Wird der Euro die neue Leitwährung, Frau Schnabel?
Dauer: 24:45

Wird der Euro die neue Leitwährung, Frau Schnabel?

EZB-Direktorin Isabel Schnabel spricht im exklusiven Interview mit Michael Bröcker über den aktuellen Kurs der Europäischen Zentralbank und die Herausforderungen der Geldpolitik. 


Die Auswirkungen des globalen Handelskonflikts bewertet Schnabel differenziert. Kurzfristig könnten gefallene Energiepreise die Inflation dämpfen, mittelfristig warnt sie jedoch vor steigenden Preisen. Auch die Rolle des Euro sieht sie im Wandel. Die Aufwertung der europäischen Währung sei ein „Vertrauensbeweis in den Euro“, doch Schnabel warnt vor verfrühtem Optimismus: „Man muss da natürlich ein bisschen vorsichtig sein. Genaue Daten haben wir darüber noch nicht.“


Trotz der aktuellen Herausforderungen sieht sie eine historische Chance für Europas wirtschaftliches Comeback. Bei den europäischen Schulden plädiert sie für einen realistischen Blick: Es gehe nicht nur um neue Verschuldung, sondern darum, „das Geld sinnvoll zu nutzen, neue Wachstumskräfte zu entfachen – und damit zu einem besseren Ergebnis zu kommen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa.“



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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, zu einer ganz besonderen Folge unseres Table Today Podcast. Heute wird es sehr ökonomisch, denn wir haben eine besondere Frau zu Gast. Sie ist eine der erfolgreichsten und auf jeden Fall einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftlerinnen dieser Zeit. Seit Januar 2020 ist sie Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, die einzige Deutsche im EZB-Spitzengremium. Die Rede ist natürlich von Isabel Schnabel. Sie war vorher auch schon ab 2014 die einzige Frau im Sachverständigenrat für die Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die sogenannten Wirtschaftsweisen. Die gebürtige Dortmunderin schloss ihr Studium der Volkswirtschaftslehre in Mannheim als Jahrgangsbeste ab, bevor sie unter anderem an der Sorbonne in Berkeley und in Harvard lehrte und lernte. Später dann als Professorin an die Johannes Gutenberg Universität nach Mainz wechselte, bevor sie nach Bonn ging, wo sie bis heute Professorin für Finanzmarktökonomie ist, sich allerdings beurlauben ließ als ein anderer Ruf kam, nämlich der aus der Politik an die Spitze der EZB. Diese Woche war sie bei uns zu Gast im Table Briefings Café und wir haben sie natürlich gefragt zur Zinspolitik, zur Inflation, zu den Auswirkungen der Trump'schen Handelspolitik, vielleicht auch auf die Inflation hier in Europa. Wir wollten von Ihnen natürlich auch wissen, ob der Euro jetzt künftig die neue Leitwährung ist. Einen schönen guten Tag, Frau Professor Schnabel. Ja, schönen guten Tag, Herr Brücker.

Sprecher 3: Ich bin manchmal ein bisschen zu ehrlich, aber ganz im Ernst, ich mag es einfach klar, ohne Überraschungen. Genau deshalb bin ich bei Frank, dem einfach Mobilfunkanbieter. App runterladen, Tarif bestellen, fertig. 20 GB für 10 Euro. In bester D-Netz-Qualität. Monatlich kündbar, keine versteckten Kosten. Und das Beste ist Frank for Friends. Ich schicke einfach meinen Code an meine FreundInnen. Und jedes Mal, wenn jemand darüber startet, kriegen wir alle dauerhaft extra Datenvolumen. Kein Drama, keine Geheimnisse. Also, probier's mit Frank. Ist ehrlich einfacher.

Sprecher 2: Den weiten Weg von Frankfurt nach Berlin gefunden. Wie oft ist so ein EZB-Direktoriumsmitglied eigentlich in Berlin hier, wo die Politik spielt?

Sprecher 4: Ich versuche schon ein paar Mal pro Jahr hier hinzukommen. Also ich sage mal mindestens einmal im Quartal.

Sprecher 2: Sehr gut, da haben Sie den richtigen Weg zur Table gefunden. Meine erste Frage muss natürlich die Inflation und die Geldpolitik sein. Eigentlich ist ja alles im Griff, Frau Schnabel, oder? Knapp über zwei Prozent, kann man ja sagen. Die Ziele sind erreicht und könnte sich die EZB ja langsam jetzt auch mal um das Nebenziel kümmern und die Wirtschaft ein wenig anzukurbeln, oder?

Sprecher 4: Ja, also wir haben ein Ziel, das ist die Preisstabilität. Das ist unser primäres Mandat. Und ich glaube, wir sind da auf einem ganz guten Weg. Wir kommen ja aus einer Phase extrem hoher Inflation. Wir haben dann unsere Zinsen ganz massiv erhöht von minus 0,5 Prozent auf 4 Prozent. Und damit haben wir dann wesentlich dazu beigetragen, dass die Inflation jetzt wieder in die Nähe unseres Inflationsziels von 2 Prozent zurückgekommen ist. Wir sehen diese sogenannte letzte Meile, wie wir es manchmal nennen, ist etwas schwierig. Das heißt, wir sehen Teile der Inflation, vor allem bei den Dienstleistungen, die immer noch etwas hoch sind. Deshalb bleiben wir wachsam. Aber in der Tat sind wir zuversichtlich, dass wir dieses Jahr auf die 2 Prozent zurückkommen. Und jetzt müssen wir uns aber leider den neuen Schocks zuwenden. Und das ist natürlich in allererster Linie der Handelskonflikt. Und jetzt müssen wir uns damit beschäftigen, was das für unsere mittelfristigen Inflationsaussichten bedeutet.

Sprecher 2: Bevor wir zum Handelskonflikt kommen, die Notenbankchefs in Europa sind ja durchaus mehrheitlich der Meinung, es gibt noch Spielraum für weitere Zinssenkungen, auch jetzt schon im Juni. Gibt es da einen einheitlichen Konsens, eine Linie, hinter der Sie sich alle stellen können im Juni?

Sprecher 4: Das müssen wir im Juni sehen. Wir treffen uns dann zu unserer geldpolitischen Sitzung. Da werden die wesentlichen Argumente ausgetauscht und dann werden wir zu einer Entscheidung kommen.

Sprecher 2: Im April sind in den USA die Preise erstaunlich überraschend stark gesunken, obwohl wir gerade diese Zollstreitigkeiten haben, auch die ersten höheren Zölle. Können Sie uns erklären, warum das noch keine Auswirkung auf die Preise zumindest in den USA hat und was heißt das auch für Europa?

Sprecher 4: Naja, es ist erstmal grundsätzlich so, dass sich so etwas natürlich erst mit einer gewissen Verzögerung niederschlägt. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die große Zollankündigung, die kam ja gerade erst am 2. April. Das heißt, es ist noch vergleichsweise frisch. Man muss natürlich auch sehen, dass es gewisse Unterschiede gibt zwischen den USA, die ja unmittelbar betroffen sind durch diese Zölle und beispielsweise dem Euroraum, der zunächst mal indirekt betroffen ist. Und deshalb sind die Mechanismen auch etwas unterschiedlich. Ich kann das aber gerne mal kurz erklären.

Sprecher 2: Ja, gerne, weil es gibt durchaus unterschiedliche Aussagen von Ökonomen, ob jetzt diese Handelsrisiken die Inflation treiben oder erdämpft.

Sprecher 4: Ja, also erstmal in den USA ist es relativ klar, dass es zu einem Anstieg der Inflation, kommen wird. Also die Importe werden sich verteuern. Die Unternehmen sagen in Umfragen, dass sie ihre eigenen gestiegenen Kosten zumindest teilweise weitergeben werden an die Verbraucher. Insofern gibt es wenig Zweifel daran, dass es in den USA zu einer gestiegenen Inflation kommen wird. Bei uns ist es so, dass man sehr stark unterscheiden muss zwischen der kurzen und der mittleren Frist. Auf kurze Sicht dürften tatsächlich eher Faktoren dominant sein, die die Inflation eher dämpfen. Das sind zum einen die relativ stark gefallenen Energiepreise und zum anderen ist es die möglicherweise kommende Abschwächung der globalen Wirtschaft. Und das dürfte auf kurze Sicht eher desinflationär wirken. Aber auf mittlere Sicht könnte sich das Ganze umkehren. Und um zu verstehen, warum diese globale Fragmentierung inflationär wirken könnte, ist vielleicht ganz hilfreich, nochmal zurückzudenken, was eigentlich passiert ist, als wir diese Phase der Globalisierung hatten, als vor allen Dingen China in den Weltmarkt integriert wurde. Da war es ja so, dass dann viele Produkte billiger produziert werden konnten in anderen Ländern. Und das hat dann dazu geführt, dass die Inflation über viele Jahre hinweg ja vergleichsweise niedrig war. Wenn wir jetzt zu einer stärker fragmentierten Welt gehen, dann wird die Produktion, wird ineffizienter und damit werden die Güter tendenziell teurer. Auch diese globalen Lieferketten spielen eine ganz wichtige Rolle. Man kann sich ja einen Zoll, kann man sich vorstellen wie einen Kostenschock, der findet irgendwo in diesem System statt. Das bedeutet eben auch, dass Zwischenprodukte teurer werden und das kann sich dann durch diese Lieferketten, die ja inzwischen sehr eng verzahnt sind über die gesamte Welt, kann sich das hochschaukeln und dann eben zu steigenden Preisen führen, letztlich überall.

Sprecher 2: Aber ist das so? Also kann man sagen, je weniger Globalisierung, desto größer sind die Schäden für alle, also auch die Preise? Oder gibt es Regionen, wie zum Beispiel Europa, die auch gewinnen könnten? Zum Beispiel, weil der Euro stärker wird, was wir jetzt gerade erleben und wir dadurch dann günstigere Importe haben. Also gibt es Regionen, die durch diese Handelsstreitigkeiten tatsächlich auch als einzelne Region gewinnen können, wo die Preise niedrig bleiben oder niedriger werden?

Sprecher 4: Also insgesamt muss man glaube ich sagen, bei einem Handelskrieg gibt es keine Gewinner. Also am Ende wissen wir, dass Freihandel so im Großen und Ganzen für alle das Beste ist. Insofern bleibt auch zu hoffen, dass es vielleicht bei den Verhandlungen zwischen der Europäischen Kommission und der US-Administration eben zu einem Ergebnis kommt, das unter die Zahlen zurückgeht, die jetzt im Moment im Gespräch sind.

Sprecher 2: Ich war bei zwei Wirtschaftskonferenzen in den letzten Tagen und viele Investoren, viele Unternehmer sprechen gerade ganz anders über den Euro als noch vor einigen Jahren. Nämlich als Mö. Mögliche zweite Reservewährung, neue Leitwährung. Jetzt habe ich ja jemanden, der sich wirklich auskennt. Ist das eine dauerhafte, langfristige Stärke des Euro, den wir da gerade erleben? Oder ist das einfach nur eine schnelle Reaktion auf das Chaos, was in den USA ausgelöst wurde?

Sprecher 4: Also zunächst mal ist der Euro ja bereits die zweitwichtigste Reservewährung. Das heißt, der Euro ist schon eine starke Währung. Aber es ist vielleicht ganz interessant, sich anzugucken, was eigentlich genau passiert ist nach diesen Ankündigungen durch Präsident Trump am 2. April. Es gab ja sehr heftige Marktreaktionen. Also erstens sind die Aktienmärkte eingebrochen. Dann sind die amerikanischen Anleihemärkte eingebrochen. Und dann ist eben auch noch der Dollar eingebrochen. Und das, was viele dann überrascht hat, ist, dass dann der Euroraum letztlich dann der sichere Hafen war, dass also Kapital nach Europa geflossen ist, dass der Euro aufgewertet hat. Und das ist in der Tat ein Vertrauensbeweis in den Euro.

Sprecher 2: Kann man das wirklich so beziffern, dass da eine Flucht in den Euro stattfindet, weltweit, bei Investoren, bei Anlegern, bei Pensionskassen?

Sprecher 4: Ja, also man muss da natürlich ein bisschen vorsichtig sein. Genaue Daten haben wir darüber noch nicht. Aber in jedem Fall sieht man ja, dass die Bepreisung sich verändert hat. Und das kann man dann schon interpretieren als einen gewissen Vertrauensbeweis in den Euro. Und insofern würde ich auch sagen, hat man jetzt eigentlich eine historische Chance, die internationale Rolle des Euro weiter zu stärken.

Sprecher 2: Der EZB oder gibt es eigentlich Argumente, dass man gar nicht die Leitwährung sein will, die Nummer 1?

Sprecher 4: Also es hat große Vorteile, wenn man eine wichtige Reservewährung ist. Insbesondere führt es insgesamt zu geringeren Finanzierungskosten. Und das ist durchaus ein erheblicher Vorteil. Man spricht dann manchmal vom exorbitanten Privileg des Dollar.

Sprecher 2: Das müssen Sie einem normalen Menschen erklären.

Sprecher 4: Ja gut, das bedeutet einfach, dass also die US-Regierung weniger für ihre Schulden bezahlen muss als eben andere Regierungen.

Sprecher 2: Das heißt, wir in Europa könnten uns unsere Schuldenprogramme, unsere Investitionen... Besser leisten und das wäre wie eine Art Konjunkturprogramm für Europa.

Sprecher 4: Ob ich es jetzt als Konjunkturprogramm bezeichnen würde, weiß ich nicht, weil es wäre ja ein dauerhaft niedrigerer Zins, aber das hätte natürlich deutliche Wohlfahrtseffekte. Insofern ist das etwas, was durchaus erstrebenswert ist.

Sprecher 2: Spüren Sie, dass die Politik, ohne dass sie natürlich in Ihr Mandat eingreifen möchte, aber in diese Richtung mit Ihnen kommuniziert, Europa soll der neue, starke, auch autonomer agierende Wirtschaftsstandort sein. Alle reden von neuen Binnenmärkten, von Kapitalmarktunion. Friedrich Merz hat das zu seiner Agenda gemacht, Europa wieder nach vorne zu bringen. Spüren Sie da einen erhöhten Druck auch auf die EZB, das zu flankieren?

Sprecher 4: Nein, ich spüre da keinen erhöhten Druck, aber was ich merke ist, dass, und das hatte glaube ich nicht zuletzt zu tun mit der Ankündigung der großen deutschen Fiskalpakete, dass ein... ein neues europäisches Wachstumsnarrativ entstanden ist. Und das ist durchaus bemerkenswert, denn man muss eigentlich nur ein paar Monate zurückgehen. Und da haben eben viele noch gesagt, dass eigentlich Europa dauerhaft wenig wachsen wird, stagnieren wird, dass es eine geringe Produktivität hat. Und plötzlich sind eben wieder diese Wachstumsfantasien entstanden. Und man merkt auch ein Momentum in der Politik, dass man jetzt diese wichtigen Themen, die ja schon lange bekannt sind, wirklich angehen möchte. Und ich möchte Ihnen dazu mal ein Beispiel nennen, das ich unheimlich gut finde. Und zwar gab es eine Berechnung des Internationalen Währungsfonds. Der hat ausgerechnet, dass die internen Hürden im Binnenmarkt, dass die Zöllen entsprechen in Höhe von 45 Prozent für Güter und über 100 Prozent für Dienstleistungen. Das heißt, wir haben erhebliche Hürden innerhalb unseres Binnenmarkts. Die sind also viel höher als die Zölle, über die wir gerade im Zusammenhang mit den USA sprechen. Und das Tolle ist...

Sprecher 2: Aber nennen Sie mal ein Beispiel. Was ist das denn noch? Wir haben einen Binnenmarkt für Waren und Personen und Güter. Wir haben einen relativ funktionsfähigen Kapitalmarkt. Wo sind denn diese Hürden, dass Sie solche Ausmaße ausnehmen könnten?

Sprecher 4: Ja, das sind natürlich vielfache Hürden. Das sind vor allen Dingen natürlich unterschiedliche Regulierungen. 27 unterschiedliche Regulierungen in 27 unterschiedlichen EU-Ländern. Wir haben alle möglichen Hürden, selbst noch im Bereich des... Güterhandels, aber erst recht im Bereich der Dienstleistung geht es auch dann um bestimmte Standards, die erforderlich sind und so weiter. Also wir sind bei weitem nicht bei der Integration, die wir haben könnten. Und das Gute ist, wir können das selbst ändern. Wir sind jetzt nicht angewiesen auf einen Verhandlungspartner, mit dem wir zu einem guten Ergebnis kommen müssen, sondern wir können als Europäer dieses Problem gemeinsam lösen. Und es wäre ihm unheimlich wichtig, dass man das tut. Und ich könnte auch gerne mal ein paar Beispiele nennen, wo ich denke, wo wirklich etwas zu tun wäre.

Sprecher 2: Ja bitte, unbedingt.

Sprecher 4: Ein ganz wichtiges Problem für Unternehmen in Europa und gerade auch für die jungen, innovativen Unternehmen in Europa ist, dass wenn sie expandieren wollen in ganz Europa, dass sie sich eben 27 verschiedenen Regulierungen gegenüber sehen. Und das bedeutet natürlich, dass wir die Größenvorteile Europas überhaupt nicht richtig nutzen können. Da gibt es Vorschläge, wie man damit umgehen könnte. Das ist dieses sogenannte 28. Regime. Man kann sich das vorstellen als eine Rechtsform, beispielsweise für Startups, die dann automatisch den Zugang zu allen Märkten ermöglicht und die Regulierung vereinheitlicht. Und das ist etwas, was natürlich viel einfacher ist, als darauf zu warten, bis alle Regelungen in 27 Ländern tatsächlich harmonisiert wurden.

Sprecher 2: Aber wenn man das nur für Startups machen würde, hast du natürlich so viel. Die traditionellen Maschinenbauer in Deutschland auf der Zinne, die sagen, dafür kämpfen wir seit 30 Jahren, dass wir in europäischen Märkten schneller wachsen dürfen. Und jetzt machen wir es nur für die Startups.

Sprecher 4: Sehr gut, man muss irgendwo anfangen. Das ist auch politisch kein einfaches Thema. Ich würde anfangen bei den Startups, weil das nun mal der Ort ist, wo wir den größten Nachholbedarf haben. Wir sind im Produktivitätswachstum deutlich zurückgefallen im Vergleich beispielsweise zu den USA. Das hat natürlich sehr viel zu tun mit einem Mangel an Innovation. Aber dieser Mangel an Innovation liegt eben nicht daran, dass wir keine klugen Leute hätten mit guten Ideen, sondern es liegt vor allen Dingen daran, dass dann die Startups, selbst wenn sie gegründet werden, und auch da gibt es typischerweise noch hinreichend Finanzierung, dass die es dann häufig nicht schaffen, in Europa zu wachsen, in Europa dann später an die Börse zu gehen. Das funktioniert dann häufig nicht mehr und dann verlassen diese Unternehmen dann Europa, beispielsweise in Richtung der USA. Und das sind Dinge, die wir ändern müssen.

Sprecher 2: Aber irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, wenn ich mit EZB-Mitgliedern spreche, das ist alles ein Déjà-vu. Wir haben seit fast 30 Jahren diesen Euro, diese gemeinsame Währung, haben seit Tag 1 immer wieder gesagt, jetzt müssen wir aber auch bei den Standards, bei den Normen und bei der Wirtschaftspolitik endlich kongruent werden und wenig ist passiert.

Sprecher 4: Aber das ist genau der Punkt. Ich glaube, wenn man wartet, bis alles standardisiert und harmonisiert ist, das wird nicht funktionieren. Natürlich müssen wir auch in den Bereichen Fortschritte machen, aber das ist erfahrungsmäßig. sehr langsam. Aber wir müssen jetzt konkrete Projekte definieren, die eine hohe Priorität genießen. Dazu gehört für mich das 28. Regime. Dafür gehört für mich auch die Kapitalmarktunion als ganz zentrales Instrument mit einem Fokus auf Risikokapital. Also nicht so sehr die Bankenfinanzierung, die steht da nicht im Vordergrund, sondern es geht wirklich um Risikokapital, Venture-Kapital, Aktienkapital. Das ist das, was im Vordergrund steht, weil das eben besonders wichtig ist für Innovation.

Sprecher 2: Ich habe ein schönes Thema, wo wir uns inzwischen in Europa sehr schnell angleichen und sogar Deutschland jetzt mitmacht, nämlich beim Thema Schulden. Neues Schuldenpaket von unter einer CDU-geführten Bundesregierung auf den Markt gebracht, hätte ich jetzt schon fast gesagt, und die Schuldenquote dramatisch gestiegen. Was sagt die EZB-Direktoriumsmitglied eigentlich dazu? Ist das noch gesund, was hier passiert, oder ist das der Anfang einer möglichen neuen Schuldenkrise?

Sprecher 4: Man muss ja sagen, dass Deutschland von vielen sehr stark dafür kritisiert wurde, dass es sich zu wenig verschuldet hat und dass im Gegenzug öffentliche Investitionen vernachlässigt wurden. Jetzt sind wir im Moment in einer ganz besonderen Situation, in einer besonderen geopolitischen Situation und die Lockerung der Schuldenbremse und das neue Infrastrukturpaket können eben helfen, einerseits die Strukturkrise Deutschlands zu überwinden und andererseits die Verteidigungsfähigkeit zu erhöhen. Und beide sind zweifellos sehr wichtige Themen. Natürlich ist es so, dass es nicht reicht, Geld auszugeben. Zum einen muss man das Geld ausgeben. das Geld vernünftig ausgeben für wachstumsfördernde Projekte. Zum anderen muss das begleitet werden von umfassenden Strukturreformen, um natürlich langfristig die Schuldentragfähigkeit zu sichern. Und das ist auch für ein Land wie Deutschland, das ja mehr fiskalischen Spielraum hat als andere, ist es trotzdem natürlich von sehr, sehr großer Bedeutung, dass man nicht jetzt einfach viel Geld ausgibt und dann den Schuldenstand erhöht, sondern dass das Geld sinnvoll genutzt wird, dass man damit die Strukturkrise überwindet, neue Wachstumskräfte entfacht und damit dann am Ende zu einem besseren Ergebnis kommt, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa. Denn wir gehen eigentlich davon aus, dass ein solches Programm dann auch Ausstrahlungseffekte hat auf den Rest von Europa.

Sprecher 2: Also die Schuldentragfähigkeit, sagen Sie, ist jetzt durch diese Maßnahmen nicht gefährdet in Deutschland?

Sprecher 4: Nein, es gibt überhaupt keine Hinweise darauf. Auch die Finanzmärkte haben diese Ankündigung insgesamt begrüßt.

Sprecher 2: Stimmt, aber die Frage ist ja, ist das ein Einstieg in etwas? Schon wird darüber diskutiert in Brüssel, ob wir nicht doch jetzt neue eigene europäische Finanzierungsinstrumente brauchen, ob das nur der Startschuss einer ganz neuen europäischen, ja vielleicht eigenen Steuer, auf jeden Fall eigene Finanzierungsstrukturen sind. Also hat man da vielleicht eine Tür geöffnet, die man nicht wieder zukriegt?

Sprecher 4: Also zunächst mal aus Sicht der EZB ist es natürlich so, dass Fiskalregeln sehr, sehr wichtig sind. Das ist letztlich für uns ein Schutz unserer Unabhängigkeit. Und insofern ist es uns sehr wichtig, dass eben die Fiskalpolitik, Politik sich in einem Rahmen bewegt. Und wir haben ja gerade jetzt ein neues Regelwerk beschlossen. Dieses Regelwerk muss natürlich die Spielräume lassen, um auch wachstumssteigernde Investitionen zu tätigen. Und das hat man ja genau mit diesem neuen Rahmenwerk eben auch versucht, diesen Spagat hinzubekommen. Vielleicht ein Wort zu den europäischen Schulden. Ich hatte ja gerade gesagt, dass... Jetzt eben auch eine historische Chance da ist, die internationale Rolle des Euro zu stärken. Man darf natürlich nicht vergessen, dass dazu auch gehört, dass man einen großen europäischen Anleihemarkt hat. Und wir haben mit Next Generation EU, sind wir natürlich einen Schritt in diese Richtung gegangen, aber das ist ein zeitlich befristetes Programm und das kann das natürlich nicht liefern. Also ich glaube schon, dass es grundsätzlich nicht falsch ist, auch über gemeinsame Verschuldungen nachzudenken zur Finanzierung europäischer öffentlicher Güter. Aber natürlich muss das sinnvoll ausgestaltet sein. Es kann auch nicht sein, dass dann nur auf europäischer Ebene die Schulden erhöht werden und auf der nationalen Ebene bleibt alles, wie es ist. Sondern man muss dann eben darüber nachdenken, wie man sowas ausgestalten kann. Aber ich würde jetzt nicht vollständig ablehnen, dass man sich grundsätzlich solche Gedanken macht.

Sprecher 2: Wir müssen nochmal auf ein Thema kommen, was die Bundesbank neulich thematisiert hat. Das würde mich sehr interessieren, wie Sie das sehen. Und zwar, wie man Inflationsrisiken oder Inflationsschocks, wie wir sie ja vor zwei, drei Jahren erlebt haben, wie man... die frühzeitiger, präventiver vielleicht erahnen, in Modellen abbilden kann und auch kommunizieren. Da geht es darum, Inflationsprojektion, glaube ich, heißt das Wort, frühzeitiger zu erahnen und auch zu kommunizieren. Gibt es eine Möglichkeit, dass man diese Schocks, wie wir sie hier erlebt haben, die ja zu Insolvenzen geführt haben, 8% Inflation und dann eben erst die Reaktion der EZB aus Sicht vieler Ökonomen etwas zu spät kam, gibt es eine Möglichkeit, sowas früher zu antizipieren oder auch kommunikativ Märkte, Unternehmen darauf vorzubereiten, dass da was kommen kann.

Sprecher 4: Also zunächst mal zeichnet sich ein Schock ja dadurch aus, dass er nicht antizipierbar ist. Natürlich konnten wir nicht antizipieren, dass es zur Pandemie kommt. Wir konnten nicht antizipieren, dass Putin die Ukraine angreift. Das sind Dinge, die wir nicht ohne weiteres antizipieren können. Aber das war auch nicht das zentrale Problem, sondern es war ja eher die Frage, wir haben gesehen, dass es diese Schocks gibt. Aber dann muss man natürlich erstmal verstehen, wie sich diese Schocks genau auswirken und ob die Geldpolitik darauf reagieren muss. Und jetzt gibt es so, sage ich mal, diese Textbuchaussage, dass wenn es sich um einen angebotsseitigen Schock handelt und ein Energiepreisanstieg ist das Standardbeispiel für einen angebotsseitigen Schock, dass man dann sagt, ja, durch den können wir eigentlich durchschauen, weil das kehrt sich dann wieder um. Und wenn wir jetzt reagieren würden, dann wäre die Wirkung unserer Geldpolitik, würde erst dann eintreten, wenn der Schock sich schon längst wieder normalisiert hat. Aber natürlich hat man die Persistenz dieses Schocks. Man hat auch unterschätzt, wie sich dieser Schock dann festsetzt, möglicherweise in den Inflationserwartungen. Und deshalb hat man letzten Endes zu spät reagiert.

Sprecher 2: Das würden Sie heute auch sagen, was die EZB betrifft. Man hat zu spät.

Sprecher 4: Ich würde auf jeden Fall sagen, wir haben zu spät reagiert. Man kam natürlich auch, wir dürfen es nicht vergessen, wir kamen aus dieser jahrelangen Phase zu niedriger Inflation. Und das Hauptproblem der EZB war es, die Inflation nach oben zu bringen, was jahrelang... Und zwar, obwohl man eine sehr expansive Politik betrieben hat, eben nicht gelungen ist. Jetzt wissen wir aber, dass die Welt sich eben doch schneller ändern kann, als wir vielleicht damals gedacht haben. Und wir sind wirklich in kürzester Zeit in ein ganz anderes Inflationsregime gesprungen. Und wir waren aber nicht darauf eingestellt, dann schnell genug darauf zu reagieren. Im Rückblick hätte man etwas schneller reagiert.

Sprecher 2: Ja, vielleicht nicht nur schneller, sondern dann auch härter, weil man hat ja verschiedene Zinsschritte gemacht. Ich weiß nicht, wie viele es waren, bis man jetzt zu dem jetzigen Inflationsziegel gekommen ist, sechs oder sieben, dass man daraus eine Lehre zieht, schneller, härtere Schritte zu machen?

Sprecher 4: Nee, wir haben die Zinsen wahnsinnig schnell angehoben. Als wir dann einmal angefangen haben, die Zinsen zu erhöhen, haben wir Schritte gemacht, die uns, glaube ich, niemand zugetraut hätte. Wir haben ja zum Teil die Zinsen bei einer Sitzung um 75 Basispunkte, also 0,75 Prozentpunkte erhöht. Das waren sehr, sehr schnelle Zinsschritte, natürlich auch, weil klar war, dass wir ein bisschen wieder aufholen müssen. Aber besser ist natürlich, man hätte ein bisschen früher angefangen. Dann hätte man vielleicht sogar ein bisschen langsamer die Zinsen erhöhen können, weil es ist natürlich auch disruptiv, die Zinsen sehr schnell zu erhöhen, wenn eigentlich alle erwartet haben, dass die Zinsen gar nicht erhöht werden. Wir haben ja noch wenige Monate vorher, haben die Finanzmärkte gar nicht erwartet, dass wir die Zinsen erhöhen und wir haben die dann in einem rasanten Tempo erhöht. Wir haben, muss man sagen, auch ein bisschen Glück gehabt, dass es dabei nicht zu größeren Turbulenzen gekommen ist. In den USA war das ja anders. Hat natürlich auch damit zu tun, dass die Banken sehr widerstandsfähig waren, gut beaufsichtigt wurden. Aber man muss sagen, dieser schnelle Zinsanstieg, das ist natürlich auch für das Finanzsystem gar nicht so einfach zu verkraften.

Sprecher 2: Zum Abschluss die Frage, wie kommt Europa... Zu diesem Comeback, über das wir am Anfang auch schon gesprochen haben. Wir haben die Inflation weitgehend im Griff, aber der Outlook für die europäische Wirtschaft, wenn man sich das Potenzialwachstum anschaut, ist jetzt noch nicht da, wo vielleicht die Fantasien sind, die Sie gerade eben genannt haben bei der Währung. Was macht Sie so zuversichtlich, dass Europa jetzt in dieser Phase das wirtschaftliche Comeback schaffen kann?

Sprecher 4: Ja, also zunächst vielleicht nochmal ganz kurz zur Geldpolitik. Also wir müssen jetzt meines Erachtens erstmal eine ruhige Hand bewahren. Wir können die Zinsen jetzt im Großen und Ganzen auf dem Niveau lassen, wo wir im Moment sind und sind zuversichtlich, dass wir auf diesem Weg dann auch die Preisstabilität wahren können. Für die Strukturpolitik sind natürlich die Regierungen zuständig. Ich spüre in Europa ein großes Momentum, eine große Bereitschaft, die Dinge jetzt anzugehen. Es sind viele Projekte unterwegs. Es könnte auch helfen, dass der neue Bundeskanzler sich Europa ganz groß auf die Fahnen geschrieben hat. Und ich hoffe, dass es deshalb da gemeinsam gelingen kann, Europa nach vorne zu bringen.

Sprecher 2: Dann wollen wir hoffen, dass Sie recht behalten und schauen uns das ganz genau an und freuen uns, dass Sie heute bei uns waren und hoffentlich nicht zum letzten Mal. Vielen Dank, Frau Schnabel.

Sprecher 4: Es war mir ein Vergnügen.

Sprecher 3: Ich bin manchmal ein bisschen zu ehrlich, aber ganz im Ernst, ich mag es einfach klar, ohne Überraschungen. Genau deshalb bin ich bei Frank, dem einfach Mobilfunkanbieter. App runterladen, Tarif bestellen, fertig. 20 GB für 10 Euro. In bester D-Netz-Qualität. Monatlich kündbar, keine versteckten Kosten. Und das Beste ist Frank for Friends. Ich schicke einfach meinen Code an meine FreundInnen. Und jedes Mal, wenn jemand darüber startet, kriegen wir alle dauerhaft extra Datenvolumen. Kein Drama, keine Geheimnisse. Also, probier's mit Frank. Ist ehrlich einfacher.