Wie garantieren wir die Sicherheit der Ukraine?
Dauer: 22:55

Wie garantieren wir die Sicherheit der Ukraine?

In Paris haben sich europäische Staats- und Regierungschefs getroffen, um über die Ukraine und eine mögliche europäische Verteidigungsstrategie zu beraten. Der britische Premier Keir Starmer spricht von einem „historischen Moment“ und stellt Bodentruppen in Aussicht. Olaf Scholz hingegen hält die Debatte für „verfrüht“.


Knapp ein Drittel aller Wählerinnen und Wähler wissen laut Forsa noch nicht, welcher Partei sie am Sonntag ihre Stimme geben wollen. Gerade bei den unter 30-Jährigen ist die Unsicherheit am größten. Darüber hat Horand Knaup mit Silke Borgstedt, Geschäftsführerin des Sinus-Instituts, gesprochen. Er wollte wissen, woher diese Verunsicherung kommt und welche Erwartungen die Wähler an eine neue Regierung haben. 



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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Wie schützen wir die Ukraine auch ohne die USA? Können wir das überhaupt? Das haben einige europäische Staats- und Regierungschefs gestern in Paris diskutiert und wir analysieren die ersten Ergebnisse.

Sprecher 3: Wir reden mal wieder über Truppenstärken und Militärgeräte und wir schauen natürlich auch nach Saudi-Arabien, wo an diesem Dienstag ein russisch-amerikanisches Friedensgespräch über die Ukraine, aber ohne die Ukraine stattfinden soll. Und wir gucken auf eine überraschende Abschiebeoffensive wenige Tage vor der Bundestagswahl.

Sprecher 2: Genau sechs Tage sind es noch bis zur Wahl. Wir haben es bald überstanden, diesen wenig erquicklichen Wahlkampf. In den Umfragen hat sich zuletzt wenig bewegt. Aber eine Überraschung kann es angesichts der unsicheren Wähler durchaus noch geben am 23. Februar. Horand Knaup hat mit Silke Borgstedt, der Geschäftsführerin der Sinus Markt- und Sozialforschung, gesprochen und wollte von ihr wissen, ob diesmal wirklich mehr Menschen unentschlossen sind und wen sie wählen sollen und was eigentlich die Hauptsorge der Wählerinnen und Wähler ist.

Sprecher 3: Es ist Dienstag, der 18. Februar. Helene und ich sind startklar. Sie sind es sicherlich auch. Auf geht's.

Sprecher 4: It's 10 o'clock. This is Sky News at 10, our top story. As European leaders meet in Paris, the British Prime Minister recommits to peacekeeping troops in Ukraine and demands US help to ensure a lasting peace in Europe.

Sprecher 5: At stake is not just the future of Ukraine, it is an existential... Question for Europe as a whole. And therefore vital for Britain's national interest.

Sprecher 6: Many of these leaders accept they need to invest more money, time and thought into defence. And if the world order is changing, if America is becoming a less reliable ally, then that process will surely accelerate.

Sprecher 7: Es darf keine Aufteilung der Sicherheit und der Verantwortlichkeit geben zwischen Europa und den USA.

Sprecher 3: Europe United heißt diese neue Fraktion, die da zusammengetroffen ist. Und sie macht es natürlich aus der Not heraus. Denn die Amerikaner, sie wollen bei der Friedenssicherung, bei den Militärausgaben für die Ukraine nicht mehr lange mit im Spiel sein. Und jetzt muss Europa zusammenfinden, sowohl militärisch als auch finanziell. Und wer weiß, vielleicht sogar dann mit Soldaten.

Sprecher 2: Ja, es geht ja nicht nur darum, dass die Amerikaner klar gesagt haben, Friedenstruppen wird es von unserer Seite nicht geben. Es ist ja viel grundsätzlicher. Wir müssen uns ja wirklich fragen, was die Beistandsverpflichtung in Artikel 5 eigentlich noch wert ist. Artikel 5 bedeutet, wenn ein Teil des Territoriums der NATO angegriffen wird, gilt das als Angriff auf alle, sprich daraus folgt, alle sind berufen und verpflichtet, das angegriffene Land zu verteidigen. Das ist nichts Einklagbares natürlich, sondern die Abschreckungswirkung von Artikel 5 beruht darauf, dass... Alle Welt glaubt, dass sich die NATO-Staaten auch wirklich daran halten. Aber was wissen wir denn jetzt nach der Rede von J.D. Vance, der durchaus in Zweifel gezogen hat, ob die Amerikaner die Europäer noch unterstützen, wenn sie denn weiterhin die AfD ausschließen? Was wissen wir denn, ob die Amerikaner wirklich da sind, wenn ein paar grüne Männchen zufälligerweise über die Grenze nach Litauen laufen oder noch Schlimmeres passiert?

Sprecher 3: Das Szenario, die Russen begreifen NATO-Gebiet an, das wurde tatsächlich schon auf der MSC zumindest hinter den Kulissen diskutiert, 2029 kursiert als mögliches Datum, weil bis dahin die Russen... Armee wieder in diese Lage versetzt werden könnte. Dann geht es um natürlich Kaliningrad, Kirgizistan, die Ecke Moldawien wird immer wieder genannt. Also ein echtes Horrorszenario. Aber so oder so, Helene, egal ob NATO-Beistandsverpflichtung oder nicht, die Deutschen, die Europäer, die Italiener, sie müssen jetzt ihre Truppen zusammenziehen. Und da gibt es schon konkrete Zahlen. Bis zu 200.000 Soldatinnen und Soldaten müssten es wohl sein, wenn man in der Ukraine eine 2000 Kilometer lange Grenze absichern will. Und die müssten dann eben aus den europäischen Beständen, die sind ja ohnehin nicht sehr üppig, irgendwie darüber. Versetzt werden.

Sprecher 2: Ja, es braucht eben ein grundsätzliches Überdenken, was die europäische Verteidigung angeht. Es geht ja hier auch um die nukleare Teilhabe. Da sind wir vollständig von den Amerikanern abhängig. Aber die Briten und die Franzosen haben ja auch Atomwaffen. Da muss man vielleicht auch mal drüber nachdenken, was die Europäer hier gemeinsam tun können, um sich und ihre Sicherheit verteidigen zu können. Denn das ist klar, die Amerikaner haben gesagt, was in Europa passiert, ist jetzt Aufgabe der Europäer.

Sprecher 3: Eins muss man, glaube ich, nochmal zu dem Thema in Paris sagen. Erstens regieren da natürlich ein paar lame ducks, gerade Olaf Scholz, der in der MSC eigentlich schon weitgehend ignoriert wurde, ist dort hingeflogen. Emmanuel Macron, der kaum noch eine Mehrheit in seinem Land hat. Und der neue große europäische Führer, überraschend aus meiner Sicht, ist der Sozialdemokrat Keir Starmer, der dieses Pariser Treffen ein One-in-a-Generation-Moment genannt hat, also einen historischen Moment, um die europäische Sicherheit. Jetzt zu gewährleisten. Und er hat als erster angeboten, dass sich sein Land beteiligen würde bei einer robusten Schutztruppe in der Ukraine. Und Scholz antwortet, wie er immer antwortet, dass diese Debatte sei jetzt verfrüht.

Sprecher 5: This is a once-in-a-generation moment for the collective security of our continent. Europe must play its role. And I'm prepared to consider committing British forces on the ground alongside others if there is a lasting peace agreement. But there must be a US backstop because a US security guarantee

Sprecher 7: Ich bin sogar ein wenig irritiert über diese Debatten, das will ich ganz offen sagen. Wir wissen gar nicht, was das Ergebnis sein wird. Aus meiner Sicht werden ja viele unterschiedliche Dinge diskutiert, von internationalen Friedenstruppen bis zu sonstigen Dingen. Und für mich ist ganz klar, dass das deshalb eine unpassende Debatte zur falschen Zeit und über das falsche Thema ist. Wir sind noch nicht beim Frieden, sondern mitten in einem brutal vom Russland vorgetragenen Krieg, der ohne Rücksicht weiter vorangetrieben wird.

Sprecher 2: Ja, da fragt man sich eben schon, wie sehr Olaf Scholz die Zeitenwende, diesen Begriff hatte er ja geprägt, eigentlich verinnerlicht hat. Denn wir haben es jetzt ja mit einer neuen Zeitenwende zu tun. Es gibt zumindest Zweifel daran, ob und inwiefern wir uns auf Amerika noch verlassen. können. Und dann zu sagen, das könnte jetzt vielleicht der falsche Zeitpunkt sein, das sei zu verfrüht, finde ich wirklich sehr, sehr kurzsichtig, Michael.

Sprecher 3: Ja, zumal bei der MSC das Thema Nummer eins natürlich genau das war. Das ist nicht verfrüht. Es kann bei Trump halt sein, dass er mit Putin sich sehr schnell auf eine Art Abkommen einigt, dass die Ukraine gezwungen wird, einzuwilligen. All das kann in wenigen Wochen bis Monaten passieren und wir müssen endlich die Debatte führen, die wir die letzten drei Jahre schon hätten führen können. Wozu wären wir bereit, wenn morgen ein Friedensabkommen oder ein Waffenstillstand abgesichert werden muss? Und im BMVG, also im Verteidigungsministerium, wird längst gerechnet. 50.000 Soldaten ist ein internes Szenario. Alleine nur aus Deutschland, als größter Truppensteller in Europa, müsste es dann wohl sein. Also diese Szenarien werden längst diskutiert und Olaf Scholz verkauft die Leute wieder einmal für dumm.

Sprecher 2: Die Sicherheitsexpertin Claudia Major von der Stiftung Wissenschaft und Politik hat jetzt bei uns im Security Table gesagt, die Bundeswehr müsse nicht nur kriegstüchtig sein, sondern auch siegfähig. Und all diese Dinge sind nicht eine rein terminologische Frage, sondern es geht wirklich am Ende darum, wie viel Geld steht zur Verfügung für die Aufrüstung und für die Abschreckung. Was steckt eigentlich hinter diesen Begriffen konkret, die ja einfach benutzt werden von allen, von Journalisten, aber auch von Politikern? Was heißt das ganz konkret und was können wir da mit den Europäern gemeinsam machen? Wenn man das so versteht, steckt hinter diesem historischen Moment, den wir erleben, vielleicht auch eine Chance. Europäer wieder zusammenzufinden. Leider ist es ja nur allzu oft der äußere Feind, der dazu führt, dass man wieder zusammenrückt.

Sprecher 3: Helene couldn't agree more. Und man muss sagen, Friedrich Merz will diesen europäischen Moment. Er will genau das. Er will kein German Vote mehr. Er will sehr schnell das Weimarer Dreieck wiederbeleben. Und er will auf jeden Fall mit den europäischen Staatschefs und Regierungschefs genau diese Verteidigungsunion zumindest skizzieren, damit man beim nächsten NATO-Gipfel sagen kann, das ist das, wozu wir in den nächsten drei Jahren, vier Jahren bereit sind. Das sind die Truppen, das sind die Fähigkeiten, die wir haben. Das ist das Geld, das wir organisieren. Da wird wieder über europäische Fonds diskutiert. Und ich glaube, da gibt es dann einen neuen Zug, wenn Friedrich Merz am Sonntag eventuell der Wahlsieger sein könnte.

Sprecher 2: Ja, ein bisschen Wasser in den Wein muss ich dann doch gießen. Denn Friedrich Merz bleibt auch erstmal bei 2% NATO-Ziel stehen und geht nicht, wie zum Beispiel Robert Habeck mit 3,5% deutlich darüber hinaus, was aus Sicht vieler Militärexperten notwendig wäre. Und zweitens hat er jetzt in München zwar mal wieder von der Taurus-Lieferung gesprochen, aber in dieser Hinsicht war lange nichts mehr auch aus der Union zu hören, die das Thema einst sehr aktiv gesetzt hat. Hat auch die Union offenbar auf Druck der Meinungsverschiebung dieses Thema Verteidigung, das Thema Unterstützung der Ukraine nicht zum Wahlkampfthema gemacht. Das wirft eben doch die Frage auf, welche Priorität die Unterstützung der Ukraine, aber eben auch der europäische Gedanke bei der Union wirklich haben. Stichwort in der Migrationspolitik wird Europarecht vorerst ausgesetzt und nationales Recht geht vor. Das sind alles Maßnahmen, mit denen man sich natürlich nicht unbedingt Freunde in Europa macht.

Sprecher 3: So oder so wird diese neue Koalition in ihrem Koalitionsvertrag das Kapitel Europa ganz nach vorne stellen müssen. Wahrscheinlich vor allen anderen. Denn das ist vielleicht die große historische Herausforderung für den neuen Bundeskanzler.

Sprecher 2: Michael, da bin ich ganz bei dir. Wer auch immer die Wahl gewinnt, Europa retten, Europa zusammenführen, Europa stärken, das muss die Losung der Zukunft sein. Und vielleicht auch, und dazu hat J.D. Vance uns ja auch zu Recht aufgefordert, nicht nur darüber nachdenken, wogegen wir uns eigentlich verteidigen wollen, was wir verhindern wollen, sondern auch ein bisschen über unsere Identität nachdenken. Was wollen wir eigentlich schützen? Wer sind wir eigentlich in Europa? Vielleicht ist es richtig, dass diese Debatte zuletzt zu kurz gekommen ist und das sollten wir sicherlich auch tun.

Sprecher 3: Helene, gestern ging dann doch noch der zweite Abschiebeflug in der Geschichte von Olaf Scholz als Bundeskanzler Richtung Nahe Osten nach Irak. Wurden 47 Menschen gebracht, die abgeschoben werden sollten, teilweise straffällig wurden und das ganz zufällig kurz vor der Wahl.

Sprecher 2: Man hat immer das Gefühl, mit den Abschiebeflügen klappt es genau dann, wenn eine wichtige Wahl gerade bevorsteht. Kurz vor den wichtigen Ostwahlen gab es den einen Abschiebeflug, wie Scholz am Sonntagabend selbst betont hat, den einen Abschiebeflug nach Afghanistan. Und jetzt, kurz vor der Bundeswahl, klappt ein anderer Abschiebeflug. Also ist das am Ende reine Symbolik? Man fragt es sich wirklich.

Sprecher 3: Laut Bundesministerium des Innenlebens ca. 26.000 ausreisepflichtige Iraker in Deutschland. Nur mal zum Vergleich, im vergangenen Jahr wurden 700 Personen in den Irak abgeschoben. Ich glaube, die Statistik sagt da alles. Olaf Scholz wird bei dem Thema sicherlich nicht mehr zu dem zupackten Kanzler in den Geschichtsbüchern.

Sprecher 2: Ja, im großen Stil abschieben, wie er vor einigen Monaten im Spiegel versprochen hat, das hat nicht geklappt. Aber es sind sich ja eigentlich auch alle Migrationsexperten einig, die Abschiebung alleine kann das Migrationsproblem nicht lösen. Dafür ist die Abschiebung viel zu kompliziert, viel zu schwerfällig, auch viel zu teuer, weil man mal denkt, wie viel Sicherheitspersonal dafür notwendig ist und auch im Vorfeld all diese Gefahren, dass Ausreisepflichtige abtauchen, untertauchen und so weiter. Das kann immer nur als... Zeichen dafür angesehen werden, dass es eben keine Garantie gibt, dass derjenige, der hier reinkommt, auch bleiben kann. Dafür sind diese Abschiebungen sicherlich richtig und wichtig. Vielleicht haben sie auch eine Art von Symbolik, denn die 220.000 Ausreisepflichtige tatsächlich abzuschieben, das ist ein Ding des Unmöglichen. Wenn es nach den Meinungsumfragen geht, ist der Ausgang der Wahl am Sonntag schon mehr oder weniger klar. Die CDU gewinnt, die AfD wird zweitstärkste Kraft und dann kommen SPD und Grüne. Aber ganz so einfach ist es dann ja eben doch nicht. Denn in der Demokratie entscheiden die Wählerinnen und Wähler am Wahltag oder eben per Briefwahl und nicht die Meinungsumfrageinstitute. Außerdem gibt es mit knapp 28 Prozent noch eine wirklich große Gruppe von Menschen, die sich noch nicht entschieden haben, wen sie wählen wollen. Und deshalb gibt es an diesem Sonntag auch noch Potenzial für Überraschungen. Warum sind denn eigentlich noch so viele unentschlossen? Und was ist das Top-Thema der Wählerinnen und Wähler? Was erwarten sie von der neuen Regierung? Unser Kollege von Berlin Table Horan-Knaub hat mit der Geschäftsführerin der Sinus Markt- und Sozialforschung Silke Borgstedt gesprochen.

Sprecher 8: Warum haben wir so viele Unentschlossene vor der Wahl? Relativ angeblich ist die Zahl so hoch wie nie. Können Sie das bestätigen und warum ist das so?

Sprecher 9: Dass jeder dritte vier Wochen, drei Wochen, und vor der Wahl noch nicht weiß, was er sie wählen will, haben wir eigentlich häufiger, hatten wir übrigens auch 2021, das ist nämlich immer dann, wenn man das Gefühl hat, auf welche Koalition stößt man dann da potenziell und man weiß es noch nicht. Und da gab es ja auch 2021 die Unsicherheit. Die Unsicherheit ist besonders hoch, das ist aktuell auffallend bei den unter 40-Jährigen, insbesondere bei den unter 30-Jährigen, da sind wir bei circa 40, 42 Prozent, die tatsächlich noch nicht wissen, wen sie wählen. Das ist meines Erachtens auch die Bewegung, die wir noch haben in diesen Gruppen. Frauen wissen auch weniger, was sie wählen.

Sprecher 8: Insbesondere bei den jüngeren Generationen haben Sie eine Erklärung dafür. Als ich jung war, möglicherweise auch als Sie, war die junge Generation, waren wir Jüngere wahnsinnig politisch interessiert, motiviert und auch politisiert. Warum ist das nicht mehr so?

Sprecher 9: Doch, die sind ganz stark politisiert. Aber vielleicht in einer anderen Weise, wie wir das kennen.

Sprecher 8: Nicht mehr Parteien fokussiert.

Sprecher 9: Doch auch, aber das ist nicht mehr dieses übliche, meine Eltern wählen das und ich mache das Gleiche oder ich mache genau gerade was anderes. Es gibt nicht mehr diese klassisch sozialisierten Zugehörigkeiten. Gleichwohl entstehen neue Bindungen. Also ich teile nicht die These, dass sich Parteiloyalitäten komplett aufgelöst haben und heute alles wahnsinnig volatil ist. Es sind immer gleiche Gruppen, die da volatil sind. dürfen nicht verwechseln, dass wenn jetzt vielleicht es nicht mehr so selbstverständlich ist, SPD oder CDU zu wählen, dass nicht auch andere Parteien schaffen, neue Formen sozialer Bindungen zu ihren Wählerinnen und Wählern herzustellen, auch wenn die uns nicht gefallen. Das sehen wir, dass das häufig gar nicht so rational parteiprogrammspezifisch ist. Bei der AfD sehen wir das sehr deutlich. Da geht es den Menschen darum, Ich habe jetzt gar nicht genau das Programm gelesen, aber die sehen mich. Die sehen mich in meinen Sorgen und Nöten. Also dieses Befeuern, Bespielen der Sorgen, ob sie berechtigt sind oder nicht. Und in vielen Teilen haben sie auch einen berechtigten Kern, aber es wird eben nicht konstruktiv aufgegriffen.

Sprecher 8: Heißt das, dass die etablierten Parteien, die Parteien, die wir seit Jahrzehnten kennen, den Alltag der Menschen zu wenig in den Blick genommen haben, die Alltagssorgen, die Alltagsmühen, Herausforderungen?

Sprecher 9: Also Politik. Sollte die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Aber aktuell sehen wir häufig, dass das so ein bisschen verwechselt wird, dass es nicht um Lösungen geht für diese Sorgen, sondern um ein Befeuern der Sorgen im Sinne von, ja, du machst dir Sorgen, es läuft auch alles in die falsche Richtung. Oder aber auch auf der anderen Seite, das bildest du dir nur ein, dass wir ein Problem mit Migration haben. Du musst mal richtig hinschauen. Das heißt, es ist für die Menschen sehr stark polarisiert, auch die ganze Debatte, übrigens auch in den Medien selbst. Das wird ja weiter auch dort befeuert. Es wird ja auch dort weniger aufgelöst, um nochmal auf dieses Migrationsthema zu gehen. Das ist auch so ein Sammelbegriff, wo eben wenig zwischen temporärem Schutz im Rahmen des Asylrechts und Arbeitsmigration unterschieden wird zum Beispiel. Und da darf man der Bevölkerung schon diese Differenzierung zutrauen. Das wissen die ganz genau. Also die sehen, wo ist es etwas, was wir uns als wohlhabendes Land auch leisten können und müssen. Wo führen ungelöste Migrationsfragen zur Verknappung von Ressourcen vor Ort, die einfach Konflikte erzeugen, die bearbeitet werden müssen. Und wo geht es um Arbeitsmigration, die ja nicht obsolet wird durch einen Terroranschlag oder Mordanschlag.

Sprecher 8: Ist das Migrationsthema tatsächlich so dominant oder rücken nicht auch andere Alltagsherausforderungen? Die Kita ist geschlossen, der Nahverkehr fährt nicht, ich finde keinen Arzt. Solche Dinge auch in den Vordergrund oder welche Rolle spielen diese Herausforderungen?

Sprecher 9: Ja, das kann man ganz klar priorisieren. Auch da gibt es natürlich milieuspezifische Sorgen, aber im Vordergrund steht die Verteuerung des eigenen Lebens, die Verknappung von Ressourcen, sei es, weil Infrastrukturen nicht mehr zur Verfügung stehen oder Bröckeln, wie auch immer. Konkurrenz um Wohnraum. Das ganze Wohnthema steht in allen unseren Untersuchungen, egal worüber wir sprechen, ob es Energie ist oder sonstige Sachen. Wohnen steht sehr stark im Vordergrund. Fokus, die großen Krisen, die geopolitischen Konflikte sind nicht weniger relevant, aber sie werden primär als Kostenfaktoren für das eigene Leben eingepreist. Das heißt, alles wird danach durchdekliniert. Was bedeutet das für mich? Wird jetzt XY noch teurer? Und das führt dazu, dass man sich ganz stark auf so ökonomische und soziale Mikrosicherheiten konzentriert. Und da kommt die Migration rein. Das ist so ein Ventilthema. Das heißt, wenn sich die Krisen besonders stark ballen, wird das Thema Migration interessanterweise viel relevanter, weil es einerseits so ein Aufregungskluster ist oder aber auch teilweise ein Lösungskluster. Manche sagen ja, und wenn wir das mit der Migration geregelt haben, dann sind alle eure Sorgen weg. Und ein bisschen was bleibt davon hängen.

Sprecher 8: Der Ausländer wird wieder zum Prügelknaben.

Sprecher 9: Also wie gesagt, das bezieht sich auf einzelne Milieus, aber es verfängt in Teilen der Mitte, dass wir, wenn wir dieses Problem lösen, alle anderen Sorgen gar nicht angehen müssen. Und ansonsten, wenn man dann in die Tiefe einsteigt, dann sehen wir eben, dass das eigentlich als genuines Thema im Alltag gar nicht wichtig ist. Sie sagen zwar, das muss auf der politischen Bühne behandelt werden, aber hier bei uns zu Hause vor Ort ist das ja alles kein Problem. Da sind wir ja froh, dass die alle da sind und es funktioniert eigentlich. Oder hier und hier gibt es schon mal einen Konflikt, weil jetzt die Turnhalle belegt ist und das müssen wir bitte lösen. Aber das hat ja nichts mit der grundsätzlichen Thematik zu tun.

Sprecher 10: zierter betrachtet, als es in der Politik verhandelt wird.

Sprecher 3: Vielen Dank, Frau Borgstedt.

Sprecher 10: Sehr gerne.

Sprecher 2: Mick war noch was.

Sprecher 3: Ja, Helene, lass uns nochmal über eine Aussage von Alice Weidel im Quadrell vom vergangenen Sonntag sprechen.

Sprecher 10: Also neue Freunde, das war die Frage. Haben Sie neue Freunde gefunden? Wir haben Freunde in West und Ost. Wir haben Freunde mit den US-Amerikanern. Wir unterhalten uns mit den Russen. Wir unterhalten uns auch mit den Ukrainern. Wir haben Freunde in Ost. Und auch mit den... Und auch mit den Chinesen.

Sprecher 2: Ja, auch mit den Chinesen, so hat es Alice Weidel gesagt. Und dahinter steckt vielleicht mehr als viele denken. Denn, wie unsere Kollegen des China Table jetzt herausgefunden haben, Frau Weidel ist in China so etwas wie ein Superstar.

Sprecher 3: Ihre charismatische und unverblümte Persönlichkeit sowie ihr Hintergrund in China gelebt zu haben, haben ihr sofort eine große Anzahl von Fans in China eingebracht. Heißt es bei uns im China Table, das sollten Sie dringend lesen, eine verrückte Popularität, die Alice Weidel da erreicht hat.

Sprecher 2: Ja, da könnte man auf den ersten Blick sagen, eine Partei, die in Teilen rechtsextrem ist und die Kommunisten, wie passt das eigentlich zusammen? Aber sie vereint natürlich die Sehnsucht nach dem Autoritären, die in China nicht nur eine Sehnsucht ist, sondern auch gelebt wird. Es geht ja so weit, dass in den chinesischen Medien wirklich mit falschem Bildmaterial gearbeitet wird. Da wird eine Frau gezeigt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Alice Weidel hat, aber sie auf gar keinen Fall abbildet. Vielleicht KI generiert, ich weiß es nicht so genau, wie sie im Sonnenlicht dasteht und wunderschön aussieht. Also es ist wirklich verrückt, wie die Chinesen jetzt manipuliert werden, die AfD gut zu finden. Und da trifft sich jetzt die russische Regierung, die ja sowieso eine Sympathie hat für die AfD, die Chinesen und nun auch Wahlkampfhilfe noch aus Amerika. Also eine ungute Mischung. Sie können es im China-Table nachlesen. Unsere Kollegen haben da wirklich eine tolle Recherche hingelegt.

Sprecher 3: Das erinnert mich sofort an meine absolute Lieblingsband aus den 80er Jahren, nämlich Faith No More. Die haben damals gesungen über Chinese Arithmetics. Und zum Glück, muss man sagen, ist diese Arithmetik der Popularität bei Frau Weidel nur in China der Fall. Weil wenn diese Stimmen dann auch noch hier in Deutschland wählen würden, dann Gnade uns Gott. Also ich glaube, wir lassen es dabei und freuen uns, wenn Sie morgen wieder um sechs Uhr dabei sind. Wir haben noch zwei hochexklusive Politiker aus dieser Berliner Republik für Sie im Angebot. Also freuen Sie sich drauf.

Sprecher 11: It hurts in every way. How much you'll never realize. So high, so high. There's something I can't tell you. Your time has come. I'd rather get my feet. Your friend was young, broken and blasted. He never knew his own disaster. I think it's good. In fact, it was faster. Because it was you that he was after.