Kommt im Iran jetzt die Wende, Herr Nouripour?
Die Gewalt des Mullah-Regimes gegen die iranische Bevölkerung hat ein neues, beispielloses Niveau erreicht.
Gibt es Zeichen der Hoffnung? Hat der Iran eine demokratische Zukunft? Darüber spricht der in Teheran geborene Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour mit Angela Köckritz.
[12:04]
Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einem finanziellen Kollaps, da die jährlichen Ausgaben auf über 500 Milliarden Euro gestiegen sind. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken warnt vor einer zunehmenden Ineffizienz und stellt erste Strukturreformen zur Debatte. Die Pläne umfassen unter anderem das Ende der kostenfreien Mitversicherung für einkommensschwache Ehepartner sowie eine Stärkung der hausärztlichen Versorgung.
[01:29]
Estland setzt mit dem Pilotprojekt „AI-Leap 25“ weltweit neue Maßstäbe bei der Integration künstlicher Intelligenz im Bildungssystem. Bildungsministerin Kristina Kallas erklärt im Gespräch mit Michael Bröcker, warum Verbote von Chatbots in Schulen zum Scheitern verurteilt sind. Estland setzt auf eine „Sokratische Version“ von ChatGPT.
[06:46]
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Gesünder sind wir nicht, aber dafür deutlich teurer. Das Gesundheitssystem in Deutschland ist mit mehr als 500 Milliarden Euro pro Jahr auf Rekordniveau. Muss das wirklich sein? Gesundheitsministerin Wagen hat nun erste kleine Vorschläge präsentiert, wie sich Milliarden einsparen lassen. Die Diskussion dürfte uns dieses Jahr noch sehr beschäftigen. Wir stellen mal ein paar Maßnahmen vor.
Sprecher 3: Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Wer das gerne wissen möchte, der sollte nach Estland fahren. Dort gibt es nämlich eine maßgeschneiderte KI für Schüler und für Lehrer, um den bestmöglichen Unterricht zu gewährleisten. Was diese KI kann und wie die Lehrkräfte damit umgehen und darauf reagieren, das fragen wir die estnische Bildungsministerin Christina Kallas.
Sprecher 2: Die Brutalität, mit der das Mullah-Regime im Iran gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, erreicht ein neues Niveau. Die Angaben zu den Todesopfern schwanken, aber sie liegen irgendwo zwischen 2.500 und 15.000. Dazu kommen tägliche Verhaftungen. Auch von Hinrichtung ist in den Medien jetzt die Rede. Wie ist die aktuelle Lage vor Ort? Wir fragen den iranstämmigen Vizepräsidenten des Bundestages, Omid Dourybur.
Sprecher 3: Schwere Themen haben wir heute. Wichtige Themen sind es aber natürlich an diesem Freitag, den 16. Januar. Ich freue mich, dass Sie dabei sind.
Sprecher 2: In den letzten Jahren müssen wir mal über das Gesundheitssystem reden. Es krankt an Adipositas, würde ich sagen, also einer gewissen Fettleibigkeit. Denn die Rekordausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung, die gab es so noch nie. Mehr als 500 Milliarden Euro pumpen wir jedes Jahr ins System. Fast 13 Prozent des BIP, also unseres nationalen Volkseinkommens. Und so richtig viel gesünder sind wir ja trotzdem nicht.
Sprecher 3: Ja, es ist wirklich ziemlich enorm, was da ausgegeben wird. Die Kliniken werden allein in diesem Jahr rund 120 Milliarden Euro kosten. Und das macht rund ein Drittel der Gesamtausgaben aus. Auch bei den Arzneimittelausgaben gibt es einen neuen Höchststand. Sie sind in den letzten fünf Jahren von 44 Milliarden auf 55 Milliarden Euro angestiegen. Also der Befund ist ziemlich klar, das Gesundheitssystem ist zu teuer.
Sprecher 2: Ja, ein Hauptthema sind die versicherungsfremden Leistungen. Immer wieder bemängeln Arbeitgeber auch die Vertreter der Kassen, dass zu viel im System bezahlt wird, was da eigentlich gar nicht reingehört. Zum Beispiel Präventionsmaßnahmen, Zahnersatz, Mutterschaftsleistungen. Das macht inzwischen knapp 20 Prozent der Ausgaben über den gesetzlichen Krankenkassen aus. Und eigentlich gehören sie nicht in die Versicherung. Zumindest in europäischen Nachbarländern werden diese Leistungen nicht bezahlt. Wir müssen uns darauf einstellen, auch das eine oder andere tatsächlich aus der eigenen Tasche zu bezahlen.
Sprecher 3: Ja, und bei all diesen Kosten ist es dann trotzdem so, dass viele Menschen den Eindruck haben, Eindruck haben, nicht besonders gut versorgt zu werden. Gerade im Vergleich von Kassenpatienten zu Privatpatienten müssen doch eben die gesetzlich Versicherten ziemlich lange auf Arzttermine warten, nämlich länger als einen Monat im Schnitt und jeder Zehnte sogar länger als drei Monate. Wenn man ernsthafte Sorgen hat, aber eben auch nicht in die Notaufnahme geht, dann ist das schon eine ziemlich lange Zeit.
Sprecher 2: Und die Digitalisierung müssen wir auch noch ansprechen, Helene. Wenn es wenigstens so wäre, dass eine Überweisung elektronisch funktioniert, die Kassenärzte wissen, was die Kliniken beim Patienten schon gemacht haben, ganz zu schweigen von den Pflegeeinrichtungen, die ganz abgekoppelt sind. Also da sind wir 20, 30 Jahre zurück bei der Digitalisierung. Das könnte das System auch effizienter machen. Aber all das sind ja Reformbaustellen, die eine starke... bekannte, resolute Ministerin jetzt lösen muss, richtig?
Sprecher 3: Ja, jedenfalls lösen müsste. Im Koalitionsvertrag hat sich die schwarz-rote Koalition einiges vorgenommen. Die Rede ist dort von tiefgreifenden, strukturellen Reformen. Und das Ziel ist eine gute, bedarfsgerechte und bezahlbare medizinische und pflegerische Versorgung für alle Menschen in Deutschland. Das ist schon die Quadratur des Kreises. Also es soll bezahlbar sein, aber eben auch sicher und gut. Daran muss sich jetzt Nina Wagen machen, die baden-württembergische CDU-Politikerin, die noch nicht besonders viel Erfahrung hat mit dem Gesundheitsbereich. Und jetzt sind es direkt ziemlich viele. viele Aufgaben und sehr, sehr hohe Erwartungen, die sie hat. Und sie hat kürzlich, war sie hier bei Table zu einer Abendveranstaltung und hat schon mal als erstes gesagt, also weniger Geld bzw. Sparen ist noch keine Strukturreform. Und da jedenfalls hat sie sicherlich recht.
Sprecher 2: Ja, sie ist Rechtsanwältin, sie ist vor allem eine Karrieristin aus der JU, das glaube ich darf man so sagen, sie war stellvertretende JU-Chefin und hat auch da ihren Weg in der Partei gefunden. Sie ist jetzt keine Gesundheitsexpertin. Die Frage ist, ob sie so zäh und vielleicht auch so robust ist wie die letzte große Sozialstaatsreformerin in Deutschland, nämlich Ulla Schmidt. Und ich bin mir da noch nicht so sicher, denn alleine so etwas wie eine Praxisgebühr, Helene, die ja diskutiert wird, die von den Arbeitgebern gefordert wird, jetzt auch von den Familienunternehmern wieder, das ist eine Debatte, da hat man sich in Deutschland schon monatelang drüber zerstritten, aber man wird nicht drumherum kommen. Die Deutschen gehen viel zu oft wegen viel zu großer Banalitäten zum Arzt.
Sprecher 3: Erste Vorschläge hat die Ministerin jedenfalls schon gemacht, hier als sie neulich Abend in einem Kreis von Gesundheitsexperten bei Table war. Aber auch in einem Interview in der FAZ hat sie zum Beispiel das Thema angesprochen, kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern. Natürlich nur solche Ehepartner, die ein sehr geringes Einkommen haben, die dann in den gesetzlichen Kassen kostenfrei mitversichert sind. Das will sie überdenken auch und da kommt auch ein bisschen ihre andere Funktion durch, nämlich die der Vorsitzende der Frauenunion, weil sie sagt, man müsse Anreize setzen, damit mehr Frauen... einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgehen, auch mit Blick auf die Altersversorgung. Also da könnte was kommen. Und dann geht es um den Zugang zum Facharzt. Wir sprachen gerade drüber, es gibt die langen Wartezeiten. Und die Frage, welche Rolle hat eigentlich da der Hausarzt?
Sprecher 2: Also der Hausarzt soll eine größere Rolle spielen, damit die Menschen nicht zu schnell bei den Fachärzten sind, die wiederum dann mehr Zeit haben für die wirklich wichtigen Termine. Aber dazu gehört natürlich dann übrigens auch, dass man nicht 60 Tage im Jahr, und so ist das bei einer Ärztin und bei einem Arzt, 60 Tage im Jahr de facto für Bürokratie und Verwaltung aufwenden muss in so einer Arztpraxis, anstatt für den Dienst am Patienten.
Sprecher 3: Die genauen Pläne der Bundesgesundheitsministerin können Sie nochmal ganz in Ruhe nachlesen in unserem Berlin-Table, der gestern Abend rausgekommen ist. Magdalena Latz, unsere Kollegin, zuständig für den Gesundheitsbereich, hat aufgeschrieben, was Frau Wacken plant.
Sprecher 2: Estland schreibt mal wieder Bildungsgeschichte. Als erstes Land der Welt wollen die Balten die KI, also die künstliche Intelligenz, systematisch in den Unterricht in den Schulen integrieren. AI Leap 25 heißt das Projekt und örtliche Wissenschaftler haben dabei mit OpenAI, mit der Software für die... Large Language Modelle, ein maßgeschneidertes KI-Modell für Schüler entwickelt und schulen die Lehrer beim Einsatz der Technologie. Das wollten wir uns natürlich genauer anschauen, so wie das hier bei uns im Deep Journalism von Table der Fall ist und haben am Rande der DLD-Konferenz in München, wo ich gestern war, mit Bildungsministerin Christina Kallers gesprochen aus Estland und sie natürlich erstmal gefragt, was eigentlich das Ziel dieser Initiative ist und wie es konkret in den Schulen angesetzt wird.
Sprecher 4: The main goal is driven by the fear that if we don't do anything, the students are using it anyway, and the result will be decline in knowledge for the next generation and decline in cognitive capacity to actually develop thinking and thought process. Because AI is getting better and better and developing their own thought process. And students tend to kind of offload this thought process and thinking to the generative AI for the school assignments. That's the fear that is driven behind why we want to bring AI into the classroom. So one of the ways of responding to this fear is to ban AI.
Sprecher 2: That's a debate in Germany, by the way.
Sprecher 4: Right, right. But I grew up in Soviet Union and I went... to school at the time when a lot of things were banned. You know what happened?
Sprecher 2: They do it anyway?
Sprecher 4: No, that was our sole...
Sprecher 2: Only illegally?
Sprecher 4: It was our sole focus, how to get those things that are banned. So this is a human, especially teenager's mind. How can I get hold of this? How can I get hold of this? How can I do this?
Sprecher 2: If you forbid it, they love it.
Sprecher 4: Oh, yes, because you draw the border and they try to test you this border. So I think banning is not going to work. We thought that we have to do something. We have to introduce AI into the classroom so that it's present there, it's visible, it's transparent. We know when they use it, we know why they use it, we know how they use it, and teacher is the one in control of the process. So I think that's absolutely fundamental aspect of this, that the whole process has to be pedagogy-driven, teacher-led, teachers in charge of that. And then with this premise, we started designing the whole AI Leap program, thinking that we have to bring it into the classroom. If we don't do it, I think the consequences are worse.
Sprecher 2: Okay, let's go deeper into this. Do I understand it correctly? Made it tailor-made AI model for students with local scientists, also with OpenAI.
Sprecher 4: Yes.
Sprecher 2: And can you give a concrete example how it's really used in the classroom?
Sprecher 4: So OpenAI was very welcoming and picked up the phone when we called them and said that we would like to cooperate and bring this chat GTP into our classrooms. For all 30,000 students that we have in upper secondary schools, they immediately were interested. Next day, basically.
Sprecher 2: How old are the students?
Sprecher 4: From 16 to 19. Okay. Yeah. So we started negotiating with an open AI. Negotiators were not politicians, but the scientists in terms of developing a specifically master prompted version of licensed chat GTP, which we call a Socratic version. So it's a version that doesn't give you automatically answers. It forces you to think. It forces you to, it gives you questions and continues giving you questions. Sometimes it can be very annoying because it keeps pushing you with the questions. So you have to start thinking. And this Socratic type of the open chat GTP is developing also your prompting skills. I think in AI, the prompting skills are the essential core there. Whether you know how to ask questions, what are the consequences, and respond to your questions, it's not a magical tool that gives you automatic knowledge. It's a tool that enhances your thought process.
Sprecher 2: And we always have, if it comes to new technologies, a very distance reaction in the school structure, the teachers, but also the parents. Do you have any advice for Germans to cope with these technologies, to embrace them instead of ignore them?
Sprecher 4: It is a trust question, isn't it? And because Estonians have had a very positive experience with the technology, with a positive experience of giving your digital ID to the government, sort of to the government. Actually, government doesn't have it. It's in the six-road system, which nobody has access to. The system has served Estonians well. It has provided... It has provided very efficient public services, extremely efficient public services. The more efficient the government is in providing public services, the more transparent it is, the quicker it is, the more personal it is that you do get exactly what you need at the time when you need it, the more trust there is. And in Estonia, the e-governance has proven us that that's very efficient. That really gets people what they want at the moment when they want it.
Sprecher 2: Technology is trust. Thank you very much, Minister Kallers, for this insight of your very innovative project and all the best for it.
Sprecher 4: Thank you. Thank you for the conversation.
Sprecher 2: Im Bildungstable von unserer Kollegin Vera Kraft und ihrem Team lesen Sie mehr über diese Initiative. Melden Sie sich doch einfach mal an und schauen Sie mal rein. Vier Wochen kostenlos. Table.media slash Bildung.
Sprecher 3: Der Iran versinkt in Gewalt. Die Aufstände gegen das Regime werden mit größter Gewalt niedergeschlagen. Und das Land ist größtenteils von der Außenwelt abgeschnitten. Das Internet ist seit mehr als einer Woche blockiert. Die Opferzahlen, die sind schwer zu verifizieren. Aber man muss ausgehen von rund 3500 Toten. Es gibt sogar Schätzungen von mehr als 10.000. Dazu kommen noch 10.000 Festnahmen mindestens. Und auch das Schicksal dieser Menschen ist ungewiss. Wie die Lage im Land ist und wie es weitergeht, ob es vielleicht am Ende auch alles doch noch sich zum Guten wenden kann, zur Freiheit. Das hat Angela Köckritz, unsere Kollegin vom China Table, mit Omid Nouripour, dem in Teheran geborenen Bundestagsvizepräsidenten von den Grünen, besprochen. Gerade im Moment sieht es aus, als ob es dem Regime gelungen ist, mit aller Härte die Proteste erstmal niederzuknüppeln. Die Hinrichtungen scheinen erstmal ausgesetzt zu sein. Donald Trump sagt, das Töten hat aufgehört. Wie sehen Sie denn Donald Trumps Rolle bisher?
Sprecher 5: Stand jetzt hat er rote Linien gezogen ohne Ende und hat alle gerissen und jetzt tut er so, als hätte es die roten Linien nicht gegeben und das Morden der Bevölkerung im Iran würde auffallen, aber es stimmt dann einfach nicht. Es gibt ohne Ende Verhaftete, von denen wir nicht wissen, was mit denen passiert ist. Es gibt die Gewalt. Gefahr, dass jetzt die Exekutionen vielleicht akut ausgesetzt werden und in ein paar Wochen erst vollzogen werden. Die Zahl der Erschossen auf der Straße ist unabsehbar hoch. Die Gewalt ist nicht neu, aber diesmal hat man jetzt, ich glaube, jetzt seit mindestens einer Woche das Internet abgestellt. Die Leute können sich gegenseitig nicht warnen, wo man nicht hingehen darf, wo geschossen wird scharf. Es ist sehr viel scharf geschossen worden. Der Staat hat Leichensäcke gestapelt. Die im Staatsfernsehen gezeigt, mit Schulterzucken gesagt, das haben ja die Demonstranten, alle wissen, das ist gelogen, keiner nimmt es denen ab, aber alle sehen, der Staat ist imstande und auch gewillt, Leute zu ermorden und das hat natürlich abgeschreckt. Gleichzeitig sind in Krankenhäusern 70 Leute oder mehr teilweise in einer Nacht an Leichen geliefert worden, es sind Leute geliefert worden mit einem halben Augapfel, Da ist eine Brutalität, die auch für dieses Regime wirklich neue Dimensionen hat.
Sprecher 6: Selbst wenn es dem Regime jetzt erstmal gelungen ist, das niederzuschlagen, die Probleme bleiben ja. Was sind denn mögliche Szenarien in Zukunft?
Sprecher 5: Ich würde sagen, es gibt vier Szenarien. Das eine ist, das Regime ist... Am Kollabieren und dementsprechend übernehmen dann die Revolutionsgraden, machen eine knallharte Militärdiktatur ohne den Schein einer Republik. Wie die das dann durchhalten wollen, weiß ich nicht, aber das wäre dann eher Modell Nordkorea. Das zweite ist, es gibt Chaos, Bürgerkrieg, Rezessionsbewegungen an den Rändern, bei den ethnischen Minderheiten und vieles andere mehr. Das dritte ist... Der Weg zur Freiheit, der ist... ist nicht gezeichnet, aber das ist der wünschenswerteste, im Übrigen auch das, was am meisten das deutsche Interesse ist. Denn auch wir haben was davon, wenn der Iran nicht die gesamte Nahostregion destabilisiert, wie dieses Regime es ja macht. Das sieht man jeden Tag an den Drohungen gegen Israel. Und das vierte Szenario ist das, wonach es zurzeit am meisten aussieht. Und das ist, dass das Regime sich gerade noch so über Wasser halten kann und dass das alles vertagt wird. Aber wie Sie sagen, die Probleme sind nicht gelöst. Die Inflation ist nicht in den Griff bekommen worden. Die Leute verhelfen dann weiter. Die Verzweiflung ist gewachsen. Und ich die Geschehnisse der letzten Tage... Eben auch die Wut.
Sprecher 6: Gibt es denn zivilgesellschaftliche Kräfte in Iran oder im Exil, die zu einer politischen alternativen Macht heranwachsen könnten?
Sprecher 5: Es gibt ein sehr stabiles Netzwerk von zivilgesellschaftlichen Akteuren im Iran, von Menschenrechtlern, Frauenrechtlerinnen, von Kunst und Kultur, die seit Jahren miteinander arbeiten und sich unterhaken, damit sie überhaupt überleben können. Das sind großartige Leute dabei. Ich habe viele von denen auch kennenlernen dürfen. Ganz viele von denen sind, ich sage jetzt mal, teilweise immer im Gefängnis. Teilweise sind ihre Familienmitglieder im Gefängnis. Solide gibt es auch. In der Diaspora-Szene gibt es natürlich auch sehr viele Leute. Da ist die Einheit ein bisschen kleiner. ist, was nicht so schlimm ist. Ich habe die letzten Tage immer gehört, wie soll man denn eigentlich jetzt mit den Iranern arbeiten? Die machen drei verschiedene Demonstrationen an einem Tag in Berlin. Ja, Mai, das ist halt so. Das ist nicht so schlimm. Das Entscheidende ist, dass die ein gemeinsames Ziel haben. Und natürlich wünsche ich mir auch, dass sie auch mehr zusammen marschieren. Aber ich kann nur sagen, das Entscheidende wird im Iran selbst sein und nicht im Ausland.
Sprecher 6: Ein Name, den man ja momentan ziemlich oft hört, ist der von Reza Pahlavi, der Sohn des 1979 geschossenen Schahs. Was halten Sie von dem?
Sprecher 5: Ich war noch nie Royalist. Es gab ja Gründe für die Revolution gegen das Königshaus. Ich muss aber sehen, dass sehr viele Leute ihre Hoffnung jetzt auf diesen Mann projizieren. Entscheidend ist jetzt, dass die Leute nicht abgeschlachtet werden, dass jetzt die Verhafteten nicht exekutiert werden und dass die Menschen im Iran irgendwann mal eine Möglichkeit haben, frei zu entscheiden, wer bei ihnen ist. Anführer, Präsident, König, Kaiser, Emperor, ist mir völlig egal, aber diese Freiheit zu haben, zu entscheiden, das ist das, worum es geht, was wir erreichen sollen. Und wenn es dann der Königssohn ist, dann ist es der Königssohn.
Sprecher 6: Wie sehen denn die Menschen in Iran Donald Trump und eine mögliche Rolle der Amerikaner? Und was ist das Sinnvollste, was die Amerikaner jetzt tun könnten, Ihrer Meinung nach?
Sprecher 5: Die Erfahrung mit den Amerikanern an und für sich ist ambivalent, aber mit Trump noch mehr, weil er sehr, sehr gemischte Signale sendet. Viele Leute haben sich gefreut, dass Maduro weg ist, haben sich gewünscht, dass im Iran der Diktator auch weg ist, aber haben dann gesehen, dass das System Maduro ja bleibt. Und dass es ja gar nicht darum geht, dass es wirklich den Menschen in Venezuela besser geht. Also ungefähr so sind die Signale von Trump auch. Ich muss aber auch sagen, verglichen mit den Europäern, hat Trump wenigstens mal die Stimme erhoben. Die Europäer haben auch das nicht gemacht. Auch das für den Iran natürlich.
Sprecher 6: Sie haben ja auch die Bundesregierung und ganz konkret den Außenminister kritisiert dafür, dass er zu wenig getan hätte. Was sollten denn Deutschland und Europa tun im Moment? Wie könnten sie helfen?
Sprecher 5: Wissen Sie, als die letzte große Protestwelle im Iran war, gab es harte Kritik von der CDU, dass Annalena Baerbock zwei Tage gebraucht hatte, bis sie sich äußert, war der Fuller die ersten zehn Tage nichts gesagt. Aber ist mir egal am Ende des Tages, wenn das Richtige auch passiert. Es hat über zwei Wochen gedauert, bis die Bundesregierung sich überhaupt dazu bekannt hat, dass sie vielleicht versuchen möchte, die Revolutionsgarden, das sind die Milizen, die das Rückgrat sind des Systems im Iran, der Repression im Iran, dass die als Terrororganisationen in der Europäischen Union gelistet werden. Hoffentlich machen sie das jetzt auch und hoffentlich gelingt es auch. Ich wünsche mir das sehr, denn da geht es nicht nur um Symbolik, da geht es auch darum, dass diese Schergen ihre Finanzierungsmodelle in Europa nicht mehr weiter fortsetzen können. Eine Finanzierung, die ihnen Geld gibt, damit sie weiter das iranische Volk unterdrücken.
Sprecher 6: Warum können Sie mit den gewaltigen Bodenschätzen, die Sie haben, eigentlich nicht eine bessere Umverteilung hinbekommen, damit es eben diese sozialen Probleme nicht mehr in dieser Schärfe gibt?
Sprecher 5: Weil das Regime das Geld nimmt und das versickern lässt, auf der einen Seite in Korruption und Selbstbereicherung, auf der anderen Seite in den Ausgleich der Macht innerhalb des Systems. Und auf der dritten Seite wiederum in Repressionsmechaniken. Ich meine, das Land hat endlos viel Geld ausgegeben, beispielsweise für die Unterstützung von... von Assad und der Erhalt der Diktatur in Syrien, was ja jetzt kollabiert ist. Die geben ohne Ende Geld aus weiterhin für die Unterstützung der schiitischen, islamistischen Milizen im Irak und in der Hezbollah in Libanon. Und auch da stellen sich Leute im Iran in Frage, haben wir eigentlich keine eigenen Probleme. Dementsprechend wird das Geld wirklich für alles ausgegeben, nur nicht für den Arbeitsmarkt. Für die Versorgung der eigenen Bevölkerung.
Sprecher 6: Sie haben in einem Interview mal gesagt, dass Sie sich eine Frau an der Spitze des Iran wünschen. Jetzt gab es ja auch gerade zu diesem Thema sehr viele Proteste und Demonstrationen. Das ist ja auch eines der drängendsten sozialen Probleme, sozialpolitischen Probleme. Die Rolle der Frau sehen wahrscheinlich Menschen im Iran sehr unterschiedlich, aber wie ändert die sich denn?
Sprecher 5: Ich weiß nicht, was man so unterschiedlich sieht. Es gibt etliche Ämter im Iran, die für Frauen versperrt sind. Richterin dürfen sie nicht werden, Präsidentin auch nicht. Es gibt ja bei jeder Präsidentenwahl... Über 1000 Bewerber, die werden dann immer aussortiert und es gibt am Ende irgendwas zwischen drei und fünf auf dem Wahlzettel, alle regimetreue Leute. Die ersten, die rausgesiebt werden, sind die Frauen, weil Frauen dürfen das nicht. Aber es ist ja nicht nur für politische Ämter so. Das Wort einer Zeugin gilt die Hälfte vor Gericht. Bei einer Erbschaftskontroverse kriegt die Frau grundsätzlich die Hälfte von dem, was ihr Bruder beispielsweise geerbt hat. bekommt. Bei Fragen vom Familienrecht, bei Scheidungen, beim Sorgerecht für Kinder, Frauen werden auf allen Ebenen benachteiligt. Frauen haben dementsprechend auch ganz viel zu gewinnen und haben die größte Not. Und das führt über Jahrzehnte, hinzu kommt natürlich auch die obligatorischen Bekleidungsvorschriften, die Männer nicht haben, allen voran beim verfluchten Zwangskopftuch. Das führt dazu, dass die Frauen einfach die ersten Mal die Angst verloren haben. Und deshalb ist bei jeder einzelnen Welle zu beobachten, die Frauen sind diejenigen, die die Wellen der Proteste tragen. Ohne die Frauen würde es Proteste nicht geben. Und was 2022 neu war, die Frauen haben die Proteste nicht nur getragen, sondern auch angeführt. Und ich weiß nicht, wie es im Iran weitergeht. Es ist alles einfach nur zum Verzweifeln, wenn man da Verbindungen hat, wenn man Emotionen hat. Aber wenn ich morgens aufwache und mich frage, was mir Hoffnung macht, solange diese Frauen ihre Rechte nicht bekommen, wird es im Iran keine Ruhe geben. Kein Regime wird den Iran unterdrücken können, solange diese Frauen so sind, wie sie sind und solange diese mutigen Frauen tatsächlich nicht zu ihren Rechten kommen. Und dafür kann man nur auf die Knie fallen und dankbar sein.
Sprecher 6: Ganz lieben Dank für das Gespräch.
Sprecher 5: Ich danke Ihnen.
Sprecher 2: Elene, war noch was?
Sprecher 3: Michael, gute Nachrichten auch aus dem Bereich der Medizin. Es gibt einen neuen Höchststand bei den Organspendern in Deutschland. Im letzten Jahr haben 985 Menschen nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe gespendet. Das letzte Mal waren es im Jahr 2012 so viele, also vor 14 Jahren. Also mehr Menschen spenden Organe. Obwohl das ja nur dann passieren darf, wenn man das schriftlich auf dem Organspendeausweis vermerkt hat. Ansonsten darf das nicht passieren. Es gab mal die Überlegung, das umzudrehen und zu sagen, nur wer widerspricht, ist kein Spender. Dazu hat sich am Ende der Bundestag nach einer intensiven Debatte nicht durchgerungen. Aber immerhin die Zahlen steigen. Trotzdem der Appell, Organspendeausweise sind wichtig, jedenfalls für die, die das möchten.
Sprecher 2: Allein die Debatte, glaube ich, im vergangenen Jahr im Bundestag hat schon dazu geführt, dass manche Menschen ihre Bereitschaft inzwischen dann doch signalisieren. Aber eine positive Entwicklung, die nicht ausreicht. Über 8000 Menschen stehen in Deutschland noch auf der Warteliste für ein neues Organ. Also denken Sie doch auch einfach mal darüber nach. Sie könnten am Ende Leben retten. Wir hören uns hier wieder am Samstag mit einer Sonderausgabe aus der DLD-Konferenz hier in München, die Digitalkonferenz. Alex Hofmann, unser Kollege aus dem CEO-Table und ich, wir sind hier vor Ort, haben spannende Interviews für Sie mitgebracht. Hören Sie einfach mal rein am Samstag.
Sprecher 1: Ab dem 17. Januar.
Sprecher 2: Bis dahin, wir freuen uns. Tschüss.