Round Table mit Oleksii Makeiev
Viktor Funk und Wilhelmine Preußen vom Security.Table sprechen mit dem ukrainischen Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev.
Der Botschafter zieht Bilanz über seine bisherige Amtszeit und gibt Einblicke in die Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und Deutschland seit Beginn des Krieges.
Themen des Gesprächs sind die militärische Unterstützung durch Deutschland, die politische Kommunikation im Wahlkampf und die Frage nach der Verlässlichkeit der transatlantischen Partnerschaft, insbesondere angesichts des Machtwechsels in den USA. Wie schätzt der Botschafter die deutsche Zögerlichkeit bei Waffenlieferungen ein? Was erwartet die Ukraine von der nächsten Bundesregierung? Und wie lässt sich die Unterstützung der Bevölkerung in Europa langfristig sichern?
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Bald jährt sich der ruchlose Angriff Russlands auf die Ukraine schon zum dritten Mal. Es war der 24. Februar 2022, als Russland nach der Annexion einiger Gebiete der Ukraine an allen Fronten einmarschierte, Kiew bombardierte. Und seitdem, das muss man sagen, ist es nicht wirklich besser geworden. Die Ukraine verteidigt sich tapfer, aber der Krieg bleibt brutal und ein Ende ist nicht in Sicht. Für die Ukraine wird die Lage immer brenzliger, gerade jetzt im Winter. Und dann kommt noch dazu die Wahl von Donald Trump, die viele Fragezeichen hinterlässt. Denn wir wissen einfach nicht bei diesem unberechenbaren neuen Staatenlenker, ob er die Unterstützung für die Ukraine fortsetzen wird oder nicht. Was die neue Bundesregierung macht, das wissen wir auch nicht. Was braucht die Ukraine eigentlich? Wie sehr verunsichert sie diese politische Weltlage? Das sind wichtige Fragen an den ukrainischen Botschafter in Deutschland, Olegsey Makeyev. Und unsere beiden Sicherheitsexperten vom Security Table, Viktor Funk und Wilhelmine Preussen, haben mit ihm hier im Studio gesprochen und über die Lage in der Ukraine geredet, die Sorge vor Trump und möglichen Friedensverhandlungen.
Sprecher 3: Herr Botschafter, herzlich willkommen bei Table Today.
Sprecher 4: Dankeschön für die Anladung.
Sprecher 3: Es sind spannende Zeiten, viele Veränderungen. Berichten zufolge endet Ihre Zeit als Botschafter nach zwei Jahren. Neuwahlen stehen an in Deutschland, in den USA steht ein Präsidentschaftswechsel an. Vielleicht können Sie einmal kurz Bilanz ziehen. Was ist das Wichtigste aus Ihrer Sicht, was Sie erreicht haben als Botschafter in Deutschland mit dieser Bundesregierung?
Sprecher 4: Also ich bleibe Botschafter, bis ich die Grenze mit Polen überquere. Wir haben noch sehr viel zu tun und jeder Tag ist wichtig für uns, für die Ukraine, für mich persönlich als Diplomaten und für mein Team. Ich bin eigentlich sehr stolz darauf, was wir in diesen etwas mehr als zwei Jahren erreicht haben. Deutschland hat sich verändert. Von 5000 Helmen im Februar bis Leoparden und Patrioten Flugabwehrsystemen. Von Business. Mit Russland zum Business ohne Russland. Jetzt 67 deutsche Unternehmen haben Russland verlassen. Noch über 130 sind gerade im Prozess. Viele deutsche Unternehmen kommen in die Ukraine. Könnte man das vorstellen, 2022, dass jetzt deutsche Unternehmen Joint Ventures mit ukrainischen Unternehmen öffnen und investieren? Ukraine bleibt immer noch ein wichtiges Thema in Deutschland und die Unterstützung der Bevölkerung von jedem Deutschen bleibt stabil. Und dafür danke ich auch jedem deutschen Steuerzahler, weil gerade diese Hilfen, die aus Deutschland gekommen sind, gehen auf jeden Steuerzahler zurück. Und das ist ein toller Beitrag zur Sicherheit der Ukraine. Deutsche Waffen, sage ich oft, retten Leben. Und das stimmt auch, weil deutsche IRIS-T-Flogaviersysteme, Geparden-Flaggpanzer, drei Patriotensysteme aus Deutschland sind vielleicht der Grund dafür, dass meine Mutter und viele meiner Freunde in der Ukraine noch am Leben sind. Deswegen hat Deutschland sehr viel getan und ich habe hier in diesen zwei Jahren sehr viele Freunde gewonnen.
Sprecher 5: Herr Botschafter, Sie haben jetzt sehr viele Themen angesprochen, auf die wir zum Teil noch eingehen. Ich würde gerne noch einen Schritt kurz zurückgehen. Sie sind seit gut zweieinhalb Jahren Botschafter hier. Sie sagten, Deutschland hat sehr viel getan. Wir wissen aber auch alle, Deutschland hat auch sehr viel geredet. Über jedes einzelne Waffensystem, was Sie genannt haben, wurde sehr oft geredet. Hat Russland auch sehr viel Anpassungszeit gegeben oder Drohungen auszusprechen. Wenn Sie etwas verändern könnten in den letzten zweieinhalb Jahren, wie es gelaufen ist, was hätten Sie es gewünscht? Also es können Sie sein, was Sie getan haben oder was die Bundesregierung hätte vielleicht anders machen können, um für die Zukunft daraus zu lernen.
Sprecher 4: Grundsätzlich fehlt es in Deutschland das Verständnis der... Dringlichkeit. Und dass es nicht tausende und tausende Kilometer entfernt ist, sondern dass Deutschland fast mittendrin ist. Das ist ein Krieg in Europa. Und wenn es ein Krieg gegen Europa ist, was Putin und Russland schon mehrmals erklärt hat, dann muss man sich wehren. Die langen Diskussionen in Deutschland stören natürlich. Ich bin Diplomat, ich selber muss an diesen Diskussionen teilnehmen, weil das Wort ist eine einzige Waffe eines Diplomaten. Aber natürlich die langen Diskussionen, sei es über Marder oder Leoparden, über Taurus, über Erlaubnisse, die Ziele aus dem russischen Territorium anzugreifen, es kostet Menschenleben jeden Tag. Und Russen lehnen sich zurück und belachen die westliche und die deutsche Zögerlichkeit und Unentschlossenheit, weil das sind auch die Ziele, die sich Russland gesetzt hat, den Westen einzuschüchtern und Deutschland aus dem Spiel herauszuholen. In diesem Sinne, man muss schnell handeln, man muss wirklich Mut haben. All die Beschränkungen auf sich selbst und auf die Ukraine müssen aufgehoben werden. Mehr Mut und auch mehr Ehrlichkeit im Gespräch mit der deutschen Bevölkerung. Das, was ich versuche zu machen.
Sprecher 2: Sie haben gerade...
Sprecher 5: Wie so oft schon in der Öffentlichkeit der deutschen Bevölkerung gedankt, also dem deutschen Steuerzahler, wie Sie gesagt haben. Es gibt Umfragen aus dem Dezember von CDF, die zeigen, dass die Unterstützung, vor allem die militärische Unterstützung für die Ukraine sinkt. Sie ist immer noch an die 60 Prozent, 57 Prozent, aber sie ist um 9 Prozent gesunken gegenüber dem Vorjahreswert. Man merkt auf jeden Fall auch, dass im Wahlkampf auch das Thema Ukraine fast schon tabuisiert ist. Es findet nicht statt. Wie versuchen Sie, dieses Thema denn wieder in Öffentlichkeit zu spielen? Und wie wollen Sie denjenigen, die die militärische Hilfe inzwischen infrage stellen, also mehr als früher, wie können Sie denen signalisieren, dass Sie auch etwas davon haben?
Sprecher 4: Es wäre... angebracht, dass in diesem Wahlkampf deutsche Politiker ehrlich gegenüber ihren Wählern sind. Und dann doch über die Ukraine zu sprechen. Weil eigentlich alles, was die demokratischen Parteien für sich bestimmt haben als Hauptthemen des Wahlkampfes, sei es Migration, Sozialleistungen, Wirtschaft, es ist alles nichts. Die Ukraine aus dem Blickwinkel dann genommen wird. Wie kann man über Migration sprechen, wenn man den Grund einer enormen Migration von Ukrainer nach Deutschland nicht in Betracht nimmt? Wie kann man über Sozialleistungen sprechen, wenn Ukraine alleingelassen, und die Russen vorrücken und Deutschland in einer direkten Gefahrensituation dann ist. Deswegen muss man mit den Menschen sprechen. Und das ist vielleicht auch Grundlage dafür, dass die Zahl sinkt. Aber nochmals, 2022 im Oktober wurde ich gewarnt, jetzt ist die Unterstützung groß, so 70 Prozent. Aber im nächsten Jahr fällt sie runter auf 50 oder 30. Nein, es ist nicht passiert, weil die Bürger... Verstehen es, dass es ein Krieg ist in Europa und das ist ein Krieg eines Totalitarismus gegen Demokratie und Demokratie spielt eine wichtige Rolle für die Deutschen, da bin ich mir sicher.
Sprecher 3: Die Art und Weise, wie sie kommunizieren, ist ganz anders und steht im krassen Gegensatz zu dem, wie ihr Vorgänger war. André Melnyk, viele erinnern sich noch, der war laut und unbequem. Sie sitzen hier, bedanken sich viel, sagen, die Bevölkerung versteht vieles. Inwiefern glauben Sie, dass sich dieser Stil von Ihnen auch auszahlt?
Sprecher 4: Das zahlt aus, indem die Menschen sich öffnen, indem Deutschland auch enorm viel liefert. Und die ganzen Diskussionen sind von der Beschimpfung in die absolut pragmatische und zielgerichtete Kooperation gegangen. Und dass mein Präsident fünfmal im letzten Jahr in Deutschland war und hatte unzählige Gespräche und Telefonate und Treffen mit dem Bundeskanzler, Außenministerin. reist sehr oft in die Ukraine. Diese Kontakte, die sind heute gepflegt. Und wir sehen, dass Deutschland auch sehr viel, wenn nicht alles, aber sehr viel liefert. Und wissen Sie, das erwarten wir Ukrainer, nicht nur meine Wenigkeit als Botschafter, aber wir Ukrainer schauen auf Deutschland als auf einen der wichtigsten Partner auf dieser Welt. Und wir wissen, dass die Deutschen sind diejenigen, die auch Führungsrolle übernehmen können. In diesem Sinne glaube ich, dass diese Diplomatie... Einige mögen es klassische Diplomatie nennen, obwohl ich zähle mich nicht zu Klassikern und versuche mal sehr modern in diesem Sinne zu sein. Aber mit Ehrlichkeit und Offenheit und natürlich mit Argumentation. Reicht man viel mehr als mit Beschimpfungen.
Sprecher 5: Die Bundesregierung steht ja trotzdem seit Anfang an in Kritik, nicht nur, weil man am Anfang gerade mal so ein paar tausend Schutzhelme liefern wollte. Vor allen Dingen steht sie in der Kritik, dass jedes Hilfspaket, vor allem militärische, immer so lange diskutiert wird, bis jetzt etwas passiert. Und wir hatten vor kurzem einen Gastbeitrag bei Table Briefings von Claudia Major und Christian Mölling. Eine Analyse, in der sie von deutscher Selbstzufriedenheit und gebremster Leistungsbereitschaft und gleichzeitiger Belehrung anderer Sprachen. Fühlt sich Kiew manchmal vom Westen oder auch von Deutschland belehrt?
Sprecher 4: Ja. Sehr oft. Das ändert sich dann sofort, wenn man in die Ukraine reist. Ich habe von vielen Politikern gelernt, ach, das wäre eine Eskalation. A, es ist nicht so schlimm. Und dann kommen die Delegationen nach Kiew und einige kommen nicht nur im Nachtzug dann sofort zurück, sondern bleiben für ein paar Tage, übernachten im Hotel und dann plötzlich muss man runter in den Schussbunker. Auch in der Stadt Kiew oder in Dnipro oder in Odessa. Und man begreift, dass es kein Computerspiel ist. Und da wird nicht mehr belehrt, dass wir schon genug geliefert haben. Nein. Wenn dann die Jungs sagen, sorry, wir haben noch ein paar Raketen übrig oder ein paar Granaten für unsere Panzerhaubitze übrig und wir können uns nicht mehr schützen, dann wird es dringend. Und nochmals, das ist auch ein Teil der diplomatischen Arbeit, Menschen mit einbeziehen, diejenigen, die zweifeln, in die Ukraine zu bringen. Mein Ziel von Anfang an war, Ukraine zu... Einem deutschen und europäischen Familienangelegenheit zu machen. Und da muss ich sagen, Familienmitglieder, die eingeweiht sind, die sind fest an unserer Seite. Manchmal mag es als belehrend klingen und Selbstzufriedenheit. Dagegen steuere ich selber. Wir müssen anerkennen, Deutschland hat einen... Weiten Weg zurückgelegt seit Februar 2022.
Sprecher 3: Wir sind jetzt im Wahlkampf, das heißt vielleicht können Sie sagen, sehen Sie das aus einer Partei mehr oder weniger die Belehrung oder diese deutsche Selbstzufriedenheit, von der Mölling und Major jetzt sprechen, oder ist das parteiübergreifend ein Problem?
Sprecher 4: Ich werde nicht sagen, dass es diese Belehrung parteiübergreifend ist. Ganz, ganz im Gegenteil. Unterstützung der Ukraine ist parteiübergreifend. Ich habe in dem Bundestag in dieser Legislaturperiode nicht nur eine sehr engagierte Parlamentariergruppe, sondern einen Kreis gebildet, wo auch die Abgeordneten außerhalb der Parlamentariergruppe, aber die jetzt sehr nah an der Ukraine stehen und sehr viel Zeit investieren, zusammenkommen. Und wir haben im Bundestag auch gesehen, glaube ich, zwei parteiübergreifende Abstimmungen zum Thema Ukraine. Mein Appell an die demokratischen Parteien war und bleibt immer, es lohnt sich, Ukraine zu unterstützen und auch parteiübergreifend. Das sehe ich heute. Deswegen, Unterstützung der Ukraine ist parteiübergreifend. Belehren kommt von einigen Personen, mit denen ich auch zu tun habe.
Sprecher 3: Keine Namen wollen Sie nennen?
Sprecher 4: Nein. Gespräche werden geführt hinter verschlossenen Türen. Manchmal schlage ich vor, auch nach schwierigen Gesprächen mit einer Prise Humor darüber zu berichten. Zum Beispiel über Einfrieren. könnte man ein warmes Gespräch auch führen.
Sprecher 3: Sie sagen, die Unterstützung ist parteiübergreifend. Aber wenn es dann konkret wird, auch Sie sprechen von Anträgen, gemeinsamen Anträgen, Ein Taurus-Antrag können dann wieder nicht alle zustimmen. Also wenn es konkret wird, wird es dann schwieriger mit der Unterstützung der Ukraine.
Sprecher 4: Es hilft natürlich überhaupt nicht, wenn man über jedes Einzelsystem spricht. Es gab keine Anträge zu 155-Millimeter-Granaten aus Deutschland. Es gibt keine Anträge zu Flugzeugen aus Beständen der NVA, die uns dann übergeben wurden von Polen, also die alten deutschen Flugzeuge. Nun, das Thema Taurus ist zu einem wichtigen Thema geworden, weil die Entscheidung wurde nicht getroffen. Es gibt auch viele andere Systeme, von denen keiner weiß. Da ist natürlich ein gutes Gespräch notwendig mit Argumentation. Manchmal sieht man, dass es eine politische Entscheidung ist und da kann man kaum was bewegen. Mir ist wichtig, dass die deutschen Politiker nicht in den Kategorien der Selbstabschreckung funktionieren und handeln, sondern wirklich alles dafür einsetzen, damit Ukraine gestärkt wird, aus der Position der Stärke mit Russland möglicherweise im nächsten Jahr ins Gespräch kommt. Und das wird. Der Ausschlag geben sein, dass man sich nicht mehr begrenzt und die Ukraine nicht mit einer Hand hinter dem Rücken kämpfen lässt, sondern nicht nur so lange wie nötig, sondern mit allem, was zur Verfügung steht, unterstützt wird.
Sprecher 3: Und mit welcher Koalition wäre das am wahrscheinlichsten? Also wenn Sie sich eine Koalition wünschen? Müssten, welche wäre das?
Sprecher 4: Das entscheiden natürlich die Deutschen.
Sprecher 5: Deswegen ein Bund.
Sprecher 4: Kann ich mir nicht erlauben. Ich überlege mir immer noch, dass ich selber so einen kleinen Wallstand irgendwo jetzt in Steglitz stelle mit einer deutschen und ukrainischen Fahne und versuche die Menschen anzurechnen, nicht für mich zu stimmen. Ich bin sowieso dafür nicht erreichbar, sondern dass das Ukraine ein wichtiges Thema in diesem Wahlkampf wird. Mir ist aber sehr wichtig, natürlich, dass es keine Koalition mit denen geben wird, die einfach russische Positionen vertreten. Und leider hat Russland auf dem Wahlzettel wenigstens zwei Zeilen.
Sprecher 5: Herr Wurtschater, wir würden gerne zum Thema, was alles hier seit über drei Jahren bewegt, oder seit fast drei Jahren bewegt, nämlich das Thema, wie kann dieser Krieg beendet werden, kommen. Kurz vor Jahreswende gab es gleich drei interessante Umfragen. Einmal vom russischen unabhängigen Zentrum Levada, dann von der Friedrich-Eber-Stiftung. Und vom amerikanischen Institut Gallup in der Ukraine und in Russland umfragen zum Thema Verhandlungsbereitschaft und Kompromissbereitschaft. Und einerseits... Einerseits. steigt die Verhandlungsbereitschaft, sowohl in der Ukraine als auch in Russland. Gleichzeitig gibt es aber keine Bewegung beim Thema Kompromissbereitschaft. Und das sieht so ein bisschen so aus, als ob alles so festgefahren ist. Können wir hoffen, dass in diesem Jahr Bewegung kommt? Also Ihr Präsident spricht davon, dass es möglich ist, dieses Jahr substanzielle Gespräche zumindest auf dem Weg zum Frieden zu beginnen.
Sprecher 4: Gespräche zum Frieden hat es gegeben, auch im letzten Jahr. Friedensformel des Präsidenten, erstes Gipfeltreffen mit über 100 Regierungschefs und Vertretern von internationalen Organisationen. Natürlich wollen wir Frieden. Wir Ukrainer wollen Frieden am meisten auf dieser Welt, aber aus der Position der Stärke, mit der Unterstützung von Deutschland. Und Kompromissbereitschaft ist auch ein Wort, das falsch interpretiert wird. Wie kann man erreichen, dass der Angegriffene auf Kompromisse gezwungen wird? Wenn die Polizei kommt, wird der Einbrecher festgenommen. Und rausgeholt und nicht einfach telefonisch gesagt wird, da lassen Sie dann den Einbrecher in Ihrem Wohnzimmer, solange er nicht die anderen Nachbarn angreift. Kann nicht sein. Und nochmals, das ist kein Computerspiel. Ich sage es immer, man sitzt nicht an seinem Computer und zieht ein paar Truppen zurück und verlässt irgendwelche Gebiete. Da sind Menschen da, da sind Militär. Millionen von Menschen und die leben unter Besatzung. Wir Ukrainer, wir haben das in unserem Blut, weil wir haben es vor 80 Jahren schon mal erlebt, als ganz Ukraine unter Nazi-Besatzung stand. Meine Großeltern haben mir davon erzählt. Nun ist meine Tochter und sie wird ihren Enkelkindern auch erzählen, wie sie Silvesternacht im Schutzbunker verbracht hat. Und geschweige davon, was in den besetzten Gebieten heute passiert, wo Menschen gefoltert werden, wo die Jungs, die noch 2014 oder 2012 mitgefiebert haben, wenn unsere Mannschaft in Donetsk in der Europameisterschaft spielte, jetzt werden die einbezogen, um gegen Ukrainer zu kämpfen. Können Sie sich vorstellen? Also das sind nicht Kompromisse um Gebiete. Es geht nicht um Gebiete, es geht um Menschen. Das müssen wir unseren Menschen gewährleisten, dass sie in der Freiheit leben und nicht unter Besatzung.
Sprecher 3: Was Sie sagen, ist ja, Kompromisse von Ihrer Seite aus funktioniert nicht, weil Russland hat angegriffen. Aber sogar Ihr Präsident hat ja schon hier und da zuletzt jetzt in einem Podcast mit einem amerikanischen Podcaster, Friedman, ins Spiel gebracht, dass eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine auch möglich wäre, ohne die... Besetzten Gebiete von Russland, zumindest temporär. Sehen Sie nicht, dass irgendeine Art von Kompromiss erstmal unausweichlich ist?
Sprecher 4: Das Leben der Menschen ist etwas, was nicht als Kompromiss behandelt werden kann. Nochmals, sehr vieles hängt davon ab, wie stark wir in diese Verhandlungen eintreten. Und das haben wir schon einmal erlebt und meine Wenigkeit, ich war in vielen Verhandlungen im Normandie-Format. Und besonders gut ist es, wenn man als Verbündete mit Russland verhandelt. Dass Russland spürt, dass da nicht nur ein Vermittler sitzt, sondern ein Verbündeter. Wir brauchen keine Vermittler, wir brauchen Verbündete. Und gemeinsam können wir diesen Krieg stoppen. Wie die Verhandlungen verlaufen werden, hängt auch davon ab, was für Garantien. Für einen möglichen Frieden geschaffen werden. Ich muss alle daran erinnern, dass 2014 und 2015 bis 2022, wir hatten hunderte von Verhandlungsrunden mit Russland. Wir hatten Dutzende von Feuerpausen eingelegt, aber die wurden immer von Russland gebrochen. Deswegen sprechen wir sehr oft über NATO-Mitgliedschaft der Ukraine und die Einladung der Ukraine in die NATO, weil es heute für Ukraine, aber auch für die Deutschen keine bessere Sicherheitsgarantie gibt als NATO-Mitgliedschaft und entsprechend Bundeswehr und ukrainische Armee NATO. Frauen und Männer in Uniform sind Grund dafür, dass man heute in Deutschland ruhig schlafen kann und nicht von einer Alarmsirene geweckt wird.
Sprecher 5: In diesem erwähnten Interview mit Lex Friedman war es sehr offensichtlich, dass es auch ein Charme-Interview gegenüber dem Präsidenten Trump war, das Zelensky thematisiert hat. Jetzt hatte Trump versprochen, dass er der Ukraine Frieden innerhalb von 24 Stunden gebracht hat. Das war natürlich so eine Floskel. Aber trotzdem gibt es sehr große Erwartungen, dass es da Gespräche gibt. Ist es am Ende nicht das, was Putin eigentlich von Anfang an will, dass er mit den USA über die neuen... Interessenssphären in Europa verhandelt. Bewegt sich da etwas in eine falsche Richtung dann?
Sprecher 4: Wir müssen uns wenig Sorgen machen, was Putin will oder was Putins Pläne sind. Der hat uns das ganz klar gezeigt. Er will Ukraine vernichten, er will Westen schwächen. Und das ist auch eine Floskel in Russland. Man glaubt, man ist gegen, also Russland ist von allen umzingelt. Natürlich mit den Großen muss man sprechen. Aber sorry, Europa ist auch groß genug.
Sprecher 5: Aber Europa spricht nicht. Europa will diese Führungsrolle offensichtlich nicht übernehmen.
Sprecher 4: Es ist eine Zeitenwende 2.0. Man muss das begreifen, dass Europa eine wichtige Rolle spielt. Es kann keine Entscheidungen über Europa ohne Europa geben. Nochmals, wir alle zusammen, die westlichen Demokraten, Wir sind sehr stark. Wir sind weit überlegen gegenüber Russland. Schauen Sie aber, was unsere Streitkräfte in diesen drei Jahren geschafft haben. Können Sie sich vorstellen, was hätte man gemacht, wenn man dachte, ach, Russland ist unbesiegbar, eine Riesenarmee. Wir haben es gezeigt, dass alles... Möglich ist. Man braucht Mut, man braucht auch diese Führungsrolle. Das erwarte ich von Europa und das erwarte ich von Deutschland.
Sprecher 3: Trotzdem ohne die USA wäre das alles nicht möglich gewesen. So ehrlich muss man sich, glaube ich, schon auch machen. Wenn Trump jetzt sagt, am 20. Januar, ich will die Ukraine nicht mehr in dem Maß unterstützen, dann sieht die Welt für die Ukraine ganz anders aus.
Sprecher 4: Ich würde jetzt hier nicht spekulieren, was gesagt wird am 21. Januar. Natürlich spielen die Vereinigten Staaten eine enorm wichtige Rolle. Die sind ausschlaggebend auch für die künftigen Verhandlungen. Deswegen ist mein Präsident im Gespräch mit Trump schon ihn getroffen und mit ihm telefoniert. Die ganzen diplomatischen Mannschaften arbeiten zusammen mit der alten und der neuen Administration, wird es immer wieder diese Gespräche geben. Wir brauchen Vereinigte Staaten, wir brauchen NATO, aber wir brauchen auch Europäische Union in einer sehr starken Position und einer kompromisslosen Position. gegenüber dem Bösen.
Sprecher 5: Herr Wurth, vielleicht zum Schluss. Letzte Frage. Sie wollten sich keine Wunschkoalition wünschen. Aber was würden Sie sich denn von einer noch unbekannten Koalition für die Ukraine wünschen? Was steht denn ganz oben auf der Prioritätenliste, was die Ukraine jetzt dringend braucht?
Sprecher 4: Militärhilfen und Militärhaushälter müssen... Ukraine weiter stark unterstützen. Die ganzen Gespräche über drei oder dreieinhalb Prozent von Rüstungsausgaben ist auch für Deutschland sehr wichtig. Weg mit allen Abgrenzungen. Das darf Ukraine nicht machen, das darf Ukraine nicht machen. Diese Abgrenzungen müssen weg, damit die Russen auch weg sind. Klartext gegenüber den Wählern und der deutschen Bevölkerung. Ukraine muss gewinnen und das ist auch in unserem Interesse. Und das haben schon viel mehr gesagt als noch vor drei Jahren. NATO ist sehr wichtig. Für die Deutschen und für die Ukraine. Sanktionen gegen Russland, nicht nur Diplomatie, sondern Sanktionen spielen eine enorme wichtige Rolle. Und die Integration von Ukrainern in die Europäische Union, die Integration der Ukrainerinnen und Ukrainer hier in Deutschland, in die deutsche Gesellschaft und Hilfe denjenigen, die dann zurück wollen. Und natürlich... Und da bin ich mir 100% sicher, wird Deutschland unter neuen... Bundesregierung weiterhin eine entscheidende Rolle spielen im Wiederaufbau der Ukraine in Nachkriegszeiten.
Sprecher 3: Eine lange Liste für die neue Bundesregierung. Herr Botschafter, vielen, vielen Dank für Ihre Zeit.
Sprecher 4: Dankeschön für die Anladung.
Sprecher 3: Vielen Dank.
Sprecher 2: Ein Gespräch, das uns betroffen macht, das deutlich macht, wie groß die Verantwortung Deutschlands und der Europäischen Union ist. Das war Alexej Makeev, der ukrainische Botschafter in Deutschland, der möglicherweise nicht mehr sehr lange ukrainischer Botschafter in Deutschland sein wird. Es wird interessant sein, wer sein Nachfolger ist und wann er kommt. Darüber hält sie unser Security Table auf dem Laufenden. Und wir sind morgen wieder um 6 Uhr für Sie da. Dann starten wir gemeinsam in eine neue Woche und darauf freuen wir uns. Bis dann. Tschüss.