+ Was für ein Typ ist Friedrich Merz? + Wie schaut die Welt auf Deutschland? +
Dauer: 24:10

+ Was für ein Typ ist Friedrich Merz? + Wie schaut die Welt auf Deutschland? +

Wer wäre der bessere Bundeskanzler?

Bei der Frage nach der Kanzlerpräferenz hat Olaf Scholz zuletzt Boden gut gemacht. Nach dem neuen ZDF-Politbarometer liegt er nahezu gleichauf mit Friedrich Merz.

Auch im Beliebtheitsranking sind Amtsinhaber und Herausforderer nah beieinander.

Wie kann es Merz schaffen, im Ansehen der Bevölkerung an Scholz vorbeizuziehen? Welche Charaktereigenschaften könnten ihm dabei helfen, und welche stehen ihm im Weg?

Michael Bröcker hat mit der Merz-Biografin Jutta Falke-Ischinger über den Unionskanzlerkandidaten gesprochen.


Die Entscheidung von ARD und ZDF, in der heißen Phase des Wahlkampfs nur ein TV-Duell zwischen Scholz und Merz zu organisieren, ist bei den Grünen auf massive Kritik gestoßen. Ihr Wahlkampfchef Andreas Audretsch sagt gegenüber Table Today: „Mit der Ankündigung eines Duells rund zwei Monate vor dem Wahltermin greifen ARD und ZDF in den Wahlkampf ein.“


Bis 2035 werden in Deutschland circa sieben Millionen Menschen in Rente gehen. Die Lücke soll unter anderem durch Fachkräfte aus dem Ausland geschlossen werden. Die Migrationsdiskussion, ein Rechtsruck und die wirtschaftliche Schwächephase sorgen dafür, dass Deutschland nicht besonders attraktiv für Einwanderer ist. Über das Ansehen Deutschlands in der Welt hat Helene Bubrowski mit Johannes Ebert, dem Generalsekretär des Goethe-Instituts, gesprochen.



Table.Briefings - For better informed decisions.

  

Sie entscheiden besser, weil Sie besser informiert sind – das ist das Ziel von Table.Briefings. Wir verschaffen Ihnen mit jedem Professional Briefing, mit jeder Analyse und mit jedem Hintergrundstück einen Informationsvorsprung, am besten sogar einen Wettbewerbsvorteil. Table.Briefings bietet „Deep Journalism“, wir verbinden den Qualitätsanspruch von Leitmedien mit der Tiefenschärfe von Fachinformationen.  

Professional Briefings kostenlos kennenlernen: table.media/registrierung.


Audio-Werbung Table.Today: jan.puhlman@table.media



Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.

Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: TV-Duelle sind die Highlights in den Wahlkämpfen. Ich finde sie manchmal auch langweilig, aber jedenfalls ein Großteil der Deutschen empfindet es so. Und trotz der kurzen Zeit bis zur Neuwahl bekommen wir mindestens drei bei ARD und ZDF und bei RTL. Allerdings in anderer Besetzung als manche gedacht und die Grünen gehofft haben. Am 9. Und 16. Februar soll es ein Duell zwischen Olaf Scholz und Friedrich Merz geben. Ein drittes dann, so jedenfalls ist es geplant, zwischen Robert Habeck und Alice Weidel. Mit dieser Lösung sind die Grünen überhaupt nicht glücklich. Und das ist die Nachricht des Tages. Auch Sie sehen den ÖRR nun kritisch.

Sprecher 3: Kaum jemand kennt Friedrich Merz so gut wie diese Sauerländerin. Die Publizistin Jutta Falke-Ischinger veröffentlichte an diesem Tag ihre Neuauflage der Merz-Biografie Der Unbeugsame. Wir haben mit ihr über den Typ Merz gesprochen.

Sprecher 2: Bier, Bratwurst und BMW, dafür stehen wir Deutsche in vielen Ländern dieser Welt. Müssen wir mit den Klischees über uns leben oder können wir unser Image aufbessern? Geht das überhaupt? Und hat sich die Wahrnehmung über uns in den letzten Jahren geändert? Das wollten wir von Johannes Ebert wissen, dem Generalsekretär des Goethe-Instituts.

Sprecher 3: In unserem Audio-Adventskalender heute eine aufmunternde Botschaft mit rockigen Klängen von dem Düsseldorfer Ökonomen Jens Südekum.

Sprecher 2: Es ist ein voller Mittwoch, Sie merken es. Schon an diesem 18. Dezember los geht's.

Sprecher 4: Guten Abend, liebe Zuschauer, herzlich willkommen zum Dreikampf der Spitzenkandidaten bei ARD und ZDF.

Sprecher 2: Das war vor gut drei Jahren eines von drei Triellen, aber eine Wiederholung werden wir im Wahlkampf nicht erleben. Nicht nur, weil die Besetzung eine andere ist, sondern weil es schlicht keine Trielle geben wird.

Sprecher 3: Wochenlang wurde verhandelt hinter den Kulissen mit den Parteivorsitzenden. Jetzt haben sich ARD und ZDF entschieden, sie wollen nur Olaf Scholz und Friedrich Merz. Sie lassen Robert Habeck außen vor, nicht nur, weil er in den Umfragen dahinter liegt, sondern weil sie sonst auch ein Quartett hätten machen müssen, nämlich Alice Weidel. Sie liegt in den Umfragen gerade auf Platz zwei.

Sprecher 2: Und genau über diesen Punkt echauffieren sich die Grünen, denn wenn sie auf Platz zwei ist, müsste sie ja auch nach dem Prinzip der abgestuften Chancengleichheit, so heißt das Prinzip, das das Bundesverfassungsgericht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufgegeben hat, müsste es also ein Duell von Merz gegen Weidel geben. Insofern macht es natürlich in der Tat nicht so viel Sinn. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk geht davon aus, dass die aussichtsreichsten Kandidaten für das Kanzleramt am Ende Scholz und Merz sind. Das ist vielleicht nicht völlig falsch, aber die Grünen, so viel ist klar, sind wirklich komplett sauer. Sie haben den Kanzlerkandidaten Habeck ja vor allem deshalb gekürt, damit es nicht zu dieser Duellsituation Merz gegen Scholz kommt, wo die Grünen dann einfach nicht mehr so eine Rolle. Wir haben Andreas Audritsch, den Wahlkampfmanager der Grünen, gefragt, was er darüber denkt.

Sprecher 5: Mit der Ankündigung eines Duells rund zwei Monate vor dem Wahltermin greifen ARD und ZDF in den Wahlkampf ein, in einen extrem kurzen Wahlkampf und vor allem in einen sehr offenen Wahlkampf. Die Umfragewerte, gerade für den Kanzlerkandidaten Robert Habeck, sind so gut, dass am Ende niemand voraussagen kann, wie das Ergebnis bei der Bundestagswahl am Wahltag dann tatsächlich aussehen wird. Vor den Wahlen 2021, da lag die SPD in den Umfragen weit zurück und dennoch gab es zu Recht Trielle. Jetzt zurückzufallen in eine Zeit, in der man nur von der GroKo sprach, in der eine Wahl nur ausgemacht wurde zwischen SPD und CDU, spiegelt die Umfragen nicht wieder und spiegelt auch diese Zeit nicht wieder, in der Verantwortung in viel breiterem Maße getragen wird. Die verfassungsrechtlich abgesicherte Chancengleichheit gebietet dem öffentlichen Rundfunk, dass Parteien bei der Programmgestaltung nach ihrer Bedeutung gleich behandelt werden müssen. Und ARD und ZDF sollten ihre Entscheidung nochmal überdenken.

Sprecher 3: Nicht, dass die Grünen sich hier nochmal von ihrem geliebten öffentlich-rechtlichen Rundfunk distanzieren. Aus ZDF-Kreisen hören wir, dass das sehr gute Chancen hat, auch bestehen zu bleiben. Sie werden sich nicht korrigieren, heißt es beim ZDF. Sie erwarten zwar eine Beschwerde im Verwaltungsrat. Aber gerichtlich, juristisch kann man sich nicht in so ein Duell hineinklagen.

Sprecher 2: Wobei es bei den Grünen durchaus Stimmen gibt, die sagen, doch, das wird sich noch ändern. Am Ende wird es doch ein Triell werden, wenn Robert Habeck nämlich im neuen Jahr durchstartet und Anfang Februar vielleicht schon die SPD überholt hat, dann kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk gar nicht anders, als ihn zuzulassen. Das sind jedenfalls Stand heute ziemlich grüne Wunschträume, die mit der Realität jetzt jedenfalls nicht so viel zu tun haben. Aber was stimmt, ist, dass die Grünen ziemlich klar gesagt haben, mit Weidel machen sie es nicht. Sie wollen ihr diese Bühne nicht geben. Also das Duell Habeck-Weidel haben die Grünen ausgeschlossen.

Sprecher 3: Also stand jetzt zwei Duelle bei ARD und ZDF am 9. Februar. Olaf Scholz gegen Friedrich Merz, moderiert von den beiden exzellenten Damen Sandra Maischberger und Maybrit Illner. Und dann bei RTL nochmal ein Duell mit Günther Jauch und Pina Atalay, auch wieder Scholz gegen Merz. Was danach kommt, man weiß es nicht. RTL, NTV und Stern planen wohl noch weitere Duelle der übrigen Kandidaten. Aber wir werden es erst im Januar erfahren.

Sprecher 2: Diese ganze Diskussion zeigt natürlich, wie sich die Parteienlandschaft verändert hat. Seit es Duelle gab, gab es immer nur Duelle zwischen SPD und CDU. Und zum ersten Mal 2021 eben dieses berühmte Triell. Und jetzt, beklagen ja auch viele, sind wir wieder in einem Stadium, wo es am Ende doch nur SPD gegen CDU geht. Und die Frage ist, ob das die Realität wirklich in dieser Form abbildet.

Sprecher 3: Interessant, nochmal, wenn man... Rückblick auf 2021, 5,6 Millionen Zuschauer beim ersten Triell, dann 11 Millionen beim zweiten und nochmal 4 beim dritten Triell. Also durchaus eine relevante Reichweite. Aber man muss auch sagen, Habeck und Scholz und Merzi hätten es auch schlechter haben können. Nämlich das allererste TV-Duell, das wollte Willy Brandt 1969 haben. Er forderte Kurt Georg Kiesinger heraus und der hat einfach abgelehnt. Also gab es keins.

Sprecher 2: Ich frage mich eh, ob die Sache nicht etwas überbewertet wird. Natürlich verstehe ich, dass Habeck sauer ist. Er ist sicherlich der bessere Redner, vielleicht auch der charmantere, der schlagfertigere als die beiden anderen, die ja doch etwas mürrisch und hölzern oft sind. Und natürlich erreicht man da viele Menschen. Baerbock hat damals hart trainiert für das Triell. Das ist schon wichtig und trotzdem, ich muss am Ende sagen, ich habe mir das angeguckt und gedacht, habe ich jetzt irgendwas Neues erfahren? Eigentlich nicht.

Sprecher 6: Dann kommen wir zur letzten Frage. Herr Bröker, bitte.

Sprecher 3: Es gibt ja Anfang Februar, Mitte Februar dann auch nochmal zwei TV-Duelle mit Ihnen und Herrn Scholz. Und es kann ja so eine zugespitzte Atmosphäre dann geben, SPD oder CDU. Was sind die zentralen Botschaften, Themen, die Sie in dieser Phase setzen wollen? Und welche Art von... Vielleicht auch Politikstil oder Regierungsmanagement. Wo sehen Sie sich da dann zum Schluss anders als die Person Olaf Scholz?

Sprecher 7: Also, Herr Brücker, im Stil, wir brauchen eine Regierung, die aufhört zu streiten. Ich werde keine Regierung führen und in keiner Regierung zulassen. Dass die wichtigsten Ressortminister über Wochen und Monate öffentlich streiten, ohne dass der Bundeskanzler eingreift und dafür sorgt, dass der Streit beendet wird. Das war der große Fehler dieser Regierung und vor allen Dingen des Bundeskanzlers, dass er zugelassen hat, dass da über Monate hingestritten wurde, ich werde das anders machen. Mir ist das in der Union gelungen, in der Bundestagsfraktion gelungen. Mir wird das auch in einer Regierung gelingen.

Sprecher 3: Helene, mein Thema ist nochmal Friedrich Merz. Er will, und so hat es gestern auf der Bühne gesagt, einen neuen Politikstil und einen neuen Führungsstil und Regierungsstil ins Kanzleramt bringen. Und da habe ich gefragt, ausgerechnet er, dieser Nicht-Netzwerker, und der es manchmal mit Menschen schwierig hat, will jetzt eine Koalition zusammenführen. Traust du ihm das zu?

Sprecher 2: Immerhin hat er es geschafft, eine Partei zusammenzuführen. Es ist auch geschafft, das Verhältnis zur CSU jedenfalls mal zu verbessern und es in einem wahrscheinlich mit Markus Söder denkbar besten Zustand zu halten. Das ist ja durchaus schwierig. Ob er am Ende ein Land führen kann, eine wie auch immer geartete Koalition führen kann, hat er noch nicht bewiesen. Aber vielleicht ist es jetzt auch die Zeit für einen wie Friedrich Merz, der das Ganze ein bisschen oldschool macht. Und ich habe den Eindruck, so diese ganze moderne Führungskultur, die vor zwei, drei Jahren noch so wahnsinnig gehypt wurde, da hat sich die Begeisterung etwas gelegt.

Sprecher 3: Es gibt Menschen in seinem Umfeld, die sagen, Friedrich Merz liebt die Themen und die Inhalte, aber nicht die Menschen. Und dazu passt eine jüngste Anekdote, dass er einen seiner Assistenten hat bei Nicole Leibinger-Kammüller anrufen lassen im Schwabenland. Eine der renommiertesten Unternehmerinnen in Deutschland. Die war not amused, dass sich da ein Assistent meldet, ob sie eventuell mal Zeit für den großen Friedrich Merz hat. Das sind so Dinge, da ruft man selber an, da nimmt man mal den Hörer in die Hand. Also manchmal fehlt mir so ein bisschen die Empathie, wie man Menschen für sich einnimmt. Aber wir dachten, das wollen wir mal von einer wissen, die es wirklich besser weiß, nämlich sie kennt ihn seit 30 oder mehr Jahren, Jutta Falke-Ischinger, die Merz-Biografin. Sie kommt wie er aus dem Sauerland und sie hat uns gestern spontan im Podcaststudio besucht. Einen schönen guten Tag, Frau Falke-Ischinger.

Sprecher 2: Ja, hallo.

Sprecher 3: Frau Falke-Ischinger, heute erscheint Ihre Neuauflage der März-Biografie. Und wir sprachen gestern mit ihm beim Regierungsprogramm über seinen Führungsstil, seinen möglichen Regierungsstil. Was unterscheidet ihn? davon Olaf Scholz. Was würden Sie sagen?

Sprecher 8: Also man wirft Friedrich Merz ja vor, dass er keine eigene Regierungserfahrung hat. Das stimmt auch. Er hat aber in den letzten drei Jahren bewiesen, dass er die CDU gut führen konnte. Er hat die Fraktionen auf Vordermann gebracht, den Oppositionsmodus. Und er hatte in der Ampel die beste Vorlage in Sachen Bad Governance. Und Friedrich Merz hat mir gesagt, er hat selbst immer unterschätzt, wie wichtig das Persönliche war. Aber in der Figur Olaf Scholz konnte man sehen, dass es ein großes Versagen gab im Ding von Moderation und schlichten von Streitigkeiten. Und da hat Friedrich Merz eine Menge gelernt und hat jetzt mehr auf Dialog, als er das früher gemacht hat.

Sprecher 3: Hat er das in den letzten Jahren gelernt? Weil ich kenne den frühen Friedrich Merz nicht gerade als Netzwerker, als Zuhörer und als Einsammler von Ideen der anderen.

Sprecher 8: Generell kann man sagen, ist Friedrich Merz jemand, der sich mehr für Themen interessiert als für Menschen. Und man könnte ihm mit auf den Weg geben, das muss er ändern. Also gerade in den letzten Wochen hat man gesehen, sein Lieblingsblatt ist der Bundestag. Von da aus kann er wunderbar schimpfen. Aber er muss da vielleicht sogar ein bisschen von dem ungeliebten Donald Trump lernen und sich in Gegenden begeben, wie etwa vor die Werkstore von VW oder so, wo man ihn nicht vermutet, wo er dann mit den Menschen ins Gespräch kommt.

Sprecher 3: Er hat spürbar in der Außenwirkung sich entschleunigt. Er ist ruhiger geworden. Er will sich offenbar nicht emotionalisieren lassen. Zugleich fehlt ihm dann aber auch so ein bisschen dieses Reformprofil, was er braucht. Was man vielleicht jetzt auch von ihm erwartet, oder?

Sprecher 8: Es wäre ja alles gut, wenn man sagen könnte, Friedrich Merz bleibt Friedrich Merz. Man fragt sich manchmal, ob er selber weiß, wer Friedrich Merz ist. Inhaltlich wissen wir, wo er steht. Dann merkt man sehr genau, wenn ihm irgendwelche Einflüsterer gesagt haben, Friedrich, sei mal ruhiger, Friedrich, red mal ein bisschen unfreundlicher bei den Grünen. Das hat man im Plenum gemerkt, die ganzen Querseiten gegen den armen Robert Habeck. Da hatte er wahrscheinlich Markus Söder im Nacken. Das hat man auch gemerkt bei der Pressekonferenz. Söder hat Daumen rauf und Daumen runter gemacht. Da muss er sich befreien aus dem Schatten und muss sich da auch freikämpfen.

Sprecher 3: Frau Falke-Ischinger, letzte Frage, was könnte ihm jetzt noch gefährlich werden auf dem Weg ins Kanzleramt?

Sprecher 8: Friedrichs Merks größte Stärke ist gleichzeitig seine größte Schwäche. Seine größte Stärke ist, dass er gut reden kann, frei reden kann, ohne Vorbereitung. Aber gelegentlich ist er nicht gut genug vorbereitet und dann passieren ihm eben doch verbale Ausrutscher, weil er möglicherweise nicht genügend Vorbereitung steckt in Reden, in Auftritte. Und immer wenn er unter Druck gerät, passieren ihm gleich diese impulsiven, verbalen, teilweise auch Entgleisungen.

Sprecher 3: Der Wahlkampf wird spannend. Vielen Dank für Ihre erste Einschätzung, Frau Falke-Eschinger.

Sprecher 2: Bis zum Jahr 2035 werden etwa sieben Millionen Menschen in Deutschland in Rente gehen und deutlich weniger kommen neu in den Arbeitsmarkt, jedenfalls wenn sich bis dahin nichts ändert. Die Lücke, so ist der Plan, soll durch Fachkräfte aus dem Ausland geschlossen werden, aber die müssen erstmal überzeugt werden, überhaupt zu uns zu kommen. Die öffentlich geführte Migrationsdiskussion, ein sichtbarer Rechtsruck und die wirtschaftliche Schwächephase sorgen dafür, dass wir nicht so attraktiv für Einwanderer sind. Und wir waren es übrigens auch vorher nicht anders, als so mancher dachte. Sind wir wirklich so abschreckend? Darüber habe ich mit Johannes Ebert, dem Generalsekretär des Goethe-Instituts, gesprochen. Schön, dass Sie da sind. Hallo, Herr Ebert.

Sprecher 9: Hallo Frau Popowski.

Sprecher 2: Das Goethe-Institut hat sich drei Hauptaufgaben gesetzt. Einerseits die Kenntnis der deutschen Sprache im Ausland zu fördern, die internationale kulturelle Zusammenarbeit zu pflegen und ein umfassendes aktuelles Deutschlandbild zu vermitteln. Über diesen dritten Punkt, Herr Ebert, wollen wir heute reden, das aktuelle Deutschlandbild im Ausland. Sind das noch die Stereotype von The German Angst, dem deutschen Schwarzbrot und dem Schuhplattler oder wie würden Sie das beschreiben?

Sprecher 9: Ein Kollege von mir sagte immer, es sind drei Bs, das ist Bayern München, BMW und Bier oder Bratwurst. Das sind ja immer Dinge, die gut funktionieren. Sie sehen, unsere Zentrale ist in München. Und es sind Klischees. die zum Teil zutreffen, zum Teil nicht zutreffen. Es gibt ja den Softpower-Ansatz von Joseph Nye, der sagt, die Attraktivität, die politische und kulturelle Attraktivität, das sind auch wichtige politische Faktoren. Und da gibt es verschiedene Indizes, die da Softpower-Indizes, wo eigentlich Deutschland immer ganz gut abschneidet. Auf Platz 1, Platz 2, Platz 5 ist es jetzt geworden. Und das zeigt so ein bisschen, dass Deutschland eigentlich recht angesehen ist, dass aber es doch jetzt im Moment Kratzspuren im Lack gibt, sage ich mal.

Sprecher 2: Über die Kratzer, die Sie angesprochen haben, möchte ich gerne mit Ihnen sprechen. Auch vielleicht die Veränderung im Deutschlandbild. Deutschland einst. Das Land der Tüftler und Denker, made in Germany, war ein Qualitätssiegel sondergleichen. Ich höre jetzt, habe es kürzlich gehört von einer französischen Abgeordneten, aber auch an anderen Stellen, dass man schon mit Wunder darauf blickt, wie die Deutsche Bahn verspätet kommt, wie der BER Jahre, Jahre braucht, um gebaut zu werden. Und auch jetzt der Bruch der Ampel, wo man von Deutschland eigentlich kennt, ein sehr seriöses Regieren, wo es vielleicht mal ruckelt, aber doch nie bricht. Jetzt eine Regierung, die gescheitert ist. Was hören Sie da aus dem Ausland, Herr Ebert?

Sprecher 9: Wir haben gemeinsam mit dem DAD und der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit 2019 eine große Studie gemacht. Außenblick hieß die Perspektiven auf Deutschland. Schon da zeichnet sich ab, dass man Deutschland, den Deutschen eine gewisse Unflexibilität vorwirft, dass man sagt, man ist nicht offen, beispielsweise, das wurde damals schon angesprochen, die Haltung zu Ausländern, die Haltung zur Migration, dass man selbstgefällig ist und sich auf seinen Lorbeeren ausruht. Was wir heute sehen, sind... Wie soll ich das sagen? Ich glaube, fünf Punkte, die ein bisschen das Deutschlandbild definieren. Das ist zum Ersten der Arbeitsmarkt, der im Ausland immer noch als positiv wahrgenommen wird. Positiv gesehen wird Demokratie in Deutschland auf jeden Fall. Die kulturelle und die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Deutschland ist ein wichtiger Studienstandort weiterhin. Wir haben beispielsweise aus Indien 66.000 Studentinnen und Studenten. Was kritisch gesehen wird, ist die politische Radikalisierung. Das wird deutlich wahrgenommen im Ausland. Die Wahl der AfD in Thüringen, antimuslimische, antisemitische Übergriffe. Die Haltung Deutschlands zum Nahostkonflikt ist ein großes Thema. Und natürlich die ganze Migrationsdebatte.

Sprecher 2: Über diese zwei letzten Punkte würde ich gerne intensiver mit Ihnen reden, Herr Ebert. Erstmal über die Migrationsdebatte und auch über den ansteigenden Rechtspopulismus. Entscheidender Faktor ist bei der Frage, gehen Fachkräfte in ein anderes Land oder kommen sie nach Deutschland? Weil die eben befürchten, dass es rassistische Übergriffe geben könnte, weil sie den Eindruck haben, auch die Debatte über Migration, wie sie bei uns geführt wird, ist eine Debatte Richtung Abschottung. Wir wollen eigentlich... diese Menschen hier nicht haben, obwohl wir sie ja für den Arbeitsmarkt sehr dringend brauchen.

Sprecher 9: Die deutsche Wirtschaft kann ohne Fachkräfte aus dem Ausland nicht überleben. Das Goethe-Institut spielt da eine wichtige Rolle, weil wir im Ausland Fachkräfte nicht nur sprachlich fortbilden, sondern wir haben große Programme. Wir haben ein Programm, wo wir über 100.000 potenzielle Fachkräfte im Ausland kulturell und gesellschaftlich auf Deutschland vorbereiten. Und gerade bei diesen Sprechstunden kommt immer die Frage auf, immer öfter die Frage auf, was heißt es, dass die AfD in Deutschland zulegt. Wenn ich aus einem islamischen Land komme, wird das für mich zu einem Problem in Deutschland. Es gibt eine Untersuchung vom Institut für Arbeits- und Berufsforschung, dass sich in Deutschland 56 Prozent Ausländer, der befragten Ausländer, diskriminiert gefühlt haben. Also da muss man schon, glaube ich, dagegen wirken. Sie haben recht, in der Migrationsdebatte wird in Deutschland im Moment vor allem... Das Negative betont. Also Grenzen zumachen, Leute draußen halten eigentlich. Da geht es natürlich auch um die illegale Migration. Aber was meiner Ansicht nach zu wenig betont ist, dass wir Ausländer willkommen heißen, dass wir eine gute Willkommenskultur brauchen. Denn das ist unerlässlich, damit Fachkräfte in unser Land kommen und sich auch wohlfühlen.

Sprecher 2: Gehen wir mal rein in die konkrete Situation. Ein Goethe-Institut in einem zum Beispiel afrikanischen Land. Jemand kommt und stellt diese Frage, was bedeutet der Sieg? der AfD oder jedenfalls die guten Ergebnisse der AfD im Osten für meine künftige Tätigkeit in Deutschland, vielleicht sogar in Ostdeutschland. Was sagen Sie dann?

Sprecher 9: Wir haben wirklich Schulungen, wie man mit Tabus umgeht, wie man mit kulturellen Unterschieden umgeht und auch wie man mit Rassismus umgeht. Das wird vielleicht nicht in dieser einzelnen Frage beantwortet werden. Da wird schon darauf hingewiesen, dass Deutschland ein offenes Land ist weiterhin. Aber es gibt tatsächlich, ich habe in Vietnam an so einem interkulturellen Training mal teilgenommen als Beobachter, wird tatsächlich in Schulungen diskutiert, wie man mit der Situation dann umgeht. Und wenn wir hören, dass jemand sagt, vielleicht will ich nicht in dieses Bundesland, dann würden wir wahrscheinlich auch abraten und sagen, es ist sicher. Aber wir würden sagen, es gibt diese Dinge und man muss sich ein bisschen darauf einstellen.

Sprecher 2: Sprechen wir über den Nahostkonflikt. Auch da hat man es ja mit einer extrem schwierigen Situation zu tun. Einerseits gibt es Juden in Deutschland, die darüber nachdenken, auszuwandern. Wegen des grassierenden Antisemitismus hierzulande. Und andererseits gibt es gerade in der Kunst- und Kulturszene viele Menschen, die irritiert sind über die Haltung der Bundesregierung zum Nahostkonflikt, die vom Völkermord im Gazastreifen sprechen und der Meinung sind, Deutschland hat sich da isoliert, hat sich vielleicht von den Amerikanern abhängig gemacht. Für das Goethe-Institut. Sicherlich keine einfache Situation, oder?

Sprecher 9: Also für uns hat sich die Situation im internationalen Kultur- und Bildungsausstoß schon sehr stark verändert. Wir hatten direkte Reaktionen. Es gab zwei... Goethe-Medaillen-Preisträger, die ihre Goethe-Medaillen zurückgegeben haben. Es gibt langjährige Partner, die sagen, im Moment wollen wir nicht mit deutschen Institutionen arbeiten.

Sprecher 2: Wegen der Unterstützung Israels.

Sprecher 9: Also die Wahrnehmung in der arabischen Welt, aber auch weltweit ist, dass Deutschland einseitig die israelische Regierungspolitik unterstützt. Und diese Kritik wird sehr deutlich gemacht und führt schon dazu, dass sich Deutschland da in gewisser Weise auch isoliert.

Sprecher 2: Herr Eber, zum Abschluss. Sagen Sie uns doch nochmal zwei Dinge für die gute Laune, die im Ausland an Deutschland besonders geschätzt wird.

Sprecher 9: Also Gesundheitswesen wird im Ausland hervorragend gefunden. Sozialsystem wird... Fantastisch eingeschätzt. Das können wir gar nicht so glauben. Also nehmen Sie das mit nach Hause. Es ist nicht so schlecht, wie man das immer beschreibt. Und die Zuverlässigkeit und die Glaubwürdigkeit, für die ja auch das Goethe-Institut steht, wird im Ausland geschätzt.

Sprecher 2: Vielen Dank, dass Sie heute hier waren, Herr Ebert.

Sprecher 9: Vielen Dank, Frau Popowski.

Sprecher 3: Zum Schluss wird es in unserem Adventskalender endlich mal ein bisschen rockig. Jens Südekum, Ökonom aus Düsseldorf, ein treuer Hörer unseres Podcasts, hat sinnbildlich für das, was der deutschen Wirtschaft jetzt droht, einen Song ausgesucht, mit dem er sagt, könne man eine gute Botschaft vermitteln, nämlich es wird zwar erstmal hart, wieder zurück auf Wachstumskurs zu kommen, aber dann mit dem richtigen Mindset, und er meint natürlich den von Bon Scott, kann es dann klappen. Deswegen hier ACDC, it's a long way to the top.

Sprecher 2: Ein Song, der uns in dieser letzten Woche vor Weihnachten auch nochmal Kraft gibt und beflügelt. Vielen Dank für diese tolle Auswahl. Wir hören uns am Donnerstag wieder, wenn Sie mögen und freuen uns jetzt schon drauf. Bis dahin. Tschüss.

Sprecher 10: Into a show Stopping all the byways. I can roll. Get us down. Get us beat up. Broken bones. Get in hand. Get a tip. I tell you folks, it's harder than it looks. It's a long way to the top if you want to rock and roll. It's a long way to the top if you want to ride the boat. Make it easy doing one night stands. Stop playing in a rock band. It's a long way to the top if you want to rock and roll.