Die VW-Krise
Dauer: 25:45

Die VW-Krise

Volkswagen plant drastische Sparmaßnahmen, die einen erheblichen Stellenabbau umfassen könnten. VW plant, bis zu 30.000 Arbeitsplätze in Deutschland zu streichen. Mindestens drei deutschen Werke sollen geschlossen werden.

Zusätzlich zu den Stellenstreichungen plant VW auch erhebliche Einsparungen bei den Gehältern. Es wird berichtet, dass die verbleibenden Mitarbeiter mit Gehaltskürzungen von bis zu 18 Prozent rechnen müssen


In Erfurt, Potsdam und Dresden nehmen Bündnisse mit dem BSW Gestalt an. Allen Bauchschmerzen zum Trotz haben CDU, BSW und SPD in Dresden weitere Gespräche angekündigt – und sind in Thüringen schon einen Schritt weitergegangen. Dort ist die vom BSW geforderte Präambel für einen Koalitionsvertrag präsentiert worden. Darin geht es um das Bemühen der künftigen Landesregierung, die Angst der Menschen vor Krieg zu benennen und sich für Frieden einzusetzen, ohne die Verortung des Landes in Europa und in der Nato in Frage zu stellen.  

In Brandenburg hat man sich ebenfalls auf eine Formulierung zur Außen- und Verteidigungspolitik geeinigt.

Wie der BSW-Europaabgeordnete Thomas Geisel die Verhandlungen beurteilt, hören Sie in dieser Ausgabe.


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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Zehntausende Jobs sollen wegfallen. Drei Werke in Deutschland sind in Gefahr. Der Sparplan von VW, den der Betriebsrat gestern bei einer Informationsveranstaltung öffentlich gemacht hat, der hat es in sich. Wer ist schuld? Die Politik, das Management, beide, der Markt. Wir sagen es Ihnen gleich. Nun raufen sie sich doch zusammen. In Thüringen beginnen heute Koalitionsgespräche zwischen BSW, SPD und CDU. Und in Brandenburg gibt es bereits ein erstes gemeinsames Bekenntnis von SPD und der Wagenknecht-Partei. Wir reden dazu mit Thomas Geisel. 40 Jahre lang war er SPD-Mitglied. Jetzt ist er für das BSW im Europaparlament. Was ist da los? Vor knapp zehn Wochen hat der Messeranschlag in Solingen die politische Diskussion im Land verändert. Die Migrationspolitik ist seitdem im Fokus. Es geht um Radikalisierung, um Integrationsprobleme, um Messerattentate. Aber wie sehen das eigentlich die Menschen mit Migrationsgeschichte, denen Solingen am Herzen liegt? Wir haben dazu mit dem in Deutschland lebenden irakischen Schriftsteller Najim Wali gesprochen. Er hat einen bemerkenswerten Roman geschrieben über Solingen. Viel los also an diesem Dienstag, den 29. Oktober. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Sprecher 3: Ja, die Stimmung ist deutlich schlechter als die Realität. Also sicherlich ist die deutsche Wirtschaft in einer schwierigen Situation. Aber meine größte Sorge ist der Pessimismus, die mentale Depression, in der sich Deutschland befindet. Und ja, Wirtschaft ist nun mal zu 80 Prozent Psychologie. Das ist die Situation im Augenblick, in dem der Pessimismus so stark ist, dass die Politik, aber auch die Wirtschaft in der Paralyse, also fast wie in der Lähmung sind.

Sprecher 2: Diese Worte stammen von Marcel Fratscher, seines Zeichens DIW-Chef, gestern früh im Deutschlandfunk. Wenige Stunden später kam die Eilmeldung, welche Folgen die Wirtschaftskrise bei Volkswagen ganz konkret haben könnte. Es ist also derselbe Marcel Fratscher, der die Deindustrialisierung vor nicht allzu langer Zeit noch als Popanz bezeichnet hat. Und sinngemäß sagte, es sei ja auch gar nicht so schlecht, wenn bestimmte Industrien verschwinden, das zwinge halt Unternehmen innovativ zu werden. Die Autoindustrie dürfte er nicht gemeint haben. Sie war und ist der Treiber des Wirtschaftslandes Deutschland. Bis heute sichert sie rund 800.000 Jobs im Land. Zwischenzeitlich stand sie sogar mal für knapp 5% der Wertschöpfung in der Bundesrepublik. Jeder fünfte Industriejob hängt irgendwie an dieser Branche. Und VW alleine bietet 120.000 Menschen in Deutschland Arbeit. VW. Ja, das war das Symbol. Wohl für die weltweit geachtete Made-in-Germany-Ökonomie. Volkswagen setzte mehr Geld um 320 Milliarden alleine 2023 als ganze EU-Staaten wie Rumänien, Tschechien, Finnland oder Portugal an nationaler Wirtschaftsleistung erzielt. Doch zu oft heißt es zuletzt auf der Welt nicht mehr Volkswagen mit Innenbrunst und mit Selbstbewusstsein, sondern eher... Volkswehr? Die Marke ist in der Krise, der Autobauer schlingert. Und der VW-Betriebsrat hat nun die Krise wirklich öffentlich gemacht. Zehntausende Arbeitsplätze sollen gestrichen werden oder ins Ausland ausgelagert werden. Drei Werke in Deutschland, vor allem Osnabrück, stehen auf dem Prüfstand. Das hat es noch nie gegeben. Dazu Gehaltskürzungen, Nullrunden, die ganze Krisenklaviatur. Und was sagt die Politik? Na klar, sie ruft als allererstes Managementversagen, zeigt auf die Vorstände in Wolfsburg und Olaf Scholz, der Kanzler, hat sich Minuten später gleich öffentlich eingelassen und VW aufgefordert, die Jobs zu erhalten. Ernsthaft? Die Krise von VW, sie hat sicherlich ein Managementgesicht, aber sie hat auch politische Gesichter. Der Reihe nach. Zunächst, ja, das Management hat dramatische Fehler gemacht. Es setzte viel zu sehr auf das China-Geschäft, ein echtes Klumpenrisiko. Der Vorstand, ja, er innovatierte zu wenig oder vielleicht auch falsch. Das digital vernetzte Auto mit Elektroantrieb, Sie wissen schon, diese Computerfirma, die dort auch zusätzlich noch Karosserie und Reifen dran gebaut hat, das ist es. Tesla geworden. Und in China, da haben die Co-Chefs von VW, die aus China kommen, über viele Jahre offenbar unbemerkt die Innovation und Fertigungstiefe ihrer deutschen Kollegen abgesaugt und inzwischen bauen sie gleich nebenan für BYD die deutlich besseren Autos, zumindest die deutlich besseren Elektroautos. Hinzu kommen hausgemachte Probleme. VW setzte drei Milliarden Euro bei der hauseigenen Softwarefirma in den Sand und sie setzten immer wieder unvollständig nur auf Elektro, während andere Autohersteller, Toyota, BMW oder Audi immer stets zweigleisig fuhren. Der Druck auf jeden Fall nur noch Elektro zu machen, er war groß. Und hier kommt die Politik ins Spiel, denn sie ist mindestens mitverantwortlich. Sie bestimmt im Aufsichtsrat mit, keine Entscheidung der letzten Jahre oder Jahrzehnte fand bei VW gegen das Land Niedersachsen oder den Gesamtbetriebsrat statt. Die Milliarden Dividenden, die ausgeschüttet wurden, sie gingen auch an das Land. Niedersachsen. Der Druck auf Elektro zu gehen, der war immer sehr, sehr besonders stark hier in Deutschland, ohne dass zugleich die Politik die Ladeinfrastruktur ausgebaut hat oder an die horrenden Energiekosten frühzeitig rangegangen ist oder endlich das Thema Lohnkosten angepackt hat. Die Lohnkosten in Deutschland, sie steigen weiter. Die Politik, sie macht es VW schlicht auch nicht einfach, hier in Deutschland zu produzieren. Währenddessen Toyota setzt auf Hybridfahrzeuge, wird zum relevantesten Auto. Autobauer der Welt und verkauft mehr denn je. Und dann kommt die Politik auch noch auf die Idee, die Förderung für die Elektroautos von heute auf morgen ohne Vorwarnung einzudampfen. Ausgerechnet für die Elektroapologeten im VW-Vorstand, denen die Politik ja den Rücken stärken wollte, war das ein Schlag ins Gesicht. Die Folge, selbst wohlmeinende Elektrokäufer in Deutschland halten sich zurück und warten, ob nicht doch demnächst noch wieder eine andere Förderung kommt. Also was VW jetzt braucht, ist klar, ein Masterplan, der den Elektro-Golf genauso möglich macht für die Massen wie den Hybrid-SUV, der eben in anderen Märkten auf der Welt gekauft und gewollt wird. VW braucht dringend schlankere Strukturen und effiziente Produktionsbedingungen. Ja, das kann dann auch ein Werk wie Osnabrück treffen, das nie wirklich ausgelastet war. Dazu braucht es vor allem aber günstige Energiekosten, wettbewerbsfähige Energiekosten, niedrige Lohnnebenkosten und natürlich eine sinnvolle E-Auto-Förderung, wie es sie in Frankreich oder den USA längst gibt. Was es allerdings gar nicht braucht, sind Ratschläge aus der Berliner Republik. Wächst da zusammen, was zusammengehört? In Brandenburg will die Wagenknecht-Partei BSW jetzt mit der SPD zusammengehen. Erstaunlich geräuschlos räumte man auch die internationalen Problemchen wie, wie verhält man sich zur Ukraine, aus dem Weg, indem man ein paar Formelkompromisse in die Präambel schreiben ließ. Und in Thüringen, auch dort beginnt heute am Dienstag zwischen BSW, CDU und SPD nun so etwas wie ein Koalitionsgespräch. Der Ukraine-Krieg wird dabei auch in Thüringen ganz sorgsam rhetorisch umschifft. Ja, mit einem Aufruf zur Diplomatie, na klar, aber der Aggressor, er wird auch klar benannt. Und die Stationierung der US-Mittelstreckenraketen, das, was Sarah Wagenknecht so wichtig war, hier niemals passieren darf, das wird im ersten Sondierungspapier nicht ausgeschlossen. Wie passt das da jetzt alles also wirklich zusammen? Das wollte ich mal von einem Mann wissen, der erst vor kurzem in die BSW eingetreten ist und schon für sie im Europaparlament sitzt. Thomas Geisel, über vier Jahrzehnte SPD-Politiker, ehemaliger Oberbürgermeister in Düsseldorf und jetzt für das BSW im Europaparlament. Einen schönen guten Tag. Hallo, lieber Herr Geisel. Hallo, Herr Brücker. In Brandenburg ziemlich geräuschlos. Erste gute Gespräche zwischen SPD und BSW und jetzt auch das Go in Thüringen. Kommt da zwischen SPD und BSW zusammen, was zusammengehört, lieber Herr Geisler? Also ich...

Sprecher 4: Ich würde mal so sagen, zunächst mal haben beide Parteien Verantwortung für das Land und haben Verantwortung dafür, dass eine stabile Regierung zustande kommt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass genügend von diesen sogenannten Schnittmengen da sind, dass eine stabile Regierung zustande kommen kann.

Sprecher 2: Sie waren 40 Jahre in der SPD. Was haben Sie beim BSW, was Sie bei der SPD jetzt nicht mehr hatten?

Sprecher 4: Ich habe ja immer gesagt, ich bin mein Leben lang, werde ich Sozialdemokrat bleiben. Leider gibt es nicht mehr allzu viele davon in der SPD. Ich finde vieles wieder, was durchaus in sozialdemokratischen Traditionen von Helmut Schmidt und Willy Brandt. Linkt beim BSW.

Sprecher 2: Eins finde ich da aber nicht wieder. Immerhin sind Sie ja ein Amerika-Freund. Sie haben 1988 in den USA Ihr Studium abgeschlossen, waren danach in der McCloy-Akademie in Harvard und sind ja durchaus Amerika-affin, würde ich sagen.

Sprecher 4: Absolut. Und jetzt hat das... Mit den schönsten Jahren meines Lebens in Amerika verbracht.

Sprecher 2: Sehen Sie, Herr Geisel, und jetzt haben Sie mit dem BSW so einen richtig anti-amerikanischen Club, dem Sie dabei gedreht sind.

Sprecher 4: Also ich sage Ihnen ganz ehrlich, weil ich ein Freund Amerikas bin, schätze ich sehr, dass die Amerikaner die machende Politik, die interessenorientiert ist. Und die respektieren auch, wenn wir klar zum Ausdruck bringen, dass es in bestimmten Gebieten unterschiedliche objektive Interessen zwischen Deutschland und Europa und Amerika gibt. Das heißt nicht, dass wir die Amerikaner nicht mögen. mögen. Das heißt nicht, dass wir die Amerikaner als Gegner sehen, aber das heißt, dass man, wie soll man sagen, auf der Grundlage von Interessen Kompromisse finden kann, wo sich jeder so einigermaßen wiederfinden kann. Ich sehe im Moment eher, dass wir gar nicht in der Lage sind, unsere eigenen Interessen zu definieren und die auch gegenüber Amerika selbstlos zum Ausdruck zu bringen.

Sprecher 2: Nichts gegen eigene Interessen, aber die Beschimpfung des Partners ist ja schon auch die Sache der Frau Wagenknecht. Immerhin sagt sie ja, der Kanzler, der vor einem Jahr auch noch ihr Kanzler war, sei der Vasallenkanzler der USA. Ist das auch ihr Glaube?

Sprecher 4: Wenn ich mir etwa das Thema anschaue mit der Stationierung neuer Mittelstreckenwaffen. Ich darf daran erinnern, als Cruise Missiles und Pershing II Raketen in Deutschland stationiert wurden im Jahre 1983, hat Helmut Schmidt es erstens an die Bedingungen geknüpft, dass sie nur dann stationiert werden, wenn die Sowjetunion nicht bereit sein würde, sich auf ein generelles Verbot von Mittelstreckenwaffen in Europa zu verständigen. Und zweitens hat Helmut Schmidt klar gesagt, natürlich nur mit Zustimmung des Deutschen Bundestages. Notabene, wir waren damals ja noch unter dem Besatzungsstatut, oder jedenfalls noch kein vollständig souveräner Staat. Heute sind wir ein souveräner Staat und der Bundeskanzler besteht noch nicht einmal darauf, dass der Deutsche Bundestag darüber entscheidet, ob diese Waffen stationiert werden oder nicht.

Sprecher 2: Jetzt gibt es zwei Papiere, die in Brandenburg und in Thüringen geschrieben wurden, um BSW und SPD oder CDU zusammen. In dem einen ist klar die Rede davon, man müsse Initiativen finden, diplomatische Initiativen, um den Krieg zu beenden. Ich glaube, das würden alle unterschreiben. Aber da ist auch die Rede von einem entfesselten Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. In dem anderen Papier steht dazu so nichts. Die Formulierung, die Verschärfte aus Thüringen, ist das eine, mit der Sie gut leben können?

Sprecher 4: Ich muss ehrlich sagen, ich kann mit jedem Papier leben, das sich klar dafür ausspricht, dass alle Anstrengungen unternommen werden müssen, um diesen Krieg zu beenden. Ich darf darauf hinweisen, übrigens auch im unmittelbaren landespolitischen Interesse. Also man muss ja mal eine sehen, ursächlich. Für die Wirtschaftssanktionen, die uns in Deutschland mehr schaden als Russland und die insbesondere in den neuen Bundesländern noch größeren Schaden anrichten, als es da natürlich historisch bedingt besonders enge Verflechtungen mit der russischen Wirtschaft gab. Ursächlich ist dieser Krieg und diese Sanktionen können nur dann revidiert werden, wenn dieser Krieg beendet wird. Und deswegen ist es auch im unmittelbaren wirtschaftspolitischen Interesse gerade der neuen Bundesländer, dass die Diplomatie jetzt wieder die Hoheit erlangt und dass alles unternommen wird, um diesen Krieg zu beenden.

Sprecher 2: Letzte Frage, Herr Geisel. Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass in Werder an der Havel oder in Gera oder in Erfurt über die großen Fragen der internationalen Politik mitentschieden wird?

Sprecher 4: Ich glaube, es gibt durchaus einen unmittelbaren landespolitischen Bezug, was das Thema Wirtschaft betrifft. Sanktionen und Schaden für gerade die ostdeutsche Wirtschaft angeht. Und etwa was das Thema Stationierung neuer Mittelstreckenwaffen angeht, dann geht es ein bisschen auch um unser demokratisches Selbstbewusstsein in Deutschland. Das ist das, was ich sagte, in einer souveränen Nation können nicht andere Nationen darüber bestimmen, ohne Beteiligung unserer eigenen demokratischen Gremien, welche Waffen hier stationiert werden. Von daher ist es durchaus ein Punkt, der sehr, sehr legitimerweise und im Interesse dieser Länder Gegenstand von Koalitionsverträgen sein kann.

Sprecher 2: Wir werden sehen, was aus diesem Bündnis wirklich wird. Vielen Dank jedenfalls an diesem Morgen. Vielen Dank, Thomas Geisel.

Sprecher 4: Sehr gerne.

Sprecher 2: Soling ist seit dem 23. August die Stadt des Messeattentats. Die Stadt auch, ja, der gescheiterten Integration, wenn man sich die öffentliche Berichterstattung anschaut. Eine gebeutelte Stadt, denn schon vor 31 Jahren machte Soling bekanntlich Schlagzeilen, als fünf türkischstämmige Frauen und Mädchen bei einem Brandanschlag ermordet wurden. Es war die folgenschwerste rassistische Tat nach monatelangem Angriff auf Flüchtlinge und Migranten. Diese Stadt, sie kommt nicht zur Ruhe. Markus Bickel, Redaktionsleiter vom Security Table, hat mit dem in Deutschland lebenden irakischen Schriftsteller Najim Wali genau über Solingen gesprochen, über die Stadt der Klingen. So heißt nämlich sein Roman, in dem es um Flucht geht, um Migration und Integration und der erstaunliche Parallelen zur Realität aufweist.

Sprecher 5: Guten Morgen, Najem Wali. Ich freue mich sehr, dass Sie hier zu Gast sind im Table Briefings Podcast. Gerade ist ihr neuer Roman herausgekommen, Stadt der Klingen. Eine Geschichte, die in Solingen spielt, eine Geschichte von Liebe und Hass und eine Geschichte, in der ein Dolch in der Messerstadt Solingen eine wichtige Rolle spielt. Sie haben für Ihren Roman wochenlang in Solingen recherchiert. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Anschlag Ende August hörten?

Sprecher 6: Ja, ich war natürlich schockiert. Ich hatte auch ein schlechtes Gewissen. weil seitdem mein Roman erschienen ist im März dieses Jahres, ist viel Unglück in dieser Stadt passiert. Es war erstmal ein Brand in einem Haus, dann hat man gesagt, es war in der Drogenmilieu und dann gab es noch ein Attentat mit Messer und dann gab es diese Schleuserbande. Affäre. Und dann kam diese Messerattacke. Ich war entsetzt, weil ich die Stadt auch kenne, wie die Stadt gegen diesen Ruf auch kämpft. Aber es scheint, die kommt nicht aus dieser Messergeschichte raus.

Sprecher 5: 1993, nach den Anschlägen von Solingen, von Meulen, von Rostock, von Hoyerswerda, gab es schon mal eine Migrationsdebatte, die jetzt auch nach dem Anschlag von Solingen wieder ausgebrochen ist. Kommt Ihnen das wie ein Flashback vor?

Sprecher 6: Jetzt bin ich in Deutschland 44 Jahre. Ich habe zwei Sachen in Deutschland immer gehört. Sparen. Wir müssen sparen, selbst wenn wir jetzt Umsatz machen, wie bei Steuereinnahmen, sagen wir mal 70 Milliarden, dann sagen wir, das ist toll, 70 Milliarden, aber wir müssen aufpassen, sparen. Also das ist das erste Wort, das ich gelernt habe, sparen. Und das zweite war die Migration. Also diese Migration. Nicht heute, auch in den 80ern war das Problem, obwohl keine große Migration war. Und heute, wenn man von Migration redet, da redet man auch nicht die ganze Wahrheit. Man redet nicht von einer Million Ukrainer, fast einer Million Ukrainer, die in Deutschland leben. Da muss man wirklich mit klaren Worten reden. Außerdem redet man nicht von den positiven Integrationbeispielen. Nehmen wir mal, selbst in Thüringen, wenn man jetzt guckt. Ich habe neulich die Statistik gesehen, also über 40 Prozent in Krankenhäusern, Ärzte. Sind ausländische Erze. Stellen Sie sich vor, wenn Sie ausfallen. Oder in der Gastronomie, 70% in der Gastronomie, die da arbeiten, sind auch ausländische Hilfskräfte. Die Politik macht nur Angst wegen Wahlen. Und da sage ich, wenn jetzt die demokratischen Parteien auch die Parolen von der AfD wiederholen, Dann frage ich mich als Bürger, warum wähle ich nicht original? Dann wähle ich AfD, warum soll ich CDU oder CSU wählen?

Sprecher 5: Sie haben sich auch in Ihrem Werk mit Israel befasst, sind als irakischer und deutscher Staatsbürger nach Israel gereist, haben dafür von arabischer Seite sehr viel Kritik bekommen. Jetzt wirkt ja der Krieg in Gaza wie ein Brandbeschleuniger für die Radikalisierung von jungen Muslimen. Verstehen Sie diesen Zorn?

Sprecher 6: Ja, der Zorn ist, ich verstehe diesen Zorn. Also wenn Sie die Bilder sehen, das sind nur junge Männer, die auf der Straße, auch in Jenin. In Gaza sind Familien mehr betroffen. Auch viele Unschuldige dabei, auch viele gegen Hamas, auch einige. Diese Fälle erwähnt man auch nicht. Ingenien und so, das sind Männer, verzweifelte Männer, arbeitslose Männer vielleicht. Man hat auch diese Integration, sagen wir mal, nicht auf der wirtschaftlichen Ebene geschafft, dass wenn man beschäftigt ist und Arbeit hat und Familie hat, kümmert man sich nicht um Attentate oder wird man auch nicht radikalisiert. Das verstehe ich, aber das ist auch nicht der richtige Weg. Klar, das ist anders.

Sprecher 5: Und das führt auch zu mehr Spaltung hier in Deutschland zwischen unterschiedlichen Milieus, zwischen arabischen, palästinensischen, syrischen und biodeutschen Milieus?

Sprecher 6: Ja, das führt hier zu Spaltungen, weil je nachdem, auch unter den Jungen, woher sie kommen, zum Beispiel die jungen Männer, die aus Iran kommen, weil sie gegen Iran sind, dann sind sie automatisch auf Seite Israel. Und wenn jetzt palästinensische Jungen hier, dann sind sie automatisch auf Seite der Palästinenser. Vergessen Sie nicht, das ist ein Problem von Generationen, also nicht direkt mit der Politik zu tun hat. Die zweite Generation von Migranten haben sich an der Arbeit integriert. Also bei der dritten Generation fing es an und sie gucken ihre Väter als aufgegebene Feiglinge, die sich an dem System integriert haben. Und die jungen Leute haben sich radikalisiert, auch durch die Globalisierung, sagen wir mal, weil in den 80ern... hatten wir nur zwei Fernseher oder drei Fernseher-Channels. Haben wir ARD, CDF und Lokal-Länder-Programme. Heute haben wir Satelliten und wenn jetzt ein Hassprediger sitzt in Doha, in Katar und predigt gegen den Westen, dann hört der Junge diese Hasspredigt und... Eben nimmt er alle diese Hassworte auch mit auf. Ja, eine Spaltung gibt es. Aber es gibt auch gute Beispiele. Ich glaube, in jeder Institution findet man auch Gänsefüchse, integrierte Leute oder junge Leute, die genau wie du und ich leben und arbeiten.

Sprecher 5: Auch Sie sind ein erfolgreiches Beispiel von Integration in Deutschland, auch wenn Sie das Wort nicht mögen. Sie sind 1980 über die Balkanroute, auch wenn es damals noch nicht so hieß, nach Deutschland gekommen. Wenn Sie zurückschauen auf das Jahr 2015, ist jetzt fast zehn Jahre her, als sich Hunderttausende Ausjüdien aus dem Irak Richtung Deutschland, Richtung Europa begaben. Ist das jetzt eine Erfolgsgeschichte oder ist auch ein bisschen das Glas nur halb leer?

Sprecher 6: Erfolgsgeschichte für wem?

Sprecher 5: Für die Syrer, Syrerinnen, Irakerinnen und Iraker, die gekommen sind?

Sprecher 6: Nein, das ist keine Erfolgsgeschichte. Als ich kam in der Zeit der 80er, war ich für die Mädchen in der Uni Amr al-Sharif. Also wenn man von nach Osten redet, war Amr al-Sharif. Und sie kamen in eine Zeit, wo man von Bilad in Saddam Hussein Kad. Dafür als Beispiel. Da haben sie schlechte Karten von vorne heran. Und sie sind auch reingelegt worden von den Schleppern. Weil die Schlepper versprechen denen Paradies hier. Sie sagen zu denen drei Monate. Das sind die Geschichten, die ich damals in der Domini dokumentiert habe in meinem Buch. Sie sagen zu denen drei Monate kannst du deutscher Staatsbürger sein, dann kriegst du ein Haus, kriegst du ein Auto. Hier kommt die Mittelschicht. Also kommen keine armen Leute. Das ist die Mittelschicht, die alles verkauft. Die Jungen von Mittelschicht, weil du musst mindestens, ich weiß es nicht, je nachdem auf welchem Weg du kommst, der Preis wird bestimmt. Also du gibst 2000 Dollar, 3000 Dollar, woher hast du das Geld, wenn du aus der Mittelschicht kommst? Und deshalb, sie sind reingelegt worden. Ja, und wir in Europa sagen, hier ist Paradies. Warum soll man nicht in Richtung Paradies gehen?

Sprecher 5: Das ist ein schönes Schlusswort, auch wenn es vielleicht nicht der erfolgreiche Weg ins Paradies für viele war.

Sprecher 6: Ja, aber das ist die Realität.

Sprecher 5: Vielen Dank, Najem Wali, mit seinem neuen Roman Stadt der Klingen, heute hier bei uns zu Gast, der Vizepräsident von Penn Deutschland. Herzlichen Dank.

Sprecher 6: Dankeschön.

Sprecher 2: Am Donnerstag, Sie freuen sich sicherlich, wir feiern einen wichtigen Tag. Sie wissen ja, was ich meine. Reformation, richtig, Luthers Thesen, die Reform der Kirche. Ach so, Sie meinten Halloween. Das feiern wir allerdings auch, wenn man mal in den Supermarkt guckt. Süßes oder Saures in jedem Regal, Kürbis, Deko und Gruselaccessoires. Aber wissen Sie, was man im Supermarkt neuerdings auch sieht? Weihnachtsartikel. Zur Erinnerung, wir haben Ende Oktober und schon stehen sie dort, die Lebkuchen und die Adventskalender. Geht das jetzt jedes Jahr noch früher los, habe ich mich da gefragt. Und tatsächlich, eine Studie der britischen Zeitung The Guardian hat jetzt gezeigt, dass unser Gefühl nicht täuscht. Die Briten, sie nennen es Christmas Creep, also frei übersetzt sowas wie das Einschleichen von Weihnachten. Demnach sind diese beliebten Weihnachtsleckereien in einigen Teilen Europas schon Ende September in den Läden. Und auch die Weihnachtssets kommen nach dieser Untersuchung immer früher in die Charts. Letztes Jahr waren es in der Woche um den 10. November bereits zwei Songs in den britischen Top 40, wie zum Beispiel dieser hier.

Sprecher 7: Last Christmas, I got a new car.

Sprecher 2: Und natürlich auch der Klassiker von Mariah Carey. Das jedenfalls am 10. November schon Weihnachtslieder hören, das war früher wirklich anders. Deswegen zum Abschied von mir natürlich auch keine Christmas-Klänge hier, sondern passend zu dieser Woche die maximal gruselige Halloween-Melodie zum Abschluss. Sie wissen, 1978, John Carpenter. Einen gruselfreien Tag wünscht Michael Bröker. Ich hoffe, Sie sind morgen früh auch wieder dabei. Bis dahin. Ciao, ciao.