Spaltet Israel die Koalition?
Friedrich Merz kritisiert Israels Vorgehen im Gazastreifen ungewöhnlich deutlich. Benjamin Netanjahu will er erneut zur Mäßigung auffordern. Stefan Braun vom Berlin.Table ordnet ein, wie die Bundesregierung zwischen historischer Verantwortung und politischer Glaubwürdigkeit neu abwägt.
Auf dem WDR-Europaforum hat Merz über Einigkeit mit Emmanuel Macron, Keir Starmer und Donald Tusk gesprochen– und über ein Telefonat mit Donald Trump. Dabei hat er den US-Präsidenten imitiert – in einem Tonfall, den man auch als spöttisch empfinden kann. Michael Bröcker diskutiert mit Helene Bubrowski, wie riskant Merz’ Ton auf dem diplomatischen Parkett ist.
Der Bundeswehr fehlen seit Jahren schon Soldatinnen und Soldaten. Generalleutnant a.D. Martin Schelleis fordert im Gespräch mit Lisa-Martina Klein vom Security.Table eine neue Dienstpflicht – geschlechtsneutral und auch für Menschen ohne deutschen Pass. Im Kern würde es für die neuen Wehrpflichtigen um Heimatschutz gehen: „Versorgung, Rückführung, Objektschutz – das alles kann die aktive Truppe allein nicht leisten.“
Table.Briefings - For better informed decisions.
Sie entscheiden besser, weil Sie besser informiert sind – das ist das Ziel von Table.Briefings. Wir verschaffen Ihnen mit jedem Professional Briefing, mit jeder Analyse und mit jedem Hintergrundstück einen Informationsvorsprung, am besten sogar einen Wettbewerbsvorteil. Table.Briefings bietet „Deep Journalism“, wir verbinden den Qualitätsanspruch von Leitmedien mit der Tiefenschärfe von Fachinformationen.
Alle Informationen zum Trade.Table:
https://table.media/aktion/tradetable
Professional Briefings kostenlos kennenlernen:
Audio-Werbung Table.Today: jan.puhlmann@table.media
Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.
Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: 2008 hatte Angela Merkel in ihrer Rede vor der Knesset die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson erklärt. Aber das aktuelle Vorgehen von Netanyahu im Gazastreifen sorgt auch bei den engsten Freunden in Deutschland nun für Kritik. Wir sprechen mit dem Redaktionsleiter unseres Berlin-Table, Stefan Braun, über die wachsende Kritik an Israel und die schwierige Positionierung der Bundesregierung.
Sprecher 3: Ja, Kriege, Krisen, Kanzlerschaft, so hieß treffenderweise auch das Panel von Friedrich Merz gestern beim WDR Europaforum auf der Republika. Ich habe mir das mal angehört und es sind ein paar erstaunliche Aussagen gefallen.
Sprecher 2: Aktuell fehlen der Bundeswehr ca. 20.000 Soldatinnen und Soldaten. Der Bedarf an neuem Personal, ein Weg, um die Lücke zu schließen, könnte die Wiedereinführung der Wehrpflicht sein. Unsere Kollegin vom Security Table, Lisa Martina Klein, hat mit dem ehemaligen Inspektor der Streitkräftebasis Martin Scheller darüber gesprochen, wie ein wirkungsvolles Wehrpflichtmodell aussehen könnte.
Sprecher 3: Es ist Dienstag, der 27. Mai. Wir haben wieder einiges zu besprechen. Los geht's.
Sprecher 4: Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.
Sprecher 2: So hat es Angela Merkel 2008 in der Knesset formuliert. Deutsche Staatsräson, was heißt das eigentlich ganz genau? Es ist nicht ein Staatsziel und es ist auch keine konkrete Handlungsanleitung, aber es manifestiert die besondere Beziehung, die Deutschland zu Israel hat. Diese Freundschaft wird nun auf eine harte Probe gestellt, denn auch wenn die Hamas aus dem Gazastreifen heraus am 7. Oktober 2023 einen brutalen und menschenverachtenden Angriff auf das jüdische Leben startete und Tausende tötete, ist der Gegenangriff, der nunmehr seit anderthalb Jahren wird, immer schwieriger zu rechtfertigen. Es ist mittlerweile das Hauptthema an den Universitäten. Die Jugend in Deutschland ist politisiert in dieser Frage und es sind längst nicht mehr nur die Postkolonial-Studenten. Auch in der Politik hat sich der Ton verändert. Rolf Mützenich, Armin Laschet, Joe Wadephul, alle, sie haben in den vergangenen Tagen ihre Rhetorik leicht verändert. Und nun hat auch Friedrich Merz sich zu Wort gemeldet. Es ist ein wirklich schwieriger Balanceakt für die neue Bundesregierung. Wenige Tage nach. Und darüber wollen wir jetzt sprechen mit Stefan Braun, dem Redaktionsleiter unseres Berlin-Table, der ganz genau beobachtet, was der Kanzler da macht. Schön, dass du bei uns bist. Hallo Stefan. Hallo. Hören wir mal rein, was Friedrich Merz gestern gesagt hat zur Situation im Gazastreifen.
Sprecher 5: Dass jetzt offensichtlich im Gazastreifen dort nochmal ein Kinderheim getroffen oder ein Kindergarten getroffen worden ist, ist eine menschliche Tragödie und ist eine politische Katastrophe. Wir sind mit der israelischen Regierung in sehr engem Austausch. Ich werde auch in dieser Woche noch mit Netanyahu sprechen. Ich bin in den letzten zwei Jahren ja schon zweimal bei ihm gewesen und habe ihm hinter verschlossenen Türen gesagt, übertreibt es nicht. Ich werde es jetzt auch noch etwas deutlicher sagen. Das, was die israelische Armee jetzt im Gazastreifen macht, Ich verstehe offengestanden nicht mehr, mit welchem Ziel. Die Zivilbevölkerung derart in Mitleidenschaft zu nehmen, wie das in den letzten Tagen immer mehr der Fall gewesen ist, lässt sich nicht mehr mit einem Kampf gegen den Terrorismus der Hamas begründen.
Sprecher 2: Stefan, eine ungewohnte Tonlage zur Frage Israels, die wir da hören von Friedrich Merz, der ja nicht nur traditionell ein Transatlantiker ist, sondern auch immer wieder deutlich gemacht hat, er ist ein Freund Israels. Wie erklärst du dir das? Sind das wirklich die Bilder aus Gaza, die ihn jetzt da... Zu dieser neuen Tonlage gebracht haben? Oder ist das der... Druck von den europäischen Nachbarn. Was ist da los?
Sprecher 6: Erstmal sind es, glaube ich, die Bilder. Man denkt ja immer, er ist so ein kühler, neutraler Beobachter, aber er ist eigentlich bekanntermaßen auch jemand, der durchaus mal durch Bilder oder Emotionen berührt wird. Er sieht es. Das ist der erste Punkt. Das ist so eine ganz persönliche Ebene. Ich glaube, die zweite Ebene ist, er nimmt natürlich wahr, dass nicht nur, was klassischerweise schon seit vielen Jahren der Fall ist, Frankreich stärker Kritik an Israel übt, sondern dass es jetzt auch andere Verbündete sind. Zum Beispiel der britische Premier, auch das Parlament in London haben sehr eindeutig gesagt, so kann das nicht bleiben. Vor allem können wir jetzt auch nicht mehr einfach nur zugucken und das ein bisschen kommentieren. Im Zweifel müssen wir sogar konkrete Dinge tun. Und dann kommt, glaube ich, was Drittes dazu. Ja, er hat in der Atmosphäre in Berlin unter den Diplomaten, auch unter denen, die jetzt im Kanzleramt arbeiten, glaube ich, mitbekommen, dass auch die sagen, das ist über eine Grenze hinweggegangen. Und zwar die Grenze, wo bleiben wir eigentlich noch glaubwürdig, wenn wir in der Ukraine russische Angriffe zu Recht kritisieren auf die Zivilbevölkerung. Und dann sehen wir Bilder aus Gaza, wo... Das Gleiche passiert, wo der Kollateralschaden akzeptiert wird oder immer wieder mitgemacht wird. Jetzt reden wir ja in Israel längst von einer zweiten Angriffswelle auf den Gazastreifen, wo man dachte, Mensch, es ist endlich vorbei. Es ist nicht vorbei. Ich glaube, all diese Dinge wirken zusammen und das hat auch was. mit der Glaubwürdigkeit der Bundesrepublik zu tun.
Sprecher 2: Wobei man zur Klarstellung ja schon sagen muss, dass Russland die Ukraine überfallen hat und die Hamas Israel überfallen hat. Und Israel eigentlich im Modus der Selbstverteidigung ist. Und da ist aber natürlich dann die Frage der Verhältnismäßigkeit, die sich irgendwann stellt. Das erklärte Ziel von Israel, an dem die Regierung ja auch festhält, ist die Zerstörung der Hamas. Im Grunde genommen um jeden Preis. Und jetzt stellt sich ja die konkrete Frage für die Bundesregierung, was sie tut. Und noch konkreter geht es um die Frage, was ist mit den Waffen, die Deutschland ja nach wie vor liefert? Wird das irgendwann gestoppt? Was ist mit dem Haftbefehl, dem internationalen Haftbefehl gegen Benjamin Netanyahu? Da hatte Friedrich Merz vor kurzem noch gesagt, wir laden ihn herzlich nach Deutschland ein und er muss nicht befürchten, hier festgenommen zu werden. Gibt es schon eine Entscheidung in der Bundesregierung, wie man in dieser Frage verfährt?
Sprecher 6: Nee, die gibt es noch nicht. Ich glaube, dass es durchaus Stimmen gibt, im Augenblick aber vor allem in der Sozialdemokratie. Die einen Stopp aller Rüstungsexporte nach Israel vorschlagen, fordern, einfordern von der Regierung. Aber wenn man jetzt nochmal kurz einen Schritt zurückgeht, dann kann man bei März beobachten, erstens, es soll jetzt vorläufig kein Treffen geben. Es ist nicht mehr die Rede von einer Einladung oder einem Besuch von Netanyahu in Berlin. Sie haben einmal telefoniert, das ist schon eine Weile her. Ich glaube nicht, dass es jetzt irgendwie einen größeren Austausch geben wird. Was man einfach immer bedenken muss, und das ist natürlich diese Ehe, Wichtig, schwierige, sagen wir mal, auszubalancierende Frage. Du bist absolut solidarisch zu Israel als Land, als Heimstätte der Juden auf der Welt, die sie brauchen, die sie mehr denn je brauchen. Und du bist kritisch gegenüber einer israelischen Regierung, die selbst in Israel heftig kritisiert wird, die von israelischen Diplomaten heftig kritisiert wird. Und du musst immer dafür sorgen, dass du nicht Antisemitismus befeuerst, aber unter Umständen faktische Politik in Gaza trotzdem kritisch einordnest, sodass du dich nicht dem Vorwurf aussetzt, mit zweierlei Maß zu messen.
Sprecher 2: Robert Habeck, ehemaliger Wirtschaftsminister, der ein großer Freund Israels ist, sich am Anfang in Videos sehr solidarisch erklärt hat, hat mal gesagt, Und das ist sicherlich eine kluge Beobachtung. Am meisten Einfluss nehmen auf das Verhalten der israelischen Regierung kann man nicht, indem man sie öffentlich verurteilt. Ja, da kriegt man vielleicht Applaus im eigenen Land oder von jungen politisierten Leuten oder so, aber man bewirkt in der Praxis nichts. Man bewirkt das, wenn man das hinter verschlossenen Türen tut und öffentlich sie eben nicht so an den Pranger stellt. Stefan, ist es nicht auch diplomatisch eigentlich nicht besonders klug, was Merz da macht, indem er möglicherweise nach der Habeckschen Logik sich Gesprächskanäle auch kaputt macht?
Sprecher 6: Wenn man sich die Rede gestern von Merz angeguckt hat und die Äußerungen zu Israel, dann ist ja sehr deutlich zu erkennen, dass er extrem enttäuscht darüber ist, dass selbst beste Freunde, und deren Ratschläge ausgeschlagen werden, dass sie einfach überhaupt nicht mehr ernst genommen werden. Jetzt würde ich noch was Zweites dazu sagen. Und ich glaube, da gibt es ja auch in Israel, in der israelischen Gesellschaft, sehr unterschiedliche Positionen. Die eine Hälfte Israels, die sehr kritisch mit Netanyahu ist, die bedanken sich in Wahrheit, wenn auch die Deutschen als Freunde sagen, natürlich lassen wir euch überhaupt nicht im Stich. Aber was ihr da tut, ist tatsächlich sozusagen moralisch eine hochheikle, für eure Glaubwürdigkeit absolut ruinöse Handlung. Und jetzt kommt etwas Zweites dazu, das sollte man nie ganz vergessen, auch ein deutscher Kanzler kann es nicht ganz vergessen. Die Debatte in der Welt hat sich schon seit zwei, drei, vier, fünf Jahren total verschoben. Wir haben immer gedacht, der Eurozentrismus und unsere liberale Gesellschaftsform ist irgendwie das, was alle toll finden, auch die Israelis. Und die Israelis als das demokratische Vorbild in der Region. Genau das wird ja konterkariert durch das, was jetzt gerade passiert. Und ich glaube, dass wir das zur Kenntnis nehmen müssen. Nicht, weil wir deswegen dann irgendwie plötzlich nicht mehr solidarisch zu Israel sind. Wir sind kritisch zu Benjamin Netanyahu. Wir sind nicht kritisch oder in Frage stellen zu dem, was Israel als Heimstätte für die Juden ist.
Sprecher 2: Wenn man mit Antisemitismusforschern in Deutschland spricht, dann sagen die, dieser israelbezogene Antisemitismus hat am Ende mit der konkreten Regierung gar nicht so viel zu tun. Auch liberale Premierminister in Israel haben jede Menge Anfeindungen. und so weiter erfahren von Deutschland aus. Damit will ich nicht sagen, dass jede Kritik Antisemitismus ist. Damit möchte ich auch nichts rechtfertigen, was Israel jetzt tut. Ich will nur sagen, es ist wahnsinnig kompliziert, auch wie wir in Deutschland über dieses Thema diskutieren. Ich habe es gerade schon gesagt, was sind eigentlich die richtigen Lehren aus dem Holocaust, um es mit Joschka Fischer zu sagen. Nie wieder Völkermord, nie wieder Auschwitz. Es muss beides gelten. Und wie schwierig es geworden ist, in Deutschland über dieses Thema zu diskutieren, weil man im Grunde genommen... Ein sehr schmaler Grat verläuft zwischen dem Vorwurf Antisemit zu sein und dem Vorwurf Kriegsverbrechen zu rechtfertigen. Stefan, wir haben unser Bestes getan, um auf diesem Weg zu wandeln, denke ich. Krisen, Kriege und eine neue Bundesregierung mittendrin. Ja, das Surrounding der Kanzlerschaft von Friedrich Merz. Darum ging es bei der Republika gestern. Michael war natürlich dabei beim WDR Europaforum. Michael, wie ist das für Friedrich Merz in diesem Kriegsszenario in Europa? Was hat er gesagt? Was ist dir besonders aufgefallen?
Sprecher 3: Ja, man hat ein bisschen das Gefühl, dass Friedrich Merz alle Termine annimmt, die irgendwie mit Europa zu tun hat. Denn er wollte zwar zum Europaforum, aber nicht unbedingt eigentlich zur Republika, die ja doch auch von ihrer jungen, digital affinen Publikum nicht gerade, sagen wir mal, Merz-Ultras sind. Aber jedenfalls war er da und hat sich wieder einmal als die neue Führungsmacht in Europa dargestellt.
Sprecher 2: Ja, Führungsmacht in Europa, das wurde schon oft gesagt. Und jetzt ist es an Friedrich Merz zu beweisen, dass das auch mehr ist als ein Wort. Michael, woher sollen wir die Hoffnung nehmen, dass es nun wirklich vorangeht mit der Führungsrolle Deutschlands in Europa?
Sprecher 3: Koalition der Willigen, das ist sein Thema, die Absprache, die Abstimmung mit Macron, aber auch mit Starmer, mit Tusk, das ist sein Thema Nummer eins. Immer wieder europäische Geschlossenheit. Aber na klar, die Fragen, die sich im Publikum alle stellten, aber auch auf der Bühne gestellt wurden, sind natürlich immer wieder, wie umgehen mit Donald Trump. Und da hat er überraschend interne ausgeplaudert aus Telefonaten mit Donald Trump und machte ihn an einer Stelle auch so ein bisschen nach. Hören wir mal kurz rein.
Sprecher 5: Dann haben wir ein bisschen über Chicago gesprochen und weil der Papst da herkommt, ich da häufig beruflich gewesen bin. Where do you know Chicago from? This is a great city. Although Chicago is a really great city. So, das war so ein bisschen der Ton des Gesprächs.
Sprecher 2: Michael, wer Donald Trump kennt, der weiß, das ist möglicherweise keine gute Idee. Der Mann will, dass man ihm schmeichelt. Der Mann will, dass man ihm irgendwelche Geschenke macht, ihm sagt, dass er der Allergrößte ist. Er will aber bestimmt nicht, dass man sich über ihn lustig macht. Ist es jetzt ein Ausdruck von, sagen wir mal, ziemlicher Leichtfertigkeit, vielleicht sogar Dummheit auf dem diplomatischen Parkett? Oder ist es auch eine Chuzpe zu sagen, Donald Trump, wir lassen uns nicht einschüchtern und wenn du diesen Mist baust, dann werden wir dir das auch sehr klar sagen. Was meinst du?
Sprecher 3: Es ist bei Friedrich Merz ja immer so eine Balance zwischen einem gesunden Selbstbewusstsein und einem souveränen Auftritt. Er vertritt Europa, die Volkswirtschaft mit den meisten Mitgliedern und natürlich auch der größten Wirtschaftsstärke. Aber aus diesen Gesprächen zu zitieren, später hat er dann nochmal gesagt, jedes zweite oder dritte Wort von Donald Trump sei great gewesen. Das ist ein bisschen leicht der Häme. Man kann eigentlich nur hoffen, dass Donald Trump das Europaforum des WDR auf der Republika jetzt nicht live verfolgt hat.
Sprecher 2: Ja, Michael, ein heikles Unterfangen. Noch über einen anderen Punkt müssen wir sprechen. Als Friedrich Merz in Kiew war und gemeinsam mit Tusk, Starmer und Macron auf dem Sofa saß, dieses berühmte Bild, und vom Handy aus Donald Trump angerufen hat, hatte man für einen kleinen Moment das Gefühl, der Westen steht zusammen, der Westen positioniert sich gegen Putin, der Westen denkt über neue Sanktionen nach, ist gewillt, sie auch dann ins Werk. zu setzen. Und jetzt haben wir den Eindruck, ja, Friedrich Merz bemüht sich in Europa, aber das ist schwierig genug, Stichwort Orban. Und Donald Trump fährt ihm voll in die Parade und ist jetzt wieder on a totally different page. Jedenfalls nicht mehr an der Stelle, wo es gilt, gemeinsam Putin die Stirn zu bieten. Ist das nicht auch ein großes Versagen des Außenkanzlers Friedrich Merz?
Sprecher 3: Aber es ändert sich ja täglich. Gestern hat im Ernst dann wieder darauf hingewiesen, dass im jüngsten Post von Donald Trump ja die überraschende Härte gegen Putin wieder zu entnehmen war. Und der Mann sei ja verrückt und so gehe das nicht. Immerhin gab es den größten Drohnenangriff auf Kiew in der Geschichte dieses Krieges. Und der ist auch Donald Trump nicht entgangen. Also die Hoffnung bleibt, dass die Europäer, wenn sie zusammenstehen, wenn sie signalisieren vor dem NATO-Gipfel im Juni, ja, wir werden diese 5 Prozent, Klammer auf, auch mit den militärischen Logistik 1,5 Prozent, wenn wir die erreichen, wenn wir zusammenbleiben, dann wird auch Trump bei uns bleiben. Diese Erwartung hat Merz gestern wieder einmal klar gemacht, dass zwischendurch es immer wieder Rückschläge gibt. Ich glaube, das ist jetzt eingepreist.
Sprecher 2: Dank des Sondervermögens für die Bundeswehr und der Reform der Schuldenbremse fehlt es unserer Bundeswehr derzeit nicht mehr an Geld, dafür aber an Personal. Wie wird diese Lücke gefüllt? Darüber wird ja schon seit Jahren diskutiert. Im Koalitionsvertrag von Schwarz-Rot ist nun von einem Wehrdienst, der zunächst auf Freiwilligkeit basiert, die Rede. Was auch immer das heißt, finden sich nicht genug Freiwillige, dann, so kann man es verstehen, muss es eben doch eine Dienstpflicht geben. Kann das funktionieren und wer sollte dann von dieser Dienstpflicht eigentlich betroffen sein? Darüber hat Lisa Martina Klein, unsere Kollegin vom Security Table, mit dem Generalleutnant AD Martin Schelleis gesprochen. Er ist Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und zivilmilitärische Zusammenarbeit bei den Maltesern und ehemaliger Inspektor der Streitkräftebasis.
Sprecher 7: Herr Schellais, Deutschland diskutiert über eine neue Form des Wertdienstes. Wie müsste das denn Ihrer Meinung nach aussehen als ehemaliger nationaler, territorialer Befehlshaber? Haben Sie da ja vielleicht eine ganz eigene Meinung auf diesen Dienst, wie der aussehen muss?
Sprecher 8: Heute schon tun wir uns schwer, und zwar seit vielen Jahren, die gesetzte Marge von 203.300 aktiven Dienstposten zu besetzen. Die Zahlen werden ja jeden Monat veröffentlicht. Das sind etwa 181. Und das Schlimme ist, es hat sich in den letzten sieben Jahren überhaupt nicht verbessert. Im Gegenteil, es ist weniger geworden, obwohl ganz viele attraktive, aus meiner Sicht sehr viele attraktive Incentives geboten werden, jungen Männern und Frauen freiwilligen Wertens zu leisten. Wir werden aber auch in Kürze, Stichwort NATO-Gipfel, weitere NATO-Pläne, erheblich erhöhte Anforderungen der NATO an Deutschland sehen, sodass wir nicht mehr von 200.000, 3.000 reden, sondern von 60.000 oder 80.000 weiteren. Das heißt, dann haben wir so knapp 100.000 Defizit, sodass das aus meiner Sicht mit Freiwilligen nicht zu machen ist. Wir brauchen eine Reaktivierung des Wehrdienstes.
Sprecher 7: Müssen da dann beide Geschlechter mit berücksichtigt sein oder nur Männer und so wie ja 2011 ausgesetzt wurde?
Sprecher 8: Wenn ich jetzt mal vom Bedarf ausgehe, dann ist er ja geschlechtsneutral, aber Ihre Frage insinuiert ja richtigerweise die Frage nach der Wehrgerechtigkeit und ich denke, die stellt sich im 21. Jahrhundert und deswegen muss man natürlich auch im Sinne der Wehrgerechtigkeit die Antworten geben, wie macht man es fair, wie beteiligt man alle Menschen gleichmäßig an den Lasten. Und wir reden beim Wehrdienst aus meiner Sicht nicht von Männern oder Frauen, aber von Deutschen. Was ist eigentlich mit den vielen jungen Menschen nicht deutscher Staatsangehörigkeit in Deutschland? Und sie sollen ja auch gewertschätzt werden für ihren Beitrag. für das Gemeinwohl. Und deswegen muss man nicht nur, wenn man jetzt vom militärischen Bedarf her kommend, eine Anzahl von jungen Männern oder Frauen definiert, die man zieht jedes Jahr, denken, sondern man muss auch an das ganze Thema Frauen, allgemeiner Dienst, Umgang mit nichtdeutschen Menschen, die in Deutschland leben.
Sprecher 7: Welche Rolle hat denn die Reserve eigentlich in der heutigen Zeit? Ich weiß nämlich von denen, die bis 2011 ihren Wehrdienst geleistet haben, die haben danach nie wieder von der Bundeswehr gehört. Das wird ja anders.
Sprecher 8: Absolut. Ein häufig gehörtes Argument gegen eine Reaktivierung der Wehrpflicht war lange Zeit die Professionalisierung, die erforderlich ist, dass junge Männer und Frauen, wenn sie dann in den Auslandseinsatz gehen, an die Front gehen sozusagen, dass das mit einer normalen Wehrpflichtausbildung nicht möglich ist. Diesem Argument stand ich immer schon etwas skeptisch entgegen, weil es gibt durchaus Tätigkeiten, die jetzt nicht so spezialisiert sind, die auch im Auslandseinsatz oder an der Front möglich wären. Das ist aber zugegebenermaßen nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Das heißt, die Masse der Tätigkeiten für Wehrpflichtige wäre der Heimatschutz. Also der Schutz buchstäblich der Heimat, wie das Wort schon sagt, was dazu gehört, im Wesentlichen Objektschutz, aber auch Unterstützung der Tätigkeiten auf der sogenannten Drehschabe Deutschland. Denn wir haben ja glücklicherweise jetzt nicht primär eine große... Panzerschlacht vor Augen, wie vielleicht noch bis 1989 Deutschland Frontstart. Wir sind ein Stück weit hinter der Front, aber wir werden Schauplatz militärischer Aktivitäten sein, Versorgung der Alliierten, erstmal Verlegung der Alliierten nach vorne, Versorgung, Rückführung von Schadmaterial, von... Abgekämpften Truppen, von Verwundeten, von Kriegsgefangenen, Flüchtlinge, Gefallene und so weiter. Das sind alles Aufgaben, für die momentan gar kein Vorhalt da ist. Die aktive Truppe kann das nicht leisten. Hier kann eine militärische Reserve, die sich aus den Wehrpflichtigen speist, in wenigen Jahren eine buchstäbliche Reserve aufbauen, die dann für diese militärisch fokussierten Aufgaben oder aus militärischen Gründen anfallenden Aufgaben auf der Drehscheibe Deutschland bereitstehen, aber natürlich auch für den Katastrophenschutz, wieder in ganz anderem Maße als bisher.
Sprecher 7: Es gibt ja jetzt mit dem Infrastrukturpaket gefühlt Geld en masse. Wird das denn in Ihren Augen strategisch ausgegeben?
Sprecher 8: Mir fehlen da die Einblicke, aber was ich wahrnehme, ist, dass tatsächlich die richtigen Prioritäten gesetzt werden beim Infrastruktursondervermögen. Mindestens was den Anteil der 300 Milliarden, die der Bund auch verausgabt. Es sind ja weitere 100 Milliarden für die Kommunen vorgesehen und weitere 100 Milliarden für den Klimaschutz. Wenn ich mal die 300 und ich würde hoffen, dass auch die 100 Milliarden für die Kommunen, mit entsprechender Schwerpunktsetzung versehen werden. Wenn ich das mal zugrunde lege, dann steht natürlich jetzt sinnvollerweise an der Dual Use, also der sowohl für zivile als auch militärische Zwecke hoch zu priorisierende Bedarf an erster Stelle. Wenn ich die Bemerkung noch machen darf, Sie sagen Geld ohne Ende. Theoretisch ja, was die Aufhebung der Schuldenobergrenze für Verteidigung, aber auch für Zivilschutz, für Dienste angeht. Das ist eine gute Nachricht, aber da ist noch kein einziger Euro jetzt im Haushaltsplan drin. Whatever it takes muss ja noch Gesetzescharakter haben. Da warten wir natürlich als von Zivilschutzabhängige oder von den Mitteln für den Zivilschutzabhängigen Organisationen auch auf entsprechende Entscheidungen. Die Grundlagen sind gelegt, aber das muss jetzt dann auch konkret werden.
Sprecher 7: Das hoffe ich, dass wir das spätestens 2026 sehen im Haushalt.
Sprecher 8: Ja.
Sprecher 7: Ich danke Ihnen fürs Gespräch.
Sprecher 8: Sehr gerne.
Sprecher 2: Flo, mein lieber Head of Podcast, Michael Bröker ist irgendwo auf der Republika verschollen und deswegen frage ich dich, ob noch irgendwas ist.
Sprecher 9: Selbstverständlich, ich habe immer irgendwas. Ich weiß, du hast immer irgendwas. Es gibt eine neue Trendsportart. Ich bin ja großer Freund von neuen Trendsportarten. Pickleball nennt sich das ganze Ding. Ist so eine Mischung aus Tennis, Badminton und Tischtennis. Ist in den USA gerade... Am explodieren, also in den letzten drei Jahren gab es einen Plus von 300 Prozent an Pickleball-Spielern, an aktiven. Ist alles ein bisschen kleiner, ein bisschen schneller, ein bisschen kompakter. Soll aber auch geselliger sein als der Elitensport Tennis. So heißt es zumindest.
Sprecher 2: Hast du es schon mal ausprobiert?
Sprecher 9: Pickleball an sich nicht. Es gibt ja so ein ähnliches Ding, die Vorstufe dazu. Paddleball, dann Tennis mit anderen Schlägern und kleinerem Feld. Pickleball hat auch noch einen anderen Ball. Also es wirkt ein bisschen so, als ob es wirklich für... Ja, Ballsportbegeisterte, die gerne einen Schläger in der Hand haben, einfach ein absoluter Traum ist.
Sprecher 2: Müssen wir dringend ausprobieren, wobei ich leider in Ballsportarten nie besonders gut war, muss ich hier und an dieser Stelle gestehen. Aber es ist offenbar ein Traum für alle die anderen, nämlich die, die auf solche Sportarten stehen, auf solche Ballsportarten. Dann lassen wir sie doch träumen.
Sprecher 9: Bis morgen. Handel und Zölle sind das neue Top-Thema für die Spitzen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Für Sie gibt es jetzt unseren neuen Trade Table. Mit dem Trade Table haben Sie Zugang zu allen Analysen und Nachrichten aller Table Briefings Redaktionen. Rund um die Themen Handel, Zölle, Gegenzölle und Rohstoffe. Von Amerika bis Europa, von China bis Afrika. Mehr Informationen und einen weiterführenden Link finden Sie in der Folgenbeschreibung.