Der Kampf um die Zustimmung der SPD-Basis
Dauer: 26:06

Der Kampf um die Zustimmung der SPD-Basis

Die SPD-Mitglieder stimmen über den Koalitionsvertrag mit der Union ab – an der Basis regt sich deutlicher Widerstand. Juso-Chef Philipp Türmer und die parlamentarische Linke kritisieren das Verhandlungsergebnis – ihnen fehlen zentrale sozialdemokratische Forderungen.


In den USA gerät die Freiheit der Forschung zunehmend unter politischen Einfluss – auch Europa ist alarmiert. Patrizia Nanz vom Europäischen Hochschulinstitut erklärt, warum Wissenschaft selbst zur Vertrauenskrise beiträgt. Sie fordert ein neues Verständnis wissenschaftlicher Verantwortung in der Gesellschaft.


Microsofts Deutschlandchefin Agnes Heftberger spricht mit Michael Bröcker über die Digitalstrategie der künftigen Regierung und das neue Digitalministerium. Rechenzentren und KI-Infrastruktur – kann Deutschland den Rückstand aufholen? Heftberger sieht hier eine „Jahrhundertchance“. Deutschland habe einen „echten Innovationsmuskel über viele Jahrzehnte aufgebaut, vielleicht sogar über Jahrhunderte.“



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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Die SPD soll nun entscheiden, ob sie in die Koalition eintritt mit der Union oder nicht. Seit gestern stimmen die SPD-Mitglieder über den Koalitionsvertrag ab und die Stimmung ist angespannt, denn es gibt durchaus Kritik der Basis am Verhandlungsergebnis. Scheitert die Koalition an dieser Abstimmung wirklich? Darüber spreche ich mit unserem SPD-Korrespondenten aus dem Berlin-Table, Horand Knau. In den Vereinigten Staaten gerät die Freiheit der Wissenschaft durch die Politik immer weiter unter Druck. Und auch hier in Europa wächst die Sorge vor politischer Einflussnahme. Was müssen und können die Universitäten tun, um ihre eigene Freiheit zu schützen? Darüber spreche ich mit der Präsidentin des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz, Patricia Nanz. Die Zukunft wird immer digitaler und wer mithalten will, muss auf dem neuesten Stand der Technik sein. Und genau da hakt es in Deutschland seit Jahren. Dieses Problem wollen Union und SPD endlich angehen und die Digitalisierung voranbringen. So jedenfalls steht es im Koalitionsvertrag. Was hält die Wirtschaft eigentlich von diesen schwarz-roten Ideen? Wir fragen nach bei Agnes Heftberger, der Deutschlandchefin von Microsoft. Heute ist Mittwoch, der 16. April. Schön, dass Sie dabei sind. Ja, der Koalitionsvertrag liegt auf dem Tisch, aber es braucht ja noch die Zustimmung von den Parteien, von SPD und Union. Und besonders interessant ist das bei der SPD, denn dort werden die Mitglieder befragt. Bis zum 29. April können sie noch ihr Kreuz machen für ein Ja oder für ein Nein zu dem Koalitionsvertrag. Und in der SPD, wie könnte es anders sein, gab es jetzt schon Kritik am Koalitionsvertrag, einiges Rumoren. Der Chef der Jusos, Philipp Thürmer, hat schon gesagt, dass er nicht zustimmen würde. Und Wiebke Ester. Die Chefin der Parlamentarischen Linken hat gesagt, wo sie ihr Kreuz macht, wisse sie noch gar nicht so ganz genau. Was bedeutet das eigentlich? Wie ernst muss man das nehmen, dass sich die Jusos und Teile der Partei Linken so äußern? Ist der Koalitionsvertrag wirklich in Gefahr oder will sich da nur der eine oder die andere profilieren? Darüber will ich jetzt sprechen mit Horan Knaup, unser SPD-Experte vom Berlin Table. Hallo Horan, schön, dass du da bist.

Sprecher 3: Hallo Helene.

Sprecher 2: Ja, was stört denn jetzt die Kritiker, insbesondere die Jusos, an dem Koalitionsvertrag? Oder ist das auch ein bisschen Folklore? Als Juso ist man halt dagegen.

Sprecher 3: Ganz überraschend kommt es nicht. Die Jusos haben sich auch bei den letzten zwei großen Koalitionen sehr schwer getan mit einer Zustimmung. Im Gegenteil, sie haben zur Ablehnung geraten. Die Jusos verstehen sich als... als kritische Masse innerhalb der SPD. Jetzt kommt hier dazu, dass dieser Koalitionsvertrag auch für Nicht-Jusos, für viele Genossen einiges an Zumutungen enthält. Also die ganze Gerechtigkeitsfrage aus sozialdemokratischer Sicht, aus purer sozialdemokratischer Sicht ist nicht beantwortet. Die Vermögensteuer, die Erbschaftssteuer, mit der die SPD ja Wahlkampf gemacht hat. Kommt nicht vor, das hat die Union erfolgreich abgelehnt, die reichen Steuern nicht. Der Mindestlohn wird jetzt schon infrage gestellt. Die Taurus-Frage taucht unvermittelt wieder auf.

Sprecher 2: Ja, es müssen ja nicht alle zustimmen, sondern nur gut die Hälfte. Das ist sicherlich richtig. Und dass die SPD sich da schwerer tut als die Union, das liegt sicherlich nicht nur an den Inhalten des Koalitionsvertrags, sondern auch als Selbstverständnis, eben Selbstverständnis als Programmpartei und eben gerade nicht als Kanzlerwahlverein oder in dem Fall müsste man sagen Vizekanzlerwahlverein. Das muss die SPD immer betonen. Es geht ihr um Inhalte und trotzdem, Horan, am Ende wird es doch darauf hinauslaufen, dass eine Mehrheit zustimmt. Oder ist das jetzt ernsthaft in Gefahr?

Sprecher 3: Naja, ich würde die Hand nicht ins Feuer legen. Ich gehe davon aus, dass es eine Zustimmung gibt, jetzt mein ganz persönlicher Tipp, zwischen 50 und 60 Prozent oder vielleicht auch ganz knapp darüber. Aber es würde mich auch nicht überraschen, wenn es am Ende schief geht, denn an der Basis in den... Ortsverein in den Unterbezirken, da grummelt es. schon für eine Annahme spricht, dass die Mehrheit der Mitglieder fast im Seniorenalter ist, also deutlich über 50 und die dann doch nochmal ein anderes Verantwortungsbewusstsein mitbringen als Jusos, Jungsozialisten oder jüngere Sozialdemokraten und vielleicht das große Ganze versuchen eher in den Blick zu nehmen, auch außenpolitische Fragen, die Verantwortung für Europa. Lars Klingbeil und auch Saskia Esken haben ja versucht, diese Dinge auch in den Vordergrund zu rücken bei ihrer Begründung.

Sprecher 2: Ja, die Verantwortung für das große Ganze. Damit wurde die SPD ja nun schon mehrfach in eine Koalition, so kann man das sagen, gezwungen oder auch überredet, dass man es nicht riskieren könne, nicht zu regieren, weil das Land dann in eine große Krise schlittert. Das war ja auch nach der Wahl 2017 so. Und trotzdem, Morad, ist ja die Frage, ist das eigentlich gut für die SPD? Mir sagte ein Sozialdemokrat kurz vor der Wahl, der nicht mehr kandidiert hatte, die SPD sei sowohl personell als auch inhaltlich ausgezehrt und bräuchte eigentlich dringend eine Phase, um sich zu regenerieren, um sich wieder selber zu finden. Wie siehst du das?

Sprecher 3: Der Mann, ich unterstelle mal, es war ein Genosse, hat aus meiner Sicht nicht Unrecht. Auch diese 16 Prozent sprechen ja jetzt bei der letzten Bundestagswahl sprechen ja eine deutliche Sprache. 16,4 Prozent waren es genau. Minus 9. Die SPD muss... Auf Neudeutsch muss sich neu erfinden. Ich bei der Konferenz in Hannover. Doch auffällig. Es war sehr rational, sehr nüchtern. Es wurde an die Verantwortung appelliert. Wir waren unter Druck. Die Union ist zu vielem nicht bereit. Wir müssen Kompromisse schließen. Also ich formuliere mal anders. Die SPD ist immer dann stark und war dann stark, wenn sie einen Hoffnungsüberschuss generieren kann. Wenn sie so einen Perspektivüberschuss entwickeln kann und auch transportieren kann. Und das fehlt im Moment komplett. Da müssen sich die Parteiführenden doch was einfallen lassen aus meiner Sicht. Da spielt immer auch das Gefühlsmoment eine Rolle. Und das muss bedient werden.

Sprecher 2: Über eine Frau müssen wir noch reden, Horan, nämlich über Saskia Esken, die wir übrigens sehr herzlich in diesem Podcast schon eingeladen haben und hoffen sehr, dass sie bald kommen wird. Sie ist ja in der SPD nicht ganz unumstritten und die Frage ist, was eigentlich aus ihr wird. Kandidiert sie nochmal als Parteivorsitzende, geht sie ins Kabinett oder wie ja auch manche sagen, sie fällt einfach ins Leere und muss damit dann die Rechnung begleichen, die dieses schlechte Wahlergebnis bedeutet, was dann wiederum die Frage aufwirft, warum ist eigentlich Lars Kling, weil der ja Co-Vorsitzender war die vergangenen Jahre, so gar nicht dafür verantwortlich, sondern der neue starke Mann in der Partei. Wie siehst du die Stimmungslage in der SPD? Wie viele Truppen hat Saskia Esken eigentlich? Und wenn du heute wetten müsstest, was würdest du glauben, was aus ihr wird?

Sprecher 3: Ganz schwierig, wetten tue ich ohnehin. Aber es ist mit das größte Dilemma von Lars Klingbeil, für Lars Klingbeil, neben dem Koalitionsvertrag, also den über die Rampe zu bringen. Was macht er mit Saskia Esken? Sie will nicht zurückziehen. Sie hat sich bisher nicht erklärt, ob sie nochmal kandidiert. Kandidieren will Ende Juni beim Parteitag. Sie hat viele Gegner, viele Kritiker, Kritikerinnen, bis hin ganz prominent Manuela Schwesig, die sie eigentlich, wie soll ich sagen, nicht mehr in dieser Position sehen wollen. Eine Option könnte sein, dass Lars Klingbeil sie mit ins Kabinett nimmt, aber auch das käme in der Partei nicht unbedingt gut an. Andererseits, du hast es intoniert, dass Lars Klingbeil möglicherweise Vizekanzler wird, Parteivorsitzender bleibt und Saskia Esken fällt ins Bergfreie. Das würde ihm wiederum auf die Füße fallen. Also wie er sich aus dieser Zwickmühle rausmanövriert, da fehlt mir im Moment nichts dazu ein.

Sprecher 2: Horan, wir müssen aber auch über die CDU sprechen. Die ist insgesamt etwas disziplinierter, schon von ihrem ganzen Habitus her. Und trotzdem gibt es natürlich auch da an der Basis Unzufriedenheit. Einerseits mit dem Sondervermögen, andererseits mit einigen Passagen im Koalitionsvertrag. Die vielen Konservativen nicht weit genug gehen, wo sie das Gefühl haben, Friedrich Merz habe nicht gut genug verhandelt. Also auch alles nicht so einfach, aber dass die CDU zustimmen wird, die ja ihre Mitglieder nicht befragt, das scheint sicher. Interessant sind dort jetzt... Die ersten Personalien, von denen wir erfahren haben, dazu gehört Carsten Linnemann, der Generalsekretär, von dem viele gedacht haben, er würde ins Kabinett gehen und vielleicht Wirtschaftsminister werden, hat jetzt gesagt, er geht nicht ins Kabinett, er will doch Generalsekretär bleiben. Horand, ihr habt im Berlin Table geschrieben, das könnte ein ganz cleverer Move sein. Erinnert an Annegret Kramp-Karrenbauer, die auch damals gesagt hat, sie geht nicht ins Kabinett Merkel. Sondern bleibt in der Partei. Was meinst du, was ist das Kalkül von Carsten Linnemann?

Sprecher 3: Ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass er diese ganze Phase der Regierungsbildung, Koalitionsvertrag, Findung, Vereinbarung, Kompromisse, du hast es gesagt, jetzt Kabinettsaufstellung, dass er das doch mit einer gewissen Skepsis begleitet. Und das im Schwant, das wird eine ganz schwierige Geschichte. Dass der Posten des Generalsekretärs in der Situation der sicherere ist. Es könnte auch sein, es war ja die Rede davon, dass das Wirtschaftsminister durch den Arbeitsteil aus dem Arbeits- und Sozialministerium angereichert wird. Das ist nicht der Fall, dass ihn doch enttäuscht hat und er auch deswegen jetzt nicht mehr Teil der Exekutive sein will. Also er hat sich nicht richtig erklärt bisher. Ich vermute aber die Skepsis, wie sich das alles... es zusammenfindet, teilweise zusammenwürfelt, dass ihn das doch zurückziehen lässt.

Sprecher 2: Interessant ist ja diese Entscheidung auch deshalb, weil es ja auch nicht ausgemacht ist, dass Carsten Linnemann nun Generalsekretär bleibt. Es gibt ja noch einen anderen ganz wichtigen Posten für die Union und das ist der Fraktionsvorsitz. Wer den kriegen soll, ist bislang natürlich noch offen, wie alle anderen Personalfragen auch, mal abgesehen vom Kanzleramt. Aber im Gespräch war ja durchaus Jens Spahn, der, so haben manche gemutmaßt oder auch gefürchtet, dass er dort in der Fraktion eine eigene Machtbasis aufbauen könnte und vielleicht dann auch gar nicht so unendlich loyal zum Kanzler sein könnte, sondern seine eigene Karriere, seinen eigenen Angriff auf das Kanzleramt vorbereitet. Jetzt auch nicht ausgeschlossen, dass Carsten Linnemann diesen Job nimmt und dann stattdessen Jens Spahn ins Kabinett geht und sich damit eben auch der Kabinettsdisziplin unterwirft.

Sprecher 3: Ja, du hast völlig recht. Ich bin auch nicht sicher, ob Carsten Lindemann am Ende Generalsekretär bleibt. Es ist bei der Union wie bei der SPD, die Personalien werden sehr diskret gehandhabt und ich finde das gar nicht so schlecht.

Sprecher 2: Ja, das ist hier alles noch im Bereich der Spekulation, abgesehen von den kleinen Dingen, die sich jetzt rauskristallisieren. Carsten Linnemann wird nicht Minister. Um die besten Ergebnisse zu erzielen, müssen Wissenschaftler frei sein von politischer Einflussnahme und in ihren Fachgebieten forschen können. Das ist bisher eine der wichtigsten Voraussetzungen der freien Welt. In den USA steht dieser Grundsatz gerade unter Druck. Donald Trump und seine Administration ändern die Spielregeln und wer nicht in das Konzept passt, muss mit Konsequenzen rechnen, zum Beispiel, dass Fördergelder gestrichen werden. Auch in Europa müssen wir bei diesem Thema sehr aufpassen und wachsam sein. Die Wissenschaft in Europa hat aber noch ein anderes Problem. Ihre Glaubwürdigkeit ist nicht mehr so unangefochten wie in den vergangenen Jahren. Das Vertrauen in Wissenschaft ist gesunken. Diese Entwicklung hat sich in der Pandemie beschleunigt, aber es geht auch um ein grundsätzliches Phänomen, dass in rechtspopulistischen Kreisen ein anti-elitärer, wissenschaftsfeindlicher Diskurs gepflegt wird. Über die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft habe ich mit Patricia Nanz gesprochen, der Präsidentin des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz. Und sie hat die interessante These, dass die Forscherinnen und Forscher an dieser Entwicklung zum Teil selber schuld sind.

Sprecher 4: Also ich glaube, dass Wissenschaft unter Druck geraten ist und auch an Glaubwürdigkeit in der Tat verloren hat in der Bevölkerung. Und ich glaube, dass sie auch mitverantwortlich ist. Das heißt, man muss sich fragen, welchen Stellenwert hat Exzellenz heute? hat sich Exzellenz zu Relevanz und das heißt im Umkehrschluss sozusagen Wissenschaftsfreiheit auch wofür. Das ist nicht nur eine Freiheit von, sondern eine Freiheit für etwas, für eine gewisse Verantwortung auch der Gesellschaft gegenüber. Also sie ist nicht einfach nur in Troben den Problemen. Diese Balance klug auszubaldowern und sich auch selber die Frage zu stellen, was sind die Prinzipien, unter denen wir frei sein wollen, das ist für mich auch eine Frage von Reflexivität. Für mich sind Universitäten eigentlich sozusagen reflexive Gemeinschaften. Das heißt, sie denken darüber nach, wie sie zusammen nachdenken wollen und worüber und welche Verantwortung sie auch tragen für die Gesellschaft. Es ist nicht einfach nur eine Freiheit, die bedeuten würde, man hat keine Verpflichtungen. Es ist keine Neutralität, sondern eher eine Frage von Verantwortung.

Sprecher 2: Ich habe mit Frau Nanz auch darüber gesprochen, ob Europa ein neues Narrativ braucht, eine neue Begründung, ob die Überwindung des Zweiten Weltkriegs heute noch ausreichend ist, um auch eine Faszination für Europa zu generieren. Wir haben außerdem darüber diskutiert, warum Ergebnisse aus der Wissenschaft es so schwer haben, in der Politik gehört und eingebunden zu werden. Ein sehr spannendes Gespräch, wie ich finde. Sie können es in unserem Research Table nachlesen, für den Sie sich kostenlos registrieren können und den Sie auch einen Monat lang kostenlos lesen können. Probieren Sie es doch mal aus. Ich kann es Ihnen nur ans Herz legen. KI gehört die Zukunft und wer KI verwenden will, braucht eine entsprechende Infrastruktur. Dass Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinkt, ist nun leider kein Geheimnis. Doch mit der neuen schwarz-roten Regierung soll, so jedenfalls das Versprechen, dieses Problem endlich gelöst werden. Ein eigenes Ministerium soll dafür sorgen, dass die Digitalisierung nicht mehr irgendein nerviges Randthema ist, sondern in der Prioritätenliste ganz weit oben. Ist das jetzt wirklich der lang ersehnte Durchbruch und kann Deutschland damit zur Weltspitze aufschließen? Lohnt es sich überhaupt für die ganz großen KI-Player in Deutschland zu investieren? Das wollte Michael Brücker von der Deutschland-Chefin von Microsoft, Agnes Heftberger, wissen.

Sprecher 5: Einen schönen guten Tag, Frau Heftberger.

Sprecher 6: Guten Tag, hallo.

Sprecher 5: Frau Heftberger, der Koalitionsvertrag verspricht eine digitalpolitische Offensive. Erkennen Sie die wirklich im Text und wenn ja, wo?

Sprecher 6: Ja, tatsächlich schon. Also ich freue mich ja sehr, dass die Koalitionspartner hier auf der letzten Strecke nicht den Mut verlassen hat und sie sich tatsächlich geeinigt haben, dass jetzt, ich würde fast sagen, endlich ein Digitalministerium kommt. Und ich glaube auch, das ist etwas, was nicht nur eine kurzfristige Perspektive sein sollte. Und so lese ich den Text auch, dass das etwas ist, was wirklich jetzt mal sauber aufgesetzt wird mit klaren Kompetenzen, klarem Budget und auch etwas ist, was uns hoffentlich nicht nur diese Legislaturperiode, sondern auch die nächste begleitet. Braucht es ja auch. Im Text ist das ja auch im Zusammenhang mit Staatsmodernisierung immer wieder erwähnt. Und ich glaube, das ist einfach auch wichtig, dass wir nicht nur ein Digitalministerium als Selbstzweck aufsetzen, sondern eben auch die Digitalisierung der deutschen Bürokratie nach vorne bringen. Und da gibt es viel zu tun und auch einen großen Effekt, den ich mir davon erhoffe.

Sprecher 5: Dann bleiben wir direkt mal beim Digitalministerium. Viele aus der Digitalszene haben es über viele Jahre gefordert. Jetzt kommt es wirklich. Was braucht es an Kompetenz oder auch an Budget, damit es wirklich effizient funktionieren kann?

Sprecher 6: Ich freue mich, dass da jetzt eben einfach alles, was Digitalisierung betrifft, in einer, soll ich sagen, politischen Hand gebündelt wird und dass damit natürlich nicht nur Kompetenzen, sondern idealerweise auch das Budget mit einhergeht und wir damit auch klare, große Schritte machen können und die auch mit einer großen Geschwindigkeit. Und ich glaube, wir müssen uns auch im Klaren sein, Digitalisierungsprojekte, auch wenn sie den ganzen Staat betreffen, sind eben was, Transformationsprojekte. Und dafür braucht es nicht nur die richtige Kompetenz, die richtigen Budgets, sondern auch die richtigen Menschen. Und damit meine ich jetzt gar nicht nur die Spitze des Digitalisierungsministeriums oder Digitalministeriums, sondern einfach auch alle, die daran mitarbeiten. Ich wünsche mir und erhoffe mir, dass das einfach auch Menschen sind, denen Transformationsprojekte, IT-Projekte nicht fremd sind. Wir haben gute Beispiele jetzt schon, wo es in Deutschland eine wirklich große Anzahl von Menschen gibt, die das auch können. Ich schaue mal zum Beispiel auf das BSI, Claudia Plattner, ein großartiges Beispiel. Die Digital Service GmbH etc. Etc. BA fällt mir da ein. Also ich glaube einfach diese Kombination Kompetenzen, Budget und Menschen, die Transformation können, die macht es dann aus.

Sprecher 5: Wir reden vor allem auch über Köpfe. Kanzler Merz, der künftige Kanzler Merz, hat es selbst sehr gewollt, dieses Ministerium. Das ist schon mal gut, dass er selbst offenbar die Digitalisierung vorantreiben will. An anderer Stelle im Koalitionsvertrag denkt man sich ja, das hätte auch schon vor 10, 15 Jahren drinstehen können, zum Beispiel beim Ausbau des schnellen Internets. Das soll jetzt ein überragendes öffentliches Interesse sein. Und Glasfaserausbau sind wir allerdings mit 12 Prozent immer noch auf Platz 36 der OECD-Länder. Kommt manches einfach zu spät, um bei der Entwicklung noch mithalten zu können.

Sprecher 6: Also ich glaube, es gibt noch vieles, was vor uns liegt. Und ich glaube, das ist auch wirklich wichtig, dass wir uns darauf konzentrieren, was wir jetzt gestalten können. Ich spreche immer davon, dass KI die Karten neu mischt und für uns auch neue Chancen eröffnet. Und deswegen freue ich mich auf das auch im Koalitionsvertrag jetzt eben, wenn es um Digitalisierung geht, eben nicht nur Glasfaser da erwähnt wird und nicht nur Funktürme sozusagen in den Köpfen herumschwirren, sondern auch das Thema Deutschland als Land der Rechenzentren auch nochmal unterstrichen wird. Und da sind ja einige Perspektiven total wichtig, weil das Microsoft investieren ja auch. In Deutschland, und zwar unser eigenes Geld, nicht irgendwie durch Subventionen gefördert. Und das auch ganz bewusst und das in einer breiten Basis auch sicherzustellen, durch Zugang zu erneuerbarer Energie, zu leistbaren Preisen, durch Sicherstellung. dass wir die richtigen Menschen auch haben in den Regionen, die wir hier avisieren, dass wir vielleicht auch einen gemeinsamen Blick darauf haben, wo sind die besten Flächen für Rechenzentren, dass wir das Klima und den Ausbau hier in einer guten... Waage halten. Ich glaube, das sind alles Themen, die ganz wichtig sind, um eben was auch für uns nach vorne rauszuholen, für Deutschland rauszuholen. Und einiges aus der Vergangenheit, um auf Ihre eigentliche Frage zurückzukommen, was wir vielleicht verpasst haben, jetzt aufzuholen.

Sprecher 5: Was ist das eigentlich mit diesen Rechenzentren? Auch diese Koalitionäre sagen jetzt, wir müssen die dringend aufbauen. Man kann sich die vielleicht vorstellen als so eine Art Festplatte für eine digitale Gesellschaft. Sie investieren fast drei Milliarden Euro in den kommenden Jahren, auch hier am Standort Deutschland. Wozu brauchen wir diese Größe, diese Rechenzentren und warum in Deutschland?

Sprecher 6: Ich glaube tatsächlich, dass KI für Deutschland eine Jahrhundertchance ist. Die DNA hinter dieser Chance sozusagen, das Herz dahinter ist natürlich auch die Compute Power dafür zur Verfügung zu stellen. Sie haben schon richtig gesagt, wir als Microsoft investieren 3,2 Milliarden in Deutschland. Wir investieren insgesamt über 20 Milliarden in Europa. Und unser Gedanke dahinter ist tatsächlich, die Möglichkeiten, die KI bringt, einfach hier zur Realität werden zu lassen, die Kapazitäten hier im Land zu schaffen. Aber es geht nicht nur um Beton und Server und GPUs, die dann in Rechenzentren... Sondern es geht auch darum, die Menschen zu befähigen. Und deswegen sind die 3,2 Milliarden eben nicht nur für die Rechenzentren, Kapazitäten da, sondern eben auch fürs Killing, wie wir das so schön nennen, für die Befähigung von Menschen, dafür KI-Kompetenzen breit in der Bevölkerung auszubauen. Und wir haben davon gesprochen, dass wir über 1,2 Millionen Menschen mit diesem Investment auch nochmal zusätzlich mit KI-Kompetenzen befähigen wollen. Und da fühle ich mich richtig gut über den Weg, den wir da auch die letzten Monate eingeschlagen haben.

Sprecher 5: Microsoft ist das größte und wertvollste KI-Unternehmen der Welt. Wo sehen Sie Chancen für Deutschland? In welchen Bereichen kann die KI auch bei uns Teil eines neuen Geschäftsmodells werden?

Sprecher 6: Ganz wichtig ist, dass wir schnell und breit in die Anwendung kommen. Ich habe in den letzten Wochen immer wieder davon gesprochen, dass künstliche Intelligenz ja gewissermaßen eine Querschnittstechnologie ist, so wie zum Beispiel auch die Elektrizität oder der Buchdruck. Dampfmaschinen gibt es ja ein paar in der Vergangenheit. Und auch aus dieser Vergangenheit wissen wir, dass diese Arten von Querschnittstechnologien vor allem dort Wertschöpfung erzeugen. Nicht unbedingt dort, wo sie erfunden worden sind, sondern dort, wo sie schnell und breit in die Anwendung kommen, wo gewissermaßen alle Branchen durchdrungen werden, von zum Beispiel KI in unserem Fall, wo Geschäftsprozesse wirklich nochmal neu gedacht werden, wo die Interaktion mit Verbrauchern, die Arbeitswelt von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern neu gedacht wird. Also wenn wir da in die Breite kommen und das auch relativ schnell, ich glaube, dann ist für uns als Deutschland sehr, sehr viel zu holen, denn in der Anwendung liegt die Wertschöpfung für KI und darauf sollten wir uns als Deutschland massiv fokussieren.

Sprecher 5: Das ändert sich. Ich an die ersten Diskussionen, als es um die Digitalisierung ging und alle sich in die Unternehmen Chief Digital Officers reinsetzten, die dann irgendwie singulär das Thema vorantreiben sollten, sie sagen mehr oder weniger, die KI muss in die Köpfe aller Mitarbeiter, aller Unternehmer rein, um eben in der Breite auch wirksam zu werden. Die Frage ist bei uns in Deutschland immer wieder, ob wir diese Mentalität haben oder haben könnten. Sie haben für IBM in Australien gearbeitet, in Südostasien, in Südkorea, Sie waren in Neuseeland und Singapur. Können Sie mal vergleichen mit diesen Ländern, die Sie da kennengelernt haben, wo wir stehen beim Mindset?

Sprecher 6: Ich denke, die Ambition, die haben wir schon in Deutschland. Und ich würde auch nicht nur sehen, dass wir die in den Top-Köpfen haben, bei den Unternehmenslenkern, sondern ich höre immer wieder von Partnern von uns, von Kunden von uns, die sagen, oh Mensch, Agnes, wir haben hier einen KI-Tag gemacht. Da kamen so viele Menschen, so viel mehr, als wir gedacht haben. Ich würde sagen, die Neugier, die wir schon haben in Deutschland, wir haben ja auch echten Innovationsmuskel über viele Jahrzehnte aufgebaut, vielleicht sogar Jahrhunderte. Diese Neugier zu fördern, den Menschen die Möglichkeit zu geben, mit der Technologie in Kontakt zu treten, Vertrauen aufzubauen, dass es die richtigen Guardrails, die richtigen Richtlinien gibt, um das verantwortungsvoll auch zu nutzen. Ich glaube, darin, aus diesem Dreiklang gewissermaßen, entsteht dann auch wirklich der Zauber, der Zauber an Innovation, der Zauber, den KI entfalten kann.

Sprecher 5: Frau Heftberger, dann sind wir gespannt, wie die Digitalisierungsoffensive in Deutschland wirklich in die Anwendung kommt, wie sie so schön ist. Und welche Rolle Microsoft dabei spielen kann. Vielen Dank für dieses Gespräch.

Sprecher 2: Vielen herzlichen Dank. Mehr und mehr Menschen haben offenbar das Gefühl, sie müssten Donald Trump persönlich zeigen, wo der Hammer hängt. In einer YouGov-Umfrage sagten 53 Prozent von über 2000 Befragten in Deutschland, sie wollten bestimmt nicht oder wahrscheinlich nicht US-Produkte kaufen. Und wer es nicht nur bei diesem Vorsatz belassen will, sondern wirklich Alternativen sucht, es gibt eine private Kampagne mit dem Namen Buy European, die immer mehr Zulauf bekommt. Auf der Website goeuropean.org findet man europäische Alternativen zu amerikanischen Marken. In Dänemark kennzeichnen Supermärkte bereits alle Produkte aus Europa. Das ist vielleicht dort noch weniger verwunderlich, denn dort kämpft man nicht nur gegen die Strafzölle, sondern auch gegen Trumps Vorschlag, Grönland zu kaufen. Bei aller Kritik an der amerikanischen Politik dieser Tage muss ich doch sagen, ich sehe solche Reflexe äußerst kritisch. Protektionismus bringt uns nicht weiter, weder in Amerika noch in Europa. Brechen wir doch gemeinsam aus und damit wünsche ich Ihnen einen schönen Tag und freue mich, wenn Sie morgen wieder dabei sind am Gründonnerstag. Bis dahin, tschüss.

Sprecher 7: I want to break free. I want to break free from your lies. You're so self-satisfied. I don't need you. I've got to break free. God knows, God knows I want to break free. Got to break free.