Findet die Koalition die Rentenformel?
Dauer: 25:35

Findet die Koalition die Rentenformel?

Hinter den Kulissen ringen die Spitzen der Regierung und der Koalitionsfraktionen um eine Lösung im Rentenstreit. Ein Unionsmitglied des Koalitionsausschusses hat es in einem Gespräch mit Table.Briefings so formuliert: „Wir werden den Jungen ein Angebot machen, das unseren langfristigen Reformwillen zeigt“. Michael Bröcker und Helene Bubrowski diskutieren, wie ein solches Angebot konkret aussehen könnte.

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Der Autor Simon Strauß stellt sein neues Buch „In der Nähe“ vor. Am Beispiel der Stadt Prenzlau beschreibt er den Wert lokaler Gemeinschaften. Strauß rät Berliner Politikern, die Hauptstadtblase zu verlassen: Es sei der erste Schritt, „sich der gelebten Wirklichkeit“ auszusetzen, um das abgekoppelte Denken in Verwaltungseinheiten zu überwinden.

[07:14]


Die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner stellt sich den Fragen von Helene Bubrowski. Warum schaffen es die Grünen nicht, bei Wählerinnen und Wählern zu punkten? Wie stehen die Grünen zum Verbrenner-Aus, nachdem Cem Özdemir in Baden-Württemberg das strikte Verbot in Frage gestellt hat?

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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Eine neue, sehr verschwiegen Initiative von Spitzenpolitikern aus Union und SPD wollen den Jungen etwas anbieten. Vielleicht schon nächste Woche im Koalitionsausschuss. Und dann soll das Gesetz von Bärbel Bastern trotzdem durchgehen. Wie das gehen könnte, sagen wir Ihnen gleich.

Sprecher 3: Die meisten Politiker wollen gerne bürgernah sein und besuchen Kommunikationsseminare und stellen Coaches ein, um die Bürgernähe besser zu inszenieren. Simon Strauß, der Autor und Journalist von der FAZ, hat da eine andere Idee. In der Nähe heißt sein neues Buch und was das bedeutet, darüber sprechen wir gleich.

Sprecher 2: Was machen eigentlich die Grünen? Trotz ständigem Streit bei Schwarz-Rot und der sinkenden Zustimmung für den Kanzler und seine Regierung, da müsste doch die Partei in der Opposition richtig profitieren. Tut sie aber nicht. Warum nicht, das fragen wir gleich. Die Parteivorsitzende Franziska Brandner.

Sprecher 3: Es ist Freitag, der 21. November. Das toten Sonntagswochenende steht uns bevor und dennoch ist die Laune gut, denn Michael ist endlich wieder da. Wie schön.

Sprecher 2: Einen schönen guten Tag.

Sprecher 3: Die Rente lässt die Politik nicht los. Friedrich Merz hat zum zweiten Mal sich selbst und seine Partei und die ganze Regierung in eine Situation hinein manövriert, die doch sehr stark an Frauke Bosius-Gersdorf erinnert. Also nicht an die Frau, sondern an den Eklat. Und das Drama und das Chaos kurz vor der Sommerpause. Man hat sich geschworen, dass sich das nicht wiederholen soll. Und jetzt ist genau das passiert.

Sprecher 2: Ja, die Analogie zu Brüssel-Gersthoff kommt tatsächlich jetzt häufig. Aber eine Verschiebung dieser Entscheidung über das Rentenpaket, das ist wirklich nicht zu machen. Gestern haben ja auch zwei Mitglieder der Union aus dem Koalitionsausschuss das ziemlich klar gemacht, dass man der SPD das nicht abbringen wird. Dieses Gesetz soll so kommen, wie es ja im Kabinett vereinbart wurde. Gerade auch Friedrich Merz hat gesagt, es ist auch sein Gesetz. Und wie man da hinterher kommen will, das ist auch den Leuten in der Union nicht klar. Jetzt soll es, und so ich zitiere mal einen Mitglied des Koalitionsausschusses, wir werden den Jungen ein Angebot machen, das unseren langfristigen Reformwillen zeigt. Also man will jetzt alles Mögliche in einen Koalitionsausschussbeschluss schreiben, Helene, was nicht im Gesetz steht, aber trotzdem noch kommen soll, um die so ein bisschen gnädig zu stimmen.

Sprecher 3: Ja, vielleicht lassen sie sich ja sogar drauf ein. Vielleicht wollen sie nicht schuld sein an einem großen Drama. Das wäre sogar zu verstehen. Aber was nicht zu verstehen ist, Michael, ist ja die Logik zu sagen, wir machen jetzt dieses Gesetz, wo die Renten nach 2031 um ein Prozent... höher sind über dem gesetzlichen Niveau. Und gleichzeitig setzen wir eine Kommission ein, die das ganze Rentensystem mal ganz grundsätzlich überdenken soll und infrage stellen soll. Und mit der Folge, dass möglicherweise das alles wieder einkassiert wird und es ab 2031 dann doch wieder ganz anders wird. Also das ist dieses Rein und Raus, Hin und Her, wenig. Planung wenig, Planung Sicherheit, was ja doch sehr befremdet.

Sprecher 2: Ja, und es sind vor allen Dingen natürlich auch Maßnahmen, die man jetzt schon beschließen könnte. Also die Frühstadtrente vielleicht doch noch auszuweiten, ein Bekenntnis zu einer stärkeren Kapitaldeckung. Eine Pensionsreform wird jetzt diskutiert. Man müsste als Politik auch zeigen, dass man sich selbst hinterfragt und die Pensionsansprüche, die man durch wenige Jahre im Bundestag ja schon erwirbt und die deutlich über... Das hinausgeht, was ein normaler Arbeitnehmer so anspart. Also das sind Teile dieser Angebote und es soll um ein Versorgungsniveau insgesamt gehen, was man vielleicht festschreiben könnte über die verschiedenen Säulen der Altersvorsorgung hinaus, sodass man die Diskussion weglenkt von den 48 Prozent in der gesetzlichen Rentenversicherung, weil da will die SPD hart bleiben. Und Bärbel Bas hat es jetzt nochmal gesagt, wir haben das an verschiedensten Stellen dieser Koalition besprochen, schon in früheren großen Koalitionen, aber auch in dieser. Man geht da nicht mehr wieder raus aus diesem Gesetz. Und ich glaube, die bleiben da hart und die Union weiß das auch.

Sprecher 3: Und da sind wir wieder bei Brosius Gerstorf. Die SPD sagt, wir haben eine Vereinbarung, wir haben einen Kabinettsbeschluss. Wir halten uns an die Verabredung. Wir haben auch die Migrationspolitik mitgemacht und so weiter. Jetzt, Union, seid ihr dran, euch an eure Verabredung zu halten. Und Sie sehen, wie die Union Schwierigkeiten hat, die Reihen zu schließen, wie sie Schwierigkeiten hat, ihre Mehrheiten zu organisieren. Auf allen Ebenen hapert es da im Kanzleramt, aber natürlich auch in der Fraktion. Fragen auch an Jens Spahn, die sich da stellen.

Sprecher 2: Ja, das ist so. Jens Spahn ist mit Matthias Misch in Dauerkontakt, auch mit den Rebellen der jungen Gruppe, aber eben auch das Trio der Regierung, also Thorsten Frei, Björn Böning und Alexander Dobrindt sind im Hintergrund dran zu überlegen, was man im Koalitionsausschuss eben auch vielleicht schon... Als Prüfaufträge an die Kommission dann geben kann, um die Jungen wieder einzusammeln. Also niemand will den Bruch der Koalition. Das ist glaubwürdig, Helene, weil es immer wieder draußen spekuliert wird.

Sprecher 3: Es wäre ja auch noch schöner, wenn das einer wollte. Ein halbes Jahr nachdem eine Regierung an den Start gegangen ist, die versprochen hat, eine Arbeitskoalition zu sein, Verantwortung zu übernehmen, dieses Land nach vorne zu bringen, das Ampelchaos zu beenden. Und jetzt sehen wir sie direkt im neuen Chaos. Das ist schon für unsere politische Kultur. Wirklich große Sorgen machen. Aber einen Punkt, Michael, über den müssen wir nochmal reden, und der heißt Markus Söder, der ja seine Mütterrente hat. Auch ein Punkt, an dem sich junge Menschen stoßen könnten und es auch tun, aber niemand sagt es so wirklich ausdrücklich. Und das ist überhaupt gar kein Thema, weil Markus Söder das auf unnachahmliche Art einfach abräumt und sagt, darüber reden wir nicht, das ist vereinbart. Und jetzt auch Pascal, Redding hat im Stern gesagt, ja, nee, Mütterrente finde ich zwar nicht toll, aber wir müssen uns da zu unserer Vereinbarung halten. Also Markus Söder, unglaublicher Machtstratege, der seine Punkte durch... Boxed und dann Friedrich Merz ziemlich im Regen stehen lässt, um es mal vorsichtig zu sagen. Man kann auch sagen, ganz schön gegen das Schienbein tritt, wenn es um die CDU-Projekte geht oder die Vereinbarung, die die CDU durchbringen will oder muss.

Sprecher 2: Und das ist das zentrale Argument von Lars Klingbeil. Er sagt, wenn der Söder an seiner Mütterrente festhalten darf, die übrigens auch sehr, sehr viel Geld kostet, 8 Milliarden Euro im Jahr, warum sollen wir dann auch einen Konsens, den wir beim Rentenniveau bekommen haben, wieder aufschnüren einseitig? Also wenn die davon abrücken, die SPD, dann müsste auch CSU-Chef Söder von der Mütterrente abrücken. Dann könnte man auch über die Rente mit 63. Wie gesagt, Helene, der Fehler ist am Anfang gemacht worden in den Koalitionsverhandlungen. Deswegen werden Sie ihn jetzt nicht rückwirkend als Fehler anerkennen, indem Sie auf diese ganzen schlimmen Maßnahmen wieder verzichten.

Sprecher 3: Ja, müsste, müsste. Aber die Uhren in Bayern und vor allem die Ansprüche von Markus Söder laufen wirklich teilweise anders. Und ich finde es immer interessant zu sehen, wie sich auch keiner so richtig traut, ihn dafür öffentlich zu kritisieren, das zu hinterfragen, das mal auch anzuprangern und zu sagen, warum kommt der eigentlich mit seinen Sachen immer durch und die anderen nicht. Also das traut sich auch die junge Gruppe nicht, die Mütterrente ernsthaft infrage zu stellen. Und deswegen ist meine Prognose, Markus Söder kommt am Ende mit seinen Dingen durch und die anderen nicht.

Sprecher 2: Fortsetzung folgt.

Sprecher 3: Und bei uns im Studio ist jetzt der Fötonist der FAZ und Autor Simon Strauß. Er hat ein neues Buch geschrieben mit dem interessanten Titel In der Nähe vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht. Es geht um eine Kleinstadt in der Uckermark Prenzlau, die sich Simon Strauß ganz genau angeschaut hat und dort ja erkundet hat, wie Gemeinschaft möglich ist, wie Demokratie auch gelebt werden kann. Ja, neuer Blick vielleicht auf den Osten. Schön, dass du da bist. Hallo Simon.

Sprecher 4: Freue mich sehr, hier zu sein in dem Podcast, den ich so oft höre.

Sprecher 3: Das freut uns natürlich sehr. Ich höre auch deinen ja so gerne. Aber bevor wir uns zu sehr mit Lob überschütten, du beschreibst eine Sehnsucht nach Nähe. Die Politiker hier in Berlin versuchen ja alle oder viele von ihnen den Bürgern ganz nah zu sein, haben Kommunikationstrainings und... Workshops, die sie absolvieren und es gelingt trotzdem nicht. Hast du einen Tipp?

Sprecher 4: Ja, vielleicht nicht so viele Workshops machen, sondern eben mehr in die Nähe fahren, in die Region fahren, in kleinere Ortschaften, vielleicht auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Also ich glaube wirklich, das klingt vielleicht in erster Linie relativ einfach, aber das sich aussetzen mit der sozusagen gelebten Wirklichkeit ist schon der erste Schritt dazu, dass man das politische wegholt von so einer abgekoppelten Verwaltungseinheitsdenken, was dann eben so hinter schönen Glasscheiben stattfindet und in warmen Meetingräumen. Ich glaube wirklich, Ich daran, dass man Politik irgendwie jetzt in dieser Krisenzeiten, in der wir leben, nochmal wieder neu aufladen muss mit einem anderen Begriff von emotionaler Intelligenz. Wir reden ganz viel über künstliche Intelligenz, aber emotionale Intelligenz, das fehlt eben vielen Politikern heute.

Sprecher 3: Hast du das in Prenzlau beobachtet oder wo sind da Spuren von Nähe zu erkennen in dieser Kleinstadt? Von der, ein schöner Kapitelüberschrift, was der Prenzlauer Berg von Prenzlau lernen kann. Und wir sind ja alle ein bisschen Prenzlauer Berg hier in Berlin, also auch Mitte. Was können wir von Prenzlau lernen?

Sprecher 4: Wahrscheinlich sind wir alle in Deutschland ein bisschen zu viel Prenzlauer Berg. Genau, ich glaube, dass man lernen kann, dass eben die Zusammenhänge zu sehen und zu spüren, dass Politik etwas ist, was eben in der gemeinschaftlichen Konflikt- und Kompromisssituation entsteht, dass das ganz wichtig ist. Und da geht es sozusagen um ganz einfache Dinge. Zustande bringen eines Neujahrsempfangs. Die Landesgartenschau ist für diese Stadt enorm stolzbringend. Das führt zu einem unglaublichen Stolz, diese Landesgartenschau auf die Beine zu bringen. Aber auch eine Initiative gegen ein Flüchtlingsheim, wo man natürlich jetzt erstmal vielleicht zusammenzuckt, aber auch das ist ein Zeichen von einer Dynamik, sozusagen einem Könnensbewusstsein. Diesen Begriff des Altersrückers Christian Mayer benutze ich dafür, dass man das Gefühl hat, wir wollen in der Nähe Dinge mitentscheidend verändern und manchmal eben auch mit einer sehr robusten, vielleicht auch radikalen Vorstellung von direkter Demokratie verbinden. Ich sage nicht, dass man eins zu eins das jetzt übertragen kann auf irgendwie unsere großpolitischen Probleme, aber ein bisschen mehr Verständnis und Vorurteile. einem Staunen über das, was Politik in der Nähe bedeutet. Ich glaube, das täte uns schon gut.

Sprecher 3: Es geht in deinem Buch auch um die Wunden der Geschichte, die ja gerade im Osten noch frischer sind, noch spürbarer sind als im Westen. Und dann sagst du, das Erleben der Ostdeutschen, der Prenzlauer, mit denen du sprichst, ist, dass die Wessis nicht nur zu ihnen herabschauen, sondern einmal im Jahr dann die Lebensleistung loben, über den Kopf streicheln und dass sie da natürlich verständlicherweise eine Aversion empfinden. Was würdest du jetzt auch mir als Wessi, du als Emo-Ostdeutscher, wie du dich selber bezeichnest, empfehlen? Wie, ja, Augenhöhe ist dann wahrscheinlich das Wort, aber was heißt das konkret? Was wollen die eigentlich von uns Wessis?

Sprecher 4: Es gibt keine Helden ohne Wunden, würde ich sagen. Jeder Held, jede Heldengeschichte hat auch Wunden an sich und in sich. Und deswegen ist die Vorstellung, dass nur sozusagen Wohlstand, Freiheit, Geselligkeit, die Erzählung über Deutschland ist, die ist eben nicht wirklich haftungsvoll. Wir müssen über dieses Land im Generellen auch nachdenken, indem wir die Wunden dieses Landes ernst nehmen und nicht davor zurückzucken oder das bemitleiden oder als defizitär betrachten, sondern Wunden haben auch eine produktive Kraft. Und so eine Zeit wie die 90er Jahre, die eben nicht nur die Baseballschlägerjahre waren, ja, rechtsradikale Gewaltausbrüche, aber eben auch die Zeit, wo sehr, sehr viele von Null angefangen haben, Ich war, drei Viertel aller Ostdeutschen hatten einen neuen Job nach 1990, mussten voll neu anfangen und dieses durchhalten und trotzdem den Kopf nicht in den Sand stecken. Ich glaube, das anzuerkennen und das eben nicht irgendwie, wie du sagst, über den Kopf streichen, sondern das als einen staunenswerten Teil der deutschen Geschichte. zu sehen und darüber zu sprechen, das würde zum Beispiel zu viel Nähe führen. Das heißt, Nähe heißt nicht nur etwas Anwesenheit, dass Bundestagsabgeordnete möglicherweise auch mal in ihrem Wahlkreis anwesend sind, wenn ein Neujahrsempfang stattfindet. Nähe hat auch was mit Sprache zu tun, hat etwas mit der Geschichte zu tun, die man erzählt über dieses Land.

Sprecher 3: Du bist ja nicht nur Journalist in Prenzlau, sondern die meiste Zeit dann eben doch auch in Berlin oder an den Theatern dieser Welt. Deswegen nochmal zum Ende eine selbstkritische Beobachtung unserer eigenen Profession. Welche Rolle spielen wir bei der Sache? Sind wir auch Verstärker von... Empörungswellen, sind wir auch ein Teil des Problems? AfD ist nur ein Beispiel, aber auch die anderen Dinge, bauschen wir Konflikte auf? Sind wir eine Instanz, die Nähe verhindert?

Sprecher 4: Ja, vielleicht ist das ganz klug so zu beschreiben. Sind folgende. Wir folgen immer nur dem und wir geben wenig vor. Und ich glaube, dass Medien am Ende doch auch sich ein bisschen mehr wieder besinnen müssen auf ihre Autorität, die sie auch haben. In einer Zeit, wo so viel Abfälligkeit, so viel Widerwärtigkeit ja auch im politischen Diskurs im Schwange ist, wäre unsere Aufgabe, finde ich auch, nicht nur die Reflexion und Beobachtung, sondern eben auch die etwas höheren Worte und die Zusammenhänge zu beschreiben, so, dass sie eben eine Haftung und eine emotionale Brisanz bekommen und damit eben am Ende auch ein politischer Aspekt ist das, was wir als Medien haben. Wir haben eine politische Aufgabe und die müssen wir in dieser Form wahrnehmen.

Sprecher 3: Liebe Politikerinnen und Politiker, schaut nicht nur auf diese Stadt Prenzlauer. sondern hört die Worte dieses klugen Kollegen, wenn es künftig darum geht, sich für Workshops anzumelden oder wieder teure Berater einzustellen. Vielen Dank, dass du bei uns warst, Simon Strauß. In der Nähe heißt sein neues Buch erschienen, gerade dieser Tage im Tropen Verlag. Danke dir.

Sprecher 2: Danke dir.

Sprecher 3: In einer Woche beginnt der Bundesparteitag der Grünen in Hannover. Und bei uns ist jetzt die Grünen-Vorsitzende Franziska Brandner, die am nächsten Wochenende nicht zur Wahl steht, aber die schwierige Aufgabe hat, ihre Partei auf das auszurichten, was die Grünen in der Opposition wollten, nämlich kritisch-konstruktiv. Fragen wir mal nach, wie es um die Grünen steht. Hallo Frau Brandner.

Sprecher 5: Guten Tag.

Sprecher 3: Sagen Sie mal, da haben wir eine Bundesregierung, die seit gut sechs Monaten im Amt ist und da sind wir wahrscheinlich einer Meinung, jedenfalls viele im Land sehen es so, wirklich nicht besonders gut abliefert, sondern mit sich selbst beschäftigt ist, streitet und kein gutes Bild abgibt. Und wer profitiert davon nicht? Ausgerechnet die Grünen, die sich doch als einzige echte Opposition präsentiert haben, eben keine nicht radikale Partei, sondern eine Partei, die kritisch konstruktiv sein wollte. Woran liegt das?

Sprecher 5: Herr Merz müsste wirklich endlich mal Kanzler werden. Ja, also das ist ja das Tragische.

Sprecher 3: Dann würden die Grünen auch besser dastehen.

Sprecher 5: Nein, dann würde es diesem Land besser gehen.

Sprecher 3: Und dann würden auch die Grünen besser dastehen?

Sprecher 5: Zumindest würde es nicht mehr die AfD stärken. Und das ist ja das Tragische. An dieser Lage, wo sich die CDU ja intern zerstreitet, ist ja noch nicht mal ein Koalitionskrach, ist ja ein CDU-interner Streit konstant. Wir einfach sehen, dass Herr Merz nicht regieren kann.

Sprecher 3: Aber ich hatte ja nach den Grünen gefragt, was machen die Grünen falsch? Warum profitieren sie nicht davon?

Sprecher 5: Weil von diesem Verdruss an Menschen, die es offensichtlich nicht können, davon profitieren. Diejenigen, die auf ihn gehofft hatten, die geglaubt haben, dass das, was er ihnen vom Himmel runtergelogen hat, irgendwann Realität wird, obwohl er ja wusste, dass das nicht passieren wird. Es sind ja Menschen, die ihn gewählt haben, weil er versprochen hat, ich saniere das Land, ohne einen Euro Schulden aufzunehmen. Den er versprochen hatte, ich schaffe das Heizungsgesetz wieder ab. Das sind ja Menschen, die ihn deswegen gewählt haben, die jetzt enttäuscht sind, weil sie merken, der macht ja überhaupt nichts davon, weil es auch realitätsfern ist. Deswegen kommen die aber nicht zu uns. Aber sie wenden sich von der Politik ab, weil sie enttäuscht sind, weil sie getäuscht wurden. Und deswegen hilft dagegen auch nur, dass diese Regierung sich jetzt zusammenreißt und endlich ruhig und vernünftig regiert.

Sprecher 3: Aber Sie wollen ja wahrscheinlich mehr als den Kanzler ermahnen. Sie wollen ja wahrscheinlich selber zu mehr Stärke zurückfinden. Wie wollen Sie das machen? Ist das Klimathema das, auf das Sie setzen werden, weil die Bundesregierung das vernachlässigt? Oder was ist Ihr Weg nach vorne?

Sprecher 5: Es ist eindeutig, dass diese Regierung nichts fürs Klima tut, sondern im besten Fall den Status quo hält, eigentlich in vielen Bereichen zurückgeht. Also wenn man jetzt sieht, die COP in Brasilien, Spanien, Frankreich sagen, wir brauchen eine Sonderabgabe auf... Und in Deutschland wird halt das Fliegen billiger gemacht und Zugfahren teurer. Das ist ja absurd. Das heißt, wir sehen, dass da weder ein Interesse daran ist, noch wirklich die Absicht, uns zu erneuern, die neuen Technologien bei uns in Deutschland voranzubringen. Man setzt da voll auf die alten. Das ist wirklich tragisch. Aber was unsere Rolle ist, ist, wir sehen ja auf der einen Seite eine CDU, die immer sagt, wir reißen jetzt einfach alles ab, Bürgergeld, Pflegestufe 1. Also so ein Headbanger, der einfach mal rausgeht und sagt, alles weg damit. Auf der anderen Seite haben wir die SPD, die sagt, Leute, Augen zu und durch, wird schon irgendwie. Die noch nicht mal sieht, was die Herausforderungen sind. Und wir sind die Kraft, die genau analysiert, die sagt, hier, es gibt Reformbedarf, aber bitte nicht wie der Headbanger, sondern mit normalen, vernünftigen Vorschlägen. Das machen wir bei der Rente, das machen wir, wenn es um die Wirtschaft geht. Und das ist genau kritisch, konstruktiv. Realität nicht verweigern, nichts versprechen, was eh nicht geht, sondern konstruktive Antworten geben.

Sprecher 3: Ja, manchmal weiß man aber nicht ganz genau, wo die Grünen eigentlich stehen. Es gibt ja auch Grüne, die selber sagen, wir sind immer noch auf der Suche nach unserem Kurs. Beispiel Verbrenner aus. Da hat Cem Özdemir sich im Wahlkampf klar positioniert und gesagt, er kann sich da mehr Flexibilität vorstellen. Die Fraktion sagt in Form von Katharina Dröge, nein, auf gar keinen Fall werden wir das verschieben. Und sie geben Antworten, die so ein bisschen dazwischen stehen. Und man fragt sich, wo steht denn nun die Grünen-Vorsitzende? Ist sie jetzt mehr Baden-Württembergerin, wo sie herkommen? Oder ist sie jetzt Vorsitzende der Gesamtpartei und muss diesen Kurs mittragen? Sie irgendwo im Loyalitätskonflikt gefangen. Was denken Sie eigentlich wirklich, Frau Brandner?

Sprecher 5: Ich bin zum Glück nicht in der Situation, mich entscheiden zu müssen, sondern dankbar darüber, dass wir als Grüne insgesamt ganz klar sagen, die Zukunft des Autos ist elektrisch, die ist übrigens auch autonom.

Sprecher 3: Aber ab 35 oder ab wann?

Sprecher 5: Natürlich ist das Ziel, dass es ab 35 klappt und das haben wir alle gemeinsam. Und mein Appell geht deswegen an die Bundesregierung, dafür mal die Rahmenbedingungen zu schaffen. Wir sind ja mit dem Koalitionsvertrag vereinbart, Stromsteuer senken wir für alle, würde ein E-Auto billiger machen. Die haben zugesagt, dass ein E-Auto... Förderprogramm auf den Weg zu bringen. Sie haben zugesagt gehabt, dass sie die Ladeinfrastruktur nochmal verbessern und es europäisch harmonisieren wollen. Davon kommt gar nichts. Also ich fordere von der Regierung noch nicht mal irgendwie was Besonderes, sondern nur, dass sie den Chorvertrag umsetzt.

Sprecher 3: Also Cem Özdemir liegt falsch, wenn er mehr Flexibilität fordert.

Sprecher 5: Cem Özdemir sieht in Baden-Württemberg die Herausforderung, die eine Industrie hat, wenn die Regierung nicht die Rahmenbedingungen liefert. So, das ist die Bedingung, die wir in Baden-Württemberg haben. Und deswegen sagt er, wenn die Bundesregierung jetzt nicht endlich liefert, dann wird es hier schwierig. Und natürlich ist in Baden-Württemberg der Übergang der Strukturwandel. Das ist ja ein Strukturwandel. Vom Verbrenner zum E-Auto ist eine große Aufgabe. Und den muss man sozialverträglich gestalten. Und dafür braucht es Unterstützung. Dafür braucht es aber vor allen Dingen die Rahmenbedingungen, die der Bund liefern muss.

Sprecher 3: Was tun Sie, um den Baden-Württembergern zu helfen, die ja regelmäßig darüber klagen, dass sie aus dem Bund nicht nur keinen Rückenwind, sondern geradezu Gegenwind bekommen?

Sprecher 5: Wir arbeiten eng zusammen und natürlich hat Cem Özdemir in Baden-Württemberg die Frage, Verantwortung, Antworten auf die baden-württembergischen Probleme und Herausforderungen zu geben. Und ich weiß, ich komme aus Baden-Württemberg, dass die verkehrstechnischen Herausforderungen im Odenwald nicht identisch sind wie mit Berlin-Mitte. Deswegen ist es für mich ganz normal, dass die Antworten auch andere sind. Es wäre absurd, wenn wir Bundesländer haben, damit sie alles Gleiche tun. Und wir setzen gemeinsame Themen wie sozialen Aufstieg, dafür steht Cem, ja als Personen maßgeblich, das Bildungsversprechen wieder zu erneuern. Wir stehen gemeinsam dafür, dass man neben der Autoindustrie die Gesundheitswirtschaft aufbaut, dass man auf KI setzt, auf Quanten, auf die neuen Technologien, Biotech. Das bringen wir ja gemeinsam voran. Wir sind halt die Innovationskraft in Baden-Württemberg. Da bin ich einfach stolz drauf, dass wir das gemeinsam voranbringen.

Sprecher 3: Sprechen wir über den Parteitag, Frau Brandner. Warum ist das Thema Wehrpflicht, über das jetzt bei den Grünen so intensiv gestritten und diskutiert wird und Pflicht ja, warum war das nicht in Ihrem Leitantrag drin?

Sprecher 5: Wir haben... Anfang gesagt, wir machen eine klare außenpolitische Debatte und das war ja auch noch die Situation, Sie erinnern sich, in dieser Bundesregierung komplett unklar, was da jemals kommt. Und deswegen hatten wir gesagt, lass uns mal schauen, worauf wir dann den Fokus legen werden. Wir wussten, es kommen Änderungsanträge.

Sprecher 3: Aber die haben es ja nicht geschafft, so gewotet zu werden, dass sie diskutiert werden.

Sprecher 5: In der Summe schon. Also das Interessante bei uns, wenn Sie alle nehmen, also die, die dafür, die dagegen, der Mitte, die noch eine vierte und eine fünfte Position haben, es gab ja sehr unterschiedliche Positionen dazu, haben Sie ja gesagt, gibt es bei uns. Übrigens, das Interessante bei uns ist, keiner fürs Losverfahren. Viele Positionen, aber keiner findet das sinnvoll. In der Summe hatten die sogar sehr, sehr viele Stimmen, aber gesplittet nicht. Deswegen war klar dann für uns, auch wenn es keiner dieser Anträge geschafft hat, war für uns klar, die Debatte führen wir.

Sprecher 3: Sprechen wir über Israel-Palästina. Da meine Meinung ist es, Robert Habeck zu verdanken, dass er klar gemacht hat, dass in der Grünen-Partei kein Raum ist für Antisemitismus. Jetzt ist Robert Habeck nicht mehr da und wir sehen sehr, sehr, sehr viele Änderungsanträge zum Thema Palästina. Befürchten Sie, dass es da jetzt eine unangenehme Diskussion gibt, wo vielleicht doch wieder ein amorfer Antisemitismus, der ja durchaus auch in der linken, im linken Spektrum, im linken Parteispektrum, seine historischen Wurzeln hat, dass das hochkommt auf den Parteitag?

Sprecher 5: Nein, weil es dazu auch keinen Änderungsantrag in diese Richtung geht. Wir haben in der Partei ein Meinungsspektrum, das aber sehr begrenzt ist, wenn man es mit anderen Parteien vergleicht. Haben wir eine Debatte, die sich am Ende darauf reduziert, für welche Art von Waffenlieferung man jetzt ist. Dann natürlich kann man es auch diskutieren, das ist aber ja noch nicht antisemitisch. Deswegen bin ich eigentlich ganz froh, dass wir da debattieren, respektvoll, aber weit weg sind zum Glück von anderen Parteien und ihren Debatten.

Sprecher 3: Seit einem Jahr sind Sie jetzt Parteivorsitzende. Ist das für Sie das richtige Amt?

Sprecher 5: Also was mir richtig Freude macht, ist in dieser schwierigen Zeit, wo wir Grüne ja auch aus der Regierung kamen, aus einer, die gescheitert war, zu schauen, was ist unsere neue Rolle? in dieser Zeit und wirklich zu überlegen, wie können wir es schaffen in Deutschland, darüber hinaus in Europa, nicht nur unsere Demokratie zu retten, sondern unseren Wohlstand wirklich neu aufzubauen, uns zu behaupten gegenüber Xi Jinping, aber auch gegenüber Trump. Das hinzubekommen, was braucht es dafür für eine Gesellschaft und darüber nachzudenken und unsere Partei dafür aufzustellen, das ist ein großer Kampf. Und ich finde, wir kommen auch Schritt für Schritt voran, uns da neu aufzustellen. Und woran messen Sie dann eines Tages Ihren eigenen Erfolg, wenn Sie zurückschauen und dann möglicherweise was anderes machen? Ob sie Baden-Württemberg gewonnen haben, halten konnten die Staatskanzler, ob die Grünen aus dem Umfragetief von jetzt 11, 12 Prozent rausgekommen sind. Was ist ihre persönliche Benchmark? Woran ich mich messen lassen würde, wenn man sagen würde, was ich, was meine Oma und schaut mal zurück. Dann würde ich immer sagen, hast du deinen Beitrag dazu geleistet, dass diese Gesellschaft nicht noch weiter auseinandergebrochen ist. Vielen Dank, dass Sie heute bei uns im Studio waren. Mit ihr ist übrigens gekommen unser ehemaliger Kollege Thorsten Denkler, den wir schmerzlich vermissen und umso herzlicher hier auch begrüßen. Thorsten, möchtest du auch noch was sagen? Nein, das ist das Problem von Sprechern. Sie dürfen so oft nicht sprechen. Er darf was sagen. Er möchte nichts mehr sagen. Thorsten Denkler als Stimme verstummt. Aber vielleicht spricht Franziska Brandner durch ihn. Man weiß es nicht so ganz genau. Vielen Dank.

Sprecher 3: Mit Chi war noch was.

Sprecher 2: Eine spannende Studie aus Australien muss ich dir noch hier mitteilen zum Abschluss. Wer im Alter regelmäßig Musik hört, hat ein etwa 40% geringeres Risiko an Demenz zu erkranken. Und wer übrigens selbst ein Instrument spielt, senkt das Risiko auch um immerhin 35 Prozent. Wenn das keine relevante wissenschaftliche Studie ist, immerhin 10.000 Personen, die 70 oder älter waren, wurden untersucht. Und ich finde das doch wirklich ein wunderbares Outcome, oder?

Sprecher 3: Ja, das ist wirklich schön, denn ich hatte sonst immer im Kopf diese furchtbaren Studien, wo die Langzeithörschäden von jungen Leuten, die laut Musik hören, aufgelistet wurden. Und meine Eltern immer gesagt haben, hör bloß nicht so laut Musik mit den damaligen Walkmans, die wir hatten, weil du dann irgendwie ab 40 nicht mehr richtig hören kannst. Insofern bin ich sehr froh darüber, dass Musik so positiv wirkt.

Sprecher 2: In diesem Sinne, am Samstag natürlich wieder ein Podcast von uns, diesmal aus der Reihe CEO Edition mit Tina Müller, der Veleder CEO und Raoul Rossmann, dem Chef der Rossmann Drogeriemärkte. Bis dahin, ciao, ciao.

Sprecher 3: Tschüss.

Sprecher 6: Ich bin völlig blind. Manchmal habe ich das Gefühl, meine Tage und Nächte sind auf den Kopf gestellt, weil ich Schwierigkeiten habe, nachts zu schlafen und tagsüber wach zu bleiben. Ich leide unter 924, einer seltenen Schlaf-Wach-Rhythmus-Störung, die viele völlig blinde Menschen betrifft. Möchtest du mehr über diese Erkrankung in Verbindung mit völliger Erblindung erfahren? Rufe kostenfrei an unter 0800 24 24 005.