Wie stabil ist die deutsch-französische Achse?
Dauer: 25:51

Wie stabil ist die deutsch-französische Achse?

Emmanuel Macron und Friedrich Merz haben sich in Berlin getroffen. Es gab freundliche Gesten – aber keine greifbaren Ergebnisse. Cécile Boutelet von Le Monde schildert im Gespräch mit Helene Bubrowski, wie tief die Konflikte bei Themen wie Atomkraft, Mercosur und dem Militärjet-Projekt tatsächlich reichen.

[01:22]


Japan und die USA haben sich auf einen Handelsdeal verständigt – die EU könnte folgen. Laut Financial Times stehen Brüssel und Washington kurz vor einer Einigung, die auf Zölle von 15 Prozent hinauslaufen würde. Der Zeitdruck ist groß: Ein Scheitern würde ab August Strafzölle von 30 Prozent bedeuten.

[10:43]


Der Ökonom Lars Feld sieht in der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung kaum Fortschritte. Und auch das Investitionspaket „Made for Germany“ hält er für Symbolik – viele Milliarden-Zusagen seien längst geplant gewesen. Im Gespräch mit Alex Wiedmann vom CEO.Table sagt er: „Ich bin ein bisschen zurückhaltend mit Optimismus – Realismus ist angesagt.“

[12:29]



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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Keine Fischbrötchen, sondern Kalbsrücken und Helgoländer Meeresfrüchte. Die Stimmung gestern beim deutsch-französischen Gipfel zwischen Macron und Merz in der Villa Borsig war durchaus ansprechend. Aber die Themen waren schwer zu verdauen. Atomkraft, der gemeinsame Militärjet, Mercosur, Gaza, EU-Budget. Die Gräben sind tiefer, als man denken könnte. Wir klären sie gleich auf.

Sprecher 3: Japan und die USA haben sich auf einen Zollpakt geeinigt. Und die Frage ist, jetzt klappt das auch zwischen der EU und den Amerikanern. Dafür gibt es jetzt erste Anzeichen. Die Finanzmärkte atmen schon auf. Wir haben die Details für Sie.

Sprecher 2: Lars Feld, ein Ökonom aus Freiburg, Leiter des Walter-Euken-Instituts, war mal der Berater von FDP-Finanzminister Christian Lindner. Wie schaut er eigentlich auf die schwarz-rote Koalition, das Schuldenpaket und vor allem die notwendigen Reformen, die im Herbst ja kommen sollen? Unser Kollege Alex Wiedmann hat mit ihm gesprochen.

Sprecher 3: Heute ist Donnerstag, der 24. Juli, ein Tag bevor Michael Bröker in den Urlaub geht. Hier in Deutschland regnet es weiter, aber wir bleiben gut gelaunt.

Sprecher 4: Et vous voyez combien les sujets sont d'ampleur et combien l'amitié personnelle entre nous, entre nos deux pays, et notre volonté, au fond, de saisir ce moment pour aller de l'avant et accélérer nos agendas réciproques et européens est essentielle. En tout cas, je remercie... Monsieur le chancelier, monsieur Friedrich, de cette invitation, du temps pris et de la discussion que nous allons avoir. Vielen Dank, Friedrich.

Sprecher 5: Vielen Dank. Wir stehen auf dem Fundament einer über Jahrzehnte gewachsenen, engen deutsch-französischen Freundschaft und wir beide empfinden dies als eine große Verpflichtung daran, auch in den nächsten Jahren weiterzuarbeiten. Und deshalb noch einmal sehr herzlich willkommen, lieber Emanuel, bienvenue à Berlin.

Sprecher 3: Deutschland und Frankreich waren jahrhundertelang über eine Feindschaft verbunden und es grenzt an ein Wunder, dass sich diese Feindschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, ausgerechnet nach dem Holocaust, in eine Freundschaft verwandelte. Vor knapp 60 Jahren war es die deutsch-französische Aussöhnung, die am Ende natürlich maßgeblich war für die Gründung der europäischen Gemeinschaften, später der Europäischen Union, der gemeinsame Motor, der alles voranbringen soll.

Sprecher 2: Und am Ende waren es immer die Persönlichkeiten in diesen beiden Ländern, die dafür sorgten, dass trotz aller, muss man ja auch sagen, wirklich sagen, Mentalitätsunterschiede es irgendwie geklappt hat. Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, selbst Gerhard Schröder und Jacques Chirac fanden am Ende zueinander. Naja, und jetzt eben Friedrich Merz und Emmanuel Macron gestern Abend beim Dinner in der Villa Borsig in Berlin. Aber die Themen, die da auf diesem Tablett lagen, die waren durchaus schwer zu verdauen.

Sprecher 3: Da ist natürlich zunächst erstmal der Streitpunkt Energie. Die Franzosen verstehen überhaupt nicht, warum die Deutschen so atomkraftfeindlich sind, aus der Atomkraft ausgestiegen sind. Die Franzosen halten Atomenergie nicht nur für das Natürlichste der Welt, sondern auch für klimafreundlich. Und wollen nun mit deutschem Geld ihre Atomkraftwerke sanieren. Genauer gesagt soll das Geld aus dem EU-Haushalt kommen. Dort gilt Atomkraft auch als grün. Das tragen die Deutschen insoweit jetzt auch mit. Friedrich Merz ist nicht besonders begeistert, dass jetzt mit deutschem Geld eben in Frankreich die AKWs saniert werden sollen. Also ein Konflikt, der nicht ganz einfach aufzulösen sein wird.

Sprecher 2: Und an ihm gibt es ja auch noch Gaza. Frankreich hat das Dokument unterzeichnet von mehr als 20 Ländern, das scharfe Kritik an Israel und dem Vorgehen in Gaza übt. Deutschland will das aus historischer Verantwortung nicht unterzeichnen. Schon dort gab es immer wieder unterschiedliche Sichtweisen. Aber auch bei der Ukraine, muss man sagen, hat sowohl Olaf Scholz als auch Friedrich Merz immer wieder darauf hingewiesen, dass der französische Präsident zwar öffentlich sehr klar hinter der Ukraine steht, aber wenn es dann wirklich darum geht, was liefern denn die Franzosen, dann sind sie manchmal ein bisschen zurückhaltender, als es öffentlich die Wahrnehmung ist.

Sprecher 3: Ein weiterer Konfliktpunkt ist das Mercosur-Abkommen. Nach 25 Jahren ist dieser riesige Deal zwischen Südamerika und der EU nun endlich fertig verhandelt und bereit für die Ratifizierung. Aber die EU-Kommission zögert noch und das hat damit zu tun, dass Frankreich Nachbesserungen für seine eigene Landwirtschaft heraushandeln will. Auch das ist auf der Agenda.

Sprecher 2: Die Landwirtschaft war immer schon Thema, aber was mich noch viel mehr ärgert, Helene, ist ja wirklich FKS. Dieses deutsch-französisch-spanische Kampfflugzeug der Zukunft, das ja jetzt gerade, wo die USA sich offensichtlich rausziehen aus der europäischen Verteidigung, wichtiger wäre denn je, da muss man sagen, Eitelkeiten, Silo-Denken, Mentalitätsunterschiede. Der französische Hersteller Dassault will unbedingt eigentlich 80 Prozent dieses Projekts in seinen eigenen Fabriken und Entwicklungslabors stemmen. Und Airbus soll am Ende irgendwie nur noch so ein paar zusätzliche Teile liefern. Das ist natürlich nicht das Idealmodell einer Kooperation in Europa für die gemeinsame Verteidigung. Ich glaube, da geht es am meisten drum. Wer bekommt am Ende die Zuschläge für diesen neuen europäischen Superjet, den es im Militär braucht? Auch da gestern keine offizielle Einigung, aber eben sehr viel Prose. Und PR spreche nach dem Motto, wir werden schon zusammenkommen.

Sprecher 3: In der Sache sind sich diese beiden Länder nicht in allem einig. Wie könnte es auch so sein? Sie haben unterschiedliche Interessen, auch wirtschaftlich unterschiedliche Schwerpunkte. Die Deutschen die Automobilindustrie, die Franzosen sehr stark die Landwirtschaft und die Luxusgüter. Diesen Spagat hinzubekommen, zusammenzubleiben bei aller Unterschiedlichkeit, das haben Macron und Merz versucht in der Villa Borsig in Tegel. Und eine Frau war dabei, nämlich Cécile Boutelet, Korrespondentin in Berlin der französischen Zeitung Le Monde. Und ich habe mit ihr direkt nach dem Treffen gestern Abend gesprochen, was dabei rausgekommen ist und auch was für eine Figur Macron aus Sicht der Franzosen macht. Hallo Cécile.

Sprecher 6: Hallo, liebe Helena. Schönen Abend.

Sprecher 3: Sag mal, gibt es denn in einem der Streitpunkte zwischen Frankreich und Deutschland einen Durchbruch, der am Abend in der Villa Borsig erzielt wurde?

Sprecher 6: Kein Durchbruch, so kann man es sagen. Beide Staatschefs haben angeblich intensiv und freundschaftlich alle Aspekte der deutsch-französischen Beziehungen gerade gut erwähnt, drei Stunden lang, aber es gibt keine feste Entscheidung, die man ankündigen kann, heute Abend, außer einen festen Datum für den deutsch-französischen Ministerrat. Am 28. Und 29. August in Frankreich in Toulon.

Sprecher 3: Besonders schwierig ist es ja mit Blick auf FKS, also das deutsch-französische Kampfflugzeug. Da scheinen die Fronten ziemlich verhärtet. Hast du irgendwas in Erfahrung gebracht, wie es da weitergehen soll?

Sprecher 6: Da ist klar, dass der Konflikt so stark eskaliert ist in den letzten Tagen, dass es angeblich sehr schwierig wird. Als Lösung hat man angeboten, dass nicht die Staatschefs entscheiden, sondern sich Zeit lassen. Und die beiden Verteidigungsminister, Herr Pistorius und Herr Le Cornu auf französischer Seite, müssen eben eine Lösung finden, mit der Industrie reden.

Sprecher 3: Wie ist denn das Verhältnis von Merz und Macron eigentlich? Wie schätzt du das ein? Sind die beiden so, dass sie diese schwierigen Probleme wirklich miteinander lösen können und die nationalen Egoismen ein bisschen beiseite schieben?

Sprecher 6: Es hat sich fast verändert. Das erste Zeichen, das man geben kann, ist, dass beide Staatschefs gar keine Übersetzung brauchen. Sie verstehen die Sprache des anderen, die Kultur des anderen. Beide haben verstanden, dass der Moment extrem wichtig ist und dass man ein kleines Zeitfenster hat von einigen Monaten, wo man etwas voranbringen kann. Ich würde sagen, beide sahen aus, als sie das siebeln. Luft hätten, etwas zu bewegen. Macron hat nur noch zwei Jahre Amtszeit und man weiß, dass Friedrich Merz auch zeigen will, dass Europa mehr kann, mehr führen kann. Also ich würde sagen, die Zeichen sind besser als vorher. Vorher hatte man die Situation, Olaf Scholz hat wenig Interesse in der deutsch-französischen Beziehung zu investieren und es ist auch nicht viel angekommen.

Sprecher 3: Was erwartet Frankreich denn von Deutschland? Du hast das Thema Führung angesprochen. Ist es das, was sich die Franzosen wünschen, dass Deutschland eine stärkere Führungsrolle in Europa und auch in den Konflikten dieser Welt einnimmt? Oder was ist das, was jetzt die Erwartung von Paris an Berlin ist und an diese neue Bundesregierung?

Sprecher 6: Auf einer Seite, man freut sich, dass Deutschland tatsächlich sich mehr in gemeinsame Verteidigung engagiert, mehr Geld investiert, auch zeigt, dass man etwas zusammen machen sollte. Es gibt ein anderes Problem. Berlin hat gerade gezeigt, dass es sehr, sehr viel Geld ausgeben kann. Das kann Frankreich nicht mehr. Also es gibt durchaus auch eine Sorge. Dass eine Diskrepanz nicht nur in Sachen Wirtschaft, sondern auch in Sachen militärische Kraft und Verteidigung Und das wäre schon eine Veränderung im Vergleich zu früher, wo Frankreich eher die militärische Macht war und Deutschland die wirtschaftliche Kraft war.

Sprecher 3: Ja, Cécile, vielen Dank für diese Einschätzung der La Mitié Franco-Allemande, die sich in einer nicht ganz einfachen Phase befindet. Danke, dass du bei uns warst.

Sprecher 6: Dankeschön.

Sprecher 2: Die Japaner haben das geschafft, was in Brüssel dringend, dringend, dringend benötigt wird, nämlich ein Zolldeal mit den USA. Donald Trump und die japanische Regierung haben gegenseitige Zölle von 15 Prozent verkündet. Das ist ja in Trumps Zeitrechnung schon wirklich fast bei null. Vorher waren es 25 und jetzt immerhin gibt es ein gegenseitiges Engagement, die möglichst niedrigen Zölle zu fahren. Trump spricht von einem Jahrhundertdeal wie immer und die Europäer, naja, die haben noch ihre Dinge.

Sprecher 3: Ja, was man hört, ist, dass der Abschluss jetzt aber kurz bevorstehen soll und zwar mit einem 15-prozentigen Zollsatz auf europäische Importe. Das wäre dann auch das, was die USA mit Japan ausgehandelt hat. Und diese Einigung wäre vor allem wichtig, dass sie abgeschlossen wird vor dem 1. August. Denn in sieben Tagen soll das eintreten, was die Amerikaner angedroht haben, nämlich ein Zollsatz von 1,5. 30 Prozent. Und den fürchtet natürlich die deutsche, aber auch die europäische Wirtschaft. Das würden die Exporte in die USA empfindlich treffen.

Sprecher 2: Ja, man wartet noch bis zum 1. August. Bis dahin muss irgendwie ein Deal herkommen, also mitten im Sommerurlaub eigentlich. Noch eine Woche haben wir und dann muss die EU mit Trump klarkommen. Und die Methoden, die Werkzeuge, die die EU auf den Tisch legen würde, wenn es doch zum Zollstrahl kommt, die sind ja jetzt öffentlich geworden. Unter anderem übrigens bei Table Media, bei unserem exzellenten Europe Table. Also da gibt es Gegenmaßnahmen, die die EU hart durchziehen will, wenn es dann doch zu keinem Deal kommt. Man kann nur hoffen, dass das irgendwie abgewendet wird. Er ist das ordnungspolitische Gewissen der deutschen Ökonomie. Lars Feld, seit 2010 Professor für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Universität Freiburg und Direktor des Walter-Euken-Instituts, womit man dann schon ahnt, wo dieser Mann so ungefähr steht im wirtschaftspolitischen Konzert. Seit 2003 ist er im wissenschaftlichen Beirat des Finanzministeriums. Er war maßgeblich an der Ausarbeitung der Schuldenbremse beteiligt, nicht an der Aufweichung. Und er war Mitglied des Sachverständigenrats. Inzwischen ist er so ein bisschen der Chefkritiker der schwarz-roten Koalition geworden. Und Alex Wiedmann, unser Kollege vom CEO-Table, hat gestern mal mit ihm gesprochen, wie er denn diese Schuldenpolitik sieht, welche Reformen wirklich notwendig wären und was er eigentlich zu dieser Wirtschaftsinitiative der großen DAX-Konzerne sagt. Los geht's.

Sprecher 7: Einen schönen guten Morgen, Professor Lars Feld.

Sprecher 8: Wunderschönen guten Morgen, ich grüße Sie.

Sprecher 7: Herr Feld, die neue Bundesregierung ist jetzt rund elf Wochen im Amt. Wie fällt Ihr erstes Fazit aus?

Sprecher 8: Mein erstes Fazit ist, es ist gemischt. Ich muss sagen, dass in der außenpolitischen Dimension, dazu gehören ja auch die sicherheitspolitischen Aspekte, diese Bundesregierung ein ganz gutes Bild abgibt. Also insbesondere der Bundeskanzler, der einerseits in der Europäischen Union die Partnerstaaten, vor allem Frankreich, nicht nur besucht hat, sondern eben auch in den Gesprächen deutlich gemacht hat, wie wichtig es ist, enger zusammenzurücken. Er hat auch mit Donald Trump im Oval Office ein gutes Bild abgegeben. Das schafft ja nicht jeder. Und insofern muss man sagen, dass sich das Bild Deutschlands und der Welt schon relativ schnell gewandelt hat. Auch wenn man dann... Die Medien, die eher so an den Finanzmärkten angesiedelt sind, Financial Times oder Economist oder die New York Times anschaut, die haben alle ein relativ positives Bild von Friedrich Merz gezeichnet. Und Außenpolitik ist eben auch Wirtschaftspolitik. Insofern ist das sozusagen der positive Saldo der letzten elf Wochen. Das, was negativ auf den Saldo einzahlt, das sind die wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die von der Bundesregierung bisher ergriffen worden sind. Das Problem ist nun mal, dass sie sehr, sehr wenig gemacht hat an Strukturreformen, die notwendig sind, damit man Deutschland nach vorne bringt. Das Einzige, was passiert ist, ist die Verschuldung zu erhöhen. Das sehe ich an sich schon etwas kritischer. Jedenfalls wird die zusätzliche Verschuldung nicht die Effekte haben, die man ihr zurechnet, wenn nicht zugleich die Strukturreformen stattfinden.

Sprecher 7: Die Initiative Made for Germany in dieser Woche hat 61 Unternehmen zusammengebracht. Sie halten das für eine PR-Aktion, haben Sie gesagt, aber sind 631 Milliarden Euro nicht doch ein starkes Bekenntnis zum Standort Deutschland?

Sprecher 8: Über die Jahre verteilt ist das sicherlich auch ein Bekenntnis, aber es handelt sich ja um Investitionsvorhaben, die zum weitaus größten Teil bereits in der Pipeline waren bei diesen Unternehmen. Man muss schon feststellen, dass einerseits bei allen Versprechungen, die ja letztlich dann doch unverbindlich bleiben, da kann es ja keine bindenden Zusagen in diesem Sinne geben, sich dann noch im Zeitablauf erweisen muss, ob das tatsächlich stattfindet. Darunter finden sich... Vorhaben von Investitionen, die zugleich hohe Subventionen des Staates ausgelöst hatten, etwa in der Halbleiterbranche, wenn Sie an ISMC beispielsweise denken oder an Infineon in Sachsen, da waren die Investitionen schon längst vorgeplant und daneben besteht ein hoher Betrag an Subventionen durch den Bund. Und die zusätzlichen Investitionen, die dann im Vergleich zur vergangenen Woche dazugekommen sind, sind so viel. Vielleicht knapp 100 Milliarden, auch da wird sich nochmal was zeigen müssen. Der Mittelstand war eigentlich nicht repräsentiert. Das muss man schon deutlich so sehen. Und gerade der Mittelstand hat im Moment große Schwierigkeiten angesichts der Kostensituation, der man sich dort gegenüber sieht.

Sprecher 7: Was müsste man konkret für den Mittelstand machen?

Sprecher 8: Nun, man müsste die Unternehmen auf der Kostenseite entlasten. Es ist ja so, dass wir in der Angebotspolitik, die dringend notwendig ist, in den vergangenen Jahren zu wenig vorangekommen sind. Und das gilt jetzt auch mit den bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung. Wenn man auf Subventionen setzt, etwa in der Energiepolitik, dann kann das nicht auf Dauer... gemacht werden. Da kann man immer nur vorübergehend mal Erleichterungen bringen. Denken Sie an die Diskussion um den Industriestrompreis, da sind wir noch nicht so ganz weit gekommen. Aber das sind immer nur temporäre Maßnahmen. Es muss darum gehen, wirklich strukturelle Veränderungen herbeizuführen, also die Arbeitskosten zu senken, die Energiekosten zu senken, bei der Regulierung anzusetzen. Die Unternehmen sehen sich ein Dickicht von Regulierungen gegenüber, da kommen sie kaum mehr durch. Und eben auch im Hinblick auf die Standortfrage die Steuerbelastung der Unternehmen zu reduzieren. Und da ist entweder bisher zu wenig passiert, Stichwort Steuern, oder es steht vieles im Koalitionsvertrag, was oftmals widersprüchlich ist, etwa bei den Regulierungen. Und in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik geht man in die völlig falsche Richtung, wenn man das Rentenpaket betrachtet.

Sprecher 7: Aber die Bundesregierung hat eine Kommission für Rente und Sozialstaat im Koalitionsvertrag angekündigt. Ist da nicht so eine Installation von so einer Kommission eine gute Idee?

Sprecher 8: Ich finde das immer sehr schön, wenn die Politik sich nicht von vornherein einig wird und dann gerne Expertise heranzieht von Wissenschaftlern. Wir Wissenschaftler freuen uns ja immer darüber, wenn unsere Expertise nachgefragt ist. Aber mal ernsthaft, das hat eher so den Geschmack aus dem Sprichwort, wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis. Wenn Sie die Jahresgutachten des Sachverständigenrates seit 2011 anschauen, da war fast in jedem Jahresgutachten immer wieder dargelegt, dass die gesetzliche Rentenversicherung, sobald die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, also ab 2025, ab jetzt, eben ein Finanzierungsproblem hat und dass man dann etwas tun muss, insbesondere das gesetzliche Renteneintrittsalter anzuheben. Die letzte sogenannte Große Koalition, die letzte Amtszeit von Frau Merkel, hatte ebenfalls eine Kommission. Zur Reform der Rentenversicherung eingerichtet. Die hat getagt und getagt, der Berg kreiste und eine Maus wurde geboren. Also ich habe mittlerweile wenig Verständnis dafür, dass die Politik bei ihrer Unfähigkeit in diesem Bereich, in der Sozialpolitik, nennenswerte Reformen durchzuführen, die zu Entlastungen der Wirtschaft führen, immer wieder versucht, über Kommissionsumwege etwas hinzubekommen. Sie soll endlich ihre Entscheidungsschwäche überwinden und reformerisch nach vorne gehen.

Sprecher 7: Also Sie glauben nicht, dass in dieser Legislaturperiode noch zu einer Strukturreform im Sozialen kommt, oder schon?

Sprecher 8: Auch das ist gar nicht eine Frage des Glaubens. Das ist ja nichts Religiöses. Es geht einfach darum, klarzumachen, wie notwendig es ist, jetzt gerade im ersten Jahr einer neuen Regierung möglichst rasch, zu substanziellen Reformen zu kommen. Weil Reformen heißen immer, dass man an Privilegien von bestimmten Gruppierungen rütteln muss. Das heißt, für diese Gruppierungen hat das Kosten. Und sie werden sich dagegen wehren. Das wird vor einer Bundestagswahl dann gar nicht mehr passieren. Und deswegen muss man es jetzt relativ schnell nach dieser Bundestagswahl Es ist schon viel zu viel Zeit verstrichen seit dem März.

Sprecher 7: Aber haben Sie zum Abschluss noch einen optimistischen Ausblick für uns?

Sprecher 8: Ich bin ein bisschen zurückhaltend mit Optimismus. Ich glaube, dass in heutigen Zeiten Realismus angesagt ist. Ich habe schon auch die Hoffnung, dass es gelingt, in den Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten zu einem guten Ergebnis zu kommen. Wenn das der Fall ist, dann werden die Investoren weltweit, also nicht nur bei uns in Deutschland, auch etwas mehr Zuversicht schöpfen und bereit sein, Investitionen zu unternehmen.

Sprecher 7: Das ist doch ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für Ihre Einschätzung, Professor Lasbald.

Sprecher 8: Ich danke Ihnen.

Sprecher 2: Hey Linde, war noch was?

Sprecher 3: Michael, Zeugnistag in Berlin und wir wollen jetzt nicht die Leistungen unserer eigenen Kinder diskutieren, besser nicht.

Sprecher 2: Bitte nicht.

Sprecher 3: Und an jedem Zeugnistag bricht ja die Debatte los. Sind Noten der richtige Weg, Kinder zu motivieren, Kinder dazu zu bringen, gerne in die Schule zu gehen, gerne zu lernen, zu lernen, wie man lernt und all das. Ja, es wiederholt sich und am Ende muss man sagen, wahrscheinlich ist es nicht der beste Weg, aber es gibt keinen besseren, oder? Wie siehst du das?

Sprecher 2: Also wenn ich meinen Sohn höre, dann würde ich mal erstmal sagen, generell gilt sowieso, dass die Mädels viel besser benotet werden von allen deren überhaupt. Aber du hast schon recht, am Ende gibt es keinen besseren Weg. Vergleichbarkeit ist wichtig, eine klare Rückmeldung ist wichtig. Überall in unserem Leben wird Leistung gemessen, Helene. Warum nicht dann auch in der Grundschule oder in der Sekundarstufe?

Sprecher 3: Zumal die das ja ziemlich schonend heutzutage machen. Es gibt ja, anders als ich das von früher kenne, keinen Notenspiegel. Man erfährt gar nicht, ob man jetzt eigentlich unter den besten 10% oder doch eher unter den schlechtesten 10% sind. Ich weiß überhaupt nicht, ist es eigentlich so, dass jetzt mittlerweile eigentlich die 2 fast die schlechteste Note ist oder wird das volle Spektrum der Noten ausgenutzt? Keine Ahnung, konnten auch die Kinder überhaupt nicht sagen.

Sprecher 2: Ja, die 6 darf ja nicht gegeben werden, zum Beispiel in der Grundschule. Es ist schon am Ende alles sehr weichgespült, wenn wir mal ehrlich sind. Und schau dir mal die PISA-Gewinner an, Helene. Südkorea. Ist vielleicht ein Extrembeispiel, aber sind in der PISA-Studie immer wieder vorne. Ein hartes Leistungssystem, lange Schultage, zusätzliche Abendschulen. Aber am Ende, muss man sagen, auch ziemlich gute Plätze im Leistungsniveau.

Sprecher 3: Unsere Kollegen im Bildungstable übrigens, die sehen diese Notenvergabe auch ziemlich skeptisch, haben mit Bildungsforschern gesprochen, die auch eher sagen, naja, zumindest wenn es Noten gibt, dann sollte dazu noch kommen, das was man früher Kopfnote nannte, also eine... Eine Einschätzung des Kindes, die nicht nur sich nach dem Schema des Notensystems richtet, das fällt ja auch angesichts der Belastung der Lehrer immer kürzer aus, wie dem auch sei.

Sprecher 2: Also bei mir war es ja so, ich war wie so ein Pferd, das genauso hoch springt, wie es springen muss. Aber bei einer Nummer war ich mein Leben lang ja schon immer unfassbar ärgerlich, nämlich im Sport. Und unser Sportlehrer, Helene, und damit sieht man mal, wie Noten eigentlich vergeben werden, hat gesagt, bei mir kriegt keiner eine Eins. Außer derjenige, der mich im Bett mit dem Schleckt. Und jetzt rate, wer es gemacht hat.

Sprecher 3: Du, Michael, lieber Michael.

Sprecher 2: So.

Sprecher 3: Ich sage jetzt auch mal, dass wirklich Sport das einzige Fach war, wo ich fast durchgehend eine 3 hatte und überhaupt keinen Ehrgeiz hatte. Es war mir einfach schlicht egal. Das unterscheidet.

Sprecher 2: Wenn ich dich auf der Tanzfläche sehe, hätte ich das nicht gedacht. Das ist spektakulär.

Sprecher 3: Ich bin auch wirklich sportlicher, als man denken könnte. Auch als die Lehrer dachten, ich hatte da nur wirklich in der Schule überhaupt keinen Ehrgeiz, fand das auch echt das Angebot ziemlich ehrgeizig. Ich hatte das Gefühl, da, ehrlich gesagt, wurden die Jungs extrem bevorzugt. Immer irgendwelche Dreamteams wurden da gebildet aus für Basketball und andere. Also Ballsportarten konnte ich sowieso nie und habe das auch einfach abgelehnt, überhaupt mich da zu engagieren. Habe immer beim Völkerball oder wie das hieß, mich sofort abwerfen lassen, den Rest der Zeit auf der Bank gesessen. Wurde auch wirklich immer als allerletzte gewählt bei dieser Darlehen.

Sprecher 2: Du bist immer my first choice.

Sprecher 3: Nein, ist es doch gut, dass wir uns auch an einem Punkt mal unterscheiden, oder?

Sprecher 2: Endlich mal. So, am Ende sind das aber alles nur Bestandsaufnahmen. Manch ein Schüler, der wegen seiner Noten jetzt in Tränen ausgebrochen ist gestern, er bekommt ja im nächsten Halbjahr schon die nächste Chance. Also bitte keine Tränen.

Sprecher 9: Und morgen sind auch wir wieder da. Mit Table to Live.

Sprecher 10: In the bush. In the bush. In the bush.