Ist Mehrheit Mehrheit, Frau Niejahr?
Dauer: 24:10

Ist Mehrheit Mehrheit, Frau Niejahr?

Elisabeth Niejahr von der Hertie-Stiftung erklärt, warum knappe Mehrheiten nicht nur Wackelpartien sind: „Ich habe mich oft gewundert, wie beliebt knappe Mehrheiten bei Politikern sind, weil sie sagen: Das diszipliniert.“ Gleichzeitig warnt sie vor zu starren Fraktionslogiken, wenn Gewissensentscheidungen unklar definiert sind: „Warum ist denn eigentlich eine Frage nach einer Beteiligung am Krieg keine Gewissensfrage?“


In der SPD bahnt sich ein Machtkampf um Posten im neuen Kabinett an: Saskia Esken und Svenja Schulze besispielsweise konkurrieren um das Entwicklungsministerium. Helene Bubrowski und Michael Bröcker diskutieren, welche Namen in der SPD für die verschiedenen Positionen gehandelt werden.


Der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering ist aus der katholischen Kirche ausgetreten – und verweist auf den verlorenen Glauben und die mangelnde gesellschaftliche Verantwortung der Institution. Die Zahl der Kirchenaustritte ist weiter hoch, während das Bedürfnis nach Spiritualität in der Gesellschaft wächst – aber die etablierten Kirchen verlieren trotzdem an Rückhalt.



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Transkript

Sprecher 1: Table Today. Democracy Spezial. In Kooperation mit der Harti-Stiftung.

Sprecher 2: In der SPD gibt es Streit um Ministerposten und da geht es insbesondere um zwei Frauen, die beide gerne im Kabinett wären, aber offenbar kann nur eine. Und auch in der Fraktion droht eine Kampfkandidatur. Was also macht Lars Klingbeil, der neue starke Mann in der SPD? Wir haben ein Update für Sie.

Sprecher 3: Die katholische Kirche, sie verliert nicht nur ihren Papst, sondern auch noch Franz Müntefering. Der Ex-SPD-Chef ist ausgetreten. Was ist da denn los?

Sprecher 2: Friedrich Merz, nächste Woche ist seine Wahl, ist diese Woche schon mal auf Tour in Europa, genauer gesagt in Valencia. Und badete dort im Applaus seiner europäischen Amtskollegen. Markus Grabitz vom Europe Table war dabei und erzählt uns, was er gesehen und erlebt hat.

Sprecher 3: Fraktionsdisziplin wird in der kommenden Regierung durchaus wichtig, denn nur zwölf Stimmen hat Schwarz-Rot mehr im Bundestag. In einer weiteren Ausgabe unseres Demokratie-Spezials sprechen wir mit der Geschäftsführerin der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, Elisabeth Nier, darüber, ob solche Mehrheiten wirklich Mehrheiten sind.

Sprecher 2: Heute Freitag, 2. Mai. Schön, dass Sie uns zuhören.

Sprecher 3: Helene, wenn zwei Frauen sich streiten, dann musst du helfen zu analysieren. Saskia Esken gegen Svenja Schulze um das Amt der Entwicklungshilfeministerin. So ist es jetzt zu lesen. Was ist denn da los?

Sprecher 2: Es ist ja interessant, dass wenn zwei Frauen sich mal um einen Posten streiten, dass das immer als Unerhörtheit gilt, während das bei Männern völlig normal ist, dass Männer ununterbrochen um Posten rangeln und gegeneinander kämpfen, dann wieder zusammenarbeiten. Ich weiß nicht, warum man bei Frauen da so einen anderen Blick hat. Ist doch völlig normal. Saskia Esken, langjährige Parteivorsitzende, Svenja Schulze, langjährige Ministerin, die wollen beide. Warum denn nicht?

Sprecher 3: Du erinnerst dich vielleicht an den unendlichen Männerkampf Armin Laschet gegen Markus Söder. Den fand man weder in Ordnung, noch fand man ihn gut, noch haben wir darüber nicht berichtet. Du hast recht, Normalisierung gilt für alle Geschlechter im Machtkampf.

Sprecher 2: Ja, ganz genau. Aber bei Frauen wird dann gerne schnell gesagt, wie hysterisch, wie karrieregeil, wie sonst irgendwas. Und muss das denn sein? Können die nicht einfach freiwillig zurücktreten und ganz friedlich sich begnügen mit einer Rolle? Also ich würde auf solche Ideen nie kommen. Ja Gott, dann sind wir uns zumindest in dieser Hinsicht einig, Michael.

Sprecher 3: Wer gewinnt, ist die Frage.

Sprecher 2: Ja, wer gewinnt. Mein Tipp ist Svenja Schulze.

Sprecher 3: Mein Tipp ist gar keine von beiden, denn Lars Klingbeil will die Erneuerung im Kabinett, er will den Generationenwechsel. Deswegen sind ja zwei andere Frauen durchaus im Gespräch, die jünger, aber auch vor allem neuer auf der politischen Bühne wären, nämlich Verena Huberts, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende, Unternehmerin gewesen, ein Gesicht aus Rheinland-Pfalz. aber eben auch Stefanie Hubig aus Rheinland-Pfalz, zwei jüngere Frauen.

Sprecher 2: Ich finde ja Verena Fugatz eine wirklich interessante Personalie. Sie hat die Unterstützung von Lars Klingbeil, der sich sehr für sie einsetzt. Sie hat allerdings in der Fraktion durchaus auch Gegner oder zumindest insbesondere Männer, die ihr das nicht so richtig gönnen, dass sie eine so rasante Karriere gemacht hat, die auch sagen, nun ist doch auch vielleicht mal gut. Sie ist 37 Jahre alt, war jetzt eben schon stellvertretende Fraktionsvorsitzende für die wichtigen Themen Wirtschaft und Klima. Manchen reicht das jetzt und die sagen, also können wir auch mal einen Mann zum Zuge kommen lassen. So ist es dann zu hören. Lars Dingbeil scheint sich davon nicht besonders irritieren zu lassen und Verena Huberts übrigens auch nicht, die ziemlich selbstbewusst auftritt und da ihren Stich macht.

Sprecher 3: Ja, ihr Spitzname in der SPD ist, auch das ist natürlich wieder ein bisschen frauenfeindlich, ich weiß, ist Lars Liebling, so als sei sie nur das Anhängsel von Lars Klingbeil, aber er ist wirklich ein großer Fan von ihr. Er war ja mal digitalpolitischer Sprecher, das vergisst man manchmal, und sie ist eine Digitalunternehmerin, hat eine crossmediale Kochplattform mal gegründet, Kitchen Stories, bei einem Bosch-Unternehmen gearbeitet. Also Praxis, Wirtschaft finde ich schon nicht ganz schlecht.

Sprecher 2: Ein bisschen frauenfeindlich, Michael, finde ich dann ein bisschen verharmlosend, aber sei es drum. Schauen wir mal, wie sich das alles zurechtmendelt, denn noch eine weitere Frau ist im Gespräch. Wir sprachen schon kurz über sie, Stefanie Hubig, auch selbstbewusst und vor allem regierungserfahren. Staatssekretärin war sie. Sie war schon lange so ein Geheimtipp ein bisschen, weil sie zwar nicht so Sie am Rampenlicht steht, viele kennen sie nicht, aber die, die sie kennen, schätzen sie alle.

Sprecher 3: Eine überraschende Personalie, die wir auch gerade recherchiert hatten, als der Tagesspiegel sie verbreitete, ist Björn Böning. Der ehemalige Staatssekretär im Arbeitsministerium, dort nicht ganz in Frieden gegangen, muss man sagen. Ehemalige Juso-Chef, aber enger Freund von Lars Klingbeil, wird jetzt sein wichtigster Staatssekretär im Finanzministerium, ist zuletzt Arbeitgebervertreter bei den Produzenten gewesen. Also er hat Tarifverhandlungen auf der Arbeitgeberseite geführt, der ehemalige Juso. Eine interessante Karriere, jetzt Staatssekretär bei Lars Klingbeil im Finanzministerium.

Sprecher 2: Wie dieser Mann tickt, hören wir uns jetzt mal an, denn er war natürlich auch schon bei uns im Podcast.

Sprecher 3: Einen Satz kann ich Ihnen nicht ersparen zum Kanzler und zu Ihrer Partei SPD. 14, 15 Prozent in Umfragen. So schlecht war es ja nicht mehr unter Ihrer damaligen Chefin Andrea Nahles.

Sprecher 4: Ja, aber es hat ja auch gezeigt, dass die SPD immer wieder nach vorne gekommen ist. Und insofern warten wir mal ab. Ich glaube, in der Mitte der Legislatur sind wir immer in einer schwierigen Situation. Alle Parteien, das war bei der Union auch selten anders. Aber klar, ich merke das auch in unserer Branche, in der Film- und Fernsehwirtschaft, die Unsicherheit ist hoch. Was passiert in internationalen Situationen? Man wünscht sich auch staatliche Investitionen, um mehr produzieren zu können.

Sprecher 3: Der wirtschaftsfreundlichste Kanzler aller Zeiten, hat er gesagt. Können Sie das nachvollziehen?

Sprecher 4: Wenn die Vorschläge, die aus dem Kanzleramt kamen für die Filmförderung, die Claudia Roth gemacht hat, Realität werden, würde ich das unterschreiben.

Sprecher 3: Das war Björn Böning bei uns im Podcast. Podcast noch als Filmvertreter. Jetzt geht es natürlich auch noch um eine wichtige Person, an der alles andere irgendwie hängt. Und das ist der Fraktionsvorsitz. Lars Klingbeil will seinen Freund übrigens, privat befreundet, Matthias Mürsch, den Chef der parlamentarischen Linken und Generalsekretär gerne haben. Aber Hubertus Heil würde auch ganz gerne.

Sprecher 2: Ja, es ist der Mann, der dann mit Jens Spahn zusammenarbeiten muss, auch Dinge ausloten muss, ausdiskutieren muss, wahrscheinlich Jens Spahn auch mal die Stirn bieten muss, also eine durchaus wichtige Personalie. Hubertus Heil ist ein Netzwerker, also so eine Art Zentrist in der SPD. Und ich höre, es gibt auch noch einen weiteren Namen, nämlich Dirk Wiese, der sich in der vergangenen Legislaturperiode als stellvertretender Fraktionsvorsitzender durchaus einen Namen gemacht hat, viel vorkam. Und der ist ein Seeheimer, hat sogar den Seeheimer Kreis angeführt und möchte nun auch gerne, nicht ganz klar, ob das funktioniert, denn wir haben schon, jedenfalls nach dem, was wir vermuten, ziemlich viele Seeheimer im Kabinett und die parlamentarische Linke bei der SPD ist stark und wenn die unzufrieden ist, hat Lars Tingbe ein Problem. Also es geht auch hier darum, so auszutarieren, dass alle irgendwie damit leben können.

Sprecher 3: Flügel, Freundschaft, Generationswechsel, so ein Personal-Tableau ist wirklich nicht leicht. Gut, dass wir das hier nicht machen müssen, Helene. Friedrich Merz war diese Woche in Valencia in Spanien. Seine eigentlich fast, muss man sagen, erste Auslandsreise nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen. Er traf sich dort mit seinen europäischen konservativen Kollegen, davon 17 Staats- und Regierungschefs. Es war eine muntere Reise, nehme ich mal an, denn die dürften ihn gefeiert haben. Ein neuer Regierungschef in ihren Reihen. Markus Grabitz von unserem Europe Table war dabei.

Sprecher 5: Ja, Michael, Friedrich Merz hat in Valencia einen sehr souveränen Auftritt hingelegt. Er hat halt eben nicht die üblichen proeuropäischen Parolen abgegeben, sondern er hat ein paar Flöcke eingerammt. Er hat gesagt, dass wenn die Migrationszahlen nicht runtergehen, dann muss man notfalls auch die Gesetze nochmal ändern. Er hat von der Leyen die Vollunterstützung gegeben für den Abschluss weiterer Freihandelsabkommen. Und er hat den Vorstoß aus der Kommission aus der letzten Woche geradezu gegeißelt, ältere Fahrzeuge jedes Jahr verpflichtend zum TÜV zu schicken.

Sprecher 3: Ja, Markus, und ein prominenter CDU-Mann aus Europa, David McAllister, wollte ja nicht nach Berlin kommen, nicht Außenminister werden. Hast du am Rande dieses Kongresses flurfunkmäßig herausfinden können, was da eigentlich dahinter steckt?

Sprecher 5: David McAllister äußert sich selbst dazu nicht. Man muss aber davon ausgehen, dass es mehrere Gründe dafür gab, dass er nicht ins Kabinett wollte. Der erste Grund ist, er hat kein Bundestagsmandat. Und er fürchtet, dass ihm halt aus der Fraktion, aus der mächtigen Fraktion signalisiert würde, dass ihm im Grunde die Absicherung in der Fraktion fehlt für dieses Amt. Zweiter Punkt ist, David McAllister fühlt sich in... Brüssel sehr, sehr wohl. Er ist gerade wiedergewählt worden als Vizepräsident der Europäischen Volkspartei. Dritter Punkt ist, David McAllister war bereits einmal Ministerpräsident und hat in dieser Zeit erlebt, dass er 24 Stunden gefordert ist. Fünfter Punkt ist, dass natürlich der Reiz des Außenministerpostens massiv nachgelassen hat. Die Außenpolitik wird im Kanzleramt gemacht und man hat bei den Vorgängern gesehen, dass die Strahlkraft des Postens massiv nachgelassen hat.

Sprecher 3: Jetzt hat Friedrich Merz aus der deutschen Gruppe im Europaparlament niemanden fürs Kabinett nominiert, auch nicht für die parlamentarischen Staatssekretäre. Da nehme ich an, es etwas grummeln zu vernehmen. Oder was ist da los?

Sprecher 5: Ja, es ist richtig, es gibt ein wenig Geraune in der Gruppe der 27 CDU- und CSU-Abgeordneten im Europaparlament. Allerdings muss man sagen, dass es zwei Leute gibt, die eine Chance gehabt hätten. Das ist zum einen halt eben, wie gesagt, David McAllister. Zum anderen ist es Daniel Kaspari, der womöglich hätte Staatsminister im Auswärtigen Amt werden können. Allerdings, beide wollten nicht. Und diejenigen, die jetzt raunen, sind eben nicht gefragt worden. Und im Übrigen muss man dazu sagen, dass noch nie ein Bundeskanzler die deutsche Gruppe berücksichtigt hat bei der... Auswahl seiner Kabinettsmitglieder und noch nichtmals bei der Auswahl seiner erweiterten Kabinettsmitglieder.

Sprecher 6: Vielen Dank, Markus, und bis zum nächsten Mal.

Sprecher 7: Ich habe meinen Austritt erklärt und die haben mir im Januar oder Anfang Februar dieses Jahres auch die Bescheinigung geschickt, dass ich nicht mehr Mitglied der katholischen Kirche bin. Da glaube ich nicht mal da. Was jetzt bleibt, ist die gesellschaftliche Macht, die bei der Kirche sich fesselt. Und da sind natürlich diese ganzen Skandale um die Missbräuche, sind auch nochmal was obendrauf gewesen. Dabei auch die Art und Weise, wie man damit umgegangen ist und so. Die Kirche wird einfach ihrer Verantwortung für die Gesellschaft nicht gerecht. Und deshalb... Bin ich da immer zweifelhaft geworden, ob denn das überhaupt noch sinnvoll ist, ob ich das noch darf.

Sprecher 2: Das war Franz Müntefering, der bei Maischberger erklärt hat, warum er, der einst überzeugte Katholik, jetzt aus der Kirche ausgetreten ist. Und wir sind wieder beim Thema Missbrauchsskandal. Das lässt die Kirche einfach nicht los. Franz Müntefering ist ja nur einer der Prominenten, die Anzahl der Kirchen auszutreten. Die Austrittsrate steigt und steigt und steigt. Mittlerweile machen die Kirchenmitglieder in Deutschland nur noch 45 Prozent aus, also deutlich weniger als die Hälfte. Ein dramatischer Mitgliederschwund, der natürlich auch Probleme für die Kirchen mit sich bringt.

Sprecher 3: Die Zahl der Muslime in dieser Zeit hat sich übrigens nahezu verdoppelt in den letzten 30 Jahren. Ihr Anteil liegt jetzt bei 6,6 Prozent. Säkularisierung, auch eine Islamisierung und eben doch sehr viel Unzufriedenheit bei den großen Kirchen. Das ist das Jahr 2025.

Sprecher 2: Die Austrittszahlen sind in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Und trotzdem muss man sagen, Michael, im Jahr 2024 gab es noch 19,8 Millionen Katholiken und 18 Millionen Protestanten. Das ist eine ganz schöne Anzahl und ich frage mich manchmal, warum die Kirchen dieses Potenzial nicht mehr nutzen. Mein Gefühl ist, es gibt so eine Sehnsucht in unserer Gesellschaft nach Spiritualität, nach der Sinnsuche oder beziehungsweise nach Hilfe bei der Sinnsuche. Und die Leute nehmen alle Angebote wahr, entweder von fernöstlicher Kultur, Ayurveda, Yoga, Buddhismus und sonst was oder sie machen Therapien oder so. Das ist alles völlig in Ordnung, bitte mich nicht falsch verstehen. Aber die Kirche hätte ja durchaus was im Angebot. Einerseits seelsorgerisch, aber eben auch spirituell. Und da guckt man, ich gehe gelegentlich am Sonntag in die Kirche und die Kirchen sind weitgehend leer, obwohl die Predigten wirklich manchmal ganz gut sind, obwohl man viel mitnimmt. Und neulich dachte ich, Ich, als ich bei so einem sehr schönen Thesé-Gottesdienst war, der mich wirklich innerlich sehr aufgebaut hat, muss ich sagen, nach einer anstrengenden Woche, dachte ich, wenn das jetzt ein spirituelles Seminar gewesen wäre mit 150 Euro Eintritt, wäre wahrscheinlich der Raum voller gewesen.

Sprecher 3: Die Kirchen als Motivationsgurus und Selbstfindungshilfezentren. Du hast ja recht, eigentlich suchen alle gerade irgendwie nach dem Sinn und die Welt wird immer komplizierter und komplexer und trotzdem verlieren die Kirchen. Vielleicht hat ja auch ein bisschen Julia Klöckner recht, dass sie sich in zu vielen Alltagspraxisfragen gerne und schnell äußert, aber die großen Sinnfragen zu wenig stellt. Also zumindest sind das auch mal Gedanken, die erlaubt sind im Diskurs mit der Kirche. Aber die beiden Kirchen haben ja ähnliche Probleme, muss man wirklich sagen. Und irgendwie ist es egal, in welchem Freundeskreis man darüber spricht. Man redet ja nie über Politik und Kirche, das ist bei mir übrigens komplett anders, aber egal. Das liegt natürlich auch an unserem Job. Also über die Politik wird bei uns immer geredet. Aber bei der Kirche heißt es schon schnell, bei diesen Missbrauchsthemen und vor allen Dingen, wie damit umgegangen wird, Helene, haben viele wirklich keine Lust mehr auf die Kirche.

Sprecher 2: Es sind nur zwölf Sitze, die die Mehrheit der neuen Regierung ausmachen. Und genau das könnte zum Problem werden. Eigentlich sollen die Abgeordneten ja bei jeder Abstimmung so entscheiden, wie es ihr Gewissen ihnen sagt. Und nun können wir nur hoffen, dass es nicht mehr als zwölf Abgeordnete am nächsten Dienstag sind, denen das Gewissen sagt, vielleicht ist Friedrich Merz doch nicht der richtige Mann im Kanzleramt. Naja, wie sind eigentlich Regierungen in der Vergangenheit damit umgegangen und sind diese knappen Mehrheiten eigentlich gut für die Demokratie oder nicht? Darüber diskutiere ich mit Elisabeth Nier, der Geschäftsführerin der gemeinnützigen Hertie Stiftung, denn heute ist wieder unser Demokratie-Spezial. Hallo, schön, dass du da bist, Elisabeth.

Sprecher 8: Hallo, schön hier zu sein.

Sprecher 2: Wie ist das, Elisabeth? Sind knappe Mehrheiten eigentlich gut, weil sie disziplinieren oder ist das ein Problem, weil man eben dann immer doch ein bisschen bangen muss, ob es klappt?

Sprecher 8: Beides stimmt. Ich habe darüber immer wieder geschrieben und mich oft gewundert, wie beliebt knappe Mehrheiten bei Politikern sind, weil sie sagen, das diszipliniert und das macht es doch einfacher. Und als Laie und Bürger und Wähler könnte man ja denken, das ist eine Wackelpartie und ganz gefährlich. Aber tatsächlich kann dann zum Beispiel ein parlamentarischer Geschäftsführer, der diese Mehrheiten organisieren muss, dann leichter sagen, also hier darf wirklich keiner eine Ausnahme machen und alle müssen an Deck sein. Wenn die Mehrheiten allerdings zu knapp sind, wird es wirklich jedes Mal, wenn... dann jemand sich irgendwie im Flur verirrt oder im Verkehr feststeckt oder solche Dinge, kann es auch eng werden. Ich glaube, so die Schmerzgrenze gilt so drei bis fünf Personen. Und natürlich kann man so unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten auch sagen, dass es ein Problem ist, wenn man zu viele Abgeordnete ständig kujonieren muss, die vielleicht bei der einen oder anderen Frage auch sehr gute Argumente haben, zu sagen, sie wollen nach gewissen oder anderen Kriterien stimmen.

Sprecher 2: Die Abgeordneten sollen ja nicht nur das Gewissen als Zusatzargument haben, sondern das Gewissen sollte der treibende Faktor sein für das Abstimmungsverhalten, weil man nun weiß, es kommt auf meine Stimme an und wenn ich dagegen stimme, dann blamiere ich nicht nur den Kandidaten, der gewählt werden sollte, sondern ich stürze möglicherweise ganz Deutschland in eine tiefe Krise. Die Verantwortung will niemand übernehmen. Deswegen verhält man sich so, wie man sich verhalten muss. Aber für eine lebendige Demokratie... Ein Problem, oder nicht?

Sprecher 8: Also zumindest so, wie es jetzt funktioniert, wo ja der Fraktionszwang dann immer mal wieder bei einzelnen Themen ausgesetzt wird, also bei Themen wie Sterbehilfe oder Schwangerschaftsabbruch, dann diese Mehrheiten sich auch anders bilden. Das fand ich persönlich immer ein bisschen unbefriedigend, weil ich die Kriterien nicht so klar finde, was denn jetzt plötzlich als Gewissensentscheidung gilt. Und warum ist denn eigentlich eine Frage nach einer Beteiligung am Krieg keine Gewissensfrage? Wir erinnern uns zu Gerhard Schröders Zeiten, gab es sehr knappe Mehrheiten und als über den Kosovo entschieden, wurde sehr hart gerungen, wer sich denn nun in der zum Beispiel grünen Bundestagsfraktion damals leisten durfte, dann Nein zu sagen. Das war dann vor allem Christian Ströbele, während andere dann gedrängt wurden, es doch zu machen. Trotzdem finde ich alles in allem das deutsche System, wo es diesen Fraktionszwang gibt, erfolgreicher oder überzeugender als zum Beispiel das amerikanische, wo das viel freier sich nach Thema neu sortiert, wer wie stimmt im Repräsentantenhaus. Da ist es halt auch nicht unbedingt immer so, dass nur nach Gewissen entschieden wird, sondern nach anderen Loyalitäten, zum Teil auch nach lobbyistischen Kriterien, lokalen Kriterien und so weiter. Ich glaube nicht, dass es immer bessere Ergebnisse bringt.

Sprecher 2: Ich möchte nochmal zurückkommen auf Hans-Christian Ströbele. Was du sagtest, sehr interessant, dass er damals zwar immer dagegen gestimmt hat, als großer Friedensmann, sich auch inszeniert hat, aber insgeheim immer dafür gesorgt hat, dass die Mehrheit von Rot-Grün, die ja sehr knapp war, du hast es gesagt, dass diese Mehrheit steht. Das heißt, da kann man doch auch wirklich sagen, diese Abweichung, diese Kritik am Kanzler, die verkommt dann irgendwie zur Pose.

Sprecher 8: So habe ich das damals auch empfunden und deswegen, vor allem, weil dann einige andere dann eben von ihrem Gewissen nicht so ein großes Aufhebens machen konnten und brav mitstimmen sollten und ich das als sehr unfair empfunden habe. Ich finde trotzdem die Diskussion darüber gut und wichtig, weil doch viele Abgeordnete, die jetzt ausgeschieden sind aus dem Bundestag, zum Beispiel auch Kevin Kühnert, der frühere SPD-Generalsekretär, in einem großen Artikel, der gerade erschien, ist auch so ein Gefühl von Vergeblichkeit und Wirkungslosigkeit und sowas artikulieren. Ich glaube, das trifft nicht auf alle Politiker gleichermaßen zu. Und ich glaube, es gibt auch sehr viele, die eine sehr große Wirkmächtigkeit empfinden, auch aus der Opposition heraus übrigens. Aber trotzdem werfen diese Befunde und diese Tatsache, dass da so gehadert wird mit dem Amt, schon auch die Frage eben auf, wie man das ändern kann, wie man die Möglichkeiten schaffen kann, dass einzelne Politiker nicht so das Gefühl haben, sie müssen sich andauernd komplett verbiegen. Denn wir haben ja eine Vertrauenskrise in der Demokratie. Wir haben irgendwie eine steigende Lücke zwischen Bürgern und ihren gewählten Vertretern. Und insofern muss man sich schon so ein bisschen auf die Suche machen, was passieren muss, damit die Glaubwürdigkeit steigt.

Sprecher 2: Du hast das neue Kabinett angesprochen. Da sind einige neue Gesichter dabei, Elisabeth. Auch viele ohne Regierungserfahrung. Ist das gut für die Demokratie, dieser Wechsel? Auch zwischen Wirtschaft und Politik? Oder ist das für die großen Herausforderungen, die jetzt anstehen, ein Problem?

Sprecher 8: Also ich bin eigentlich ein Fan davon, dass auch Personen, die nicht so klassische Parteikarrieren hinter sich haben, die Chance haben, wichtige Positionen zu bekommen. Also in Helmut Kohls Zeiten sicher nicht vorbildlich in jeder Hinsicht, aber haben Personen wie Klaus Töpfer oder Rita Süßmuth oder so, glaube ich, sehr auch zu einer Durchlässigkeit der Politik und zur Glaubwürdigkeit von Parteien so beigetragen. Ich finde es eigentlich gut, wenn es so auch untypische Besetzungen gibt. nicht die Usual Suspects sich immer durchsetzen. Gleichzeitig sehe ich auch kritisch, wenn zu viele Gesetze der Vorgängerregierung immer wieder revidiert werden. Also so alles auf Null stellen, glaube ich, ist auch nicht gut. Dann verwendet man auch unglaublich viel Zeit und Energie, einfach erstmal die Gesetze der Vorgänger zu korrigieren. Und es gibt genug zu tun bei den Sachen, die man wirklich neu anfassen kann und ändern kann. So ein gemeinsames Lieblingsthema ist ja so Modernisierung des Staates und so. Also allein damit hätte die neue Regierung mehr als genug zu tun und muss dann nicht alles rückabwickeln, glaube ich.

Sprecher 2: Ja, einerseits Elisabeth und andererseits sagt man ja in Amerika, Elections matter. Also das bedeutet, Wahlen müssen einen Unterschied machen. Man kann nicht einfach genauso weitermachen, sondern für die Demokratie ist es auch wichtig, dass die Menschen das Gefühl haben, eine Wahlentscheidung, gerade wenn eine Regierung abgewählt wurde, bedeutet auch, dass es eine andere Politik gibt, die auch von anderen Menschen gemacht wird. Ist da nicht auch was dran, weil ja tatsächlich auch dieses Ohnmachtsgefühl grassiert, dieser Eindruck, dass der Handlungsspielraum von Politik sowieso total eng geworden ist und insofern es gar keinen Unterschied macht, wen man wählt und ob man wählt.

Sprecher 8: Ich glaube, das Wählervotum ist nicht so eindeutig, wie du das sagst. Es gibt bestimmt viele, die sagen, alles ganz anders und uns stinkt das hier. Und es gibt ja auch ganz viele Wähler, die sich Kontinuität wünschen. Also was hat Olaf Scholz seinerzeit ins Amt befördert, dass er Angela Merkel fast kopiert hat und den Leuten irgendwie auch suggeriert hat, es wird nicht alles anders und ich stehe für Stabilität. Und Friedrich Merz ist ja nun wirklich auch lange dabei. Und ob der nicht auch von dem einen oder anderen gewählt worden ist als vertrautes Gesicht und nicht als jemand, der jetzt alles auf Null stellt, sollte man vielleicht mal sich genau angucken und untersuchen. Wenn das Wählervotum so eindeutig wäre, wie du sagst, dann wäre ich dabei. Aber ich glaube, es gibt auch eine große Sehnsucht nach Stabilität in der Bevölkerung, gerade jetzt.

Sprecher 2: Gerade jetzt, da hast du sicherlich auch recht. Also wir sind gespannt auf die Kanzlerwahl, ob die knappe Mehrheit dann reichen wird. Meine vorsichtige Prognose ist ja, weil am Ende alle auch diszipliniert sein werden. Vielen Dank, Elisabeth, dass du heute bei uns warst.

Sprecher 8: Gerne. Tschüss.

Sprecher 3: Elina, war noch was?

Sprecher 2: Michael, es ist richtig schön heiß. Das liebe ich ja sehr, wenn nicht nur der Frühling so ist, dass man immer noch eine Jacke mitnehmen muss, sondern wenn es so warm ist, dass man sich darauf verlassen kann, auch abends spät im T-Shirt nach Hause zu fahren. Und trotzdem hat die schöne Hitze auch eine Kehrseite und die heißt Trockenheit. Bis zu 75 Prozent weniger Wasser könnte die Spree im Sommer führen. Michael, das ist nicht nur schlimm für dich als Bootsbesitzer, sondern natürlich insbesondere für die Fische, für die Natur und für die Flatzen.

Sprecher 3: Ja, die Trockenheit ist das eine. Das Ende des Kohleabbaus ist ein anderer Grund, denn es kommt weniger Grundwasser in die Flüsse aus diesem Abbaugebiet, das eben zurückgeht. Also das sind auch noch zwei Gründe. Die TU übrigens hier in Berlin, da gibt es jetzt Forscher, die überlegen, wie man künstlich Grundwasser anreichern kann, indem man Regen abfängt in großen Starkregentagen und sie dann in unterirdischen Tanks deponiert und so künstlich den Grundwasserpegel hochbringt. Also da gibt es viele Ideen, denn das Wasser ist nun mal das Lebenselement Nummer eins.

Sprecher 2: Also unsere Idee fürs Wochenende, Wasser nur in der Natur laufen lassen. Und damit wünschen wir Ihnen alles Gute. Kommen Sie gut durch dieses Wochenende. Bis Montag.

Sprecher 3: Ciao, ciao.

Sprecher 9: Please stick to the rules. At all but I think you're Chasing waterfalls.