Ist die Politikwende auch grün, Frau Nallinger?
Dauer: 24:55

Ist die Politikwende auch grün, Frau Nallinger?

„Deutschland, wir müssen machen!“ – Dieser Initiative der Stiftung KlimaWirtschaft haben sich 50 Unternehmen angeschlossen. Sie fordern, dass Deutschland den Weg zur Klimaneutralität konsequent weitergeht. Wir sprechen mit der Vorständin der Stiftung, Sabine Nallinger, über die Forderungen der Initiative und die vorläufigen Ergebnisse des Sondierungspapiers.


Die Grünen haben das Milliarden-Programm der sich anbahnenden schwarz-roten Koalition abgelehnt. Doch das bedeutet nicht, dass eine Grundgesetzänderung endgültig gescheitert ist. Welche Kompromissmöglichkeiten gibt es?


Auf die USA ist in den kommenden Jahren kein Verlass – weder bei einer fairen Friedenslösung für die Ukraine noch bei der NATO-Beistandsgarantie. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis Donald Trump auch europäische Partner mit Zöllen belegt. Europa muss sich neu orientieren. Auch in Richtung China? Peking jedenfalls will seinen Einfluss in Europa ausbauen.


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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Noch bevor die kleine große Koalition offiziell zusammenkommt, steht sie schon wieder vor dem Aus. Schuld sollen die Grünen sein, die jetzt unbedingt nachverhandeln wollen oder gar nicht zustimmen. Wir klären das mal für Sie.

Sprecher 3: Unter Donald Trump sind die USA für Deutschland und Europa eher eine Wundertüter als ein verlässlicher Partner. Ist es da vielleicht an der Zeit, die Beziehung zu China zu vertiefen? Oder ist das Reich der Mitte genauso unzuverlässig? Darüber diskutieren wir mit unserer Kollegin vom China-Table, Angela Köckritz.

Sprecher 2: Klimaschutz wird, muss und soll natürlich auch ein Teil der angekündigten Politikwende werden. Aber am besten mit der Bevölkerung und vor allem mit der Wirtschaft. Das hat sich die Stiftung Klimawirtschaft auf die Fahnen geschrieben und eine Initiative gestartet nach dem Motto Deutschland, wir müssen machen. 50 Unternehmen haben sich angeschlossen, unter anderem die Otto-Gruppe, Flix, Aldi, Strabag und viele, viele mehr. Wir starten ab diesem Wochenende eine Kooperation mit der Stiftung und diesen Unternehmen. Es geht um die Transformationsagenda. Heute beginnen wir mit einem Gespräch mit der Chefin der Stiftung Klimawirtschaft, Sabine Nallinger.

Sprecher 3: Ein volles Programm für diesen Dienstag, den 11. März, der nationale Gedenktag für die Opfer terroristischer Gewalt.

Sprecher 2: Helene, als Markus Söder sich in den Zug Richtung Nürnberg machte gestern, da musste der Rest der Union mit den Grünen nachverhandeln. Die wollen nämlich das große Sondervermögen und Schuldenpapierchen der schwarz-roten werdenden Koalition nicht mitstimmen. Ist es jetzt gut, dass Söder nicht dabei war oder steht da wirklich was auf der Kippe?

Sprecher 3: Tatsächlich steckt bei den Grünen der Ärger, vielleicht auch die Verletzung über seine letzten Ausbrüche noch ziemlich tief. Diese Demütigung am Aschermittwoch. Ich glaube, da verhandeln die Grünen jetzt lieber mit denen, mit denen sie verhandeln, nämlich mit Merz, Dobrindt, Saskia Esken und Klingbeil. Aber man muss schon sagen, sie sind ganz schön sauer. Und diese im Werden befindende Große Koalition hat das ziemlich unterschätzt.

Sprecher 2: Ja, es geht um Stil und um Inhalt. Gestern Britta Hasselmann vor der Fraktion.

Sprecher 4: Bei dieser Operation drei Grundgesetzänderungen, eine Billion Euro. Ist es sehr ratsam, wenn man sich demokratischer Mehrheiten versichert. Das ist etwas, was wir Grünen nicht ohne Grund. Seit mindestens drei Wochen, insbesondere Friedrich Merzwagen, auch der SPD mitteilen. Und wir raten auch dazu, nicht nur mit Bündnis 90 die Grünen, sondern vielleicht auch mal das Gespräch mit der Linken zu suchen. Denn ein neuer Deutscher Bundestag... Der 21. Wahlperiode. würde doch am besten über so grundlegende Fragen entscheiden.

Sprecher 3: Ja, Friedrich Merz hat tatsächlich beim Klimaschutz nur angeboten, dass man auch Maßnahmen für den Klimaschutz auf die Liste der Infrastrukturprojekte setzen würde. Das hat den Grünen nicht gereicht. Aber viel mehr als das hat sie eine andere Aussage verärgert. Und zwar, dass Friedrich Merz einfach gesagt hat, die Zustimmung der Grünen müsste doch eigentlich sicher sein. Und die Grünen haben sehr, sehr oft gewarnt und gesagt, Entschuldigung, unsere Stimmen gibt es nicht auf Zuruf. Unsere Stimmen gibt es nur, wenn wir vorher verhandeln. Und das hat bis Montagmorgen nicht stattgefunden. Felix Banatschak hat gestern noch bei uns im Podcast gesagt, nein, es hat keine Gespräche gegeben. Da waren die Grünen doch sehr verschnupft.

Sprecher 2: Ja, die Grünen werden jetzt an ihrer staatspolitischen Verantwortung erinnert. Ich kann das Wort schon nicht mehr hören, weil in Wahrheit muss man sagen, waren es oft genug die Grünen, die mitgemacht haben, auch bei Dingen, die ihrer Klientel oder ihrer DNA vielleicht zuwider sprechen. Ich gehe auch davon aus, Helene, ich weiß nicht, ob du es anders siehst, dass sie dieses Mal auch wieder mitmachen, aber dass sie ernsthafte und auch nachvollziehbare Kriterien haben wollen, wie dieses Sondervermögen tatsächlich vielleicht auch beim Klimaschutz helfen kann, ist aus ihrer Sicht wirklich nachvollziehbar.

Sprecher 3: Ein Grüner sagte mir, das sei jetzt ein Ruf nach Verhandlungen statt Diktat. Ja, also man wolle eben auch ein Mitspracherecht haben. Und tatsächlich gibt es auch einen validen Punkt, den ich übrigens teile, den die Grünen machen, nämlich, dass es nicht sein kann, dass man den Haushalt nur noch benutzt, um konsumtive Ausgaben zu erzielen. Gaben zu machen in großer Zahl. Alle diese Wohltaten, die im Wahlkampf versprochen wurden, von Mütterrente über Steuersenkung für die Gastronomie bis Verpendlerpauschale und alle bereits geplanten Infrastrukturprojekte einfach in das Sondervermögen verlagert, sodass der Haushalt im Grunde rein konsumtiv ist. Das haben ja auch die drei Ländergrünen, also Mona Neubauer und Daniel Bayers unter anderem, angemerkt und gesagt, es dürfe sich eben beim Sondervermögen nur um zusätzliche Infrastrukturmaßnahmen handeln, damit sich auch wirklich spürbar was ändert in diesem Land. Also Katharina Dröge, die grüne Fraktionsvorsitzende, sagte, das sei jetzt eine Art Schatzkiste, die sich da die GroKo anlegen will. Und Felix Banatschak sprach vom Verschiebebahnhof. Also man schafft sich selber einfach Luft, um vielleicht auch, wie es in der GroKo-Tradition in Deutschland ist, Differenzen mit viel Geld zuzuschütten. Und das finde ich einen richtigen Einwand. Und da, ja, vielleicht gibt es ja in diesem Punkt ein Zugehen auf die Grünen. Könnte sein.

Sprecher 2: Ja, lass uns mal nach vorne schauen, was die Grünen monieren, haben wir besprochen. Was könnte also der konstruktive Ausgang dieser Gespräche sein, die gestern Abend begonnen haben und wahrscheinlich bis kurz vor der Bundestagssitzung am Donnerstag auch noch laufen werden? Ich gehe davon aus, dass die 1%, auch die Ausnahme bei der Schuldenbremse für die Verteidigung, dass das vielleicht nach oben geschraubt wird, wie es im grünen Länderpapier stand. Da schlagen die Grünen ja vor, dass man auf 1,5% gehen sollte bei der Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse, damit eben der... aktuelle Bundeshaushalt schon mehr in die Verteidigung investieren muss, als es jetzt dann durch neue Schulden kompensiert werden könnte.

Sprecher 3: Die Grünen-Länder reden davon, dass das zu unambitioniert gewesen sei, die bisherige Planung. Und tatsächlich macht das natürlich die Haushaltsberatung schwieriger. Also nach der Logik, jetzt der Koalitionäre in Spee ist natürlich jede Geschichte, die nicht im Haushalt ist, schafft Raum für anderes. Und da ist es jetzt interessant, dass ausgerechnet die Grünen mit der Haushaltsdisziplin kommen und sagen, nee, nee, nee, das muss aber schon auch aus dem Haushalt finanziert werden. Den Grünen geht es aber auch noch um was anderes. Sie wollen einen erweiterten Verteidigungsbegriff. Das soll eben nicht nur Bundeswehr und Hilfe für die Ukraine sein, sondern auch noch Ausstattung der Nachrichtendienste, der Zivilschutz und so weiter. Da ist die Union aber eher skeptisch. Also in diesem Punkt wird es wahrscheinlich auch nicht ganz einfach.

Sprecher 2: Jedenfalls muss man die Grünen natürlich an das erinnern, was sie auch vor der Wahl gesagt haben. Und deswegen halte ich eine Totalblockade für unwahrscheinlich. Sie haben gesagt, kurz vor der Wahl noch, sie wollen die Schuldenbremse öffnen für die Sicherheit und sie wollen mehr Geld in die Infrastruktur. So grob, aber so klar war das. Und das Angebot von Schwarz-Rohn ist im Grunde das. Also sie werden sich nicht komplett verweigern können.

Sprecher 3: Sie gehen natürlich auch ein Risiko ein, denn wenn Sie jetzt Nein sagen, müssen Sie sich den Vorwurf gefallen lassen, fundamental Opposition zu betreiben, sich machtpolitisch ins Aus zu katapultieren. Da haben Sie jetzt schon ein bisschen was getan, um dem vorzubeugen. Die Fraktion hat gestern einen eigenen Gesetzentwurf für eine Grundgesetzänderung verabschiedet, die allerdings nur eine Aus... Ausnahme von der Schuldenbremse für Verteidigung betrifft, um zu sagen, nein, nein, nein, wir wollen das schon, aber eben nicht so wie ihr, nicht mit diesen so die grünen Tricksereien.

Sprecher 2: Jedenfalls geht die Union und die SPD längst davon aus, dass die Koalition am Ende kommt. So oder so, 16 Arbeitsgruppen mit jeweils 16 Personen wurden gestern bereits nominiert. In zwei Wochen sollen die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppen bereits einfließen in einen Gesamttext, den dann eine sehr kleine Runde zu einem Koalitionsvertrag zusammenbauen soll. Also Schwarz-Rot hat zwar Stockfehler gemacht, weil man muss natürlich denjenigen, den man unbedingt braucht, auch vielleicht früher einbeziehen und informieren in solche Gespräche. Aber am Ende, glaube ich, wird es schwarz-rot geben und grün. Macht dann am Anfang zumindest mit. Der transatlantische Graben, er wird immer tiefer mit, man kann es fast so sagen, jedem neuen Post von Donald Trump. Steigt auch seine Unberechenbarkeit und schon schauen einige in Europa wieder etwas freundlicher nach China. Wird es jetzt Zeit, sich einen neuen wirtschaftlich relevanten Partner zu suchen? Brauchen wir neue Abkommen und eine neue Nähe zu China? Das wollte ich von meiner Kollegin Angela Köckritz vom China Table wissen. Es ist der größte fachpolitische Newsletter zu allen Themen rund um China. Täglich bei uns hier bei Table Briefings. Und Angela Köckritz hat sich mit diesem Thema und der neuen Außenpolitik von China besonders befasst. Einen schönen guten Tag. Hallo Angela.

Sprecher 5: Hallo Michael.

Sprecher 2: Angela, erste Frage. Ist China jetzt der zuverlässige Partner als die USA? Müssen wir da etwas neu justieren?

Sprecher 5: Ja, diese Frage stellen sich im Moment einige. Nach einer Neujustierung sieht es aber nicht aus, sondern vielmehr danach, dass die EU jetzt eben ein Problem mehr hat. Denn es ist ja nicht so, dass die Probleme mit der US-Regierung die Probleme, die man mit der Volksrepublik China hat, einfach lösen würden. Also zum Beispiel die Überkapazitäten oder der gewaltige Handelsüberschuss. Der ist auch nicht kleiner geworden, sondern im Gegenteil nochmal erneut gestiegen. Allein in diesem Januar und Februar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 36 Prozent. Und nur in diesem Jahr wurden sechs neue Handelsschutzverfahren gegen China eröffnet.

Sprecher 2: Und dann würde mich noch interessieren, Welche Rolle spielt denn China jetzt beim Ukraine-Konflikt, wenn es doch jetzt nur noch Verhandlungen zwischen den USA und Russland geben soll?

Sprecher 5: Da lancieren chinesische Intellektuelle momentan so drei Szenarien. Das eine ist, dass China so eine Art Garantie macht bei einem Abkommen wäre, also dass Xi Jinping mit unterschreiben würde. Der zweite Punkt wären chinesische Friedenstruppen im Rahmen eines Mandats der Vereinten Nationen. Und das dritte und für die Chinesen unbedingt am interessanteste wäre eine Rolle am Wiederaufbau, denn sie haben sehr große wirtschaftliche Interessen in der Ukraine. Sie haben sich noch nicht genau erklärt, was sie machen würden. Aber wenn man sich so vergangenes chinesisches Engagement in Krisengebieten anschaut, also vor allem Afghanistan, Syrien, Irak, dann kann man sehen, nach welchem Playbook sie so handeln würden. Und das bedeutet, dass sie sich... Strategische Industrien, strategische Bereiche aussuchen würden, die mit ihren eigenen Zielen übereinstimmen. Also zum Beispiel sehr interessant wäre der Transportsektor, der Telekommunikationssektor, der Energiesektor. Da wäre die ukrainische Regierung aber verständlicherweise sehr skeptisch. Insbesondere durch die sehr engen Beziehungen von China und Russland. Und ganz allgemein ist es so, dass viele Ukrainer eine große Rolle Chinas beim Wiederaufbau sehr ungern sehen würden, eben weil sie um die Rolle Chinas eben wissen, die sehr viel Dual Use, Produkte an China geliefert haben, die den Krieg auch erst in diesem Ausmaß ermöglicht haben. Aber eventuell sehen sie sich in einer Situation, wo sie nicht drumherum kommen. Denn in gewissen Bereichen, zum Beispiel bei der Energie, und die Ukrainer haben schon gesagt, sie würden gerne die Energieerzeugung dezentralisieren, kommt man an China einfach nicht vorbei. Also zum Beispiel, wenn man Windfarmen bauen möchte. Natürlich geht das auch ohne China, es wäre aber sehr, sehr viel teurer.

Sprecher 2: Vielen Dank, liebe Angela. Bis später.

Sprecher 5: Lieben Dank. Tschüss, Michael.

Sprecher 2: Deutschland, wir müssen machen. So heißt die neue Initiative der Stiftung Klimawirtschaft. 50 Unternehmen vom Baukonzern bis zum Lebensmitteleinzelhändler, vom Immobilienmakler bis hin zum Busunternehmen haben sich zusammengeschlossen und ganz konkrete Forderungen für eine funktionierende und klimaneutrale Wirtschaft formuliert. Es ist ein Appell natürlich auch an die Politik, denn das Thema Klimaschutz scheint zumindest bei Union und SPD nicht ganz oben im Regal zu stehen. Bei Table Briefings kümmern wir uns natürlich auch um dieses Thema. Sie wissen, unser Climate Table ist ein exzellenter fachpolitischer Newsletter zu allen klimapolitischen Themen. Aber auch hier bei Table Today wollen wir in den kommenden drei Sonntagen uns die Transformationsagenda in diesem Land mal etwas genauer anschauen. Und was da zu tun ist, zum Auftakt ein Gespräch mit Sabine Nallinger, der Chefin der Stiftung Klimawirtschaft. Einen schönen guten Tag, Frau Nallinger.

Sprecher 6: Guten Morgen, Herr Bröker.

Sprecher 2: Sie haben eine Initiative gegründet mit 50 Unternehmen, die sich mehr Klimawirtschaft wünschen, wenn ich es mal so zusammenfassen darf. Also eine echte Transformation. Sind Sie denn dann vor diesem Hintergrund zufrieden mit dem, was die Sondierer da vorgelegt haben?

Sprecher 6: In dem Sondierungspaket finde ich sehr, sehr viele Punkte, die in unserem Sinne sind. Also wenn ich jetzt an zum Beispiel die Deckelung der Netze entgelte, Wettbewerbswege, Strompreise denke, ans Wasserstoffkernnetz und so weiter. Also viele Punkte. übernommen und dann würde ich mal sagen, unsere Arbeit trägt Früchte und zunächst mal gute Ansatzpunkte.

Sprecher 2: Ihre Unternehmen schreiben jetzt in diesem Aufruf, die Transformation müsse konsequenter umgesetzt werden. Worum geht es Ihnen oder Ihren Unternehmen, die Sie da zusammengerufen haben, konkret?

Sprecher 6: Also ich habe ja gerade schon gesagt und gelobt das Sondierungspaket, dass viele gute Punkte drin sind. Was uns fehlt, ist aber ein Gesamtplan. In dem Sondierungspapier sehe ich eben auch viele Rückschritte, zum Beispiel das Rücknehmen der Flottengrenzwerte in der Automobilindustrie, also das Hin und Her oder auch zum Beispiel die Rücknahme wieder des Agrardiesels. In Deutschland wird über 100 Jahre Diesel subventioniert. Wollen wir den alten Zopf nicht endlich abschneiden? Und dieses Hin und Her ist einfach Gift für die Wirtschaft.

Sprecher 2: Was halten Sie von der Erhöhung der Pendlerpauschale?

Sprecher 6: Die Erhöhung der Pendlerpauschale, vollkommen falsches Instrument, weil wir müssen gerade im Verkehrsbereich neben Gebäudebereich endlich mal die Klimastrategie angehen, Klimaziele angehen. Da sind wir noch am weitesten entfernt von allen Branchen und deswegen ist die Pendlerpauschale, sitzt einfach die falschen Anreize.

Sprecher 2: Sie kennen das Hauptargument der Kritiker, Klimaschutz muss man sich auch auf dem Land leisten können und dort habe ich eben nur das Auto und da brauche ich die Pendlerpauschale.

Sprecher 6: Naja, auf dem Land habe ich einfach auch andere Kostenstrukturen. Ich komme aus dem Großstadtraum München. Ich meine, da ziehe ich es aufs Land, weil es günstiger ist, draußen zu wohnen und dann habe ich halt höhere andere Kosten. Aber unterm Strich ist es doch gleich, ob ich jetzt in der Stadt wohne oder draußen wohne.

Sprecher 2: Den Gebäudebereich, den habe ich in dem Sondierungsbericht nicht so wirklich gesehen. Da steht zwar was drin von Technologieoffenheit, aber ob dieses Heizungsgesetz neu oder anders kommt oder doch bestehen bleibt, konnte ich nicht entdecken. Ist das nicht einer der zentralen Treiber beim Stichwort Wohnen und Gebäude?

Sprecher 6: Also der Gebäudebereich ist nicht im Wirtschaftsteil. Das war auffallend. Es ist ein extra Bereich und zwar vor allem unter dem Überschrift sozialer Wohnungsbau. Genau, Mietpreisbremse und so weiter. Genau, wir müssen jetzt Wohnungen schaffen. Da steht auch was drin, dass es eben bezahlbar sein muss. Aber Sie haben vollkommen recht, kein Wort über das Heizungsgesetz, kein Wort, wie wir jetzt tatsächlich den Gebäudebereich klimaneutral machen wollen. Es fehlen sowieso auch andere Punkte, zum Beispiel das Thema Speicherstrategie, Speicherkapazität. Es steht drin, weiter Ausbau erneuerbare. Wenn ich mit unseren Energieversorgern rede, dann heißt es überall, wir müssen jetzt endlich eine Speicherstrategie entwickeln, sonst können wir keinen weiteren Zubau eigentlich ermöglichen. Und es sind schon einige Punkte, die noch fehlen in dem Papier.

Sprecher 2: Deswegen wundere ich mich ein bisschen über Ihre positive Einschätzung des Papiers, weil ich finde, da, wo es konkret werden könnte, CO2 zu reduzieren, da ist es eigentlich nicht drin. Also wo, ja, Sie haben recht, Energiekosten senken, das ist wichtig für gerade die Unternehmen, die die Transformation schaffen wollen. Aber wo wollen wir CO2 wirklich verringern?

Sprecher 6: Also warum meine Rückmeldung so positiv ist, liegt an konkreten Punkten, sage ich mal. Das eine ist, dass die zukünftige Koalition sich ganz klar für die... die deutschen und europäischen Klimaziele bekennt. Das war in der Union nicht immer so. Sie erinnern sich, Friedrich Merz hat irgendwie auch eine Diskussion angestoßen, wollen wir nicht die Klimaziele nach hinten schieben? Und jetzt stehen die ganz klar drin, das finde ich sehr gut. Und das Zweite ist, schauen Sie sich mal das Wirtschaftskapitel an. Im Wirtschaftskapitel steht drei Viertel Klimaschutz drin. Also von daher bin ich sehr zufrieden erstmal, weil wir sind von ganz anderen Voraussetzungen ausgegangen, nämlich dass Klima gar nicht thematisiert wird, so wie es im Wahlkampf war.

Sprecher 2: Sind Sie denn dafür, dass Klima und Wirtschaft zusammenbleiben sollte als Ministerium? Es wird ja auch diskutiert, dass es wieder zurückgehen soll ins Umweltministerium.

Sprecher 6: Also was wir auf jeden Fall brauchen, was in der Vorgängerregierung einfach falsch gemacht worden ist, dass wir ganz klare Ressortzuständigkeiten haben. Wenn Frau Geiwitz als Bundesbauministerin keine Möglichkeiten hatte, ihr Klimaprogramm zurückzubekommen oder Herr Wissing im Verkehrsbereich, dann ist was schiefgelaufen. Also in den Ressorts brauchen wir die Kompetenz, aber dass es im Wirtschaftsministerium dann koordiniert wird, das ist die Grundvoraussetzung, weil wir wollen ja 2045 klimaneutral sein und wir brauchen den Gesamtplan, den ich vorher auch schon angemahnt habe, den ich noch nicht rauslesen kann.

Sprecher 2: Was ich vermisse im Papier, und Sie sprechen den Gesamtplan an, Frau Nallinger, ist das, woran aus meiner Sicht die Ampel gerade beim Heizungsgesetz ja gescheitert ist. Sie hat klare Ziele formuliert, wie man CO2 im eigenen Wohnbereich reduzieren soll, aber die soziale Komponente vergessen. Jetzt steht das Klimageld überhaupt nicht mehr drin, der CO2-Preis wird aber weiter steigen. Ist das nicht die Gefahr? dass die Transformation am Ende nicht kommt, weil die Menschen sie nicht wollen. Oder sie sich nicht leisten können.

Sprecher 6: Ja, ja, Sie haben vollkommen recht. Jetzt kommt ja vor allem auch ETS2, wo Gebäude und Mobilität eben unter den Emissionshandel fallen. Und es ist natürlich zu erwarten, dass da Kostensteigerungen damit verbunden sind. Von daher ist das Thema soziale Verträglichkeit und Klimageld essentiell. Ich habe es in der Präampel rausgelesen. Ganz am Anfang steht ja drin, wir wollen das Ganze sozial verträglich machen. Das habe ich jetzt auch auf diesen Bereich bezogen. Aber Sie haben vollkommen recht beim Heizungsgesetz. Aber nochmal, das ist, glaube ich, nochmal was, was uns ermahnen sollte. Das ist ein komplexer Sachverhalt und wir müssen den aber irgendwie pragmatisch und einfach rüberbringen können. Das ist im Heizungsgesetz einfach überhaupt nicht gelungen.

Sprecher 2: Ja, man würde ja in der Wirtschaft lernen und über ihre Unternehmen stehen ja dafür, einfache, klare Anreize langfristig umsetzen. Dann werden die, ich hätte schon fast gesagt Wählerinnen und Wähler, dann werden die Kunden und Bürger genau dahin gehen, wo CO2 reduziert werden kann und wo es aber auch am Ende günstiger wird. Und deswegen ist vielleicht das Hickhack bei der Förderung auch von Elektromobilität das Problem gewesen.

Sprecher 6: Absolut. Ich meine, was ich vorher angemahnt hatte, nicht, dass jetzt wieder Dinge rückgenommen werden. Pendlerpauschale hatten Sie ja angesprochen, aber auch der Agrardiesel. Dieses Hin und Her, wo man alte Zöpfe nicht wirklich abschneiden kann, das ist tatsächlich, glaube ich, das verunsichert die Bevölkerung, das verunsichert die Unternehmen. Und es darf einfach nicht passieren. Und deswegen übrigens, Herr Bröker, bin ich auch ein bisschen skeptisch, wie ernsthaft die neue Regierung das tatsächlich mit der klimaneutralen Wirtschaft meint. Wenn man dann doch an der einen oder anderen Stelle wieder unnötige Rücknahmen sieht und eine Klientelpolitik, wo ich frage, wo bleibt denn der Gesamtplan und wo bleibt er denn endlich mal standhaft?

Sprecher 2: Sie erinnern sich an den Satz von Olaf Scholz, das grüne Wirtschaftswunder hat er ausgerufen. Auch Robert Habeck hat immer wieder gesagt, die Transformation führt am Ende zu mehr Wohlstand. Die Zweifel bei den Bürgern sind enorm. Was entgegnen Sie denen? Ihre Unternehmen, die sind so unterschiedlich wie Heidelberg Materials über den Immobilienunternehmer Goldbeck bis hin zu Aldi. Was eint die, dass Sie der Meinung sind, die Klimaneutralität führt am Ende zu mehr Wohlstand?

Sprecher 6: Also die Klimaziele sind für uns Innovationsziele. Und ich meine, wir haben doch tatsächlich in der Wirtschaft gerade, gehen wir durch ein schweres Tal gerade. In fast allen Branchen. Und gerade in Deutschland und Europa sind wir nicht mehr international wettbewerbsfähig. Und warum nicht? Weil wir eben noch nicht das bezahlte Kleinwagen an Elektroautos in Deutschland vorhaben.

Sprecher 2: Jetzt kommt der 20.000 VW. 20.000 Euro vorhin. Zehn Jahre zu spät, aber er kommt.

Sprecher 6: Er kommt jetzt, aber die Frage ist, ist er tatsächlich so gut wie der in Asien hergestellte? Hat er die Reichweite und so weiter? All das sind doch Fragen. Also wir sind doch da total ins Hintertreffen geraten. Und deswegen sagen unsere Unternehmen, Wir haben nur eine Chance, um den Wirtschaftsstandort wieder zu stärken, indem wir voll in Zukunftstechnologien gehen. Und da sollten wir jetzt auch tatsächlich ganz konsequent loslegen.

Sprecher 2: Frau Nallinger, ich schätze Ihren Optimismus sehr. Deswegen zum Abschluss die Frage, wer dieser Sondierer und damit ja der Spitzenpersönlichkeiten, die in den nächsten vier Jahren dieses Land regieren werden, wem trauen Sie gerade in puncto Klimaneutralität am meisten zu?

Sprecher 6: Also ich sage mal so, dass die Union jetzt sich so bewegt hat als konservative Partei, zeigt mir, dass das Thema in der Bevölkerung erstmal breit angekommen ist und dass wenn die Konservativen den Konservatismus tatsächlich jetzt vor sich her tragen und sagen, wir stehen dahinter, wir wollen die Erde bewahren, wir werden jetzt voll in klimaneutrale Wirtschaft gehen. Ich glaube, was Ernsthafteres kann man sich nicht vorstellen. Deswegen stimmt mich das tatsächlich, Herr Bröker, sehr optimistisch.

Sprecher 2: Nicht, dass am Ende Friedrich Merz noch der Klimakanzler wird.

Sprecher 6: Das wäre doch nicht schlecht.

Sprecher 2: Vielen Dank, liebe Frau Nallinger, für diese erste Einordnung der Klimaschutzpolitik einer möglichst neuen großen Koalition. Ich freue mich sehr auf die Kooperation mit der Stiftung. An diesem Sonntag geht es los mit der Transformationsagenda und einem sehr spannenden Gespräch mit dem CEO von Heidelberg Materials, dem weltweit zweitgrößten Zementhersteller. Es ist Dominik von Achten.

Sprecher 3: Michael, war noch was?

Sprecher 2: Ich finde ganz gut, Helene, wenn man mal zurückblickt auf diese schwierige Woche, dass die Briten irgendwie näher dran sind an der EU, als sie vielleicht jemals waren.

Sprecher 3: Die Briten sind näher dran an der EU als so manches EU-Mitglied, kann man auch sagen. Und es ist schön. Ich habe ja damals den Brexit sehr, sehr bedauert, weil ich ja die Briten sowieso mag, aber auch diese liberale Idee, die es ja in Kontinentaleuropa so nicht gibt. Insofern haben die Briten der EU gut getan. Sie haben manchmal genervt, aber sie waren auch ein wichtiger Kontrapunkt. Und jetzt sind sie wieder zurück mit Keir Starmer an der Spitze, der gerade in der Frage Ukraine-Verteidigung ein starkes Europa eine ganz gute Figur macht und offensichtlich auch mit Friedrich Merz auch ganz gut kann. Das sind doch mal bei all den schlechten Nachrichten, die wir haben, gute Aussichten.

Sprecher 2: Und sogar der König hat inzwischen seine Playlist öffentlich gemacht. Also mehr Bürgernähe auch in der Monarchie Großbritannien geht auch nicht. Ich finde, mit der Playlist gehen wir hier raus in ihn und sagen, keep calm and carry on.

Sprecher 7: Throughout my life, music has meant a great deal to me. It has that remarkable ability to bring happy memories. In other words, it brings us joy. So this is what I particularly wanted to share with you. Songs which have brought me joy. Kylie Minogue came to St. James's Palace to perform this song in 2012. The song is The Locomotion, and this is music for dance. Again, it has that infectious energy which makes it, I find, incredibly hard to sit still.