Trumps Kampfansage an Europa
Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der US-Regierung unter Donald Trump gleicht einer Drohung gegenüber Europa. Ganz ohne Umschweife fordert die Administration in Washington eine radikale Kurskorrektur der europäischen Politik und warnt vor einer „zivilisatorischen Auslöschung“.
Claudia Major vom German Marshall Fund analysiert gemeinsam mit Michael Bröcker die strategische Bedeutung für die transatlantischen Beziehungen. Major erinnert an die umstrittene Rede des US-Vizepräsidenten auf der Münchner Sicherheitskonferenz: „Letztlich könnte man fast sagen, diese Strategie ist eine ausformulierte, detailliertere Version dieser Vance-Rede.“
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Bundeskanzler Friedrich Merz hat in Israel Premierminister Benjamin Netanjahu getroffen. Merz plädiert nach wie vor für eine Zwei-Staaten-Lösung.
Markus Bickel, Redaktionsleiter des Security.Table, ordnet die diplomatischen Nuancen der Reise und Merz' neue Wortwahl in der Israel-Politik ein. Der Kanzler hat mehrfach vom „unveränderlichen Wesenskern“ gesprochen.
[13:34]
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Die USA, man muss ihnen danken, sie wollen uns Europäern helfen, endlich unseren Kurs zu korrigieren und wieder auf den normalen, ja welchen Pfad eigentlich zurückzukommen. Die neue nationale Sicherheitsstrategie der USA jedenfalls klingt wie eine Drohung. Es ist tatsächlich eine Zäsur in den transatlantischen Beziehungen. Wir sprechen mit der Sicherheitsexpertin Claudia Major darüber, was jetzt zu tun ist.
Sprecher 3: Bundeskanzler Friedrich Merz war am Wochenende in Israel und hat dort für das plädiert, was die Netanyahu-Regierung derzeit gar nicht diskutieren will, nämlich eine Zwei-Staaten-Lösung. Und zugleich stellt der deutsche Regierungschef sich klar an die Seite Israels. Wir sprechen mit Markus Bickel, dem Redaktionsleiter unseres Security Tables, der den Kanzler begleitet hat.
Sprecher 2: Und zum Schluss öffnen wir natürlich wieder ein Audio-Adventskalendertürchen. Diesmal kommt der Song von einem früheren Basketballmanager aus Mittelhessen.
Sprecher 4: Donald Trump made it clear the United States'foreign policy would change. On Friday, the White House unveiled its new national security strategy.
Sprecher 5: In an attempt to impose a MAGA agenda on Europe, the Trump administration warns Europe it must sharply reduce immigration or face, quote, civilizational erasure.
Sprecher 6: It's very rude language. You know, Russia should face civilizational erasure. But in the document, we don't say that to Russia. We don't challenge China, even though they say the greatest threat to China is Western democratic values. Instead, we want to go after our dearest, longest allies. Why is that?
Sprecher 2: Helene, eine Kampfansage auf einem Dokument, die nationale Sicherheitsstrategie der amerikanischen Regierung. Sie ist ein schrittweises Rausziehen aus Europa, wenn man es in einem Satz zusammenfasst. Oder wie hast du es gesehen?
Sprecher 3: Ja, und es knüpft an an J.D. Vance's Worte bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Diese Sorge, die sich die Amerikaner, die neue Administration um Europa machen. Sie sehen eben Europa auf einem falschen Weg, befürchten, dass es in 20 Jahren nicht wiederzuerkennen sei und wollen jetzt Europa helfen, wieder auf den richtigen Weg zu gehen. Aber das, was sie als falsch ansehen, das sehen bei uns viele eben nicht als falsch an.
Sprecher 2: Ja, bei den Sicherheits- und Verteidigungsausgaben haben Sie natürlich einen Punkt. Da hat vielleicht jetzt auch am Ende Friedrich Merz recht gehabt mit seiner... Schuldenbremsen, Ausnahme gerade zu Beginn seiner Kanzlerschaft, dass dieser NATO-Gipfel in Den Haag wahrscheinlich anders ausgegangen wäre, wenn Europa das nicht gemacht hat. Ja, sie verweisen also auf die militärische Souveränität. Ich glaube, da kann man auch inzwischen einer Meinung sein. Aber eben auch diese Vorwürfe in Europa würde die Meinungsfreiheit... ja, beschnitten und die Demokratie zersetzt und deswegen hoffe man auf die rechten Bewegungen. Das ist natürlich nie nur Einmischung in innere Angelegenheiten, das ist aus meiner Sicht dann doch etwas zu weitgehend.
Sprecher 3: Ja, das ist eben diese Wahlkampfhilfe für die Populisten, die sie, die Amerikaner, europäische Patrioten nennen. Was man vermisst, ist irgendeine Kritik an Russland oder auch an China. Im Gegenteil sagt man, die Europäer seien schuld, dass sich der Krieg so in die Länge ziehe. Also außenpolitisch ist das Ganze ja wirklich etwas, wo man sich fragt, wo sind denn da die gemeinsamen Werte zwischen uns und den Amerikanern? Es ist wirklich schwierig geworden.
Sprecher 2: Manch einer nennt es ja Schutzgelderpressung, aber de facto ist es so. Trump sagt, ich bin nur noch dann bei euch, wenn es eben unter unseren Bedingungen läuft. Und dann werden wir euch helfen, euch verteidigen. Und das bedingt eben eine bestimmte Politik, die er sich wünscht. Nicht nur in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Das ist schon ein völlig neuer Zungenschlag. Und wir werden nicht drumherum kommen, uns immer wieder mehr denn je unabhängig zu machen von diesem großen atlantischen Freund.
Sprecher 3: Ja, unabhängig, was auch immer das dann konkret bedeutet, denn in vielen Punkten, auch militärisch, sind wir davon einfach noch sehr, sehr weit entfernt.
Sprecher 7: Was wir immer wieder schmerzlich merken. Die atomare Frage ist auch nochmal eine, die wir ohne Amerika überhaupt nicht beantworten können. Und deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass die Europäer jetzt ziemlich verhalten reagieren auf diese Kampfansage. Sie haben schlicht keine Wahl.
Sprecher 2: Ja, verhalten oder man kann auch fast sagen ein bisschen verzweifelt. Wir sind die engsten Verbündeten und sollten doch zusammenhalten, sagt Kaya Kallas, die EU-Außenbeauftragte beim Doha-Forum gestern.
Sprecher 8: Of course, there's a lot of criticism, but I think some of it is also true. If you look at Europe, it has been underestimating its own power towards Russia, for example. I think we haven't always seen eye to eye on different topics, but I think the overall principle is still there. We are the biggest allies and we should stick together.
Sprecher 2: So richtig nach einer Strategie klingt das nicht und deswegen dachten wir uns, wir reden mal mit einer, die sich auskennt, nicht nur in den transatlantischen Beziehungen, denn sie ist Senior Vice President beim German Marshall Fund, sondern auch in der Geopolitik. Claudia Major ist das. Einen schönen guten Tag heute Morgen bei uns bei Table Today. Hallo Claudia.
Sprecher 7: Hallo, ich grüße dich.
Sprecher 2: In einer Schnellanalyse hast du geschrieben, shocked but not surprised. Erklär mal, wie war deine Reaktion auf diese neue nationale Sicherheitsstrategie der Trump-Administration?
Sprecher 7: Ich war über den Inhalt dieses Papiers nicht überrascht. Natürlich ist es ein bisschen verstörend, dass es alles offiziell aufgeschrieben ist. Aber die Inhalte letztlich ist nur das, was Trump und die Regierung die letzten Monate seit Amtsantritt Januar gesagt und getan haben. Wir waren ja beide in München. Wir haben beide die Rede vom Vizepräsidenten Warns in München im Februar gehört.
Sprecher 9: The crisis this continent faces right now, the crisis I believe we all face together, is one of our own making. If you're running in fear of your own voters, there is nothing America can do for you. Nor, for that matter, is there anything that you can do for the American people who elected me and elected President Trump. You need democratic mandates to accomplish anything of value in the coming years. Have we learned nothing that thin mandates produce unstable results?
Sprecher 7: Letztlich könnte man fast sagen, diese Strategie ist eine ausformulierte, detailliertere Version dieser Wandsrede. Also eigentlich inhaltlich nichts Neues. Ja, es tut weh, wenn es jetzt offizielle Strategie ist. Aber mit Blick auf die Ukraine, mit Blick auf Russland, mit Blick auf Europa, mit Blick auf Demokratie. Ist da nicht viel Überraschendes drin?
Sprecher 2: Wer damals dachte, das sei vielleicht ein verbaler Ausrutscher, eine kleine Provokation, der muss jetzt sehen, dahinter steckt Strategie. Und wie ist die jetzt ganz genau? Claudia, lass uns darüber reden. Ist es am Ende eine, wenn ihr mir nützt und wenn ihr mir Geschäft macht, dann bleibe ich euer Partner, sonst nicht?
Sprecher 7: Das war ja die Strategie der Europäer seit Januar. Sie haben gedacht, wenn man Trump besänftigt, wenn man ihnen Angebote macht, wenn man ihnen 5% Verteidigungsausgaben verspricht, dass man dann irgendwie die USA auf einer alten transatlantischen Linie halten könnte und dass das alles irgendwie gut geht. Und mit dieser Strategie ist ganz klar, dass das nicht funktioniert und dass es keine Ausreden mehr gibt. Das Leitmotiv dieser Strategie ist America first und das wird durchdekliniert. Der Hauptfokus ist die sogenannte Western Hemisphere, also... Amerika, Lateinamerika und Nordamerika. Das ist der Fokus. Die sollen vom Einfluss feindlicher Mächte befreit werden. Es ist eine Art Wiedergeburt oder eine Erweiterung der sogenannten Monroe-Doktrin. Die ist aus 1823 und darin hatten die Amerikaner schon mal gesagt, das ist unsere Hemisphäre und alle anderen Mächte sollen sich dort raushalten. Dahinter steht... Natürlich wieder die Idee von Großmarktpolitik. Wir haben unsere Einflusssphäre, könnt ihr auch eure Einflusssphäre haben. Europa wird sehr stark kulturkämpferisch, würde ich sagen, kritisiert. Es wird eine... Eine Sorge ausgedrückt, dass die Presse- und Redefreiheit, die politische Freiheit eingeschränkt wird und dass man Europa nicht aufpasst und nicht sich gänzlich anders aufstellt, eine Art zivilisatorische Auslöschung bevorstehen würde. Und die USA nehmen. ihm für sich einen Anspruch, dass sie Europa helfen müssen, wieder auf den richtigen Kurs zurückzufinden.
Sprecher 2: Wir möchten, dass Europa europäisch bleibt, heißt es zum Beispiel in den Dokumenten. Und jetzt sagt das eine Nation, die selbst von Zuwanderern gegründet wurde, macht sich jetzt Sorgen um die Identität Europas. Man kann ja viel über naive Migrationspolitik gerade hier in Deutschland reden. Ist das ein Übergriff? Muss man darauf reagieren? Und wie reagiert man darauf?
Sprecher 7: Man kann es so lesen, dass Trump letztlich das demokratische System, was wir in weiten Teilen in Europa immer noch haben, mit dieser Form des illiberalen Populismus ersetzen möchte, was wir zunehmend in den USA sehen. Und wir sehen eine zunehmende Kooperation zwischen populistischen Kräften aus den USA und aus Europa, die sehr gut vernetzt sind. Sehr gut organisiert sind und sehr gut zusammenarbeiten. Also im Endeffekt ist das eine Art Einflussnahme und Wunsch einer Kurskorrektur in Europa. Also wenn da steht, Widerstand in der Europäischen Union gegen den derzeitigen Kurs in Europa fördern, wachsender Einfluss patriotischer Parteien in Europa gibt Anlass zu Optimismus, dann ist das sehr beunruhigend, finde ich.
Sprecher 2: Europa soll ungarischer werden, kann man auch sagen. Und einer, der sich auch geäußert hat, ist nämlich der Kreml, der gesagt hat, wunderbar, das gefällt uns sehr gut, die neue US-Security-Strategy sei sehr... Gut harmonisierbar mit der Vision Russlands. Das sind doch die, Die Falschen, von denen Trump da jetzt Applaus bekommt, oder?
Sprecher 7: Ja, das war der Kreml-Sprecher Peskov, der gesagt hat, sie finden das Dokument im Prinzip gut. Da steht zum Beispiel zu Russland auch drin, die Europäer sehen Russland als Bedrohung an. Das ist eine interessante Formulierung, denn da hätte er ja auch schreiben können, Russland ist eine Bedrohung. Und wenn wir uns zurückerinnern, noch die Vorgängerregierung hat gemeinsam mit den anderen Staaten in dem NATO-strategischen Konzept, also in so einer Art Sicherheitsstrategie der NATO, steht drin, Russland ist die größte Bedrohung für Frieden, Stabilität im euroatlantischen Raum. Also es ist ja eine sehr distanzierte Position zu sagen, die Europäer sehen Russland als... Bedrohung an.
Sprecher 2: Wie sollten wir jetzt darauf reagieren? Uns ist klar geworden, dass wir militärisch nicht ansatzweise in der Lage sind, von Aufklärung über tatsächliche Luftabwehr Amerika jetzt zu ersetzen. Aber gibt es Schritte, die wir vorziehen müssen? Gibt es Fähigkeiten, die wir schneller jetzt zusammenbringen müssen? Gibt es vielleicht auch politische Reaktionen im Hinblick auf ein Kerneuropa in bestimmten Bereichen, die eine Antwort auf diese Sicherheitsstrategie aus Europa eigentlich formulieren sollten?
Sprecher 7: Also der erste Schritt ist wirklich anzuerkennen, dass die USA sich aktuell nicht mehr wie ein Verbündeter verhalten, sondern im besten Fall als eine Art Moderator. Im schlimmsten Fall kann man sagen, dass die Europäer zwischen den USA und Russland stehen und Druck von beiden Seiten bekommen. Am Anfang war so ein bisschen die Idee, naja, Europa ist nicht... mehr wichtig aus strategischer Sicht. Das war irgendwie erwartbar. Weil wenn man sich dieses Dokument anschaut, Da heißt es eigentlich, ihr seid ideologische Gegner. Das ist nochmal eine andere Liga zwischen unwichtig und eigentlich ideologische Gegner, die bekehrt werden müssen. Die Bewusstseinsänderung, das anzuerkennen, dass sich hier etwas strukturell verändert hat, Das ist für mich die Voraussetzung für eine wirkliche Veränderung in der Praxis der Europäer. Wenn ich nur in meinen Bereich gucke, Sicherheit, Verteidigung, heißt das, dass sämtliche Prozesse noch einmal fundamental beschleunigt werden müssen. Es geht ja im sicherheitsverteidigungspolitischen Bereich darum, die amerikanische Führung schrittweise zu ersetzen. Geschlossen hat, unter den Alliierten zu schaffen, eine europäische Position zu haben, Streit zu schlichten, Kompromiss zu schaffen. Das müssen die Europäer jetzt selbst machen. Sie müssen noch schneller in die konventionellen Fähigkeiten investieren, also Masse. Da kommen wir an unsere unglückliche Wehrpflichtdebatte in Deutschland zurück. Aber auch die strategischen Enabler, also von Flug- und Raketenabwehraufklärung, das muss schneller gehen. Die Debatte um die nukleare Abschreckung läuft ja schon. Da macht Frankreich sehr viele Gespräche. Die Briten sind auch mit am Boot. Die haben im Sommer diesen Jahr die sogenannte Northwood-Erklärung veröffentlicht, wo sie nochmal stärker gezeigt haben, wir als zwei europäische Nuklearstaaten übernehmen eine große Rolle. Sollten jetzt auch die Gespräche mit den anderen Europäern nochmal verstärkt werden. Und im industriellen Bereich müssen die Europäer... Europäer schauen, ob sie diesen Schwenk beschleunigen können. Momentan kaufen sie noch sehr viel amerikanisch für ihre Streitkräfte, weil das einfach da ist und weil sie es schon immer so gemacht haben. Und der Schwenk von dem amerikanisch und bisschen europäisch, bisschen international hinzu, wir kaufen immer mehr europäisch und reduzieren den amerikanischen Anteil, der müsste schneller gehen. Aber das hattest du ja eben auch schon gesagt, das ist nicht so einfach.
Sprecher 2: Wir erleben jedenfalls den Anfang vom Ende dieser transatlantischen Beziehung, wie wir sie kennen. Vielen Dank für diese ernste Einschätzung, Claudia Major. Einen schönen Tag noch.
Sprecher 7: Ich danke dir.
Sprecher 10: Unsere Überzeugung lautet, die perspektivische Gründung eines palästinensischen Staates an der Seite Israels eröffnet vermutlich die beste Aussicht auf eben diese Zukunft. Eine Zwei-Staaten-Lösung wird sich nur durch Verhandlungen verwirklichen lassen und sie wird am Ende dieser Verhandlungen stehen. Aber diese Verhandlungen sind eben jetzt notwendig. Die deutsche Bundesregierung bleibt bei ihrer Auffassung, dass die Anerkennung eines palästinensischen Staates... Am Ende und nicht am Anfang eines solchen Prozesses stehen kann.
Sprecher 3: Friedrich Merz in der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu. Das Wochenende hat der Kanzler in Jordanien und Israel verbracht. Nach einer wirklich aufreibenden innenpolitischen Woche ist der Kanzler auf außenpolitischer Mission und die ist nicht unbedingt einfacher.
Sprecher 2: Interessant, dass er vorher nach Jordanien geflogen ist. Jordaniens Außenminister war ja auch gerade in Berlin und dieses Land versucht wirklich eine Mittlerrolle einzunehmen im Nahen Osten, in beide Richtungen gesprächsfähig zu sein. Und Friedrich Merz setzt sehr auch auf den Dialog mit König Abdullah. Das hat mich doch ein bisschen überrascht, dass er vorher dahin gefahren ist.
Sprecher 3: Und seinen Israel-Besuch hat er dann in Yad Vashem begonnen, in der Gedenkstätte in Jerusalem und dort über die bleibende historische Verantwortung Deutschlands gesprochen. Also er hat deutlich gemacht, historisch bedingt stehen wir an der Seite Israels, an der Seite des israelischen Volkes, aber nicht unabhängig. an der Seite der israelischen Regierung, jedenfalls nicht bei allem, was sie machen. Also es war ein Besuch, der durchaus schwierig war, denn Merz konnte ja auch nun nicht so tun, als wenn alles völlig in Ordnung ist zwischen ihm und Netanyahu.
Sprecher 2: Ja, der Exportstopp von bestimmten Rüstungsgütern war aus israelischer Sicht eine Grenzüberschreitung für den deutschen Kanzler. Trotzdem hat er irgendwie den Draht zu Netanyahu behalten. Die beiden telefonieren ja sehr, sehr häufig. Und der israelische Botschafter hat ihn als Freund Israels begrüßt in Israel. Also Merz hat diesen Balanceakt, finde ich, eigentlich in den letzten Monaten ganz gut gelöst.
Sprecher 3: Gucken wir mal, wie er das Wochenende gelöst hat und machen das mit einem, der dabei war, nämlich Markus Bickel, unser Nahost-Experte und Redaktionsleiter des Security Table. Er ist mit dem Kanzler gereist und gestern Abend spät zurückgekommen. Da haben wir ihn noch erreicht. Hallo, schön, dass du da bist, lieber Markus.
Sprecher 11: Hallo Helene.
Sprecher 3: Ja, Markus, sprechen wir über die Beziehungen von Deutschland und Israel. Und da möchte ich anfangen mit Friedrich Merz in Yad Vashem, wo er von der historischen Verantwortung Deutschlands gesprochen hat, aber das Wort Staatsräson nicht verwendet hat. Und ich vermute mal, das liegt nicht nur daran, dass er in Opposition ist zu Angela Merkel, die dieses Wort geprägt hat, sondern es hat noch andere Gründe. Wie siehst du das? Bedeutet das eine Neujustierung der deutschen Israel-Politik?
Sprecher 11: Es bedeutet eine Neu-Nuancierung der Israel-Politik. Merz hat ja keinen Hehl daraus gemacht, dass er den Begriff der Staatssouveränität nicht besonders griffig findet. Und jetzt scheint er auf dieser ersten Reise nach Israel ein neues Wort gefunden zu haben. Er sprach nämlich mehrfach vom unveränderlichen Wesenskern, den die Sicherheit und die Verteidigung des Existenzrechts Israels für Deutschland ausmache. Also diese Wendung vom unveränderlichen Wesenskern scheint der Versuch zu sein, das etwas sperrige Staatsräson beiseite zu räumen. Und er hat ja mit seiner Politik im letzten halben Jahr auch gezeigt, dass diese Staatsräson auszufüllen mit Leben in Zeiten von Krieg etwas anderes bedeutet, als in den Jahren, als Merkel Kanzlerin war.
Sprecher 3: Er hat ja auch, so habe ich das verstanden, gewarnt, gerade zuvor einer Annexion des Westjordanlands. Wie kam das in Israel an?
Sprecher 11: Das kam bei Netanyahu zwar an, aber Netanyahus Antwort bei der Pressekonferenz am Nachmittag war, die das über die Frage von Annexion noch nicht schlussendlich entschieden sei. Also er hat das eigentlich an sich vorbeirauschen lassen. Und Merz hat das auch gegenüber dem jordanischen König klargestellt, gegenüber dem Staatspräsident Herzog in Israel, dass es Annexion nicht gibt. Aber er war da nicht... Hart im Widersprechen, als Netanjahu das eigentlich beiseite gewischt hat, wie man überhaupt sagen muss, dass er zwar bestimmte Sätze von sich gegeben hat, bestimmte Formulierungen, die man immer wieder hört, auch zur Zwei-Staaten-Lösung. Aber dass er das nicht mit Nachdruck gegenüber Netanyahu verteidigt hat, als er das selbst in Frage gestellt hat.
Sprecher 3: Wie würdest du das denn einschätzen, wie Merz auftritt? War das dann, er sagt, was man erwartet hatte und es hat aber keinerlei Wirkung? Oder wie schätzt du es ein?
Sprecher 11: Im Falle der Zwei-Staaten-Lösung würde ich tatsächlich sagen, dass das keinerlei Wirkung hat, weil Merz es ja selbst auch einschränkt, dass das... Am Ende eines langen Verhandlungsprozesses stehen müsse, die Anerkennung Palästinas. Und da hat sich Merz auch abgegrenzt von Spanien, Norwegen und anderen Staaten, die ja Palästina bereits anerkannt haben als Staat, der zwar so noch nicht existiert. Also da hat sich Merz eher an die Seite von Netanjahu gerückt. Nicht in der Schärfe wie Netanjahu, der sagt, wieso sollen wir einen Palästinenser-Staat aufbauen? Das ist ein Terrorstaat, der nur das Ziel hätte, Israel zu vernichten. Dagegen verwehrt sich Merz schon, aber diese Floskel von der Zwei-Staaten-Lösung ist einfach eine, mit der die internationale Diplomatie jetzt seit 30, 35 Jahren hantiert. Und man muss ja auch ehrlicherweise sagen, dass... Dass es mittlerweile zwei Teilstaaten Palästina gibt, nämlich den Gazastreifen und das Westjordanland, die sich auch erstmal wieder zusammenraufen müssten zwischen Hamas und Fatah, was sie seit Jahrzehnten nicht schaffen. Insofern tut sich da Netanyahu auch relativ leicht, dieses Zwei-Staaten-Lösungsargument beiseite zu wischen.
Sprecher 3: Markus, wie... Steht es um den Trump'schen Friedensplan? Hat der dort mehr Nachhall als die Worte von Friedrich Merz? Wo stehen wir da und geht es in eine gute Richtung?
Sprecher 11: Dieser Plan hat ja drei Phasen. Phase 1 endet mit der Rückkehr der Geisel nach Israel. Die Lebenden sind ja zurück. Jetzt ist noch ein Leichnam einer Geisel im Gazastreifen. Der hoffentlich auch bald zurückgegeben wird an Israel. Und damit wäre eigentlich der Beginn für Phase 2 gegeben, der dann vorsieht, weitaus größere Projekte, nämlich die Schaffung einer internationalen Frontaktaratsverwaltung, die Entsendung einer multinationalen Friedenstruppe und Last but not least die Entwaffnung der Hamas. Und bei all diesen Schritten weiß eigentlich keiner der beteiligten Akteure, wie es weitergehen soll, welche Länder diese Truppen stellen sollen, wer eigentlich Mitglied dieses internationalen Gaza-Verwaltungsrats wird. Das war bei allen Gesprächen die mehrtsführte Thema, aber auch mit einer gewissen Ratlosigkeit, weil das Jahr neigt sich dem Ende zu. Der Winter kommt in Gaza, die humanitäre Situation ist schwierig, wird noch schwieriger werden. Und diese großen Schritte, da vom Krieg hin zu einer Nachkriegsordnung zu kommen, sind eigentlich noch ein großes leeres Blatt Papier.
Sprecher 3: Markus, es war der Antrittsbesuch von Friedrich Merz bei der israelischen Regierung und da steht eine Natürlich die Frage im Raum, die in der Pressekonferenz auch aufkam, wird Netanyahu nach Deutschland reisen, was ja Deutschland vor die schwierige Frage führt, würden dann deutsche Behörden ihn festnehmen, denn er wird ja mit internationalem Haftbefehl gesucht. Wie war die Antwort auf die Frage nach einer Gegeneinladung?
Sprecher 11: Merz hat die Antwort gegeben, dass diese Frage sich zurzeit nicht stelle. Das sei eine theoretische Frage und damit habe man sich in dem Gespräch mit Netanjahu nicht befasst. Netanjahu war so höflich zu sagen, dass er zurzeit auch nicht nach Deutschland kommen will. Werde eben wegen diesem Haftbefehl, den er als absurd und lächerlich bezeichnet hat. Aber er hat dann doch noch mit großen, breiten Grinsen gesagt, dass er sich natürlich sehr freuen würde, Berlin wieder einmal zu besuchen. Er hat dann März auch nochmal eingeladen, nach Israel zu kommen, dann mit seiner Ehefrau. Aber da gibt es scheinbar das Verständnis auf israelischer Seite, dass es März und Deutschland in Schwierigkeiten bringen würde, wenn er Deutschland besuchen würde. Darum hat er auf die Frage geantwortet, dass er das jetzt nicht tun werde.
Sprecher 3: Das nennt man dann wohl die hohe Diplomatie. Vielen Dank, Markus, dass du uns heute von diesem Besuch erzählt hast.
Sprecher 11: Danke dir, Helena.
Sprecher 3: Michael, den 7. Dezember mussten wir ohne unsere Hörerinnen und Hörer öffnen. Was hast du dir für Musik angemacht?
Sprecher 2: Achso, Musik fragst du ja berechtigt eigentlich. Ich habe tatsächlich auf der Zugfahrt vom Rheinland nach Hause Shallow gehört, was mir immer noch jetzt gerade ein bisschen im Ohr ist, ein wunderschöner Song. Vor allen Dingen aber war in meinem Türchen Lakritz, Lakritz, Lakritz. Und so ist es auch richtig, denn es ist nahezu ein zu 100% Lakritz-Adventskalender.
Sprecher 3: Das wundert mich gar nicht. Aber ich erinnere mich noch, wie wir mal gemeinsam irgendwo Shallow zu zweit gesungen haben.
Sprecher 2: War das nicht bei der Weihnachtsfeier der Table Media GmbH?
Sprecher 3: Ich meine ja und ich meine, es gibt auch ein Video davon, was ich noch nie gesehen habe, was sicherlich irgendjemand als Kompromat gerade noch gesammelt hat. Aber Michael, heute das Türchen, der 8. Dezember, gehört Jens Ihle und du sagst uns, wer das ist und was dieser Mann sich wünscht.
Sprecher 2: Ja, der Mann ist Chef des Regionalmanagements Mittelhessen. Das ist so etwas wie eine Wirtschaftsfördergesellschaft für diese wunderbare Region Mittelhessen. Er war aber auch mal Geschäftsführer der berühmten Gießener Basketballer, die inzwischen 46er heißen oder 46ers, wenn man es im normalen Deutsch im Basketball kreisen, das ist nämlich das englische Wort. Ein treuer Hörer, er wünscht sich einen Song, der Zuversicht vermittelt in diesen aufgeregten Zeiten. Mit vereinten Kräften die Probleme lösen, mit denen wir doch alle zu kämpfen haben. Das wünscht er sich und Bob Marley kommt. Bis dahin, bis morgen, Table Today. Ciao, ciao.
Sprecher 12: About a thing. Every little thing's gonna be all right. Saying don't worry about a thing. Cause every little thing's gonna be alright. Rise up this morning, smile with the rising sun. Three little birds by my doorstep, singing sweet songs of melodies pure and true.
Sprecher 13: This is my message to you. Woo-hoo.
Sprecher 12: Singing no worries. About a thing. Worry about nothing. Every little thing. Gonna be alright. Don't worry. Singing don't worry. About a thing. I won't worry. Every little thing. Gonna be alright. Gonna be alright. Don't worry. About a thing. Every little thing is gonna be alright.