Bringt Diversität mehr Rendite, Frau Ernst?
Auf dem EU-Gipfel haben die Staats- und Regierungschefs die Aufrüstung der EU beschlossen. Der Aufrüstungsplan ist einstimmig angenommen worden. Eine zweite Erklärung zur Unterstützung der Ukraine ist mit großer Mehrheit verabschiedet worden - Viktor Orban verweigerte seine Unterstützung.
Ein drängendes Problem kann dieser Beschluss jedoch nicht unmittelbar lösen: Die USA teilen keine Geheimdienstinformationen mehr mit der Ukraine. Was bedeutet das für die Verteidigung gegen die russischen Angriffe?
In Berlin ist unklar, wie die nächsten Kompromisse in den Gesprächen zwischen CDU und SPD aussehen könnten. Vor allem bei Migration und Bürgergeld erwartet die Union Zugeständnisse von der SPD.
In sechs großen Themenfeldern hat die Innovationsagenda 2030 Vorschläge von mehr als 100 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammengefasst, wie Deutschland wieder wirtschaftlich erfolgreich werden kann. Eines dieser Themenfelder ist Diversität. Wir haben mit Kati Ernst, Co-Gründerin von ooia, darüber gesprochen, wie mehr Diversität in Firmen auch zu mehr Rendite führen kann.
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Transkript
Sprecher 1: Table Today Spezial. Die Innovationsagenda 2030. In Kooperation mit der Deutschen Börse und dem Start-up-Verwandt.
Sprecher 2: Der Schuldendeal war ja für die SPD schon ein echter Erfolg bei den Sondierungsgesprächen. Die Union ist jetzt in einer schwierigen Verhandlungssituation, denn es ist eben schon was geeint, bevor alles geeint ist. Jetzt muss für die Union was rausspringen, da ist der Druck groß und intern wird ein Worst-Case-Szenario diskutiert. Wir sagen es Ihnen gleich.
Sprecher 3: Die EU traf sich in Brüssel zum Sondergipfel gestern und natürlich war die Hilfe für die Ukraine ein Thema und ein Aufrüstungsplan von Ursula von der Leyen mit 800 Milliarden Euro Gesamtvolumen. Wir sprechen darüber mit dem Vizepräsidenten der EVP und dem Chef des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament, David McAllister.
Sprecher 2: Geld für den wirtschaftlichen Aufschwung könnte bald genug da sein, aber Geld alleine wird nicht reichen. In der Innovationsagenda 2030 haben über 100 kluge Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ihre Vorschläge für ein Wachstumsprogramm aufgeschrieben. Eine Botschaft in dieser Agenda ist, dass Diversität nicht nur in Politik und Gesellschaft, sondern auch in den Unternehmen gut tut und sogar zu mehr Rendite führt. Das erklärt uns Dr. Kathi Ernst, die Co-Gründerin von UJA.
Sprecher 3: In unserem paritätisch besetzten Podcast geht es jetzt los. Es ist Freitag, der 7. März.
Sprecher 2: Dass es in der CDU brennt, das war gestern schon klar, aber dass es lichterloh brennt, das wissen wir jetzt. Die Partei ist nach dem Schuldendeal mit der SPD tief gespalten. Viele Unioner fordern jetzt, zumindest bei den Themen Migration, Sparmaßnahmen und Wirtschaftsmaßnahmen, harte Standpunkte der CDU gegen die SPD durchzusetzen.
Sprecher 3: Ja, und das Gefühl in der CDU, das hat gestern Manuel Hagel ziemlich gut dargestellt. Er hat nämlich in einer Pressemitteilung jetzt darauf hingewiesen, dass es auch für die Union keinen Automatismus bei der Koalition gäbe. Es müsse jetzt eine Migrationswende kommen. Es brauche auf jeden Fall wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und Bürokratieabbau. Und jetzt überschlagen sich die Unioner mit Vorschlägen, wo die SPD doch mal zeigen sollte, dass sie auch ihnen entgegenkommt.
Sprecher 2: Man kann sagen, da ist ein Momentum verstolpert worden, ein Moment, in dem vier Personen vor die Kameras treten und ein Bild von Entschlossenheit und Geschlossenheit zeigen und sagen, wir sind bereit, etwas Großes auf den Tisch zu legen und jetzt geht hinter den Kulissen und auch vor den Kulissen das Hauen und Stechen los, um gegenseitige Behauptungen, um Positionen durchzusetzen, um sich gegenseitig maximal etwas abzuringen. Da habe ich schon mal Bedenken, was das für die Koalition bedeutet. Aber Michael, gehen wir in die Themen. Sprechen wir als erstes über die Migration. Da hat ja Friedrich Merz schon seinen berühmt-berüchtigten Fünf-Punkte-Plan vorgelegt. Eine Koalitionsbedingung für die CDU. Was verlangen die Unioner da jetzt?
Sprecher 3: Ja, vor allem Thorsten Frei, Carsten Lindemann, auch Alexander Dobrindt haben in diesem Sondierungsteam klargemacht an Friedrich Merz, dass jetzt bei der Migration was passieren muss. Und hier sind die Forderungen der Union, die teilweise übrigens auch bei der SPD durchaus Anklang finden, zumindest zum Beispiel bei SPD-Ministerpräsidenten wie Stefan Weil oder Dietmar Woidke. Also es wird dauerhafte Grenzkontrollen an allen Grenzpunkten geben. Natürlich kann man die grüne Grenze nicht für immer sichern, aber die dauerhaften Grenzkontrollen sollen bis auf weiteres umgesetzt werden. Mehr Befugnisse für die Bundespolizei, Ausweitung des Ausreisegewahrsams, aber für Straftäter. Und vor allem, Helene, das ist denen wichtig, sie wollen eine ernsthafte Prüfung des Drittstaatsverfahrens. Da wird das Land Bosnien genannt als möglicher Kandidat. Scholz hatte das abgelehnt, hatte rechtliche Bedenken geltend gemacht. Jetzt soll auch Stefan Weil inzwischen sagen, wir versuchen das mal ernsthaft, denn wir müssen irgendwie diesen Pull-Effekt wegkriegen, dass alle immer nur nach Deutschland wollen und sobald sie auf deutschem Staatsgebiet sind. Haben diese Asylbewerber, egal woher sie kommen, eigentlich gute Chancen zu bleiben. Und deswegen wollen sie jetzt Asylverfahren außerhalb Deutschlands organisieren. Das ist Ruanda Light mit möglicherweise Bosnien als Partner. Zumindest soll der neue Bundeskanzler dies jetzt ernsthaft prüfen.
Sprecher 2: Ja, da sage ich mal, man kann sowas in einen Fünf-Punkte-Plan gut reinschreiben und wahrscheinlich auch auf einen One-Pager. Aber wenn der Wahlkampf vorbei ist und man an der Regierung ist, dann muss man Gesetze schreiben, dann muss man Dinge konkret verhandeln. Und da wird auch die Union merken, dass es... Nicht so leicht ist, wenn man da nicht mehr im Wahlkampf ist und Fünf-Punkte-Pläne schreiben kann, sondern wenn man echte Gesetze schreiben muss. Wenn man, wie das Drittstaatsmodell, einen konkreten Deal verhandeln will, da ist die Realität eben doch ziemlich kompliziert.
Sprecher 3: Und was ich gestern noch von einem Sondierer gehört habe, es wird auf jeden Fall ein Update des Türkei-EU-Abkommens geben und eine Ausweitung der sicheren Herkunftsländer. Das ist ja das, was die Grünen nie wollten. Also bei der Migration durchaus Konsens. Aber was hörst du denn bei Bürgergeld? Das ist ja der andere große Streitpunkt noch zwischen Union und SPD.
Sprecher 2: Ja, in der Tat, da hat die Union ja gesagt, da muss es Kürzungen geben. Das Lohnabstandsgebot ist der Union wichtig. Also es soll sich lohnen zu arbeiten. Man soll nicht mit Bürgergeld fast genauso gut fahren. Die SPD ist auch bereit, sagt aber ihrerseits, naja, so irre viel kann man da gar nicht machen. Denn Karlsruhe hat ja den Regelsatz ziemlich festgelegt. Vielleicht, so heißt es, könne man da 10 Euro runtergehen. Da kommen dann aber im Schnitt 300 Millionen Euro bei rum. Also nicht besonders viel Geld eingespart. Die andere Forderung der Union war, dass die Ukrainer künftig ins Asylverfahren sollen und deswegen eben kein Bürgergeld, sondern nur Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen sollen. Kann man machen, sagt die SPD, jedenfalls in der Theorie, aber bringt am Ende nichts, denn die Leistungen sind jedenfalls nach kurzer Zeit fast genauso hoch. Plus die ersten drei Monate können sie gar nicht arbeiten. Also besonders viel bringt das nicht.
Sprecher 3: Die Union hat ja vor allem ein Problem mit dem Namen Bürgergeld, der ihnen zu sehr... Richtung bedingungsloses Grundeinkommen geht. Sie würden es gerne neue Grundsicherung nennen. Was ist denn da möglich?
Sprecher 2: Da ist die SPD eigentlich relativ flexibel und sagt, kann man machen, über Namen kann man reden. Dass man immer so viel über den Namen redet, das ist ja schon das Nachfolgemodell zu Hartz IV, zeigt natürlich, dass in diesem Thema auch wahnsinnig viel Symbolik drin ist. Also jetzt einen dritten Namen für was ganz ähnliches. Naja, immerhin die SPD sagt, bei den Sanktionen kann man bis zur Grenze gehen, was Karlsruhe sagt. Also sie sind bereit, sich zu bewegen, aber am Ende wird es wahrscheinlich kein komplett neues Modell werden, es sei denn, Karlsruhe ändert die Rechtsprechung.
Sprecher 3: Das sind die Inhalte, Helene. Lass uns über das sprechen, was in der Politik leider immer viel wichtiger ist, nämlich Gesichtswahrung, Glaubwürdigkeit, Vertrauen. Und da hat Friedrich Merz eben Vertrauen verspielt, weil er ja gesagt hat, er bleibt bei seinen Positionen. Er hat sich als prinzipientreuer Klartext-Kandidat verkauft und räumt jetzt eine Position nach der anderen. Was in der Union so brodelt, ist ja das Thema Abhängigkeit von der SPD, aber auch die Abhängigkeit von den Grünen, die nächste Woche mitstimmen sollen. Abhängigkeit von der CSU, die weiter gegen die Grünen wettert. Das alles führt dazu, dass ein Worst-Case-Szenario intern diskutiert wird. Aus mehreren Chatgruppen habe ich das gehört. Nämlich, dass am Ende vielleicht die Zweidrittelmehrheit für diese Sondervermögen da ist, aber nicht für den Kanzler Merz. Und es dann eine rot-rot-grüne Regierung unter Lars Klingbeil mit sehr, sehr viel Geld geben könnte.
Sprecher 2: Ja, ich finde, man kann auch über Worst-Case-Szenarien nachdenken, sollte man auch. Allerdings sollte man auch nicht in eine Hysterie verfallen. Also solange ich die... Union kenne, muss ich sagen, sie trägt nicht zu Unrecht den Namen Kanzlerwahlverein. Am Ende will die CDU regieren und selbstverständlich auch das Kanzleramt besetzen. Jetzt hat sie nach dreieinhalb Jahren Pause endlich wieder diese Chance. Ich kann einfach nicht glauben, dass es überhaupt einen Unionsabgeordneten gibt, der am Ende nicht für Friedrich Merz stimmen wird.
Sprecher 3: Ja, ich glaube das auch. Das ist das alte Problem der CDU. Sie stellt den Kanzler und der kleine Koalitionspartner dominiert die Politik. Das wird so wiederkommen. Die SPD ist derzeit stärker. Und sie hat natürlich auch, selbst mit Saske Eske, mit Anke Religer, mit Manuela Schwesig, erfahrene Verhandler in dieser Gruppe. Einige in der CDU wundern sich wirklich, wie das schon am Anfang so schief gehen konnte, dass man alles präsentiert, während die eigenen Punkte mühselig noch in den Sondierungen und Koalitionsverhandlungen überhaupt erst noch reingefahren werden müssen. Friedrich Merz fehlt am Ende dann doch auch ein bisschen die Regierungs- und vielleicht sogar Verhandlungserfahrung.
Sprecher 2: Es ist natürlich für Friedrich Merz keine angenehme Situation, dass... Doch ein beträchtlicher Teil der Unionsfamilie der Meinung ist, dass dieser Mann strategisch, taktisch nicht besonders geschickt agiert.
Sprecher 3: Er vor allen Dingen auch rhetorisch immer übertreibt. Er jagt die Leute auf den Baum durch seine harte, rhetorische, klare Kante und muss sie dann mühsam in den nächsten Wochen wieder runterholen.
Sprecher 2: Ein Schritt vor, einen halben zurück. Dieses Trippeln, man weiß nicht ganz genau, wo er steht. Er scheint leicht beeinflussbar zu sein von Leuten, mit denen er spricht, seine Meinung schnell zu ändern. Aber jeder hat die Chance, im neuen Amt erstmal anzumachen.
Sprecher 4: Aber das muss er sicherlich auch tun. Das jedenfalls erwartet die CDU.
Sprecher 3: Wo er sich wirklich zu Hause fühlt, Helene, das ist Europa. Gestern war er beim EVP-Vorgipfel, also vor dem EU-Gipfel, haben sich die 13, 14 EU-Staats- und Parteichefs getroffen, die in der EVP Mitglied sind. Das ist sein Home-Turf. Wir müssen über den EU-Gipfel reden.
Sprecher 5: For me, the most important thing now is to, to be very frank, to rearm Europe. And I don't think we have a lot of time. So rearming Europe, spent on defense and deterrence.
Sprecher 4: Das waren die Worte der dänischen Regierungschefin Mette Frederiksen, die damit den Ton gesetzt hat für den EU-Sondergipfel zur Aufrüstung, der gestern Abend zu Ende gegangen ist. Und die Beschlüsse sind dann auch so ausgefallen, dass der Gipfel diesen Namen verdient. Europa rüstet auf. Insgesamt 800 Milliarden Euro sollen mobilisiert werden, zum großen Teil aus den Haushalten der Mitgliedstaaten, denn die EU selber, also die EU als Institution, hat ja gar kein eigenes Geld. Gucken wir auf die Details des von der Leyen Aufrüstungsplan. Da soll zum einen ganz ähnlich wie in Deutschland die Schuldenregel gelockert werden, damit in Verteidigung investiert werden kann. Dazu kommt ein 150 Milliarden Euro Kreditprogramm auf EU-Ebene. Staaten mit weniger Mitteln soll aus diesem Topf Geld erhalten, damit auch sie in Verteidigung investieren können. Die Europäische Investitionsbank, die EIB, soll ihre Regeln lockern. mit die Verteidigungsindustrie auch Projekte finanzieren lassen kann, also über Kredite der EEB. Und dann gibt es noch das Thema gemeinsame Beschaffung von Rüstungsgütern. Das ist auf EU-Ebene besonders wichtig, dass nicht jeder losläuft und sein eigenes Projekt macht. Und da sollen die Vergabeverfahren außerdem vereinfacht, das heißt vor allem beschleunigt werden. Das haben alle 27 Staaten so mitgetragen. Und dann gibt es noch eine zweite Erklärung zur Ukraine, die verabschiedet wurde, die zur Unterstützung der Ukraine. Da muss man jetzt sagen, nach diesem Gipfel, nur 26 Staaten stehen hinter der Ukraine, nicht 27. Viktor Orban, ungarischer Präsident und Putin-Versteher, hat sich verweigert. Die EU-Staats- und Regierungschefs haben es erst gar nicht versucht, ihn irgendwie umzustimmen. Man hat dann diese zweite Erklärung gewählt. Und so ist es eben jetzt für EU-interne Diplomatie ist keine Zeit mehr. Aber dafür gibt es eine Koalition der Willigen, die voranschreitet. Und das ist die gute Nachricht, die besteht immerhin aus 26 Mitgliedstaaten. Während Europa also die Aufrüstung auf den Weg bringt, hat die Ukraine ganz konkrete Sorgen und Probleme, die sich durch einen Gipfel und eben auch durch viel Geld nicht sofort beseitigen lassen. Eins dieser Probleme kostet womöglich Menschenleben. Die USA teilen keine Geheimdienstinformationen mehr mit der Ukraine. Dazu zählen auch Satellitenbilder und Informationen zu russischen Stellungen. Also gefährlich für die Ukraine.
Sprecher 2: Und deswegen spreche ich darüber mit Viktor Funk, unserem Ukraine-Experten vom Security Table, dem Fachbriefing für alle sicherheitspolitischen Fragen. Hallo Viktor.
Sprecher 6: Hallo Alina.
Sprecher 2: Ja, lass uns das mal genauer anschauen. Was bedeutet der Wegfall von Geheimdienstinformationen aus den USA für die Ukraine für ihren Kampf?
Sprecher 6: Die Geheimdienstinformationen sind vor allen Dingen wichtig, wenn es um die Abwehr von Angriffen aus der Luft geht. Dann braucht die Ukraine vor allen Dingen Zeit, um reagieren zu können. Und dafür sind einfach Aufklärung aus der Luft nötig, Satellitenbilder. Und wenn diese kurzfristig und direkt nicht mehr zur Verfügung gestellt werden können, Bedeutet das im Endeffekt, dass aus der Luft das Land verwundbarer wird? Darauf stellen sich im Endeffekt die Menschen jetzt ein. Ich habe auch mit unserem Korrespondenten in Kiew, Denis Zubitskoy, darüber gesprochen. Und er sagt, das ist im Endeffekt eine Einladung an Russland, die Angriffe von oben zu intensivieren.
Sprecher 2: Die Europäer überlegen jetzt, wie sie damit umgehen, ob sie der Ukraine selbst die Informationen zur Verfügung stellen können, die sie braucht. Was hörst du davon, wie aussichtsreich sind diese Versuche?
Sprecher 6: Europa hat sicherlich Mittel. Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Es gibt ja auch europäische Satelliten, kommerzielle Satelliten, die dieser Bilder zur Verfügung stehen können. Ich weiß nicht, wie schnell das geht. Die Militärsatelliten oder militärische Aufklärung dürfte sicherlich viel schneller gehen. Und das ist eigentlich das, was der Ukraine dann fehlt.
Sprecher 2: Vielen Dank für deine Einschätzung, Viktor.
Sprecher 6: Gerne.
Sprecher 3: Rückschlag also für die Ukraine und leider auch die Fortsetzung des Trends, dass die USA sich schrittweise von Europa abwendet. Deswegen wurde gestern auf dem EU-Sondergipfel natürlich auch über sehr viel Geld geredet. Und Emmanuel Macron bietet bereits die Erweiterung des nuklearen Schutzschirms Frankreichs auch für übrige Mitglieder an. Da ist einiges los. Wir wollten mal wissen, was sagt einer, der meistens mit am Tisch sitzt, nämlich der Vize-Chef der EVP, der Chef des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament, David McAllister. Einen schönen guten Tag, hallo Herr McAllister.
Sprecher 7: Einen schönen guten Tag.
Sprecher 3: Sie waren Gast bei dem Treffen der EVP-Staats- und Regierungschef auf Friedrich Merz. Da gibt es einen gemeinsamen Willen, auch deutlich mehr Geld für diese Europäische Verteidigungsunion auszugeben?
Sprecher 7: Ja, alle wissen, dass wir mehr für unsere eigene Sicherheit und Verteidigung tun müssen. Das ist auch keine neue Erkenntnis, aber jetzt ist eben der Druck sehr viel größer geworden. Ich finde es auch gut, dass die Kommissionspräsidentin konkrete Vorschläge gemacht hat, was man denn machen kann, damit die Europäische Union alle zur Verfügung stehenden finanziellen Möglichkeiten nutzen kann, um die Mitgliedstaaten dabei zu unterstützen, die Ausgaben für die Verteidigungsfähigkeit schnell und zugleich beträchtlich zu erhöhen.
Sprecher 3: Henry Kissinger hat immer gesagt, wen rufe ich denn an, wenn ich in Europa anrufen will? Wer ist jetzt dieses neue Machtzentrum in Europa, das diese historische Herausforderung meistern muss?
Sprecher 7: Also die beiden führenden Vertreter der Europäischen Union sind die Kommissionspräsidentin. Ursula von der Leyen und der Ratspräsident Antonio Costa. Also das sind die beiden, die die Europäische Union vertreten. Und darüber hinaus spielen natürlich immer die Staats- und Regierungschefs eine besondere Rolle. Mal ist ein Land mehr im Mittelpunkt, mal ist das andere. Aber klar ist auch, dass Deutschland... Als größtes Mitgliedsland der Europäischen Union, als stärkste Volkswirtschaft und auch als wichtiger NATO-Verbündeter, gerade in diesen sicherheits- und verteidigungspolitischen Fragen, zusammen mit Frankreich und Großbritannien, eine wichtige Rolle spielen wird. Umso wichtiger ist es, dass wir zügig die Regierungsbildung in Berlin abschließen, damit Deutschland auch wieder voll handlungsfähig ist in den europäischen und internationalen Institutionen.
Sprecher 3: Hat Friedrich Merz diesen Führungsanspruch deutlich gemacht?
Sprecher 7: Also Friedrich Merz ist mit großem Applaus im Kreise der EVP-Staats- und Regierungschefs und der Parteivorsitzenden aufgenommen worden. Er kennt ja alle Beteiligten, er hat sich in den letzten Jahren ja auch intensiv um persönliche Kontakte gekümmert. Und insofern war natürlich parteipolitisch auf der einen Seite eine Freude da, dass... Wie es aussieht, eine EVP-Mitgliedspartei bald auch wieder den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland stellen kann. Aber darüber hinaus gibt es eben auch eine große Hoffnung, dass insgesamt die Bundesregierung wieder präsenter ist auf der europäischen Bühne. Denn wir haben in den letzten Jahren schon hier und dort als Deutsche nicht so uns präsentiert, wie das eigentlich vom größten Mitgliedsland der Europäischen Union erwartet wird. Und insbesondere... muss auch die Zusammenarbeit im Weimarer Dreieck zwischen Berlin, Paris und Warschau besser gepflegt werden. Und dafür steht Friedrich Merz, da bin ich mir sehr sicher.
Sprecher 2: Vielen Dank, Herr McAllister.
Sprecher 7: Alles klar, vielen Dank.
Sprecher 2: Wir befinden uns im dritten Jahr der Rezession. Das gab es noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Und um über Lösungen nachzudenken, wollten wir auch bei Table Briefings einen Beitrag leisten. Deswegen haben wir in insgesamt sechs Folgen hier die Innovationsagenda 2030 von der Deutschen Börse und dem Start-up-Verband vorgestellt. Es war immer der erste Freitag im Monat und dieser Freitag ist das letzte Mal. Heute ist das Kapitel Diversität an der Reihe, denn die ist nicht nur wichtig für eine gute Stimmung im Unternehmen, sondern sie ist auch wichtig für die Rendite. Es geht also nicht nur um Wokeness, es geht um Wirtschaft. Und Michael Bülker spricht mit Dr. Kathi Ernst, der Co-Gründerin von UJA.
Sprecher 3: Einen schönen guten Tag, Frau Ernst.
Sprecher 8: Hallo.
Sprecher 3: Nur 20 Prozent der Gründenden sind weiblich. Das ist weit weg von den Zielen, die sich auch der Startup-Verband gegeben hat. Woran liegt es?
Sprecher 8: Also tatsächlich muss ich erstmal sagen, die Zahl ist sogar nochmal runtergegangen. Wir haben ja 25 aktualisierte Zahlen bekommen. Wir sind jetzt bei 18,8 Prozent. Es gab einen Rückgang.
Sprecher 3: Das ist ja sogar weniger als Frauen im Bundestag.
Sprecher 8: Ja, sogar im neuen Bundestag. Genau. Also sich zu formen im Bundestag.
Sprecher 3: Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist schon schwer. Vereinbarkeit von Start-up und Familie ist wahrscheinlich noch schwerer.
Sprecher 8: Ja, in der aktuellen Wirtschaftslage scheint es so zu sein, dass Frauen noch demotivierter sind, Firmen zu gründen. Und da der Fährscher ja bei 50 Prozent wäre, haben wir da auf der einen Seite eine riesige Lücke, auf der anderen Seite riesiges Potenzial.
Sprecher 3: Aber was macht man ganz konkret? Wie macht man es den Frauen schmackhafter oder ist es am Ende alles eine Frage der Rahmenbedingungen?
Sprecher 8: Eine einfache Lösung gibt es nicht auf dieses Problem. Es beschäftigen sich ja viele Menschen und viele Parteien ja mit dem Thema schon seit sehr vielen Jahren. Das heißt, die Lösung von heute auf morgen gibt es nicht. Wir haben ja eine gute Lösung schon gefunden, jetzt noch Ende des letzten Jahres mit der Innovationsagenda, dass wir die Absetzbarkeit der Kinderbetreuungskosten deutlich erhöht haben auf 6.000 Euro. Das war ein super schneller Erfolg, den wir gewinnen konnten. Es ist immer noch so, dass natürlich ein Großteil der Care-Arbeit bei Frauen liegt in diesem Land. Und das führt dazu, dass viele Menschen, die vielleicht gründen wollen oder bereits gründen, das als sehr herausfordernd sehen, wenn sie zeitgleich auch die Kinderbetreuung unterkriegen müssen. Da gibt es natürlich sehr viele Stellschrauben, die nicht nur die Kinderbetreuung sichern, sondern auch die finanziellen Implikationen hiervon.
Sprecher 3: Also im Grunde sind die Kita-Plätze und die Nanny-Struktur, sage ich jetzt mal, im Großen sind wahrscheinlich die Hauptkriterien, damit es überhaupt möglich wird, dass Frauen sich die Selbstständigkeit zutrauen.
Sprecher 8: Es fängt ja damit an, dass die meisten Selbstständigen gar keinen Mutterschutz erhalten. Also das ist ja Schritt 1, diese 12 Wochen rund um die Geburt, dass die normalerweise bei Selbstständigen nicht abgesichert ist. Man braucht dafür eine Zusatzversicherung und die wenigsten Versicherungen weisen die Frauen proaktiv auf diese Option hin. Und dann fehlt sie, wenn das Kind denn unterwegs ist oder kommt. Es geht weiter natürlich bei dem Elterngeld, das auch nicht so strukturiert ist, dass man sich vorstellen kann, dass jemand sehr kurz schon nach der Geburt Lust hat und auch muss, als Geschäftsführerin zum Beispiel, in einer Firma. weiter aktiv zu sein, wo man natürlich Geld verdient und parallel dazu ein Kind großzieht.
Sprecher 3: Und es sind doch auch die Role Models, die immer wieder genannt werden. Also Frauen, die es schon gezeigt haben, dass es geht, dass es gar nicht so schwer ist. Wer sind die? Sind das zu wenige? Wie kriegt man vielleicht mehr Aufmerksamkeit?
Sprecher 8: Das kam erst vor ein paar Wochen in der Studie aus Dänemark raus mit hunderttausenden Jugendlichen, die gezeigt hat, dass der Haupthebel tatsächlich ist, dass junge Frauen im Teenageralter schon Berührung haben mit gründenden Frauen. Also entweder eine Mutter oder eine Freundin der Mutter, eine Nachbarin, eine Bekannte, eine Tante. Irgendeine Frau in ihrem Umfeld, die ihnen zeigt, wie das überhaupt geht. Dass es Frauen gibt, die für sie anfassbar sind, die sowas machen. Ich fände es ganz toll, wenn wir überlegen, wie können wir denn auch diese kleineren Geschichten im kleineren Rahmen in Form von Schulbesuchen, kleinen Praktika, die eben bei weiblich geführten Startups stattfinden, wie können wir Jugendliche noch mehr in Berührung damit bringen?
Sprecher 3: Wir reden über Frauen, die sind ja nun gar keine Minderheit, sondern die Mehrheit in diesem Land. Diversität ist das Thema und das betrifft natürlich vor allem Menschen mit Migrationshintergrund. Die es in der öffentlichen Debatte in den letzten Monaten natürlich schwer haben. Von Willkommenskultur ist wenig zu spüren. Es wird über die Fehlschläge diskutiert, über weniger Zuwanderung. Macht Ihnen das Sorge?
Sprecher 8: Das macht mir und dem ganzen Verband natürlich riesige Sorge. Also Menschen mit Migrationshintergrund werden nicht nur als Gründer und Gründerinnen gebraucht, sondern ja auch als Talente, die mit dann die Unternehmen voranbringen, die wir haben. Also Arbeitskräfte, die weiter arbeiten an den Dienstleistungen zum Beispiel, die wir entwickeln als Startups. Im Gegensatz zu den Frauen ist es so, dass die Gründerquote, Gründerinnen, Quote bei den Micro-Investors eigentlich so ist, entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung. Sind ja ungefähr knapp über 20 Prozent der Bevölkerung, hat Migrationshintergrund. Das deckt sich mit der Anzahl der Gründer und Gründerinnen, die Migrationshintergrund haben. Und es ist auch eine sehr besondere Gruppe, denn die zeigt außergewöhnlich hohes Innovationslust und außergewöhnlich hohe Lust, wirklich große Firmen zu machen.
Sprecher 3: Warum ist das so, Ihrer Meinung nach?
Sprecher 8: Meine Hypothese ist, dass Familien, die eben aus einem Background kommen, wo sie bereits aus anderen Kulturen hergekommen sind, die in multikulturellen Hintergründen aufwachsen, die Eindrücke haben von verschiedenen Bereichen, dass da vielleicht so ein bisschen mehr Innovation in den Köpfen vorkommt. Das merkt man ja immer wieder, dass diverses Denken zur Innovationskraft beiträgt. Und das heißt, die sind ein absolutes Fund für dieses Land. Leider ist es aber so, dass auch Migrant Founders eine deutlich schwierigere Zeit haben, zum Beispiel Kapital zu bekommen.
Sprecher 3: Warum? Weil diejenigen, die das Geld geben, weiße alte Männer sind, die lieber weiße junge Männer fördern?
Sprecher 8: Auch hier können wir neue Hypothesen bilden, aber wir wissen, dass es den sogenannten Thomas-Effekt gibt, dass Menschen gerne Menschen fördern und fordern, die ihnen möglichst ähnlich sind. Dass es gar keine bewusste Bevorzugnahme, sondern ein unkonsumiertes Bias eben da stattfindet. Und das ist natürlich nicht nur für Frauen herausfordernd, sondern genauso für Menschen, die vielleicht anders aussehen, anders klingen als man selber, wenn es darum geht, Kapital zu bekommen.
Sprecher 3: Unternehmertum, Gründermentalität, seit 10, 20 Jahren reden wir darüber mit diversen Ökonomen und Experten und Gründern und so richtig entwickelt sich Deutschland nicht. Zum Gründer-Hype-Land, oder? Sind wir es vielleicht einfach nicht?
Sprecher 8: Wir sind es auf jeden Fall.
Sprecher 3: Ich denke, wir sind eher Beamte, Angestellte. Sicherheitsfanatiker.
Sprecher 8: Ich glaube nicht. Wir haben wirklich die Top-Ausbildung hier in Deutschland. Wir haben so innovative Universitäten. Es kommen fantastische Gründungsideen eben aus dem Forschungsumfeld, was spitzenmäßig ist auf internationalem Niveau hier in Deutschland. Es geht eher wirklich darum, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass die Menschen, die die Ideen haben, wissen, wie bringe ich das jetzt auf die Straße. Dass die Menschen, die eine Innovation haben, wissen, woher kriege ich das Geld, um das auf die Straße zu bringen. Es ist eigentlich alles da. Wir müssen nur die verschiedenen Puzzlestücke miteinander verbinden.
Sprecher 3: Friedrich Merz hat immerhin versprochen, jetzt machen wir mal das Digitale zur Chefsache. Ich möchte ein Digitalministerium, das relevante auch Vetorechte am Kabinettstisch hat. Ist das überfällig?
Sprecher 8: Auf jeden Fall. Wir sind da einfach so weit, meilenweit hinterher und gerade in der Gründungsszene, wenn es darum geht, zum Beispiel eine Firma zu gründen, der ganze Prozess dahinter, die ganze Bürokratie dahinter, um überhaupt sowas auf die Beine zu stellen, ist schon ein Hindernis, gerade eben zum Beispiel für Frauen, die da vielleicht nicht so eine große Ausbildung haben wie Männer im Schnitt.
Sprecher 3: Frau Ernst, Ihr Wort in das Ohr von Friedrich Merz und sonstiger politischer Entscheidungsträger. Wir werden in den nächsten Wochen sehen, was er genau vorhat, auch bei Ihren Themen. Vielen Dank für den Input. Und wer mehr wissen will, was in der Innovationsagenda 2030 zum Thema Diversität steht, der sollte dringend mal vorbeischauen bei startupverband.de und dann auf die Innovationsagenda klicken. Viele kluge Ideen und konkrete Modelle. Vielen Dank, dass Sie heute bei uns waren.
Sprecher 8: Herzlichen Dank.
Sprecher 3: Helene, war noch was?
Sprecher 2: Michael, morgen ist Weltfrauentag. Are you prepared?
Sprecher 3: Of course I am. What do I have to do?
Sprecher 2: Du musst heute einkaufen gehen, denn morgen haben jedenfalls die meisten Geschäfte in Berlin zu. Wir reden jetzt nur an alle Berlinerinnen und Berliner. Im Rest der Bundesrepublik gibt es diesen wunderbaren Frauentag nämlich nicht, der leider in diesem Jahr auf einen Samstag fällt. Deswegen, ein paar Supermärkte haben offenbar auf, aber... Man kann sich nicht darauf verlassen. Also, go shopping today.
Sprecher 3: Sehr pragmatische Aussage jetzt zum Weltfrauentag. Ich dachte, von dir kommt so eine feministische Grundsatzrede jetzt.
Sprecher 2: Ja, Michael, wie konntest du denken, dass sie nicht kommt? Sie ist ganz kurz und einfach und klingt außerdem gut. Can't hold us down.
Sprecher 9: I'm the sky, I'm the sky. Never can, never will. And hold on. Oh, my God. Around the world. Oh, my God. Around the world. Baby, touch me now. Yeah. What do we do, girl? Shout out. Letting them know. We're the same. Like, like, like. Oh. Never can, never will. Hold on.