Kann Olaf Scholz führen, Frau Lang?
Olaf Scholz hat der Ukraine einen Überraschungsbesuch abgestattet und weitere Hilfe zugesagt. Die polnische Regierung hingegen geht mehr und mehr auf Distanz zur Bundesregierung.
Helene Bubrowski und Michael Bröcker diskutieren die geopolitische Lage.
Ricarda Lang wirkt nach ihrem Ausscheiden als Parteichefin der Grünen befreit, gelöst und erstaunlich kampfeslustig. Wir sprechen mit ihr über ihre persönlichen Pläne, die Führungsqualitäten von Olaf Scholz und mögliche Koalitionen.
Zum zweiten Mal öffnet sich die Tür zu unserem politischen Adventskalender.
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Der ehemalige NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg spricht von vorübergehenden Gebietsabtretungen der Ukraine. Olaf Scholz ist zu Besuch in Kiew und die Polen sind sauer. Wir bringen etwas Ordnung in das geopolitische Chaos dieser Tage.
Sprecher 3: Ricarda Lange ist wieder da, gelöst, befreit nach ihrem Rückzug von der Parteispitze. Und Hillel Dubrovski hat mit ihr gesprochen über die Führungsqualitäten von Olaf Scholz und über eine mögliche schwarz-grüne Koalition.
Sprecher 2: Und zum Schluss machen wir das nächste Türchen unseres musikalischen politischen Adventskalenders auf. Und diesmal kommt der Song von Alexander Hepp, der Bürgermeister im schönen hessischen Eschweg.
Sprecher 3: Für jede, die wie wir beide noch arbeiten müssen und nicht den 120 Millionen Euro Jackpot an diesem Dienstag knacken, für diejenigen geht es in einen ganz normalen Dienstag, den 3. Dezember.
Sprecher 4: Die Ukraine wird bestehen. Lieber Volodymyr, unsere Herzen, die Herzen eurer europäischen Familie sind bei euch. Slava Ukraini.
Sprecher 2: And I'm slam. Olaf Scholz war seit 2022 das erste Mal wieder in der Ukraine. Ein Besuch, der sehr kurzfristig anberaumt wurde. So hört man und hat offenbar auch etwas damit zu tun, dass auch Friedrich Merz vorhat, in die Ukraine zu fahren. Er will helfen, er hat Geld im Angebot für Militärhilfen und gleichzeitig will er auch Wahlkampf machen.
Sprecher 3: Genau, das ist wahrscheinlich auch ein bisschen Wahlkampf. 540 Millionen Euro an Rüstungsgütern bringt er mit. Naja, jetzt wird man natürlich nie genau wissen, was ist noch intrinsisch motiviert und echte Ukraine-Hilfe und was ist schon Wahlkampf. Jedenfalls macht auch Volodymyr Zelensky die Tür auf zu Waffenstillstandsgesprächen. Er hat erstmals gesagt, ja, wenn sein Land Garantien bekommt, NATO-Schutzgarantien, dass Putin nicht wiederkommt, so hat er es im britischen Fernsehen gesagt, dann sei er auch zu einem Waffenstillstand bereit, wo Teile des ukrainischen Gebiets zunächst einmal unter die russische Staatsflagge fallen.
Sprecher 4: But if we want to stop the hot stage of the war, we should take under NATO umbrella the territory of Ukraine that we have under our control. what we need to do fast. And then Ukraine can get back the other part of its territory diplomatically.
Sprecher 2: Und so ähnlich hat es auch Jens Stoltenberg hier bei uns im Interview gesagt mit Wilhelmine Preußen. Am Montagmorgen konnten Sie es hören. Er sagte, wenn die Waffenstillstandslinie bedeutet, dass Russland weiterhin alle besetzten Gebiete kontrolliert, heißt das nicht, dass die Ukraine das Gebiet für immer abgeben muss. Das heißt, eine Art von Kompromiss. Russland kontrolliert, ist es aber weiterhin ukrainisch. Also man würde wahrscheinlich sagen, ein eingefrorener Konflikt.
Sprecher 3: Jetzt kommt es wirklich auf die Feinheiten an. Zelensky will eine formelle Einladung in die NATO haben, also die NATO-Perspektive irgendwie schriftlich vorliegen haben. Er hofft auf einen Beschluss, der beim NATO-Außenministertreffen allerdings gibt, sowohl in den USA als auch in Deutschland, da noch Vorbehalte gegen solch einen Beschluss. Aber es bewegt sich spürbar was. Und ein wichtiger Partner von uns, der macht sich seine eigenen Gedanken, das ist Polen. Es läuft ja ohnehin nicht in deutsch-polnischen Beziehungen. Leider genauso wenig wie in den deutsch-französischen Beziehungen. Irgendwie hat da Olaf Scholz ein bisschen Portulan zerschlagen. Aber jetzt orientieren sich die Polen lieber dahin, wo es klare Unterstützung für die Ukraine gibt.
Sprecher 2: Donald Tusk war noch nicht in Deutschland seit seiner Amtszeit. Neulich war er auch nicht da, als Joe Biden hier war und stattdessen Macron und Starmer nach Berlin kamen. Donald Tusk ist verschnupft und jetzt ist er nach Schweden gegangen und wurde dort richtig gefeiert. Polen ist ein Star. Das sind mal Worte, die man gerne hört. Hier aus dem Munde von Schwedens Premierminister Ulf Chrysterson. Und gemeint sind natürlich die hohen Verteidigungsausgaben Polens für die Ukraine.
Sprecher 3: Ja, 4,2 Prozent des BIP wird Polen in diesem Jahr fürs Militär ausgeben. 2025 sollen es schon fast knapp 5 Prozent sein. Davon können die NATO-Mitgliedstaaten, andere NATO-Mitgliedstaaten nur träumen. Gerade Deutschland erreicht ja jetzt die 2 Prozent. Aber so hat es Stoltenberg gesagt, so sagen es alle, wenn Trump kommt, wird die Debatte eher in Richtung 3 oder 4 gehen.
Sprecher 2: Michael, jetzt müssen wir jenseits aller Spekulationen mal anschauen, was wissen wir denn schon über Trumps Ukraine-Politik? Sehr entscheidend auch für die Sicherheit in Europa. Immerhin wissen wir, mit welchem Personal er das bestreiten will, nämlich mit Keith Kellogg, dem Ukraine-Gesandten, den Trump schon ausgewählt hat. Und da muss man sagen, die Ukraine muss sich ziemlich warm anziehen.
Sprecher 3: Man muss erstmal sagen, es ist jetzt kein Ukraine-Gegner im Sinne mancher republikanischer Statements aus dem Senat, also kein weiteres Geld. Er ist ein Militär, ein erfahrener Militär, immerhin 80 Jahre alt, war in Vietnam, war im Irakkrieg und war auch schon in der ersten Trump-Regierung ein Sicherheitsberater für Donald Trump.
Sprecher 5: How is this thing going to end? What does it look like when it ends out there? How do you protect the rights of Ukraine? They have fought valiantly. And you're looking at a generation now what they're losing. So the question is, okay, where do you go to? How do you draw the lines? How do you talk about it? How do you ensure the sovereignty of Ukraine long term? How do you ensure there's peace in the region out there? And try to break up that coalition of evil that you see between Iran and China.
Sprecher 1: Russia and North Korea.
Sprecher 2: Michael, wir schauen uns jetzt mal konkret an, was Kellogg schon zur Ukraine gesagt hat, wie sein Plan ist.
Sprecher 3: Er hat im April in einem Artikel für das America First Policy Institute geschrieben, was er über diesen Krieg denkt. Ich zitiere mal eine Passage. Konkret würde dies bedeuten, dass die USA eine formelle Politik verfolgt, die auf einen Waffenstillstand und eine ausgehandelte Beilegung des Ukraine-Konflikts abzielt. Die USA würden die Ukraine weiterhin bewaffnen und ihre Verteidigung stärken, um sicherzustellen, dass Russland nach einem Waffenstillstand oder einem Friedensabkommen keine weiteren Fortschritte macht und keine neuen Angriffe startet. Zukünftige militärische Unterstützung der USA würde jedoch voraussetzen, dass die Ukraine an Friedensgesprächen mit Russland teilnimmt. So hat er es geschrieben.
Sprecher 2: Ja, da sieht man doch eine deutliche Änderung der amerikanischen Position. Die Ukraine wird von Amerika nach dieser neuen Strategie nicht mehr unterstützt in dem Sinne eines Whatever it takes, sondern sie wird gezwungen, an Friedensgesprächen mit Russland teilzunehmen. Im Gegenzug gibt es militärische Unterstützung. Doch auch die hat einen Widerhaken. Sie wird nämlich nur als zinsloses Darlehen gewährt. Also es wird Geld zur Verfügung gestellt. Das muss aber nach dem Krieg wieder zurückgezahlt werden. Also die Amerikaner wollen sich nicht weiter für die Ukraine verschulden.
Sprecher 3: Weitere Elemente der Kellogg-Strategie für die Ukraine. Die Diplomatie soll schon gestärkt werden, nämlich zum Beispiel, indem es direkte diplomatische Kanäle zwischen Russland und der Ukraine geben soll.
Sprecher 2: Außerdem die NATO-Mitgliedschaft wird verschoben. Ein möglicher NATO-Beitritt der Ukraine. Soll erst in zehn Jahren stattfinden, frühestens auch das ein Entgegenkommen gegenüber Russland.
Sprecher 3: Eine Annäherung zwischen Europa und Russland soll angestrebt werden, so heißt es bei Kellogg, um Europas Ostgrenze zu sichern. So hat es einst schon Henry Kissinger vorgeschlagen.
Sprecher 2: Am 20. Januar werden wir dann wirklich sehen, wie die Ukraine-Politik Trumps aussieht, der ja vor allem durch seine Unberechenbarkeit aufgefallen ist. Aber die Gefahr, dass es für die Ukraine eng wird, noch enger wird als jetzt, ist schon groß. Vor mehr als zehn Jahren, im April 2014, wurde eine gewisse Ricarda Langsprecherin des Bundesverbands Campus Grün. Damals war sie gerade 20 Jahre alt. Jetzt, zehn Jahre später, hat sie schon eine beachtliche Karriere in ihrer Grünen-Partei hinter sich, war Parteivorsitzende und ist es jetzt seit wenigen Tagen nicht mehr. Trotzdem, Ricarda Lang ist ein seltenes politisches Talent in Deutschland. Sie ist jetzt bei uns hier am Tisch und wir reden darüber, wie konnte es eigentlich passieren, dass die Ampel so scheitert und was zieht sie persönlich für Konsequenzen daraus und was sind überhaupt ihre Pläne fürs Weitermachen, denn sie hat ja noch viele, viele, viele Jahre vor sich. Frau Lang, ich fange ganz ungewöhnlich an für ein politisches Interview, aber nach dem tränenreichen Abschied auf dem Parteitag möchte ich schon gerne wissen, wie geht es Ihnen?
Sprecher 6: Es ist ein ziemliches Wechselbad, der Gefühl. Also ich hatte ehrlich gesagt total Angst, dass nach dem Parteitag so ein Loch kommt, weil davor war man ja in so einer eigenartigen Zwischenphase. Man war noch nicht mehr wirklich da, man war aber auch nicht wirklich weg und hat natürlich noch alle Informationen bekommen, war an allen Entscheidungen beteiligt. Und ich dachte, oh Gott, nach dem Parteitag fällst du da bestimmt total ein Loch. Dass es nicht passiert, sondern es ist jetzt immer so ein ganz ambivalentes Gefühl, wenn irgendwas aufkommt, jetzt als letztes das Chaos bei der SPD mit der Kanzlerkandidatur, sehe ich eine Einmeldung auf meinem Handy und mein erstes Gefühl ist, oh Gott, Ricarda, du musst dich kümmern. Und dann mache ich sich, nee, du musst dich gar nicht kümmern. Es kümmern sich andere Leute. Und das ist dann eine Mischung aus einer Entlastung und so ein Gefühl von auch ein bisschen Freiheit. Und natürlich aber auch eigenartig, da nicht mehr mit am Tisch zu sitzen.
Sprecher 2: Auch ein Schmerz, aber auch eine Befreiung. Das hat man Ihnen beim Parteitag auch angesehen, bei Ihrer Rede, über die wir gleich noch sprechen. Aber weil Sie Scholz und das Chaos in der SPD gerade erwähnen, Sie haben ihn jetzt drei Jahre hautnah erlebt in zahlreichen Koalitionsausschüssen. Deswegen erzählen Sie uns doch mal, wie ist das mit Scholz und der Führung?
Sprecher 6: Ich glaube, dass Olaf Scholz sich wahnsinnig stark an Angela Merkel orientiert. Das Problem ist, er ist nicht Angela Merkel. Also ich glaube, manche Fähigkeiten der Einbindung, die Merkel durchaus hatte, zu wissen, was braucht diese Person, wie kann ich die Person mit an Bord bekommen, fehlen ihm eher. Angela Merkels Politikstil würde auch sonst nicht in diese Zeit passen. Er hat ja auch dazu geführt, dass ganz viele Dinge liegen geblieben sind, wie jetzt die Abhängigkeit von russischem Gas, die uns heute zu Kosten kommt. Und das heißt immer das Abwarten, dass irgendwie wird es sich über die Zeit lösen, über den Prozess wird man eine Möglichkeit finden, alle glücklich zu stellen, statt einfach mal Entscheidungen zu treffen.
Sprecher 2: Also entscheidungsschwach?
Sprecher 6: Zumindest zu langsam die Entscheidung treffen. Das sehen wir auch bei der Unterstützung der Ukraine. Auch da ist es immer wieder so. Und jetzt ist natürlich die SPD in der Situation, wo man sagen muss, also Olaf Scholz hat 2021 in großen Teilen deshalb gewonnen, weil seine Partei die geschlossenste war. Und eigentlich würde ich ja davon ausgehen, dass die Sozialdemokratie gelernt hat, dass das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass der eigene Laden nicht hinter dem Kandidaten steht. Und wie wollen denn die SPDler jetzt sagen, das ist der beste Kanzler für Deutschland, wenn sie selbst drei Wochen lang gezeigt haben, dass sie das überhaupt gar nicht glauben.
Sprecher 2: Sie sprachen gerade über Angela Merkel, die ja gesagt hat, das Scheitern der Ampel sei auch eine Frage des Geschlechts gewesen. Also was sie gedacht haben, als sie es gesehen haben, sagte sie, Männer. Haben Sie das auch gedacht?
Sprecher 6: Ja, ich habe in den letzten Jahren sehr oft gedacht, Männer. Man muss schon Angela Merkel großen Respekt vor ihr haben, dass sie auch all die Fragen, die sich ja an sie und ihr politisches Erbe auch stellen, jetzt ja auch an die Fehler, die da gemacht wurden, ein bisschen abräumt mit so einem relativ kultigen Spruch. Aber ja, ich glaube, und sie hat das ja auch ein bisschen ausgeführt in dem Interview, die Tendenz, sehr vieles persönlich zu nehmen und auf Dinge, die man persönlich nimmt, dann auch noch persönlich reagieren zu müssen. Ich glaube, dass viele Frauen von Anfang an doch einige Hürden im politischen Betrieb erlebt haben, die dazu führen, dass man da eine Gewinne... Wisse abgeklärt hat und auch eine Abgehärtet hat, heißt, die sagt, selbst wenn mich der Lindner mal komplett wahnsinnig macht, und Christian Lindner kann einen wirklich komplett wahnsinnig machen, kann ich dann mit einem kühlen Kopf darauf reagieren.
Sprecher 2: Reden wir über einen dieser drei Männer, den grünen Mann, nämlich Robert Habeck, der ja wie die beiden anderen Männer, die es zu dritt ja irgendwie auch verbockt haben, jetzt aber wieder antritt. Ist auch er einer, der nicht immer den kühlen Kopf bewahrt?
Sprecher 6: Ich würde sagen, dass er das im Großen und Ganzen getan hat. Und ehrlicherweise vielleicht auch das, was ich gerade beschrieben habe, also durchaus ja Erfahrungen damit gemacht hat, auch die persönlichen Anfeindungen zu erleben, natürlich insbesondere mit dem Gebäudeenergiegesetz, eher zu einer neuen Stärke geführt hat. Und ich glaube, das macht eigentlich einen Politiker für mich aus. Nicht, hat der mal Fehler gemacht und hat der mal Krisen durchlaufen? Hat jeder. Den Politiker, der es nicht hat, muss man erst noch finden. Sondern wie geht eine Person da raus? Und geht sie raus mit mi, mi, mi und alle waren gemein zu mir? Oder geht sie raus mit, auf der einen Seite sehe ich Fehler und die arbeite ich auf und mache das in Zukunft anders, aus Fehlern lernen. Man hat Markus Söder oder Friedrich Merz das jemals getan, mir würde kein Beispiel einfallen. Und auf der anderen Seite aber auch mit einem Selbstbewusstsein dann zu sehen, wir werden ein paar Konflikte austragen müssen in den nächsten Jahren in diesem Land. Einer davon wird sein, ob beim Klimaschutz der Rückwärtsgang reingehauen wird oder nicht. Und da gehe ich auch mit einer Klarheit rein.
Sprecher 2: Wobei von Männern, dem Merkel'schen Ausdruck, Robert Habeck schon mit gemeint war.
Sprecher 6: Also rein biologisch ja.
Sprecher 2: Und dass die Wirtschaftslage und natürlich auch das Scheitern auch eine gewisse Hypothek ist, da sind wir uns wahrscheinlich... Ich auch einig. Aber schauen wir mal nach vorne, Frau Lang. Und da müssen wir aber auch noch mal ganz kurz zurückschauen, nämlich auf Ihre Rede auf dem Parteitag, die, wie ich fand, eher eine Antrittsrede war als eine Abschiedsrede. Was wollen Sie eigentlich werden? Ministerin in einer schwarz-grünen Regierung?
Sprecher 6: Bundestagsabgeordnete. Ich kandidiere nochmal für den Bundestag in meinem Wahlkreis. Ich bin mit Backnang schon nominiert. Landesliste steht noch an. Und tatsächlich ist mein Plan nicht sofort jetzt ein Ministeramt oder die Rückkehr in die erste Reihe anzustreben. Ich habe ein paar Dinge, an denen ich auch an mir selbst und so ein bisschen an meinem Leben arbeiten will. Und ich glaube, man kann auch ohne Spitzenamt sehr glücklich werden. Und ich glaube, dass man auch ohne Spitzenamt politisch was bewegen kann. Ich habe das Gefühl, die Rolle, die ich gerade habe, die Einsichten, die man in den letzten Jahren gewonnen hat, von wirklich so aus dem Zentrum der Macht mit dem Parteivorsitz, aber die Freiheit, nicht immer eine ganze Partei hinter mir vereinen zu müssen, nicht immer alle zusammenbinden zu müssen. Damit kann ich vielleicht gerade sogar auch ein bisschen am politischen Betrieb mehr ändern, als wenn ich jetzt sofort wieder sage, okay, wo kann ich hier ein Ministeriumsamt bekommen.
Sprecher 2: Ihre Rede, die Sie gehalten haben, war ja auch sehr selbstkritisch. Sie haben ja sehr auch auf Ihr eigenes Tun zurückgeblickt, haben auch gesagt.
Sprecher 6: Beim Klimaschutz sich nicht in jedem einzelnen Detail zu verlieren, aber auch nicht anzufangen, sich zu schämen dafür, überhaupt noch über Klimaschutz zu sprechen. Denn am Ende ist es so, wer bereit sein will, über seinen Schatten zu springen, der muss überhaupt noch wissen, wo ist sein Schatten. Und ich hatte auch Momente, wo ich selbst aus Interviews gekommen bin und mir gedacht habe, ich glaube mir doch die Hälfte von dem, was ich da gerade erzähle, selbst nicht mehr. Wie sollen es mir dann noch irgendwelche anderen Menschen glauben?
Sprecher 2: Frau Lang, wann fing das an, dass Sie auf einmal so gesprochen haben, dass Sie selbst dachten, was sage ich da eigentlich?
Sprecher 6: Ich glaube nicht, dass es da einen ganz konkreten Moment gibt, weil das ist ja kein Schalter, der umgelegt wird und davor ist man 100 Prozent authentisch und danach ist man plötzlich in jedem Interview ein Roboter. Ich glaube aber schon, dass es ein bisschen verbunden ist, auch mit der Entwicklung der Grünen in der Regierung. Und ich glaube, wir hatten zwei Entscheidungen, die es relativ leicht gemacht haben, uns in so eine ideologische Ecke zu stellen. Das war der Umgang mit der Atomdebatte, der jetzt nicht super geglückt war. Und das war das Gebäudeenergiegesetz. Und bei beiden wurden auch Fehler gemacht. Und wie gesagt, dann stand man aber in dieser Ecke. Und da hatte man so ein Gefühl von, oh Gott, es tut mir eigentlich leid, dass ich hier bin. Sorry, sorry, sorry. Wir wollen gar nicht. Nein, nein, nein. Guckt uns am besten überhaupt gar nicht an. Das war, glaube ich, so ein bisschen der Fehler. Und da war vielleicht mein Schicksal so bisher parallel auch mit dem der Grünen. Und da habe ich schon gemerkt, dann zwischen dem Jahr 2023, 2024, dass sich da auch was bei mir verändert hat.
Sprecher 2: Das Learning bei diesen Medien, die ich ja hier auch repräsentiere, bei den politischen Gegnern, die ja zuweilen unerbittlich sind. Wie kann man da bei sich bleiben? Oder ist das jetzt das Projekt, wo Sie jetzt in der zweiten, dritten Reihe, wie Sie angekündigt haben, stehen werden, rausfinden wollen? Oder haben Sie schon eine Antwort?
Sprecher 6: Also wenn ich die perfekte Antwort hätte, wäre ich vielleicht Parteifußballsitzung geblieben. Das heißt, die habe ich offensichtlich nicht. Aber ich glaube schon so ein paar Gedanken, das eine ist Angst überwinden. Also dass wir ganz, ganz häufig und ich glaube, dass wir uns manchmal dabei auch Mauern im eigenen Kopf schaffen. Also ich werde ja gerade oft gefragt, warum haben Sie so nicht einfach schon als Parteivorsitzende so geredet, wie Sie jetzt reden? Und ich frage mich das selbst. Das ist eine Angst, die wir uns auch selbst im Kopf schaffen. Und ich glaube, wo das vor allem gilt, ist manchmal die Spielregeln zu verändern. Von worüber sprechen wir eigentlich? Es gibt ein sehr gutes Buch, das ich und ungefähr jeder Politiker in Berlin auch jetzt die letzten Jahre schon mal zitiert, dieses Triggerpunkte von Steffen Mau. Ich finde, was er darin ja gut beschreibt, ist, dass die deutsche Gesellschaft gar nicht so gespalten ist, wie wir das häufig denken. Und dass es eigentlich ganz viele Themen gibt, wo es einen Konsens gibt. Die Leute wollen eine gut funktionierende Bahn, die wollen Kitas, die wollen saubere Straßen. Und dass wir aber oft in der Politik das Gefühl haben, ach, das sind ja Themen, die sind langweilig oder über die wurde schon so häufig geredet. Jetzt braucht man irgendwie mal was Aufregenderes, was Spannenderes. Das Problem ist, glaube ich, dass gerade bei den Themen, die Leute eigentlich im Alltag umtreiben, wo die das Gefühl haben, da denkt meine Partnerin oder meine Nachbarin das Gleiche, obwohl die was anderes wählt, darüber wird viel zu wenig geredet. Und ich glaube, deshalb wäre das für mich auch, was ich gelernt habe, häufiger auch mal das Thema zu wechseln und zu sagen, vielleicht interessiert diese Personaldebatte oder die Wahltermin-Debatte gerade gar nicht die Menschen da draußen.
Sprecher 2: Ist ja wirklich interessant bei diesen Townhalls, was die Leute fragen, ist sehr weit entfernt von dem, sag ich auch selbstkritisch, was Berliner Journalisten fragen. Und den Shitstorm gibt es meistens so oder so oder so oder so. Letzte Frage, Frau Lang. Die FDP sagt ziemlich klar, Ampel gibt es nicht mehr. Würden Sie das auch so sehen? Oder nicht mit dieser FDP?
Sprecher 6: Ich halte ja von diesem Ausschließe-Übertrumpfungsspiel, ob es jetzt Markus Söder oder Christian Lindner ist, relativ wenig. Man könnte jetzt nicht nochmal sagen, wir machen mit dem gleichen Personal-Tablone Ampel, wenn man nicht glaubwürdig erklären würde, was ist anders. Weil dieses Regierungsbündnis hat zwar an vielen Stellen, ich spare Ihnen jetzt die Aufzählung von den Kitas und dem Hausbau der Neuland-Ergien, genau, das spare ich jetzt mal, vieles vorangebracht, aber wir haben auch richtig viel an politischer Kultur zerstört in diesem Land. Und da kann man ja nicht einfach sagen, machen wir nochmal, sondern müsste man wirklich sehr glaubhaft sagen, was machen wir anders. Und auch ein bisschen tiefer gehender, ich finde ja immer bei Christian Lindner auf der einen Seite denke ich mir, wenn ich in zehn Jahren zweimal regiert habe und alle Parteien, egal ob das Lager immanent ist, also CDU oder Lager entfernter, SPD und Grüne, sagen danach, boah, sowas Schlimmes ist uns noch nie passiert. Und wenn man Angela Merkel, die nicht emotional war, zu Aussagen bekommt, wie vielleicht hat Gott die SPD nur geschaffen, um uns zu prüfen und Olaf Scholz ja fast zum Diss-Track angelirigt hat, dann muss man sich schon irgendwann mal vielleicht selbstkritisch fragen, ob nicht was Besonderes an einem ist, aber nicht was besonders Gutes. Und gleichzeitig ist ja diese Vorstellung, das waren einfach nur der eine blöde Typ. Zu undifferenziert, auch zu flach. Das heißt, man müsste ja auch wirklich fragen, was ist eigentlich schiefgegangen in der Regierung? Was würde man anders machen?
Sprecher 2: Das ist die Aufgabe jetzt. Für die drei Parteien würde ich sagen. Also ein Appell, Rika Dallang, so habe ich Sie verstanden, zu Selbstkritik bei sich, aber auch bei anderen. Genau. Vielen Dank, dass Sie heute hier waren. Vielleicht nehmen wir den Appell auch andere auf. Tschüss. Vielen Dank. Tschüss.
Sprecher 3: Unser nächstes Audiotürchen wird jetzt geöffnet von Bürgermeister Alexander Hepp. Er führt die kleine hessische Stadt Eschwege und er hat uns zwei Titel vorgeschlagen. Den einen fanden wir eigentlich auch ganz gut. Da ging es darum, wie ländliche Räume von der Politik missachtet werden. Aber das Lied, das zweite Lied ist besser, deswegen haben wir uns für Gratitude entschieden. Von V&V Nation, ein englisch-irische Future-Popband. Und warum haben wir das gemacht, Helene?
Sprecher 2: Weil wir uns mit der Botschaft des Sängers Ronan Harris identifizieren, hier auch im Podcaststudio. Der sagt nämlich, an Widerständen und Herausforderungen kann man wachsen. Und er bedankt sich bei denen sogar, die ihm Schmerzen zufügen und Steine in den Weg legen, weil einen das am Ende größer werden lässt und nicht kleiner.
Sprecher 3: Ja, und unser Bürgermeister, der uns geschickt hat, der hört diesen Song. So sagt er uns, wenn er in Wahlkampfphasen mal wieder von Anfeindungen, entweder Leserbriefen oder viel deutlicher auf Social Media, angegangen wird und dass ihm dieser Song dann immer wieder neue Kraft gibt. Und das ist vielleicht dann auch unsere Hommage an die Kommunalpolitik im Land, die es wirklich nicht leicht hat. Und deswegen sagen wir einfach mal an dieser Stelle Danke an diejenigen, die sich engagieren.
Sprecher 2: Ja, natürlich sage ich auch. Danke, danke an Herrn Hepp, danke für diese Idee. Danke an Sie, dass Sie zugehört haben und danke schon vorab für das, was Sie sich jetzt wünschen von uns. Ich kann Ihnen sagen, die Konkurrenz ist groß. Es gibt schon einige und so viele Türchen sind es ja gar nicht mehr bis Weihnachten. Aber schreiben Sie uns doch unter podcast.table.media. Wir freuen uns und spielen sehr gerne Ihren Song. Bis morgen. Tschüss. Auf Wiederhören.
Sprecher 7: Understand. Close a chapter, later rest the past. Nothing will change. We make the best of what we have. For we are measured by the actions of our lives. We bide our time. Let the future unfold. Like immortals in great legends to be told. My God, look at what we are now. Without regret for all the things that we have done. Thank you for all the doubts and for all the questioning. For all the loneliness and for all the suffering. All the emptiness and the scars it left inside. It inspired in me an impetus to fight. You always stood with me, one wasted as one. Thank you. If it seems that I'm obliged to say these words I'd like this same gratitude Release that you deserve