen gesagt. Was meint er damit und wird es in München eine Lösung geben? Auch darüber sprechen wir.
Sprecher 2: Unbegrenzte, kostenlose und grüne Energie, das ist der Traum der Energiewende. Doch die Wahrheit ist etwas differenzierter. Fast 350 Milliarden Euro hat dieser Staat in die Subventionierung der Erneuerbaren gesteckt. Trotzdem ist gerade für die Industrie der Energiepreis immer noch viel zu hoch. Was ist da eigentlich schiefgelaufen? Das will Markus Grabetz wissen, unser Kollege vom Europe Table. Er hat dazu mit Jorgos Dammatelopoulos gesprochen, dem CEO von NBW, dem drittgrößten Energieanbieter in Deutschland.
Sprecher 3: Die Welt ist aus den Fugen, die Politik ist in Aufruhr, die Extreme. Ränder erstarken. Und die Kirchen, die doch etwas von Werten verstehen und auch etwas von Versöhnung, die sind ziemlich still. Höchste Zeit, dass wir einen Kirchenvertreter mal fragen. Und das ist der Erzbischof von Paderborn, Dr. Udo Markus Benz.
Sprecher 2: Fünf Sinne hat der Mensch. Manche behaupten, sie haben auch noch einen sechsten. Hellenik auf jeden Fall hat ihn. Aber jetzt kommen Forscher der Uni Oxford und sagen, jeder Mensch hat noch ganz viel mehr Sinne. Wir haben sie jedenfalls alle beisammen an diesem Mittwoch, den 11. Februar. Schön, dass Sie dabei sind.
Sprecher 4: Eine Nachricht zur Münchner Sicherheitskonferenz von Soprasteria, Europas Tech-Partner für digitale Souveränität. Wenn in München über Sicherheit und Handlungsfähigkeit gesprochen wird, geht es auch um die digitale Infrastruktur. Und die kommt von Soprasteria. Für den öffentlichen Dienst und die Verteidigung, Banken und Versicherungen. Für die kritischen Industrien in Deutschland und Europa. Suprasteria steht für europäische Handlungsfähigkeit und das seit über 50 Jahren.
Sprecher 5: Das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor erschreckend hoch und mir macht es große Sorgen. Körperliche Gewalt in Partnerschaften oder Ex-Partnerschaften erfährt immer noch fast jede Frau in ihrem Leben. Bei Partnerschaftsgewalt liegt die reale Anzeigequote deutlich unter 5%. Das macht deutlich, wie groß das Dunkelfeld ist. Mehr als 19 von 20 Taten werden nicht angezeigt.
Sprecher 2: Es ist eine dramatische Statistik, die da gestern jetzt veröffentlicht wurde von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Familienministerin, auch Frauenministerin Karin Prien. Denn die Dunkelfeldstudie wurde veröffentlicht, nachdem dramatisch viel mehr Menschen Opfer von häuslicher Gewalt werden.
Sprecher 3: Ja, höchste Zeit, dass sich die Politik mit diesem Phänomen mal intensiver beschäftigt. Es gibt ja zuweilen die Kritik, die natürlich berechtigt ist. Und die lautet, mit Ausländer-Kriminalität beschäftigt sich die Bundesregierung und die Parteien in einer Tour. Aber was ist eigentlich mit den Femiziden, mit der großen Anteil von Frauen, die durch Partnerschaftsgewalt, wenn man denn da das Wort Partner noch benutzen kann, sterben? Das kommt zu kurz. Nein, sagt die Bundesregierung, auch damit beschäftigen wir uns und deswegen eben die Dunkelfeldstudie, die 15.000 Personen zwischen 16 und 85 Jahren befragt hat und die Ergebnisse eben gestern präsentiert wurden von den beiden Ministern.
Sprecher 2: Ich glaube, die Hälfte aller Frauen, 48 Prozent und 40 Prozent der Männer erleben mindestens Einmal in ihrem Leben psychische Gewalt. 14,5 Prozent der Frauen haben sexuelle Belästigung mit Körperkontakt in ihrem Leben bereits erfahren. Das sind dramatische Zahlen, die uns aufwecken sollten. Und es gibt technologische Hilfsmittel, die zumindest die Wiederholungstat verhindern sollen. Alexander Dobin hat sie gestern vorgestellt. Frauen sollen auf ihren Handys eine Art Sensor installiert bekommen, sodass diejenigen Männer, die bereits eine elektronische Fußfessel haben, weil sie Gewalt ausgeübt haben, ihnen auf gar keinen Fall zu nahe kommen können, ohne dass diese Frau es auf ihrem eigenen Handy wahrnimmt.
Sprecher 6: Das klingt erstmal banal, aber es ist ein enorm wichtiges Element, um für die Opfer Freiheit zu ermöglichen. Der frühere Gedanke war immer, der Schutzraum ist die eigene Wohnung. Aber meine Damen und Herren, dass der Schutzraum die eigene Wohnung sein soll, ausschließlich, ist natürlich für die Opfer viel zu wenig. Der Schutzraum muss ja unsere Gesellschaft sein, damit ein normales Leben auch von Opfern ermöglicht wird.
Sprecher 2: Und Helene, es gibt eine neue Tarn-App.
Sprecher 3: Ja, und die ist natürlich ganz wichtig zur Beweissicherung, denn oft ist es ja so, dass Frauen, die nicht sofort zur Polizei gehen, hinterher nicht mehr beweisen können, dass sie misshandelt wurden. Und mit dieser Tarn-App, das können sich Frauen aufs Handy laden und damit Verletzungen fotografieren. Und diese Fotos, die können nicht mehr verändert werden. Das ist natürlich auch ganz wichtig. Wichtig, damit nicht nachher Beweise manipuliert werden, denn das ist ja auch eine traurige Wahrheit, dass viele Frauen, die misshandelt wurden, dann auch noch unter Druck gesetzt werden, nicht Anzeige zu erstatten oder gar eine schon erstattete Anzeige wieder zurückzunehmen, also um solchen Dingen direkt vorzubeugen.
Sprecher 2: Ja, und es gab wohl Diskussionen im Innenministerium, ob man denn überhaupt über diese Tarn-App öffentlich reden sollte, weil dann ja auch vielleicht die Männer oder, auch wenn es Frauen sind natürlich, eine Infrastruktur schaffen, um herauszufinden, wie man wiederum die Tarn-App vielleicht cracken kann. Aber Alexander Dobin hat sich da durchgesetzt. Man muss darüber reden, die Frauen, nicht nur die Frauen, die sich an Frauenhäuser wenden oder an die Polizei, sollen davon erfahren von dieser Tarn-App, sondern eben auch alle Frauen, die den Schritt gar nicht erst wagen, in Frauenhäuser zu gehen oder die Polizei anzurufen. Also vielleicht bei aller Kritik an der Bundesregierung, Helene, endlich mal eine wirklich sinnvolle und richtige Initiative.
Sprecher 3: Ja, das sind technologische Lösungen, über die man natürlich nachdenken kann. Aber am Ende ist auch das eine Frage des Geldes. Also zum Beispiel, du hast es angesprochen, Frauenhäuser. Da gibt es immer Kritik, dass es insgesamt zu wenig gibt, dass es zu wenig freie Plätze gibt. Das ist nun Sache der Länder, aber nicht minder wichtig, dass Frauen, die misshandelt wurden, einen anderen Ort haben, in dem sie in Sicherheit sind.
Sprecher 2: Macron hieß das einstige Wunderbündnis. Nach den Schwierigkeiten von Olaf Scholz und Emmanuel Macron war es Friedrich Merz, der noch am Abend seiner Wahl zu Emmanuel Macron fuhr. Die beiden verstanden sich wirklich gut, aber man hat das Gefühl, selbst in diese wunderbare Beziehung sind ein paar Risse gekommen.
Sprecher 3: Ja, und es gibt ja auch schwierige Fragen im deutsch-französischen Verhältnis. Das eine ist die wichtige Frage der nuklearen Abschreckung und die Frage, können die Deutschen eigentlich in irgendeiner Weise von den Franzosen geschützt werden und was wollen die Franzosen dafür? Darüber wird in den Hinterzimmern ein bisschen geredet. Die Franzosen haben da mal ein Angebot gemacht, aber bislang war Deutschland doch eher zurückhaltend, was wiederum dann die Franzosen beleidigt hat. Und das andere ist das Thema FKs, über das wir hier vergangene Woche schon gesprochen haben. Wo jetzt Macron sagt, nein, nein, so schlimm steht es gar nicht um das Prestigeprojekt, das, wenn es scheitert, tatsächlich auch einen Knacks der deutsch-französischen Freundschaft geben würde.
Sprecher 2: Ja, und es gibt ein Thema, das ist immer Thema, nämlich Animositäten und Eitelkeiten. Friedrich Merz mag es natürlich genauso wenig wie Angela Merkel oder Olaf Scholz, dass Emmanuel Macron oft gerne erst die Bühne, die Öffentlichkeit, die Medien sucht oder zum Beispiel bei Donald Trump schon mal ein G7-Gipfel plus Russland in Paris ankündigt, ohne jemals vorher mit Friedrich Merz gesprochen zu haben. Andererseits hat er auch schon mal Friedrich Merz eine Einigung bei Mercosur verkündet, die wiederum... Manuel Macron noch gar nicht abgenickt hatte. Also selbst dieses Dream Team hadert gelegentlich miteinander. Und wie wir hören, bei der Münchner Sicherheitskonferenz kommt es nicht zu einem gemeinsamen Auftritt oder einem gemeinsamen Termin.
Sprecher 3: Wobei man von französischer Seite jetzt hört, das bitte nicht überbewerten. Das Verhältnis sei völlig in Ordnung. Aber gut, das ist auch nicht anders zu erwarten. Solche Probleme werden nie öffentlich bestätigt. Interessant ist ja noch, mit welchen starken Worten Macron jetzt in diese Sicherheitskonferenz geht. Wenn wir nichts tun, ist Europa in fünf Jahren weggefegt. Er spricht von einem tiefgreifenden geopolitischen Bruch, einer doppelten Krise. Als wirtschaftlichen Druck durch China und politischer Unberechenbarkeit durch Donald Trump in den USA. Und seine Metapher ist der Grönland-Moment. Wenn ein NATO-Verbündeter offen das Territorium eines anderen angreift, dann muss Europa verstehen, dass es auf sich allein gestellt ist. Nun, diese Analyse, die kennen wir schon, wenn auch nicht ganz so dramatisch formuliert. Aber die Frage ist ja immer, was folgt daraus?
Sprecher 2: Merz sieht wahrscheinlich einiges anders, würde es aber anders formulieren. Merz ist der größere und intensivere Transatlantiker. Er will Trump bei der Stange halten. Er will nicht auf Amerika verzichten. Auch die Deutschen haben da eine andere Beziehung zu den USA. Nicht nur die zehntausenden Soldaten, die immer noch hier sind, die Air Force Base in Rammstein. Also wir können auf Amerika vielleicht noch nicht so schnell verzichten, wie es Emmanuel Macron gelegentlich öffentlich postuliert. Deutschland hat so viel erneuerbare Energie wie nie und sieht sich als Vorreiter trotzdem gleichzeitig so teuren Strom wie selten zuvor, gerade für die Industrie. Und das ist ein erhebliches Problem für den deutschen Standort, für die Wettbewerbsfähigkeit. Dieser Widerspruch treibt viele Unternehmen ins Ausland. Und man muss sagen, die Politik, die Milliarden investiert hat in den Ausbau der Erneuerbaren, hat es zugleich nicht geschafft, das Angebot zu verbreitern, die Preise unten zu lassen. Vielleicht ist es gar nicht zu schaffen, dass die Erneuerbaren uns wirklich langfristig billigen Strom liefern. Oder haben wir nur das falsche Management in Deutschland? Darüber redet Markus Grabitz, der stellvertretende Redaktionsleiter unseres Europe Table. Jetzt mit dem CEO von NBW, dem drittgrößten Energiedienstleister hier in Deutschland, Jorgo Stamatelopoulos.
Sprecher 7: Herr Stamatelopoulos, schön, dass Sie da sind. Ich begrüße Sie herzlich hier bei uns bei Europe Table.
Sprecher 8: Vielen Dank für die Einladung.
Sprecher 7: Die Energiewende kommt ja deutlich teurer den Verbraucher als angenommen. Preisbereinigt sind die Kosten für die Stromerzeugung in den letzten Jahren seit 2018. Pro Jahr um 8% gestiegen. Was ist da falsch gelaufen?
Sprecher 8: Also es waren keine normalen Jahre, die wir jetzt vergleichen. Wir hatten den Ukraine-Krieg. Wir haben ihn immer noch und der Ukraine-Krieg wurde von der Energiekrise begleitet. Das war eine Gaskrise am Anfang, danach waren auch die Strompreise betroffen. Allerdings haben sie nicht ganz Unrecht. Die Strompreise in Deutschland sind hoch. Für mich ist der wesentliche Grund dafür, dass wir den Ausbau der Netze mit dem Ausbau der Erneuerbaren nicht richtig genug koordiniert haben.
Sprecher 2: Was heißt das?
Sprecher 8: Wir haben aktuell eine Situation, wo die Erzeugung, also die Erneuerbaren, schneller da sind als die Netze. Oder anders ausgedrückt, Jeder darf seine erneuerbare Anlage bauen, wo er denkt, dass er ein gutes Projekt hat, ein Grundstück, eine richtige Fläche, gute Windverhältnisse, ohne darauf zu achten, ob ein Netzanschluss in der Nähe ist oder ob der Netzanschluss relativ einfach, sprich günstig, gebaut werden kann. Wir sind das einzige Unternehmen dieser Größe, wo wir alle Teile der Wertschöpfungskette noch drin haben. Also wir haben nicht nur Erzeugung, sprich erneuerbare und konventionelle Anlagen, sondern auch Netze, Verteilnetze und Übertragungsnetze und auch den Vertrieb, den direkten Kontakt mit dem Kunden und somit Ein gutes erneuerbares Projekt ist für uns per Definition ein Projekt, das sehr nah zu einem Netzanschluss ist oder bereits einen Netzanschluss hat. Aber leider ist nicht jeder gezwungen oder nicht jeder in der Lage, das so zu erkennen.
Sprecher 7: Dagegen steuern, was müsste sie machen?
Sprecher 8: Ich glaube, die Politik hat angefangen, jetzt dagegen zu steuern, durch den Monitoringbericht. Und das, was man machen kann, ist, dass man das Netz erstmal richtig dimensioniert für den Bedarf, den man erwartet. Und danach wird der Ausbau der Neubahnen dann folgen.
Sprecher 7: Bis 2050 haben wir ja noch weitere sehr ambitionierte Ziele. Bis 2050 sollen die Emissionen um 100 Prozent gegenüber 1990 abgesenkt werden. Ist die Gesellschaft bereit, das zu bezahlen?
Sprecher 8: Sie sind jetzt bei den europäischen Zielen. 2050 ist das Klimaneutralitätsjahr für die gesamte Europäische Union. Für Deutschland sind wir sogar optimistischer und haben uns committed, bis zum Jahr 2045 diese Ziele zu erreichen. Eine Energiepolitik ist richtig, wenn das Thema Versorgungssicherheit, das Thema Bezahlbarkeit und das Thema Umweltschutz, so hieß es damals, heute heißt es Klimaschutz, aber ist mehr oder weniger dasselbe, wenn alle diese drei Dimensionen erfüllt werden. Beim Thema Klimaschutz ist die Energiewirtschaft, würde ich sagen, der Musterschüler. Wir haben bis jetzt alle Ziele erreicht, mit dem Nebeneffekt, dass wir auch noch strengere Ziele aufgebürdet bekommen, damit wir andere Bereiche des Wirtschaftslebens unterstützen, beziehungsweise ihre Entwicklung kompensieren oder teilweise überkompensieren. Beim Thema Versorgungsfähigkeit sind wir auch sehr gut unterwegs. Also wir haben nach wie vor eines der stabilen... den Versorgungen weltweit in Deutschland. Aber beim Thema Bezahlbarkeit funktioniert das nicht. Ob die Bürger das akzeptieren, sie stellen die Frage in einer Zeit, wo wir gerade diese Korrektur erleben von der Politik. Und man muss sehen, wie diese Korrektur wirkt. Ich glaube, man wird auch das Ergebnis sehen, sodass es auch für die Bürger und für die Verbraucher sich immer noch lohnt, in diesem Thema der Energiewende weiter zu investieren beziehungsweise weiter Glauben daran zu haben, dass das funktioniert.
Sprecher 7: Mittel- und langfristig wird die Volkswirtschaft deutlich mehr Strom brauchen. Gerade wird zwischen Berlin und Brüssel... Die Kraftwerksstrategie verhandelt. Glauben Sie, dass da die richtigen Konsequenzen gezogen werden?
Sprecher 8: Das ist auch meine Erwartung, dass der Strombedarf sich erhöhen wird in der Zukunft. Und diese Erwartung basiert auf einer Annahme über die Elektrifizierung der Mobilität, über die Elektrifizierung der Wärme. Über die Rechenzentren, die noch kommen sollen, Allerdings lässt sich diese Annahme die letzten vier oder fünf Jahre nicht bestätigen. Wir haben einen sehr stabilen Stromverbrauch in Deutschland, um die 500 Terawattstunden. Die neuesten Zahlen aus dem Jahr 2025 bestätigen diesen Stabilitätstrend. Da besteht natürlich die Gefahr, wenn ich immer etwas an... nehme, was nicht kommt, dass ich auch entsprechend Investitionen tätige, die dann den Strom teurer machen. Weil wenn Sie das Netz ausbauen für, sage ich mal, 800 Terawattstunden oder 1000 Terawattstunden, die Sie prognostizieren in 10 oder 15 Jahren, dann ist erstmal diese Investition eingeloggt, das Geld ist ausgegeben und muss entsprechend bezahlt werden vom Kunden. Der Kuchen ist aber dann kleiner. Ich habe nicht den Verbrauch von 1000 Terawattstunden, sondern eben von 500 oder von 600 Terawattstunden. Entsprechend proportional wird dann die Kilowattstunde teurer. Deswegen glaube ich, wir müssen uns diese Erwartung, und ich sage Ihnen, die habe ich auch, man muss diese Erwartung besser verifizieren.
Sprecher 3: Wir streiten in diesem Land über Gerechtigkeitsfragen, wir sind auf Sinnsuche und wir sind die Phrasenhaftigkeit der Politik leid. Wer könnte uns da Antworten geben? Wer könnte uns Orientierung geben? Wer blickt zurück auf eine lange Tradition und ist eigentlich Experte bei den Fragen Sinnsuche und Gerechtigkeit? Die Kirche. Aber die Deutschen wenden sich ab von der Kirche. Was ist ihre Stimme also heute eigentlich noch wert in einer Zeit, in der es jetzt seit zwei Jahren mehr Konfessionslose in Deutschland gibt als Katholiken und Protestanten zusammen? Warum mischt sich die Kirche nicht mehr ein und wie sieht sie eigentlich die wachsenden Extreme in Deutschland an den politischen Rändern? Darüber konnte ich mit dem Erzbischof von Paderborn sprechen, Dr. Udo Markus Benz. Ich habe ihn am Rande einer Veranstaltung in Schwerte getroffen. Herzlichen Dank.
Sprecher 9: Hallo und guten Tag.
Sprecher 3: Sie haben eine Veranstaltung gemacht zum Verfassungsstaat in der Krise. Welche Rolle spielt die Kirche bei der Verteidigung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie? Verstehen Sie sich selbst auch als Instrument im Waffenschrank der wehrhaften Demokratie?
Sprecher 9: Absolut. Ich glaube, und das ist aber deutlich geworden, dass eine Wehrhaft... Die Demokratie davon lebt, dass auch die Gesellschaft wehrhaft ist. Und wer ist die Gesellschaft? Das ist ein pluraler Mix von unterschiedlichen gesellschaftsprägenden Kräften. Dazu gehören auch die Kirchen, dazu gehört auch der christliche Glaube. Demokratie lebt nicht nur von der Zustimmung, sondern Demokratie lebt davon, dass Werte gelebt werden, die dann eben auch die Demokratie stark machen. Und die Werte, die das christliche Menschenbild einbringt, die unsere Glaubensüberzeugung in diese Gesellschaft hineinträgt, das sind wesentliche Werte, von denen das Grundgesetz lebt und auf die unsere freiheitliche, demokratische Grundordnung aufbaut.
Sprecher 3: Es gibt ja Christinnen und Christen auch in diesem Land, die sich dann ärgern über Klimagottesdienste und so weiter und der Meinung sind, die Kirche lässt sich zu sehr vor den Karren der Tagespolitik spannen und die sagen, ich gehe doch nicht in die Kirche, um eine Bundestagsrede zu hören. Insofern muss die Kirche politischer werden oder ist nicht gerade... Ihre Stärke, dass sie andere Bereiche bespielen kann. Wie würden Sie die Rolle da einschätzen?
Sprecher 9: Meine Überzeugung ist, das eine tun, ohne das andere zu lassen. Das ist nämlich genau die Kraft und die Dynamik des Evangeliums. Diese Idee, diese Vision, die Jesus gebracht hat, die Reich-Gottes-Botschaft, die unantastbare Würde eines jeden Menschen so zu wertschätzen, dass er wirklich... Sich als Person entfalten kann, gleichzeitig zu wissen, keiner kann sich auf Kosten der anderen entfalten. sozusagen die Grunddynamik, diese Werte des Evangeliums hineintragen in die Gesellschaft, das ist unser Part. Natürlich braucht es dazu auch Arte und Liturgie und Gottesdienste, in denen Gott den ersten Platz hat. Aber es braucht eben dazu dann auch Anknüpfungspunkte an die konkrete Lebenswelt der Menschen. Und die konkrete Lebenswelt der Menschen sind die Fragen, die die Menschen umtreiben.
Sprecher 3: Sie haben mit Kirchenaustritten zu kämpfen, schon seit einiger Zeit. Welche Autorität hat die Kirche noch in diesen Fragen? Ja, wie erklären Sie sich eigentlich, dass die Menschen auf Sinnsuche sich allen möglichen Angeboten zuwenden, dafür zum Teil sehr viel Geld bezahlen, aber die Kirche für viele nicht mehr der Ansprechpartner ist?
Sprecher 9: Wir erleben seit einigen Jahrzehnten einen Säkularisierungstrend in unserer Gesellschaft. Und wir erleben gleichzeitig auch seit langer Zeit eine Krise der Institutionen. Und christlicher Glaube ist in den allermeisten Fällen in unserem Land, in unserer Kultur in Europa eben auch institutionell gebundene Glaubensüberzeugung, institutionell gebundene Spiritualität, institutionell gebundene Religiosität. Und vielleicht ist das etwas, was vielen es schwierig macht. Gleichzeitig ist diese institutionelle Gebundenheit der Garant dafür, dass Glaube und Religion und Spiritualität überhaupt auf Dauer auch gelebt und als Wert in einer Gesellschaft getragen werden. Worauf wir uns besinnen müssen ist, dass wir uns auf unsere eigenen Werte und unsere Dynamik da zu sein für die Menschen konzentrieren müssen. Nicht in zu vielen Selbstbespiegelungen, nicht in einer zu großen Eigenumdrehung unser Dasein fristen sozusagen, sondern die evangelisierende Kraft dieser Botschaft zu den Menschen tragen. Das heißt, sich nicht abzuschotten, Kirche nicht für die Sakristei, sondern Kirche inmitten der Gesellschaft, inmitten des Lebens. Dafür braucht es dann aber auch prophetische Grundhaltung.
Sprecher 3: Prophetische Grundhaltung, ein interessantes Wort. Ich komme nochmal auf die Abschottung zurück. Liegt das auch an einem doch sehr tiefsitzenden Schamgefühl angesichts der Missbrauchsfälle? Also die Aufarbeitung, Kirche ist mit sich selbst beschäftigt und deswegen kann das Evangelisierende gar nicht so ankommen bei den Menschen?
Sprecher 9: Mit Sicherheit ist es das auch. Wir mussten uns mit uns selbst beschäftigen. Jede Institution, jede Einrichtung, die erkennt, welche Vergangenheit sie hat, muss aufarbeiten, muss Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen ziehen. Durch diesen Prozess laufen wir seit vielen Jahren und wir haben, glaube ich, wirklich eine deutliche Lernkurve, wie wir uns als Kirche aufgrund unserer eigenen Erfahrungen und unserer schwierigen, dunklen Geschichte, die wir auch haben, verändern müssen. Das ist die eine Seite. Aber die andere Seite ist, Wir dürfen darüber hinaus nicht vergessen, dass wir nicht für uns selbst da sind. Es sind die Bilder des Evangeliums, Salz der Erde, Licht der Welt, Sauerteig zu sein. Diese Grundhaltung, die wünsche ich mir und die erhoffe ich mir, dass wir zu der wieder neu finden.
Sprecher 3: Herr Erzbischof, die Deutsche Bischofskonferenz hat sich vor zwei Jahren klar zum Thema AfD geäußert und einstimmig entschieden, dass das völkisch-nationale Denken mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar ist. Ganz praktisch gesprochen, was folgt daraus für Funktionsträger in der Kirche, die für die AfD nicht nur eintreten, sondern eben auch einen solchen völkischen Gedanken vertreten? Wie gehen Sie damit um in Ihrem Erzbistum?
Sprecher 9: Wir haben sehr deutlich gestellt, dass die Menschen, die AfD wählen, das Wahlgeheimnis für uns etwas sehr Kostbares und ein hohes Gut in einer Demokratie ist. Darauf zielen wir nicht ab. Da müssen wir eher die Sorgen und die Fragen der Menschen aufgreifen und ernst nehmen. Das völlig andere ist, wenn jemand ein Parteienmandat hat und dafür für ein Gedankengut steht, das eben nicht vereinbar ist mit dem christlichen Glauben. Die unantastbare Würde, die unantastbare Menschenwürde ist die Grundlage unseres freiheitlichen Zusammenlebens. Das ist sozusagen der Klutkern unseres christlichen Glaubens. Und das heißt dann, wenn jemand ein solches Mandat hat und gleichzeitig aber auch ein Mandat, in irgendeiner Form innerhalb einer Pfarrei, innerhalb einer Gemeinde, eines Kirchenvorstandes, eine Missio als Religionslehrerin, als Religionslehrer hat oder in welcher Art auch immer, wir sehen müssen, Das geht nicht zusammen. Wie gehen wir damit um? Das sind jeweils Einzelfallentscheidungen. Es braucht das intensive Gespräch. Das ist oft genug schwierig, aber es braucht auch klare Konsequenz, weil, das bekomme ich zurückgespiegelt von vielen Menschen in meinem Erzbistum, diese Klarheit und diese Entschiedenheit braucht es gerade angesichts der Verunsicherung.
Sprecher 10: Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Erzbischof.
Sprecher 9: Gerne.
Sprecher 3: Lieber Mick, war noch was.
Sprecher 2: Helene, apropos Sinnlichkeit, wir sind deutlich übersinnlicher als gedacht.
Sprecher 3: Ja, der Bischof hat ja von prophetisch gesprochen und damit meinte er ja nicht die einfache Hellseherei.
Sprecher 2: Also er kann nicht sagen, welche Landtagswahlen von wem gewonnen wird?
Sprecher 3: Nein, das kann er nicht, Michael. Das ist metaphorisch zu verstehen. Da haben wir es mit Übersinnlichem zu tun und nicht den einfachen Voraussagen und schon gar nicht den Wetten, die ja jetzt auch abgeschlossen werden.
Sprecher 2: Das passt ja wunderbar, wenn die Kirche plötzlich auch der Wissenschaft folgt. Denn Neurowissenschaftler an der Universität Oxford sagen auch, dass wir nicht nur fünf Sinne haben, sondern übersinnlich viele, nämlich 33. Und diese verschmelzen ständig miteinander, um unsere Wahrnehmung zu formen, so diese Forscher im Klartext. Also es gibt nicht nur einen Sinn, der uns Infos über unsere Umwelt gibt. Zum Beispiel der Geruch von Kaffee verändert nicht nur unseren Geschmack, sondern auch wie wir die Textur von Lebensmitteln wahrnehmen. Also man muss das Ganze ganzheitlicher denken.
Sprecher 3: Interessant, ja, manchmal hat man ja dieses Gefühl und denkt sich, wenn man sein Handy piepen hört, das ist bestimmt die und die Person und die ist es dann auch. Also sowas gibt es ja schon. Man fragt sich immer, kann das jetzt eigentlich Zufall sein? Oder gibt es eben doch eine Kraft, die da wirkt, Michael, die wir nicht verstehen?
Sprecher 2: Versteckte Sinne, ich finde es ein wunderbares Schlussthema für unseren kleinen, niedlichen, übersinnlichen Podcast. In diesem Sinne würde ich sagen, morgen geht es weiter bei Table Today, 5 Uhr. Ich freue mich auf Sie. Tschüss.