Spiel, Satz und Sieg für die Berliner Linke?
Dauer: 22:58

Spiel, Satz und Sieg für die Berliner Linke?

In Berlin muss sich der Regierende Bürgermeister Kai Wegner Kritik gefallen lassen. Die Opposition fordert seinen Rücktritt, die SPD geht auf Distanz. Wegner hatte sich entschieden, Tennis zu spielen, während Zehntausende Menschen nach dem Anschlag ohne Strom in der Kälte saßen. Welchen Einfluss wird das Tennismatch auf die Berlin-Wahlen haben?

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Im Iran hat es am Abend die größten Protestkundgebungen seit Beginn der neuen Protestwelle gegeben. Tausende Menschen sollen in Teheran und anderen Städten auf den Straßen gewesen sein. Die Journalistin Ferdos Forudastan ordnet die Lage ein: „Ich glaube schon, dass in dem Regime eine ziemliche Unruhe herrscht.“ Denn dieses Mal könnte es eventuell tatsächlich nicht reichen, mithilfe „dieses sehr starken Repressionsapparates die Demonstrationen niederzuschlagen".

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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Hat Kai Wegner seine Karriere verspielt und zwar diesmal im wahrsten Sinne? Während 45.000 Haushalte in Berlin ohne Strom und Heizung waren, stand der regierende Bürgermeister auf dem Tennisplatz, um den Kopf frei zu bekommen. So hat er es gesagt. Die Opposition fordert nun seinen Rücktritt. Die CDU steht hinter ihm. Ricarda Lang twitterte, immerhin hatte der Mann Netz. Ganz guter Witz. Und wir fassen das Wichtigste für Sie zusammen. Revolution im Nahen Osten? Danach sieht es jedenfalls aus, wenn man auf die Bilder schaut, die aus dem Iran zu uns kommen. Der Widerstand gegen das Mullah-Regime wächst. Tausende Demonstranten im ganzen Land sind auf den Straßen. Wir sprechen mit Ferdos Furudastan, der langjährigen Politikjournalistin, die in Iran zur Schule gegangen ist, darüber, wie es in dem Land weitergehen könnte. An diesem Freitag, den 9. Januar. Schön, dass Sie dabei sind.

Sprecher 3: Elina, hatte Kai Wegner mit seiner einstündigen Tenniseinheit mitten im Stromausfall am Samstag seinen Anne Spiegel oder Armin Laschet Momente? Was ist deine Einstellung?

Sprecher 2: Naja, jedenfalls gibt es ein wirklich schlechtes Bild ab. Solche Dinge kann man jetzt sagen, das ist die mediale Empörung. Ich würde sagen, da steckt mehr dahinter, nämlich, dass man nicht das richtige Gespür hat für Situationen. Und wir erinnern uns, es war eine Situation, in der viele Menschen, Hunderttausend ungefähr in Berlin, Angst hatten, nicht wussten, wie es weitergeht, orientierungslos waren, teilweise sich Sorgen machten um ihr Leben, um ihr Überleben, die Älteren, die Pflegeheime. Und wenn man dann weiß, der Mann, der für alles verantwortlich ist, macht Sport. Dann haben wir ein Problem, würde ich schon sagen.

Sprecher 3: Ich habe mich gestern mit ihm auf offener Bühne bei der Mitgliederversammlung des Rotarischen Vereins im Hotel Arlon gestritten, denn er sieht das ja wirklich komplett anders. Er ist der Meinung, ich habe eine Stunde Tennis gespielt, ich musste mal den Kopf frei bekommen, war sonst nur erreichbar. Ja, und natürlich hätte ich am Sonntag, als ein Journalist ihn darauf angesprochen hat, übrigens auch im Podcast mit uns hat er das ja nicht erwähnt, hat er gesagt, er habe sich zu Hause eingesperrt und den ganzen Tag koordiniert und telefoniert. Das stimmte nicht wirklich ganz. Also das eine ist die Halbwahrheit, man darf vielleicht auch Lüge sagen. Und das andere ist, kann ein Regierungschef mitten im Krisenfall mal eben eine Stunde Tennis spielen mit seiner Lebensgefährtin, der Bildungssenatorin? Ich muss sagen, Helene, es gibt ja... Inhaltliche Kritik am Krisenmanagement, darüber können wir ja nochmal reden. Und dann ist das zusätzlich eine instinktlose, auch eine Sache, die kein politisches Gespür darstellt. Und dann ist das kritikwürdig.

Sprecher 2: So sehe ich es auch. Und ich würde sagen, man muss zwei Dinge unterscheiden oder vielleicht sogar drei Dinge. Das eine ist, dass man sich sowieso fragt, warum jemand in so einer Situation überhaupt darüber nachdenkt, auf den Tennisplatz zu gehen. Also man würde ja nun erwarten, dass jemand... Der die Verantwortung trägt für diese Stadt, irgendwie ständig auf dem Laufenden gehalten werden will und nicht sein Handy für anderthalb Stunden weglegen will. So ist eigentlich meine Erwartungshaltung an verantwortungsvolle Politik. Aber wenn man jetzt sagt, und dafür habe ich natürlich auch Verständnis, ich bin ja schließlich auch ein Mensch, nein, ich musste mal raus, ich musste einfach mal den Kopf freikriegen, eine Stunde Tennis, ich konnte eh in der Zeit nichts tun, denn das ist die Stunde des THW, das ist die Stunde der Polizei und so weiter. Da ist ein Spitzenpolitiker sowieso viel am Platz, bindet nur die Sicherheitskräfte. Dann muss man zumindest so ein Gespür haben zu sagen, dann darf man nicht gesehen werden. Und da hat mir mal jemand gesagt, der mal Justizminister in einem Bundesland war, im Fall eines Terroranschlags gab es ein ganz klares Regime und das lautete, der Minister darf nicht in der Öffentlichkeit auftreten, jedenfalls nicht, wie er Eis ist, wie er auf dem Spielplatz sitzt oder sonst irgendwas. Denn das gibt einfach ein schlechtes Bild ab, ein Bild von jemandem, der den Ernst der Lage nicht erkannt hat. Und am Ende ist es so. Das ist die Frage der Professionalität. Warum hatte Kai Wegner niemanden, der ihn vor so etwas gewarnt hat?

Sprecher 3: Ich möchte es eigentlich auch nicht, dass er versteckt irgendwie es nicht macht, sondern ich finde es eine Frage des gesunden Menschenverstands, dass jemand sagt, jetzt braucht mich Südwesten Berlins mit hunderttausenden Betroffenen und jetzt kann ich nicht irgendwie bei mir um die Ecke Tennis spielen gehen. Ich finde erstaunlich, wie sehr die CDU-Fraktion in Berlin, diese Kritik von vielen in den Medien, sind ja nicht nur wir, abschätzig, wirklich disqualifiziert. Ich nehme als Beispiel mal Burkhard Dräger, der Fraktionschef. Der mir geschrieben hat, man habe einen linksterroristischen Anschlag in Rekordzeit abgewehrt. Also linksterroristisch, ja, Rekordzeit, lassen wir mal dahingestellt. Und ein Teil der Medienblase beschäftige sich mit der oberflächlichen Frage, ob ein Bürgermeister eine Stunde Pause machen darf. Er halte das für lächerlich. Und dann geht es immer weiter. Er würde mal gerne die Gegenfrage stellen, welche Unterstützungsleistungen in der Krisenbewältigung gefehlt haben sollten. Ja, kann ich Ihnen gerne sagen. Also wir haben eine Großschadenslage, die erst am Sonntagnachmittag ausgerufen wurde, die damit erst zu einem Krisenmanagement auf Landesebene geführt hat, wo die Polizei, THW und Bundeswehr wirklich koordiniert werden konnte. Wir haben zu spät Notaggregate bestellt, die aus Nordrhein-Westfalen geliefert werden mussten. Wir hatten keine Tür-zu-Tür-Aktion, um zu gucken, ob da irgendwo ein Alleinstehender sitzt. Wir hatten zu wenig technisch parallele Entwicklung, außer dieser Fokus auf die Reparatur der Leitung in den ersten 12 bis 20 Minuten und Stunden. Und natürlich kann ein Bürgermeister auch in das Krisenzentrum gehen und damit auch einfach signalisieren, ich bin bei euch. Unterstütze euch. Das gehört zum politischen Geschäft dazu.

Sprecher 2: Ja, wobei man da sagen muss, es gibt eben auch immer mal wieder Hinweise von Sicherheitskräften und auch so weiter, die sagen, wenn dann in der Hochlage ein Minister, ein regierender Bürgermeister oder sonst wer kommt, dann mit einem Medienpost, dann steht der im Weg, dann macht der die Sache nur noch schlimmer und das ist dann wieder eine reine PR-Aktion, die nicht hilft, sondern schadet. Ich würde aber trotzdem sagen, Michael, du hast es angesprochen, nach dem Fall Anne Spiegel, nach dem Fall Armin Laschet, nach den vielen anderen Fällen, die wir hatten, gibt es doch so etwas wie ein allgemeines Verständnis von auch Beratern und Pressesprechern und so weiter, die, wenn der Politiker selber das gespürt nicht hat, einen darauf hinweisen und sagen, bitte heute pass auf, dass du nicht mit der falschen Sache in die Öffentlichkeit kommst. Denn natürlich, wie gesagt, Politiker sind Menschen, die müssen auch schlafen, vielleicht müssen sie auch was kochen oder sonst was, aber man muss doch schon auch darauf achten, welches Bild man in der Öffentlichkeit abgibt. Und dass das nicht passiert ist, das ist auch am Ende tatsächlich, ich sage es nochmal, ein Mangel an Professionalität.

Sprecher 3: Ja, vor allen Dingen, wenn man dann auch noch auf eine ganz gezielte Frage bezüglich dieses Samstagnachmittags wirklich die Unwahrheit sagt, aber dann uns anmacht, ich lasse mir meinen Erfolg nicht kaputt machen, hat er gestern bei den Rotariern gesagt. Er meint, dass man einen Tag vor der ohnehin sehr langen Reparaturfrist Donnerstag es geschafft hat. Also man geht direkt in so einen Offensivmodus, ihr Medien, oberflächlich, ich werde kein Social-Media-Politiker, hat er mir dann auch noch gesagt und meinte natürlich so ein bisschen, Markus Söder, der aus jeder Aktion vielleicht auch eine Überinszenierung macht, aber das ist ja gar nicht unser Punkt. Es ist ein Zeichen der Wertschätzung, der Empathie, des Mitgefühls zu sagen, ich bin bei euch, ich bin draußen, mein Kopf gehört gerade euch Betroffenen. Aber gut, ich sage dir, die Quittung wird er bekommen. Bei der Wahl offenbar hält die CDU weiter an ihm fest. Es wird ein linksgrün-rotes Bündnis in Berlin geben und die vielen inhaltlichen Erfolge durchaus bei ihm, bei Verwaltung, bei Migration, vielleicht auch bei Sicherheit oder Autobahn, Baustellenmanagement, was auch immer er da alles so gemacht hat in diesen drei Jahren, werden teilweise zumindest aus seiner Sicht zurück abgewickelt. Ob es das alles wert war, ich weiß es nicht.

Sprecher 2: Ja, Michael, schauen wir mal, ob es dann wirklich so kommt. Denn wir haben ja jetzt erst Tag 6 nach dem Stromausfall und Tag 2 nach dem Tennis-Gate. Da wird sich die CDU Berlin auch noch sortieren. Die werden schauen, wie sich die Umfragewerte entwickeln. Ob Kai Wegener so fest im Sattel sitzt, wie es jetzt zunächst schien, da würde ich sagen, das ist verfrüht. Denn man darf ja nicht vergessen, seine Wählerbasis, die Wählerbasis der CDU, die ist in Berlin im Südwesten. Also genau in dem Gebiet, wo der Strom ausgefallen ist, wo die Leute jetzt sauer sind. Und insofern werden wir mal sehen, wer da am Ende antritt. Jetzt sehen wir erstmal, dass CDU und SPD sich gegenseitig kritisieren. Wegner in seiner Not rächt sich nämlich nun an der Innensanatorin Spranger und wirft ihr vor, ihn zu spät informiert zu haben, die Großschadenslage zu spät ausgerufen zu haben. Also das gibt leider wieder mal kein gutes Bild ab. der Berliner Regierung. Es sind die größten Proteste seit Jahren, die gerade im Iran stattfinden. Noch größer, sagen manche Beobachter, als im Jahr 2022, als nach der Tötung der Kurdin Massa Amini das System, das Regime schon mal wackelte. Jetzt fordern tausende Menschen offen das Ende der Diktatur und Auslöser ist wirklich eine handfeste Wirtschaftskrise. Die Währung im Iran hat in den letzten Tagen dramatisch an Wert verloren und durch die extrem gestiegenen Preise können sich viele Menschen kaum noch Lebensmittel leisten. In dem ja eigentlich so reichen Land geht es den Menschen noch schlechter als zuvor. Und bemerkenswert ist deswegen an den Protesten, es nehmen jetzt auch Vertreter aller Bevölkerungsschichten teil, auch derjenigen, die traditionell das Mullah-Regime unterstützt haben. Das Vertrauen in die Führung, so kann man sagen, ist erschüttert und manche fordern jetzt sogar, dass der im Exil lebende... Sohn des ehemaligen Schahs Reza Pahlavi das neue Staatsoberhaupt werden soll. Sehen wir nun wirklich das Ende des Mullah-Regimes? Das bespreche ich nun mit Ferdos Foudastan, der langjährigen Politikjournalistin und ehemaligen Sprecherin von Bundespräsident Gauck und jetzigen Geschäftsführerin der gemeinnützigen Sivis Medienstiftung. Außerdem ist sie Leiterin des WDR Europaforums. Ferdows Vorodestan ist in Iran zur Schule gegangen und hat immer noch viele Kontakte in das Land. Und deswegen freuen wir uns sehr, dass sie nun hier ist. Hallo Ferdows.

Sprecher 4: Hallo liebe Helene, ich bin dankbar für die Anfrage.

Sprecher 2: Ja, sag mal, wie nah sind wir denn nun dran an einem Umsturz im Iran? Kann man das überhaupt sagen?

Sprecher 4: Nein, ich glaube, das kann man im Moment seriös nicht beantworten. Man kann auf jeden Fall sagen, es sind wahnsinnig viele Menschen sehr unzufrieden mit diesem Regime, sehr unglücklich. Sie wollen auf jeden Fall, dass es verschwindet, dass es stürzt. Und ich behaupte mal... Auch wenn es dazu keine aktuellen, also ganz aktuellen Umfragen gibt, dass der große Teil der iranischen Bevölkerung, und zwar quer durch alle sozialen Schichten, möchte, dass dieses Regime verschwindet. Und trotzdem jetzt zu sagen, da sind ganz viele Menschen auf den Straßen und das heißt, das Regime stürzt demnächst, das wäre einfach nicht seriös. Wir hatten ja in den vergangenen Jahren immer wieder Situationen, wo sehr viele Iranerinnen und Iraner demonstriert haben, auch unter In-Kaufnahme erheblicher persönlicher Nachteile, unter Gefährdung ihres Lebens, ihrer Gesundheit. Und trotzdem hat das Regime sich immer wieder gefangen und ist nicht verschwunden. Insofern ist es wirklich sehr schwer, in der aktuellen Situation zu beurteilen.

Sprecher 2: Gibt es denn einen Unterschied zu den Protesten im Jahr 2022, die ja hier auch in Deutschland... sehr stark rezipiert wurden politisch, wo Auslöser war ja die Tötung der Kurden Massa Amini. Was würdest du sagen?

Sprecher 4: Ja, es gibt insofern einen Unterschied, mein Eindruck und auch das, was ich höre von vielen Gesprächen, die ich mit Menschen in Iran führe, dass es mittlerweile sehr viel mehr Bevölkerungsschichten erfasst hat. Dass es wirklich geht von Leuten, die in ganz prekären... Situationen leben, die arm sind, über den Mittelstand, der mittlerweile weitgehend verschwunden ist, weil einfach die wirtschaftliche Lage so wahnsinnig schwierig ist, bis zur Oberschicht, die natürlich schon lange gegen das Regime irgendwie ist. Also man kann... Einfach davon sprechen, dass es wirklich das ganze Land erfasst hat, natürlich nicht alle Menschen. Also wenn alle Menschen dagegen wären, würde sich das Regime trotz seiner erheblichen Repressionen nicht halten, aber doch die große Mehrheit. Und was auch nochmal anders ist, dass dieser Protest dieses Mal ausgegangen ist von den eigentlich sehr konservativen Bazarhändlern, die lange als Stütze des Systems galten oder zumindest zum Teil einfach weggeguckt haben und so. Und die haben angefangen mit einem Streik. Von denen ist es jetzt dieses Mal ausgegangen. Und das ist schon ein Unterschied.

Sprecher 2: Ja, Ferdus, es gibt ja sogar das Gerücht, dass Ayatollah Khamenei seine Flucht vorbereiten soll. Was ist deine Einschätzung, wie fest sitzt dieses Regime noch im Sattel?

Sprecher 4: Also zu diesen Meldungen oder Berichten, Mutmaßungen über eine Flucht, die Khamenei vorbereitet, da kann ich ehrlich gesagt nichts sagen. Und ich bezweifle auch, dass es viele Menschen gibt, die darüber wirklich Bescheid wissen. Das habe ich auch nur so zur Kenntnis genommen, gelesen. Ob es stimmt, weiß ich einfach nicht. Ich glaube schon, dass in dem Regime eine ziemliche Unruhe herrscht, Sorge herrscht, dass es dieses Mal tatsächlich nicht reicht, mithilfe dieses sehr starken... Repressionsapparates die Demonstrationen niederzuschlagen, dass es dafür einfach zu viele Menschen sind, die aufbegehren. Und hinzu kommen noch zwei Sachen. Erstens hat man ja Alliierte verloren, zum Beispiel mit Syrien, mit Bashar al-Assad. Man ist geschwächt worden. Durch die Schläge gegen die Hezbollah. Und außerdem hat man in Teilen des Regimes ganz sicher die Sorge, dass Donald Trump das, was er in Venezuela gemacht hat, auch in Iran machen könnte. Das hat man bis vor kurzem noch für nicht wahrscheinlich oder vielleicht auch möglich gehalten. Diese Sorge ist sicher ein Stück näher gerückt und deswegen glaube ich, die Nervosität ist groß, ob es dann dazu führt, dass das Regime jetzt in absehbarer Zeit stört. Ich glaube wirklich, das kann im Moment seriös niemand sagen. Und da sind die totalen Iran-Experten auch erstmal skeptisch und sagen, das kann auch noch eine Weile dauern.

Sprecher 2: Ja, Donald Trump hat ja dem Regime jetzt gedroht und gewarnt, dass man eben nicht Demonstranten töten und Gewalt anwenden dürfe. Glaubst du, das hat auch zur Folge, dass jetzt, so berichten es jedenfalls einige, das Regime sich etwas zurückhält und Bilder vermeiden will von größter Brutalität gegen die Demonstrierenden?

Sprecher 4: Ob das der Grund ist, kann man glaube ich nicht so genau sagen, zumal das Regime ja keine einheitliche, homogene Masse ist, sondern in diesem Regime gibt es auch ganz unterschiedliche Gestalten, gibt es ganz unterschiedliche Stränge. Ich denke, einige Teile des Regimes befürchten tatsächlich das. Andere sagen, wir wollen uns die... Teile der iranischen Bevölkerung, die wir vielleicht noch gewinnen können, also gerade unter den konservativen Basaris und ihren Familien, die wollen wir uns nicht dadurch verprellen, dass wir jetzt mit besonders großer Härte gegen die Demonstranten vorgehen. Und dann kommt natürlich eine Unsicherheit hinzu, über die wir ja eben schon gesprochen haben.

Sprecher 2: Auffällig ist ja, dass sich Europa jetzt wieder einmal wie schon 2022 zwar so, Sorgen macht und auch berät und analysiert, aber ansonsten keine große politische Rolle in Iran spielt. Müssen wir nicht die Menschen mehr unterstützen in ihrem Freiheitskampf? Ist nicht in dieser Frage mehr von Europa zu erwarten? Was denkst du?

Sprecher 4: Doch, das finde ich und das finde ich schon sehr lange. Also es gibt ja in Iran sehr viele Freiheitsliebende und sich nach Demokratie sehnende und für die Demokratie und die Freiheit kämpfende Menschen, auf die es bisher ziemlich wenig geguckt worden, auch von Europa oder vielleicht sogar gerade von Europa aus. Und das sehe ich jetzt wieder und ich finde auch überhaupt gemessen daran, was da passiert und welche Bedeutung dieses Land auch geostrategisch hat, ist das Interesse seitens der EU an Iran im Moment ziemlich schwach. Gut, jetzt kann man sagen, da passiert weltpolitisch so eine Menge, das ist eine harte Konkurrenz, Stichwort USA, Stichwort Venezuela, Grönland und anderes. Und trotzdem finde ich es falsch. Hoffe ich, dass die EU und auch Deutschland sich da sehr schnell eines Besseren besinnt.

Sprecher 2: Jetzt hat sich Reza Pahlavi zu Wort gemeldet aus dem Exil, der Sohn des damaligen Schahs, der 1979 in der Revolution gestürzt wurde. Und er verspricht sogar den Übergang zu einer Demokratie, verspricht freie Wahlen. Ja, was glaubst du, müssen wir damit reden? Rechnen, dass jetzt der Sohn des Schahs zurückkehrt und die Macht übernimmt?

Sprecher 4: Also ich rechne damit nicht, ehrlich gesagt. Natürlich ist der Sohn des Schah im Moment sehr präsent. Er hat viele Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen, nutzt die auch. Und es gibt einen Teil der iranischen Bevölkerung, das hört man auch, wenn man die Sprechthöre von Demonstranten hört, die tatsächlich... wollen, dass er zurückkommt. Sie rufen, es lebe der Schah. Sie sind Anhänger der Monarchie. Es gibt andere, die sagen, und die sind tatsächlich auch überzeugte Anhänger, es gibt andere, die sagen, gut, er soll jetzt einfach mal kommen und dafür sorgen, dass jemand anders statt dieses schrecklichen Regimes da ist. Und dann wird es Wahlen geben und dann werden möglicherweise ganz andere siegen. Es gibt aber auch Teile der iranischen Bevölkerung, die absolut nicht damit einverstanden sind. Die schlimme Erinnerungen an die Schah-Diktatur haben, die ja eine sehr blutige Diktatur gewesen ist und die sagen, wir haben überhaupt keine Anhaltspunkte davon, dass der Sohn des Schah das anders machen wird. Also was hier zum Teil vermittelt wird, dass er eine riesige Anhängerschaft in dem Land hat, das kann ich aus meinen Kontakten, aus meinen Gesprächen nicht bestätigen. Aber man muss dazu sagen, das sind natürlich immer punktuelle Eindrücke. Wenn man selber nicht in dem Land ist, selber nicht recherchiert, selber nicht mit ganz vielen Menschen spricht, das ist ein 90 über 90 Millionen. Volk, dann ist es sehr schwer zu sagen, die meisten wollen das oder die meisten wollen jenes. Ich glaube nur, was man sagen kann, die meisten, die so stark gebeutelt sind von der katastrophalen wirtschaftlichen Lage, die wahnsinnig leiden unter den Repressionen dieses Regimes, die wollen, dass das Regime wegkommt. Aber dass sie jetzt dafür sind, dass der Sohn des Schah nach Iran zurückkehrt, das glaube ich, kann man von hier aus seriös nicht sagen. Und wenn ich irgendwie eine Einschätzung dazu abgeben sollte, würde ich sagen, die Mehrheit ist es nicht.

Sprecher 2: Vielen Dank, dass du heute bei uns warst, liebe Ferdows für Ruderstan.

Sprecher 4: Danke dir.

Sprecher 1: Helene, war noch was?

Sprecher 2: Ja, lieber Flo, es gibt Nachrichten aus dem All, denn dort könnten bald die Halbleiter produziert werden, die wir doch für alles Mögliche so dringend brauchen, für E-Autos und für viele andere Innovationen und wo sich doch die Europäer so bemühen, dass sie in dem Rennen nicht völlig abgehängt werden von China, Taiwan und Amerika. Das britische Luft- und Raumfahrtunternehmen Spaceforge will also in Zukunft Halbleiter im All produzieren und das auch noch vollautomatisch, also ohne dass Menschen jetzt auch selbst ins All fliegen sollen. Und den nächsten Schritt auf diesem Weg hat das Unternehmen bereits erfolgreich gemeistert und das erste Mal Plasma in einem Satelliten erzeugt. Das All eignet sich nämlich für die Chip-Herstellung besonders gut, weil es dort ein natürliches Vakuum gibt und Verunreinigungen der Produkte, anders als auf der Erde, wenig wahrscheinlich sind. Wenn Sie sich für solche Themen interessieren, Denn nicht nur Chips werden im All hergestellt, sondern da passiert noch vieles andere und zwar auch sicherheitspolitische und wirtschaftspolitische. Dann kann ich Ihnen nur unseren Space Table sehr empfehlen. In dieser Woche ist er das erste Mal erschienen. Schauen Sie doch mal rein unter table.media.space. Und damit verabschieden wir uns auch von Ihnen für heute und empfehlen Ihnen unsere Ausgabe dieses Podcasts am Samstag, wo diesmal zwei Kolleginnen des China Table in Charge sind und sich mit der Frage Taiwan, die Sicherheit von Taiwan und was die Europäer tun können, beschäftigen. Sehr wichtiges Thema, hören Sie da mal rein. Und wir sind am Montagmorgen wieder für Sie da. Bis dahin, tschüss.

Sprecher 5: And I think my spaceship knows which way to go. Tell my wife I love her very much, she knows. Ground control to Major Tom, you're servited, there's something wrong, can you hear me Major Tom? Can you hear me Major Tom? Can you hear me Major Tom? Am I sitting in a tin can? Planet Earth is blue and there's nothing I can do.