Warum protestieren Sie gegen die CDU, Frau Neubauer ?
Die Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer hat wenig Verständnis dafür, dass der Klimaschutz im Wahlkampf kaum eine Rolle spielt. Die Dramatik der existenziellen Klimakrise sei bei beiden Parteien nicht wirklich angekommen, sagt sie im Gespräch mit Michael Bröcker.
Neubauer verteidigt ihre scharfe Kritik an Friedrich Merz: „Ich weiß nicht, das letzte Mal, als ich nachgeguckt habe, haben wir in diesem Land nicht mit rechtsradikalen Faschisten zusammengearbeitet – und schon gar nicht im Bundestag.“ Merz habe es nicht wirklich versucht, Mehrheiten in der demokratischen Mitte zu finden.
Helene Bubrowski und Michael Bröcker diskutieren die Plagiatsvorwürfe gegen Robert Habeck. Die Universität Hamburg hat diese umgehend entkräftet. Wichtiger in den letzten Wochen vor der Wahl ist jedoch die Wirtschaftspolitik des Ministers. Wie verteidigt die Grünen-Finanzpolitikerin Katharina Beck Habecks Bilanz?
Außerdem blicken wir auf die Nachwirkungen des TV-Duells: Wen sehen die Zuschauer als Sieger? Und wie bewertet die internationale Presse die Debatte?
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Das TV-Duell wirkt noch nach. Die Scholz-SPD wittert wieder Morgenluft. Knapp liegt sie in den ersten Umfragen vorne. Die CDU sieht sich trotzdem längst im Kanzleramt. Wer welche Last-Minute-Strategie jetzt verfolgt, hier gleich bei uns.
Sprecher 3: Wer war beim Duell nicht dabei und wäre so gern dabei gewesen? Robert Habeck natürlich. Wie kann ein Wirtschaftsminister Wahlkampf mit Wirtschaftsthemen machen, wenn die Bilanz so verheerend ist? Darüber sprechen wir gleich mit Katharina Beck und bleiben noch ein bisschen bei Robert Habeck. Denn nun gibt es Plagiatsvorwürfe gegen seine Doktorarbeit, die er vor 25 Jahren geschrieben hat. Doch sogar der Chef der Leopoldina sagt, da ist nichts dran. Wie kommt es also, dass zufällig knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl so etwas ans Licht gezerrt wird?
Sprecher 2: Und wir bleiben bei grünen Themen. Der Klimawandel, der Umweltschutz ist laut einer Forsa-Umfrage tatsächlich das wichtigste Thema der Deutschen. Doch im Wahlkampf und auch beim TV-Duell vorgestern Abend spielte es kaum eine Rolle. Wir reden darüber mit Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer.
Sprecher 3: Es ist Dienstag, der 11. Februar. Los geht's.
Sprecher 2: Die Forschungsgruppe Wahlen hat bisher als einziges Institut die Performance von Olaf Scholz und Friedrich Merz beim TV-Duell analysiert. Und da liegt bei den Zuschauern Olaf Scholz als Gewinner mit 37 Prozent vorne, nur 34 Prozent favorisieren Merz. Naja, was nimmt man aus so einer Umfrage mit, Helene?
Sprecher 3: Ist doch ziemlich nah beieinander. Am Ende würde man sagen, wahrscheinlich eine 3 vorne. Da kann keiner so richtig zufrieden sein. Frauen fanden Scholz positiver, Männer fanden Merz positiver. Michael, außer dir, du warst ja eigentlich auch von Scholz ganz angetan.
Sprecher 2: Ja, ich fand beide wirklich überraschend gut. Und wie gesagt, Olaf Scholz müsste noch viel besser sein, damit er am Ende vorne liegen kann. Aber die Nummer mit den Männern und den Frauen ist schon interessant. Am Ende ist jetzt entscheidend, Helene, wer geht tatsächlich wählen? Wer geht wirklich wählen und findet nicht nur den einen oder den anderen besser? Und die Mobilisierungskampagnen, die sind jetzt, glaube ich, in den nächsten Wochen entscheidend.
Sprecher 3: Und nochmal ein Punkt zu den Frauen. Also dass Olaf Scholz jetzt so ein Frauenschwarm sei, das ist mir ehrlich gesagt komplett neu.
Sprecher 2: Hätte ich bei dir dann auch irgendwann in den letzten Jahren mal erkennen müssen, dass es so ist. Aber Olaf Scholz kam jedenfalls humorvoller, spontaner, auch schlagfertiger rüber als eigentlich bisher in sämtlichen Interviews. Das haben die Coaches dann ganz gut hinbekommen fürs TV-Duell oder er vielleicht selbst.
Sprecher 3: Ja, und offenbar ist er doch nicht so beratungsresistent, wie wir, Michael, immer dachten.
Sprecher 2: Und es stimmt auch, zumindest laut Forsa, das, was wir dachten. Scholz hat die Erwartungen übertroffen von 47 Prozent. Der Zuschauer, die haben gesagt, der war besser als gedacht. Während Friedrich Merz eben das nur bei 23 Prozent der Befragten gelang, also besser zu performen, als man ohnehin erwartet hätte. Gut, ich bin mir nicht sicher, was das heißt, außer dass wir immer noch rund 30 Prozent Unentschlossene haben und die jetzt vielleicht teilweise sogar erstmals einen Eindruck bekommen haben. Es gibt ja noch kein TV-Duell mehr in dem Sinne, sondern ein Quadrell oder ein Quatriell, wie sagt man eigentlich, Helene?
Sprecher 3: Quadrell, glaube ich, anscheinend.
Sprecher 2: Ein Quartett, würde ich sagen. Jedenfalls kommen sie alle nochmal auf die Bühne. Scholz, Merz, dann aber auch eben Habeck und Alice Weidel. Aber kann man den Swing wirklich schaffen jetzt mit diesen wenigen Fernsehauftritten, die man noch hat? Ist da noch eine Comeback-Story für Olaf Scholz drin, Helene?
Sprecher 3: Das wird echt schwer. Also in weniger als zwei Wochen noch 15 Prozentpunkte aufzuholen, halte ich für wirklich unmöglich. Ja, ich erinnere mich beim letzten Mal 2021 um meinen Geburtstag rum, also im August. Da sah es für die SPD schon deutlich besser aus. Da ging es schon merkbar voran und da waren es noch sechs Wochen bis zur Bundestagswahl. Also ich sehe nicht, woher das jetzt kommen soll.
Sprecher 2: Ja, und selbst der Schulz-Zug war längst schon aus den Gleisen. Zwei Wochen vor der Bundestagswahl, als Angela Merkel dann doch wieder deutlich vorne lag. Auch 2021 war zwei Wochen vor der Wahl wiederum Olaf Scholz schon deutlich vor Armin Laschet. Also der Trend hätte längst zu erkennen sein müssen. Interessant ist, eine amerikanische Studie besagt, dass gerade nach so einem TV-Duell gar nicht so entscheidend ist, was an dem Abend im Fernsehen die erste Stunde ist. Umfrage sagt, sondern dann, was bei Social Media passiert, was die Peergruppen sagen, was die Spin-Doktoren sagen, also wie die Deutungshoheit in den Tagen danach über dieses TV-Duell stattfindet. Deswegen ist es eben auch so entscheidend, dass diese Parteichefs und Kanzlerkandidaten Netzwerke haben, die jetzt für sie werben da draußen. Und da muss ich sagen, sind beide gleichermaßen gut aufgestellt. Man muss allerdings auch wissen, die Union hat so viel Geld wie nie in einem Bundestagswahlkampf und deutlich mehr als die SPD. Also man wird im Moment im Netz geflutet, auch von bezahlten Anzeigen.
Sprecher 3: Ja, schauen wir doch mal drauf, Michael, was das Ausland sagt. Und die Times zum Beispiel aus London sieht Friedrich Merz als Gewinner. Und sie beschreibt Deutschland als ein Land, das Sachlichkeit und Ruhe in der Führung bevorzugt. Das habe, so die Times Merz, in diesem Duell geliefert und so Olaf Scholz geschlagen.
Sprecher 2: Interessante Stimme aus London, die neue Zürcher Zeitung aus der Schweiz. Sie fand das Duell insgesamt wenig inspirierend. Interessanter Satz in dem Kommentar allerdings. Ich zitiere das Positive. Die Lage zwischen CDU und SPD scheint wohl doch nicht so verfahren. Also auch da ein wenig GroKo-Mentalität bei den Schweizern zu spüren.
Sprecher 3: Und Le Monde aus Paris sieht Scholz als Verlierer. Dem amtierenden Kanzler gelang es nicht, seinen Herausforderer aus der Reserve zu locken, ihn zu Unbeherrschtheiten und Fehlern zu verleiten. Scholz hat wenig angegriffen, Friedrich Merz hat wenig Fehler gemacht. Ich glaube sowieso, man muss durch eigene Stärke gewinnen und nicht durch die Schwäche des Gegners.
Sprecher 2: Wir beenden diese internationale Presseschau mal mit einer Stimme von unseren Freunden von... Politico, die immerhin attestieren, dass Scholz und Merz einen Rollentausch gezeigt haben, was ja auch das Argument dafür ist, dass der Kanzler eigentlich vielleicht doch verloren hat. Denn er musste den Angreifer geben, während der Herausforderer, nämlich Friedrich Merz, den besonnenen Staatsmann gab, wie Politico schreibt. Und beide beendeten das Duell mit einem Satz. Merz sagte, er habe einen Plan für eine erfolgreiche Regierung. Scholz versprach Stabilität. Eine Koalition von SPD und CDU haben beide nicht ausgeschlossen, schreibt Politico. So ist es wahrscheinlich. Scholz hätte viel mehr eigentlich noch machen müssen und Merz zu Fehlern zwingen, als dass er aus diesem Duell ganz deutlich als Gewinner herausgeht.
Sprecher 3: Erfolgreiche Regierung, sagt der eine, Stabilität, sagt der andere. Beides ziemlich deutsche Wünsche. Keine Experimente fällt mir damit ein. Konrad Adenauer hat in den 50er Jahren damit Wahlkampf gemacht. Vielleicht müssen wir manchmal ein bisschen mehr Experimente wagen oder Michael jedenfalls mal, um aus dieser wirtschaftlichen Krise rauszukommen.
Sprecher 2: Ja, so ticken wir Deutschen tatsächlich nicht. Auch Forsa bestätigt, was du gerade sagst. Nur ein Drittel der Wähler wünscht sich die Große Koalition. Aber alle anderen Konstellationen sind noch unbeliebter. Schwarz-Grün nur 17 Prozent. Schwarz-Gelb wünschen sich nur 15 Prozent. Und alles andere, zum Beispiel Jamaika, kommt nicht mal mehr auf zweistellige Prozentzahlen. Also am Ende ist Deutschland schon ein wenig Grokoland.
Sprecher 4: Darf ich Sie kurz um Aufmerksamkeit bitten für einen etwas ungewöhnlichen Vorgang. Ich weiß, dass der Plagiatsjäger Stefan Weber sich seit Jahren mit meiner Doktorarbeit beschäftigt. Dabei geht es nicht, wie sonst, um Textplagiate, sondern um Ungenauigkeiten in den Fußnoten. Ich habe, gleich nachdem mir das bekannt wurde, die Ombudsstelle der Universität Hamburg um Sichtung und Prüfung meiner Dissertation und speziell der weberschen Vorwürfe im Konkreten gebeten.
Sprecher 3: Lange nichts mehr gehört vom Plagiatsjäger Stefan Weber aus Österreich. Dabei ist er schon seit einem halben Jahr dran an seiner vermeintlichen Beute. Sie heißt diesmal Robert Habeck. So ein Zufall, knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl hat er sich die 25 Jahre alte Dissertation vorgenommen und tatsächlich die eine oder andere Fußnote gefunden, wo er so ein bisschen gehuddelt haben soll.
Sprecher 2: Ja, Stefan Weber kann es nicht lassen, aber in diesem Fall, glaube ich, liegt er ziemlich falsch. Zumindest sagt es die Uni Hamburg, wo Habeck im Jahr 2000 im Fach Philosophie promovierte. Sie weist alle Vorwürfe zurück. Es liege kein wissenschaftliches Fehlverhalten vor.
Sprecher 3: Und ähnlich sagt es auch Prof. Dr. Gerald Haug, der Präsident der Leopoldina. Er hat mitgeteilt, mittlerweile hat die Uni Hamburg die Arbeit geprüft und ist zu dem Entschluss gekommen, dass kein Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten vorliege. Und dann schreibt er noch, dass die Vorwürfe gegen Habeck jetzt kurz vor der Bundestagswahl erhoben werden, ist gewiss kein Zufall, sondern politisch motiviert.
Sprecher 2: Ja, Aktivismus gibt es offenbar sogar bei Plagiatswissenschaftlern. Also ich glaube, die Probleme für Robert Habeck im Wahlkampf werden diese Vorwürfe nicht sein. Der Wirtschaftswahlkampf mit dem Wirtschaftsminister Habeck ist, glaube ich, das Hauptthema für Robert Habeck. Und dazu wollten wir mal mit jemandem sprechen, der das im Wahlkampf jeden Tag kommunizieren muss, was Robert Habeck da macht. Nämlich die Wirtschaftspolitikerin, Finanzpolitikerin Katharina Beck. Sie ist eigentlich Unternehmensberaterin gewesen, bevor sie in den Bundestag einzog. Jetzt kämpft sie im Hamburger Norden um den Wiedereinzug. Wie kann man Wahlkampf machen für einen Wirtschaftsminister in der Wirtschaft, wenn der doch dort so schlecht gelitten ist? Einen schönen guten Tag, Frau Beck.
Sprecher 5: Ja, guten Tag, Herr Bröcker.
Sprecher 2: Sie sind Wirtschaftspolitikerin der Grünen und haben einen Wirtschaftsminister, bei dem die Kritik gerade im Mittelstand in der Wirtschaft so groß ist wie bei kaum einem seiner Vorgänger. 120 Verbände, die sind auf die Straßen gegangen vor wenigen Wochen und haben protestiert gegen diese Wirtschaftspolitik und vor allem gegen diesen Wirtschaftsminister. Wie konnte das zwischen Wirtschaft und den Grünen in den letzten drei Jahren so schief gehen?
Sprecher 5: Ich muss sagen, das schmerzt mich natürlich sehr. Ich glaube, dass dort in Bezug auf Vertrauen einiges wiederhergestellt werden muss oder nochmal neu erarbeitet werden muss. Das sehe ich schon. Ich höre immer wieder Energie, Bürokratie, Reporting, wobei natürlich Bürokratie und Reporting ähnlich ist. Und finde einfach die Schuldzuweisung dann teilweise zu kurz gesprungen. Das ist halt natürlich blöd, bin ich in einer doofen Situation, das so zu benennen. Aber wenn sich jemand für bezahlbare Energiepreise, auch einen Industriestrompreis, der ja weit in den Mittelstand gegangen wäre, deswegen haben wir einen Brückenstrompreis eingesetzt hat, dann war das halt Robert Habeck und ich sogar auch wirklich hinter den Kulissen ganz stark mit ihm. Wenn sich jemand für günstige Versorgung eingesetzt hat, dann war es er. Und ich weiß nicht ganz genau, wie entstanden ist, dass wir da so zum Teil zum Antichristen geworden sind.
Sprecher 2: Hat Patrick Reichen ihm vielleicht nicht gut getan?
Sprecher 5: Naja, da ist natürlich an der Stelle, glaube ich, ein strategischer Fehler gemacht worden, das Gebäudeenergiegesetz noch in diesem Krisenmodus aufzusetzen. Das hat Robert Habeck ja selber gesagt. Mittlerweile höre ich aber, dass selbst Handwerksverbände in Baden-Württemberg beispielsweise ja sagen, dass das sogenannte Heizungsgesetz eigentlich gut sei.
Sprecher 2: Jetzt sagen Sie ja, der ist alles richtig gewesen, was Habeck gemacht hat, außer das Heizungsgesetz, das hat er selbst schon gesagt und das ist leider die falsche Wahrnehmung daraus.
Sprecher 5: Erstens ist uns die Wirtschaftspolitik früher nicht in die Wiege gelegt worden. Das ist ja einfach so. Wir haben erst in den letzten 10, 20 Jahren überhaupt das Wort Marktwirtschaft in unser Grundsatzprogramm mit aufgenommen. Und wir haben ja glücklicherweise gerade auch einen Aufruf aus der Unternehmerschaft, dass man die Grünen wählen kann aufgrund ihrer Wirtschaftspolitik. Vielleicht, es kann sein, haben wir an der einen oder anderen Stelle auch sicherlich nicht alles. Richtig gemacht, das muss ja so sein.
Sprecher 2: Die letzte Frage, wenn Robert Habeck jetzt doch nur in zwei Wochen mit 12, 13 Prozent die Grünen in die Bundestagswahl bringt, ist dann die Karriere des Robert Habeck beendet?
Sprecher 5: Das glaube ich nicht. Also darüber mache ich mir ehrlich gesagt auch gerade überhaupt gar keine Gedanken. Ich arbeite gerade dafür, dass das Ergebnis deutlich besser wird. So wie in Hamburg zum Beispiel, da hatten wir beim letzten Mal 24,9 Prozent.
Sprecher 2: Damit ist die Messlatte ordentlich hochgelegt. Vielen Dank, Frau Beck.
Sprecher 5: Vielen Dank, Herr Brück.
Sprecher 2: Sie ist das Gesicht der Klimabewegung in Deutschland und kämpft fast täglich dafür, vor allem in den sozialen Netzwerken, dass der Klimaschutz nicht vollends von der politischen Agenda verschwindet. Luisa Neubauer ist längst mehr als eine Aktivistin für die Umweltbewegung. Sie mischt sich bei sozialpolitischen Debatten ein, sie organisiert Demonstrationen gegen Rechts, schreibt Bücher und wettert seit Wochen spürbar gegen die Union und Kanzlerkandidat Friedrich Merz. Wir wollten wissen, warum das eigentlich sein muss, dass sie jetzt auch noch Friedrich Merz als Sicherheitsrisiko bezeichnet und was eine neue Bundesregierung aus ihrer Sicht beim Klimaschutz tun muss. Einen schönen guten Tag, hallo Frau Neubauer.
Sprecher 6: Guten Tag, hallo.
Sprecher 2: Eine aktuelle Forsa-Umfrage besagt, dass tatsächlich der Klimawandel, der Umweltschutz das zentrale Thema der Deutschen im Wahlkampf wäre. Allerdings im TV-Duell gab es nur eine kleine Nebenfrage zur Windkraft. Das war's. Sind Sie enttäuscht?
Sprecher 6: Vor allem halte ich das für radikal verantwortungslos. Was im Wahlkampf passiert. Während wir in einer Beziehung mit der Politik, würde man von einer toxischen Beziehung nennen. Gaslighting ist, glaube ich, der Fachbegriff, dass man den Leuten das Gefühl gibt, sie sind die Irrationalen dabei, treibt man selbst irgendwie alle in den Wahnsinn.
Sprecher 2: Aber jetzt, Frau Neuber, versuche ich es mal direkt bei Ihnen mit Selbstkritik. Wenn doch Fridays for Future so eine erfolgreiche... Aktivistenbewegung, Umweltbewegung seit so vielen Jahren ist. Wie konnte es sein, dass dieses Thema in der öffentlichen Debatte so abgeschmiert ist? Obwohl ihr ja da seid und sie ja sehr präsent sind.
Sprecher 6: Naja, andersherum gefragt würde ich sagen, haben Sie gerade eine Umfrage zitiert, die mir in der Arbeit und in der Sache recht gibt, dass wir trotz andauernder Angriffe von Klimaleugnern und Rechtsradikalen seit drei Jahren es geschafft haben, in der Öffentlichkeit ein Klimabewusstsein zu etablieren, das alledem standhält. Und ich finde es abenteuerlich und irgendwie auch teilweise fast komisch, wie man in diesem Wahlkampf jetzt probiert, irgendwie seriöse Wirtschafts-, Migrations- oder Sicherheitspolitik zu machen. Und die wohl größte Fluchtursache der Zukunft, die größte... Laut Weltwirtschaftsforum Gefahr für die Wirtschaft und das maximale Sicherheitsrisiko des 21. Jahrhunderts, nämlich das ist ja alles die Klimakrise, indem man das ausblendet. Also ja, ich kann das nicht ganz nachvollziehen, wie man für sich in Anspruch nehmen könnte in diesem Wahlkampf, in aller Breitbeinigkeit, in allem Selbstbewusstsein irgendwie Verantwortung für Deutschland übernehmen zu wollen, ohne sich ehrlich zu machen darüber, wovon denn eigentlich die realen Gefahren und Risiken für dieses Land in der Zukunft und auch schon heute kommen.
Sprecher 2: Aber die existenzielle Krise, der Klimawandel, die teile ich ja. Deswegen versuche ich bei Ihnen herauszufinden, warum. Was glauben Sie denn, warum es nicht zu diesem dominierenden Thema geworden ist?
Sprecher 6: Und wenn man das jetzt irgendwie klug herleiten wollen würde, wäre ja eine ganz, ganz offensichtliche Erklärung, dass der rechtsdrehende Teil der Politik in seiner eigenen Programmatik überhaupt keine schlüssige Antwort auf die Klimakrise hat und deswegen Angst vor der Existenz des Themas hat. Und alles macht, um Klima und Klimabewegung und die klimabewegte Öffentlichkeit und sonst was klein zu reden. Und das ist natürlich ein totales Harakiri-Unterfangen. Das sehen wir jetzt bei Friedrich Merz und Christian Lindner jeden Tag. Wenn man in diesen Tagen, wo uns die Klimakrise schon längst um die Ohren fliegt, jetzt allen Ernst in den Wahlkampf zieht, ohne Klimavorschläge und Substanz in der eigenen Klimapolitik, dann findet man sich halt am nächsten Tag wieder, wie man irgendwie die europäischen Klimaziele infrage stellt, wie Christian Lindner das gemacht hat oder wie man das Umweltbundesamt in seiner Existenz infrage stellt. Totale Trump-Manier. Friedrich Merz. Merks fängt irgendwelche Geschmacksdebatten über Windräder an, was wir eigentlich bisher nur von Alice Weidel können. Also das ist einfach ein waghalsiges Unterfangen.
Sprecher 2: Jetzt sind Sie aber ganz schnell auf Friedrich Merz und Christian Lindner gekommen, obwohl ich erstmal nur danach fragte, warum es... Sie haben da schon so einen... Ich frage danach gar nicht. Man könnte ja auch andersrum fragen. Sie sind Grünen-Mitglied. Die Grünen stellen seit drei Jahren den Klimaschutzminister in Deutschland, der zugleich Vizekanzler ist. Er hätte das Thema doch zu seinem Jahrhundertthema machen können. Hat er denn gar keine Verantwortung so als grüner Klimaschutzminister? Bevor wir über die Opposition reden?
Sprecher 6: Nee, vielleicht können wir das noch kurz mit den Parteien abhaken. Es ist, sagen, warum ich jetzt Friedrich Merz und Christian Lindner genannt habe, ist, dass man in diesem Wahlkampf durchaus differenzieren kann. Die Grünen machen ja, setzen ja zumindest immer wieder, ich finde es zu wenig, aber immerhin setzen sie Klimaschwerpunkte. Die SPD leugnet immerhin nicht unsere Klimaziele, aber was FDP und Union machen, ist eben spektakulär abwegig.
Sprecher 2: Wir hatten eine Bundesregierung, die hat im Wahlkampf versprochen, auch der Bundeskanzler Olaf Scholz, ich werde Klimawandel ganz nach oben stellen, dann hat es einen grünen Klimaschutzminister gegeben und drei Jahre später haben wir diverse Ziele nicht erreicht. Die Klimaschutzpolitik ist in der öffentlichen Debatte nahezu nicht mehr präsent. Diverse Experten, wir laden sie natürlich ein.
Sprecher 6: Ich sitze jetzt ja hier, es gibt jeden Tag...
Sprecher 2: Ja, aber Sie haben doch gerade eben selber zu mir gesagt, dass es beim TV-Duell nur noch eine Nebenrolle war und dass es leider der Klimawandel und der Klimaschutz in der Debatte zu selten vorkommt. Das ist ja Ihre... Herr Brücker hat...
Sprecher 6: Ja, aber das ist jetzt ein bisschen oberflächlich argumentiert. Da müssen wir einmal kurz ein bisschen das auseinandernehmen. Was in den letzten drei Jahren passiert ist, war eine nervenaufreibende Bundespolitik, die uns allen ja viel Energie gekostet hat. Aber man muss der Ampel zugute halten in der Bilanz. Hat unter Olaf Scholz in der Ampel mehr Klimaschutz stattgefunden, als in vielen, vielen, vielen Legislaturperioden davor. Das ist als Aktivistin gesprochen, als jemand gesprochen, die ein Interesse hat an einer lebenswerten Zukunft, natürlich nicht genug gewesen. Aber das war nicht nichts. Und heute werden mehr Windräder aufgebaut täglich als jemals zuvor in den letzten Jahren. Auf einer Umsetzungsebene muss man, ohne jetzt Robert Habeck-Fan-Girl sein zu müssen, kann man glaube ich der Ampel und meinetwegen auch Robert Habeck attestieren, dass viel passiert.
Sprecher 2: Aber die Grünen haben natürlich Kritik hervorgerufen durch ihre Politik bei den Wirtschaftsverbänden, bei Gewerbetreibenden, bei Selbstständigen, in den ländlichen Räumen, bei Oberbürgermeistern, bei Landräten, die dann von diesen Politikern transportiert wird. Die Frage ist, musste das sein, weil die Transformationsanstrengungen so groß sind und es muss jetzt leider so kommen? Oder ist das wirklich von den Rechten oder von den Konservativen getriggert worden und erst dann sind die Grünen zum Feindbild geworden?
Sprecher 6: Es gibt offensichtlich berechtigte Kritik an Vorschlägen, die die Grünen gemacht haben, die ja auch nicht die Weiße mit Löffeln gefressen haben. Ich finde, es darf nicht zu viel verlangt sein. anzuerkennen, was in den letzten Jahren auch passiert ist. Dass ich natürlich, ob das jetzt orchestriert war, keine Ahnung, aber es einen Moment gab, dass Markus Söder die Grünen zu einer solchen Größe gebaut hat, und Markus Söder war da nicht alleine, in seiner Dämonisierung von dieser Politik, dass man zwischendurch meinen könnte, wir wären hier... Unter einer grünen Regierung, da gäbe es ja auch keine Koalition mehr und jeden Tag würden die armen Menschen gezwungen, mit dem Lastenrad ihre Bioäpfel abzuholen. Also bei aller Liebe, ich habe das ja gesagt, dass es sehr, sehr viel Klimaschutz gemacht wurde, aber es ist nicht so, als wäre hier in den letzten Jahren die Ökorevolution ausgerufen worden.
Sprecher 2: Wie kriegt man es jetzt dann hin, dass die Politik, die demnächst an den Schalthebeln der Macht sein wird, es auch in konkrete, nachvollziehbare, vielleicht sogar die Mehrheit der Deutschen begeisternde Klimaschutzpolitik umsetzt?
Sprecher 6: Für die Öffentlichkeit gesprochen ist es natürlich ganz wichtig, dass diese Umfragen nicht nur Umfragen bleiben, sondern sich auch übersetzen in Aktivismus und Engagement. Deswegen rufen wir mit Fridays for Future am kommenden Freitag in ganz Deutschland zu 130 Klimaprotesten auf, wo wir dezidiert für den Schutz der Demokratie und der Schutz der Lebensgrundlagen auf die Straße gehen.
Sprecher 2: Aber warum rüsten Sie nicht auch ab und versuchen diese Allianz zu stärken, wenn Sie Demonstrationen, Plakate hochzeigen, dass Friedrich Merz ein Sicherheitsrisiko für Deutschland ist? Ist das nicht auch übertrieben?
Sprecher 6: Für die Demokratie habe ich da drauf geschrieben.
Sprecher 2: Ist ja noch schlimmer. Ist das nicht too much? Woher kommt diese Härte gegenüber Friedrich Merz bei Ihnen?
Sprecher 6: Also ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich habe zuletzt nicht mit Faschisten im Bundestag Mehrheiten gebildet. Also bei aller Liebe, aber da glaube ich, ist es wichtig, dass Menschen, ich bin ja nicht die Einzige, sondern Millionen Menschen in diesem Land gerade zeigen, ey, das machen wir nicht.
Sprecher 2: Glauben Sie ihm nicht, dass er mit den AfD niemals koalieren und kooperieren würde? Also glauben Sie ihm diese Aussage?
Sprecher 6: Ich schließe mich da Angela Merkel an. Das ist auch ein Satz, den ich noch nie in einem Podcast gesagt habe. Aber die hat das gut formuliert. Ich finde, es ist ein beschämender Vorgang an sich, der auch ohne sozusagen eine zukünftige Kooperation oder was auch immer völlig inakzeptabel ist. Und ich bin deswegen voller Respekt und Bewunderung für die wirklich ja Millionen Menschen mittlerweile, die sagen, ey, das ist eine gute Linie und wir verteidigen die, wenn das von Friedrich Merz nicht macht.
Sprecher 2: Ist es für Sie in den letzten Jahren, weil Sie sind ja jetzt schon einige Jahre eine sehr prominente Aktivistin, für Sie spannender geworden, als persönliche Frage zum Abschluss, in die Politik hineinzugehen, um dann doch vielleicht aus dem Aktivismus in die Gestaltung zu gehen? Oder sagen Sie, eigentlich bin ich dort, wo ich bin, auch in den nächsten Jahren noch genau richtig eingesetzt?
Sprecher 6: Ich muss ehrlicherweise sagen, Ihnen vielleicht schon mal zu Ohren gekommen, wenn ich jetzt zu einem Protest gehe, brauche ich Personenschutz. Die Anfeindungen sind massiv und der rechtsradikale Druck ist sehr hoch. Das heißt, ich glaube, wir müssen uns in Deutschland in der Politik und in der Öffentlichkeit, in der Zivilgesellschaft vielleicht nochmal ganz grundsätzlich fragen, wie wir eigentlich da vorgehen. Wir sorgen, dass sich Menschen engagieren, in welcher Form auch immer. Und Umfragen haben zuletzt ja gezeigt, dass sich immer mehr auch politisch Engagierte überlegen, ob sie damit aufhören, weil sie sagen, das ist zu krass, was im Internet alles mittlerweile gesagt, also was durch die Plattform Deregulierung da möglich wird. Und ehrlicherweise, so wie die Politik sich gerade verhält oder wie die Tonlage im Parlament auch teilweise ist, befürchte ich, macht sie nicht wahnsinnig gute Werbung dafür, dass Menschen sagen, ey, darauf habe ich Bock, das klingt nach einem richtig schönen, interessanten und mutmachenden Arbeitsplatz aus.
Sprecher 2: Das ist allerdings traurig, das wusste ich nicht, dass sie Angriffe ausgesetzt sind, das lebt man in den sozialen Netzwerken, aber dass es persönlich wird, ist...
Sprecher 6: Ich glaube, das geht vielen so in Deutschland, da bist du sozusagen, ich weiß ja die Tage, wo ich auf der Bildstartseite bin, kriege ich die Vergewaltigungsvorwürfe in meiner Inbox. Das ist eins und eins. Wer nach tausend Hate-Kommentaren schreibt, vielleicht die tausend und erste, ey, ich gucke mal nach, wo die eigentlich wohnt. Also so schnell geht das. Und da bin ich irgendwie eine Projektionsfläche, weil mich Menschen kennen. Aber das ist ein Problem im Ehrenamt in Deutschland bei Freiwilligen in jeglichem Feld. Und die Kollateralschäden für so eine Demokratie sind schon da, glaube ich.
Sprecher 2: Frau Neuber, vielen Dank für Ihr Engagement. Vielen Dank für dieses Gespräch und ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag.
Sprecher 6: Gleichfalls, gleichfalls.
Sprecher 3: Mick, war noch was?
Sprecher 2: Ja, wir müssen über München und J.D. Vance reden, Helene.
Sprecher 3: Wir sind beide in München übrigens diese Woche.
Sprecher 2: So, leider nicht zusammen. Du machst die Europakonferenz der CSU. Ich komme einen Tag später zur MSC. Und dahin kommt erstmals auch der zweitwichtigste Amerikaner, zumindest im politischen Bereich. Der Vizepräsident J.D. Vance fliegt am Donnerstagnachmittag zur MSC und geht vorher mit seiner Delegation zur Gedenkstätte Dachau. Ein wunderbares und wichtiges Zeichen, wie ich finde.
Sprecher 3: Als Senator war er ja schon mehrfach in München bei der MSC und auch im vergangenen Jahr, Michael, wo wir ja ganz knapp dran waren, ein Interview mit ihm zu bekommen. Da konnte man noch nicht absehen, dass er mal Vizepräsident werden würde. In Deutschland kannten ihn die meisten, vor allem als Autor seiner Autobiografie Hillbilly Elegy. Ein Buch, das ja auch der Kanzler sehr schätzt.
Sprecher 2: Ja, in der Biografie geht es vor allem um sein Leben aus der Unterschicht heraus in einer kleinen Industriestadt in Ohio. Es haben viele gelesen, es ist ein bisschen auch die Country Side of America, die da zum Vorschein kommt. Und naja, was er jetzt als Vizepräsident macht, vor allem soll er und will er einen Friedensplan mitbringen zur MSC. Darüber wird gerade sehr viel erzählt. Auch Marco Rubio, der Außenminister, wird da sein. Also neue Impulse für den Ukraine-Konflikt sind zu erwarten.
Sprecher 3: Na, hoffen wir mal. Und dann ist immer die Frage, was Frieden eigentlich bedeutet. Ist es ein Diktatfrieden oder ist es ein echter Frieden? Da hoffen wir. Wir doch sehr auf das Zweite.
Sprecher 2: Jedenfalls wird die internationale Politik mehr denn je geprägt von, man muss es sagen, Republikanern, Konservativen aus dem ländlichen Raum Amerikas. Und dazu gibt es ja sogar einen Song, den wir jetzt eigentlich zum Schluss spielen könnten, Helene, der all das beinhaltet, was diese neue Welt für uns sein könnte. Nämlich Texas Hold'em, die erste schwarze, die bei den Grammys für Country ausgezeichnet wurde, wenn das jetzt nicht ideal zu J.D. Vance passt.
Sprecher 3: Beyoncé, viel Spaß dabei und wir freuen uns, wenn Sie am Mittwoch wieder dabei sind. Bis dahin, tschüss.
Sprecher 2: Auf Wiederhören.
Sprecher 7: Coming at us. Coming at us. Too hot to think straight. Too hot to think straight. Too cold to panic. Cold to panic. All of the problems. Just feel dramatic. Just feel dramatic. Now we're running to the first bar that we find. Yeah. One step to the right. We headed to the dive bar we always thought was nice. You run to the left. Just with me in the middle, boy. I can't read your mind. This ain't Texas. Ain't no holding. Lay your cards down, down, down, down. Pocket license. Throw your keys up. Stick around, around, around, around, around. And I'll be damned if I cannot dance with you. Come pour some sugar on me, honey, too. It's a real live boogie and a real live hoedown. Don't be a bitch, come take it to the floor now. I'll be damned if I cannot dance with you. Come pour some liquor on me, honey, too. It's a real live boogie and a real live hoedown. Don't be a, come take it to the floor now.
Sprecher 1: Take it to the floor now.
Sprecher 8: Hoops, spurs, boots. Sojinic, horogenic, shoot.