Round Table mit Peter Sölkner
Warum ist Deutschland längst nicht mehr die „Apotheke der Welt“?
Peter Sölkner, Geschäftsführer von Vetter Pharma, ist in dieser Samstagsausgabe zu Gast. Er sagt: „Wir haben den Zug in Richtung moderne Biotechnologie lange verschlafen.“ Er betont, wie entscheidend es wäre, die Innovationskraft im eigenen Land besser zu nutzen, und verweist auf das Beispiel der mRNA-Technologie, bei der Deutschland an der Spitze hätte stehen können. Gleichzeitig macht er deutlich, wie sich Vetter Pharma international positioniert hat: „7 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir im deutschsprachigen Bereich.“
Haben Pharma und Chemie in Deutschland überhaupt noch eine Zukunft? Wenn ja, was muss passieren?
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Der März beginnt hier bei uns mit einer Sonderausgabe von Table Today und wir haben wieder einmal einen spannenden Wirtschaftsführer zu Gast. Aber zunächst einmal ein Satz zur Pharmaindustrie in Deutschland, die inzwischen eigentlich einen Stellenwert bekommen hat, wie ihn bisher vielleicht immer der Maschinenbau oder die Autoindustrie hatte. Sie ist eine bedeutende Branche geworden. Mit insgesamt 16 Prozent vom Umsatz ist sie die forschungsintensivste Branche in Deutschland, also Innovationen der Zukunft. Sie werden vor allem in dieser Branche geleistet. Sie liegt deutlich vor dem Fahrzeugbau oder der Elektroindustrie, was die F&E-Investitionen betrifft. Sie ist mit über 700 Unternehmen und 140.000 Beschäftigten eine der größten Branchen hier in diesem Land. Und sie hat Wachstumspotenzial. Einer, der das besser beurteilen kann als viele andere, ist Peter Sölgner. Er ist CEO von Fetter Pharma, ein Hidden Champion am Bodensee. Eine Milliarde Euro Umsatz macht dieser Apfelspezialist für medizinische Produkte. Mehr als 7000 Mitarbeiter an 18 Produktionsstätten in über sechs Ländern agieren allerdings eher im Hintergrund. Das wollten wir verändern, denn dieser Manager hat durchaus etwas zu sagen und spricht mit uns nicht nur über seine Branche, sondern vor allem auch über den Standort Deutschland und was in diesem Lande besser laufen kann. Einen schönen guten Tag, schön, dass Sie hier bei uns im Podcast sind. Hallo, Herr Sölgner.
Sprecher 3: Schönen guten Tag, Herr Brücker. Freut mich.
Sprecher 2: Deutschland war ja mal die Apotheke der Welt. Sind wir das eigentlich immer noch?
Sprecher 3: Nee, die Apotheke der Welt sind wir nicht mehr. Also da, wenn man da einen kleinen historischen Exkurs wagt, 1980, 1981, die beiden größten Pharmaunternehmen der Welt, damals die Firma Höchst und die Firma Bayer, waren da sicherlich federführend. Die Firma Höchst gibt es schon gar nicht mehr, die ist in den Sanofi-Konzern übergegangen. Firma Bayer, ja gut, kommt ja auch nicht so ganz richtig aus den Schlagzeilen raus. Aber Höchst wurde damals Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre unter anderem auch von der Grünregierung rings um Frankfurt unter einem Joschka Fischer erfolgreich eine Anlage bestreikt. Für über sieben Jahre, die man mit Prozessen überzogen hat, da ging es um die Herstellung von Insulin. Mittlerweile das Normalste der Welt, da hieß es aber Gentechnik, wird da veranstaltet in Frankfurt. Und man hat wahrscheinlich erwartet, dass da Leute mit drei Köpfen und fünf Armen aus dem Werkstor rauslaufen, was in der Tat nicht der Fall war. Und was ist passiert zu dem Zeitpunkt, wenn wir mal einfach 40, 45 Jahre zurückgehen, Geburtsstunde der amerikanischen Biotechs, Genentech, Amgen, Biogen und andere haben da entsprechend auch weiter dran geforscht, erfolgreiches Business aufgezogen und da waren wir eigentlich schon einen ganzen Schritt voraus und diesen ganzen Zug in Richtung moderne Biotechnologie, den haben wir eine ganze Zeit lang verschlafen, bis man dann irgendwann gemerkt hat, naja, so die... Typische Herztablette und alles das, was wir da erforscht und entwickelt haben, die hat auch so langsam so den Zenit überschritten. Wenn man sich jetzt die Zulassungsverfahren anguckt, mehr als die Hälfte der Zulassungen, auch bei der amerikanischen Zulassungsbehörde, sind ungefähr so 45, 50 Präparate pro Jahr. Etwas mehr als die Hälfte sind mittlerweile injizierbare Substanzen, sowas, was auch Fetter unter anderem abfüllt. Und der Rest geht dann noch in den Pillenbereich. Diesen Zug, den haben wir ein bisschen verpasst.
Sprecher 2: Klären wir für die Zuhörer und Zuhörerinnen auch nochmal auf. Fetter selbst stellt ja keine Wirkstoffe her. Sie sind aber Spezialist für die Abfüllung, zum Beispiel in Kapulen oder Spritzen und damit Teil der Pharmaindustrie in Deutschland.
Sprecher 3: Genau, also eigentlich auch nicht in Deutschland, Schrägstrich. Man muss dazu sagen, dass sieben Prozent unseres Umsatzes im deutschsprachigen Bereich derzeit verdient wird. Und deutschsprachiger Bereich heißt für mich, da zähle ich auch noch Basel mit den beiden großen Pharmafirmen mit dazu. Und was sich bis Berlin hier dann abspielt und alles andere dazwischen, macht ungefähr sieben Prozent unseres Umsatzes aus. Wir sind ein extrem international aufgestelltes Geschäft.
Sprecher 2: Aber wie viele Ihrer Mitarbeiter von den 7000 sind in Deutschland?
Sprecher 3: Da sind 6.300 in etwa in Deutschland und wir haben einen relativ geringen Anteil, der im Ausland tätig ist. Beispielsweise in unserem Fetter Development Service in der Nähe von Chicago, wo es um Muster für klinische Phasen geht. In Österreich beispielsweise, wo wir das Gleiche betreiben, plus unsere Asia Pacific Offices und die ein oder anderen Leute, die sich bei uns im Vertrieb damit beschäftigen. Alle anderen sind eigentlich eher um den Schornstein. Und rum im Bodensee-Kreis beschäftigt.
Sprecher 2: Weil es sehr interessant ist. Das heißt, sie sind zwar gebunden, was die Mitarbeiter, was die Heimat, was natürlich auch die Gründung und so weiter betrifft, aber eigentlich der Inbegriff eines exportorientierten Unternehmens.
Sprecher 3: Absolut. Ja, in der heutigen Zeit, ganz interessant, und wenn wir vielleicht noch darauf kommen, 50 Prozent. USA-Anteil, also the man with the pen, wer gibt uns die Unterschrift, sind 50% amerikanische Firmen oder zumindest im Headquarter in den USA. Nicht 50 Prozent der Waren, die wir dann abfüllen, landen auch wieder in den USA. Das ist nicht so. Das sind dann eher 15 Prozent. Dann haben wir in etwa so rund 35, 40 Prozent in den typischen westeuropäischen Pharma-Staaten. Und dann haben wir ungefähr 10, 15 Prozent noch in Asia Pacific natürlich angeführt, so wie ein japanischer Markt bis in Korea und ein paar andere.
Sprecher 2: Was heißt denn dann Trumps America First Politik für Sie?
Sprecher 3: Ja, erstmal gar nichts. Also das muss man ganz klar sagen.
Sprecher 2: Weil ihr vor Ort ohnehin seid.
Sprecher 3: Wir sind vor Ort. Auf der anderen Seite sind wir ein kleiner Teil der Wertschöpfungskette, muss man auch dazu sagen. Und auf der anderen Seite, denke ich mal, ist fetter, auch von den Amerikanern erkannt, ist mir damals klar geworden bei Wikileaks, wo auf einmal die Stadt Ravensburg interessanter war für die Amerikaner als die Stadt Hamburg, dass zur kritischen Infrastruktur mitgehört. Ich möchte mir die Diskussion auch nicht im Kongress vorstellen, wenn es hinterher zu Drug Shortage und solchen Themen kommt, dass also da amerikanische Patientinnen und Patienten mit lebenskritischen Medikamenten nicht adäquat versorgt werden würden. Wenn man das Ganze jetzt mal so durchdekliniert, das ganze Thema. Das ist mal das eine. Auf der anderen Seite, glaube ich, glaube ich auch nicht, dass die Sache ganz so heiß gegessen wird, wie sie derzeit gekocht wird. Das ist halt so, dass der Herr Trump mit seiner Administration erstmal so ein bisschen versucht, so ein paar Schockwellen auszulösen, mal zu gucken, Teil der Verhandlungsstrategie, was dann dabei rauskommt. Also insofern, dass wir jetzt unmittelbar eins zu eins da morgen von betroffen sind, davon gehe ich nicht aus. Und ganz ehrlich, wenn ich mir allein überlege, eine Investition in ein neues Pharmawerk im Saarland, das dauert, bis wir die Idee haben, haben ein Grundstück gefunden, bauen sowas, stellen eine Anlage rein, validieren die, dass sie auch allen Behörden Anforderungen genügt. Da sind wir fünf bis sechs Jahre die Straße runter. Und danach kann ich doch im Prinzip mein Unternehmen nicht ausrichten. Ich muss auch andere Entscheidungen treffen, die wir für wichtig und richtig halten, in dieser international sehr verzahnten Pharma- und Biotechnologie.
Sprecher 2: Entscheidend wäre ja, wie der Vergleich einer solchen Fabrik mit anderen europäischen Ländern ist, die fünf bis sechs Jahre.
Sprecher 3: Ja, naja gut, das hat jetzt nichts mit Deutschland und unserer überbordenden Bürokratie und anderen Themen zu tun.
Sprecher 2: Das ist die Komplexität der Werke.
Sprecher 3: Das ist die Komplexität der Werke, hat was mit internationalen Zulassungsbehörden zu tun. Auch die europäische Zulassungsbehörde ist da sehr einig, auch mit der amerikanischen Zulassungsbehörde oder mit anderen internationalen Zulassungsbehörden, die also bestimmte Regularien erfüllt sehen wollen. Da wird halt jede Schweißnaht zum Teil geröntgt. Da habe ich halt gewisse Dinge zu validieren, nachzuweisen. Eine Dokumentation eines solchen Werkes, wir haben das mal, mittlerweile wird man es eher digital machen, da haben wir bis zu 13.000 Leitsordner schon mal gesammelt für eines unserer Werke. Also es ist schon brutal, was ich da eigentlich darstellen muss.
Sprecher 2: Noch nichts zu Elon Musk, der ja 200.000 Blatt Papier für seine Fabrik in Brandenburg brauchte, wie er neulich gesagt hat. Weiß man nicht, ob es stimmt, aber es ist jedenfalls nicht einfach.
Sprecher 3: Ist nicht einfach.
Sprecher 2: Lassen Sie uns mal über die Pharma-Strategie der Bundesregierung und vor allem den Pharma-Standort reden. Ich habe so ein bisschen das Gefühl, Deutschland ist auf der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell. Man sucht die Branchen, die uns in die Zukunft führen können, den neuen Wohlstand sichern können. Spätestens nach Biontech ist den Leuten aufgegangen, Mensch, Life Science, Pharma könnte eine völlig neue Rolle spielen. Ist das richtig?
Sprecher 3: Ja, ich denke, wir haben ein bisschen so von der Apotheke der Welt, wie wir es eingangs im Podcast hatten, bis zu dem, dass wir uns wiederentdecken und sagen, es gibt bestimmte Technologien, die hier in Deutschland auch erforscht wurden, wie unter anderem mRNA-Technologie, ob das jetzt eine BioNTech, eine CureVac ist. Neben Moderna in den USA waren wir da ganz, ganz vorne unterwegs gewesen. CureVac hat ein bisschen den Zug verpasst gehabt, aber von den Grundsteinen her, was dort erforscht und entwickelt wurde, konnte sich durchaus sehen lassen. Und auf der anderen Seite, wenn man ganz ehrlich ist, sind wir ja auch in Deutschland dazu verdammt, wenn ich jetzt mal wieder die Analogie zur Automotive-Industrie wähle, S-Klasse hier zu bauen im Land. Spitzentechnologie, die irgendwo weltweit gefragt ist, da kann ich nicht irgendwelche MeToo-Sachen abliefern, sondern ich muss relativ vorne mit dabei sein.
Sprecher 2: Egal in welcher Branche, wir müssen irgendwie...
Sprecher 3: Egal in welcher Branche, da müssen wir recht weit vorne sein. Und wir haben eigentlich von dem, wenn auch die Patentanmeldungen zurückgehen in Deutschland, wenn ich das zum Beispiel jetzt mit China, weiterhin mit den USA...
Sprecher 2: Zumindest relativ gesehen zu China oder asiatischen Ländern.
Sprecher 3: Und USA-Platz hier in der biopharmazeutischen Industrie. wo wir auch sind. Also in dem relevanten Marktbereich sind die taktangebend. Auf der anderen Seite haben wir auch eine ganze Menge noch an geistigem Eigentum, an guten Universitäten, an guten Instituten, an Fachfirmen, die zum Beispiel in der Zulieferindustrie extrem wichtig sind. Ich denke dann nur an das Edelstahl-Dreieck Rengs um Kralzheim. Wenn ich mir auf dem Planeten wirklich eine Top-Apfelmaschine kaufen möchte, dann finde ich die vielleicht in Norditalien. Aber ich finde sie vor allen Dingen auch in Deutschland, in Baden-Württemberg, Rengs um Kralzheim. Die sind fast alle im Umfeld von 50 Kilometern. Da gibt es dann auch Zulieferanten wie eine Feta. Es gibt andere CDMOs, die ja taktgebend sind. Es gibt auch weiterhin gute Biotechs. Ich denke schon, dass das eine der Zukunftsindustrien für uns sein kann. Und da ist auch Feta, glaube ich, ein ganz guter Beleg dafür, wie ich es schaffen kann, eine wirkliche Transformation hinzubekommen von Automotive-Arbeitsplätzen und anderen Arbeitsplätzen hin zu Pharma-Biotech.
Sprecher 2: Was brauchen wir denn dafür?
Sprecher 3: Beispiel, wir brauchen zunächst erstmal, dass wir ein Stück weit unseren deutschen Föderalismus mal sein lassen, bestimmte IHKs miteinander verschalten. Wir haben es gezeigt, Gott sei Dank haben wir eine IHK am Bodensee, also Bodensee-Oberschwaben, die das mitgeht. Wir haben jetzt vier verschiedene Zusatzqualifikationen, mit denen als Curriculum entwickelt.
Sprecher 2: Also wir reden erstmal über Fachkräfte.
Sprecher 3: Über Fachkräfte. Also Fachkräftemangel, wie kriegen wir das hin? Also auch da, wo sich jeder drüber beschwert, ist, ja, wir haben den Fachkräftemangel. Jetzt haben wir aber momentan wahrscheinlich steigende Arbeitslosigkeit versus Fachkräftemangel. Und die eine Industrie versus die andere Industrie. Und da muss ich dann ja auch Leute entwickeln können, wenn jetzt beispielsweise einer... Roboter in einem Automotivwerk bedienen konnte und ist dort Industriemechaniker. Warum soll der nicht Sterilmechaniker in Pharma-Biotech werden mit einer Zusatzqualität? Oder die Bäckerin bei uns am Bodensee, die gesagt hat, so, jetzt habe ich mal Teig im Großformat angerührt für meine Brote. Da ein Ansatz pharmazeutisch nur ein bisschen exakter und vielleicht aus Milligramm ausgewogen etwas genauer zu machen. Und die kriegt hinterher eine Ausbildung als Pharmakantin und ist nicht mehr die Bäckerin nach fünf Jahren, die durch Zufall bei Vetter gearbeitet hat, sondern ist dann wirklich eine voll ausgebildete Fachkraft in Pharmabiotek. Das sind eigentlich so die Konzepte, die wir da brauchen.
Sprecher 2: Wie viel suchen Sie gerade?
Sprecher 3: Also wir haben dieses Jahr Nettoeinstellung 450 Leute, die wir netto einstellen. Also inklusive mit Fluktuation und so weiter können sie in etwa so von 600, 700 Leuten ausgehen, die wir dieses Jahr einstellen. Letztes Jahr waren es 566 netto, knapp 1000 Leute.
Sprecher 2: Und wie viele davon sind hochqualifizierte Fachkräfte und wie viele sind einfache Arbeiter?
Sprecher 3: Also sagen wir mal, die allermeisten, die bei uns an Bord sind, haben eine abgeschlossene Berufsausbildung. Wir haben auch einige Positionen für nicht gelernte Kräfte, beispielsweise so in der optischen Kontrolle, wo man denen das auch beibringen kann, wie das Ganze läuft. So etwas haben wir auch. Aber sagen wir mal, von den 566 würde ich einfach mal behaupten, sind mehr als 80 Prozent Leute, die irgendeine abgeschlossene Berufsausbildung haben, entweder einen Quereinstieg dort mit einer Zusatzqualität bei uns machen oder zum Teil dann auch direkt auf bestimmte Positionen passen.
Sprecher 2: Wo kriegen Sie die Leute her? Aus dem Ausland oder aus dem Inland?
Sprecher 3: Ja gut, eigentlich schon aus dem Inland. Wobei man sagen muss, dass Vetter 76... Nationen beschäftigt. Das ist bei 7.000 Mitarbeitenden auch nicht selbstverständlich. Wenn ich mir das angucke, dass wir ja wie gesagt 6.300 von unseren 7.000 Mitarbeitenden etwa im Bodenseekreis beschäftigen, kann man sich das auch vorstellen, dass da Leute aus aller Herren Länder bei uns integriert sind. Wir haben beispielsweise auch ganz gute Erfahrungen damit gesammelt, gebe ich ganz offen zu, mit handselektierten Lebensläufen, Leute, die wir uns genau angeguckt haben, denen wir auch mit eigenen Sprachtrainern, die wir mittlerweile bei uns angestellt haben, ein B1-Sprachzertifikat dort haben zukommen lassen. Wir machen derzeit ein integratives Jahr beispielsweise auch mit einer Gruppe von jeweils zweimal 15 Leuten, die wir gefunden haben, weil wir haben eigentlich festgestellt, da gibt es welche, Da hapert es ein bisschen an der Sprache. Die bringen aber aus ihren Ländern zum Teil eine gewisse Qualifikation mit und haben da auch schon mal drei Sachen gemacht. Denen geht es zu helfen, weil halt... Alle SOPs, also die Vorschriften, die man bei uns lesen muss, die sind nun in Deutsch erstellt. Die Sprache ist nun Deutsch und Englisch wird uns da auch nicht viel weiterhelfen. Dann würden wir eigentlich die unsere eigenen Leute dabei verlieren, die rings um den Häuserblock bei uns arbeiten. Also insofern Regierungspräsidium Tübingen als die für uns maßgebliche Behörde. Wird das ganz gerne natürlich auch in Deutsch sehen. Insofern brauche ich da eine gewisse sprachliche Qualifikation, um zumindest zu verstehen, welchen Job mache ich da in einem hochgradig regulierten Umfeld von Pharma und Biotech.
Sprecher 2: Wie schlägt sich denn die Stimmung in Deutschland gerade bei Ihnen im Betrieb wieder? Wir haben nicht nur Rezession, sondern wir haben natürlich auch eine harte Debatte jetzt über Monate geführt, über Gewaltkriminalität von Asylbewerbern. Migranten, Ausländern. Schlägt sich das in der Bewerbung bei einem internationalen Unternehmen wie Ihrem?
Sprecher 3: Nein, eigentlich merken wir das nicht. Ich sehe das auch eigentlich so, wenn einer bei uns eincheckt mit der Plakette am Werkstor, so my only God is quality, dann habe ich mich so zu verhalten, dass ich entsprechend diesem Qualitätsanspruch, dieser fetter DNA entspreche und wirklich eine exakte Arbeit abliefer. Das ist die Karte, die bei uns Trumpf ist. Wir haben es auch noch zu keinen Spannungsfeldern, ist es da nicht gekommen bei uns im Betrieb, zwischen irgendwelchen ethnischen Gruppen oder bestimmte Leute, die auf einmal aufeinander losgehen. Wir haben sowohl Ukrainer, wir haben Russen bei uns beschäftigt, wir haben alles Mögliche. Also dazu ist es überhaupt nicht gekommen. Was wir natürlich auch feststellen ist, dass gerade auch Leute, die bei uns sehr wohl integriert sind, die genau diesen Sprung geschafft haben, die in unseren Systemen drin sind und die arbeiten, sehr wohl auch sich abgrenzen wollen, zum Beispiel von solchen hässlichen Anschlägen, wie wir sie da in letzter Zeit erlebt haben. Und nur weil die jetzt zum Teil ähnlich aussehen, haben diese Leute eigentlich darunter zu leiden. Das ist nicht lustig für die, dass sie auch sagen, ich möchte da nicht über einen Kamm geschoren werden, auch in der öffentlichen Betrachtungsweise. Da muss man sehr, sehr stark differenzieren und auch sagen, okay, Ross und Reiter will genannt sein. Die Leute, die hier wirklich keine Aufenthaltsgenehmigung haben und topf vielleicht sogar noch straffällig werden und so richtig komisch auffallen, dass man da sagt, Leute, jetzt ist Schluss, Abfahrt. Das funktioniert nicht. Auf der anderen Seite bin ich aber auch sehr, sehr schwer dafür, dass man alles dafür tut, solche Leute vernünftig zu integrieren. wo wir eigentlich als Unternehmen guter Beweis dafür sind und auch Vielfalt zeigen.
Sprecher 2: Wir haben bei Ihrem Kollegen aus der Unternehmenswelt, Herr Wirt, erlebt, dass er sich auch genötigt fühlte, mal seinen Mitarbeitern zu sagen, wo er steht, politisch steht, gegen die AfD, aber für Weltoffenheit. Spüren Sie diesen Druck, dass Sie sich äußern sollen, dass Sie politisch Haltung zeigen sollen?
Sprecher 3: Ja gut, wir haben eine gewisse Haltung gezeigt, indem wir schon vor rund zehn Jahren, weil ich selber die Charta der Vielfalt unterschrieben habe. Wir haben jetzt nochmal hier Made in Germany, Made by Vielfalt, was im letzten Jahr eine neue Initiative war. Das haben wir auch nochmal unterzeichnet, bekennen uns auch als Mittelstand dazu, bekennen uns auch zu jeder einzelnen Person aus diesen 76 Nationen, die bei uns arbeitet. Punkt. So, auf der anderen Seite halte ich das nicht für meine Aufgabe als Erziehungsberechtigter unserer Belegschaft, 7000 Leuten zu sagen, wo sie denn jetzt am besten ihr Wahlkreuz machen sollen oder auch wie der Herr Höhn ist, der meint, er müsste seinen FC Bayern-Spieler beraten. Also halte ich da von der Wahl nicht unbedingt, um dann auch weiter Öl ins Feuer zu gießen, für super angebracht.
Sprecher 2: Wir haben über Fachkräfte gesprochen, über Bürokratie. Ein Thema haben wir noch nicht und das würde ich gerne mit Ihnen ganz zum Schluss nochmal kurz streifen, nämlich Biontech entwickelt hier die weltweit gesuchten Impfstoffe. Die Finanzierungsrunde, der Börsengang passiert in Amerika, dort wird die Wertschöpfung geschaffen. Ist das nicht das Problem Ihrer Branche, das man hier vielleicht erfinden kann, aber wachsen muss man im Ausland?
Sprecher 3: Ja, absolut. Und wenn man sich Biontech anguckt, wo sind sie dann hingegangen mit Forschung und Entwicklung? Nach Cambridge, UK. Warum? Weil ich dort steuerlich andere Abschreibungsmöglichkeiten habe. Ich kann beispielsweise Forschung und Entwicklung amortisieren über die Jahre. Und es trifft mich nicht in einem Jahr direkt relativ hart, sondern ich kann eigentlich, sagen wir mal, da braucht man noch einen recht langen Abenforschung und Entwicklung in Pharma-Biotech, kann das über mehrere Jahre absetzen. In den USA beispielsweise, neben der Börse, sieht man auch bei vielen anderen Unternehmen, finde ich halt eine andere Venture-Capital-Gemeinde, die also bereit sind, da ein anderes Risiko zu gehen, als wir noch in Deutschland. Da sind zum Teil die Voraussetzungen, was das anbelangt, besser. Und vor allen Dingen, ich glaube, da nehmen wir uns in Deutschland auch einen Tick zu wichtig. Auch teilweise, ich komme jetzt gerade auch hier von der Handelsblatt-Pharmatagung, anderthalb Tage. Ja, da sehen viele das große ganze Bild. Andere sind dann wieder bei kleinen, kleinen Kosten Rückerstattung bei den letzten paar Prozenten in der Nachkommastelle, wie wir es denn am geschicktesten machen sollen. Und derweil ist da draußen eine Szene, die eigentlich, sagen wir mal, da auch versucht, das massiv wieder anzuschieben. Wir sind auch aus dem Corona-Blues raus, hat man ja auch gesehen, 2020, 2021, kein Pharma-Biotech-Kurs, der da nicht in die Höhe geschnellt ist und genauso gut auch 40, 50 Prozent danach wieder dann abgestürzt ist. Und mittlerweile sehen wir das auch, auch bei Neuprojekten bei uns im Unternehmen. Ich sehe es auch in einem der Aufsichtsräte von einem britischen Biotech-Unternehmen, auch eine CDMO, die sich mit viralen Vektoren beschäftigt. Wieder größerer Zulauf. Es ist wieder Geld auch in dieser Finanzgemeinde und ganz klares Bekenntnis zu dem, dass man da weiter Forschung und Entwicklung betreibt. Und wenn ich mir dann angucke, wie eng wir hier zum Teil denken, sehen es aus der deutschen Perspektive, wundern uns dann, dass diese... internationalen Firmen woanders hingehen. Nach UK, in die USA und auch beispielsweise auch selbst in der Schweiz finde ich da ein anderes Klima. Ich glaube, darüber sollten wir uns Gedanken machen. Eigentlich braucht es eine Taskforce, auch wenn man jetzt einen Neuanfang nach der Wahl irgendwo anschieben wollte, wo man sagt, was sind denn wirklich jetzt die förderungswürdigen Industrien, da ein paar Leute reinsetzt, die auch ein bisschen was davon verstehen und sagt, okay Leute, wie gehen wir jetzt damit um?
Sprecher 2: Aber sagen Sie mal ein konkretes Instrument, vielleicht hört uns ja der künftige Bundeskanzler oder die Forschungsministerin in Späth zu, was wäre eines der ersten konkreten Instrumente, um Forschung und Entwicklung in diesem Land massiv zu fördern?
Sprecher 3: Zum einen, wie gesagt, diese steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten, da würde ich auf jeden Fall...
Sprecher 2: Die schon vor der Ampel ja mal geplant waren und dann nicht mehr kamen.
Sprecher 3: Die nicht mehr kamen. Also dass ich auch die Möglichkeit habe, wirklich hier Forschung und Entwicklung zu amortisieren. Dann tun wir uns extrem schwer und das ist natürlich keine Sache, die irgendein Politiker per Gesetzeseingabe binnen einer Legislaturperiode wahrscheinlich sofort umkrempeln wird. Das ist auch beispielsweise, was kommt auch aus den Instituten raus, was kommt aus den Universitäten raus, worüber definieren sich hierzulande Professoren, die auch in den USA beispielsweise ganz anders wirtschaftlich denken. Und wenn die nicht gewisse Forschungspapiere und prestigereiche Dinge, die auch der Uni zugutekommen, innerhalb von ein paar Jahren da zum Tisch bringen, dann können sie sich mal woanders nach einem Job umgucken. Und das ist hier zum Teil etwas verstaubt. Und die haben auch einen anderen Drive und die haben auch ein anderes Umgehen damit, wie wir zwischen Forschung und Entwicklung auch zu dem, was an Uni... ist passiert, schneller übertragen auf das, was eigentlich in der Wirtschaft passiert. Auch da muss ein größerer Schulterschluss passieren an der Ecke. Ja, und dann bin ich auch dafür, dass man beispielsweise auch eine gewisse Förderung von Standorten durchführt. Also beispielsweise, wenn ich mir das angucke, auch was Fettergitz macht, auch im Saarland. Also was es da möglicherweise auch für die Unterstützung gibt, um solche Arbeitsplätze zu transformieren, das ist aber sehr, sehr... Überschaubar, muss man wirklich sagen. Also das ist mehr als 95 Prozent des Kapitals, wird da auf der privaten Seite gestemmt werden, was wir da mitbringen. Und das, wenn ich mir überlege, wo wir überall bereit waren, Subventionen hinzustreuen, um das ein oder andere Unternehmen anzulocken, Stichwort Intel und Co., also mit den 10 Milliarden, da würden mir noch ein paar andere Dinge einfallen.
Sprecher 2: Klare Botschaft an die Politik von Peter Sölkner. Seit 2008 Geschäftsführer eines aufstrebenden und großen Familienunternehmens am Bodensee. Vielen Dank, dass Sie heute bei uns waren.
Sprecher 3: Vielen Dank, Herr Bröcker. Hat Spaß gemacht. Danke.
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.