Was steht nicht in Ihrer Biografie, Frau Merkel?
Dauer: 42:05

Was steht nicht in Ihrer Biografie, Frau Merkel?

Zum Ende eines politisch turbulenten Jahres sprechen Helene Bubrowski und Michael Bröcker mit Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel. In diesem besonderen Gespräch reflektieren sie über politische Führung, Kompromisse, Asyl- und Migrationspolitik sowie die Herausforderungen männlicher Egos in den Machtzentralen.

Trotz aller Kritik an innen- und außenpolitischen Entscheidungen zeigt sich heute, wie prägend Merkels sachliche und uneitle Herangehensweise für Deutschland war.



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Transkript

Sprecher 1: Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe. So unmissverständlich stelle ich heute vor diesem Haus fest, Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert. Wir haben hier nicht nur über Griechenland entschieden, sondern dieses ist eine Entscheidung für ein starkes Europa und eine starke Eurozone. Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein. Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land. Mit großem Bedauern müssen wir heute die Entscheidung der Mehrheit der britischen Bevölkerung zur Kenntnis nehmen. Die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union beenden zu wollen. Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, das Coronavirus verändert zurzeit das Leben in unserem Land dramatisch. Ich bin überzeugt, dass wir die Zukunft auch weiterhin dann gut gestalten können. Wenn wir uns nicht mit Missmut, mit Missgunst, mit Pessimismus, sondern mit Fröhlichkeit im Herzen an die Arbeit machen. Es ist diese Fröhlichkeit im Herzen, die ich uns allen und im übertragenen Sinne unserem Land auch für die Zukunft wünsche. Ich danke Ihnen von Herzen.

Sprecher 2: Herzlich willkommen zu Table Today Christmas Spezial. Heute eine ganz besondere, sinnliche Ausgabe.

Sprecher 3: Ja, wir freuen uns, dass Sie in den Weihnachtsvorbereitungen Zeit haben, uns zuzuhören. Vielleicht gerade wegen der Weihnachtsvorbereitungen sich einen Moment aufs Sofa setzen. Jedenfalls hat die Sache einen guten Grund, dass wir heute am 24. Auch für Sie da sind. Und dieser Grund lautet Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin. Sie hat uns im Podcaststudio besucht.

Sprecher 2: Ja, sie kam überraschend und für uns sehr erfreulich mit Beate Baumann, ihrer langjährigen Vertrauten und Büroleiterin. Sie hatte eine Stunde Zeit, Hedine, und sie war gut drauf. Es war ihr letztes Interview im Jahr. Und wir sind so ziemlich alle fragenlos geworden, die man halt so in 45 Minuten stellen kann, oder?

Sprecher 3: Michael, eine Frage hast du, und das hat mich eigentlich am allermeisten überrascht, dich nicht getraut zu stellen, obwohl sie bei uns im Skript stand.

Sprecher 2: Du hast recht, aber das liegt daran, dass die Leselücken von mir im Buch natürlich gnadenlos von ihr offenbart wurden und ich am Ende so unter Druck war, dass ich mich nicht mehr getraut habe, diese Frage zu stellen.

Sprecher 3: Wundert mich wirklich, dass du so eingeschüchtert sein kannst, aber so ist es. Die Frage war, warum siezen sich Beate Baumann und Angela Merkel eigentlich noch? Als die Mikros auswandten, konnten wir diese Frage doch noch stellen und die Antwort war sehr lustig.

Sprecher 2: Ja, die Bundeskanzlerin entgegnete sehr spontan, weil wir nicht mehr anders können und sagte dann auch noch, es tut sich ja heute jeder, wir lassen das jetzt einfach so.

Sprecher 3: So ist sie und jetzt hören Sie selbst.

Sprecher 2: Herzlich willkommen bei Table Today, die Bundeskanzlerin. Schönen guten Tag, Frau Dr. Merkel.

Sprecher 1: Guten Tag.

Sprecher 3: Ja, Frau Merkel, die Ampel ist nach drei Jahren gescheitert. Sie haben 16 Jahre regiert. Haben Sie ein Rezept für gutes Regieren, das Sie hier verraten wollen?

Sprecher 1: Ich kann ja nur über meine 16 Jahre berichten. Es ist natürlich so, wir haben in Deutschland immer Koalitionsregierungen und damit sind natürlich Spannungen in der Regierung auch nochmal anders, als wenn man nur in einer Parteienfamilie, CDU und CSU zum Beispiel, alleine regieren würde. Gutes Regieren erfordert sicherlich Geduld, immer wieder auch zu versuchen, die Motive des Gegenüber zu verstehen. Ich habe das versucht. Manchmal muss man dann einfach auch darauf drängen, dass Entscheidungen gefällt werden. Oft kann man auch gar nicht genau das machen, was man sich in der Koalitionsvereinbarung, die ja meist mit sehr viel Liebe ausgehandelt wird, vorgenommen hat durchsetzen, weil auch in meiner Zeit ja immer wieder große Krisen uns eine ganz andere Tagesordnung aufgenötigt haben und den kann man sich dann ja auch nicht entziehen. Und das gilt natürlich auch für die heutige Zeit.

Sprecher 3: Unter moderner Führung wird heute in der Regel nicht mehr verstanden, dass man durchregiert, sondern dass man auf einen Kompromiss hinarbeitet, dass man moderiert. Können Frauen das besser als Männer?

Sprecher 1: Das würde ich so generell nicht sagen. Also Frauen sind ja auch ganz unterschiedliche Charaktere. Früher habe ich öfter gesagt, Frauen sind auch Menschen. Aber vielleicht... Ist manchmal doch so dieses Gefühl, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen bei Frauen etwas vorherrschender. Ich habe es jedenfalls versucht, immer auch wirklich Kompromisse zu finden. Allerdings ist es auch so, ohne dass sie nicht selbst, also ich in dem Falle nicht selbst auch gesagt habe, wo ich hin möchte, wäre es... Vielleicht auch nie zum Ergebnis gekommen. Also nur mit Moderieren ist es nicht getan.

Sprecher 2: Die Deutschen wünschen sich zumindest laut Umfragen mehr Führung, vielleicht sogar mehr Basta, mehr klare Entscheidungen. So kann man es zumindest den Umfragen entnehmen. Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, die Welt ist selten schwarz-weiß und 100 zu 0 ist mir suspekt. Ist trotzdem vielleicht Ihr differenzierender, dieser Konsensstil jetzt gerade nicht mehr zeitgemäß?

Sprecher 1: Das glaube ich nicht. Meine Ergebnisse kommen in der Demokratie nur zustande, wenn es Mehrheiten gibt. Und die Mehrheiten müssen gefunden werden. Ich möchte mit den Sätzen, die Sie da zitiert haben, einfach sagen, es braucht Kompromisse. Und ich habe immer gesagt, ein Kompromiss ist dann akzeptabel oder gut, wenn die Vorteile die Nachteile überwiegen. Aber das kann 51 zu 49 sein. Und selten ist es so, dass man sagt 100 Prozent und genau meine Meinung, weil es eben auch viele andere Betrachtungsweisen gibt, die dann immer durchscheinen. Ich glaube nicht, dass... Es ist eine Zeit, in der wir auf Kompromisse verzichten können, in der es nur noch Schwarz und Weiß gibt, sondern Ergebnisse gibt es auch für die Zukunft, so meine Überzeugung nur, indem man aufeinander zugeht.

Sprecher 2: Führung ist ja auch Kommunikation und Friedrich Merz kommt zumindest so rüber, dass er sehr klar sagt, was er will. Ob man das dann umsetzen kann in Koalitionsdemokratien ist was anderes, aber zumindest schätzen das oder verlangen Menschen, das ist Friedrich Merz gerade deswegen der Richtige zur richtigen Zeit?

Sprecher 1: Ich habe öffentlich gesagt, ich wünsche Friedrich Merz allen Erfolg. Ich selber weiß aus meiner Zeit, was es bedeutet, auch Kanzlerkandidat, in meinem Fall Kanzlerkandidatin zu sein. Es lastet großer Druck auf jemanden. Friedrich Merz hat lange auf dieses Ziel, Kanzlerkandidat zu werden, hingearbeitet. Und ich wünsche ihm deshalb, dass er auch die Kraft hat, einen guten Wahlkampf durchzustehen. Das ist einfach nicht einfach.

Sprecher 2: Wünschen Sie ihm Erfolg fürs Land, weil Sie glauben, die CDU-Position müsste das Land führen oder weil er das gut kann?

Sprecher 1: Ich bin CDU-Mitglied und ich glaube, er verfügt über die Eigenschaften, auch Bundeskanzler sein zu können.

Sprecher 2: Welche sind das denn?

Sprecher 1: Also ich sage es ja, man muss erstmal den unbedingten Willen zur Macht haben, man muss politische Überzeugungen haben, die müssen auch dem entsprechen, was die Bevölkerung gerne oder was die Bevölkerung nicht gerne hat, sondern was sie empfindet, was sie erwartet von der Politik und da werden nach Maßgabe der jetzigen Situation ähnlich wie ich das in der Weltwirtschaftskrise hatte. oder in der Euro-Krise hatte Wirtschaft oder auch in der Corona-Zeit wirtschaftliche Fragen ganz im Vordergrund stehen. Und noch einmal viel Erfolg. Und ich würde ihm nicht Erfolg wünschen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass er das Zeug dazu hat.

Sprecher 3: Wir reden ja über Politiker-Typen, deswegen wollte ich mal nach Robert Habeck fragen. Sehen Sie in ihm ein politisches Talent oder wird er vielleicht überschätzt?

Sprecher 1: Also ich bin jetzt hier nicht die Lehrerin der Nation, die Zeugnisse für alle denkbaren Politiker vergibt. Es ist so, dass wir verschiedene Parteien haben, die haben ihre Spitzenkandidaten. Es gibt im Augenblick mehr Kanzlerkandidaten, als es zu meiner Zeit gab. Das muss ich einfach feststellen. Ansonsten ist es einfach so, dass Robert Habeck natürlich auch in der Grünen-Partei nicht die Rolle spielen würde, die er spielte, wenn er nicht auch politisch talentiert wäre, das ist ja klar.

Sprecher 2: Gab es mal in Ihrer Amtszeit einen Moment, wo es wirklich auf der Kippe stand? Vielleicht nicht so wie jetzt bei der Ampel, wo es offensichtlich auf eine Art Epizentrum des Konflikts hinaus lief, aber Sie hatten Krisenkonflikte, Sie hatten Streit. Gab es irgendwann mal einen Moment, wo Sie wirklich dachten, das könnte morgen vorbei sein?

Sprecher 1: Es gab schwierige Momente und es gab auch Momente, wo man sich Zeit nehmen musste zu überlegen, wie kommt man aus einer bestimmten Situation wieder heraus. Öffentlich bekannt sind ja die Zeiten zum Beispiel, als wir 2017, 18 dann die Koalitionsvereinbarung mit den Sozialdemokraten verhandelt haben. zu der Migration, wobei da die Spannungen innerhalb der Union sehr groß waren. Es gab Haushaltsfragen, wo ich nicht genau wusste, wie geht das aus und wie finden wir jetzt hier eine Brücke zwischen Steuersenkungen und Erhöhungen an anderer Stelle. Jedes Mal, wenn eine neue Regierung gebildet werden musste, war es nicht ganz einfach, die verschiedenen Vorstellungen der Parteien eben durchzusetzen und zu einem Gesamtpaket dann zu schnüren. Also ich hatte auch schon Stunden, da ging es hoch her.

Sprecher 2: Und Sie haben auch immer drei Partner gehabt.

Sprecher 1: CDU und CSU sind, wenn Sie die als zwei nennen, dann ist das so. Aber das ist schon nochmal ein Unterschied, denn wir sind eine Fraktionsgemeinschaft gewesen und sind es ja, CDU und CSU sind es heute noch. Und das bindet doch nochmal in anderer Weise zusammen. Dennoch hatte die CSU praktisch auch immer im Grunde ein Vetorecht, wenn sie gesagt hat, wir machen etwas nicht mit. Dann ging das nicht und das musste man dann dem anderen Koalitionspartner natürlich auch immer deutlich machen, der gerne, sei es die SPD oder die FDP, immer so getan hätte, als seien wir eine einzige Gruppe, die nicht auch unterschiedliche... Kraftzentren hat.

Sprecher 3: Ja, dieses Vetorecht hat ja jetzt Markus Söder wieder stark gemacht, indem er sagt, ohne uns geht ein Bündnis nicht und wir wollen nicht mit den Grünen. Man hat den Eindruck, der Lagerwahlkampf ist zurück, also schwarz-gelb gegen rot-grün. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass man SPD und Grüne von morgens bis abends angreifen und schon per se als Menschen merkwürdig finden müsse, ist mir fremd. Was passiert da gerade? Wie schätzen Sie das ein? Ist das unklug auch von Ihrer Partei?

Sprecher 1: Ich schreibe das ja aus meiner Biografie heraus. Und da ist es einfach so gewesen, dass zu der Zeit, als die Mauer fiel, als... Wir auf dem Weg zur deutschen Einheit waren, sich neue Parteien in der ehemaligen DDR gründeten. Und mein eigener Chef aus der Akademie der Wissenschaften, aus der Arbeitsgruppe, in der ich arbeitete, ist mit mir auf Parteiensuche gegangen und ist dann bei der SPD hängen geblieben oder damals noch SDP. Und ich bin eben weitergezogen zum demokratischen Aufbruch und bin dann in der CDU gelandet. Einfach aus dieser Betrachtungsweise heraus könnte ich nie sagen, dieser ehemalige Chef ist jetzt mein... Politischer Gegner schon, aber Feind oder wie es manchmal so in der alten Bundesrepublik war, dass man da sich überhaupt nicht vorstellen konnte, Wechselwähler zu sein oder dass manchmal sogar vererbt wurde, das Wahlverhalten. Das will ich damit ausdrücken. Die Grünen gab es ja zu der damaligen Zeit mal gerade, das waren die Bündnisgrünen, die kamen auch aus der Bürgerbewegung, die kamen auch aus dem Bereich, wo meine Freunde waren. Wir hatten uns in der DDR nie überlegt. Was werden wir denn mal machen, wenn wir in Freiheit leben würden oder sehr selten, sondern wir haben gemeinsam gegen den Staat DDR opponiert. Und jetzt plötzlich war die Mauer weg, der Kalte Krieg zu. Und jeder musste sich entscheiden, welche politischen Vorstellungen habe ich. Da sind alle Möglichkeiten aus meinem Freundeskreis und auch aus meiner Familie entsprungen. Mein Vater hing immer sehr den Bündnisgrünen an, würde ich sagen. Er war nie Mitglied. Meine Mutter war SPD-Kreistagspräsidentin und ich war eben CDU.

Sprecher 3: Wie fanden Ihre Eltern das?

Sprecher 1: Ja, wir waren eine tolerante Familie.

Sprecher 3: Nochmal eine Frage. Wenn Markus Söder das jetzt macht und sich an Ihren Rat insofern nicht hält, er hat ja natürlich auch eine andere Erfahrung, würden Sie trotzdem sagen, das ist politisch unklug, dieser Ausschließeritis?

Sprecher 1: Ich habe das in meinem Leben so nicht gemacht. Denn es ist natürlich so, je mehr Optionen ich habe in der Frage der Regierungsbildung, umso mehr kann ich vielleicht auch von meiner eigenen Programmatik durchsetzen. Das heißt, im Wahlkampf, so auch meine Erfahrung, wollen die Leute natürlich wissen, was will die CDU. Und wenn man das dann sagt, was will die CDU, dann sagt man in meiner Zeit keine Steuererhöhung, dann heißt es natürlich, aber was machen sie denn, wenn der mögliche Koalitionspartner kommt und will genau das. Das waren immer Ihre Lieblingsfragen, die Wenn-Dann-Fragen. Genau, und dann habe ich immer gesagt, auf spekulative Antworten oder auf Wenn-Dann-Fragen antworte ich nicht, weil das nicht redlich ist. Im Wahlkampf sollen sich die Bürgerinnen und Bürger überzeugen können, was ist das Programm der Parteien. Und ansonsten sollte gelten, dass die demokratischen Parteien miteinander Gesprächs- und Koalitions- unsfähig sind, das vergrößert die Möglichkeiten, seine eigenen Positionen durchzusetzen.

Sprecher 2: Wir gehen weg von der Parteipolitik, was Sie erfreuen dürfte, auf die Ebene und trotzdem steckt dahinter ja ein Kern. Wir haben eine Polarisierung wie selten zuvor in diesem Land. Es sind wirklich wieder Lager, in die man sich rein begräbt und dann den anderen attackiert. Gibt es etwas, was wir stärker betonen müssen, was dieses Land eigentlich gerade noch zusammenhält? Und hat im Moment das Gefühl, es ist nicht viel.

Sprecher 1: Ich glaube, dass sich sehr viele Menschen danach sehnen im Land, dass das wieder stärker herausgearbeitet wird. Die Frage treibt natürlich wahrscheinlich sehr, sehr viele um. Warum polarisieren sich bestimmte Dinge so? Warum ist auch die... Diskussionskultur nicht besser geworden, sondern warum flüchtet sich jeder eigentlich in eine Gruppe, wo seine Meinung oder ihre Meinung gleich mal anerkannt wird. Dann braucht man nicht sich schweren Auseinandersetzungen zu stellen. Ich vermute, dass das auch etwas mit den sozialen Medien zu tun hat, dass sich im Grunde für jede Position Eine ganze Menge Leute finden, die mir zustimmen, dass es eine Tendenz gibt, wenn es irgendeine Aussage gibt, dass man den Daumen hoch oder den Daumen runter macht. Dazwischen gibt es nicht viel und damit natürlich auch die Zuspitzung einer Aussage mehr Aufmerksamkeit erreicht, als wenn ich so sage, jawohl, sowohl als auch sind gleichermaßen gut. dass wir uns bewusst machen sollten, dass da, wo viele Menschen zusammentreffen, immer ein großes, breites Meinungsspektrum ist, von dem man nicht sagen kann, drei haben Recht und drei haben komplett Unrecht, sondern wo verschiedene Meinungen einfließen. Und so wie das in Familien sein sollte oder in Freundeskreisen, dass man sich dann geduldig zuhört und den anderen auch mal gelten lässt, eine Nachfrage hat. Diese Fähigkeit sollten wir uns nicht verloren gehen lassen und sagen, ach, dann sprechen wir am besten gar nicht mehr über Politik. Das ist ja so eine Tendenz. Das finden wir statt. Jetzt wollen wir uns ja nicht schon wieder streiten. Und dann werden einfach lauter Themen, die eigentlich alle umtreiben und die uns auch umtreiben müssen, die werden einfach ausgeklammert. Das finde ich keine gute Tendenz. Ich versuche auch mit meinem Buch zum Beispiel oder mit unserem Buch das deutlich zu machen, was doch Gesprächskultur und Offenheit bedeuten kann. Wir haben 29 Millionen Ehrenamtliche in Deutschland, die denken bestimmt politisch nicht alle gleich, aber wenn die jetzt beschließen, bei der Feuerwehr nie wieder über eine politische Frage zu reden, weil man sich nicht ausstehen kann, wenn man unterschiedliche Parteien wählt, das wäre nicht gut.

Sprecher 2: Frau Bundeskanzlerin, die Analyse Ihrer Amtszeit ist in den letzten Wochen aus meiner Sicht ziemlich einhellig geworden. Ja, die Kanzlerin hat dieses Land gut regiert durch Krisen und die internationale Reputation ist sehr, sehr hoch gewesen. Aber viele Dinge sind liegen gelassen. Sie kennen die Themen Bildung, Infrastruktur, Digitalisierung. Vieles wurde nicht gemacht, obwohl eigentlich das Geld billig war oder das Gas billig war. Also man hätte was machen können. Sind Sie heute der Meinung, Sie haben das Land gut hinterlassen?

Sprecher 1: Ich habe jedenfalls nach bestem Wissen und Gewissen regiert und ich glaube, dass man immer sich wieder in die Zeit hineinversetzen muss. Ich meine, man hört es nicht gerne, aber ich muss es dann in dem Podcast doch sagen, die Schulpolitik, die Bildungspolitik ist eine Sache der Länder und ich bin von den Ministerpräsidenten mehrmals in meiner Laufbahn darauf hingewiesen worden, dass ich mich bitte in diese Fragen nicht einmischen möchte. Ich habe es immer wieder getan. Wir haben den Digitalpakt mit den Schulen gemacht. Wir haben nach der Weltfinanzkrise damals Programme gemacht, in denen wir Schulgebäude saniert haben. Wir haben uns um die Kitas gekümmert. Wir haben Hochschulpakte gemacht. Alles Zuständigkeiten, die eigentlich keine Bundeszuständigkeiten sind. Nun kann man sagen, es reicht immer noch nicht. Aber was man bestimmt nicht sagen kann, ist, dass die Bundeskanzlerin nun daran schuld ist, dass die Situation so ist, wie sie ist.

Sprecher 2: Was ist Ihre Erklärung? Warum ist die Bildungsrepublik gerade so marode? Die Leistungsvergleiche sind wirklich desaströs für Deutschland.

Sprecher 1: Ja, sie sind teilweise nicht gut, sie sind teilweise Mittelmaß, sie sind selten wirkliche Spitze. Wir müssen auch nicht alles nun in Bausch und Bogen niedermachen. Und der Zustand unserer Schulen ist zum Teil auch nicht erfreulich. Ich habe mich immer und immer wieder gefragt, gerade als ich, da haben wir jetzt noch mit Saskia S. Im letzten Jahr haben wir den Digitalpakt für Schulen vorangebracht. Ich habe mich immer wieder gefragt, was hemmt uns eigentlich dort? Ist es die Ausbildung der Lehrer, die Weiterbildung der Lehrer? Wir haben das alles durchleuchtet. Wir sind da sicherlich auch an einigen Stellen vorangekommen. Manchmal, und das ist mir dann auch wieder erfahren bei der Digitalisierung der Verwaltung, wir haben ja extra mit den Ländern einen Pakt geschmiedet, wir haben das Grundgesetz geändert, damit sich der Bund darum kümmern kann, dass die Verwaltungsleistungen digitalisiert werden. Wir haben den Ländern drei Milliarden Euro gegeben, wir haben ein Online-Zugangsgesetz gemacht. Dann haben die Länder beschlossen, ein Land entwickelt, meinetwegen Beantragung des Kindergelds oder der Fahrerlaubnis oder Autozulassung und alle anderen Länder übernehmen das von dem Land zusammen mit dem Bund entwickelte Vorgehen. Wir sind noch heute weit entfernt davon, die 525 Leistungen, die wir eigentlich schon zu meinem Amtsende machen wollten, umzusetzen. Ich kann nicht erkennen, dass das nur am Bund liegt. Es gibt irgendwo, vielleicht sind wir Opfer unserer eigenen Erfolgs. Wir waren jahrelang super, super in der Verwaltung. Jeder hat gesagt, deutsche Verwaltung ist was Gutes. Und jetzt hat die Digitalisierung sozusagen Oberhand gewonnen. Und da sind dann eben Länder wie Island, die von Null anfangen und alles gleich digital aufbauen, uns wahnsinnig überlegen. Ich habe erlebt, dass Ministerpräsidenten gesagt haben, wenn ich das Grundbuchamt jetzt digitalisiere, was mache ich mit den Mitarbeitern? Dann muss ich die alle schulen oder die müssen vielleicht umgesetzt werden. Das wollen die nicht. Man hat irgendwie gedacht, Das wird schon so weitergehen und da muss noch mehr geschehen. Aber dass ich mich nicht so drum gekümmert hätte, kann man nicht sagen. Dazu kommt, Corona war für die Digitalisierung, was jetzt Zoom-Konferenzen und so weiter anbelangt, gut.

Sprecher 2: Was möglich ist vor allem, genau.

Sprecher 1: Und erstaunlicherweise war unser Netz dann doch nicht so dramatisch schlecht, dass keinerlei, da ich nun wirklich auf dem Lande fest verwurzelt bin, weiß ich, kenne ich meine grauen Flecken und sehr, sehr gut. Es gab einerseits ein Vorangehen, andererseits hat Corona uns auch wieder zwei Jahre gekostet in der Umsetzung von manchen Dingen. Das muss man auch ganz einfach sagen, weil wir uns mit elementaren Fragen von Gesundheit befassen mussten.

Sprecher 3: Das, was Sie jetzt beschreiben, verursacht ja in der Bevölkerung einen großen Verdruss, eine Frustration. Die Politik will bestimmte Ziele erreichen und es geht aber zu langsam, es kommt zu wenig. Das frustriert viele. Deswegen gibt es ja jetzt Ideen zu einer großen Staatsreform, dass man das Ganze mal ganz grundsätzlich angeht und nicht im Kleinen nachjustiert und kleine Schräubchen dreht. Was halten Sie von diesen Vorschlägen? Ist das richtig, das alles mal unsere Struktur komplett zu überdenken, eine Art Update zu machen? Oder ist das ein bisschen naiv, weil es am Ende nicht umsetzbar ist?

Sprecher 1: Es ist sicherlich nicht falsch, sich mal auch theoretisch zu überlegen, wie würden wir uns den Staat wünschen. Und seinen Aufbau. Aber zum Schluss ist natürlich entscheidend, ob die heute agierenden Politikerinnen und Politiker das akzeptieren. Und ich weiß ja aus jahrelanger Erfahrung, wie schwer es ist, jemandem eine Zuständigkeit wegzunehmen. Wenn ich jetzt für die Bildung zuständig bin, für die innere Sicherheit, für die Kultur zuständig bin. Wir haben vom Bund zum Beispiel immer wieder Geld gegeben, einerseits für die Schulen, andererseits auch für die Kitas. Und es ist dann bei den Ländern doch häufig so gewesen, dass sie gesagt haben, okay, gibt uns Umsatzsteuerpunkte dafür, aber mischt euch nicht in die Inhalte ein. Sodass wir nicht überprüfen konnten, ist das dann wirklich in die Sprachintegration bei den Kitas gegangen und man muss dann ja auch Zielsetzungen machen. Ich meine, wenn ich mir keine Benchmarks setze, wenn ich mir überhaupt nichts vornehme, dann kann ich viel Geld ausgeben und es kommt trotzdem nicht so viel dabei heraus. Wenn die Bereitschaft bestünde, und das geht um eine politische Bereitschaft, da kann eine Staatsreform hilfreich sein, aber ich kann sie auch immer wieder versuchen zu unterlaufen, indem ich ihr dann doch nicht zustimme. Also der Beweis wird erst erbracht, wenn es wirklich soweit ist. Auf Englisch würde man sagen, the proof of the pudding is in the eating. Deshalb lasse ich mich gerne positiv überraschen, aber in meinem Leben habe ich auch oft sehr viel Retardierendes, Festhaltendes erlebt.

Sprecher 2: Zyniker sagen ja,

Sprecher 3: Das hat damit zu tun, dass es uns am Ende doch noch zu gut geht, obwohl wir immer darüber klagen, dass es uns nicht gut geht. Wie sehen Sie das?

Sprecher 1: Ich denke, dass es Zeiten für Reformen gibt. Wir haben das ja gesehen damals bei Gerhard Schröder. Gerhard Schröder hat 1998 alles zurückgenommen, was wir schon zu wenig unter Helmut Kohl gemacht hatten, zum Beispiel den demografischen Faktor im Rentensystem. Dann haben sich die Dinge so entwickelt, wie sie sich entwickeln mussten. Und als dann die Arbeitslosigkeit auf 4, 5 Millionen gestiegen war, war auch die SPD, wie sich nachher herausstellte, zwar nicht gänzlich, aber doch ein großer Teil der SPD war in der Meinung, es muss jetzt reformiert werden. Und wir haben das dann ja 2005 nach der Wahl glücklicherweise nicht zurückgedreht oder wenn wir es zurückgedreht haben, dann nur ganz, ganz wenig und haben weitere Reformen noch dazugesetzt. Ich will nur daran erinnern, dass wir heute in Richtung der Rente mit 67 gehen, was noch bis 2029 laufen wird. Das war ein Ergebnis auch des Mutes von Franz Müntefering. Also mein Mut war es auch, aber auch der von Franz Müntefering. Wir haben damals dafür gesorgt, dass die Lohnzusatzkosten unter 40 Prozent wieder gegangen sind durch 1 Prozent Mehrwertsteuererhöhung. Wir haben damals das ganze Integrationsthema ins Kanzleramt geholt, was sich ja im Nachhinein als sehr, sehr... erfolgreich herausgestellt hat. Wir haben gesagt, wir müssen, so wie es auch in der Europäischen Union verabredet war, 3% für Forschung und Entwicklung ausgeben, gesamtstaatlich 3% vom Bruttoinlandsprodukt. Auch das haben wir erreicht. Das waren sozusagen die Fortsetzungen der Schröderschen Reformen und das hat uns dann auch gut durch die Weltfinanzkrise getragen, das hat uns auch gut durch die Euro-Krise getragen und irgendwann kommen dann wieder Punkte, wo die Dringlichkeit zunimmt zu reformieren. Und da will ich mich jetzt in die konkreten Reformen nicht einmischen, aber dass wir uns einem solchen Punkt wieder nähern, das ist, glaube ich, unbestritten.

Sprecher 2: Aber genau das wäre unsere nächste Frage gewesen. Sie haben den Rechtsanspruch auf die Kita-Plätze und den Elterngeldern doch sogar vergessen. Die GroKo I war eine gute Reformkoalition. Da wurde nicht nur uns was zugemutet, da wurden richtig viele wichtige Dinge beschlossen. Und Sie haben damals gesagt in Ihrer Antrittsrede als Bundeskanzlerin, warum soll uns das, was uns in den Gründerjahren gelungen ist, nicht nochmal gelingen? Kann also die Große Koalition doch Großes leisten, aber erst dann, wenn der Karren fast vor der Wand gefahren ist?

Sprecher 1: Wir haben ja auch dann danach Großes geleistet. Ich meine, dass wir so durch die Weltfinanzkrise gekommen sind, dass wir zum Beispiel damals das Instrument des Kurzarbeitergelds eingesetzt haben. Das hat uns so viele Arbeitsplätze gesichert und so viele Arbeitskräfte dort gelassen, wo sie gut ausgebildet auch waren. Und sie haben richtigerweise den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. noch aufgeführt, der natürlich letztlich dann doch wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Frauenerwerbstätigkeit heute über 70 Prozent liegt. Die lag unter 60, als ich angefangen hatte. So, und dann kommen natürlich wieder Zeiten, wenn die Dinge gut laufen, wo man vielleicht auch an andere Dinge denkt. Wir haben dann Rentenreformen gemacht, die... Waren mehr darauf ausgerichtet, Menschen, die hart körperlich arbeiten, mit der Rente mit 63 oder der Mütterrente auch Gerechtigkeitslücken auszugleichen. Und jetzt, wie gesagt, haben sich viele Dinge auf der Welt verändert. Sind härter geworden und zum Beispiel die Tatsache, dass wir mit Sicherheit, das schreibe ich ja auch im Buch, nicht nur zwei Prozent für Verteidigung ausgeben müssen, sondern wahrscheinlich in der nächsten Zeit sogar noch mehr. Das verändert natürlich auch die Prioritätensetzung wieder. Bin ich jetzt nicht mehr in der Verantwortung, aber da werden wichtige Schritte auch gegangen werden müssen.

Sprecher 3: Die Erwerbstätigkeit von Frauen ist gestiegen und insgesamt kann man sagen, da gibt es einen Fortschritt auch politisch. In ihrer Partei dagegen nicht, muss man ganz klar sagen. In den ersten Reihen, ersten zwei, drei Reihen sind derzeit sehr, sehr wenige Frauen. Trotz 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft, also ein weibliches Vorbild, das es ja für Unionspolitikerinnen gab, gibt Ihnen das manchmal zu denken und Sie sagen, Sie hätten da vielleicht dann in Ihrer eigenen Partei mehr tun sollen, also Stichwort Quote?

Sprecher 1: Naja, wir haben ja das Quorum und glücklicherweise... ist das ja auch verlängert worden durch die CDU, wenn ich das richtig verfolgt habe. Und damit ist natürlich eine bestimmte Beteiligung von Frauen schon mal vorgesehen. Bei den Positionen, wo immer nur einer es sein kann, Vorsitzende oder Vorsitzender,

Sprecher 4: Doppelspitzen, Frau Merkel, das gibt es auch.

Sprecher 1: Da ist es vielleicht schwieriger. Und wissen Sie, als ich damals Fraktionsvorsitzende geworden bin, haben viele gesagt, ich hätte Friedrich Merz aus dem Feld geschlagen und Merkel, als hätte ich da irgendwas Unsittliches getan, obwohl ja bei Männern solche Kämpfe permanent vorkommen. Nun war ich viele Jahre, 18 Jahre Parteivorsitzende, dass es jetzt mal wieder ein Mann ist in der CDU, ist vielleicht jetzt auch nicht verwunderlich. Aber insgesamt sind wir von der Teilhabe. An der gleichberechtigten Teilhabe, und das heißt ja 50 Prozent, in den Parteien, also in der CDU noch weit entfernt, das ist richtig, aber auch in den Wirtschaftsinstitutionen und in vielen anderen Stellen, wenn gleich ich sagen muss, gerade auch als wir jetzt das Buch geschrieben haben, wenn man sich anschaut, wie wir 1990 diskutiert haben und wie wir heute diskutieren, dann ist der Fortschritt vielleicht immer noch eine Schnecke. Aber dass es ihn gibt, ist nicht zu leugnen.

Sprecher 3: Also das Buch von Thorsten Körner in der Männerrepublik, wenn man das liest, dann fühlt man sich doch ziemlich gut heute, muss ich sagen, als Frau.

Sprecher 1: Auch wenn man den Film Die Unbeugsamen Teil 1 sieht, dann sieht man schon, dass sich was getan hat.

Sprecher 3: Ist ja der Film auf der Grundlage, genau. Wo Frauen, die im Hosenanzug in den 60er Jahren im Bundestag gesprochen haben, einen Ordnungsruf bekamen vom Bundestagspräsidenten. Also kaum vorstellbar. Frau Merkel, die Migrationspolitik wird, und das kann man, glaube ich, ohne Überspitzung sagen, von Ihrer Partei jetzt... Vollkommen neu ausgerichtet, teilweise ihre Vorstellungen rückabgewickelt, so kann man sagen. Und das betrifft verschiedene Dinge. Die einerseits ist die Diskussion über die Obergrenze neu entbrannt, andererseits jetzt neu, das gab es zu ihrer Zeit nicht so sehr, Vorrang des Europarechts vor dem nationalen Recht wird infrage gestellt im Zusammenhang mit den Zurückweisungen an der Grenze. Macht sie das manchmal wütend?

Sprecher 1: Das Thema ist ja ehrlich gesagt nicht neu. Es kommt mir aus 2018 noch sehr bekannt vor.

Sprecher 3: Aber es ist damals anders ausgegangen.

Sprecher 1: Und es ist damals anders ausgegangen, aber es ist virulent immer da gewesen. Ich habe meine Position hier nicht geändert. Ich finde die Zurückweisung an der deutsch-österreichischen Grenze oder an welcher Grenze auch immer, der Bundesrepublik Deutschland, nicht dazu angetan, dass sie das Problem lösen. Ich finde sie falsch. Ich glaube, auch die rechtliche Grundlage ist nicht da. Und den Schritt, den Vorrang des Europarechts infrage zu stellen, den sollte man, so meine Meinung, nicht gehen. Ich habe in meiner gesamten Amtszeit das akzeptiert, dass Europarecht Vorrang vor nationalem Recht hat.

Sprecher 2: Selbst wenn es nicht de facto nicht funktioniert wie bei Dublin.

Sprecher 1: Europarecht, Sie können ja nicht sagen, wer definiert, ob Recht funktioniert oder nicht. Wenn man der Meinung ist, das Recht funktioniert nicht, muss man die Gerichte anrufen und darum einklagen, dass es endlich funktionsfähig gemacht wird. Und es gibt jetzt ja auch eine gemeinsame Asylreform, die glücklicherweise nach meiner Amtszeit verabschiedet wurde. Ich hätte nichts dagegen, wenn die so schnell wie möglich wirklich in Kraft tritt. Aber sie wird auch alleine das Problem noch nicht lösen. Ich kann immer nur das wiederholen, was letztlich auch zur Reduktion der Flüchtlinge, der Zahl der ankommenden Flüchtlinge und der illegalen Migration geführt hat. Das ist das Abkommen mit der Türkei gewesen. Solche Abkommen werden jetzt glücklicherweise auch von Ursula von der Leyen und von der Europäischen Union immer wieder verhandelt, mit Ägypten, mit Tunesien. Ich habe jetzt gelesen, eventuell auch mit Marokko. Und man muss mit den Herkunftsländern sprechen. Das hat die Bundesregierung ja auch getan. Der Idealzustand, ich finde, wir müssen uns immer wieder überlegen, was ist eigentlich der Idealzustand? Der Zustand, den wir erreichen wollen. Und der Zustand, den wir erreichen wollen, idealerweise wäre einer, in dem wir humanitäre Verantwortung übernehmen, in dem wir Kontingente von Flüchtlingen auf Empfehlung des UN-Flüchtlingshilfswerks bei uns aufnehmen und in dem wir Fachkräftezuwanderung haben. Und das mit den Ländern besprechen.

Sprecher 2: Also de facto wir uns aussuchen können, wer kommt.

Sprecher 1: Also bei der Fachkräftezuwendung ja, bei den humanitären Fragen. Die Vereinten Nationen mit ihrem Flüchtlingshilfswerk und sagen, wer sind die Bedürftigen. Wirftigsten Menschen.

Sprecher 2: Damit nicht die Stärksten kommen.

Sprecher 1: Und alles andere sind im Grunde jetzt die Fragen, wie gehen wir mit Menschen um, die in die Hände von Schleppern und Schleusern geraten sind. Und da sage ich, mit diesen Menschen müssen wir so umgehen, wie wir es mit allen Menschen tun. Sie müssen ein Anrecht auf ein faires Verfahren haben, aber sie haben kein Anrecht auf... Bleiben in unserem Land, sondern wir müssen dann besser werden beim Zurückführen. Und da setzt ja auch das gemeinsame europäische Asylsystem an, mehr an der Außengrenze zu können.

Sprecher 2: Aber könnte es dieses faire Verfahren auch außerhalb der EU geben? Das ist schon ein Thema, das damals nicht diskutiert wurde. Doch.

Sprecher 3: Ausschiffungsplattform. Genau.

Sprecher 1: Sie sagen es, die sogenannte Ausschiffungsplattform und auf meine intensive Nachfrage, wie ich die mir vorzustellen habe, gab es damals keine. Wie ein LNG-Terminal oder wie ist das? Antwort nein, der Punkt ist doch, ich muss doch mit einem Land sprechen. Ich fand das immer sehr skurril, stellen Sie sich mal vor, die Afrikanische Union verhandelt permanent über etwas, was in unseren Ländern stattfinden soll und mit uns spricht sie aber nicht darüber. Das wird nicht funktionieren und deshalb... Wäre der erste Schritt, dass da, wo kein Anrecht auf Bleiben ist, dass dort mit den Ländern gesprochen wird, dass sie diese Menschen auch wieder in ihre Länder zurücknehmen. Da hatten wir ja auch Ansatzpunkte, wie man das vernünftig regeln kann. Das Ganze ist ein dickes Brett, da brauchen wir uns keine Illusionen zu machen. Auf Dauer wird es ohne... Partnerschaft mit den Herkunftsländern nicht gehen. Und der allerwichtigste Punkt, wenn ich gefragt wurde, was haben wir falsch gemacht 2014, 2015, dann habe ich immer gesagt, ich glaube, es war unvorsichtig, nicht aufmerksam genug, falsch. Dass wir nicht die UN-Organisationen, Kinderhilfswerk, Flüchtlingshilfswerk, Welternährungsprogramm ausreichend unterstützt haben, dass die Menschen im Libanon und in Jordanien aus Syrien eine Bleibeperspektive gehabt hätten. Und wir haben ihnen nicht genug Geld gegeben. Und wenn ich das jetzt heute richtig überblicke, dann ist die Gefahr, dass das im Grunde jetzt wieder so ist, dass die finanzielle Ausstattung dieser Organisation nicht ausreicht. Und der zweite Punkt. Und darüber handelt auch unser Buch sehr ausführlich ist, Afrika braucht Entwicklungsperspektiven. Wenn Afrika keine Entwicklungsperspektiven hat, wenn die Erderwärmung so voranschreitet, dann werden die Menschen alles in Bewegung setzen, um ihre Heimat zu verlassen. Nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie keine Alternative haben. Und zu glauben, das könnten wir an der deutsch-österreichischen Grenze dann irgendwie lösen, das glaube ich nicht.

Sprecher 2: Nur dazu ganz kurz, Sie haben in Ihrem Buch Horst Köhler zitiert, der gesagt hat, das Schicksal der Menschheit entscheidet sich am Schicksal Afrikas. Das passt gut dazu.

Sprecher 3: Ich wollte noch einmal kurz auf den innerdeutschen Migrationsdiskurs zu sprechen kommen, wo ja Botschafter aus dem Ausland berichten, dass das für die Fachkräfteeinwanderung teilweise zum Problem geworden ist. Weil das im Ausland als rassistisch wahrgenommen wird. Wie schätzen Sie das ein in den Jahren 5? 15, 16 war diese Festung Europas, war noch eine Art von, da dürfen wir auf gar keinen Fall hinkommen, das war eine Art von Drohung, wenn wir das jetzt machen, dann haben wir eine Festung Europa. Hat sich der Diskurs Ihrer Meinung nach verschoben und zu einem Grad, dass das auch für das Thema Fachkräfteeinwanderung gefährlich werden könnte, weil Deutschland eben... Kein Land mehr ist, das Menschen willkommen heißt?

Sprecher 1: Ich hoffe nicht. Ich hoffe nicht, sondern ich denke das und hoffe, dass die Offenheit für Fachkräfte zu Wanderung natürlich oder Einwanderung natürlich da ist, weil wir ja auch darauf angewiesen sein werden. Ich bin jetzt ja auch teilweise ein bisschen wieder rumgereist im Zusammenhang mit der Vorstellung des Buches. Es gibt ganze Dienstleistungsbereiche, die können sie überhaupt gar nicht mehr betreiben, wenn nicht Fachkräfte von außerhalb dieser Arbeiten übernehmen werden. Wir haben ja nach Corona eher nochmal eine Zurückhaltung am Wochenende zu arbeiten. Dienstleistungen zu erbringen, gerade von vielen, die schon über viele Generationen hier leben. Also wir brauchen die Offenheit für Fachkräfte. Das würde ich schon für sehr wichtig halten für Deutschland.

Sprecher 2: Wir sind am Abschluss dieses Podcasts, liebe Frau Bundeskanzlerin. Und gestatten Sie uns in dieser weihnachtlich besinnlichen... Phase, mal ein paar humorvolle Geheimnisse Ihrer Amtszeit nochmal nachzufragen. Kann ja sein, dass wir doch noch eins rausfinden.

Sprecher 3: Frau Bundeskanzlerin, Sie haben im Laufe Ihrer Amtszeit viele Attribute und Etiketten bekommen. kommen, also Nicknames kann man sagen, wie sagt man auf Deutsch?

Sprecher 2: Spitznamen.

Sprecher 3: Spitznamen, siehst du, dieses schöne Wort. Die waren aber teilweise gar nicht so schön, also von Zonenwachtel bis Mutti, von Teflon-Kanzlerin bis hin sogar zur schwarzen Witwe. Was davon hat sie besonders verletzt oder ist es an ihnen abgeprallt?

Sprecher 1: Na, nicht schön fand ich die Zonenwachtel. Die hat mich ein bisschen überrascht, das muss ich schon sagen. Und auch, ja, die fand ich unangenehm. Mutti fand ich auf eine bestimmte Art und Weise lustig und zwar deshalb, weil es ja gar nicht gut gemeint war. Das war zum Beispiel die Reaktion darauf, dass ich mich angeblich in alles und jedes eingemischt habe, also bei Schulen nachgefragt habe und bei Polizisten und all solche Sachen, die die Länder eigentlich interessierten oder für die die Länder zuständig sind. Und dann habe ich aber gemerkt, dass die Menschen im Lande das eigentlich ganz nett fanden und habe mich dann mit der Bezeichnung angefreundet.

Sprecher 3: Die schwarze Witwe, das ist ja diese Idee von der männermordenden Kanzlerin, die allen Männern das Leben so schwer macht.

Sprecher 1: Da muss ich eigentlich immer drüber lächeln. Es gab jahrzehntelang fast nur Männer in den Positionen, in denen ich mich befunden habe, außer vielleicht bei der Frauenministerin. Und da hat nie einer gesagt, dass das sich gegenseitig ermordende Männer sind. Und kaum hat eine Frau mal in einem Wettbewerb gewonnen, wurde man gleich so klassifiziert.

Sprecher 3: Aber diesen Ausdruck kannten Sie gar nicht?

Sprecher 1: Schwarze Witwe habe ich gar nicht so richtig, nee.

Sprecher 2: Mit dem Andenpakt ist nicht angebracht. Frau Bundeskanzlerin, warum haben Sie 2013 in einem Moment des großen Triumphs der CDU bei der Bundestagswahl Ihrem Generalsekretär die Deutschlandfahne weggenommen auf der Bühne im Adenauer Haus?

Sprecher 1: Ich habe das deshalb gemacht, weil wir mit Recht glücklich waren. Wir hatten ein tolles Wahlergebnis. Und wenn einer ein tolles Wahlergebnis hat, haben andere wahrscheinlich nicht so tolle Wahlergebnisse. Und ich habe in dem Moment an die FDP zum Beispiel gedacht. Da war noch gar nicht ganz klar, ist sie ober- oder unterhalb von 5%. Ich habe an die Sozialdemokraten gedacht. Und die Deutschlandfahne gilt ja allen im demokratischen, also gilt allen im Lande. Und ich fand es nicht richtig, dass wir aus diesem Triumph... Sozusagen jetzt auch noch so einen Allgemeinanspruch machen. Und gerade in so einer Minute muss man immer daran denken, dass andere zur gleichen Stunde auch traurig sind. Und deshalb war mir das eine Runde zu viel Euphorie. Ich habe ja selbst mitgemacht bei An-Tagen wie diesen und musste mich dann hinterher noch mit Campino telefonisch verständigen, dass das kein Rechtsprozess wurde. Also ich bin eine große Freundin der Deutschlandfahne. Ich wollte sie nur nicht... Als Triumphsymbol der CDU. Weiter nicht.

Sprecher 2: Das finde ich neu.

Sprecher 3: Sie hatten es mit diversen Männern das Buch nicht gelesen.

Sprecher 2: Nein, Frau Bundeskanzlerin, ich habe es gelesen.

Sprecher 3: Sie hatten es mit... Flüchtig.

Sprecher 2: Quer, sagt man.

Sprecher 3: Sie hatten es mit diversen Ego-Männern in ihrem Leben, politischen Leben zu tun. Putin, Saku. Sie und so weiter und so weiter. Wie haben Sie das gemacht als Frau, um mit denen zurechtzukommen? Also lässt man die einfach reden, bis sie sich ausgeredet haben und dann sagt man, wie es geht? Oder ist man besser vorbereitet? Die Kollege?

Sprecher 1: Ich schließe mich jetzt dieser Klassifizierung von Ego-Mann und Nicht-Ego-Mann und vielleicht Ego-Frau nicht an. Ich meine, jeder, der eine demokratische Wahl gewonnen hat, der verfügt schon über bestimmte Fähigkeiten und jeder, der ein Land vertritt als Präsident oder Bundeskanzlerin oder Ministerpräsident, der hat Interessen seines Landes zu vertreten. Und das habe ich immer respektiert. Ich habe versucht zu verstehen, wie mein Gegenüber sozusagen die Welt sieht und mich also in die Schuhe des anderen auch ein bisschen hineinzuversetzen und daraus für unser Land etwas Gutes zu machen, indem ich die deutschen Interessen vertreten habe. Das sind ja keine... Freundschaftsgespräche, man versteht sich vielleicht mal besser und mal schlechter, aber im Grunde sind wir Vertreter unserer Länder, die versuchen müssen, für die Interessen des eigenen Landes etwas zu erreichen und so, dass darüber keine Zerwürfnisse entstehen, sondern dass man versucht eben auch Kompromisse zu finden.

Sprecher 2: Gibt es Freundschaft in der Politik auch als Bundeskanzlerin? Gibt es Staatschefs, Regierungschefs, zu denen Sie so ein gutes Verhältnis entwickelt haben in Ihrer Amtszeit, dass Sie jetzt auch privat mit ihnen gerne noch zusammen sind, Sie sprechen, essen gehen?

Sprecher 1: Ja, da gibt es einige, die... Das werde ich jetzt aber hier nicht weiter ausbreiten, weil es dann eben auch privat ist. Und es gibt viele, wo ich mich gerne erinnere. Und wenn man sich jetzt wieder sieht, man sich freut, über gemeinsame Sachen sprechen kann, das gibt es schon.

Sprecher 3: Wie ist es mit Horst Seehofer?

Sprecher 1: Da hatten wir jetzt keine Begegnung, seitdem ich aus dem Amt geschieden bin. Aber wenn wir uns begegnen würden, würden wir uns auch die Hand reichen.

Sprecher 3: Ich glaube, er wünscht sich das. So habe ich ihn verstanden.

Sprecher 2: Frau Bundeskanzlerin, Sie haben jetzt ein Buch geschrieben, das sehr erfolgreich ist. Letzte Frage. Sie haben sehr viel Geld verdient mit diesem Buch. Was macht das mit Ihnen? Sie gelten ja immer als sehr unprätentiös und dass Ihnen das nicht so viel bedeutet. Jetzt haben Sie ganz schön viel Geld verdient. Was machen Sie damit?

Sprecher 1: Also jetzt ist erstmal das Buch drei Wochen erschienen. Die halbe Welt hat es schon gelesen, hat man das Gefühl. Na ja, mehr oder weniger quer gelesen eben.

Sprecher 2: Ist aber auch sehr dick.

Sprecher 1: Ich freue mich, wenn das Buch erfolgreich ist und ansonsten wird sich an meiner Persönlichkeit nichts ändern. Ich habe das Buch mit Frau Baumann zusammen geschrieben. Das war ein sehr interessanter und schöner Prozess und dann schauen wir mal.

Sprecher 3: Also die Idee, eine Stiftung zu gründen, wie etwa Obama das getan hat, das ist jetzt...

Sprecher 1: Schauen wir mal.

Sprecher 3: Okay.

Sprecher 2: Vielen Dank für dieses Gespräch, Frau Bundeskanzlerin.

Sprecher 1: Gerne.

Sprecher 3: Danke Ihnen.