Ist die FDP noch zu retten, Herr Lindner?
Dauer: 28:49

Ist die FDP noch zu retten, Herr Lindner?

Christian Lindner blickt kurz vor Weihnachten auf seinen Abschied aus der Bundesregierung zurück und widerspricht der Erzählung eines lange geplanten Bruchs der Ampel. Das sogenannte D-Day-Papier nennt er eine mediale Zuspitzung, die eigentliche Entscheidung sei eine Frage der Überzeugung gewesen: Wirtschaftswende oder Neuwahlen. „Ich habe für meine Überzeugungen höchste Staatsämter aufs Spiel gesetzt“, sagt Lindner im Gespräch mit Michael Bröcker.


Deutlich wird Lindner bei seiner Kritik an der aktuellen Wirtschaftspolitik unter Bundeskanzler Friedrich Merz. Hohe Schulden, Subventionen und neue Kaufprämien für E-Autos blockieren aus seiner Sicht strukturelle Reformen, während der versprochene Bürokratieabbau ausbleibe. Die Union mache in Regierungsverantwortung nun genau das, was sie der Ampel zuvor vorgeworfen habe – eine echte Wirtschaftswende erwartet Lindner deshalb nicht.


Nach 25 Jahren in der Politik hat sich Lindners Alltag dennoch kaum verändert. Er arbeitet als Unternehmer, sitzt in Vorständen und Aufsichtsräten und verbringt mehr Zeit mit seiner Familie. „Ich war immer alltagstauglich, weil ich immer im Alltag war“, sagt Lindner – und spricht über den Wechsel vom Spitzenamt zum Vater einer neun Monate alten Tochter.


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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Herzlich willkommen an diesem Dienstag, den 23. Dezember, am Vorabend des Heiligen Abends. Und ich freue mich, dass Sie bei uns sind, denn wir haben noch ein gutes Gespräch für Sie, bevor Sie dann wirklich Geschenke auspacken dürfen. Die Politik geht in die Pause, Friedrich Merz in den Urlaub, die Bayern gewinnen immer weiter. Sie sehen, alles ist irgendwie im Lot, Sie können sich auf Ihre Familie konzentrieren. Aber bevor Sie das tun, dachten wir, wir präsentieren Ihnen nochmal einen Mann, der in den vergangenen Jahren fast täglich die Debatten in Deutschland bestimmt hat. Er war vielleicht so etwas wie das Epizentrum der Ampelkoalition neben dem Bundeskanzler Olaf Scholz, nämlich der Finanzminister und ehemalige FDP-Chef Christian Lindner. Von den einen immer noch als liberale Lichtgestalt umjubelt, einer der begnadetsten Rhetoriker und politischen Talente der letzten Jahrzehnte und von den anderen als der Grund, warum dieses vermeintliche Aufbruchsbündnis am Ende gescheitert ist. Aus ihrer Sicht ein egoistischer Karrierist, der die Ampel auf dem Gewissen hat. Was ist da jetzt wirklich los gewesen? Wir wollten mal kurz vor Weihnachten mit dem Mann sprechen, der jetzt schon seit ein paar Monaten raus ist aus der Politik, viele neue Jobs hat und mal fragen, wie es ihm eigentlich geht. Als Ex-Minister, als Ex-Parteichef, aber auch als Papa und Neuunternehmer. Einen schönen guten Tag, Christian.

Sprecher 3: An Lindner.

Sprecher 2: Einen schönen guten Tag, Michael Bröker. Einen Tag vor Heiligabend. Christian, wir duzen uns, wir kennen uns seit 20 Jahren, war auch bei uns beiden eine Achterbahnfahrt.

Sprecher 3: Wie meinst du das?

Sprecher 2: So zwischen Journalist und Politiker? Ja, ja. Das ist ja immer ein spannendes Verhältnis.

Sprecher 3: Zwischen seriöser, objektiver und geprägter Berichterstattung, meinst du? Nein, Spaß beiseite. Natürlich liest man als Politiker gerne positive Urteile und nicht Kritik. Nicht jede Kritik empfindet man auch als gerechtfertigt. Und deshalb, klar, gibt es auch so in persönlichen Beziehungen Aufs und Abs.

Sprecher 2: Aber du galtst schon als Politiker, der Journalisten auch gerne mal direkt kontaktiert. fragend, kritisch, hinterfragend, wenn sie in irgendeinem Artikel mal wieder den Halbsatz nicht ganz korrekt hatten. Also zumindest sagen wir mal, die mediale Bewertung von dir war dir in deinem Alltag als Politiker schon auch immer wichtig.

Sprecher 3: Eine Zeit irgendwann nicht mehr. Also eine Zeit in der Tat, habe ich, wenn ich Einordnungen oder Fakten falsch gefunden habe, eine alternative Interpretation angeboten. Aber irgendwann vor, was weiß ich, Jahren, habe ich das eigentlich für mich eingestellt. Warum, weiß ich gar nicht genau. Vielleicht, weil man sich gewöhnt an eine bestimmte Art, wie... auch manchmal zugespitzt wird, auch unter Weglassung von Details, die vielleicht dir als Objekt der Berichterstattung wichtig sind, aber nicht dem Chronisten.

Sprecher 2: Fühlst du dich im Rückblick insgesamt medial fair betrachtet?

Sprecher 3: Da gab es Phasen so, Phasen so, sehr viele Moden und deshalb, ich habe das nicht als so eine Kategorie dann am Schluss mehr wahrgenommen, weil sich auch die Wirkmächtigkeit von journalistischen Medien so drastisch verändert hat. Vor 20 Jahren hat man ja den neuen Spiegel erwartet, was da jetzt nun drinsteht. Und man hat irgendwie gefühlt eine ganze Woche über die Berichterstattung gesprochen.

Sprecher 2: Vor dieser Konferenz, Zitat ganz Berlin, lautete mal eine Kampagne des Spiegel.

Sprecher 3: Ja, das ist vorbei.

Sprecher 2: Wenn wir über die Ampel reden und den Bruch der Ampel, bist du trotzdem in der medialen Wahrnehmung der Bösewicht, der diese vermeintlich sozialliberale Hoffnungskoalition von innen hat implodieren lassen. Ist ein Körnchen Wahrheit drin?

Sprecher 3: Absolut ja. Ich wollte die Wirtschaftswende und ansonsten Neuwahlen.

Sprecher 2: Und das Vorbereiten dieses Bruchs, siehst du es heute?

Sprecher 3: Das gab es nicht. Das ist ein Medial. Jahresnarrativ. Es gab beide möglichen Auswege, entweder eine Einigung auf eine Wirtschaftswende oder die gemeinsame Neuwahl. Das andere ist ein überhöhtes Narrativ, befeuert insbesondere von SPD und Grünen.

Sprecher 2: Und einem D-Day-Papier aus der Parteizentrale.

Sprecher 3: Das aber ja mit der historischen Realität nichts zu tun hatte. Das ist ja ein Schlagwort geworden, das sich völlig losgelöst hat von dem, was in dem Papier drinsteht, was seine Absicht war und vor allen Dingen von der historischen Realität. Denn das in diesem... Von Mitarbeitern vorbereiteten Papier beschriebenes Szenario ist ja gar nicht das gewählte. Das gewählte Szenario war, ich habe Scholz gesagt, Wirtschaftswende oder Neuwahl, in diesem Papier steht drin, die FDP überlässt überraschend die Regierung. Wie wir wissen, ist das nie passiert.

Sprecher 2: Also die Szenarien waren trotzdem bei euch vorbereitet, ist ja klar. Auch die SPD hatte ja im letzten Jahr ein Gespräch mit den Grünen, wo man sich auf einen möglichen Bruch der Ampel zumindest vorbereitet hat.

Sprecher 3: Im Sommer.

Sprecher 2: Im Sommer, ja genau. Im Sommer des letzten Jahres. Die Frage ist ja immer, wer schreibt es wie auf und wie ernst ist es wirklich gemeint?

Sprecher 3: Ja, ich bekenne mich dazu. Für mich ist es todernst gewesen. Dieses Land braucht eine Wirtschaftswende, also eine andere Wirtschaftspolitik oder man muss den Weg freimachen für eine andere Regierung. Und da bekenne ich mich auch dazu. Da bin ich ja ins volle politische Risiko gegangen. Für diese Überzeugung. Das ist übrigens ein Unterschied zwischen mir und Friedrich Merz. Ich habe für meine Überzeugungen höchste Staatsämter aufs Spiel gesetzt. Friedrich Merz hat für höchste Staatsämter seine Überzeugungen aufs Spiel gesetzt.

Sprecher 2: Der Unterschied ist, du hast damals uns allen, der Öffentlichkeit, klargemacht, im Westhafen bei dem Beginn der Ampelkoalition, dieser Mann, der da rechts neben dir steht, Es ist ein Macher, einem, den du vertraust, den du neu kennengelernt hast. Und wir dachten alle, wow, Christian Lindner und Olaf Scholz, der dann Bundeskanzler, das ist ein Bündnis, wie wir es nicht für Möglichkeiten hätten. Hast du dich menschlich getäuscht oder politisch?

Sprecher 3: Menschlich will ich das gar nicht mehr bewerten. Politisch darf man nicht vergessen, dass zwei Dinge sich auf der Strecke gegenüber dem Beginn der Ampelkoalition verändert haben. Zum einen die Konkretisierung des Koalitionsvertrages, wo aus einem Letter of Intent quasi konkrete Politik werden musste. Die verdeckten Dissense wurden dann offensichtlich. Und zum anderen, dass die von Olaf Scholz vorgeschlagene Operation 60 Milliarden Euro, die klein diese Zahl heute klingt, angesichts der Politik der Großen Koalition, 60 Milliarden Euro zusätzliche Ressourcen zu organisieren, um das Unmögliche möglich zu machen, nämlich eigentlich politisch unvereinbare Programme in einer Regierung zu verbinden. Und nach dem... Im Urteil des Verfassungsgerichts 2023 war das unter den gegebenen Bedingungen der damaligen Fassung des Grundgesetzes nicht mehr vereinbar.

Sprecher 2: Aber hat er dich dann beim Beginn der Koalition oder seine Leute im Finanzministerium, das waren ja seine ehemaligen Beamten, getäuscht, als man dir gesagt hat, Wir machen diesen Sonderfonds, das wird schon durchgehen, kein Problem, haben wir geprüft und du bist dann sehenden Auges auch in diese Niederlage als Finanzminister gegangen vor dem Verfassungsgericht.

Sprecher 3: Die verfassungsrechtlichen Bedenken, die es gab, waren sicherlich während der Koalitionsverhandlungen nicht so transparent, völlig klar.

Sprecher 2: War das auch dein Fehler als künftiger Finanzminister?

Sprecher 3: Nö, ich habe ja an den Sachen gar nicht im Einzelnen teilgenommen.

Sprecher 2: Du hast sie übernommen.

Sprecher 3: Ja sicher, das war ja dann ein Bestandteil des Koalitionsvertrages. Ich habe daraus eine Konsequenz gezogen. Ich habe die Verantwortung für das Verfassungsgerichtsurteil politisch übernommen. Aber die dann durch Karlsruhe geschärfte Schuldenregel des Grundgesetzes habe ich dann genau beachtet.

Sprecher 2: Aber vor der Geschichte bestehen heißt ja auch, zurückblicken mit einem möglichen fairen Maß an Selbstkritik und zu sagen, ich war immer der Meinung als FDP-Chef, wir brauchen mal, das warst du immer, eine sozialliberale Idee, wir müssen das mal versuchen, trotz wirtschaftspolitischer Grundierung, die du hast, aber die CDU, die hat ihre Probleme, die hat diesen gewissen Hang zum Etatismus, du hast die Merkel-Jahre erlebt, die hast du. Hast du nicht sehr gut in Erinnerung, wenn ich das richtig sehe, 2009 bis 2013. Du warst ja überzeugt davon, eine neue Idee auch mal politisch zu probieren. Und die ist dramatisch gescheitert, sodass auf Jahre hinaus gar nicht vorstellbar ist, dass Soziale und Liberale nochmal zusammenkommen.

Sprecher 3: Auf gar keinen Fall würde ich sagen, dass die Ampel für mich ein Wunschbündnis gewesen wäre.

Sprecher 2: Ja, nicht Wunschbündnis, aber die Kommunikation war schon eine andere.

Sprecher 3: Nein, im Gegenteil. Ich war der letzte Wahlkämpfer von Armin Laschet 2021 und habe auch nach der Wahl noch die Jamaika-Koalition für die Bessere gehalten, das dann an der CSU gescheitert. Die nicht mehr Armin Laschet als Kanzler akzeptieren wollten nach der Wahl. Das wäre ja mit den Regeln der Verfassung noch möglich gewesen. Also mitnichten hatte ich eine Sehnsucht danach, mit SPD und Grünen zu regieren. Für mich wäre immer eine Koalition unter Führung der CDU, CSU, unter den gegebenen Umständen vorzugswürdig gewesen. Sie war aber nicht erreichbar, also musste das Mögliche versucht werden.

Sprecher 2: Und dann bist du dazu naiv reingegangen aus deiner Sicht? Ich suche ja immer noch den Punkt, wo du sagst, ja, da habe ich Scheiße gebaut.

Sprecher 3: Naja, aber das ist doch schon tausendmal erzählt worden. Vielleicht noch nicht bei mir. Ja, aber dann... Ich fürchte auch schon bei dir, aber gerne sage ich es nochmal. Man hätte nach dem Urteil des Verfassungsgerichts, hätte man die Geschäftsgrundlage der Koalition nochmal neu verhandeln müssen, weil eben 60 Milliarden gefehlt. Gelegt haben. Und wenn du willst, sage ich auch noch was Zweites. Ich würde niemandem mehr empfehlen, einen Koalitionsvertrag zu bilden, wo nicht ganz präzise alle Inhalte geregelt oder nicht geregelt sind.

Sprecher 2: Noch detaillierter eigentlich sogar.

Sprecher 3: Geregelt oder nicht geregelt, sage ich. Also jedenfalls keine Formelkompromisse, keine schöne Sprache, die eigentlich verdeckt, was... Nicht zusammenpasst, dann muss man dann sagen, okay, das regeln wir, das regeln wir nicht, das können wir uns verständigen und darauf nicht. Das sind so zwei wesentliche Lehren.

Sprecher 2: Die Frage ist schon, wie ist politische Stabilität in der Mitte möglich? Die Ampel hat es aus den Gründen nicht geschafft, aber auch Schwarz-Rot hat ihre Probleme. Wie wir sehen, die Popularität ist nicht viel besser. Die Friktionen sind offensichtlich.

Sprecher 3: Die Ampel stand ein Jahr nach Bildung der Koalition besser da als jetzt Schwarz-Rot.

Sprecher 2: Da gab es allerdings auch ein externes Ereignis, auf das sehr beherzt und klug reagiert wurde, muss man fairerweise sagen, nämlich der russische Angriffskrieg. Das erste Jahr war das beste Jahr der Ampel.

Sprecher 3: Jedenfalls hat die schwarz-rote Koalition unter Führung von Friedrich Merz ähnliche Probleme. Es wird öffentlich gestritten, das wurde ja immer der Ampel vorgeworfen, das sehen wir jetzt in gleichem Maße. Und auch in der Sache gibt es, wie ich finde, erheblichen Diskussionsbedarf. Die Koalition macht enorme Schulden und zwar nicht zusätzlich für Investitionen und Wachstum, sondern auch um strukturelle Reformen zu verdecken. Die Koalition aus CDU, CSU und SPD greift erheblich. in die Wirtschaft ein, auch mit Verboten. Ich sage nur, die sogenannte Technologieoffenheit vom Verbrennungsmotor ist jetzt eher eingeschränkt, denn erweitert. Also man kann kurz sagen, die CDU in Regierungsverantwortung, die macht jetzt das, was sie fälschlicherweise der Ampel vorgeworfen hat.

Sprecher 2: Wie blickst du denn auf die Lehren deiner Regierungszeit und die nach einem Jahr Schwarz-Rot, wie politisch auch kommuniziert werden sollte, damit die Ränder nicht weiter erstarken?

Sprecher 3: Wir müssen die Probleme, die das Land hat, lösen.

Sprecher 2: Was ja immer dauert.

Sprecher 3: Ja, was immer dauert, aber man muss es ja mal angehen. Ich sehe das nicht. In der Ampel war es nicht möglich. Da haben wir uns am Schluss ja verkantet und kamen nicht in Richtung dieses notwendigen Erneuerungskurses für das Land. Deshalb gab es dann auch die Neuwahlen, die ich gerne transparent und gemeinschaftlich herbeigeführt habe, aber auch auf dem Weg. Wie es dann erfolgt ist mit viel Schmerzen und Schaden für die FDP, ist es für Deutschland dennoch besser, dass es eine neue Wahl hat geben können. Nur leider finde ich in der Großen Koalition auch gegenwärtig nicht den Reformärge, den das Land bräuchte.

Sprecher 2: Überrascht dich das? Hast du von März mehr erwartet?

Sprecher 3: Die strukturellen Schwierigkeiten habe ich erwartet. Du kennst ja den Bundeshaushalt. Ich meine jetzt noch nicht mal den Bundeshaushalt. Das sehe ich ganz anders. Ich glaube, da findet man Lösungen, wenn man den Willen hat. Ich meine, die Veto-Konstellation... die wir haben, dass du Regierungen bilden musst mit zwei unterschiedlich politischen Farben, unterschiedlichen weltanschaulichen Perspektiven und dass deshalb ein, wie man früher sagte, durchregieren nicht möglich ist. Also diese strukturellen Limits durch europäisches Recht und Koalitionszwänge und Bundesrat und so weiter und Verfassungsrecht, das war mir klar. Aber was mir nicht klar war, ist, wie stark die Bereitschaft ist, auch eigene, über Jahrzehnte verteidigte Grundüberzeugungen sehr schnell zu opfern. Zuletzt ja vor wenigen Tagen auch noch die Akzeptanz von Gemeinschaftsschulden in der Europäischen Union. Wenn ich das als Finanzminister gemacht hätte, die Unionsparteien hätten verlangt, dass ich geteert und gefedert werde.

Sprecher 2: Die Neue Zürcher Zeitung hat dieser Tage einen Leitartikel veröffentlicht, wo sie dieses berühmte Zitat genannt hat, es gibt nichts Mächtigeres als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Und sie meinte den politischen Liberalismus. Du hast ja recht, Friedrich Merz, Kehrtwenden bei der Schuldenpolitik, bei der Schuldenaufnahme, die dramatische Lage der Wirtschaft in Deutschland, die Strukturreform drängt seit Jahrzehnten. Warum profitiert diese politische, liberalistische Idee FDP nicht jetzt dramatisch davon und geht bei den Umfragen durch die Decke?

Sprecher 3: Vielleicht, weil deren Zeit noch nicht gekommen ist.

Sprecher 2: Aber du traust ihr das doch noch zu. Weil noch so ein bisschen Abklingbecken, man hadert noch.

Sprecher 3: Es ist ja jetzt eine Richtungsentscheidung getroffen worden von der Regierung Merz. Nämlich die genau gegenteilige. Mehr Staat. Der Staat wird größer, die Staatsquote steigt, Schulden finanziert, mehr Subventionen. Auch mehr Lenkung in der Wirtschaft. Wenn ich jetzt an die Vorschläge denke, im Umfeld des Stahlgipfels beispielsweise, Industriestrompreis, Energie, ja, aber auch 200 Vorschläge zum Bürokratieabbau. Muss mal fair bleiben. Ich sehe keinen Bürokratieabbau. Tariftreue und Vergabegesetz, mehr Bürokratie, längere Aufbewahrungsfristen, mehr Bürokratie. Jetzt die neue Kaufprämie bei den E-Autos muss für den Haushalt des Käufers, der Käuferin, das Einkommen nachgewiesen werden.

Sprecher 2: Beigegen der Abschaffung des Lieferketten-Sorgfaltspflichtengesetzes.

Sprecher 3: Es ist immer noch da. Also ich sehe keinen Bürokratieabbau. Wir können ja mal andere aus der Privatwirtschaft fragen, ob die das so empfinden. Aber wie auch immer, was ich beschreiben will, ist, es geht ja erstmal in eine ganz andere Richtung, nämlich mehr Staat, nicht weniger Staat. Mehr Staat. Und die Wette ist... Dass das gut ausgeht und dass durch mehr Staatsintervention, Subventionierung, schuldenfinanzierte Programme, dass wir darüber das Land erneuern und zusätzliche Wohlfahrt gewinnen, Wachstum stimulieren. Und man kann in unser aller Interesse ja nur hoffen, dass diese Wette positiv ausgeht. Denn andernfalls haben wir Ende des Jahrzehnts einen höheren Schuldenstand mit höherer Zinsbelastung. Gleichbleibender Wirtschaftsleistung mit dem Ergebnis, dass wir erheblich an Wohlstand und Lebensstandard verlieren würden.

Sprecher 2: Die Körperschaftsteuersenkung kommt von einem SPD-Finanzminister, nicht von Christian Lindner. Tja, ich hätte sie gerne gemacht. Manche Dinge sind vielleicht auch erst nach deiner Amtszeit möglich gewesen. Er ist doch verrückt. Manche Dinge sind gekommen, die du auch gewollt hast. Übrigens gilt dasselbe für Robert Habeck.

Sprecher 3: Ich meine, die Körperschaftsteuersenkung von einem Prozentpunkt. Jenes beeindruckende Ergebnis der Koalitionsverhandlungen ist noch nicht im Gesetzblatt.

Sprecher 2: 30 mal 30 Investitionsabschreibungen hättest du auch gerne gemacht.

Sprecher 3: Ja, das war ja schon... Sogar Politik der Ampel, daran ist sie nicht gescheitert. Das hatten wir ja schon in den Plänen. Aber ich wünsche der Regierung Erfolg, Michael. Also insofern alles gut. Ich glaube nur, wer Entscheidungen in der Wirtschaft trifft, sollte sich auf ein Basisszenario einstellen. Das Basisszenario ist, es kommt keine Wirtschaftswende unter der Regierung Merz. Die Sozialbeiträge sinken nicht, die Steuerlast sinkt nicht spürbar, die Bürokratie wird nicht spürbar abgebaut, der Energiepreis wird... Vielleicht marginal reduziert. Das sollte das Basisszenario sein. Alles andere wäre ja gut, wenn es noch kommt. Niemand sollte glauben, dass zukünftige Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes vom Staat organisiert wird. Das sollten wir in der Wirtschaft, da bin ich ja jetzt, das sollten wir selber in die Hand nehmen durch... Konsolidierung, Investition in Innovation aus privaten Mitteln, unternehmerische Risikobereitschaft, andere Produkte und Dienstleistungen, weltweite Diversifikationen und was auch immer betrieblich notwendig ist.

Sprecher 2: Du bist einer der Politiker, die ich als ich kleiner Volontär bei der Rheinischen Post war, als erstes kennengelernt habe, weil wir eben beide, du in Wermelskirchen zu Hause und in Düsseldorf aktiv, ich bei der Rheinischen Post, Volontär. Ging gar nicht anders, dass wir uns frühzeitig kennenlernen, aber ich habe keinen Politiker so intensiv begleitet wie dich und habe immer gedacht, das ist ein Political Animal. Mehr als 20 Jahre aktive Politik vom Kindergartenpolitischen Sprecher der Landtagsfraktion in NRW bis hin zum Bundesfinanzminister. Ehrliche Antwort. Wie groß war das schwarze Loch, nachdem klar war, Dein Leben in der Politik ist erstmal vorbei.

Sprecher 3: Gab keins, weil ich 25 Jahre Intensivpolitik gemacht habe mit allem, was dazugehört. Also viel Gestaltungsmöglichkeit, viele Auseinandersetzungen, auch manches Opfer, das man bringen muss, manchen Preis, den man zahlen muss. Ich habe das... erreicht, was ich erreichen konnte und habe am Ende für das, was ich zusätzlich noch wollte, an so Überzeugungen, Stichwort Wirtschaftswende, habe ich auch meine ganze politische Laufbahn in die Wachschale geworfen.

Sprecher 2: Aber nicht nur deine, auch die der FDP.

Sprecher 3: Das hing leider damit zusammen, aber in der Tat, die ganze Partei hat das getan. Weil er keine Entscheidung nicht alleine getroffen hat. Er hat gesagt, für unsere Überzeugung gehen wir ins volle politische Risiko.

Sprecher 2: Alle außer Volker Wessig.

Sprecher 3: Und das ist nicht belohnt worden. Und ich habe dieses Risiko für mich persönlich, Ende meiner politischen Laufbahn, habe ich in Kauf genommen. Und dementsprechend dann auch nicht gehadert, als es eingetreten ist, sondern voll der Dankbarkeit für zweieinhalb Jahrzehnte Politik, wirklich ein neues Kapitel. Begonnen und zwar ohne Verzug, als ich aus dem Bundestag ausgeschieden bin. Am gleichen Tag habe ich auch schon wieder angefangen zu arbeiten.

Sprecher 2: Macht dir das nicht manchmal auch Sorge in den Gedanken, dass die FDP, die wirklich seit Beginn der Bundesrepublik Deutschland im Parlament war und eine relevante Regierungs... Partei war, dass das vielleicht tatsächlich das Ende der Partei sein könnte, die du aus einer schwierigen Phase zurückgeholt hast, aber eben jetzt auch verantwortlich aus dem Parlament wieder rausgeholt hast.

Sprecher 3: Die FDP hat eine absolute Turnaround-Situation. Ich glaube, dass es die hinreichend große Nische für eine liberale Partei in Deutschland gibt. Das Jahr 2014 war seinerzeit genauso schwierig wie das Jahr 2025 heute für die FDP. Wenn die Partei die Frage wieder klar beantworten kann, warum es sie braucht. Welchen Beitrag sie im politischen Gespräch leisten kann, der unverwechselbar ist. Und wenn sie das auch gemeinschaftlich geschlossen vertritt, dann ist das Comeback erreichbar.

Sprecher 2: 2014 hat ein bekannter ehemaliger Bundespolitiker und Spitzenpolitiker diese Partei aus der außerparlamentarischen Opposition wieder... Über die Landtagswahlen in die Öffentlichkeit und dann am Ende auch wieder in den Bundestag gebracht. Brauchst du das Christian Dürr jetzt auch zu, der kaum die Bekanntheit hatte wie du damals 2014?

Sprecher 3: Ich traue ihm das ohne Zweifel auch zu. Damals hat sich das auch nicht von alleine ergeben und es war auch nicht meine Einzelleistung, sondern... Wenn ich einen Beitrag geleistet habe, dann vor allen Dingen den, den Prozess der Klärung, wer wir sind und warum es uns geben muss, voranzutreiben. Da muss die FDP keine Angst haben. Das ist in ihrer Tradition vorhanden, der Einsatz für eine marktwirtschaftliche Politik, für den individuellen Aufstieg. Auf der Er basiert von Fleiß und Einsatzbereitschaft, Risikobereitschaft und Talent, nicht Herkunft. Und daraus leitet sich ganz viel ab und dieses Profil ist nach meiner Überzeugung unverzichtbar. Aber sie muss eben auch Klärungsprozesse anstoßen.

Sprecher 2: Du bist ein Politiker, der alle Tricks, Finessen, Strategien in der Politik in den letzten Jahren gelernt hat, obwohl du davor, ganz weit davor, auch mal unternehmerisch tätig warst. Was kannst du jetzt in deiner neuen Funktion als Unternehmer bei einem Autohändler im Vorstand, bei mehreren Unternehmen im Aufsichtsrat, was kannst du denen eigentlich geben, was die nicht haben?

Sprecher 3: Nun, ich habe kommunikativ Business, also Geschäftsentwicklung, Change Management Prozesse und Vertrieb über viele Jahre gemacht.

Sprecher 2: Der Vertrieb bei der FDP, ja, eher dürftig.

Sprecher 3: Naja. Wenn man schaut, wie oft ich Spitzenkandidat war und welche Ergebnisse ich in NRW und im Bund erzielt habe, dann kann das Urteil auch differenzierter sein. Aber ist mir egal.

Sprecher 2: Aber wo sind die Schnittstellen? Wo würdest du sagen, wirklich Dinge, die du in der Politik gelernt hast, kannst du da eins zu eins anwenden?

Sprecher 3: Ganz wenig. Aber Dinge, die ich als Unternehmer und... Als Führungskraft beherrsche, habe ich in der Politik anwenden können. Aber nichts aus der Politik nehme ich jetzt mit in den Bereich der privaten Wirtschaft.

Sprecher 2: Alltagstaugliches Christian Linder, wir sprechen hier im Südwesten dieser wunderschönen Stadt Berlin, kurz vor unserem Weihnachtsfest. Dass wir alle morgen begehen. Wir haben alle runtergefahren. Du warst im Recyclinghof vor in diesem Interview. Das kenne ich. Mit dem eigenen Auto wahrscheinlich hingefahren. Einen Fahrer hast du nicht mehr. Wie schwer ist der Einstieg in den ganz normalen Alltag? Ganz ehrlich.

Sprecher 3: Also deine Frage erweckt den Eindruck, als wäre ich nicht als Minister auch auf dem Recyclinghof gewesen, um zu entsorgen.

Sprecher 2: Warst du?

Sprecher 3: Ja, sicher.

Sprecher 2: Der Minister entsorgt das Papier. Naja, ich erinnere mich an den ehemaligen Regierenden Bürgermeister Michael Müller, der viele Jahre im Dienstwagen durch Berlin gefahren ist und nach seinem Amt gesagt hat, ups, ist ja ganz schön dreckig hier in Berlin. Wusste ich gar nicht.

Sprecher 3: Nee, also ich war... Immer alltagstauglich, weil ich immer im Alltag war. Also das ist eine relativ absurde Vorstellung, als würde man immer nur in der Dienstlimousine fahren und hätte auch zu Hause einen Butler, den der Staat bezahlt. Das glaube ich auch nicht. Sondern ich war immer im Alltag, deshalb musste ich mich jetzt auch nicht neu an irgendwas gewöhnen. Aber ich habe auch bestimmte Dinge vorher im Alltag nicht gemacht, also die ich jetzt auch nicht machen würde.

Sprecher 2: Was ist gerade dein Hauptjob? Papa oder Unternehmer? Oder beides? 50-50?

Sprecher 3: Also das kann ich vom Zeitbudget jetzt nicht so einfach sagen, aber in der Tat, seit April war ich... Papa und gleichzeitig als Freiberufler tätig. Ich glaube, ich bin in wenigen Jahren so viel unterwegs gewesen, wie in diesem Jahr nach dem Ausscheiden aus der Politik. Also ich war... sehr, sehr viel unterwegs, Vertragsverhandlungen. Also ich habe jetzt in der Tat tolle Aufgaben in Vorstands- und Aufsichtsratsrollen, aber ich habe noch mehr Optionen erwogen, wo es dann aus unterschiedlichen Gründen nicht gepasst hat.

Sprecher 2: Warum hast du dich für den Auto-Inter entschieden?

Sprecher 3: Das ist eine unternehmerische Rolle. Wie bekannt, ja ein großer Freund der Mobilität mit dem Auto. Und ich kann hier einen echten Beitrag leisten in einem Unternehmen, wo echt entschieden wird. Da gibt es keine Politik. Auch in ganz großen Konzernen gibt es ja ein Stück weit. Unternehmenspolitik gibt es hier nicht. Hier gibt es nur Kundenzufriedenheit. Gutes Produkt, bester Preis.

Sprecher 2: Und ich gehe davon aus, Christian Lindner fährt auch einen Verbrenner nach 2035.

Sprecher 3: Sicherlich werde ich am Sonntag dann vielleicht einen Verbrenner ganz selten pilotieren, vielleicht mit klimafreundlichen Kraftstoffen. Aber schon jetzt fahre ich auch einen Plug-in-Hybrid.

Sprecher 2: Wer hatte die Idee für das Weihnachtsgeschenk der Tochter? Deine Ehefrau Frankhard oder du?

Sprecher 3: Das haben wir gemeinsam gemacht. Man muss jetzt auch sagen, unsere Tochter ist ja neun Monate alt.

Sprecher 2: Da kann man schon ein paar nette Spielzeugsachen kaufen.

Sprecher 3: Ja, wir haben ein paar nette Spielzeugsachen. Bücher liebt sie vor allen Dingen. Zum Schauen und zum Beißen.

Sprecher 2: Schenke bitte nicht die Geschichte der FDP, das wäre leicht. Zu fordern für die.

Sprecher 3: Klar, du, ich bin so gelassen geworden. Ich kann gar nicht mehr über die Stöckchen so gut springen wie früher.

Sprecher 2: Vielen Dank, lieber Christian Lindner, für dieses wunderbare Gespräch. Zum Abschluss haben wir mit jedem Podcast-Gast in diesen Zwischen- und Weihnachtstagen die wunderbare Tradition, einen Audio-Adventskalender anzumoderieren. Christian Lindner hat jetzt die Chance, am 23.12. Uns einen Song nochmal mitzugeben, den wir jetzt unseren Hörerinnen und Hörern mitgeben, der entweder dein Leben bestimmt hat, genau zu deiner Situation passt. Du möchtest, dass man ihn unter dem Weihnachtsbaum hört. Eine schöne kleine Idee mit Botschaft oder ohne. Du darfst auswählen.

Sprecher 3: Also ich will jetzt niemanden belästigen damit, dass ich momentan Guskus wiederentdeckt habe, eine isländische Elektromusikgruppe. Also mit Guskus will ich jetzt...

Sprecher 2: Welchen Song davon?

Sprecher 3: Unfinished Symphony zum Beispiel.

Sprecher 2: Mega.

Sprecher 3: Ja, okay.

Sprecher 2: Wir hatten schon sehr kuriose neue Songs. Ist schon in Ordnung.

Sprecher 3: Ist nicht neu, ist ein bisschen älteres Album. Aber das höre ich momentan gerade sehr viel bei längeren Autofahrten. Ansonsten Feliz Navidad könnte man auch machen.

Sprecher 2: Sehr gut. Und ansonsten hört Christian Lindner auf langen Autofahrten selbstverständlich Table Today. In diesem Sinne, vielen Dank, Christian Lindner.

Sprecher 3: Gerne.