Kann Zement grün werden, Herr von Achten?
Dauer: 20:29

Kann Zement grün werden, Herr von Achten?

Dr. Dominik von Achten, CEO von Heidelberg Materials, spricht mit Michael Bröcker über klimafreundliche Zementproduktion. Sein Unternehmen, das im DAX den höchsten CO₂-Ausstoß verzeichnet, setzt auf Carbon Capture and Storage (CCS), um Emissionen zu reduzieren. „Absolut kann Zement grün werden, zwar nicht von der Farbe, aber von seinem CO₂-Fußabdruck.“, sagt von Achten. Mit neuen Produkten soll Klimaneutralität erreicht werden.

Von Achten fordert Maßnahmen zur Senkung der Energiekosten und einen stärkeren Fokus auf Klimaschutzverträge sowie grüne Leitmärkte. Den Standort Deutschland gibt von Achten nicht auf: „In jedem Gegenwind liegt auch eine unheimliche Chance.“

Von Achten spricht von einer entscheidenden Phase: „Für uns ist das eine spannende Kreuzung in die Zukunft.“ Er fordert schnellere politische Entscheidungen und weniger Bürokratie, um den Standort Deutschland wieder wettbewerbsfähig zu machen.


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Transkript

Sprecher 1: Table Today Spezial. Die Transformationsagenda. In Kooperation mit der Stiftung Klimawirtschaft.

Sprecher 2: Klimaschutz und trotzdem den wirtschaftlichen Wohlstand erhalten, wie geht das eigentlich? Das ist die vielleicht wichtigste Frage in dieser Gesellschaft und deswegen befassen wir uns hier bei Table Today an diesem Sonntag und den nächsten beiden Sonntagen zusammen mit der Stiftung Klimawirtschaft mit diesem großen Transformationsthema. Hintergrund ist eine aktuelle Initiative von 50 Unternehmen in Deutschland, die gesagt haben, ja, wir wollen klimaneutral werden und ja, wir schaffen das. Darunter sind Unternehmen wie der Immobilienunternehmer Goldbeck, aber genauso Aldi, Strabag, Flixbus oder der DAX-Konzern Heidelberg Materials. Er ist der Konzern in Deutschland im deutschen DAX mit dem höchsten CO2-Ausstoß. Bei der Produktion von Zement, einem Baustoff, der natürlich genutzt wird wie kaum ein anderer, entsteht CO2 alleine schon prozessbedingt in der Herstellung, also unvermeidbar. Wie kann ein solches Unternehmen grün werden? Geht Klimaneutralität auch bei der Zementproduktion? Das wollten wir von dem CEO des DAX-Konzerns Heidelberg Materials wissen, Dominik von Achten. Er ist heute bei uns der erste Gesprächspartner in dieser kurzen Reihe zur Transformationsagenda. Viel Vergnügen. Einen schönen guten Tag, Herr von Achten.

Sprecher 3: Herr Bröcker, guten Morgen.

Sprecher 2: Darf ich mit einer naiven Frage mal beginnen, lieber Herr von Achten? Kann Zement eigentlich grün werden?

Sprecher 3: Absolut kann Zement grün werden. Zwar nicht von der Farbe, aber von seinem CO2-Fußabdruck, indem man CO2 einfängt und praktisch damit die Produktion klimaneutral setzt.

Sprecher 2: Also am Ende ist es das Verfahren CCS, wie Sie Ihre Produktion und Ihr Unternehmen klimaneutral machen könnten?

Sprecher 3: Das ist der Weg, um praktisch auf Net Zero zu kommen, genau, um den gesamten CO2, der in der Produktion entsteht, der ja prozessbedingt ist, aus dem Prozess rauszunehmen und dann das CO2 einzulagern. Richtig, das ist eine und zwar die deutlichste Variante. Es gibt dazwischen dann einen ganzen Rattenschwanz von unterschiedlichen Möglichkeiten, einen geringeren CO2-Fußabdruck zu kreieren für das Produkt. Aber auf Netto Null runterzukommen, ist CCS oder auch CCU die einzige Möglichkeit.

Sprecher 2: Wenn man als Laie auf Ihr Produkt schaut, würde man sagen, naja, das ist wohl das energieintensive Unternehmen par excellence. Beton wird hergestellt aus einer Mischung von Zement und Wasser und Sand und in der Produktion ist es sehr energieintensiv. Wie gut sind Sie durch diese Energiekrise gekommen?

Sprecher 3: Wir haben da schon zu kämpfen gehabt, denn klar ist, wir sind energieintensiv. Wir haben dann intensiv an unseren eigenen Prozessen arbeiten müssen, aber natürlich auch einen anderen Preispunkt für das Produkt kreieren müssen, weil einfach da strukturell die Kosten nach oben gegangen sind. Deshalb haben wir schnell reagiert. Die Mannschaft hat da... einen tollen Job gemacht, gemeinsam mit unseren Kunden. Und deswegen sind wir insgesamt gut durch die Krise gekommen.

Sprecher 2: Können Sie mal uns, normalo Zuhörern, ein Beispiel geben, wie hoch die Energiekosten, der Energiekostenanteil vielleicht am Umsatz oder bei einem typischen Produktionsprozess ist?

Sprecher 3: Können Sie an unserer Bilanz erkennen, wir machen etwa 21 Milliarden Umsatz und unsere Energiekosten sind im Moment etwas oberhalb von 3 Milliarden. Also daran sehen Sie schon, dass da 15 Prozent Energiekosten drin sind. In der Energiekrise sind die auf 4 Milliarden nach oben geschnellt, knapp 4 Milliarden nach oben geschnellt. Insofern sehen Sie auch, was das dann für unsere Kostenstruktur bedeutet.

Sprecher 2: Sie sind der weltweit zweitgrößte Zementhersteller an der Börse. Glaubt man offenbar woran? An das grüne Wunder oder an den Aufbau der Schwellenländer? In den letzten sechs Monaten ist Ihre Aktie um 84 Prozent gestiegen. Was sehen die Investoren in Ihnen?

Sprecher 3: Das müssen Sie dann auch die Investoren fragen. Aber ich gehe mal davon aus, dass die Investoren zunächst sehen, dass die gesamte Mannschaft unserer 50.000 Leute weltweit einen prima Job macht. Freut mich auch für das Team. Das ist ja immer für börsennotierte Unternehmen auch ein Datenpunkt, an dem die Leistung gemessen wird. Insofern freut es mich fürs Team. Aber in der Tat ist es natürlich die Kombination aus einer sehr ambitionierten Nachhaltigkeitsagenda und im Übrigen nicht nur der CO2-Reduktion, sondern auch der Zirkularität der Produkte. Da kommen wir vielleicht später nochmal drauf. Aber auch einer guten Digitalagenda, die letztendlich die Hebel, miteinander kombiniert, was Nachhaltigkeit und Digitalisierung angeht und uns damit als Unternehmen super positioniert für die nächsten 150 Jahre, denn wir sind ja im letzten Jahr gerade 150 Jahre geworden.

Sprecher 2: Ein stolzes Familienunternehmen in mehr als 50 Ländern aktiv, 3000 Standorte. Wo wachsen Sie gerade besonders?

Sprecher 3: Also wir wachsen vor allen Dingen in den USA. Im letzten Jahr 2024 ist unser Ergebnis in den USA um knapp 25 Prozent nach oben gegangen. In einer Kombination aus organischem Wachstum, aber vor allen Dingen auch Akquisitionen. Aber wir wachsen auch in einzelnen ausgesuchten Märkten, die wir für uns als Schwerpunktmärkte definiert haben, wie zum Beispiel Tansania, Marokko, auch Indonesien. Also wir sind ein global aufgestelltes Unternehmen mit einem leichten Schwerpunkt des Wachstums im Moment in Nordamerika.

Sprecher 2: Wir haben in den letzten Monaten vor allem im Wahlkampf erlebt, dass die Debatte darum ging, dass große Unternehmen, Traditionsunternehmen ihre Investitionen zusehends aus Deutschland heraus in neue Märkte leiten. Ist das bei Ihnen auch der Fall? Wo investieren Sie?

Sprecher 3: Also zunächst mal ist es für uns wichtig zu verstehen, dass wir in Deutschland in den letzten acht Jahren etwa fast 350 Millionen Euro investiert haben. Also es ist nicht so, dass wir in Deutschland nicht investiert haben, aber wir investieren natürlich auch in anderen europäischen Ländern. Aber wir investieren auch, wie ich es eben angedeutet habe, in Nordamerika und zwar nicht nur in Akquisitionen, sondern auch in die Erneuerung und Ertüchtigung unserer bestehenden Anlagen und dann auch in ausgesuchten Schwellenmärkten, den sogenannten Emerging Markets.

Sprecher 2: Stimmt es, dass Sie die größte Einzelförderung im amerikanischen IRA-Programm bekommen haben, also die größte Einzelförderung für ein einzelnes Unternehmen?

Sprecher 3: Herr Brücker, ich kann Ihnen nicht ganz genau sagen, ob es für alle Industrieunternehmen gilt, aber für unsere Branche ist das so. 500 Millionen US-Dollar für den Umbau unseres Werkes in Mitchell, Indiana, wo wir auch Carbon Capture und Storage machen wollen.

Sprecher 2: Wüssten Sie dann nicht hier in Deutschland eigentlich in den vergangenen Jahren viel mehr Druck auch auf die Politik, auch auf die Grünen gemacht haben, dass diese CCS-Technologien in Deutschland auch angewandt wird?

Sprecher 3: Also wir haben da keinen Druck gemacht, sondern wir haben sehr konstruktiv mit der jetzt zu Ende gehenden Regierung das Thema diskutiert. Und es gibt ja einen Gesetzentwurf, der im Grunde fertig ist, der auch unter Mitwirkung der alten Bundesregierung, auch unter Mitwirkung der Grünen entstanden ist und den wir sehr stark befürworten. Und insofern hoffen wir sehr, dass die neue Regierung, sobald wir eine haben, diesen Gesetzentwurf dann auch durchwirkt. Denn ohne Carbon Capture und Storage, also CO2-Abscheidung, wird die Klimaneutralität der energieintensiven Industrie in Deutschland nicht funktionieren.

Sprecher 2: Das steht tatsächlich nicht drin im Sondierungspapier von Union und SPD, aber dafür stehen doch einige Maßnahmen zur Entlastung der energieintensiven Industrien und Branchen drin. Sind Sie zufrieden mit dem Paket, was da angekündigt wird?

Sprecher 3: Also zunächst mal ist es ja eine Absichtserklärung und es freut mich zu hören, dass die Verhandlungen schon zum Ziel haben, die in... Energiekosten in Deutschland wieder auf ein wettbewerbsfähiges Niveau in Europa, aber auch weltweit zu bekommen. Und das ist für uns absolut kritisch. Aber Herr Bröker, wie immer, die Ankündigungen sind nett. Entscheidend ist, was dann nachher umgesetzt wird und vor allem, wie schnell es umgesetzt wird.

Sprecher 2: Wie viel teurer produzieren Sie hier in Deutschland im Vergleich zu anderen, auch europäischen oder amerikanischen Märkten?

Sprecher 3: Naja, also wenn Sie jetzt mal nur die Energiekosten nehmen, dann ist es eben so, dass gerade in den letzten Monaten, jetzt ist Winter, aber in den letzten Monaten die Energiekosten wieder über 100 Euro die Megawattstunde geschnellt sind. Und in den USA reden wir über 25, 30 Euro die Megawattstunde, teilweise 35, aber deutlich geringer. Und damit können Sie erkennen, dass wir im Grunde im weltweiten Vergleich in Energiekosten in Deutschland definitiv nicht wettbewerbsfähig sind.

Sprecher 2: Aber Sie sind ja rausgenommen als energieintensive Industrie bei verschiedenen Belastungen. Reicht das nicht? Muss da noch mehr kommen?

Sprecher 3: Das reicht nicht, zumal ja auch diskutiert wird, ob man diese Belastungen teilweise anpasst. Ich bin klar dafür, dass wir insgesamt für den Standort wettbewerbsfähige Energiekosten kreieren, nicht für einzelne Unternehmen, denn es trifft ja letztendlich auf den Mittelstand, der mit diesen Energiekosten zu kämpfen hat. Insofern hoffe ich sehr, dass die neue Regierung da strukturell Dinge verbessert. Die Vorschläge liegen alle auf dem Tisch. Ich denke, es ist machbar. Es muss jetzt nur umgesetzt werden.

Sprecher 2: Für Sie dürfte ja auch der Teil in dem Sondierungspapier interessant gewesen sein zur Bauwirtschaft, zur Ankurbelung der Bauindustrie. Da ist zwar... Von der Mietpreisbremse zunächst mal die Rede, aber dann eben auch von einer Erweiterung des Angebots. Reicht Ihnen das, was da passiert? Sehen Sie irgendwo einen Silberstreif am Horizont der da niederliegenden Bauindustrie?

Sprecher 3: Ja, das sehe ich und zwar vor allen Dingen auch in der Dimension der Infrastruktur. Die ist ja dort diskutiert worden. Sie haben die Ankündigung von 500 Milliarden gehört. Entscheidend ist, dass da wirklich zusätzliche Investitionen kommen und nicht umgeschichtet wird im Haushalt. Und zweitens, dass das kombiniert wird aus unserer Sicht mit dem Klimathema. Deswegen sind wir ja auch engagiert in der Stiftung Klimawirtschaft, weil ich glaube, es ist uns allen klar, dass wir an dem Thema des Klimawandels nicht vorbeikommen. Und warum wird dann nicht an einem solchen Infrastrukturpaket auch das Thema grüne Leitmärkte, das Thema Klimaschutzverträge zum Beispiel mit eingebaut? Relativ simpel, muss nur gemacht werden.

Sprecher 2: Braucht es dann eigentlich, apropos klimaneutrale Leitmärkte, braucht es so eine Art ökologischen Standard für Zement?

Sprecher 3: Ja, den gibt es ja schon. Der Zementverband VDZ hat einen solchen Standard jetzt ähnlich wie die Stahlindustrie aufgesetzt. Insofern, jawohl, da sind wir intensiv dran. Aber es braucht eben nicht nur diesen Standard, sondern es braucht dann eben auch den Anreiz für die öffentliche Hand, die ja immerhin ein Drittel bis 40 Prozent des gesamten Marktes sind, dass die den Anreiz setzen, grüne Produkte in die neuen Bauten einzusetzen und dann auch die Zertifizierungsagenturen lernen, dass am Ende des Tages die Dekarbonisierung... vor allen Dingen davon abhängt, dass wir im sogenannten Embodied Carben, also in dem CO2-Fußabdruck, der durch Materialien entsteht, wie Beton, wie Stahl, wie Glas, dass dieser reduziert werden muss, damit insgesamt der Fußabdruck der Bauten sinkt.

Sprecher 2: Aber ist denn dieser Fußabdruck im Moment kurzfristig überhaupt abzusenken, wenn ich mir dieses Infrastrukturprogramm anschaue? Also jede neue Brücke, jede neue Autobahn, da verdienen Sie doch mit dir. Es geht doch bisher nur mit Zement.

Sprecher 3: Besonders gut verdienen wir, wenn wir den CO2-Fußabdruck reduzieren, weil das ist das, was wir alle wollen. Jetzt könnte ich es mir einfach machen, wenn unser neues Produkt Evo Zero, was ja praktisch netto null ist, dort eingesetzt wird, dann reduzieren Sie natürlich gegenüber dem ursprünglichen CO2-Fußabdruck drastisch Ihren Emissionsabdruck. Und insofern kämpfen wir dafür, dass dort grüne Leitmärkte aufgesetzt werden.

Sprecher 2: Ich habe verstanden, Sie wollen Zement klimaneutral produzieren, aber Zement als Produkt bleibt gerade natürlich in der Bauindustrie im Moment noch alternativlos. Aber es gibt auch eine Gegenbewegung, wenn ich mit Architekten rede, mit Bauplanern rede, dann schauen die zusehends auf Holz. Gefährdet das Ihr Produkt? Müssen Sie da umdenken, vielleicht auch was Ihr Geschäftsmodell betrifft?

Sprecher 3: Also wir nehmen diese Entwicklungen ernst. Wir sehen da keine massive Veränderung im Moment. Aber ich habe immer bei uns intern auch gesagt, wir sollten uns nie zu sicher fühlen. Richtig ist, dass das Produkt weltweit extrem verbreitet ist, mehr als vier Milliarden Tonnen pro Jahr. Aber wir müssen auf den Zehenspitzen bleiben und immer die Fühler ausstrecken, was an Alternativen zur Verfügung ist. Wir haben auch nichts gegen hybride Bauweisen. Ich bin ja selbst, sag mal, wir leben alle in unseren Wohnungen und unseren Häusern. Und am Ende des Tages ist immer die Kombination von unterschiedlichen Baustoffen auch der Segen, finde ich jedenfalls. Und insofern geht es uns darum, ein extrem kompetitives Produkt, ein sehr weit verbreitetes Produkt klimaneutral produzieren zu können, um zu beweisen, dass das auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten das beste Produkt für die Baustoffindustrie ist.

Sprecher 2: Aber das ist ja spannend. Was kann das für ein Produkt sein? Sie heißen ja auch nicht mehr Heidelberg Zement, Sie heißen Heidelberg Materials. Also da ist ja schon eine mögliche Erweiterung der Baustoffgruppe enthalten in Ihrem Unternehmensnamen. Was kann das sein, dieses innovative neue Produkt, mit dem die Welt baut?

Sprecher 3: Ja, also ich glaube, dass die Grundeigenschaften von Zement, auch wir reden ja mit wahnsinnig vielen Architekturbüros, ganz, ganz viele Vorteile haben. Und wenn wir die erhalten können, aber die Struktur des Produkts ändern können, dann haben wir wahnsinnig viel gewonnen. Und Sie können eben, jetzt wird es ein bisschen technisch, das Vorprodukt zum Zement ist ja der sogenannte Klinker. Das sind so Schneebälle, die aus diesem Drehrohrofen kommen. Und da entsteht bei der Produktion der große CO2-Fußabdruck. Und wenn Sie weniger von diesen Schneebällen, wildlich gesprochen, brauchen und trotzdem am Ende des Tages ein Zementprodukt bauen, dann hat das natürlich auch einen großen Vorteil. Und Sie können einen Teil dieses Schneeballprodukts ersetzen mit anderen Dingen. Das sind zum Beispiel Flugasche, das sind zum Beispiel Schlacke aus der Stahlindustrie. Das sind kalzinierte Tone, das sind Puzzolane, also vulkanische Gesteine, die man dort untermischen kann und die es dann erlauben, einen Zement zu erstellen, der einen geringeren CO2-Fußabdruck hat.

Sprecher 2: Interessant. Wo bekommen Sie diese Urstoffe her, damit der Zement CO2-niedriger hergestellt werden kann?

Sprecher 3: Ja, das sind teilweise Abfallprodukte aus anderen Wertschöpfungsketten, Flugasche aus der kohlebasierten Stromerzeugung, Schlacker aus der Stahlindustrie, vulkanische, wenn Sie oben nach Island fahren, wenn es Vulkanausbrüche gibt, dann ist die Lava, wenn sie denn erhärtet, ist am Ende des Tages ein putzolanisches Gestein. Das ist also Natur, wo wir die herbekommen, teilweise auch. Super spannend und absolut eine Entwicklung, bei der wir ganz vorne mit dabei sein wollen und auch dabei sind.

Sprecher 2: Wie groß ist Ihr Anteil an Forschung und Entwicklung auch in diesem Bereich oder auch anteilig am Umsatz?

Sprecher 3: Ja, wir haben massiv aufgebaut, vor allen Dingen auch zum Thema Carbon Capture, also CO2-Abscheidung und CO2-Nutzung, aber auch eben bei der Produktentwicklung der neuen Produkte, die ich eben beschrieben habe. Und insofern haben wir zentrale Aufwendungen in Heidelberg, die irgendwo in der Größenordnung 1,5-2% des gesamten Umsatzes liegen. Aber wir haben dazu auch noch weltweite zusätzliche Standorte, die uns unter die Arme greifen und mit vielen guten lokalen Ideen kommen.

Sprecher 2: Heidelberg ist Ihre Heimat, aber einen klimaneutralen Standort, den gibt es wohl schon in Norwegen, wenn ich das richtig verstanden habe. Bei Heidelberg Materials, was machen Sie da? Ja, genau.

Sprecher 3: Ganz klimaneutral sind wir da noch nicht, Herr Brücker. Ich bin da immer vorsichtig, dass wir nicht zu viel versprechen. Richtig ist, dass wir im Moment fertigstellen, das weltweit erste Produkt, wo es bewiesen wird im industriellen Maßstab, dass das Produkt eben CO2-neutral produziert werden kann, indem wir eine CO2-Abscheideranlage gebaut haben, die wir jetzt im Juni eröffnen und die uns es dann eben ermöglicht, unser Produkt Evo Zero, also ein Netto-Null-Zement europaweit zu vertreiben.

Sprecher 2: Schauen Sie eigentlich in innovative kleine Unternehmen auch hinein, die Ihnen bei dieser Entwicklung vielleicht helfen in Richtung Klimaneutralität? Oder kann eigentlich nur ein großes Unternehmen wie Sie die Forschungs- und Innovationsleistungen aufbringen, um da Durchbrüche zu erzielen?

Sprecher 3: Ja, super spannende Frage, Herr Bröcker. Und das ist auch bei uns ein bisschen ein Kulturwandel, den wir da angeschoben haben. Ich denke absolut in Partnerschaften. Wir denken immer mehr in Partnerschaften. Wir werden das Thema, obwohl wir jetzt 50.000 wirklich wahnsinnig leistungsfähige Kolleginnen und Kollegen haben, nie so gut sein wie weltweite Ideen, die Startups haben, die Universitäten haben, die Wettbewerber haben, die Kunden haben. Und insofern versuchen wir überall unsere Fühler auszustrecken und sind auch gerne bereit, mit anderen anspannenden Neuentwicklungen zu arbeiten.

Sprecher 2: Herr von Achten, Heidelberg Materials heißt jetzt Heidelberg Materials. Manche Kritiker nennen das durchaus Greenwashing. Sie sind immer noch der Konzern im DAX mit dem zweithöchsten CO2-Ausstoß. Auch so eine Mitgliedschaft bei Stiftung Klimawirtschaft wird durchaus als Etikettenschwindel bezeichnet. Müssten Sie nicht viel schneller und klarer dieses Unternehmen umbauen?

Sprecher 3: Also Herr Brücker, wir nehmen das Thema sehr ernst. Wir haben den mit allen der größten CO2-Fußabdrücke im DAX. Aber wir haben auch uns die ambitionierteste Agenda der Reduktion des CO2-Fußabdrucks gesetzt. Wir sind für neue Ideen immer offen, aber wir sind fest davon überzeugt, dass wir alles Mögliche tun, was wir an Energie mobilisieren können, um möglichst schnell unseren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Und das bedeutet eben auch, dass wir uns deshalb zum Beispiel bei der Stiftung Klimawirtschaft mit engagieren. Aber wir müssen eben auch transparent nachweisen, wie wir nach vorne kommen. Und deswegen haben wir zum Beispiel für das Produkt EvoZero, was ich Ihnen eben beschrieben habe, also das Netto-Null-Produkt aus Brevik, einen sehr rigiden Prozess inklusive einer Blockchain-Technologie aufgesetzt, damit wir transparent nachweisen können, was wir hier tun. Wir sind da völlig offen und wollen beweisen, dass wir mit unserer Mannschaft da weltweit am besten unterwegs sind.

Sprecher 2: Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden. Was ist das Ziel für Ihr Unternehmen?

Sprecher 3: Also wir haben uns ja, sag mal, SBTI-approved sozusagen, das ist diese Akkreditierungsstelle, 2050 gesetzt, wobei Herr Brücker, ich sage Ihnen auch ganz offen, für uns geht es darum, dass wir jetzt möglichst schnell dieses Jahr, nächstes Jahr, übernächstes Jahr bis 2030 ganz große Schritte nach vorne machen. Diese Ziele, die 25 Jahre rausgehen, die sind... Wichtig, aber aus meiner Sicht kommt es vor allen Dingen auf die unmittelbare Umsetzung an.

Sprecher 2: Wir haben mit der Koalition, mit der möglichen Koalition begonnen. Wir könnten mit ihr dieses wunderbare Gespräch beenden, lieber Herr von Achten. Wenn die Bundesregierung dann mal im Amt ist, was wünschen Sie sich als eine der ersten wichtigen Maßnahmen in den ersten 100 Tagen?

Sprecher 3: Ja, also wir haben eben über das Thema Carbon Capture Utilization Gesetzgebung gesprochen. Die liegt auf dem Tisch. Die ist mehr oder weniger, wenn ich es richtig verstanden habe, auch durchverhandelt. Deswegen kann man die zügigst verabschieden. Und dann gibt es die großen Punkte, die wir schon angedeutet haben. Erstens müssen die Energiekosten runter. Da sind wir in Deutschland europaweit nicht wettbewerbsfähig. Das Thema Infrastruktur, was jetzt diskutiert wird, dankenswerterweise, muss kombiniert werden mit einer guten Klimaschutzthematik, grüne Leitmärkte, Klimaschutzverträge. Und drittens brauchen wir eine digitale Infrastruktur. Wir müssen einfach insgesamt schneller werden in unseren Entscheidungen, transparenter werden in unseren Entscheidungen. Und das führt dann auch zum vierten Punkt des Bürokratieabbaus. Da geht es vor allen Dingen darum, Berichtspflichten runterzufahren, aber auch Entscheidungsprozesse wie Baugenehmigungen deutlich zu entschlacken und zu beschleunigen.

Sprecher 2: Ist das für Sie als Unternehmer eigentlich auch diese Zeitenwende, die in der Politik Land auf Land abdiskutiert wird? Sie sind seit fast 20 Jahren im Vorstand von Heidelberg Zement oder Heidelberg Materials. Jetzt ist das für Sie auch eine besondere Zeit?

Sprecher 3: Ja, Engländer oder Amerikaner würden sagen Crossroad. Also für uns ist so ein bisschen eine Kreuzung, eine spannende Kreuzung in die Zukunft. Insofern würde ich schon davon sprechen, aufgrund der Herausforderungen, die wir sowohl inhaltlich, die wir jetzt diskutiert haben mit Energiekosten und so, aber vor allem auch geopolitisch haben, ist das für uns als Unternehmen eine spannende Chance. Das sage ich ganz deutlich. In jedem Gegenwind liegt auch eine unheimliche Chance und deswegen begreifen wir als Unternehmen das als absolute Chance, uns vom Wettbewerb zu differenzieren, schneller zu wachsen, profitabler zu werden. Das ist unsere Agenda, die wir vorantreiben.

Sprecher 2: Den Standort Deutschland haben Sie nicht aufgegeben.

Sprecher 3: Nein. Aber wir müssen dafür kämpfen, dass er wettbewerbsfähig wird wieder, weil da gibt es schon Anzeichen, dass wir in die falsche Richtung gefahren sind. Klare Daten sprechen da gegen uns. Und deswegen ist uns auch so wichtig, dass die neue Bundesregierung jetzt den Elan entfacht, damit wir alle wieder Vollgas geben können.

Sprecher 2: Sie haben vier Kinder, Herr von Achten. Macht auch eines dieser Kinder in Beton, wie es so schön heißt?

Sprecher 3: Nein, die machen noch nicht in Beton. Wir wissen ja alle nicht, was morgen ist, aber zunächst mal gehen die alle ihren eigenen Weg und darüber freue ich mich.

Sprecher 2: Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr von Achten, und einen schönen Tag noch.

Sprecher 3: Danke, Herr Bröker.

Sprecher 4: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.