35 Jahre deutsche Einheit - wie vereint sind wir?
Dauer: 23:22

35 Jahre deutsche Einheit - wie vereint sind wir?

Am Tag der Deutschen Einheit spricht Michael Bröcker mit Sven Schulze über das Verhältnis zwischen Ost und West. Der CDU-Spitzenkandidat und Wirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt sagt, es brauche mehr Austausch zwischen jungen Menschen. „Die Vorurteile, die man hat, muss man täglich abbauen. Und das geht am besten, indem man sich gegenseitig besucht.“

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Annalena Baerbock ist für ein Jahr die neue Präsidentin der UN-Generalversammlung. Sara Sievert vom Berlin Table hat Baerbock in New York getroffen. Heute gibt es einen kurzen Auszug. Das ganze Interview hören Sie morgen am Samstag hier.

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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Herzlich willkommen bei Table Today an diesem ganz besonderen Tag. Natürlich ein besonderes Programm. Es ist der Tag der Deutschen Einheit.

Sprecher 3: Wir sind einmal zu Gast in New York, genauer gesagt bei Annalena Baerbock, der neuen Präsidentin der UN-Generalversammlung. Für ein Jahr hat sie das Amt jetzt übernommen, durchaus umstritten, wie sie da rangekommen ist. Sarah Sievert, unsere Kollegin vom Berlin Table, hat sie in New York besucht und mit ihr über diesen neuen Job gesprochen.

Sprecher 2: Und außerdem müssen wir natürlich über Ost und West reden und ob da wirklich zusammenwächst, was zusammengehört. Sven Schulze, der Spitzenkandidat der CDU in Sachsen-Anhalt, geboren im Ostharz. Der Mann, der die 35-Prozent-Umfragen für die AfD wieder runterkriegen soll, ist bei uns im Gespräch. Und er redet über die Befindlichkeiten des Ostens, aber auch über das, was gerade wirtschaftlich richtig gut läuft.

Sprecher 3: Ja, und zum Schluss müssen wir natürlich noch über den Mann reden, der zumindest von sich selber behauptet, dass er eine wesentliche Rolle beim Mauerfall gespielt hat und damit die Wiedervereinigung ja quasi vorbereitet hat.

Sprecher 2: Herzlich willkommen an diesem besonderen Freitag, dem 3. Oktober. Los geht's. Sie ist eine der bekanntesten, aber durchaus auch umstrittensten Persönlichkeiten in der Grünen-Partei. Sie war Außenministerin, Kanzlerkandidatin und ist jetzt die Präsidentin der 80. Sitzungsperiode der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Die Rede ist natürlich von Annalena Baerbock, die jüngst eher bei Instagram und mit kuriosen Videos für Aufmerksamkeit gesorgt hat, als mit politischen Inhalten.

Sprecher 4: Guten Morgen aus New York, direkt aus meinem Go-To-Bagel-Spot. Wie ihr schon gesehen habt, auf diesem Kanal geht es weiter, auch in meiner neuen Rolle nehme ich euch mit, hinter die Kulissen zu schauen von Außenpolitik und Diplomatie. How do you start the week like a real New Yorker? Coffee, everything bagel with cream cheese. Habt einen guten Start in die Woche.

Sprecher 2: Manch einer erinnerte sich an die Serie Sex and the City, aber vielleicht gehört das heute zu moderner politischer Kommunikation dazu. Wer weiß, Sarah Sievert, unsere Kollegin aus dem Berlin Table, ist vor Ort in New York und hat mit Annalena Baerbock über ihre neue Rolle, ihren neuen Job gesprochen. Hören wir mal rein.

Sprecher 5: Welche inhaltlichen Impulse würden Sie denn gerne in dem nächsten Jahr setzen für die UN?

Sprecher 4: 365 Tage sind kurz, das weiß jeder, der auf den Kalender schaut. Das heißt, es geht für die Präsidentin nicht darum zu sagen, ich habe jetzt mal eine ganz große neue Idee, sondern in diesen Zeiten, wo die UN unter Druck sind, also die Amerikaner haben ja zum Beispiel gesagt, sie wollen einen Großteil der Finanzierung einstellen. Da geht es wirklich um die Existenz der Vereinten Nationen. Ist die Hauptaufgabe. diese Vereinten Nationen zusammenzuhalten, also dafür zu sorgen, wie kommt man jetzt mit weniger Geldern über die Runden, können andere Länder einspringen und vor allen Dingen, wie reformieren wir die Vereinten Nationen so, dass sie auch in den nächsten 80 Jahren noch funktionieren. Also diese Reform ist das wichtigste Thema für dieses Jahr. Innerhalb dieser Reform muss dann auch noch ein neuer Generalsekretär gewählt werden, weil klar ist, dass ab dem 01.01.2027 es nicht mehr Antonio Guterres ist. Diesen Prozess leite ich. Das ist also das zweite große Thema. Und da gibt es eine große Debatte darüber, dass nach 80 Jahren mal eine Frau dran wäre. Weil wenn man für Menschenrechte steht und die Hälfte der Bevölkerung Frauen sind, dann fragt man sich schon, wie das sein kann, dass hier 80 Jahre lang bisher keine Frau Generalsekretärin war. Und der dritte Punkt, der dritte Schwerpunkt ist, wenn die Vereinten Nationen unter Druck sind, dass mir wichtig ist, deutlich zu machen in der Welt, was sind eigentlich die Vereinten Nationen? Auch in Deutschland gibt es eine Debatte darüber, sollen wir weiter Entwicklungshilfe zahlen? Also die Themen der Vereinten Nationen nach außen zu tragen. Und wie ich eben schon gesagt habe, es ist eben nicht nur Krieg und Frieden. Es sind ganz, ganz viele Themen, die unser Leben ganz tief betreffen, weil sie alle bei den Vereinten Nationen geregelt werden. Sei es Gesundheit, sei es Flugsicherheit, Telekommunikation, jetzt künstliche Intelligenz zum Beispiel. Und diese Debatten zu führen, das ist das dritte große Thema für diese 365 Tage.

Sprecher 2: Das ganze Gespräch mit Annalena Baerbock hören Sie hier am Samstag in unserer Samstagsedition von Florian Fischer und Sam. Sievert, Samstag ab 5 Uhr, Table Today. Sie haben es vielleicht jüngst in unserem Berlin-Table gelesen. Im Bericht der Ostbeauftragten der Bundesregierung waren die Animositäten, die Vorurteile, die Klischees zwischen West und Ost durchaus immer noch zu spüren. Manch ein Wessi hält den Ossi für jammerig, skeptisch, pessimistisch oder sogar rassistisch. Das sind allerdings nur Vorurteile. Denn in Wirklichkeit blüht der Osten in vielen Regionen geradezu auf Investitionen, Wirtschaftswachstum, teilweise deutlich höher als in den westdeutschen Bundesländern und eine Stimmung, die sich manchmal in den Umfragen gar nicht wirklich widerspiegelt. Was ist da also los im Osten? Am Tag der Einheit müssen wir das mit einem Menschen besprechen, der im Ostharz geboren ist und künftig die CDU dort in Sachsen-Anhalt als Ministerpräsident anführen soll. Der Mann also, der eine große Herausforderung hat, denn seine Konkurrenz, die AfD, liegt gerade bei rund 35 Prozent in Sachsen-Anhalt, die CDU deutlich darunter. Er soll trotzdem Ministerpräsident werden. Der oder ich ist das Motto des Wahlkämpfers Sven Schulze. So hat es der bisherige Ministerpräsident Rainer Haseloff bereits auch schon kommuniziert. Alle gegen die AfD. Kann das gut gehen? Was sind seine Rezepte und wie blickt er auf die Einheit zwischen Ost und West? 35 Jahre nach der Wiedervereinigung. Einen schönen guten Tag. Hallo, lieber Herr Schulze. Ja, guten Morgen.

Sprecher 6: Hallo.

Sprecher 2: Am Tag der Einheit mit dem künftigen Spitzenkandidaten der CDU für Sachsen-Anhalt. Zunächst mal die Frage, lieber Herr Schulze, was bedeutet dieser Tag eigentlich für Sie?

Sprecher 6: Es ist wirklich immer noch ein ganz besonderer Tag für mich, weil man muss wissen, ich war damals, als die Mauer fiel, neun Jahre alt, die Einheit dann zehn Jahre. Und diese Chance, die meine Generation, die auch ich bekommen haben, die war wirklich phänomenal, die ist riesengroß. Man hat es manchmal so ein bisschen schon vergessen vielleicht bei dem einen oder anderen. Was das alles für uns bedeutete, auch für die Menschen in Ostdeutschland. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich kleines Kind war und wir hatten auch Westverwandtschaft, die alle paar Jahre mal rüberkommen durfte zu uns. Und meine Eltern und Großeltern haben immer gesagt, du, wir werden die niemals besuchen dürfen. Und du als Kind verstehst es noch gar nicht so richtig. Und dann ging die Grenze auf und ich weiß noch, dass ich, die kam aus Nordrhein-Westfalen, aus Krefeld und ich durfte dann mal mit rüber dort und mir die andere Welt in Anführungsstrichen angucken. Hab gesehen, da kochen sie auch alle nur mit Wasser. Aber es war für mich eine ganz große Chance und deswegen ist es für mich ein besonderer Tag.

Sprecher 2: Was war das Bild für Sie das Erste, was Sie im Kopf haben, wenn Sie an den Westen an Krefeld denken?

Sprecher 6: Ich sage Ihnen ganz ehrlich zwei Sachen. Das erste war, ich war völlig überfordert, als wir an einer Raststätte anhielten und ich gefragt wurde, ob ich eine Cola, eine Sprite oder eine Fanta haben möchte. Ich kannte das nur aus dem Fernsehen, aus dem Westfernsehen. Und auf einmal sollte ich selber entscheiden. Und das zweite war, hört sich vielleicht für viele auch komisch an, als ich zum allerersten Mal... bei McDonalds war und ein Big Mac bestellen konnte, das kannte ich alles nur aus der Werbung. Und immer habe ich gedacht, wie ist das so? Und ja, das waren so ganz verrückte Sachen. Ich werde das nie vergessen. Das ist eine ganz besondere Situation. Hatte ich nie wieder in meinem Leben, diese Freiheit zu spüren, als Kind schon zu sehen. Und jetzt darf ich in einer freien Welt leben. Und das ist einfach eine großartige Entscheidung. Wenn man sieht in Korea oder auch in anderen Regionen dieser Welt, Wenn Grenzen da sind, ist das für ein Land immer schlimmer. Und deswegen bin ich sehr dankbar oder all denen sehr dankbar, die dazu beigetragen haben, dass wir heute noch freien Welt leben dürfen.

Sprecher 2: Dass Sie jetzt ausgerechnet amerikanische Produkte zuerst denken. Aber da sehen Sie mal, ich bin in der Nähe von Krefeld aufgewachsen und durfte nie Cola von Tauter Sprite trinken.

Sprecher 6: Sehen Sie?

Sprecher 2: Naja. Herr Schulze, ich habe unlängst im Berlin-Table unserem wunderbaren Hauptstadt-Newsletter den Bericht der Ostbeauftragten gelesen und analysiert. Da ist eine interessante Studie, nämlich wie der Osten auf sich selbst blickt, also die Ostdeutschen und wie der Westen oder die Westdeutschen auf den Osten blicken. Und da war eine erstaunliche Differenz, nämlich der Osten sieht sich durchaus als bescheiden, offen, fleißig und bodenständig. Und die Wessis sehen die Ossis als benachteiligt, pessimistisch, rassistisch. Da ist noch nicht wirklich zusammengewachsen, was zusammengehört, oder?

Sprecher 6: Naja, immer noch zu wenig. Also ich erlebe das ja selber auch, wenn ich mit Freunden spreche oder ehemaligen Kollegen. Ich habe das oft gehabt, als ich im Europäischen Parlament noch tätig war als Abgeordneter, dass man mit den Menschen gesprochen hat. Und da waren echt auch manchmal noch Leute dabei, auf die man so trifft, die ganz... selten oder noch nie hier den Osten besucht haben. Und das heißt, dieser Austausch, ich glaube, so ziemlich jeder aus Ostdeutschland war schon mehrfach aus verschiedenen Gründen auch in Westdeutschland, aber leider noch nicht jeder aus Westdeutschland regelmäßig auch bei uns. Und die Sichtweise, die dort gesehen wird, die ist doch aus meiner Sicht nicht immer realistisch. Ich glaube schon, dass wir Ossi, wenn man das so sagen darf, Wir haben schon eine gewisse Bescheidenheit manchmal und wir sollten vielleicht auch etwas mehr stolz auf das blicken, was wir hier erreicht haben. Es waren ja nicht Politiker, die jetzt hier alles aufgebaut haben, sondern es war die Politik, die Rahmenbedingungen gesetzt hat und die Menschen, die es dann umgesetzt haben. Und die Brüche in der Gesellschaft, die waren riesengroß. Und deswegen kann man schon stolz auf das sein, was wir hier erreicht haben. Mich ärgert es tatsächlich, wenn diese Leistung ab und an wirklich runtergeredet wird und gleichzeitig... Die habe ich viele, viele Menschen erlebt, auch aus Westdeutschland. Wenn sie denn hier sind und auch hier mit dabei gewesen sind, die auch wirklich große Leistungen gebracht haben, auch für unser Land, wenn ich Politiker sehe, Vogel, Biedenkopf und wie sie alle hießen, ja, ich sage mal, das ist schon gut. Aber im Endeffekt weiß man, es dauert halt teilweise viel länger, als eigentlich mal angedacht war, was den Zusammenhalt, was das Zusammenwachsen angeht.

Sprecher 2: Interessant, was Sie sagen. Wenn ich an meine Jugendzeit denke, dann habe ich natürlich Schüleraufenthalte in Frankreich, in den Niederlanden gemacht. Vielleicht müsste man heute zurückkehren zu einem Austausch zwischen Ost- und Westdeutschen Schulklassen und das installieren und systematisieren.

Sprecher 6: Das machen wir übrigens auch. Es wird das Zukunft. Zukunftszentrum Deutsche Einheit Europäische Transformation geben. Das kommt nach Halle. Da bin ich sehr froh drüber.

Sprecher 2: Das klingt nur sehr nach Museum und Ausstellung.

Sprecher 6: Nee, das wird was richtig Tolles. Vielleicht war der ein oder andere, der auch jetzt heute uns zuhört, schon mal im Solidarność-Center in Danzig gewesen. Und so in der Art planen wir das ja auch für uns. Wo wir gerade genau Schulklassen aus ganz Deutschland, aus ganz Europa einladen wollen, sich diese Geschichte anzuschauen. Wir haben ja jetzt viele junge Menschen, die die Einheit gar nicht mehr erlebt haben, sondern die das Glück hatten, jetzt schon in das freie Deutschland hineingeboren worden zu sein. Ja, diese Vorurteile, die man vielleicht gegenseitig hat, die muss man tagtäglich auch versuchen abzubauen. Und am besten kriegt man das hin, wenn man sich gegenseitig auch besucht. Und deswegen haben sie recht. Das noch weiter zu forcieren, das muss auch eine Zukunftsaufgabe für uns alle sein.

Sprecher 2: Würden Sie sagen, die Lage ist eigentlich in den ostdeutschen Ländern deutlich besser als die Stimmung oder die veröffentlichte Meinung, wenn ich mir Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit auch oder zum Beispiel Investitionen in neue Werke, Fabriken anschaue, gibt es ja durchaus immer wieder gute Nachrichten aus den ostdeutschen Ländern.

Sprecher 6: Ja, das sehe ich ehrlich gesagt auch so. Man muss immer den Vergleichsmaßstab sehen. In den 90er Jahren, als wir alle auch natürlich uns riesig gefreut haben, gab es auch große Enttäuschungen. Da waren in der Region, in der ich hier groß geworden bin, das ist ja der Ostharz, Aschersleben auch, Quedlinburg, da sind bis zu 50 Prozent der Menschen... Eigentlich ehrlich gesagt arbeitslos gewesen. Die haben entweder direkt arbeitslos oder sie waren in irgendwelchen Maßnahmen. vom Staat bezahlt, um irgendwie auch weiter in der Gesellschaft teilnehmen zu können. Wir hatten kaum die Möglichkeit, jungen Menschen einen Ausbildungsplatz anzubieten. Ich habe 1998 Abitur gemacht und da hat man mir und allen anderen Schülern gesagt, naja, es wird nicht für jeden von euch einen Ausbildungsplatz geben und nicht jeder von euch hat hier eine Zukunft. Viele junge Menschen sind dann weggegangen, sind nie wiedergekommen, die fehlen uns heute natürlich auch. Und gleichzeitig, wenn man denn heute schaut, 2025, wo wir eine Arbeitslosigkeit haben zwischen 4 und 6 Prozent im Durchschnitt, wo ich jedem jungen Menschen, der hier lebt, sagen kann, du wirst hier für dein Leben eine Basis haben, du wirst hier einen Arbeitsplatz haben, Ausbildungsplatz, einen Studienplatz, du kannst hier tolle Arbeitsplätze finden, du musst deine Heimat nicht mehr verlassen. Wenn man das also als Vergleichsmaßstab nimmt, dann sieht das schon sehr, sehr positiv aus. Und einen zweiten Punkt, Sie haben es angesprochen, wenn man sich mal anschaut, die größeren Investitionen, die in den letzten Jahren zukunftstechnisch gelaufen sind, die sind in erster Linie Richtung Ostdeutschland gegangen. Tesla als Automobilhersteller, ich komme selber als Ingenieur aus der Automobilindustrie, wann hätte man gedacht, dass mal irgendeiner, der nicht deutsch ist, ein großes Automobilwerk in Deutschland baut? Das ist jetzt in Brandenburg mit allen Schwierigkeiten, die wir auch kennen. Oder TSMC, Silicon Saxony in Sachsen. Wir hatten selber auch mehrere große Investitionen. Leider Gottes die bekannteste und größte Intel, die sich auch für Ostdeutschland entschieden haben, haben aus Unternehmensgründen, die wir nicht zu beeinflussen hatten, aus Deutschland heraus sich jetzt wieder zurückgezogen. könnte man noch einige weitere nennen. Die großen Investitionen laufen gerade alle Richtung Ostdeutschland und es hängt zum Glück nicht mehr mit Subventionen zusammen, sondern es hängt auch mit Standortvorteilen zusammen. Und vielleicht mit einem Punkt, den ich ganz gerne immer erwähne, viele haben in Ostdeutschland noch den Anspruch, sich noch mal weiter zu entwickeln, noch mehr zu machen und nach vorn zu kommen. Und deswegen haben wir schon einiges zu bieten und manchmal ist deswegen auch die Stimmung schlechter. Als eigentlich die Gesamtlage. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch große Herausforderungen in Deutschland und in ganz Deutschland letzten Endes haben.

Sprecher 2: Bevor wir zum schwierigen Thema kommen, nochmal einmal die Frage an den Wirtschaftsminister und den ehemaligen Unternehmer. Sie haben bei zwei mittelständischen Maschinenbauunternehmen im Harz gearbeitet, kennen sich in der Wirtschaft aus. Was ist denn der positive Standortfaktor für Sachsen-Anhalt? Im Vergleich zu anderen.

Sprecher 6: Es ist tatsächlich eine Sache, die immer noch genannt wird, die tatsächlich auch so ist. Wir haben noch Flächen zur Verfügung, auch größere Flächen. Gerade hier im Magdeburger Raum haben wir einen Hightech-Park, den wir gerade entwickeln, wo wir 1000 Hektar haben, die nicht von Straßen durchkreuzt sind, Schienen oder anderen Dingen. Das Zweite ist, dass wir hier im Osten insgesamt, auch in Sachsen-Anhalt vor allen Dingen, strategisch sehr gut gelegen sind. Das heißt, in der Mitte Deutschlands, in der Mitte Europas, das zählt auch. Und dass es uns gelingt, und das ist mein Ziel, dass es für alle zukünftig der Fall sein wird, dass wenn Investitionen herkommen, dass wir auch sehr, sehr schnell handeln können. Trotz der vielen Restriktionen, die wir durch Regulatorik haben, Daimler Truck ist ein schönes Beispiel. Die haben hier ihr... großes Center aufgebaut, zum Teilen der Ersatzteile für die ganze Welt. Und die haben mir gesagt, die Vorstände, das Deutschland-Tempo, was immer aus Berlin gesagt wird, das erleben wir hier in Sachsen-Anhalt. Und mein Ziel ist es jetzt, dass es nicht nur für die Großen gilt, sondern dass auch ein Mittelständler mit fünf Mitarbeitern mal genauso über uns spricht und sagt, ich habe einen Antrag gestellt und es ist innerhalb kürzester Zeit alles genehmigt worden. Das ist jetzt mein Ziel auch als Ministerpräsident, diesen nächsten Schritt auch zu gehen.

Sprecher 2: Man kommt bei einem Gespräch mit einem ostdeutschen Politiker nie drum rum, über die AfD zu sprechen. Ist das nicht eigentlich traurig?

Sprecher 6: Naja, schon. Es ist ein politischer Wettbewerber, der mittlerweile sehr viel Zuspruch deshalb bekommt, weil es eine Enttäuschung insgesamt über Politik, glaube ich, gerade gibt, über politische Entscheidungen. Weil man vielleicht auch, gerade möglicherweise in Ostdeutschland noch stärker als in anderen Regionen, gewisse Zukunftsängste hat. Wenn wir jetzt gleichermaßen aber sehen, wir haben jetzt in Nordrhein-Westfalen die Kommunalwahl erlebt. Wir sehen auch die Umfragewerte für die Wahlen, die in Rheinland-Pfalz und auch in Baden-Württemberg anstehen. Das ist schon ein ernstzunehmender Wettbewerber letzten Endes, der aber, das will ich auch sagen, ich erlebe die ja seit vielen Jahren, perfekt ist im Beschreiben von Problemen, aber keinerlei Antworten hat in der Lösungsthematik. Wie löst man Probleme? Da sind die wirklich extrem schwach aufgestellt und deswegen macht es das so gefährlich.

Sprecher 2: Aber 39 Prozent war die jüngste Schockumfrage in Sachsen-Anhalt, in Ihrem Bundesland, dass Sie regieren möchten, nur 27 Prozent für die CDU. Warum ist es bei euch so besonders drastisch? Folgt der AfD?

Sprecher 6: Naja, ich erlebe das ja nicht nur in Sachsen-Anhalt. Wir hatten ähnliche Umfragen in Thüringen, in Mecklenburg-Vorpommern. Wir haben auch das Bundestagswahlergebnis gesehen. Das muss man alles auch sehr, sehr ernst nehmen. Und gleichermaßen, es ist am Ende auch eine Zuspitzung bei uns zwischen CDU und AfD. Alle anderen Parteien, auch die ehemals große Volkspartei SPD, die liegt bei sieben Prozent in den Umfragen. Das heißt, es gibt am Ende für die Menschen nur noch die eine oder die andere Richtung. Und es ist tatsächlich so, dass da auch, wenn ich mit den Menschen rede, die kommen nicht und sagen, wir glauben, dass die AfD die Partei ist, die die Probleme besser löst. Aber wir sehen bei euch nicht immer die richtigen Antworten auf die Fragen, die wir haben. Und wir sehen auch nicht immer den richtigen Kurs. Und da spielt so viel rein. Bei uns gerade ein großes Thema Migration weiterhin. Dann sind andere Themen, die wir vielleicht teils nur beeinflussen können. Das ist eine Gemengelage, die schwierig ist und deswegen wird das ein sehr, sehr intensiver Wahlkampf bis zum 6. September 2026, wo wir in Sachsen-Anhalt dann unsere Landtagswahl haben.

Sprecher 2: Herr Hasenloff, der noch Ministerpräsident hat gesagt, wir oder die. Wird das der Wahlkampf sein?

Sprecher 6: Naja, am Ende kann das vielleicht für den einen oder anderen auch die Frage sein, aber ich möchte eigentlich keinen Wahlkampf machen, der nur heißt, ihr habt hier die CDU und da die anderen, sondern ich möchte ja auch mit Themen auch nicht nur Bekanntheit kriegen, sondern auch für Themen stehen. Und bei uns spielt schon noch einiges rein, was die Menschen auch bewegt. erfahren, auch durch die Befragung der Bürger, dass die Bildungspolitik zum Beispiel ein ganz großes Thema ist. Das ist ein reines Landesthema, da können wir nicht auf Berlin oder Brüssel schauen. Wir haben den ländlichen Raum, wo bei uns 70 bis 80 Prozent der Menschen leben, wo die zu Recht sagen, wir wollen ähnliche Lebensverhältnisse haben wie in den großen Städten. Also das heißt, ich will mich als allererstes erstmal auf Themen konzentrieren und auch zeigen, dass die Lösungsansätze, die ich habe und auch das, was ich als Wirtschafts- und Landwirtschaftsminister in den letzten Jahren auf den Weg gebracht habe hier, dass das auch die Basis ist, um Sachsen-Anhalt weiter erfolgreich zu halten. Ich sage es aber auch, es geht halt nicht mit Populisten. Also am Ende muss man nicht nur Probleme beschreiben können, man muss sie auch lösen können. Und das ist der wesentliche Ansatz auch meines Wahlkampfs. Und das wird sich sicherlich auch ein Stück weit an mancher Stelle zuspitzen. Aber jetzt geht es erstmal darum, mit den Menschen in Sachsen-Anhalt, mit den etwas mehr als zwei Millionen Einwohnern über Inhalte, über Themen zu sprechen und darüber zu reden, wie wir unser Land jeden Tag ein Stück weiter voranbringen können.

Sprecher 2: Ihr Landesverband hat auch schon in früheren CDU-internen Auseinandersetzungen sich immer wieder für Friedrich Merz ausgesprochen. Jetzt ist er Bundeskanzler. Ihr Kandidat ist seit 150 Tagen Bundeskanzler. Gibt es für Sie eine Produktenttäuschung oder geben wir ihm einfach nur noch nicht die Zeit, die er benötigt?

Sprecher 6: Ich glaube, man muss auch mal feststellen, dass in der heutigen Zeit ja gedacht wird, da wird jemand ins Amt gewählt und am nächsten Tag ändert sich alles. Das kann man eigentlich nicht erwarten. Die Enttäuschung vielleicht bei uns im Osten nochmal mehr als... Es war anders über die Ampel, die ist riesengroß gewesen. Und man hat gesehen in Umfragen, dass niemand mehr dieser Ampelregierung unter Olaf Scholz irgendwas zugetraut hat. Und dann war wahrscheinlich die Erwartungshaltung extrem groß, dass sich vieles von heute auf morgen ändert. Das geht nicht. Wir haben aber erste Ansätze, die mich durchaus positiv stimmen, wenn ich sehe, Alexander Dobrindt, der jetzt einen Weg geht im Bereich Migration und Grenzregime, dass genau das ist, was wir ja über Jahre hinweg auch gefordert haben, weil uns das auch wieder entlasten wird. Das merken wir jetzt schon in den Aufnahmeeinrichtungen in Sachsen-Anhalt. Wir haben da zwei Stück, dass die Zahlen massiv zurückgegangen sind. Wenn ich sehe, ein zweiter Punkt, Sie wissen, ich bin ehemaliger Abgeordneter des Europäischen Parlaments auch gewesen. Unsere Außendarstellung war extrem schlecht und das hat Friedrich Merz jetzt persönlich auch geändert. Wir sind wieder wer in dieser Welt, unsere Stimme zählt wieder. Und jetzt kommt es auf einen weiteren Punkt an und das ist das, was wir auch einfordern, wo wir jetzt auch Ergebnisse brauchen, das ist jetzt die Innenpolitik. Es sind jetzt die Kolleginnen und Kollegen des Kabinetts gefragt. Ich hatte vor kurzem die Möglichkeit, auch nochmal mit Katharina Reiche persönlich zu sprechen und bin sehr positiv auch aus diesem Gespräch rausgegangen. Die Ansätze, die sie jetzt auf den Weg bringt, die helfen uns wirtschaftlich weiter. Ich habe mit Alois Reiner, ich bin ja auch Landwirtschaftsminister, ich bin Sprecher der Unionsländer, einen sehr engen Draht, was Landwirtschaftspolitik und Heimat und auch ländlichen Raum angeht. Nur da sind jetzt Themen auf den Weg gebracht, die werden halt nicht von heute auf morgen umsetzbar sein. Sicherlich hat eine Sache uns negativ in die Karten gespielt und das ist, dass... man so ein bisschen das Gefühl hatte, von außen betrachtet, dass da schon wieder viel zu viel sich gestritten wird und zu wenig an Lösungen gearbeitet wird in Berlin. Und das hilft uns am Ende nicht weiter.

Sprecher 2: Herr Schulze, wir sind gespannt, was in Sachsen-Anhalt passiert. Wir werden nicht nur im Wahlkampf, sondern hoffentlich auch danach intensiv auf dieses Bundesland schauen. Vielen Dank für dieses Gespräch und einen schönen Tag der Einheit wünsche ich Ihnen.

Sprecher 6: Ja, das wünsche ich Ihnen und allen Zuhörern auch. Vielen Dank.

Sprecher 3: Mick, war noch was?

Sprecher 2: Ja, Tag der Einheit ist ein Tag des Zurücklehnens, des Genießens von Freiheit und Zusammenkommen. Und wir feiern jetzt einfach mal einen Mann, der immerhin von sich selbst behauptet, er hat die Mauer mit eingedrückt, obwohl er eigentlich aus den USA kommt.

Sprecher 3: Ah, das kann ja eigentlich nur einer sein. Später aufgefallen durch unschöne Burger-Videos, aber damals als Konzertsänger auf der Berliner Mauer quasi der Bote der Freiheit gewesen.

Sprecher 2: Sein Text I've been looking for freedom ist natürlich auch die Hymne zumindest textlich gewesen. Tontechnisch würde ich sagen, naja, geht so. Aber ich finde, man kann auch mal aus so einem Tag mit einem solchen Song rausgehen und schauen wir nicht alle immer wieder jeden Tag gerade jetzt nach Freiheit.

Sprecher 3: Ja, und damit verabschieden wir uns für heute. Morgen sind wir dann aber auch wieder für Sie da, dann mit einem sehr ausführlichen Interview mit Annalena Baerbock. Und wir werfen auch nochmal... Mal einen kleinen Blick auf die Ergebnisse der Klausurtagung in der Villa Borsig. Bis dahin, machen Sie es gut.

Sprecher 2: Ciao, ciao.