Zeitenwende in der Migrationspolitik
Dauer: 25:21

Zeitenwende in der Migrationspolitik

Bröckelt die Brandmauer? Wie groß ist das Risiko, das Friedrich Merz eingeht?

Die Union hat eine Debatte über die Asylpolitik und ihre Abgrenzung zur AfD ausgelöst. Merz will seinen Fünf-Punkte-Plan in den Bundestag einbringen und eine Unterstützung durch die AfD in Kauf nehmen.

Grüne und SPD sehen hier einen Tabubruch, der ungeahnte Folgen haben könnte. Auch in der Bundestagsfraktion der Union gibt es Bedenken: 22 Abgeordnete sollen sich nach Informationen aus Fraktionskreisen am Sonntagmorgen zu einer Schalte zusammengeschlossen haben. Dabei sei das Vorgehen des CDU-Bundesvorsitzenden einhellig kritisiert worden, berichtet ein Teilnehmer. Merz habe ohne Not die Debatte über die Abgrenzung zur AfD aufgemacht.



Die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan spricht anlässlich des Jahrestags der Befreiung von Auschwitz über die Bedeutung der Erinnerungskultur. Sie betont die Notwendigkeit, junge Menschen durch neue Formate und Biografien stärker einzubeziehen. Zugleich warnt sie vor Bildungslücken und plädiert für eine stärkere Integration historischer Themen in den Schulunterricht.


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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Der Doppelmord von Aschaffenburg könnte der Auslöser für eine Zeitenwende in der Asylpolitik werden. Zumindest wenn es nach Friedrich Merz und der Union geht. Sie wollen tatsächlich das umstrittene Fünf-Punkte-Programm in den Bundestag bringen, als Gesetzentwurf und als Entschließungsantrag, egal ob die AfD mitstimmt. SPD und Grüne sehen die Brandmauer zur AfD in Gefahr, sind allerdings auch selber unter Druck. Wir ordnen das für Sie mal ein.

Sprecher 3: Vor 80 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Doch heute weiß jeder zehnte Jugendliche nicht mehr, was der Holocaust war. Wir haben mit der früheren Bundesbildungsministerin Annette Schawan von der CDU darüber gesprochen, wie wir die Erinnerungskultur gestalten müssen, um auch die jungen Generationen wieder zu erreichen.

Sprecher 2: Es ist Montag, der 27. Januar. Es gibt viel zu besprechen. Sie spüren es, verlieren wir also keine Zeit. Helene, vier Wochen vor der Wahl ist die Asylpolitik das Thema schlechthin die Union. So hat es Friedrich Merz in der Präsidiumssitzung gesagt, will jetzt all in gehen.

Sprecher 3: Ja, die AfD freut sich. Friedrich Merz hatte ja im September eigentlich gesagt, Migration soll nicht das Hauptthema im Wahlkampf werden, damit sich die AfD eben nicht freut. Jetzt war Aschaffenburg sowas in der CDU zu hören, einfach ein Messermord zu viel. Es dreht sich nicht nur alles um die Migration, sondern es dreht sich auch alles um die Frage, wie hältst du es mit der AfD?

Sprecher 2: Ja, wir müssen mal versuchen, das Ganze irgendwie zu sortieren. Also Friedrich Merz will tatsächlich seinen umstrittenen, mit Werf und Härte vorgetragenen Fünf-Punkte-Plan, unter anderem Zurückweisung, mehr Befugnisse für die Bundespolizei, in den Bundestag diese Woche am Mittwoch einbringen. Und er sagt mehrfach, es ist ihm egal, ob die AfD mitstimmt. Hier ist der aktuelle O-Ton von gestern Abend bei Berlin direkt.

Sprecher 4: Soll ich mich davon abhängig machen, ob die AfD zustimmt, was wir für richtig halten? Wir machen in der Unionsfraktion das, was wir in der Sache für richtig halten. Und wenn die AfD zustimmt, dann stimmt sie zu. Wenn sie nicht zustimmt, soll sie es bleiben lassen.

Sprecher 3: Gibt es die Brandmauer zwischen CDU und AfD noch? Und wenn ja, wie dick ist sie eigentlich? Denn es hat in der Union, und das ist, glaube ich, unumstritten, eine Verschiebung gegeben. Wir erinnern uns, im Februar 2020 ist ein gewisser Thomas Kemmerich mit den Stimmen von C. CDU und AfD zum Ministerpräsidenten Thürings gewählt worden. Und damals hat man in der CDU ganz klar gesagt, das geht nicht. Angela Merkel hat es als unverzeihlich bezeichnet. Annegret Kramp-Karrenbauers politisches Schicksal war damit besiegelt, weil man gesagt hat, keine Zufallsmehrheiten von CDU und AfD. Und im November des vergangenen Jahres hat Friedrich Merz nach dem Ampel aus auch nochmal bekräftigt, er wolle Mehrheiten für bestimmte Vorhaben im Bundestag suchen, mit allen Kräften. Außer mit der AfD. Davon ist nun keine Rede mehr. Nun sagt er, es ist ihm egal und nimmt billigend in Kauf, dass die AfD dabei ist.

Sprecher 2: Der Strategiewechsel ist tatsächlich da. Die Frage ist jetzt, ist das schon die Brandmauer oder ist das eine Kooperation? Und das ist am Ende jetzt eine Definitionssache. Zunächst muss man nochmal klar machen, Union und AfD haben im Deutschen Bundestag keine Mehrheit. Die Mehrheit könnte aber zustande kommen mit FDP, mit allen BSW-Abgeordneten, also diejenigen, die jetzt bei der BSW sind, und Union und AfD. Dann gäbe es eine Vier-Parteien-Mehrheit und dann könnte dieser Fünf-Punkte-Plan tatsächlich sogar Gesetz werden. Und damit würde er auf Stimmen der AfD dann tatsächlich auch zurückgreifen. Er hat natürlich diesen Antrag jetzt nur an die Ampelparteien geschickt. Er hat auch extra Sätze reinschreiben lassen, die die AfD eigentlich nicht mittragen kann, nämlich hardcore kritische Putin-Sätze, damit die AfD nicht mit dabei ist. Aber die AfD könnte das Thema daraus natürlich machen, mitstimmen und ohnehin sagen, endlich geht er auf unsere Themen zu.

Sprecher 3: Und genau das macht die AfD ja auch. Alice Weidel hat sofort getwittert. Die Brandmauer ist gefallen. Die Union hat unser Angebot angenommen, gemeinsam über die Migrationspolitik abzustimmen. Es gibt jetzt auch in der CDU erste Politiker, die sich so zu Wort melden. Saskia Ludwig zum Beispiel, Brandenburger Landtagsabgeordnete, hat nun für eine Koalition mit der AfD geworben. Also man hat den Eindruck, die Tür ist einen Spalt aufgedrückt. Und nun ist die Frage, kriegt Friedrich Merz sie wieder zu oder wird sie von Kräften in seiner Partei aufgestoßen? Denn, das ist ja auch bekannt, es gibt gerade in den östlichen Bundesländern schon den ein oder anderen CDU-Abgeordneten, der sagt, die Schnittmenge mit der AfD ist in manchen Fragen einfach größer als mit den Parteien links der Mitte.

Sprecher 2: Ein Fehler hat er eigentlich gemacht, denn er war ja in der Offensive. Aschaffenburg ist natürlich die Migrationspolitik. Es geht um sofort ausreisepflichtige Personen, die nicht abgeschrieben wurden. Es geht um problematische Zuwanderer. Friedrich Merz hatte einen klaren und guten Auftritt. Der Fehler war aus meiner Sicht, und das sehen eben einige in der Union auch so, warum macht er das dann zum Thema im Bundestag? Es können ohnehin keine Gesetze mehr beschlossen werden. So schnell kann der Bundestag vor der Bundestagswahl gar nicht mehr in die Ausschüsse, in die zweite und dritte Lesung. Das heißt, man hätte ein politisches Bekenntnis machen können, auch was er als Bundeskanzler als erstes machen will, kann er ja alles sagen. Er kann ja seine Politik kommunizieren. Aber dass es jetzt so in diese Bundestagsmehrheitsdebatte hineingerutscht ist, das ist das, was die Kritiker auch in der Union ihm vorwerfen, die eigentlich in... inhaltlich bei ihm sind.

Sprecher 3: Eine Debatte, die der CDU schadet und nun ist erkennbar, dass die CDU sich um Begrenzung dieses Schadens bemüht. Friedrich Merz hat nun mehrfach wieder gesagt, nein, es gebe keine Zusammenarbeit. Man wolle ja mit SPD und Grünen gerade über diese Fragen verhandeln. Da gibt es einen gewissen Widerspruch, denn anfangs sagte er ja, er wolle über diese Fragen überhaupt nicht verhandeln, sondern das müsse so angenommen werden und Punkt. Wo jetzt Grüne und SPD zu Recht sagen, naja, das klingt schon ziemlich nach Erpressung. Entweder wir sollen jetzt mitmachen oder du machst es mit den radikalen Kräften.

Sprecher 5: Liebe Freundinnen, liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren, früher hatte die Union hinter sich stehen. Die Mitte, die Mitte, diese Mitte ist jetzt leer.

Sprecher 3: Robert Habeck hat da auf dem Parteitag der Grünen in Berlin am Sonntag ziemlich klare Worte gefunden.

Sprecher 5: Es bedeutet nicht, eine Position geometrisch zu bestimmen, sondern das Verständnis, dass Demokratie gelebt wird und die Demokraten einigungsfähig sein müssen. Einigungsfähigkeit heißt aber nicht Kompromisslosigkeit, heißt nicht friss oder stirb, heißt nicht entweder stimmt ihr zu oder ich stimme mit Rechtsradikalen. Das ist nicht Mitte, das ist Ideologie.

Sprecher 2: Ja, da hat Robert Habeck durchaus einen Punkt. Friedrich Merz sagt, er will mit der Mitte verhandeln über Maßnahmen zur Migration. Das kann man ja auch alles tun. Und dann sagt er, die fünf Punkte sind nicht verhandelbar. Also gar nicht. Und das passt natürlich nicht zusammen. Und da kann Robert Habeck und die Grünen zu Recht jetzt sagen, wir sind die staatspolitische Verantwortung. den Konsens, den kann Merz nur finden, wenn er auch bereit ist, Abstriche an den Punkten zu machen, die ich teilweise richtig finde, aber trotzdem ja auch durchaus zumindest europarechtlich umstritten sind.

Sprecher 3: Die Union steht ja auf dem Standpunkt, wenn Europarecht nicht funktioniert, könne man das auch einfach aussetzen. Diese Fragen sind rechtlich extrem kompliziert. Und die Frage ist wirklich, soll man solche Dinge vier Wochen vor der Wahl diskutieren, wo es ehrlich gesagt den Parteien darum geht, Menschen zu überzeugen, sie zu wählen und nicht echte Lösungen zu finden, ist meine These.

Sprecher 2: Einer, der März zumindest inhaltlich eigentlich zur Seite springt, ist ausgerechnet der grüne Bundesminister Cem Özdemir. Zumindest was die Migrationsdebatte und auch die möglichen Konsequenzen in dieser Tat in der Schaffenburg betrifft, hat Cem Özdemir gesagt, wir müssen endlich auch über die Migration verschärft reden, auch bei den Grünen. Das hat er gesagt.

Sprecher 6: CDU, CSU, SPD, Grüne müssen alle über ihren Schatten springen. Das heißt, es muss klar sein, dass wir in Deutschland die notwendigen Reformen machen. Bei Leuten, die psychisch krank sind, bei Leuten, die offensichtlich schizophren sind und von denen die Gefahr ausgehen könnte. Und dann kommt logischerweise noch dazu, dass wir eine Regelung finden müssen für die Leute, die künftig ins Land kommen. Und es gibt unter den schlechten Lösungen vielleicht die am wenigsten schlechte, und das ist eine Drittstaatenregelung mit großzügigen Kontingenten. Wo wir Schutz... bedürftige Überkontingente aufnehmen, damit sie zu uns kommunitären Verantwortung stehen und gleichzeitig alles dafür tun, Fluchtursachen zu bekämpfen.

Sprecher 3: Cep Esdemir macht klar, Zurückweisung findet er falsch, aber er ist nun einer der wenigen Grünen, die explizit sich ausspricht für die Drittstaatslösung, die ja immer noch die Mehrheit in der Partei für dysfunktional und falsch anzieht.

Sprecher 2: Bei all der Debatte treibt mich am meisten um, dass wir ständig wie ein Kaninchen auf die Schlange AfD schauen und uns gar nichts mehr erlauben. Also diese Selbstverzwergung der politischen Parteien, der Mitte, kann jetzt keiner mehr einen Antrag machen, weil er Sorge hat, dass die AfD mitstimmt. Irgendwie müssen wir ja aus dieser Nummer mal raus. Alexander Dobin hat es gestern im ARD-Bericht aus Berlin auch gesagt. Wir wollen doch nur das in den Bundestag einbringen, wovon wir selbst überzeugt sind. Und selbst Olaf Scholz hat vor einem Jahr oder vor mehr als einem Jahr, als es im Osten um die Debatte ging, welche Anträge man im Landtag eigentlich einbringen darf, gesagt, wir bringen das ein, wofür wir stehen. Und wenn es nicht zu einer gesetzgebungsverändernden Mehrheit kommt, dann ist es auch egal, ob die AfD mitstimmt, so oder so ähnlich. Und das ist jetzt ja wieder der Fall. Es passiert ja de facto vor dem 23. Februar nichts mehr.

Sprecher 3: Da stellen sich die Leute dümmer, als sie wirklich sind. In Wahrheit gibt es ja in allen anderen Fällen eine Mehrheit in der Koalition. Das heißt, all diese Fragen bespricht man im vertraulichen Raum innerhalb der Koalition und hat dann eine Mehrheit für einen Gesetzentwurf, den man einbringt. Das Szenario, ich mache mal was und gucke, wer so mitstimmt. Das gibt es ja im deutschen parlamentarischen System jedenfalls nach der Tradition eigentlich nicht, sondern nur in dieser super Sondersituation von zerbrochener Ampel und offenbar aus Sicht vieler jetzt doch einem bestehenden Handlungsdruck, jetzt etwas zu tun. Und bei diesem Handlungsdruck denkt man sich, was soll denn jetzt eigentlich gehandelt werden? Denn tatsächlich ist es ja so, folgt man der CDU in ihrer Argumentation, dann könnten ja schon jetzt ohne dieses Gesetz, ohne dieser Antrag Zurückweisung an der Grenze vollzogen werden, wenn man sagt, Europarecht gilt nicht, sondern nationales Recht, dann funktioniert das alles schon jetzt. Insofern ist dieser ganze Antrag im Kern eine reine Wahlkampfaktion. Man kann auch sagen, eine Art von PR-Aktion, um den Leuten zu sagen, mit der CDU ist ein echter Politikwechsel möglich. Das hat Carsten Lindemann jetzt auch mehrfach gesagt. Wir wollen das und wir werden keine Rücksicht mehr nehmen auf, ich sage jetzt mal despektierlich, das Geschwafel der linken Parteien, die überall rechtliche Bedenken sehen. Aber das Risiko, dass sie damit eingehen, das ist wirklich ein Ritt auf der Rasierklinge. So haben es mir am Wochenende auch einige CDUler gesagt, die natürlich nicht zitiert werden wollen, denn den großen Vorsitzenden darf man offenbar in diesen Zeiten nicht kritisieren. Ich stelle aber fest, es rumort ganz schön in der CDU.

Sprecher 2: Auch bei Helene Bobrowski-Romortes. Ich liebe es, wenn du mal so on fire bist, Helene. Das gefällt mir gut.

Sprecher 3: Ich bin immer on fire, mein Lieber.

Sprecher 2: Du bist immer on fire. Ja, und jetzt auch emotional in deiner Argumentation. Und ich muss ja sagen, du hast mit Teilen ja auch innerhalb der Union durchaus Fans für diese Sichtweise. Es gab eine Gruppe von zwei Dutzend Abgeordneten, die sich gestern... morgen, am Sonntagmorgen zusammengeschaltet haben, weil sie Bedenken haben gegen dieses Vorgehen. Wie du es schon angedeutet hast, der Satz, der bei dieser Runde viel lautete, ein Spitzenkandidat hat im Wahlkampf immer recht. Also keine offene Rebellion. Die Wahrheit ist aber auch, Helene, die Mehrheit der Vorstand und des Präsidiums steht. Hinter März. Sie wünschen sich diese klare Kante in der Migrationspolitik. Sie fanden den Auftritt gut. Die Auswirkungen sind allerdings nicht ideal. Auch Manfred Güllner hat uns bei Table Briefings ja gesagt, am Ende hilft diese Debatte, weil sie eben nicht konsensual geführt wird, weil sie nicht die Mitte zusammenhält. Nur der AfD, das ist zumindest die Einschätzung eines der erfahrensten Demoskopen. Wir werden sehen diese Woche und vor allem Ende der Woche, wer davon am Ende wirklich profitiert.

Sprecher 3: Mein Fazit ist, man kann gerade in der Migrationspolitik über alles sprechen. Man sollte nicht immer das rechtliche Argument anführen, um zu sagen, das geht alles nicht. Aber man sollte sich schon sehr genau überlegen, mit wem man so einen Politikwechsel beschließt. Und man sollte einfach nicht anfangen, die AfD zu verharmlosen. Das wäre gerade in dieser Frage grundfalsch. Und man sollte ihr nicht die Möglichkeit geben, jetzt morgen Luft zu wittern und sich als Partei der Mitte irgendwie zu inszenieren. Das ist ein viel zu hoher Preis, den Friedrich Merz dafür zahlt. Und da geht es schon, würde ich sagen, um nichts weniger als die politische Kultur in Deutschland.

Sprecher 2: 1,5 Millionen Menschen wurden im größten aller Konzentrationslager, dem in Auschwitz, systematisch umgebracht. 80 Jahre ist die Befreiung dieses Konzentrationslagers jetzt her und weltweit ist Auschwitz immer noch der Ort des maximalen Zivilisationsbruchs und das Symbol für den Holocaust. Heute vor 80 Jahren wurde das Lager befreit. An diesem Gedenktag, wo auch Olaf Scholz und der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sich auf den Weg nach Auschwitz machen, haben wir mit der ehemaligen Bildungsministerin, ehemaligen Botschafterin am Heiligen Stuhl und der aktuellen Vorstandsvorsitzenden der Hertie-Stiftung, Annette Schawan, darüber gesprochen, wie wir es schaffen, auch wenn immer weniger Menschen die Shoah und den Holocaust selbst erlebt haben, diese Erinnerungskultur hochzuhalten. Helene Bubrowski im Gespräch mit Annette Schawan.

Sprecher 3: Hallo Frau Schawan.

Sprecher 7: Herzlichen Dank für die freundliche Einladung.

Sprecher 3: Ja, wir wollen heute sprechen über natürlich den 27. Januar, den heutigen Tag, die Befreiung von Auschwitz vor 80 Jahren und über Erinnerungskultur. Olaf Scholz und Frank-Walter Steinmeier sind heute in Auschwitz. Das ist natürlich ein richtiges Signal und zugleich hat man das Gefühl, diese Reisen haben etwas sehr Ritualhaftes. Wie geht Ihnen das, wenn Sie das sehen? Erreichen Politiker so noch die Menschen, die sie erreichen wollen, indem immer wieder dieselben selben... Bilder gezeigt werden.

Sprecher 7: Rituale sind wichtig, aber sie reichen nicht. Wir brauchen Wege, und das finde ich für Gedenkkultur, für Erinnerungskultur ganz wichtig, wir brauchen Wege, wie junge Leute selbst Gestalter von Erinnerungskultur werden. Und da ist auch in vielen Schulen viel geschehen. An Projekttagen im Blick auf lokale Geschichten, Stadtteilgeschichten. Schulen haben sich damit beschäftigt und damit auch eine andere historische Bildung versucht als der klassische Geschichtsunterricht.

Sprecher 3: Jetzt sehen wir aber gleichzeitig, dass Studien ergeben, dass Bei den jungen Leuten, bei denen zwischen 18 und 29 doch ziemlich eklatante Bildungslücken bestehen, gerade mit Blick auf den Nationalsozialismus. Jeder Zehnte dieser jungen Erwachsenen kann mit den Begriffen Holocaust und Shoah nichts anfangen. Offenbar hat es nicht gereicht, was passiert ist, was muss sich da ändern?

Sprecher 7: Wir müssen heute stärker als vor 30 Jahren in den Blick nehmen, jede Schulklasse ist eine internationale Gesellschaft. Da sitzen nicht 20 oder 30 Berliner in Berliner Schulen oder in einer Schule, selbst in Oberschwaben. Da sitzen Kinder, Jugendliche aus ganz verschiedenen Kulturen, Religionen, auch historischen Herkünften. Und ich denke, das ist zunächst einmal tatsächlich so, dass vieles an denen vorbeigeht. Wissen, von dem Sie sagen, das hat mit meiner Geschichte nichts zu tun. Deshalb sind andere Wege so wichtig, dass über Biografien gearbeitet wird. Wenn Sie sich auseinandersetzen können mit Personen, die verfolgt wurden, die umgekommen sind, die getötet wurden, Wenn es ihnen näher kommt, dann glaube ich, kann mehr gewonnen werden. Und das ist ja die Aufgabe, die auch Stiftungen wie die Hertie-Stiftung oder die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft oder jetzt neu gegründet die Finkelstein-Stiftung übernehmen, dass sie sagen, wir müssen neue Formate entwickeln, es muss konkreter werden. Es gibt wunderbare Vereine, Initiativen in Deutschland, die ganz viel machen, aber wir müssen raus aus diesen klassischen Erinnerungsmilieus in die Gesellschaft. Unternehmen, Kultureinrichtungen, Behörden, die ihre Geschichte aufarbeiten, da tauchen plötzlich ganz konkrete Personen auf und mit denen können sich auch die jungen Leute beschäftigen.

Sprecher 3: Frau Schabern, es gab ja kürzlich dieses Social-Media-Projekt über Sophie Scholl, die in Posts wie ein Mädchen von heute ihr Tagebuch erzählt. Ist das vielleicht der richtige Weg?

Sprecher 7: Das ist ein gutes Beispiel. Interaktion ermöglichen, Fragen stellen können, erleben, dass da in ein Leben eingegriffen wurde, das in ganz vielem dem ähnelt, was ich als junger Mensch gerade erlebe, was ich erhoffe. Bedrohung nicht nur akademisch erklärt bekommen, sondern mitbekommen, dass plötzlich von einem Tag auf den anderen nach viel sich heranschleichendem Unheil ein Leben ausgelöscht wird. Ich nenne die Münchner Kammerspiele als gutes Beispiel. Sie haben ihre Geschichte in der Nazizeit aufgearbeitet. Sie haben festgestellt, über 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden verfolgt, mussten fliehen, sind umgekommen. Sie haben diese Biografien rekonstruiert. Sie haben gleichsam diese 200 Menschen wieder in die Geschichte ihrer Institution zurückgeholt.

Sprecher 3: Was halten Sie von der Idee, die ja in einigen Bundesländern auch schon umgesetzt ist, verpflichtende KZ-Besuche für Schülerinnen und Schüler?

Sprecher 7: Das ist gut gemeint. Es stimmt ja, dass die Gedenkstätten, die wir haben, mit all ihren Möglichkeiten genutzt werden müssen. Aber klar ist auch, wenn etwas zur Pflicht wird, wenn die Schule sagt, das müssen wir jetzt auch noch machen, ist es noch nicht integriert in diese Schule und in historische Bildung. Das kann als Pionier da und dort gemacht werden, aber wichtiger ist, eine wirklich in der Breite der Gesellschaft angelegtes Bewusstsein für diese schleichenden Veränderungen, für die Banalität des Bösen, wie Hannah Arendt es genannt hat, für die Versuche, Gesellschaften, ein Volk zu dividieren in die einen und die anderen. anderen, die wir wollen und die wir nicht wollen, immer mehr zu schüren, vorhandene Vorurteile, vorhandene Unsicherheit, das sind ja die Wege, wie zu allen Zeiten das Unheil entstanden ist und zu schrecklichen Verwerfungen bis hin eben zu Shoah geführt hat.

Sprecher 3: Die traditionelle Erinnerungskultur in Deutschland und Kampf gegen Antisemitismus hat ja primär die Rechtsextremisten im Fokus gehabt. Jetzt stellen wir fest, es gibt auch den importierten Antisemitismus. Omid Nouripour, der ehemalige Grün-Vorsitzende, erzählt die Geschichte, wie er selbst im Iran aufgewachsen ist und in den Lehrbüchern eine Art von Gehirnwäsche unterzogen wurde, dass Israel der Feind ist, dass die Juden der Feind sind und dass er erst umlernen musste. Also die Geschichte des Umlernens, und das betrifft ja viele junge Migranten, auch Kinder, die in Deutschland geboren sind, die natürlich... Kulturell familiär eine Neigung haben könnten, antisemitisch zu werden. Das ist ja eine riesengroße Aufgabe für die politische Bildung in Deutschland.

Sprecher 7: So ist es. Es ist ein wichtiger Punkt für die Bildungspolitik, weil jede Schulklasse eine internationale Gesellschaft ist, weil Kinder, Jugendliche da sind mit ganz unterschiedlichen Herkünften. Deshalb müssen wir uns Gedanken machen oder muss es eine Weiterentwicklung des Geschichtsunterrichtes, auch des politischen Politikunterrichtes, geben, Gemeinschaftskunde, wie immer die Fächer heißen, um wirklich ihnen ein Gespür zu vermitteln für das, was in der Geschichte dieses Landes, der Bundesrepublik Deutschland, bedeutsam ist. Aber über diese Geschichte hinausgehend, die Geschichten ihrer Länder müssen irgendwo auch einen Platz finden. Und es muss deutlich werden, egal wie die Geschichte aussieht, es sind so viele Geschichten mit so viel Gewalt und Zerstörung. Und was heißt es für eine heutige Gesellschaft? Wie schaffen wir, nicht in die gleichen Fallen zu laufen, in die Menschen zu allen Zeiten gelaufen sind? Wie schaffen wir, dass die Demokratie wirklich auch ein Schutz sein kann vor diesen ganzen Vernichtungsgeschichten, die es gab? Oder nochmal Hannah Arendt gesagt, dieser schöne Satz, Menschen können Wunder bewirken, wenn sie zusammenarbeiten. Und meine persönliche Überzeugung ist, wenn ich dieses Jahr 2025 mir den Gedenktagen nehme und wenn ich mal weiterdenke, die nächsten acht Jahre, die übernächste Bundestagswahl, wenn es reguläre Legislaturperioden gibt, wird im Jahre 2033 sein. Das heißt, diese acht Jahre sind wichtig, dass wir es nicht beiseite schieben und sagen, wir haben jetzt andere Probleme, sondern diese jeweils junge Generation ganz besonders befähigen. Fähigen, ermutigen zur Freiheit, zum gemeinsamen Handeln, machtvoll gemeinsam auftreten, zu einem Erinnern und gleichzeitig lebendigen Einsatz für Demokratie.

Sprecher 3: Ein einringlicher Appell von Annette Schawan. Vielen Dank, dass Sie heute hier waren.

Sprecher 7: Gern geschehen.

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Sprecher 3: Mick war noch was.

Sprecher 2: Elin, ich bin gleich auf dem Weg nach Auschwitz, werde mit dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler dort an diesem Gedenken teilnehmen. Und ich finde irgendwie immer noch, es sollte einfach jeder Mensch in Deutschland mindestens einmal getan haben.

Sprecher 3: Finde ich auch. Man denkt, man hat die Bilder alle schon gesehen. Man denkt, man kennt die Geschichten. Und wenn man in diesem Lager steht, wenn man auf die Berge von Haaren, von Brillen, von Koffern dann tatsächlich schaut und versucht, dieses unfassbare Grauen sich vorzustellen, dann ist das schon etwas sehr anderes, als wenn man das auf Fotos in der Zeitung sieht.

Sprecher 2: Ja, und ich glaube, es wäre wirklich die maximale Rezeptur gegen Antisemitismus, egal woher er kommt. Die persönlichen Erfahrungen der Holocaust-Überlebenden sind ja kaum noch zu greifen, aber das, was in diesem Lager ausgestellt wird und was dort erzählt wird, genau wie in Yad Vashem in Israel, muss man sagen, das vergisst man nie wieder. Und insofern ist es, glaube ich, zum Abschluss dieses Podcasts sinnvoll, an einen ganz großen der jüdischen Singer und Songwriter zu denken, der zwar ein Amerikaner ist, aber jüdisch. Ich bin ein bisschen gläubig, nämlich Bob Dylan.

Sprecher 10: Hey, Mr. Tambourine Man, play a song for me. I'm not sleepy and there is no place I'm going to. Hey, Mr. Tambourine Man, play a song for me. In the jingle jangle morning, I come following you.

Sprecher 3: Nur kurz wollte ich einwerfen, ich war jetzt kürzlich im Jüdischen Museum in Berlin. Also man muss gar nicht so weit reisen. Man kann auch hier in Berlin sich interessant informieren. Und auch mich hat es wieder einmal wirklich sehr ergriffen.

Sprecher 2: Wenn Sie mögen, sind wir morgen ab 6 Uhr wieder für Sie da. Table Today. Bis dahin. Ciao, ciao.

Sprecher 3: Tschüss.

Sprecher 10: And take me disappearing through the smoke rings of my mind Down the foggy ruins of time Far past the frozen leaves, the haunted frightened trees Out to the windy beach, far from the twisted reach of crazy sorrow Yes, to dance beneath the diamond sky with one hand waving free, silhouetted by the sea, circled by the circus sands, with all memory and fate driven deep beneath the waves. Let me forget about today until tomorrow. Hey, Mr. Time Marine Man, play a song for me. I'm not sleepy and there is no place I'm going to. Hey, Mr. Tambourine Man, play a song for me. In the jingle jangle morning, I come following you.