Friedrich MERZ - Aufstieg eines Unbequemen II
Dauer: 31:25

Friedrich MERZ - Aufstieg eines Unbequemen II

In der zweiten Episode unserer Podcast-Staffel „Friedrich Merz: Der Aufstieg eines Unbequemen“ nehmen wir Sie mit ins Sauerland, die Heimat des Mannes, der vielleicht bald Bundeskanzler wird.


Gemeinsam mit Vera Weidenbach, Redakteurin bei Table.Briefings, und Jutta Falke-Ischinger, Sauerländerin und Merz-Biografin, erkunden wir die Orte, die Friedrich Merz geprägt haben: seine Schule, die Junge Union und seine ersten beruflichen Stationen.

Wie sehr beeinflusst die Herkunft das Denken und Handeln des CDU-Vorsitzende? Wie viel Sauerland steckt in Friedrich Merz – und wie viel Merz steckt im Sauerland?


Ein Podcast-Ausflug in eine Region, die für ihre „harten, aber herzlichen“ Menschen und ihre Hidden Champions im Mittelstand bekannt ist. 



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Transkript

Sprecher 1: Table Today Spezial. Friedrich Merz, der Aufstieg eines Unbequemen.

Sprecher 2: Herzlich willkommen bei Table Today zur Sonderfolge Friedrich Merz, Aufstieg eines Unbequemen. Wir sind in der zweiten Episode unserer kleinen Podcast-Staffel und widmen uns dem Mann, der Ende Februar ins Kanzleramt einziehen könnte. Dieses Mal reisen wir aber erstmal dorthin, wo Friedrich Merz wurde, wer er ist, in seine Heimat. Dort, wo er zur Schule ging, dort, wo er in die Junge Union eintrat und dort, wo er auch seine ersten beruflichen Stationen verbrachte. Vera Weidenbach, unsere Kollegin vom Berlin Table, ist zusammen mit Jutta Falke-Ischinger, der Sauerländerin und Merz-Biografin, dorthin gefahren. Wo die Menschen angeblich hart, aber herzlich sein sollen. Dorthin, wo sehr viele Hidden Champions im Mittelstand ihre Heimat haben, wo Charlotte Merz Amtsrichterin ist und wo Friedrich Merz zur Schule ging. Haltung durch Herkunft ist die Frage, die wir stellen. Jedenfalls ahnen wir, dass das Denken und Reden einer jeden Person sich immer auch aus der Geschichte der Gegend erklären lässt, woher diese Person stammt. Also freuen Sie sich auf eine Sauerland-Folge in unserer kleinen Merz-Staffel. Los geht's!

Sprecher 3: Wie viel Sauerland steckt in Friedrich Merz? Und wie viel Merz steckt im Sauerland? Dieser Frage wollen wir in dieser Folge nachgehen. Dafür sind meine Kollegin Jutta Falke-Ischinger und ich im Sauerland unterwegs gewesen. Mein Name ist Vera Weidenbach, ich bin Redakteurin bei Table Briefings. Und Jutta ist Merz-Biografin und selbst Sauerländerin. Sie kennt in Merz Wahlkreis und in seiner Heimatstadt fast jeden. Wir machen uns auf den Weg nach Brilon, der Heimatstadt von Friedrich Merz. Jutta, du kennst das Sauerland sehr gut und du kennst auch Friedrich Merz sehr gut. Was würdest du sagen, warum muss man das Sauerland verstehen, um Friedrich Merz zu verstehen?

Sprecher 4: Also eine Gemeinsamkeit haben die beiden wahrscheinlich. Die besteht darin, dass das Sauerland konstant unterschätzt wurde. Und auch Friedrich Merz ist ja jemand, der zwar immer so da war, dem man aber immer nachgesagt hat, dass er der Zweite wäre hinter Angela Merkel und dass er es vielleicht doch nicht schafft. Dann hat man aber aufgeschaut, als er zum Parteivorsitzenden gewählt wurde im dritten Anlauf. Also Friedrich Merz ist sehr hartnäckig und das sind die Sauerländer auch. Wenn die sich einmal ein Ziel gesetzt haben, dann arbeiten sie beharrlich dran, bis sie es dann wirklich erreicht haben.

Sprecher 3: Dieser Wiedereinstieg 2021, wäre der möglich gewesen ohne... Das Sauerland, sein Heimatwahlkreis hier?

Sprecher 4: Nein, ohne das Sauerland ist Friedrich Merz eigentlich gar nicht vorstellbar. Das ist seine Heimatbasis, die ihm das Backbone gibt für seine ganze politische Karriere, damals schon in den 90er Jahren. Aber dann natürlich auch 20 Jahre später. Wenn das Sauerland ihn nicht gerufen hätte, so ähnlich wie er das selber, darstellt, dann wäre dieses Comeback so überhaupt nicht möglich gewesen.

Sprecher 3: Jetzt ist es ja schon auch eine katholische, eine konservative Region. Ist es eine besondere Art des Konservativs, dein Ziel, die vielleicht Friedrich Merz auch aufgesogen hat und für die er steht?

Sprecher 4: Es ist bestimmt eine Gegend, die starke Werte hat, also die in Familie, in Arbeit und Fleiß, Fussen, die aber gleichzeitig auch, weil es eben ja eine katholische Gegend ist, eine feierfreudige Gegend, die auch Karneval feiert. Man lässt ja auch schon mal fünf gerade sein. Und das Erstaunliche am Sauerland eigentlich ist, dass es eben nicht reine Provinz ist, in der nichts passiert. Es gibt ganz viele Weltmarktführer hier, sogenannte Hidden Champions, die von hier aus in alle Welt exportieren. Und eine übliche Erscheinung ist vielleicht, dass es Sauerländer, die hier zur Schule gegangen sind, die machen dann eine Weltkarriere und kehren irgendwie in Sauerland zurück und nutzen das dann auch als weitere Standbein für die Karriere. So hat es Friedrich Merz ja schließlich auch gemacht.

Sprecher 3: Auch in seiner Wahlwerbung, als er im Jahr 1994 für den Bundestag kandidiert.

Sprecher 5: In Bonn sagen die Leute, im Sauerland gibt es nur Jäger und Förster. Voll drauf, wieder weg. In Bonn sagen die Leute immer, im Sauerland sei die Zeit stehen geblieben. In Bonn glauben die Leute sogar, im Sauerland sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht.

Sprecher 6: Schlaf gut, Friedrich. Und mach das Licht aus.

Sprecher 5: Das Sauerland will CDU. Das ist kein Vorurteil. Ich zähle auf Sie am 16. Oktober.

Sprecher 3: März wird im Jahr 1955 in Brilon geboren. Einer Stadt mit heute rund 25.000 Einwohnern. 450 Meter über dem Meeresspiegel im Hochsauerlandkreis. der, man vergisst das schnell, auch noch zu Nordrhein-Westfalen gehört. Und Brilon sieht auch nicht aus wie die meisten westdeutschen Innenstädte. Statt 60er Jahre Beton und Stahlkonstruktionen dominieren hier alte Fachwerkhäuser das Stadtbild. Postkartenansichten reihen sich an Postkartenansichten. Die Familie Merz ist im Ort tief verwurzelt.

Sprecher 7: Freut mich, Sie zu sehen.

Sprecher 8: Ja, hallo. Guten Tag. Weidenbach. Weidenbach. Weidenbach.

Sprecher 7: Schönen Abend.

Sprecher 8: Danke.

Sprecher 7: So, Sie bleiben.

Sprecher 3: In Brilon treffen wir Gerion Fritz. Er ist schon über 80 und trägt ein Gerät, das ihm beim Atmen hilft. Aber er kennt die Stadt und die Familie Merz wie kaum ein anderer. Als Treffpunkt hat er das Haus Souvenir ausgewählt. Ein wunderschönes altes Patrizierhaus am Rande der Altstadt von Brilon.

Sprecher 7: Hier sind wir vor dem Haus Sauvigny, in der Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut. Friedrich Merz ist in diesem Hause als Sohn von Paula Sauvigny. Und Joachim oder Jochen Merz, inzwischen 100 Jahre alt, groß geworden in diesem Haus. Die Familie Merz hatte mehrere Kinder und darunter eben auch Friedrich. Friederich ist hier in Brilon, aber das wissen Sie, einige Jahre zur Schule gegangen und in einer Zeit, als alles etwas wilder war, als es zu meiner Zeit war. Heute ist es auch wieder sehr gemächlich geworden.

Sprecher 9: Wie meinen Sie, etwas wilder?

Sprecher 7: Wilder war in dieser Zeit, ist Ihnen auch viel dummes Zeug eingefallen.

Sprecher 9: Zum Beispiel?

Sprecher 7: Eine französische Lehrerin, eine Französin, die, weiß ich warum, auch immer man ein bisschen ärgern wollte, ein bisschen viel. Man nahm die Tür aus den Angeln, hielt sie an die Wand, die kommt herein und fällt auf die Tür, die in den Klassenraum schlägt. So, und aus welchen Gründen auch immer, jedenfalls hatte Friedrich hier nicht die besten Karten. Und so hat er dann sein Abitur in der Nachbarstadt Rüthen, 17 Kilometer von hier, gemacht.

Sprecher 3: Das heißt, sein Ruf war nicht der beste?

Sprecher 7: Ja, das hat man ja oft so, dass gute Leute erst einmal eine Ehrenrunde drehen oder die Schule verlassen. Da gibt es viele Beispiele dazu.

Sprecher 3: Ist es eigentlich ein Zufall, dass die Friedrichstraße zum Haus Souvenir führt?

Sprecher 7: Das wäre mal spaßvoll. Friedrichstraße. Kann ich also ehrlich, muss mich schämen, dass ich es nicht besser weiß. Aber man könnte vielleicht ein Schild mal unterbringen, warum diese Straße so heißt. Ich weiß es nicht, ob das eine auf den König Friedrich bezogene Straßenbezeichnung ist.

Sprecher 4: Stimmt nicht auf Friedrich Merz.

Sprecher 7: Nein, aber nicht auf Friedrich Merz. Nein, nein.

Sprecher 3: Auch wenn die Straße nicht nach ihm benannt ist, Friedrich Merz verbrachte seine ersten Kinderjahre im Haus Souvenir, bevor die Familie sich ein großes Haus im Grünen am Stadtrand baute, mit großem Garten. Er hat drei jüngere Geschwister. Seine Mutter Paula Souvenir ist ganz Brilonerin aus einer katholischen Familie und heiratet Joachim Merz. Er wird Amtsrichter in Brilon, bleibt im Ort aber eher jemand, der in den Augen der Stadtgemeinschaft nicht von hier ist. Zuerst auch nicht katholisch. Erst nach dem Tod seiner protestantischen Eltern konvertiert Joachim. In einer langen Folge des Podcasts Hotel Matze beschreibt Merz seine Kindheit.

Sprecher 10: Ich habe eine sehr fürsorgliche Mutter gehabt. Habe sie immer noch, sie lebt ja auch noch. Wir waren ein sehr bürgerlicher Haushalt.

Sprecher 3: Was heißt das?

Sprecher 10: Ja, das heißt also eine Arbeitsteilung. Mein Vater ging zur Arbeit und meine Mutter hat sich um vier Kinder gekümmert. Unsere Mutter war für uns... Immer da. Das haben wir auch gut gefunden. Unser Vater hatte einen Arbeitsrhythmus, den wir nicht gut gefunden haben. Der kam über Mittag nach Hause, hat dann auch zwei, drei Stunden zu Hause verbracht und ist dann wieder zurück ins Amtsgericht und hat bis spätabends gearbeitet. Also unseren Vater haben wir abends nur am Wochenende gesehen, nicht unter der Woche. Das hat alles meine Mutter gemacht. Wir waren zu viert zu Hause, zwei Brüder, zwei Schwestern. Ich war der Älteste von den Vieren. Und ich würde mal sagen, ich habe eine wirklich glückliche Kindheit gehabt.

Sprecher 3: Es gibt wenige so persönliche Interviews mit Friedrich Merz. Seine Eltern, Paula und Joachim, leben noch. Allerdings mittlerweile in einem Altenheim. Sein Vater ist über 100 Jahre alt. Merz sagt über sich, dass er ein engeres Verhältnis zur Mutter hatte als zum Vater. Gerion Fritz sagt,

Sprecher 7: Da herrschte schon ein ziemlich klarer Ton, sowohl seitens des Vaters, aber auch Paula war sehr stark, ist eine ganz starke Frau. Seine Mutter ist eine ganz starke Frau, nach meinem Empfinden.

Sprecher 3: Friedrich Merz erzählt es im Podcast so.

Sprecher 10: Wir haben bei uns in der Familie immer zwischen den braunäugigen und den blauäugigen Unterschieden. Sie sind ein braunäugiger? Ich bin ein braunäugiger, meine Mutter auch und meine jüngste Schwester, die leider nicht mehr lebt, auch. Und wir waren die Kinder unserer Mutter und mein Bruder und meine... Dann die jüngere Schwester, blauäugig, waren die Kinder meines Vaters. Und das war auch in der Familie, das war jetzt keine Spaltung der Familie, aber es waren, also meine jüngste Schwester und ich, wir waren sehr viel stärker auf meine Mutter konzentriert und ausgerichtet. Wir ähneln wohl. unserer Mutter auch sehr viel mehr und mein Bruder und die nächste Schwester dann mehr auf meinen Vater.

Sprecher 3: Merz ist wie die Braunäugigen in seiner Familie übrigens auch Linkshänder. Er geht, wie es sich für ein Kind aus einer bildungsbürgerlichen Familie, wie der Familie Merz gehört, auf das Gymnasium Petrinum in Brilon. Vielleicht ein Grund, warum es so wenige persönliche Interviews von Friedrich Merz gibt, ist, dass eines der seltenen vor über 20 Jahren im Tagesspiegel erscheint. Dort erzählte Merz, er sei während seiner Schulzeit ein Rebell gewesen. Ein Leserbrief von einem früheren Klassenkamerad, der das alles ein bisschen anders sah, führte dann zu einem negativen Spiegelartikel über einen Merz, der gerne ein Aufsässiger gewesen wäre. Fakt ist, Merz wechselte die Schule in einen anderen Ort und musste eine Klasse wiederholen. Wie kam es dazu?

Sprecher 10: Das war natürlich heftige Pubertät. Ich bin 13, 14 gewesen in den 68ern, 68, 69. Wir hatten in unserer Schule, erst in Brilon, später in Rüthen, massive Proteste von Schülern gegen die Lehrer. Ich bin da so ein bisschen im Kielwasser mitgeschwommen.

Sprecher 3: Waren Sie so ein Hippie?

Sprecher 10: Nee, war ich eher nicht. Ich habe die Haare auch länger getragen. Das habe ich gesehen. Ja, aber ich sage mal, ich habe sehr früh angefangen zu rauchen. Bei uns hat auch... Alkohol eine Rolle gespielt. Spielt die Kiffen damals auch eine Rolle? Ja, aber ich habe es, wie gesagt, 91 Mal probiert. Ich fand es ganz schrecklich. Ich fand es ekelhaft. Aber ich habe im weiteren Freundes- und Bekanntenkreis viele gehabt. Wir haben auch die ersten Rauschgift-Toten an der Schule gehabt. Wir haben Verkehrsunfälle gehabt mit Alkohol und schweren Opfern, Todesopfern. Es war so eine Zeit des Umbruchs. Viele, die das nicht miterlebt haben, können sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Das, was an den Universitäten im Großen stattgefunden hat, hat an den Schulen im Kleinen stattgefunden.

Sprecher 3: Freunde erzählen, der Tod seiner jüngsten Schwester bei einem Unfall, als er in seinen Zwanzigern war, habe ihn stark mitgenommen. Über das Thema will öffentlich aber niemand so richtig sprechen. Genauso wie über die Causa Paul Sovini. Im Jahr 2004 wird durch eine Recherche der Taz bekannt, dass der Großvater von Friedrich Merz, Josef Paul Souvenir, bereits im Sommer 1933 in die SA eintrat. Souvenir war von 1917 bis 1937 Bürgermeister von Brilon. In der Sauerländer Zeitung, Ausgabe vom 3. Mai 1933, wird von dem Volksfest der nationalen Arbeit Brilon und der Rede des Bürgermeisters Souvenir wenige Monate nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar berichtet und zitiert. Über das Ende der Weimarer Republik und den Aufstieg der Nazis sagte Paul Sovigny damals, Dieser Sturm, der so manchem hart ankommen mag, er wird sich legen, nachdem er die Luft gereinigt hat von allen giftigen Dünsten, die sich in Jahren missverstandener Freiheit und ohnmächtiger Selbstzerfleischung angesammelt hatten. Für diese Reinigung ist da in Dachau gerade das erste KZ eröffnet worden. Am Ende der Rede endet er mit einem Hoch auf Hitler. Er sagt, ich bitte Sie, sich zu erheben und mit mir einzustimmen in den Ruf, das arbeitende deutsche Volk, sein ehrwürdiger Reichspräsident, die Verkörperung deutscher Treue, der Kanzler Hitler, sein tatgewordener Aufbauwille, sie leben hoch, hoch, hoch. Zitat Ende. März gab im Jahr 2004 als Unionsfraktionschef im Bundestag eine Erklärung in der Berliner Zeitung ab. Da mein Großvater mit den Nationalsozialisten zunächst die Hoffnung verbannt, dass sich an den katastrophalen Zuständen in Deutschland und auch in seiner Heimatstadt etwas ändern würde, blieb er im Amt. Ohne dessen eigenes Zutun sei die Mitgliedschaft seines Großvaters von der SA in die NSDAP überführt worden. Merz war zwölf Jahre alt, als sein Großvater starb. In der Berliner Zeitung erklärt er weiter, Nach allem, was ich aus meiner Familie weiß, war mein Großvater eine beeindruckende Persönlichkeit und ein erfolgreicher Bürgermeister. Ortswechsel. Gespräch mit dem Landrat des Hochsauerlandkreises, Karl Schneider. Wie viel Sauerland steckt in Friedrich Merz?

Sprecher 11: Viel.

Sprecher 3: Schneider ist ein alter Parteifreund von Merz. Die beiden haben gemeinsam die Junge Union im Hochsauerlandkreis gegründet. Damals treffen sie sich immer freitags in der Kneipe zur Wolfsschlucht. Im Schatten der Ostverträge, die Willy Brandt gerade schmiedet, wird Merz politisiert. Gemischt mit dem Erwachsenwerden in einer Kleinstadt.

Sprecher 11: Wir haben uns abends um sechs getroffen, dann sind wir auf die Rolle gegangen, wie man das so schön nennt. Kam morgen um vier Uhr wieder. Und Frau Merz hat mir, also die Mutter von Frau Merz hat mir dann nächsten Morgen, weil ich früh nach Siegen wieder musste, weil ich noch Assistentin an der Uni war, hat mir den Kaffee gemacht und hat zu Friedrich später gesagt, er hat nicht viel gesagt, er hat hauptsächlich gegrinst.

Sprecher 3: Aber wo ging man denn auf die Rolle?

Sprecher 11: Ja, so, das ist ein Brillo in der Kleinen Leben und Disco abends, so wie das so war, so wie das alle Jugendlichen machen. Wir waren ja nicht anders. Sondern wir gingen gerne auf Fest, wir gingen gerne unter die Leute. Das gehört ja auch dazu, wenn sie politisch anerkannt werden. Sie müssen unter die Leute gehen, haben ja nichts davon, wenn sie sich in irgendeinem Kreis verschließen.

Sprecher 3: Gab es so den Moment, der kommt vielleicht dann auch ein bisschen später, Aber wo Ihnen bewusst war, okay, der meint es wirklich ernst und will wirklich in die Politik?

Sprecher 11: Also wir waren alle nicht auf dem Weg, dass wir sagten, Spaß ist auch, weil wir abends ein Bier getrunken haben. Da wollten wir alle Bundeskanzler werden. Aber da hat keiner... Also wenn mir damals einer gesagt hätte, hör mal, du weißt, weil der Landrat ist so sauer, dann hätte ich gesagt, bist du eigentlich bescheuert oder was? Das wäre für mich, oder wenn man Friedrich Merz gesagt hätte, du wirst mal Bundesvorsitzender der CDU. Also Merz hatte natürlich ein politisches Gen. Sein Vater war damals hier stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU, hatte in Brilon ein unheimlich gewichtiges Wort, war dort Amtsgerichtsdirektor und konnte sich auch sehr präzise und gut ausdrücken, konnte die Dinge gut einordnen. Da merkt man auch, was Friedrich heute, was der da so kann, kommt auch mit aus dem Elternhaus.

Sprecher 3: Im Jahr 1980 wird Merz Vorsitzender der Jungen Union in Brilon. Nach der Bundeswehr und dem Studium in Bonn geht er aber erstmal ins Europaparlament.

Sprecher 11: Und dann hieß es ja, jetzt brauchen wir nur noch einen Bundesratsabgeordneten. Ja, und dann der Erste, der in der Zeitung stand, der sich dafür interessierte, war Friedrich. Haben wir natürlich im ersten Moment gesagt, jetzt mal halb blank. Du bist ja gerade ins Europäische Parlament gekommen, dann könntest du jetzt eigentlich noch ein bisschen sitzen und mach erstmal das zu Ende. Aber dann hat es auch Kampfkandidaturen gegeben. Einer seiner damaligen Mitbewerber war auch... Und dann gab es einen Hubert Cliff, der auch kommunalpolitisch hier im Raum Augsburg tätig war.

Sprecher 3: Merz gewinnt auch gegen Karl Schneider und wird im Jahr 1994 mit 39 Jahren Bundestagsabgeordneter.

Sprecher 11: Ja, und Friedrich hat aber klar Absicht in dieser Frage. Und war dann bis 2009 unser Bundestagsabgeordneter.

Sprecher 3: Mehr noch, er steigt ziemlich schnell auf. 1998 wird er Fraktionsvize unter Generalsekretärin Angela Merkel. Nur ein Jahr später macht sie ihn zum Vorsitzenden des Bundesfachausschusses Wirtschaft und Finanzen und nach dem Rücktritt von Wolfgang Schäuble im Jahr 2000 wegen dessen Verwicklungen in Kohl's Spendenaffäre kommt die Doppelspitze Merz und Merkel. Er Fraktionschef, sie Parteichefin. Seine Karriere als Wirtschaftspolitiker stützt sich auf Ideen wie einer Steuererklärung auf dem Bierdeckel. Und sie endet im Konkurrenzkampf zwischen Merz und Merkel um die K-Frage im Jahr 2004. Mit dem Merkel-Steuber-Frühstücksdeal von Wolfratshausen. Dort vereinbaren die beiden, Edmund Stoiber wird Kanzlerkandidat und Merkel Fraktionschefin.

Sprecher 11: Frau Merkel hat ihn ja nun mit Stoiber ausgebotet, als er Fraktionsvorsitzender war. Und da muss man sagen, das hat ihm schon wehgetan. Und dann haben die beiden was ganz anderes vereinbart, was Friedrich Merz sich gedacht hatte. Und dann haben sie ihm ja... Nach der Bundestagswahl hat er plötzlich den Posten des Bundestagspräsidenten angeboten. Mehr als sauer darüber. Das ist ja ein Posten. Er war damals, jetzt muss ich mal überlegen, das war 2002. Er ist Jahrgang 55, da war er 47 Jahre. Und dann ihn mit so einem mehr oder weniger Ehrenposten abzuspeisen, das hat ihn tief getroffen. Weil er war dann nicht mehr bei der Führung dabei. Und nein, das wollte er nicht. Und er wollte immer mehr in Berlin als nur Oppositionsvorsitz. Er hatte immer den Anspruch, ich kann mehr bewirken. Ein Ministeramt muss aber zumindest drin sein. War unter Frau Merkel und ihm nichts zu machen. Der hat nie von Frau Merkel gesprochen, es war immer die Dame.

Sprecher 3: Merz zieht sich zurück in die Welt der Wirtschaft. Aber sein Wiedereintritt in die Politik spielt wieder im Sauerland. Auf Twitter verkündet Merz, dass er zur Bundestagswahl 2021 zurückkommt. Er will das Direktmandat im Hochsauerland holen. Da steht aber eigentlich der Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg auf dem Wahlzettel.

Sprecher 11: Hätte ja sagen können, CDU organisiert das so, dass ich... Den ersten Listenplatz in Nordrhein-Westfalen kriege, dann wäre er ja auch im Bundestag gewesen. Die Liste zieht immer bei der CDU. Nein, hat er gesagt, also ohne Anbindung eines Wahlkreises will ich das nicht machen.

Sprecher 3: Die Wahl findet dann unter Corona-Bedingungen statt.

Sprecher 11: Wir haben den Friedrich Merz als Bundestagskandidat bestimmt. Im Stadion Wilde Wiese, Ende März oder Anfang April, bei eiskaltem Wetter und wir saßen alle draußen im Stadion. Ganz weit auseinandergesetzt, dann haben die großen Lautsprecher aufgebaut und so ist er gewählt worden.

Sprecher 3: Zurück nach Brilon zu Gerion Fritz. Was würden Sie sagen, denken die Leute in Brilon über Friedrich Merz?

Sprecher 7: gespalten. Einmal, weil die Parteien gespalten sind, ist klar. Aber auch innerhalb der CDU. Also bitter und etwas verärgert waren viele darüber, dass er den Vorgänger im Amt Patrick Sensburg, wie soll ich mal sagen, erst zugesagt hat, dass er wieder ruhig kandidieren solle für den Bundestag und dann es doch durchgesetzt hat, dass Friedrich hier der Kandidat im Wahlkreis wurde.

Sprecher 3: Auffällig in den Straßen von Brilon, die Menschen reagieren sehr scheu, wenn man sie auf Friedrich Merz anspricht und wollen lieber gar nichts sagen. Vor allem die Geschäftsleute, mit denen ich versucht habe zu sprechen, hatten sogar Angst, dass es negative Auswirkungen haben könnte. Endlich bleiben zwei junge Leute stehen. Also, was verbindet ihr mit Friedrich Merz?

Sprecher 12: Einen ziemlich konservativen und unfortschrittlichen Politiker.

Sprecher 3: Der ja aus Brilon kommt.

Sprecher 12: Ja, leider Gottes.

Sprecher 13: Und auf unserer Schule war.

Sprecher 3: Ja. Und spielt das noch irgendwie eine Rolle?

Sprecher 12: Dass er auf unserer Schule war.

Sprecher 3: Oder das, also wenn man...

Sprecher 13: Das ist das Spiel ankommen.

Sprecher 3: Genau.

Sprecher 12: Also bei mir gibt es ihm keine Sympathie, Punkt, nein.

Sprecher 3: Okay.

Sprecher 13: Nee, bei mir auch nicht.

Sprecher 12: Ich kann den Mann nicht wirklich was abempfinden.

Sprecher 3: Und das liegt vor allem eben an...

Sprecher 12: An seiner Art, an seiner Art Politik zu machen und an seinen Denkweisen.

Sprecher 3: Redet man über Friedrich Merz, wenn... Oder anders als vielleicht... Woanders?

Sprecher 12: Ich habe jetzt nicht mitbekommen, dass man hier anders über ihn reden würde. Aber ich glaube, ich habe auch noch nicht mit so vielen Menschen über Friedrich Merz geredet, die Friedrich Merz wirklich mögen. Aber auch unsere Schule oder so, die rühmt sich jetzt nicht damit, dass wir halt eben Friedrich Merz da mal hatten.

Sprecher 13: Das wird schon gerne erwähnt, wenn es um Politik auf unserer Schule geht. Aber im Endeffekt doch ziemlich neutral. Über seine politische Einstellung kann man dann nochmal anders denken.

Sprecher 3: Wenn Sie Friedrich Merz das Gesicht sehen, woran denken Sie?

Sprecher 14: An Brilon und CDU.

Sprecher 3: Und was heißt das für Sie?

Sprecher 14: Ja, er kommt ja aus Brilon und vertritt die CDU, die Werte der CDU und macht sie dafür sehr staub.

Sprecher 3: Glauben Sie, dass er der nächste Kanzler wird?

Sprecher 14: Das weiß ich nicht. Nee.

Sprecher 3: Warum nicht?

Sprecher 14: Er ist ja sehr streitbar und auch umstritten. Er vertritt sicher die Werte und das macht er sehr überzeugend, für die er eintritt. Aber er ist ja auch sehr widersprüchlich in seinen Aussagen. Und das ist nicht unbedingt immer... Vertrauenserweckend.

Sprecher 3: Und würden Sie sagen, ist Brilon schon auch noch mit ihm verbunden?

Sprecher 14: Ja, definitiv. Wenn man hier die Leute fragt, ja, die stehen dahinter. Ja, sind sowieso meist CDU oder zum großen Teil CDU-Wähler und die stehen hinter Friedrich Merz.

Sprecher 15: Er ist ein sympathischer Mensch, kommt gut rüber und seine Ansichten sind... Sehr gut.

Sprecher 3: Also Sie würden als Briloner sagen, dass das einer von uns ist. Der passt in die Welt?

Sprecher 15: Ja.

Sprecher 3: Warum?

Sprecher 15: Ja, weil eben seine Ansichten sehr... Kompatibel sind, der ist halt gestandener Sauerländer und weiß, wo es lang geht.

Sprecher 3: Was sind so drei Adjektive, die Ihnen einfallen?

Sprecher 15: Er war immer ein offener Mensch, der mit Leuten umgehen konnte und ist immer gut angekommen.

Sprecher 3: Und den hätten Sie auch gerne als Bundeskanzler?

Sprecher 15: Ja, würde ich sagen. Der passt.

Sprecher 3: Die Frage bleibt, was hat es mit dem Sauerland zu tun, wenn Merz Kanzler wird? Um diese Frage zu beantworten, besuchen wir das Traditionsunternehmen Falke in Schmallenberg. Falke, das ist eine Unternehmerfamilie, aus der auch meine Kollegin Jutta Falke-Ischinger entstammt. Die Strümpfe kennt in Deutschland eigentlich jeder und im Ort kennt auch den Namen jeder. Ein Großvater war auch mal der Bürgermeister.

Sprecher 16: Herr Feinkos, Sie haben Besuch. Wir sind ein bisschen zu früh. Ich komme einfach mal durch. Die kommt nach mir. Hallo. Hallo. Weidenbach. Freut mich.

Sprecher 15: Bist du mit dem Zug gekommen? Ja.

Sprecher 3: Franz-Peter Falke leitet das Geschäft heute. Auch er kennt Friedrich Merz gut. Merz mietet gelegentlich das Firmenflugzeug für den Transfer nach Berlin. Wenn Franz-Peter Falke Land und Leute beschreibt, ist man sich irgendwann nicht mehr sicher, ob er gerade über Merz spricht oder über das Sauerland.

Sprecher 17: Also Sauerland, ich würde sagen die Westfalen und hier insbesondere die Südwestfalen. Naja, Bodenständigkeit. Aber Bodenständigkeit heißt nicht im traditionellen Sinne, sondern die klassischen Werte wie Seriosität, wie Ehrlichkeit. wie vertrauensbildend und gebend auch eine gewisse Sturköpfigkeit, aber auch eine Determiniertheit gestalten zu wollen, immer aktiv zu sein. Trotz der Wald- und Wiesen-Sauerland von der Gegend her immer neugierig.

Sprecher 3: Falke hat sich sein Leben lang aus unternehmerischer Sicht damit beschäftigt, was eine gute Marke eigentlich ausmacht. Viele Parteien seien heute als Marke nicht mehr erkennbar, sagt er, und auch nicht für die Wählerinnen und Wähler. Und darin liege die Chance für Merz und für die CDU, sagt er. Wenn sie sich das konservative Profil auch traue.

Sprecher 17: Er repräsentiert die CDU, CSU. Er repräsentiert die Werte, ja, auch die traditionellen Werte, die häufig verwässert worden sind. Nur über die Polarisierung gewinnen sie langfristig Profil. Und die Glaubwürdigkeit ist ja das, was sie generieren müssen. Und die Akzeptanz und das Vertrauen gewinnen seitens der Bürger in das, was sie vorschlagen, wofür sie stehen. Und wir haben heute nur einen Mischmasch. Gibt es irgendwo noch Profil?

Sprecher 3: Aber kommen nicht die Probleme von Friedrich Merz mit den jungen Leuten und den Frauen auch von dieser starken Zuspitzung des Profils? Also liegt für die CDU nicht auch eine Gefahr in der Zuspitzung ihrer Werte in der Person Merz? Franz-Peter Falke findet es nicht.

Sprecher 17: Es gibt zwei Dinge in der Markenführung, in einer erfolgreichen, nachhaltigen Markenführung. Das sind einmal die Fixpunkte, die Werte, die DNA, die eine Marke ausmachen. Man sagt im Deutschen, du bist mir eine Marke. Das ist jemand mit Ecken und Kanten. Und das sind die Fixpunkte, das sind nicht die Variablen. Draußen das Umfeld vor uns entwickelt sich in jeder Generation heute schneller als je zuvor. Darauf muss man sich anpassen. Aber der rote Faden, die Leitlinie, sind die Werte, das ist die DNA einer Marke. Und es gibt so einen schönen Spruch, wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, wird sehr schnell zum Witwer.

Sprecher 3: Friedrich Merz als der Markenkern der CDU. Und um auf die Frage vom Anfang zurückzukommen, wie viel Sauerland steckt in Friedrich Merz? Wir haben gehört, sehr viel. Aber man muss sagen, auch im Sauerland steckt viel Friedrich Merz. Allein dadurch, dass er fast jedes Wochenende hier ist und einfach sehr präsent ist bei den Leuten. Zumindest die Union hat er damit schon überzeugt und hinter sich versammelt. Ob ihn das auch ins Kanzleramt bringt, das werden die nächsten Monate zeigen. Vielen Dank fürs Zuhören und schön, dass ihr dabei wart auf dem kleinen Roadtrip durch das Sauerland. Einen schönen Tag. Ihre Vera Weidenbach.

Sprecher 2: Einblicke in die Heimat eines Kanzlerkandidaten. Ich hoffe, da war auch für Sie einige Erkenntnisse dabei, wie Sie vielleicht Friedrich Merz noch nicht wahrgenommen haben. Ich freue mich, dass Sie bei dieser Podcast-Folge dabei waren. Nächste Woche Samstag dann die letzte Folge. Da wollen wir die Zentrale aller Fragen rund um Friedrich Merz klären. Kann er Kanzler? Wir reden darüber mit ehemaligen Vorsitzenden, Ministerpräsidenten, mit Gegnern und Freunden. Wenn Ihnen das generell gefällt, was Sie hier bei Table Today erleben, dann liken Sie doch einfach diesen Podcast oder kommentieren Sie, was Sie immer schon mal bei uns hören wollten in der Podcast-App Ihrer Wahl. Ich freue mich über Feedback. Vielen Dank. Gerne auch per E-Mail an podcast.table.media. Bis dahin, ich wünsche noch ein schönes Restwochenende. Ihr Michael Bröker. Ciao, ciao.