Stehen die USA vor einem Bürgerkrieg?
Dauer: 23:52

Stehen die USA vor einem Bürgerkrieg?

In den USA ist das Entsetzen über das Vorgehen der ICE-Beamten groß. Präsident Donald Trump reagiert auf die öffentliche Kritik mit der Entsendung von Tom Homan nach Minnesota, dem ehemaligen ICE-Chef und aktuellen „Border Czar“. Homan gilt als Hardliner, der nach dem ersten tödlichen Vorfall ein noch konsequenteres Vorgehen gefordert hatte. Die ICE soll die Vorfälle selbst intern untersuchen, was Kritiker als unzureichend ablehnen. Erstmals melden sich auch Republikaner kritisch zu Wort.

[01:37]

Europa diskutiert derweil seine Antwort auf Trumps zunehmend autoritäre Politik. Der ehemalige EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton war in Berlin bei den Grünen zu Gast und betonte die Notwendigkeit europäischer Unabhängigkeit. Die USA haben Breton inzwischen mit einem Einreiseverbot belegt, weil er Elon Musk wegen Verstößen gegen den Digital Services Act gewarnt hatte.

[08:16]

Die Sozialstaatskommission legt ihre Vorschläge vor, um das deutsche Sozialsystem zu vereinfachen. Geplant ist unter anderem die Zusammenlegung von Bürgergeld und Sozialhilfe sowie die automatische Auszahlung des Kindergelds. Über 20 Vorschläge sollen die Bürokratie abbauen und den Zugang zu staatlichen Leistungen erleichtern. In der Pflege steht eine große Reform an, denn die Kosten explodieren – allein in diesem Jahr fehlen zwei Milliarden Euro. Thomas Knieling vom Verband der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe erklärt das zentrale Dilemma: „Wir müssen weiter versuchen, die flächendeckende Versorgung zu sichern.“ Gleichzeitig müsse Pflege aber auch finanzierbar bleiben – für die Gesellschaft, Betroffene und Einrichtungen.

[12:02]


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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Amerika diskutiert über die Einwanderungsbehörde ICE und wir in Europa tun das inzwischen auch. Nach dem Vorfall in Minnesota wird es für Donald Trump ernst. Nachdem in nur drei Wochen gleich zwei Menschen durch ICE-Einwanderungsbeamte getötet wurden, Spricht manch einer in den amerikanischen Medien schon von einem drohenden Bürgerkrieg? Jedenfalls ist der Aufruhr groß. Wir geben Ihnen ein Update.

Sprecher 3: Und was bedeuten diese Entwicklungen immer mehr zum Autoritären in Amerika eigentlich für uns in Europa? Darüber haben wir gesprochen mit dem früheren EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton.

Sprecher 2: Die Sozialstaatskommission, die Expertenkommission legt an diesem Dienstag ihre Vorschläge vor. Selbstverständlich haben sie die gestern Abend im Berlin Table schon lesen dürfen. Aber auch in der Pflege gibt es einen riesigen Reformbedarf. Deswegen hat Magdalena Latz mal mit einem Experten gesprochen, nämlich Thomas Knieling, der Bundesgeschäftsführer des Verbandes der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe, wie man die Pflege eigentlich günstiger und trotzdem besser ausgestalten kann.

Sprecher 3: Und dann müssen wir noch darüber reden, wie es eigentlich sein kann, dass zwar die Müsli-Packung genauso aussieht, aber plötzlich sind 20, 30 Gramm weniger drin, aber der Preis ist natürlich unverändert geblieben. Das Phänomen hat den schönen Namen Shrinkflation. Und die Frage ist, wie die Verbraucher darauf reagieren. Auch darüber reden wir heute am Dienstag. Start den 27. Januar. Schön, dass Sie dabei sind.

Sprecher 2: Graphic video obtained by Drop Site News shows at least five agents violently struggling with the man before multiple shots were fired, killing him. Witnesses stunned.

Sprecher 4: It's really quite a remarkable series of events all coming together here, but almost all of them contradict the story that came out of the Trump administration early on today.

Sprecher 5: A potentially unarmed person was essentially assassinated by horrible law enforcement tactics that dramatically escalated the situation.

Sprecher 6: I've got a question for all of you. What side do you want to be on? The side of an all-powerful federal government that can kill, injure, menace, and kidnap its citizens off the streets? Or on the side of a nurse at the VA hospital who died bearing witness to such government? You're allowed to decide at any point that you're not with this anymore.

Sprecher 2: Aufruhr in den USA wieder einmal. Es geht um die Einwanderungsbeamten ICE, die den US-Bürger in Minnesota, Alex Pretty, einen Krankenpfleger, erschossen haben, nachdem sie ihn zunächst mit Pfefferspray und dann verhaften wollten. Jedenfalls diskutiert Amerika. über diesen Vorfall und es sind zehn Schüsse in wenigen Sekunden gewesen. Wahnsinnige Videos, Helene, du hast sie sicherlich auch gesehen.

Sprecher 3: Ja, wahnsinnig und auch vor allem wahnsinnig besorgniserregend, was da jetzt passiert. Der zweite Vorfall innerhalb von zwei Wochen. Offiziell spricht die Eisbehörde von Notwehr. Pretty, also das Opfer, soll sich mit einer Waffe in der Hand genähert haben. Aber wenn man sich das Filmmaterial anschaut, dann kommen einem doch erhebliche Zweifel an dieser Darstellung. Denn auf diesen Videos... Ist nur ein Handy in seiner Hand zu erkennen, aber keine Waffe. Eine Waffe hat er wohl am Gürtel gehabt, aber das ist in Amerika, jedenfalls in den meisten Bundesstaaten, erlaubt. Insofern hat er, soweit man das jetzt nach den bisherigen Erkenntnissen sich zusammenreimt, nichts falsch gemacht. Das muss natürlich aufgeklärt werden, was die Eisbeamten gemacht haben. Michael, wer ist dafür eigentlich zuständig?

Sprecher 2: Ja, laut ICE ist das eine interne Untersuchung, die die Einwanderungsbehörde selber vornehmen will. Man kann sich ungefähr vorstellen, was die lokalen Officials, also die Polizei in Minnesota, aber auch der Gouverneur, der demokratische Gouverneur und auch die Bürgermeister sich darunter vorstellen, nämlich natürlich eine unabhängige Untersuchung dieses Vorfalls, wobei ich wirklich sagen muss, es ist ja alles zu sehen auf den Videos. Selbst dieser am Boden liegende Mann, der von sechs Eisbeamten ja festgehalten wird, dass der in der Lage war, dann noch eine Waffe zu ziehen. Es wirkt alles extrem ex. extrem übertrieben, wie die Eisbeamten da reagiert haben. Aber jedenfalls würde normalerweise eine unabhängige Kommission eingesetzt oder eine andere Behörde als diejenigen, um die es geht, die dann das untersuchen soll. Aber darum wird jetzt gerade diskutiert.

Sprecher 3: Ja, und natürlich, das ist der ganze Sinn und Zweck von Ermittlungen, dass sie unabhängig sind, dass man nicht im eigenen Laden aufräumt, wo man normalerweise natürlich einen Bias hat, wo man natürlich geprägt ist auch von diesem Umfeld und natürlich von der Ansage von der Trump-Administration verfolgt die illegalen Migranten und macht alles platt, was euch dabei in den Weg stellt. Dass so eine Behörde nicht in den eigenen Reihen aufräumen sollte. Das versteht sich von selbst. Aber das ist ja auch ein Zeichen des schwindenden Rechtsstaats, so kann man es vielleicht sagen, in den USA, dass es jetzt keine externen unabhängigen Ermittlungen gibt.

Sprecher 2: Immerhin hat Donald Trump jetzt Tom Homan in die Region geschickt. Er ist der ehemalige Eis-Chef. Man nannte ihn auch den Grenzzar, denn er hat eigentlich früher die Grenzpolitik Trumps umgesetzt. Er gilt als Hardliner. Er soll jetzt die Eis-Einsätze koordinieren und ein Auge drauf haben. Aber Entwarnung darf man eigentlich auch nicht geben, denn der hat schon bei den Schüssen der Bundesbeamten Anfang Januar auf die 37-jährige Renee Good, die ja auch gestorben ist danach, hatte er ein noch konsequenteres Vorgehen von Eis gefordert und damals gesagt, die Behörde solle ohne Entschuldigung die Dienste fortsetzen. Also eine Deeskalation ist es jetzt wohl eher nicht, diesen Mann jetzt in die Richtung zu bringen. Region zu schicken.

Sprecher 3: Hart, aber fair. So hat Trump Homan bezeichnet. Wollen wir mal sehen, wie fair es dann künftig zugeht. Der Druck auf Donald Trump jedenfalls, der steigt auch aus den eigenen Reihen. Auch unter den Republikanern gibt es nun Wortmeldungen, die in die Richtung gehen, hartes Vorgehen gegen illegale Migration. Dagegen haben wir natürlich nichts. Aber wenn dabei Menschen zu Tode kommen, amerikanische Staatsbürger, Unbescholtene, dann geht es doch einfach zu weit. Hier eskaliert eine Situation oder gerät aus dem Ruder. Da gibt es jetzt durchaus Kritik.

Sprecher 2: Senator Pete Ricketts, den sollten wir vielleicht zitieren, ein harter Unterstützer von Donald Trump, fordert eine umfassende Untersuchung und sagte, ich zitiere, meine Unterstützung für die Finanzierung von ICE bleibt, aber wir müssen auch unsere grundlegenden Werte als Nation bewahren. Zitat Ende. Der Aufstand der anständigen Republikaner ist und bleibt das einzige Mittel, um Donald Trump eigentlich einzuhegen. Es kann natürlich nicht durch empörte Obama- oder Bill Clinton-Tweets kommen, sondern die Republikaner müssen selber sich überlegen, wie weit sie eigentlich gehen wollen bei der Umsetzung ihrer Agenda.

Sprecher 3: Ja, und da ist auch noch Thom Tillis zu nennen, der sich ja in der Grönland-Frage auch schon zu Wort gemeldet hat. Und auch er fordert eine gründliche und unparteiische Ermittlung und kritisiert den Umgang der Regierung mit den Fällen. Also die Regierung, die dann mal die getötete Renée Good vor zwei Wochen ja als inländische Terroristin betitelt hatte, solche Dinge. Und auch Bill Cassidy. Der republikanische Senator aus Louisiana, der findet die Vorkommnisse verstörend. Also es gibt Republikaner, die sich nun trauen, gegen Trump das Wort zu erheben. Das ist eine Neuerung, wo doch in den vergangenen Monaten in den Reihen der Republikaner eisernes Schweigen herrschte, was die Kritik an Trump angeht.

Sprecher 2: Es ist natürlich auch nicht anders zu erwarten gewesen, dass Donald Trump den Demokraten die Schuld an all dem gibt, weil sie eben nicht ausreichend seine harte Migrationspolitik unterstützen. Also Entwarnung ist da nicht in Sicht. Helene, du warst gestern auf einer Veranstaltung mit einem relevanten ehemaligen EU-Kommissar. Wie ist eigentlich die Antwort Europas? Wird das diskutiert? Ist Donald Trump immer noch das Dauerthema auf jeder europapolitischen Konferenz hier in Berlin?

Sprecher 3: Ja, Thierry Breton, der ehemalige französische Finanzminister und ehemalige Binnenmarktkommissar, war in Berlin, er war bei den Grünen, hat dort teilgenommen an einer Vorstandssitzung. Man hat sich über wichtige europäische Fragen besprochen. Er ist ein politischer Freund, so kann man es vielleicht sagen, von Franziska Brandner. Die beiden haben eng zusammengearbeitet, als er Kommissar war und sie parlamentarische Staatssekretären. Ja, und es ging um die Frage eben auch später in einer Pressekonferenz, die Breton gegeben hat, wie reagiert Europa eigentlich auf die veränderte Weltlage und insbesondere natürlich auf die zunehmend autoritären Bestrebungen in Amerika. der selbst ja am eigenen Leib gespürt hat, wie hart die amerikanische Regierung vorgehen kann.

Sprecher 2: Ja, die US-Regierung hat ihn belegt mit einer Art Einreiseverbot für Online-Hassrede. Er gehöre, ich zitiere, zu den führenden Akteuren des weltweiten Zensurindustriekomplexes. So hat es sogar US-Außenminister Marco Rubio mal mitgeteilt. Also die Gräben zwischen manch einem Europäer, der sich für Freiheit und Demokratie einsetzt und der amerikanischen Administration sind eben tief.

Sprecher 3: Ja, Breton hatte eben Elon Musk eine Warnung ausgesprochen und hat ihn darauf hingewiesen, dass es in Europa den Digital Services Act gibt und hat gesagt, also wenn es zwischen Musk und Donald Trump zu Verstößen kommt im Zuge von geplanten Live-Konversationen oder ähnlichem, dann müsse eben Musk die Folgen davon spüren und natürlich auch die von Musk betriebenen Plattformen. Das fand die amerikanische Regierung eben nicht witzig und hat eben jetzt die Einreise in die USA verboten. Ein Mann übrigens, der in den USA gearbeitet hat, dessen Vater in den USA gearbeitet hat, der, wie er sagte, seine Frau in den USA kennengelernt hat. Ein Mann, der sagt, ich bin ein großer Freund Amerikas und insofern blickt er mit großer Sorge auf die Entwicklung und hat den interessanten Satz gesagt, Europe must fight. Europe needs to fight. Und ich habe ihn gefragt, was das eigentlich bedeutet, was heißt es, dass Europa kämpfen muss? Und das ist seine Antwort. In order to do this, we need...

Sprecher 7: Definitely to be more together, unify, and making sure that we work on a few projects to de-risk ourselves. And unfortunately, not only de-risk ourselves against China, that we already started, rightly so, but also against our dependencies, including... In the United States, we have been friends for decades with the U.S. We continue to be friends. Personally, I continue to be friends. But we have to be realistic. And when we see that some of our dependencies could be used against us, And against our European project, we need to make sure that we reduce these dependencies. Personally, I believe that when we start with the Draghi report and we adapt the Draghi report to the new situation, and of course it was written in 2023, written in 2024, And now, in 2026, we are in a totally different world. We have to adapt it. And we can, I'm certain, now do what we have to do in order to make sure that we're in the next three, four, five years. We will be able to continue to push forward our European project for the benefit of all our 450 million.

Sprecher 8: fellow citizens in Europe.

Sprecher 3: Die Bundesregierung hat versprochen, umfassende Reformen vorzulegen. Und jetzt, nachdem es im Herbst ja schwierig gewesen ist, soll nun der Winter, das Frühjahr der Reformen kommen. Und das betrifft eben auch den sozialen Bereich, die Sozialstaatsreform. Da sollen erste Vorschläge nun an diesem Dienstag, also heute, verkündet werden.

Sprecher 2: Ja, und gestern im Berlin-Table haben wir den Bericht ja schon in den weiten Teilen vorgestellt. Es ist tatsächlich durchaus was Anspruchsvolles drin, wie so oft ja ehrlicherweise bei Expertenkommissionen, die eigentlich schon wissen, was zu tun ist, wenn sich die Politik danach dann auch mal gerne in diesen Bereich begeben würde, der mutigen Reform. Aber jedenfalls soll alles einfacher, effizienter, vor allem natürlich auch für die Bedürftigen einfacher werden. Zum Beispiel sollen sämtliche Sozialhilfe- und Bürgergeldsysteme zusammengelegt werden aus dem berühmten SGB II, also dem Bürgergeld und dem Sozialhilfebereich, dem SGB XII. Das sind verschiedene Sozialleistungen, verschiedene Träger, verschiedene Behörden, die dort bei den Bedürftigen dann immer wieder anklopfen. Das soll zusammengelegt werden, das Kindergeld, auch so eine Binse soll endlich automatisch ausgezahlt werden. Und es soll ein digitales Portal geben, über die diverse soziale Leistungen laufen. Immerhin, da sind mehr als 20 Vorschläge drin, bei denen sich die Experten aus den verschiedenen Richtungen geeint haben. Alleine das sollte der Politik zu denken geben, dass man das, was da vorgelegt wurde, jetzt nicht wieder zerfasert.

Sprecher 3: Ja, vereint sind dort auch Vorschläge aus verschiedenen Bundesländern. Manchmal sind ja die Länder weiter als der Bund zuweilen auch etwas pragmatischer und weniger bürokratisch. Hoffen wir mal, dass die Politik diese Vorschläge nicht nur aufnimmt und zur Kenntnis nimmt, sondern auch schnell umsetzt.

Sprecher 2: Vielleicht wird es dann doch noch ein März der Reform, ein März mit Ä oder mit E. Sie suchen sich das aus. Jedenfalls geht es auch bei der Pflege um Reform, denn die Kosten der Pflege, sie gehen durch die Decke. Der Bundesrechnungshof geht davon aus, dass in den nächsten Jahren bereits die Kosten nicht mehr gedeckt werden können durch die Einnahmen. Allein in diesem Jahr fehlen zwei Milliarden Euro in der Pflegeversicherung. Auch deswegen hat sich eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zusammengesetzt, um auch dort Vorschläge zu machen, wie dauerhaft in einer demografischen Entwicklung, die eben mehr Alte und weniger Junge, beinhaltet, diese Kosten finanziert werden können. Gestern die ersten Vorschläge der Verbände im Gesundheitsministerium in Berlin vorgestellt und diskutiert. Thomas Knieling, der Bundesgeschäftsführer des Verbandes der Alten- und Behindertenhilfe, war auch dabei. Und unsere Kollegin Magdalena Latz, die sich im Berlin-Table um die Gesundheitspolitik kümmert, hat mit ihm darüber gesprochen, wie zufrieden er mit dem Ergebnis der Veranstaltung war.

Sprecher 9: Wie sähe für Sie denn am Ende ein tragfähiges Ergebnis aus? Was müsste das beinhalten?

Sprecher 10: Also das tragfähige Ergebnis müsste auf jeden Fall zwei wesentliche Punkte beinhalten. Wir müssen weiter versuchen, die flächendeckende Versorgung zu sichern und alles dafür zu tun, dass jeder, der professionelle Pflege braucht, sie dann auch bekommen kann, und zwar flächendeckend in Deutschland, weil das auch das Leistungsversprechen der Pflegeversicherung ist. Und gleichzeitig müssen wir es hinbekommen, dass Pflege sowohl für die Gesellschaft insgesamt als auch für den Betroffenen, auch finanziell leistbar bleibt und auch für die Einrichtungen leistbar bleibt in ihrem Aufwand. Und das ist ein bisschen das Kamel durchs Nadelöhr. Nur da müssen wir versuchen, einen möglichst fairen Ausgleich zu finden.

Sprecher 9: Und nun soll die Pflegereform ja Anfang 2027 in Kraft treten. Wie zuversichtlich sind Sie, dass der Zeitplan eingehalten werden kann und dass am Ende auch ein Ergebnis... Zustande kommt, wie das von Ihnen gerade skizziert wurde?

Sprecher 10: Also ich glaube, dass der Zeitplan gehalten werden wird. Ich glaube, der politische Druck ist so hoch, auch da Ergebnisse zu liefern in dem sehr gesellschaftspolitisch sehr gut gehandelten Bereich. Da bin ich schon davon überzeugt. Anhand der Arbeitsgruppenergebnisse wird es auch sicherlich gesetzliche Neuerungen geben, die in diese Richtung weisen. Ob das das Ziel erfüllt, flächendeckende Versorgung wirklich sicherzustellen, als jetzt vom Betroffenen her gedacht, da bin ich nicht so optimistisch, dass wir das zu 100 Prozent schaffen, sondern vielleicht anfangen, es zu sichern.

Sprecher 9: Unter anderem Präventionssäugestärkte. Ambulante Leistungen für Pflegebedürftige sollen flexibler und leichter zugänglich werden. Was davon unterstützen Sie?

Sprecher 10: Also grundsätzlich unterstützen wir die Zielrichtung dessen, was die Grundländer Arbeitsgruppe vorgelegt hat, wenn man es mal im Großen und Ganzen sieht. Im Grundsatz schon. Das heißt also alles, was mit der leichteren Zugänglichkeit zu Pflegeleistungen, wie es so schön heißt, One Access Point, zu sagen, also wo ist die Anlaufstelle für Pflegebedürftige, wenn es klärende Fragen gibt, auch schon Vorpflegebedürftigkeit. Kritik haben wir insoweit immer geübt, dass für uns so der große Wurf gefehlt hat, wie geht es eigentlich mit den professionellen Pflegeleistungen weiter, die ja durchaus immer schwerer verfügbar werden, weil zum einen eben immer teurer werden und zum anderen eben auch immer noch der Personalmangel herrscht und sich ja die große Frage stellt, wenn jetzt die Prävention nicht so greift wie unterstellt, sagen wir mal, oder wie sich das jeder wünscht, drohen ja trotzdem an der einen oder anderen Stelle Versorgungslücken. Die man ja eigentlich nicht haben will.

Sprecher 9: Und welche Lösungen sehen Sie dafür oder was schlagen Sie vor?

Sprecher 10: Also wir schlagen schon seit längerem vor, dass man auch so eine Art Machbarkeitsblick darauf machen muss, welche Leistungen sind in der Fläche durch wen noch verfügbar zu halten. Das geht dann auch um die Fragen von Anforderungen an Personalvorhalt, auch Anforderungen an Infrastruktur, die ja... über die Jahre sehr hoch gewachsen sind. Das heißt, wir haben einen sehr hohen Stand an Qualifikationen für die Mitarbeitenden. Wir haben einen sehr hohen Stand, wenn ich jetzt stationär gucke, an bauliche Vorgaben, die uns dann eben aber in der Frage von effizienter Verteilung von Leistung dann ab und zu doch mal limitieren.

Sprecher 9: Stichwort Finanzen. Wenn es jetzt nicht möglich wäre, über den Bund mehr Geld ins System zu bringen, an welcher Stelle könnte man denn dann aus Ihrer Sicht einsparen?

Sprecher 10: Ja, einsparen ist immer eine schwierige Debatte. Also man sicherlich einsparen kann, ist erstmal in der Frage von Vorgaben an den Träger und an den Betreiber. Man muss sich ja vorstellen, wir haben viel debattiert über die Personalbemessung, auch in der stationären Pflege. Und das hat sich immer sehr stark orientiert an dem, ja, fachlich maximal wünschenswertem. Und das kann man zwar tun, aber das muss man sich eben personell leisten können. Was man sicherlich eine Lösung wäre, ist einfach den Unternehmen mehr Freiheit zu geben in der Frage, was dürfen sie für Leistungen anbieten, also die nicht so stark zu reglementieren. In dem, was sie anbieten und vor allem auch in dem, wie sie es anbieten. Das heißt, denen die Verantwortung zu geben, welchen Angebot sie machen, mit welchem Personal und dann danach zu fragen, war die Qualität gut oder die Qualität auch so zu überprüfen, dass man sagt, natürlich wollen wir im Output keinen... Kein Defizit, aber wir müssen uns nicht in jeden Prozess, in jede Einrichtung einmischen, was wie vorzuhalten ist.

Sprecher 9: Und wie sieht es mit den Pflegegraden aus? Also wie ist da Ihr Standpunkt? Sehen Sie das, dass an denen festgehalten werden sollte?

Sprecher 10: Also ich glaube, es ist klar geworden, dass die Pflegegrade, was jetzt die Schwellenwerte angeht, also zur Bemessung von Pflegegraden, ein Stück weit in der Frage von Integrierung von Demenz und so weiter. An vielen Stellen hat jetzt auch die Politik gemerkt, vielleicht ein bisschen zu generös war, sodass es einen Sondereffekt neben Demografie ergeben hat. Wo dann doch sehr viel mehr Pflegebedürftige in das System gekommen sind und Ansprüche generieren, als vielleicht gedacht war. Insofern macht es schon Sinn, kritisch zu hinterfragen. Und was ja auch viel in der Debatte auch schon war, war ja der Pflegegrad 1. Und der Pflegegrad 1, der ja praktisch unterhalb einer klassischen Pflegebedürftigkeit liegt, den zumindest so umzubauen, dass klar ist, dass es eher in so eine Leistungsstruktur mündet, der pflegevermeidend wirkt. Auch das macht durchaus Sinn.

Sprecher 9: Herr Knieding, vielen, vielen Dank für das Gespräch und für die Zeit, die Sie sich genommen haben.

Sprecher 10: Sehr gerne.

Sprecher 2: Helene, war noch was?

Sprecher 3: Michael, wir müssen über ein Phänomen reden, das Shrinkflation genannt wird. Und es geht darum, dass Packungen von außen betrachtet gleich groß bleiben und auch gleich viel kosten, aber schlicht weniger drin ist. Das heißt, man muss schon sehr genau aufpassen und sehr genau hinschauen beim Einkaufen, um zu sehen, dass es plötzlich eben nur noch die Bananenflocken 80 Gramm sind und nicht mehr wie vorher 100 Gramm.

Sprecher 2: Auch bei meinen geliebten Haribo oder Katjes, muss man ja sagen, gab es früher mal 250 Gramm Tüten. Inzwischen sind es noch 175 Gramm, aber selbstverständlich ist der Preis gleich geblieben. Also ich bin ein großes Opfer dieser Shrinkflation.

Sprecher 3: Ja, und das Interessante ist, dass offensichtlich Deutsche beim Einkaufen eben genau hinschauen, nicht nur auf den Preis, sondern auch auf die Grammzahl, die daneben steht und auch noch wissen, was vor vier Wochen oder vier Monaten oder vier Jahren dort stand. Denn es ist so, dass viele... Reagieren auf die geringeren Mengen und schlicht das Produkt nicht mehr kaufen. Laut einer Umfrage haben jetzt über 50 Prozent angegeben, eine Marke sofort zu wechseln, wenn sie so etwas bemerken. Und laut einer Studie wollen 25 Prozent der Deutschen in diesem Jahr nun auch KI nutzen, um sich beim Einkaufen beraten zu lassen. Also ein Ausgabelimit festsetzen, Preisvergleiche erstellen und so weiter. Und das Ganze natürlich auch auf einer mit Hilfe von KI erstellten Einkaufsliste. Also ich würde mal sagen, es wird schwerer und schwerer, die Menschen zu veräppeln, auch mit solchen miesen Tricks.

Sprecher 2: Lassen Sie sich also nicht irreführen vom Preisschild. Wir jedenfalls sind genau das wert, was drauf ist, nämlich kostenlos ist dieser Podcast. Aber gut, lassen wir das. Aber nicht umsonst. Aber nicht umsonst, genau so. Wir hören uns hier wieder am Mittwoch. Ein besonderer Tag für uns, denn wird bei uns am Abend gefeiert. Aber dazu später mehr. Bis dahin, Table Today, ab Mittwoch wieder, 5 Uhr morgens. Bis dahin, ciao, ciao.

Sprecher 11: Ready by the price tag.