Der Gipfel bei Scholz - Was die Wirtschaft braucht
Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands BDA, Steffen Kampeter, fordert ernsthafte Reformen bei den Strukturen. „Statt die strukturellen Reformen anzugehen, schüttet man Geld auf Probleme“, kritisiert der ehemalige CDU-Finanzstaatssekretär die Vorschläge für neue Schuldenfonds. Die Ampel habe eine Verantwortung und auch eine Pflicht für klares Handeln zur Stärkung der Wirtschaft, sagt Kampeter im Gespräch mit Helene Bubrowski.
Bundeskanzler Olaf Scholz will offenbar bei dem Industriegipfel am Dienstag im Kanzleramt eine weitergehende Entlastung der Wirtschaft bei den Netzentgelten vorschlagen. Bisher genießen nur die energieintensiven Industrien eine Privilegierung bei den staatlichen Gebühren zur Nutzung des Stromnetzes (rund 1 Milliarde Euro). Eine Erweiterung dieses Rabattes ist nun angedacht, heißt es in vorbereitenden Gesprächen mit Vertretern der Wirtschaft, wie Table.Briefings erfuhr.
Table.Briefings - For better informed decisions.
Sie entscheiden besser, weil Sie besser informiert sind – das ist das Ziel von Table.Briefings. Wir verschaffen Ihnen mit jedem Professional Briefing, mit jeder Analyse und mit jedem Hintergrundstück einen Informationsvorsprung, am besten sogar einen Wettbewerbsvorteil. Table.Briefings bietet „Deep Journalism“, wir verbinden den Qualitätsanspruch von Leitmedien mit der Tiefenschärfe von Fachinformationen.
Professional Briefings kostenlos kennenlernen: table.media/registrierung.
Audio-Werbung Table.Today: jan.puhlman@table.media
Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.
Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Ein Minus bei Wachstum und bei Produktivität, vor allem in der Industrie. Ein dickes Plus bei den Arbeitslosenzahlen. Deutschlands Wirtschaft steckt in einer handfesten Krise. Und Olaf Scholz hat eigentlich gar keine andere Chance, als sich allmählich zum Genossen der Bosse aufzuschwingen. Kann das gut gehen, der neue Industriekanzler? Darüber reden wir gleich. Drei Koalitionspartner, drei völlig unterschiedliche Wege, wie sie aus dieser Misere herauskommen wollen. Die Ampel, sie ist zerstritten. Doch die Wirtschaft braucht vor allem eins, Planungssicherheit. Und was sagen eigentlich die Arbeitgeber in diesem Land zur Situation der Ampel? Was wünschen sie sich von der Bundesregierung? Eins jedenfalls nicht, nämlich mehr Geld über alte Probleme schütten. So sagt es Steffen Kampeter, der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Er hat mit Helene Bubrowski darüber gesprochen, was aus seiner Sicht jetzt getan werden muss. Die Woche geht mal wieder gut los. Sie müssen jetzt wieder mit mir Vorlieb nehmen. Mein Urlaub ist nämlich beendet. Ich bin frisch gestärkt und wünsche deswegen Helene ein paar Tage Erholung und danke ihr für diese wunderbar informative vergangene Woche. Es ist Montag, der 28. Oktober. Los geht's.
Sprecher 3: Guten Abend, meine Damen und Herren. Die Bundesregierung zeigt sich angesichts deutlich steigender Arbeitslosenzahlen alarmiert.
Sprecher 4: Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Phase der Stagnation. Nahe bei einem Nullwachstum.
Sprecher 5: Wir müssen die Steuer- und Abgabenlast senken. Was die Abgaben angeht, geht es vor allen Dingen um die Lohnnebenkosten, die dringend herunter müssen.
Sprecher 4: Man brauche insgesamt mehr Unternehmen in Deutschland, sagte Clement, mehr private und mehr öffentliche Investitionen.
Sprecher 3: Als Konsequenz aus den gescheiterten Bemühungen um eine Neuauflage des Bündnisses für Arbeit setzt die Bundesregierung nun auf einen Alleingang in der Beschäftigungspolitik.
Sprecher 5: Mit einem grundlegenden Umbau des Sozialstaates will Bundeskanzler Schröder in Deutschland für Aufbruchstimmung sorgen.
Sprecher 6: Es gibt gelegentlich Maßnahmen, die ergriffen werden müssen. Die nicht Begeisterung auslösen, übrigens auch bei mir nicht, meine Damen und Herren. Und trotzdem müssen sie sein und deswegen werden wir das auch umsetzen. Der große Wurf für die Bundesrepublik Deutschland ist das mit Sicherheit nicht.
Sprecher 4: Jeder, der sich abweichend verhält, muss wissen, dass es um sehr viel geht.
Sprecher 3: Ja, das waren Ausschnitte unter anderem aus Tagesschau-Sendungen aus dem Jahr 2003. Sie erinnern sich, es waren die Monate, bevor ein gewisser Kanzler Gerhard Schröder die Agenda...
Sprecher 2: 2010 verkündete. Deutschland, der kranke Mann Europas, rezessive Tendenzen, Arbeitslosenzahlrekorde. Es ging unserem Land gar nicht gut. Und einiges klingt heute doch wieder ähnlich. Deutschland steckt wieder einmal in der Rezession. Die Arbeitslosigkeit, auch sie, steigt wieder allmählich an. Aber vor allem ist die Stimmung in der Wirtschaft mies. Vor allem in der Industrie. Da muss also der Kanzler Tatkraft beweisen. Und was für Gerhard Schröder einst die Agenda war, die Agenda 2010 wohlgemerkt, das ist für Olaf Scholz die industriepolitische Agenda, die er vergangene Woche im Bundestag angekündigt hat. Und ähnlich dem Bündnis vor Arbeit, das Schröder 98 ins Leben rief, allerdings auch ein paar Jahre später scheiterte, will Scholz nun eine Art Bündnis für Industrie. Morgen am Dienstag kommen im Kanzleramt Vertreter der Regierung, der Wirtschaft und der Industriegewerkschaften zusammen. Damals bei Schröder ging es vor allem um Kündigungsschutz, um Lohnnebenkosten. Jetzt geht es vor allem um die Kosten für Energie. Denn unser Land, unsere Wirtschaft, sie ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Ja, und das Herz in dieser Wirtschaftsnation Deutschland, das ist die Industrie. Es schlägt allerdings nur noch schwach. Immerhin 20 Prozent der Wertschöpfung wird von ihr, von der industriellen Produktion in diesem Land beigetragen. Übrigens doppelt so viel wie in den USA. Aber die Produktivität, sie sinkt seit 2017. Und laut einer aktuellen Studie des BDI, also des Bundesverbands der deutschen Industrie, ist ein Fünftel der industriellen Produktion hier in Deutschland. Akut bedroht. Hohe Kosten, schwache Auslandsnachfrage, viel Bürokratie und ein Zerbröseln der Geschäftsmodelle in der Transformation. Immerhin sind allerdings 30 Prozent und damit fast jeder dritte Erwerbstätige im produzierenden Gewerbe tätig. Deutschland muss also was tun, denn wenn die Industrie eine Erkältung bekommt, dann liegt das ganze Land flach. Und deutsche Industrieunternehmen, sie sind es, die immer noch drei bis fünfmal höhere Gaspreise zahlen müssen als Wettbewerber in China und in den USA. Die Strompreise für deutsche Industrieunternehmen, sie liegen 30 bis 100 Euro pro Megawattstunde über denen der wichtigsten Wettbewerber in Asien oder Amerika. All das kommt zu der ohnehin ja hohen Steuerbelastung noch dazu. Sie wissen ja, etwa 30 Prozent für Kapitalgesellschaft in unserem Land. Im OECD-Mittel liegt man bei unter 25 Prozent. Die Arbeitskosten sind... Viermal so hoch wie in China. Wie soll dieser Wettbewerb also mit den aufstrebenden fernöstlichen Industrieunternehmen eigentlich funktionieren? Und mit der Bürokratie, Sie ahnen es, ich will damit gar nicht erst anfangen. Die Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen, diese Zahl will ich Ihnen aber nicht vorenthalten, die dauern immer noch 25 Monate. Und Deutschland liegt bei der Digitalisierung der Verwaltung auf Platz 44 von 193 Ländern weltweit. Immerhin noch knapp vor Rumänien und Italien. So die düsteren Fakten. Und Olaf Scholz, der weiß natürlich, dass er nächstes Jahr gar keine Chance bei der Bundestagswahl hat, wenn er nicht allmählich mit seiner Regierung ein Wirtschaftspaket hinbekommt, das die Wirtschaft wirklich wieder nach vorne bringt. Eine Ruckrede alleine, damit ist es schon lange nicht mehr getan. Wir brauchen eine echte Reformagenda. Und immerhin, Olaf Scholz, er will morgen am Dienstag mit den Industrievertretern eine Sache schon mal tun, nämlich die Energiekosten absenken. Es soll um die Netzentgelte gehen, also die Gebühren, die Unternehmen bezahlen für den Stromnetzausbau in diesem Land. Ein detaillierter, konkreter Vorschlag, der sogar, und Achtung, bei Grünen und bei der FDP auf eine gewisse Gegenliebe stoßen könnte. Alle Details dazu lesen Sie im Berlin-Table unserem Late-Night-Hauptstadt-Briefing. Können Sie kostenlos übrigens bestellen. Einfach bei table.media slash Berlin anklicken. Der Gipfel beim Kanzler, dazu ein separater Gipfel des FDP-Finanzministers mit Vertretern von Wirtschaftsverbänden. Und dann hat ja auch noch Robert Habeck seinen Plan vorgelegt. Sie sehen also drei Koalitionsparteien, drei Wege, wie man aus dieser Krise herauskommen will. An das hat man sich inzwischen bei dieser Bundesregierung ja gewöhnt. Was sagen eigentlich jene, die die Jobs vergeben in diesem Land, die die Arbeitsplätze schaffen sollen, die Arbeitsplätze sichern sollen, also die Arbeitgeber? Bei dem Industriegipfel des Kanzlers ist der BDA, also die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, nicht dabei. Bei uns allerdings schon. Hier bei Table Today haben wir Helena Bubrowski mit dem Hauptgeschäftsführer des BDA, Steffen Kampeter, darüber gesprochen, was jetzt Not tut, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Los geht's.
Sprecher 7: Hallo Herr Kampeter.
Sprecher 8: Hallo und herzlichen Dank für die Einladung.
Sprecher 7: Ja, sehr gerne. Wir wollen reden über die Wirtschaftspolitik der Ampel und auch über die Arbeitspolitik, denn Arbeit und Wirtschaft gehören ja zusammen. Zunächst einmal, man hat den Eindruck, alle paar Tage verkündet ein Ampelmitglied eine neue Agenda zur Rettung und Mobilisierung der Wirtschaft, ist dann aber mit den anderen Ampelparteien jeweils nicht abgesprochen. Was halten Sie erstmal vom Stil her von diesem Vorgehen?
Sprecher 8: Das verwirrt und nützt dem Standort überhaupt gar nicht. Verwirrend insoweit, als dass man... Ich so richtig weiß, wer spricht jetzt gerade, die Parteipolitik oder die Bundesregierung. Das raubt auch Zeit, weil das auseinanderzuklauben in den Anleihen von Gipfeln, deren Titel zwar immer Gipfel lauter die, aber teilweise eher Belanglosigkeiten zum Inhalt haben. Das ist ja die Abwesenheit von Handeln. Miteinander reden ist wichtig, aber dann entscheiden, auch wichtig. Aber vor allen Dingen Handeln, Ausrufezeichen. Daran mangelt es, da ändert kein Strategiepapier dran etwas. Geronnene Politik findet sich vor allen Dingen im Bundesgesetzblatt wieder und nicht in den Zeitungsblättern.
Sprecher 7: Schauen wir uns die verschiedenen Vorschläge mal an, die da jetzt auf dem Tisch liegen. Der jüngste kommt von Robert Habeck, dem Bundeswirtschaftsminister. Ein sogenannter Deutschlandfonds soll aufgelegt werden. Und da kann man das überschreiben mit 10% auf alles. Also wer investiert, bekommt 10% am Ende ersetzt. Ist das nicht eigentlich eine gute Idee?
Sprecher 8: Das Habeck-Papier setzt ja nicht nur bei der Finanzierung auf, sondern hat ja eine ganze Reihe von anderen Dingen. Sie ist pro Technologie. Pro Liberalisierung in bestimmten Bereichen. In der Situationsanalyse ist die Sache sehr, sehr ordentlich aufgebaut. Aber der einzige Vorschlag, den er dann daraus ableitet, ist, Geld auf Probleme zu schütten, anstatt Probleme zu lösen. Das ist, glaube ich, eine sehr beliebte Strategie in der Ampel, dass man statt die strukturellen, grundlegenden Reformen anzugehen, wo es möglicherweise an politischem Mut oder Mehrheiten wackelt, schüttet man Probleme aufs Geld. Beispielsweise... Wenn man Energiequellen abschaltet, dann subventioniert man die Energiepreise runter. Wenn man Vorruhestandsanreize setzt, anstatt die Vorruhestandsanreize zu beenden, setzt man Prämien aus für längeres Arbeiten. Das gleiche gilt beispielsweise für die sogenannte Asch-Hochprämie, wo Leute eine Prämie kriegen, damit sie keine Sozialtransfers mehr in Anspruch nehmen. Das ist völlig skurril, das ist irrational. Das bedeutet ja eigentlich nichts anderes. Wir haben das Problem erkannt. Wir sind nicht in der Lage, es zu lösen, außer Geld draufzuschütten. Und das ist eine irrationale Politik. Das führt ja zu den ganzen Dingen, die wir derzeit haben, dass alle sagen, wir müssen mehr Schulden machen. Ich würde mal sagen, Politik geht auch ohne Geld.
Sprecher 7: Ampel-Politiker, wenn sie jetzt hier säßen, würden sagen, nein, das stimmt nicht, wir tun doch ganz viel Fachkräfteeinwendung, Bürokratieabbau und all das, was Geld ausgeben anbelangt, war es ja gerade die GroKo, die das zu ihrem Politikstilmerkmal gemacht hat, dass sie Konflikte mit Geld zugeschüttet hat. Ist da nicht auch was dran?
Sprecher 8: Die Analyse stimmt. Im Rückspiegel betrachtet sind die Strukturprobleme, die ich beklage, nicht nur von dieser, sondern sicherlich auch in der Vorgängerregierung in der letzten Legislaturperiode entstanden. Aber die Suche nach den Schuldigen entbindet nicht von Handeln hier und jetzt. Und immer zu sagen, die Probleme gab es schon früher, stimmt. Aber das als Entschuldigung zu nehmen, heute nichts zu machen, beziehungsweise zu sagen, wir lösen die Probleme, indem wir Subventionierung ausbauen, indem wir Prämien ausloben, indem wir Deutschlandfonds, für die es keine Mehrheit im Parlament gibt, ankündigen. Das ist das Gegenteil von verantwortlichem Handeln. Regierungsauftrag heißt auch Regierungsverpflichtung und die Ampel erfüllt diesen Auftrag unzureichend. Sie fühlt sich offensichtlich nicht in der Pflicht, die notwendigen Entscheidungen auch durchzusetzen und im Parlament für Mehrheiten zu sorgen. Das ist schwierig, aber wer regieren will, muss auch Schwierigkeiten lösen.
Sprecher 7: Haben Sie eigentlich persönlich ein ganz gutes Verhältnis zu Habe? Kommen Sie mit ihm so klar? Haben Sie das Gefühl, er hat ein offenes Ohr für Ihre Position?
Sprecher 8: Wir als Arbeitgeberorganisation arbeiten mit den Regierungen, die die Bürgerinnen und Bürger wählen, gut zusammen. Und das hat weniger mit persönlichen Sympathien und Antipathien zu tun, sondern mit professionellem Umgang, manchmal mit Vertraulichkeit, manchmal natürlich auch mit öffentlichem Streit. Wir hatten ja jetzt gerade den Arbeitgebertag und Arbeitgeberpräsident Rainer Durger hat mit dem Kanzler Klartext geredet. Unsere Botschaft lautet, wir können was. Deutschland kann vieles, aber man muss uns nur lassen. Und Robert Habeck hat diese Botschaft auch mitgenommen und möglicherweise...
Sprecher 7: Am nächsten Tag kam dann sein Papier. Am nächsten Tag kam sein Papier. Hat offenbar schnell gehandelt, oder?
Sprecher 8: Ja, also ich glaube, das war schon vorher fertig. Aber Papiere sind noch keine Gesetze und keine Mehrheiten im Bundestag und Bundesrat. Und daran mangelt es eigentlich. Oder wie Rainer Dürgers gesagt hat, er glaube an bestimmte Dinge erst, wenn die Tinte trocken ist. unter dem Gesetz ist.
Sprecher 7: Wenn man mit Amerikanern dieser Tage spricht, dann sagen die ja, ihr Deutschen mit eurem Fete Schuldenbremse überhaupt nicht zu verstehen. Und man könnte ja sagen, dass der Deutschlandfonds, den Robert Habeck jetzt konzipiert hat, ein bisschen sich ein Beispiel nimmt am IRA, am Inflation Reduction Act der Amerikaner, der ja auch mit Abschreibungen arbeitet. Erstmal geht man in die Vorleistung, dann kriegt man Geld ersetzt, was ein bürokratischer Aufwand ist. Das beklagen auch amerikanische Unternehmen. Aber die Struktur ist ja ganz ähnlich. Ist das nicht vielleicht dann doch eine gute Idee?
Sprecher 8: Also Subventionsempfängerinnen und Subventionsempfänger finden Subventionen immer gut. Deswegen würde ich sagen, lassen Sie uns doch die Rahmenbedingungen, die den Standort Deutschland trotz starker Unternehmen, trotz fleißiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, trotz cooler und erfolgreicher Produkte, mal an den Kostenfaktoren arbeiten. Wenn die Arbeitskosten zu hoch sind, weil die Sozialversicherungen nach oben explodieren, die Bruttoarbeitskosten steigen, die Nettogehälter sinken damit zugleich. Ja, da muss man vielleicht mal darüber nachdenken, nicht eine Subvention oder eine Steuergutschrift auszuloben. Dann wäre es mal gut, mit einer Bürgergeldreform den Arbeitsmarkt zu mobilisieren, eine Rentenreform zu unterlassen, die 500 Milliarden Euro in den nächsten Jahren kostet und beim Krankenversicherungs- und Pflegeversicherungssystem auch nochmal mehr Wettbewerb zuzulassen, die Versorgungseffizienz zu steigern und möglicherweise auch zu überprüfen, ob jede Leistung, die in diesem System ist, tatsächlich auch zu viel ist. Das Ergebnis wäre mehr netto vom Brutto, niedrige Arbeitskosten. Das bedarf überhaupt gar keiner Subventionen, sondern ist eigentlich eine Form von politischer Veränderung, Reformagenda, die jetzt dringend notwendig ist. Und da ist ein bisschen Fehlanzeige im Augenblick. Da hilft auch nicht, wenn man bei der... IRA, also bei den Amerikanischen guckt, und sie gestatten mir eine kleine Fußnote, ich war ja früher mal Finanzstaatssekretär, ein bisschen staune ich über die deutsche Debatte. Der Internationale Währungsfonds hat gerade seine Jahrestagung. Das Hauptproblem ist die explodierende Staatsverschuldung, teilweise auch die explodierenden Unternehmensverschuldung in einem steigenden Zinsumfeld. Also wer da allen Ernstes sagt, der Stabilitätsanker in der Eurozone, die Benchmark bisher Deutschland, sollte mal hoppla, was kostet die Welt, jetzt in die Verschuldung gehen, der... Der kassiert von mir den Vorwurf, dass er möglicherweise mitwerkelt an einer zukünftigen Destabilisierung des Eurosystems und zukünftigen Finanzkrisen. Also wir haben noch nie so viele Steuereinnahmen gehabt wie in diesen Jahren. Die Sozialversicherungen haben noch nie so hohe Beiträge gehabt. Man muss mit dem Geld auskommen. Schulden sind nicht die Lösung. Schulden, wenn wir sie ausweiten können, zusätzliche Probleme erzeugen.
Sprecher 7: Komme ich nochmal auf das Thema Kosten von Arbeit zurück, Herr Kampeter. Was ist mit den Lohnkosten? Wie schauen Sie heute auf den Mindestlohn, gegen deren Einführung ja Ihre Vereinigung einst? Malz war, würden Sie sich da rückblickend korrigieren und muss aber vielleicht der Mindestlohn gesenkt werden oder darf jedenfalls nicht steigen. Wie sieht das aus?
Sprecher 8: Was die Mindestlohndiskussion angeht, also ich würde mal sagen, wir akzeptieren Gesetze und haben mit dem Mechanismus der Mindestlohnkommission Frieden geschlossen. Unsere Hauptkritik ist eigentlich, dass jeder meint, er könne jetzt die Arbeit der Kommission übernehmen. Ob es Parteien, Bundeskanzler, Journalistinnen und Journalisten sind. Wir haben einen klaren Auftrag. Die Mindestlohnkommission soll nachlaufend die Tariflohnentwicklung abbilden. Deswegen war die letzte Mindestlohnentscheidung so, wie sie war. Sie bildete eine relativ schwache Tariflohnentwicklung ab. Und die zukünftige wird anders sein, weil wir über zwei Jahre dynamischer Tariflohnentwicklung reden. Und wir werden sie im Frühjahr bzw. Im Anfang des Sommers 2025 treffen. Und danach lade ich sehr zur Kommentierung ein. Aber vorher sollte die Politik und die Parteien, die ja gerade an ihren Wahlprogrammen fallen, unsere Arbeit machen lassen. Gewerkschaften und Arbeitgeber wissen, wenn wir keinen Erfolg haben mit der Mindestlohnkommission, muss die Sache dann im Deutschen Bundestag entschieden werden. Da wünsche ich viel Spaß mit dem Populismus.
Sprecher 7: Der Bundeskanzler hat ja selbst vor einigen Tagen eine eigene Agenda verkündet, eine industriepolitische Agenda, die aber erstmal so aussieht, dass er einen Gesprächskreis gründet. Man will sich zusammensetzen mit BDI und DGB, also Gewerkschaft und Bundesvereinigung der deutschen Industrie. Die BDA, davon war bisher keine Rede. Haben Sie ihn schon angerufen und gefragt, ob Sie auch mit dabei sein dürfen?
Sprecher 8: Wir müssen nicht bei jeder sektoralen Veranstaltung als Arbeitgeberorganisation, die vom kleinen Handwerks- bis Handelsbetrieb in den DAX, die sozialpolitischen, die arbeitsmarktpolitischen, die transformationspolitischen Interessenvertretungen ist, dabei sein. Das ist nicht unser Anspruch. Wir erwarten allerdings vom Bundeskanzler, dass da keine Geschäfte zulasten Dritter gemacht werden, sei es zulasten der Sozialpartnerschaft, denn die Sozialpartnerorganisationen sind nicht eingeladen. Das ist ein Format, das ist nicht sozialpartnerschaftlich, es ist industriepolitisch. Wenn dort etwas ausgelobt wird, was zu Schaden anderer Teilen der Wirtschaft gereicht, dann müssen wir sehen, wie das Gesamtbild ist. Deswegen viel Spaß, viel Erfolg. Beim Industriegipfel wünsche ich allen Teilnehmenden.
Sprecher 7: Das kommt von Herzen.
Sprecher 8: Aber es darf nicht vergessen werden, dass die Industrie ein zentraler, wichtiger, unverzichtbarer Sektor in Deutschland ist. Aber eine lediglich auf diesen Sektor fokussierte politische Ansage schien mir doch zu kurz gesprungen. Die Chancen liegen in Deutschland sehr viel breiter und die Politik sollte diesen Ansatz nachvollziehen.
Sprecher 7: Herr Kampiter, ich glaube, wir beide sind uns an diesem Tisch einig, dass die nächsten 19 Monate eine wahrscheinlich verlorene Zeit sein werden, weil jeder sein eigenes Süppchen kocht, weil die Parteien und auch die Minister im Wahlkampf sind und weil alles das, was jetzt auf dem Tisch liegt, sowieso keine Chance. Wer hat eine Mehrheit zu kriegen und auch dann beschlossen zu werden in der kurzen Zeit. Insofern schauen wir auf das, was danach kommt. Das wissen wir beide nicht, weil wir unsere Glaskugeln nicht dabei haben.
Sprecher 8: Nein, nein, nein, ich würde auch widersprechen.
Sprecher 7: Ah ja.
Sprecher 8: Es ist eine Frage des Willens. Wissen Sie, die Industrieansiedlung eines großen amerikanischen Automobilunternehmens ging innerhalb weniger Monate. Da war politischer Willen bei allen Beteiligten vorhanden. Und wenn wir jetzt sagen, wenn wir diese Legislaturperiode nach drei Jahren bereits beendet geben, dann muss ich sagen, dann haben diejenigen, die dort Verantwortung tragen, Parlament und Regierung, ihren Auftrag nur unzureichend wahrgenommen. Sondern man muss jede Chance nutzen, diese Monate zur Verbesserung des Standortes, zur Mobilisierung von Reformmöglichkeiten, zur Senkung der Kosten in Deutschland und zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit zu nutzen. Dazu besteht eigentlich keine ernsthafte Alternative und wir müssen die Politik da an die Pflicht nehmen. Parteipolitische Notwendigkeiten kann ich als langjähriges Mitglied einer Partei nachvollziehen, aber es geht hier nicht um Parteipolitik, es geht um Deutschland, es geht um Standort.
Sprecher 7: Vielen Dank, dass Sie heute bei uns waren, Herr Kampeter.
Sprecher 8: Aber gerne doch.
Sprecher 9: The Final Frontier. Das war der erste Satz, den es bei Star Trek gab. Star Trek, also Raumschiff Enterprise. Seit der Zeit bin ich ein Space-Fan. Wir begeben uns auf eine Reise ins Weltall. Es ist faszinierend. Wir starten mit der Rakete und verlassen unseren Planeten. Wir heben sozusagen ab. Wir schweben ins All.
Sprecher 2: Markus Söder ist offenbar langweilig. Der Job des Kanzlerkandidaten in der Union, den macht ja nun bekanntlich ein anderer. Die nächste Landtagswahl in Bayern, die ist auch noch lange hin. Und was der Mann privat gerne isst oder kocht, das haben wir unter dem Hashtag Söder ist in den vergangenen Monaten und Jahren ja auch schon mehrfach sehen dürfen. Jetzt hat Markus Söder endlich wieder ein neues Projekt. Unter dem Hashtag Söder Space hat er jetzt bei X, bei dem ehemals als Twitter bekannten sozialen Netzwerk, ein knapp dreiminütiges Video hochgeladen in schicker blauer ESA-Raumfahrerjacke und er schwärmt von seiner Leidenschaft zu Star Trek und Raumschiff Enterprise und fängt an, in Was-ist-was-Manier das Sonnensystem zu erklären. Natürlich nicht ohne Bayern am Ende immer irgendwie auch als Lösung aller Probleme darzustellen.
Sprecher 9: Bayern hat das Mondkontrollzentrum mit Zuschlag der ESA jetzt bekommen. Und in Kooperation mit der NASA gilt es auch als Station für die künftigen Mars-Missionen. Man könnte jetzt ungefähr sagen, wenn ihr den Satz später mal hört, just, wir haben ein Problem, dann wird es ergänzt durch Bayern, bis hin die Lösung.
Sprecher 2: Ein echter Markus Söder eben. Der Freistaat Bayern jetzt auch als Weltmacht im All zu spüren und zu sehen, das ist ganz nach dem Geschmack des CSU-Chefs. Aber lustig ist das Video dann doch. Und wer immer noch glaubt, die Politik sei eine langweilige Angelegenheit, wir ernster Männer, der sollte sich bei Gelegenheit, wenn sie die Zeit haben, mal einfach durch den Söder-Feed scrollen. Mir bleibt dabei nur, den alten Kirk zu zitieren. Machen wir uns aus dem Orbit. Bis morgen um 6 Uhr. Ich freue mich, wenn Sie dann wieder dabei sind hier bei Table Today. Das war's für heute. Ihr Michael Bröker.