+ Jusos gegen Scholz + Was brachte die COP29? + Schaffen wir die Energiewende? +
Die Jusos haben die SPD-Führung deutlich kritisiert. Und Olaf Scholz kann sich nicht sicher sein, ob die Jugendorganisation im Wahlkampf alles geben wird.
Die Klimakonferenz in Baku ist nach einer Verlängerung zu Ende gegangen. Zusagen in Höhe von 300 Milliarden Dollar wurden gemacht, doch vielen Teilnehmern reicht das nicht aus. Unser Climate-Table-Chef Bernhard Pötter war zehn Tage vor Ort.
Können wir in Deutschland die Energiewende überhaupt schaffen? Mit bloßen Appellen wohl kaum, meint der Chef eines der größten Energieversorger Deutschlands. Zu Gast bei uns ist Andreas Feicht, CEO der RheinEnergie AG.
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Eine neue Woche, aber wir müssen trotzdem noch mal kurz über Olaf Scholz und Boris Pistorius reden. Denn die Jusos, ohne die eigentlich kein SPD-Kanzlerkandidat in einen Bundestagswahlkampf ziehen kann, sie moppen auf und haben keine große Lust auf ihren neuen Kandidaten.
Sprecher 3: Die Klimakonferenz in Baku ist nach Verlängerung zu Ende gegangen und immerhin versprechen die Industriestaaten 300 Milliarden Euro pro Jahr für den Klimaschutz. Klingt viel, aber reicht das auch? Unser Climate-Table-Chef Bernhard Tötter war zehn Tage vor Ort in Baku und Sie hören seine Einschätzung gleich hier.
Sprecher 2: Wir bleiben direkt mal beim Klima. Können wir in Deutschland die Energiewende überhaupt schaffen? Bis 2045 wollen wir klimaneutral sein in diesem Land. Mit Appellen werden wir das wohl nicht erreichen. Das sagt zumindest der Chef eines der größten Energieversorger in Deutschland. Zu Gast bei uns am runden Tisch ist Andreas Feicht, der CEO der RheinEnergie AG.
Sprecher 3: Und dann gehen wir gedanklich einmal kurz auf den Weihnachtsmarkt. Da war Michael Bröker gestern schon und dabei habe ich doch gelernt, dass es alles erst nach Totensonntag anfangen darf. Jedenfalls bin ich so erzogen worden. Aber sei es drum, heute ist Montag, der 25. November und jetzt ist die Vorweihnachtszeit wirklich nicht mehr aufzuhalten.
Sprecher 4: Was war das eigentlich für eine Shitshow in den letzten Wochen?
Sprecher 5: Und dann, liebe Saskia, dann muss ich im Radio hören, dass du einforderst, wir müssten jetzt solidarisch mit Olaf sein. Solidarisch mit einem Mann, der so stur an seiner eigenen Kanzlerkandidatur festgehalten hat, obwohl mehr als nur ein Krummeln durch die ganze Partei gegangen ist.
Sprecher 6: Was nicht funktioniert, ist in diesen 91 Tagen den Menschen einzureden, dass die Ampel doch eigentlich ganz geil war und viel besser. Der Zug ist abgefahren. Das ist die unbeliebteste Regierung aller Zeiten. Punkt.
Sprecher 7: Zu oft habt ihr in den letzten Wochen an der Wads vorbei gehandelt. Zu oft bewusst die Debatte verstummen lassen. Zu oft habt ihr unser Vertrauen gebrochen.
Sprecher 3: Helene, deine Jugendorganisation der Herzen, die Jusos, hatten einen Kongress am Wochenende. Und man muss sagen, ich habe keine einzige Stimme vernommen, die unbedingt für Olaf Scholz in diesen Winterwahlkampf ziehen will. Ja, das müssen in der SPD jetzt die über 35-Jährigen machen. Sie müssen durch den Winter stapfen, in der Kälte Plakate aufhängen und an Ständen Glühwein oder ähnliches verteilen. Denn auf die Jusos, so viel ist mal klar, kann Olaf Scholz in diesem Wahlkampf nicht zählen. Wenn man an die Union denkt, damals war es die Junge Union, die erstmals von Laschet abgerückt ist. Das war ein Zeichen dafür.
Sprecher 2: dass ausgerechnet die Kampagnenorganisation den Kandidaten nicht unterstützt. Und ein bisschen, auch Sigmar Gabriel im FAZ-Interview, hat an die Union 2021 erinnert. Da ist ein Kandidat, zu dem sich viele in der Partei zwingen müssen.
Sprecher 3: Ja, so ist es. Das sind immerhin 70.000 junge Leute, die kampagnenstark sind, die... Sehr wichtig sind für die Organisation des Wahlkampfs. Also ich habe es gerade schon gesagt, Plakate kleben, all das. Aber die natürlich dann auch Stimmung machen, wenn überhaupt jemand unter jungen Leuten für die SPD mobilisieren kann, dann wären es die Jusos. Aber für Olaf Scholz werden sie es, so hat man den Eindruck, jedenfalls nicht aus vollem Herzen tun. Und dann, ja, dann wird es wirklich eng für den jetzigen Kanzler.
Sprecher 2: Ja, und manchmal drücken die jungen Leute das aus, was sich die etablierten Mandatsträger nicht mehr trauen. Zum Beispiel Jan Knees-Wirsma-Juso aus Bonn, der schon bei der Esken-Rede, Saske Esken war auf dem Kongress und hat geredet, komplett ohne Applaus, muss man wirklich fast sagen, dann wörtlich danach ins Mikrofon sagte, die Unterstützung der Jusos ist nicht Gott gegeben, ich zitiere ihn, und dann, Olaf, wach endlich auf aus deiner Illusion, dass die Partei geschlossen hinter dir steht. Das ist wirklich harter Tobak, das habe ich selbst bei Per Steinbrück so bei den Jusos nicht gehört. Vielen Dank.
Sprecher 3: Und es gab ja auch harsche Kritik an der Parteispitze. Tatsächlich haben ja Saskia Esken und Lars Klingbeil diese Frage Scholz, Pistorius, Pistorius oder Scholz über Tage und Wochen haben wabern lassen, was natürlich nicht gut war. Wenn es so eine Debatte gibt, muss man die sofort abbinden, denn ansonsten entsteht ein großer Schaden. Und das ist in der SPD passiert. Denn Olaf Scholz, der eigentlich als Alternativlos galt, der ist nun mal Kanzler, er hat einmal gewonnen, er will weitermachen. Der ist von vielen in dieser Zeit angezweifelt worden und natürlich auch aus guten Gründen. Und jetzt steht natürlich auch Lars Klingbeil und Saskia Esken auch beschädigt da.
Sprecher 2: Der große Widerspruch oder die Illusion, Helene, aus meiner Sicht im Willy-Brandt-Haus ist, Olaf Scholz denkt, er könne dasselbe machen wie 2021. Nur haben sich alle Rahmenbedingungen verändert. Weder gibt es einen katastrophalen Lapsus-Kanzlerkandidaten in der Union wie Armin Laschet, noch gibt es eine...
Sprecher 3: Das wissen wir so ganz genau natürlich noch nicht.
Sprecher 2: Also ich sage mal so, die Pannen, die ein Armin Laschet gemacht hat, traue ich Friedrich Merz nach zwei Jahren jetzt Oppositionsführer nicht mehr zu. Aber auch Annalena Baerbock hat ja einen schlechten Wahlkampf gemacht. Und Robert Habeck wird auch diese Fehler nicht wiederholen. Und zumal, und das Dritte ist natürlich, Olaf Scholz hat regiert. Seine Versprechen, die er damals gemacht hat, die man ja noch nicht wusste, ob er sie einhalten kann oder nicht, die liegen auf dem Tisch. Der Leistungstest des Kanzlers ist da. Und das Verrückte ist, die SPD denkt immer, es liege nur an dem Streit in der Ampel. Man könnte ja mal darüber nachdenken, ob eventuell auch die Politik, die gemacht wurde, einfach abgenäht wird. So ist es.
Sprecher 3: Ricarda Lang hat es neulich gesagt. Wir haben hier schon darüber gesprochen. Man soll nicht immer nur sagen, die Politik sei nicht gut genug erklärt worden. Vielleicht ist die Politik einfach nicht gut, hat sie sehr klar gesagt. Und so hat es ähnliche auch Philipp Thürmer gesagt. Wir haben es vorhin gehört. Lass uns aufhören, die Ampel jetzt noch schön zu reden. Unbeliebteste Regierung aller Zeiten. Und das klebt natürlich vor allem Olaf Scholz am Schuh, auch wenn der weiter so tut, als habe er... damit eigentlich nichts zu tun.
Sprecher 2: Und wenn man reinschaut in die großen ehemaligen Hochburgen der SPD, zum Beispiel im Ruhrgebiet oder im Saarland, dann sieht man da, wie da teilweise zum Beispiel in Hagen oder so die AfD auf 17,6 Prozent kommt, in Herne. Das sind eigentlich alles Kreise, wo die SPD wirklich dramatisch vorne lag. Und warum aus meiner Sicht das große Misstrauensvotum, was die Bürger dieser SPD-Regierung gegeben haben, ist wirklich das Bürgergeld gewesen. Die Menschen, gerade die Fachkräfte, die Arbeitnehmer, die unteren Lohngruppen, die sehen es nicht ein, dass ihre Arbeit entwertet wird, indem eben Bürgergeldempfänger, egal ob die Ukrainer jetzt drin waren oder nicht, mir geht es gar nicht um die Zahl, sondern nur um die Symbolik und die Anreize, die haben nicht verstanden, dass so wenige hundert Euro den Unterschied machen zwischen morgens aufstehen, acht Stunden durchkloppen und einfach zu Hause bleiben und selbst die Jobs nicht anzunehmen, die dringend gebraucht werden, nämlich ganz einfache Arbeitskräftejobs.
Sprecher 3: Ich will nur daran erinnern, dass als das Bürgergeld beschlossen wurde, nämlich vor zwei Jahren, nicht nur die Ampelparteien, sondern auch im Bundestag die Union dem Bürgergeld zugestimmt hat und auch im Bundesrat die unionsbeteiligten Länder, jedenfalls einige davon, zugestimmt haben.
Sprecher 2: Sie werden es wieder umdrehen, du hast recht, sie wollen es wieder umdrehen.
Sprecher 3: Ja, nur man muss vorsichtig sein bei dieser Geschichte. Vor zwei Jahren war die Stimmungslage eine andere und in der Tat, die Union hat sich schneller davon distanziert als die SPD. Ob das jetzt die einzige Sache war, Michael, da bin ich mir nicht ganz sicher. Am Ende sind es wahrscheinlich viele Faktoren und ich würde sagen, dieses Schlechte. Regieren und diese nicht überzeugende Leistung von Olaf Scholz, diese Regierung nicht zusammenzuhalten, das ist doch am Ende das Entscheidende. Ein gescheiterter Kanzler.
Sprecher 2: Ich bin bei ganz vielen anderen Themen noch der Meinung, ich glaube nur, das war der Hauptfaktor. Ich halte die Kindergrundsicherung, die einfach nur mehr Geld und mehr Bürokratie gebracht hat, ist ein Riesenthema gewesen. Das Cannabis-Gesetz, darauf haben sie sich dann geeinigt, aber auf eine Entlastungsmaßnahme für die deutsche Wirtschaft am Ende nicht mehr. Das sind alle so Dinge, wo man das Gefühl hatte, dieser Kanzler hat doch die falschen Prioritäten. Warum soll ich jetzt für ihn bei Wind und Wetter Wahlkampf machen und warum soll ich ihn am Ende wählen? Ich glaube, dass die SPD diese Comeback-Story nicht mehr schaffen kann.
Sprecher 3: Ich würde sagen, die Jusos sind wahrscheinlich weder gegen das Bürgergeld noch gegen das Kindergeld gewesen. Das sind sicherlich andere Themen, denen war der Kanzler sicherlich auch in vielen Punkten nicht links genug. Und vor allem hat er eben, ich habe es gerade schon gesagt, die Regierung nicht nur nicht zusammengehalten, sondern er hat auch einfach... In ganz vielen Fragen nicht gesagt, was er eigentlich will, sondern die Dinge laufen lassen. Und das ist dann eben dazu gekommen, dass die einen das Cannabis-Gesetz, was die SPD ja gar nicht unbedingt wollte, durchgesetzt haben. Aber echte Reformen in diesem Land, jetzt erwähne ich mal Gerhard Schröder, Soweit ist es gekommen, Michael. Echte Reformen in diesem Land wirtschaftspolitischer Natur, den Sozialstaat fit machen für die Zukunft, nicht das Gefühl haben, bei der Rente man steuert in eine Situation, die alle sehen, früher oder später wird das Ganze nicht mehr zu finanzieren sein, aber man macht einfach so weiter und drückt die Augen zu. Dieses ungute Gefühl entsteht und natürlich insbesondere bei
Sprecher 1: jungen Leuten.
Sprecher 2: Man muss nicht mal mehr zu Gerhard Schröder gehen, man kann auch zu Peter Glotz gehen, dem ehemaligen Bundesgeschäftsführer, der gesagt hat, die SPD darf nicht nur der Betriebsrat der Nation sein, sondern muss gelegentlich auch mal im Vorstand sitzen. Das hat Olaf Scholz schleifen lassen, it's the economy stupid. Ich glaube nicht, dass wir ein anderes großes Thema haben werden. Wir haben jetzt die Migration ja ausnahmsweise mal außen vor gelassen, wo die SPD meines Erachtens auch viel zu lange geschlafen hat. Aber es wird die Wirtschaft sein. Und da muss ich sagen, bei aller Problematik, die der Kanzlerkandidat Merz charakterlich mit auf die Waagschale bringt, die Kompetenzvermutung ist bei der Union einfach immer noch doppelt so groß in Wirtschaftsfragen. Da kannst du machen, was du willst.
Sprecher 3: Nach zehn Tagen geht die COP in Baku, Aserbaidschan zu Ende. An dieser Stelle, wir machen das ja nicht oft, Michael, aber ein großes Lob an unseren Climate Table. Die waren vor Ort, haben jeden Tag berichtet. Und auch heute werden Sie das Fazit von Bernhard Pötter gleich hören. Aber vorab kurz die Fakten. Es gibt einen Beschluss zur Erhöhung der jährlichen Klimafinanzierung auf mindestens 300 Milliarden Dollar bis 2035. Das sollen hauptsächlich Industriestaaten zahlen. Aber Wissenschaftler sagen, das Vierfache wäre eigentlich notwendig, um wirklich etwas Handfestes zu tun, um die Klimaziele zu erreichen. Es ist also, kann man sagen, nur ein erster Schritt.
Sprecher 2: Umweltorganisationen wie Greenpeace und WWF sprechen davon, das sei beschämend wenig. Aber ich glaube, es ist das, was man erreichen konnte, Helene. Und bevor Donald Trump kommt, musste es unbedingt noch einen Beschluss geben. Denn unter Trump, ich glaube, man kann viel über seine mögliche neue Administration sagen, aber die größte Gefahr geht eigentlich von der Klimapolitik aus. Und da ist nichts mehr zu erwarten. Insofern ist es das vielleicht, was auf Jahre hinaus jetzt international an Zusagen gemacht werden konnte.
Sprecher 3: Man konnte auch bei Annalena Baerbock, der deutschen Außenministerin, merken, dass sie so ganz zufrieden mit dem Ergebnis nicht ist. Sie sprach lediglich von einem Startpunkt. Die Entscheidung allein würde nicht ausreichen, aber dennoch ein wichtiges Signal in einer schwierigen geopolitischen Lage. Also da ist sie ganz die Diplomatin, aber zwischen den Zeilen ist doch zu lesen, dass es ihr eigentlich nicht reicht.
Sprecher 2: Ja, wir haben mal unseren Climate Table Chef Bernhard Pötter gefragt, kurz vor seinem Abflug zurück nach Berlin, was sein Fazit für diese COP ist. Und hier ist seine Einschätzung.
Sprecher 8: Die COP29 in Baku in Aserbaidschan brachte einen kleinen Durchbruch und jede Menge Fragezeichen. Der Durchbruch besteht darin, das Durchbrüchchen kann man vielleicht sagen, Eine Verdreifachung der Klimahilfen aus den entwickelten Ländern für die Länder des globalen Südens, also von 100 auf 300 Milliarden im Jahr und zwar in 2035 und gleichzeitig das Versprechen, auch in 2035 mindestens 1,3 Billionen Dollar insgesamt in diesen Ländern. Für Investitionen und Hilfen im Klimaschutz irgendwie bereitzustellen. All das aber sehr unverbindlich, ohne klare Regeln, wer von wie und wo dieses Geld herkommen soll. Und das ist auch schon wieder eines der Fragezeichen. Alles unverbindlich. Niemand weiß so richtig, wer genau da zahlen soll. Ein kleiner Durchbruch war tatsächlich diese Erweiterung der Geberbasis. Das heißt, in Zukunft werden nicht nur die Industriestaaten, die alten Industriestaaten, zahlen sollen, sondern auch Länder wie China, Korea, die Ölstaaten, Singapur, die allerdings nur freiwillig dabei sind im ersten Mal. Das ist also wenig, aber es ist der Anfang dessen, dass irgendwann auch diese Länder dazu beitragen sollen. Ein Rückschritt gab es sicherlich bei den Themen CO2-Minderung, dann da gab es ein starkes Pushback der fossilen Staaten, allen voran Saudi-Arabien, die hier verhindert haben, dass das, was eigentlich schon in Dubai letztes Jahr beschlossen wurde, ein Abschied von den Fossilen sich fortsetzt oder wiederholt wird. Das ist nur ganz klein vorgekommen. Sicherlich auch ein Rückschritt, wenn man sieht, wie autoritäre Staaten inzwischen hier agieren. Also Aserbaidschan als Gastgeber. Der nicht viel Demokratie auch nicht in den Prozess zugelassen hat. Das UN-System ächzt und keucht unter denen, die halt nicht demokratisch verfasst sind und auch diesen Prozess dafür nicht nutzen, um mehr Demokratie zu bringen. Und wenn man sieht, dass die USA in ähnliche Richtungen gehen, populistisch unter Trump, gerade bei dem Thema, kann man auch da nicht wirklich optimistisch sein.
Sprecher 9: Berlin. Die Bundesregierung berät über weitere Entlastungen für die Wirtschaft und hat dafür einen Ausschuss gebildet.
Sprecher 10: Schluss mit Schneckentempo in Berlin und Brüssel. Jetzt wirksame Entlastungen und Reformen voranbringen. Damit die Chemie- und Pharmaindustrie wettbewerbsfähig bleibt.
Sprecher 2: Die Energiewende wird teurer, sie wird dramatisch teuer, denn nicht nur brauchen wir die Elektrifizierung der Häuser und der Autos, sondern wir müssen auch die dazugehörigen Leitungen bauen und die Reservekapazitäten, dann, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. All das ist eine Jahrhundertherausforderung und wir wollten mal wissen, wie kommt sie in der Praxis an, bei einem Unternehmen, das jeden Tag die Energiewende stemmen muss. Einer dieser Manager, der das tun muss, ist Andreas Feicht. Er ist Vorstandsvorsitzender der RheinEnergie AG, einem der größten deutschen Stadtwerke. Mit ihm habe ich über intelligente Stromnetze, über die Fernwärme und über das gesprochen, was in unseren Häusern in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Los geht's. Einen schönen guten Tag bei uns im Podcast, Herr Veicht.
Sprecher 11: Vielen Dank, dass ich da sein darf.
Sprecher 2: Herr Feicht, Sie sind der Chef einer der größten Stadtwerke, wenn man so will, in Deutschland mit 2,5 Millionen Menschen, die Sie mit Energie versorgen. Bei Ihnen kann man doch sicherlich mal in Erfahrung bringen, wo stehen wir bei der Energiewende?
Sprecher 11: Das ist eine sehr schwierige Frage. Wo stehen wir bei der Energiewende?
Sprecher 2: Oder schaffen wir sie?
Sprecher 11: Noch schwieriger. Die Energiewende ist nicht gescheitert. Viele sagen, sie sei gescheitert. Das glaube ich nicht. Sie ist gut vorangeschritten. Vieles ist gelungen. Es gibt tolle Innovationen, aber es gibt auch riesige Herausforderungen, vor allem was die Kosten anbelangt.
Sprecher 2: Nennen Sie uns mal eine. Wenn ich Sie richtig verstehe und Ihre Äußerungen, haben wir ein Problem mit dem Z. Zubau von erneuerbaren Energien, Elektrifizierung und der dadurch nicht schritthalten können Netzausbau.
Sprecher 11: Ja, in der Tat. Deutschland baut enorm erneuerbare Energien zu. Teilweise Technologien, insbesondere Photovoltaik, die ja vor allem an Tagen, an Stunden einspeist, wo sowieso viel Strom eingespeist wird, wo auch wenig Strom gebraucht wird. Das bringt die Netze an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Das Netz muss dann umso stärker ausgebaut werden und irgendwann entsteht eine Kostenspirale nach oben. Die dann wieder auf die Strompreise wirkt, die dann wieder die Elektrifizierung reduziert und die die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands reduziert. Das ist einfach ein Problem, was wir haben und das muss dringend angegangen werden.
Sprecher 2: Wie könnten wir das machen? Indem wir das Netz intelligenter machen, also dann nutzen, wenn gerade viel da ist und weniger nutzen oder rausziehen, wenn wenig Strom da ist?
Sprecher 11: Ich glaube, es sind mehrere Stufen. Die erste Stufe ist, sich nochmal klarzumachen, wie viel Netz brauchen wir tatsächlich. Und das ist eine Funktion, wie viel Erneuerbaren und an welchen Stellen und welche Erneuerbaren-Technologie soll zugebaut werden. Also mit Klartext, weniger Photovoltaik, die nicht mit Eigenverbrauch zum Beispiel korrespondiert. Sondern die gesteuert ist. Mehr Wind, auch andere Technologien, die möglich sind, also vor allem Gaskraftwerke, die wir auch für die Versorgungssicherheit benötigen. Das sollte dann dazu führen, dass wir nicht so viel Netz ausbauen müssen. Wir müssen mehr Netz ausbauen. Das Ausbauen, aber nicht so viel wie geplant. Das Netz dann günstiger ausbauen und natürlich dann da womöglich auch flexibilisieren durch intelligente Speichertechnologien, E-Mobilität, solche Dinge, die Erneuerbaren intelligenter integrieren in das Netz. Das kann dann zu einem Kostengleichgewicht führen.
Sprecher 2: Machen wir mal konkret das Beispiel intelligenter das Netz nutzen bei privaten Elektroautos. Da sind sie ja engagiert und haben ja Vorschläge, wie man die Batteriespeicherung wirklich sogar für den Privatnutzer optimieren kann.
Sprecher 11: Ja, wir wollen ja alle, dass die Elektromobilität zunimmt, dass die Leute E-Autos kaufen. Und die E-Autos haben eine große Batteriekapazität, also 70, 75 Kilowattstunden ist ja nicht unüblich. Die meisten brauchen am Tag aber höchstens 20 bis 30 Kilowattstunden. Also das heißt, sie fahren eine Überkapazität durch die Gegend und die ist relativ teuer, die haben sie bezahlt mit dem Auto. Sie könnten diese Kapazität uns zum Beispiel zur Verfügung stellen. Wir würden sie dann nominieren, wie wir das sagen. Das heißt, wir würden dann Strom einspeisen in die Batterie. Das muss nicht eingestöpselt sein an der Wallbox. Wenn der Strom günstig ist, wir würden den Strom rausholen, wenn er teuer ist. Dafür würden wir den E-Auto-Fahrer bezahlen.
Sprecher 2: What's in it for you, frage ich mich gerade. Sie bezahlen mich dafür, damit Sie meinen gespeicherten Strom nutzen dürfen und verkaufen ihn teurer weiter.
Sprecher 11: Genau, es entsteht eine Marge, eine Flexibilitätsmarge und die teilen wir uns. Das Ziel muss es sein und könnte es sein, dass mindestens mal, wenn viele neue... Bar im Netz sind, sagen wir mal zwischen Mai und September, aber es kann auch für das ganze Jahr der Fall sein, wenn wir mehr Wind hätten, dass sie ohne Kosten ihr Auto betreiben können. Also heute zahlen sie, wenn sie einen Verbrenner haben, 100 bis 150 Euro durchschnittlich im Monat an der Tankstelle. Und künftig nichts. Das ist dann aus meiner Sicht das beste Argument, ein Auto zu kaufen.
Sprecher 2: Weil man einen konkreten finanziellen Nutzen hat.
Sprecher 11: Einen konkreten finanziellen Nutzen hat.
Sprecher 2: Sie glauben nicht, dass die Menschen ein Elektroauto kaufen, weil sie ein grünes, nachhaltiges Auto kaufen wollen?
Sprecher 11: Genau so ist es. Der eine oder andere mag das tun, das ist auch völlig okay. Aber ich glaube nicht daran, dass die Menschen, wie man so sagt, ein Green Premium bezahlen, ohne einen eigenen Nutzen zu haben. Und wenn dann Politik kommt und sagt, ja, kein Problem, dann machen wir halt ein Verbrennerverbot. Das heißt, bist du nicht willig, brauche ich Gewalt. Dann führt das zu Gegenreaktionen. Das spüren wir aktuell.
Sprecher 2: Bei der Gegenreaktion, wenn der Verbrenner verboten würde oder ist ab 2030, 2035 und ihn einfach nicht mehr in einem neu zugelassenen Auto verbauen kann, dann kann es ja keine Gegenreaktion geben. Dann gibt es einfach die Verbrenner nicht mehr.
Sprecher 11: Die Gegenreaktion basiert auf zwei Ebenen. Nämlich einmal, dass die Leute ihre Verbrennerautos länger laufen lassen. Man merkt es heute schon bei Gasheizung. Gleiche Debatte gibt es ja Gasheizung versus Wärmepumpe. Was super gelaufen ist im letzten Jahr, sind Lifetime Extension Kits für Gasheizungen. Leute sagen, meine Gasheizung geht kaputt, geht zum Installateur und sagen, mach die nochmal fit für die nächsten fünf Jahre. Wir sagen dazu...
Sprecher 2: Das ist bei Ihnen auch passiert, bei Ihren Kunden.
Sprecher 11: Das passiert.
Sprecher 2: Im großen Stil.
Sprecher 11: Genau. Das heißt, die Leute würden, wenn sie sehen, jetzt kann ich keinen Verbrenner mehr kaufen, würden sie dann auch... Ganz schnell zum Schluss einen Verbrenner kaufen und würden den einfach länger laufen lassen, so eine Kubanisierung der Autoflotte. Und es gibt eine politische Gegenreaktion, weil man dann die Parteien wählt, die einem versprechen, dass das nicht passieren sollte.
Sprecher 2: Wie hätten Sie es gemacht, Herr Feicht? Das will ich schon wissen. Die Hälfte des CO2-Verbrauchs kommt aus dem Wärmebereich. Wir brauchen die Wärmewende. Die Wärmepumpe ist ein technologisch sauberes, kluges Instrument, eine gute Methode, um diese Häuser klimaneutral zu machen. Wie hätten Sie es denn gemacht, damit die Menschen umsteigen?
Sprecher 11: Der Punkt ist, natürlich, die Wärmepumpe ist ein absolut sinnvolles Instrument. Und so eine Wärmepumpe ist ein Wunderwerk der Technik. Sie darf kein Gegenstand eines Kulturkampfes sein. Weder von der einen noch von der anderen Seite. Dass ein Minister das Ding so hochjatz, führt dazu, dass die Leute eine Gegenreaktion haben. Sie werden misstrauisch und sagen, der will mir was aufzwängen, was ich nicht will. Was der Weg ist, ist, dass wir auch eine Hybridisierung zulassen. Das heißt, ich habe heute, also Deutschland ist vollgepflastert, gerade Westdeutschland, mit Gebäuden, die in den 60er, 70er Jahren gebaut worden sind. Sagen wir mal 20 Wohneinheiten und da ist eine Gasheizung drin. Wenn wir zum Beispiel sagen würden, die können sich eine Wärmepumpe zulegen, die Band durchfährt und Warmwasser im Sommer macht und bei 12 Grad im Winter die Heizung macht. Aber wenn es richtig kalt wird, dann läuft die Gase. Gasheizung einfach mit 10% im Jahr für die Spitzen, dann kann die Wärmepumpe kleiner sein, die kostet dann nicht so viel, die Investition in Dach und Fach ist geringer, wir müssen den Stromverteilern jetzt nicht so stark ausbauen, der Kunde muss in den geringeren Hausanschlusskosten bezahlen und das trägt uns erstmal die nächsten 10, 12, 15 Jahre und dann schauen wir, was passiert.
Sprecher 2: Die Fernwärme, Sie sind in dem Bereich auch engagiert. Schaffen die Kommunen das, was die Politik Ihnen da in letzter Sekunde, muss man fast sagen, aufoktroyiert hat?
Sprecher 11: Was ich gut finde, ist dieses Gesetz zu kommen an Wärmeplanung. Weil das ist letztlich ein Instrument für eine strategische Infrastrukturplanung. Und das ist schon eine gute Sache. Was mich immer besorgt, ist die Erwartungshaltung, die damit verbunden ist. Dass die einzelnen Menschen, die ein Gebäude besitzen oder darin wohnen, glauben, dass aus so einer Planung genau rauskommt, dass sie... Eine Information bekommen, was sollen sie im zweiten Quartal 2032 in Köln-Sülz rechts der Hauptstraße machen. Und das ist nicht realistisch, weil so tief kann die Planung ja nicht gehen. Das würde ja bedeuten, ich würde für jedes einzelne Gebäude genau planen, was dieser Mensch tun soll und wie er investieren soll.
Sprecher 2: Eine letzte Frage noch, Herr Feicht, zu den Netzentgelten, die gerade in der politischen Diskussion sehr en vogue sind, um den Industriepreis, den Industriestrompreis nach unten zu bringen. Erste Frage, wie groß ist der Anteil eigentlich an den Kosten für die Netzentgelte, die ja steigen? Und ist es die richtige Maßnahme, da jetzt reinzugehen, weil es schnell wirkt?
Sprecher 11: Netzentgelte. schreiben maßgeblich die Stromkosten und die Strompreise. Und da muss man klar sagen, die deutsche Industrie ist unter einem unheimlichen Druck. Weil die Wettbewerbsfähigkeit mit internationalen Strompreisen schlecht ist. Netzentgelte sind heute in Summe etwa 30, 35 Milliarden im Jahr. Wir haben mal lange und immer diskutiert über die EEG-Umlage. Das waren so 24 Milliarden im Jahr. Das heißt, man sieht schon, welche Bedeutung das hat. Und die Netzentgelte werden in der Projektion steigen Richtung 60, 70 Milliarden. In den nächsten 10, 15 Jahren. Und damit muss das Thema angegangen werden. Und zwar, indem man einmal versucht, die Kosten zu reduzieren, wie ich es gerade beschrieben habe. Aber dann wird der Staat sich auch an der Finanzierung dieser Netzentgelte beteiligen müssen, vor allem für Industrie, also Industrie im Mittelstand, nicht nur für die Großindustrie. Sonst werden wir... Das Reduzieren der industriellen Wertschöpfung in Deutschland nicht aufhalten können.
Sprecher 2: Und Sie sagen, wir müssen schneller und einfacher Leitungen bauen, als wir es bisher tun.
Sprecher 11: Ja, natürlich. Also wir haben halt aus Akzeptanzgründen hat man irgendwann entschieden vor Jahren in der Großen Koalition, nicht die Ampelregierung, die das entschieden hat, sondern die Große Koalition, dass man Erd verkabelt. Das führt zu enormen Kosten. Die Projekte, die jetzt angefangen wurden, wie den Südlink, den kann man nicht mehr anders bauen. Der muss jetzt erdverkabelt werden, aber es geht um die nächsten Generationen. Und das ist deswegen ein Problem, weil es nicht nur viel, viel teurer ist, Er zu verkabeln. waren auch viel teurer in der Unterhaltung. Da werden Muffen gebaut, um diese Kabel, die können nur maximal einen Kilometerabschnitt gelegt werden, dann kommt eine Muffe, das heißt 1000 Kilometer, also hunderte von Muffen, die gehen früher kaputt, wenn die kaputt gehen, muss aufgebuddelt werden, zusammengesetzt werden wieder, das heißt also in dem Betrieb, über die nächsten Generationen wird das unglaublich schwierig und teuer werden. Also ich kann nur alle dazu motivieren, das wirklich nochmal anzugehen. Und das ist auch Ländersache. Das ist in der Hand der Länder mit der Bundesregierung zusammen. Das kann so nicht bleiben. Wenn man erkennt, dass wir ein Kostenproblem haben. Wenn einem die Kosten egal sind, dann kann man es lassen, wie es ist.
Sprecher 2: Vielen Dank für diesen Appell an die Politik und auch diesen Einblick in den Maschinenraum der Energiewende. Vielen Dank, Herr Feicht.
Sprecher 11: Sehr gerne. Viel Freude gemacht. Dankeschön.
Sprecher 3: Michael, du warst gestern schon auf dem Weihnachtsmarkt am Trottensontag. Dreht sich dir da nicht dein christliches Herz rum?
Sprecher 2: Ja, ich musste wirklich, weil die Woche pickepacke voll ist, Helene, dringend noch das eine oder andere Adventskalendergeschenk organisieren. Und deswegen dachte ich, ich gehe auf diesen einen einzigen Öko-Weihnachtsmarkt im Grunewald, der irgendwie angeblich auf hat. Aber es war wirklich sehr enttäuschend. Da gab es irgendwie drei oder vier Händler und ehrlicherweise nichts, was man machen konnte. Also habe ich mit meiner Tochter einfach einen Punsch getrunken, Kekse gegessen und bin wieder nach Hause gefahren.
Sprecher 3: Weihnachtsmärkte, Michael. Ich bin wirklich eigentlich kein so großer Fan. Man friert irgendwie. Ich finde diesen Punsch wahnsinnig überzuckert. Und den Glühwein auch. Ja, völlig. Ich weiß, also irgendwie dieses Ganze.
Sprecher 2: Ich trinke weder Glühwein noch Punsch. Ich habe es für die normale Tochter zu lieben. Ich trinke Bier. Aber ich liebe schon diese Gesellschaft.
Sprecher 3: Ich treffe mich echt lieber woanders. Aber gut, es ist irgendwie...
Sprecher 2: Du, da wo Menschen zusammenkommen und die Lichter leuchten und die Musik trillert, da bin ich.
Sprecher 3: Da bist du, ja, Michael, nicht fern. Ja, verstehe ich auch, kann ich auch mir absolut vorstellen. Ich bin ja nicht so gesellig.
Sprecher 2: Von wegen, du. Genießen Sie jedenfalls. Wenn Sie heute Montagabend schon auf einen Wag gehen sollten, genießen Sie es. Entspannen Sie sich. Es muss langsam ruhiger werden in diesem Jahr. Ich bin dabei.
Sprecher 3: So, aber jetzt geht es erstmal los in diese neue Woche. Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind. Bis morgen. Tschüss.
Sprecher 2: Tschüss und auf Wiederhören.