Wie bekämpfen wir die Fachkräftelücke, Herr Dettmers?
Deutschland hinkt bei Wettbewerbsfähigkeit und beim Wachstum hinterher. Das Wohlstandsmodell Deutschland ist in Gefahr. Was aber ist zu tun? 100 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft haben sich diese Frage gestellt und über viele Monate eine Innovationsagenda entwickelt, mit der Deutschland wieder im internationalen Maßstab aufsteigen kann.
Zusammen mit dem Start-up-Verband und der Deutschen Börse stellen wir bis April 2025 die wichtigsten Ideen und Konzepte aus diesem Zukunftsplan vor. Heute geht es um die Fachkräftelücke, um eine zu geringe Frauenerwerbstätigkeit und zu viele Rentner, die eigentlich noch gerne arbeiten würden. Es geht aber auch um qualifizierte Zuwanderung. Der Vorstandsvorsitzende des größten Jobportals im Land, Stepstone-CEO Sebastian Dettmers, sagt im Gespräch mit Michael Bröcker, was zu tun ist.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nutzte seinen Auftritt beim Berlin Global Dialogue diese Woche in der Hauptstadt, um noch einmal für die von der EU geplanten Strafzölle gegen chinesische Auto-Importe zu werben. Kanzler Olaf Scholz hat in finalen Gesprächen der Koalitionsspitzen von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch gemacht und durchgesetzt, dass Deutschland bei der Abstimmung mit Nein stimmen wird. Finanzminister Christian Lindner unterstützte das; Vizekanzler Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock hatten zunächst für eine Enthaltung plädiert.
Die Entscheidung der Bundesregierung wird die Strafzölle vermutlich nicht verhindern. Frankreich, Italien, Polen und Griechenland werden voraussichtlich für die Strafzölle stimmen. Damit wäre die qualifizierte Mehrheit erreicht.
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Transkript
Sprecher 1: Table Today Spezial. Die Innovationsagenda 2030. In Kooperation mit der Deutschen Börse und dem Start-up-Verwandt.
Sprecher 2: Deutschland und Frankreich, der Motor Europas von wegen. Bei den Autozöllen gibt es schon wieder einmal keine gemeinsame Linie zwischen Paris und Berlin. Wir analysieren hier gleich Macrons Auftritt und Berlin und die Debatte rund um die Strafzölle.
Sprecher 3: Und es geht weiter mit der Wirtschaft, die nämlich stagniert. Unternehmen wandern ab oder bleiben und suchen dann aber händeringend Fachkräfte. Wie lässt sich der Standort hier wieder an die Weltspitze bringen? Darum geht es hier bei uns einmal im Monat, wenn wir zusammen mit dem Startup-Verband und der Deutschen Börse die Innovationsagenda 2030 vorstellen. Heute mit dem CEO des größten Jobportals des Landes Stepstone, nämlich mit CEO Sebastian Detmer. Michael hat mit ihm gesprochen.
Sprecher 2: Zum Abschluss noch ein Blick auf den angeblichen Jobmotor ukrainische Flüchtlinge. In vielen europäischen Ländern gelingt diese Integration in den Arbeitsmarkt tatsächlich gut, nur bei uns wieder einmal nicht.
Sprecher 3: Für viele war es eine kurze Woche. Vielleicht haben Sie heute schon frei. Wie schön für Sie. Wir freuen uns, dass wir arbeiten dürfen. Also geht's los an diesem Freitag, den 4. Oktober.
Sprecher 2: Unser gemeinsames Thema heute Morgen, wie kann es anders sein bei Helene und mir, ist die Lamité Franco-Allemande. Oder so? Oder so? Mal gucken.
Sprecher 3: Ja, das hast du schon ziemlich gut gemacht.
Sprecher 2: Danke, Helene. Der französische Präsident Emmanuel Macron war jedenfalls in der Stadt beim Berlin Global Dialog. Und wenn man ihm zuhörte, wusste man sich mal wieder wundern. Denn er redet völlig anders über die möglichen europäischen Strafzölle als die Berlida-Politiker.
Sprecher 4: Electrical vehicles. On the European market. And what is the reality? You have the European car makers, they go to the market and they have to compete with some car makers producing in China with an existing advantage, but it's part of the offshoring production. But on top of that, they benefit from subsidies from the Chinese government.
Sprecher 3: Ja, man denkt, er ist eine lame duck und dann wirkt aber dagegen die Bundesregierung wie gelähmt, die sich nämlich nicht richtig einig ist, wie sie nun zu diesen geplanten Zöllen auf chinesische E-Autos steht.
Sprecher 2: Ja, und worum geht es eigentlich? Amerika will und hat schon einen hundertprozentigen Strafzoll eingeführt. wird auf chinesische Elektroauto-Importe. Und jetzt will Europa reagieren. Mit 20 bis 30 Prozent ist in der Debatte. Die Autoindustrie ist massiv dagegen. Sie sagt, wir brauchen alles andere als jetzt Strafzölle auf Importteile für die Autoindustrie. Ganz im Gegenteil, wir brauchen ein Konjunkturprogramm. Sie wettert massiv gegen diese EU-Pläne.
Sprecher 3: Besonders gut hat mir gefallen das Zitat von Ola Kellenius, dem Vorstandsvorsitzenden von Mercedes-Benz. Der am Mittwoch gesagt hatte, wenn ich Deutschland wäre, würde ich mit Nein stimmen. Mercedes hat noch eine Pressemitteilung nachgelegt, in der es eben heißt, die Einführung der geplanten Maßnahmen und ein daraus potenziell resultierender Handelskonflikt würden neue Transformationen erschweren, dem Klimaschutz schaden und langfristig Arbeitsplätze gefährden. Daher sollte die EU mit China eine Verhandlungslösung suchen, anstatt Zölle zu erheben. Also das Votum der deutschen Automobilindustrie ist ziemlich klar.
Sprecher 2: Ja, schlagt nach bei David Ricardo, denn internationale Arbeitsteilung funktioniert nur dann, wenn sie auch arbeitsteilig sein kann. Und Handelskonflikte schaffen am Ende nur Verlierer.
Sprecher 3: Deutschlandfunk.
Sprecher 5: Bei einer heutigen Abstimmung in Brüssel über EU-Strafzölle gegen chinesische Hersteller von E-Autos will die Bundesregierung offenbar dagegen votieren. Bundeskanzler Scholz mache hier von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch, berichten die Nachrichtenagenturen dpa und Reuters unter Berufung auf Koalitionskreise.
Sprecher 3: Ja, Wirtschaftsminister Robert Habeck hat in der Sache natürlich auch... Auch ein gewichtiges Wort mitzusprechen, schließlich geht es um Wirtschaft. Und der Grüne ist so ein bisschen uneindeutig, so war es auch auf dem Berlin Global Dialog. Er sagt einerseits, braucht es eine politische Lösung, es müssten sich alle an die Regeln halten und Zölle. Wörtlich sagte er, in the end. Und gleichzeitig hält er sich das Fenster offen und sagte, in einigen Fällen könnten Zölle notwendig sein. Also er steht vielleicht für die Mitte der Regierung im Sinne von Enthaltung. Wobei ich ja nach wie vor der Meinung bin, es ist nie gut, wenn sich Deutschland... In europäischen Fragen enthält.
Sprecher 2: Und zumindest im Umfeld von Lindner ist zu hören, das wäre geradezu ein Verrat an der Schlüsselindustrie in Deutschland und damit tausender guter Arbeitsplätze. Er will mit dem Kanzler wohl an diesem Wochenende auch nochmal über die Unterstützung der Autoindustrie reden. Angeblich ist wieder ein Dreiertreffen geplant, wie wir hören. Also da geht es wieder einmal hin und her.
Sprecher 4: So let's wake up. We live in the same world. You cannot have China over-subsidizing. A lot of countries, even India and others, reacting to these subsidies. The US overreacting by 100% tariff. And Europe saying, you are welcome.
Sprecher 1: I mean, it doesn't fly.
Sprecher 2: Deutschland soll endlich wieder Wirtschaftsmotor in Europa und am besten in der Welt werden. Das ist der Wunsch der Wirtschaft und auch zahlreicher Wissenschaftler und Persönlichkeiten, die sich zusammengeschlossen haben zur Innovationsagenda 2030. 100 Persönlichkeiten haben aufgeschrieben, was notwendig ist, damit wir wieder vorne landen bei Innovation, bei Technologie, bei Arbeitskraft, Produktivität und vor allem bei Wachstum. Und wir sind Partner dieser wunderbaren Initiative zusammen mit dem Startup-Verband und der Deutschen Börse. Und heute an diesem ersten Freitag im Oktober wollen wir darüber reden, wie es eigentlich mit dem Fachkräftemangel weitergehen könnte, wie wir die Lücke schließen. Immerhin 1,4 Millionen offene Stellen gibt es. Wer könnte uns also darüber am besten Auskunft geben? Natürlich der CEO des größten Jobportals in Deutschland, der Mann, der offene Stellen und Bewerber vermitteln soll. Es ist der CEO von Stepstone, Sebastian Detmers. Einen schönen guten Morgen. Hallo Sebastian. Guten Tag, Michael. Wenn ich jetzt einen Report der Organisation International sehe, dann zeigt die, dass wir für ausländische Fachkräfte sehr unattraktiv sind. In einem Ranking von 53 Ländern sind wir auf Platz 49. Das heißt, wir haben keine Willkommenskultur für Top-Leute. Die gehen wohin? In die USA, nach Kanada, sonst wohin? Ist das nicht das zentrale Problem unserer Produktivitätsstärke?
Sprecher 6: Man muss zwei Dinge auseinanderhalten. Das eine ist, befragt man die Menschen, die hier im Land sind, dann sagen sie häufig, es ist schon herausfordernd, hier onzuboarden, die Willkommenskultur ist nicht vorhanden. Bei den Menschen, die diese Erfahrung noch nicht gemacht haben, ist der Ruf Deutschlands sehr, sehr gut. Also wir sind nach wie vor das fünftattraktivste Land in der Welt. Übrigens das attraktivste nicht englischsprachige Land. Nur woran scheitert es dann, wenn man hierher kommen möchte? Es scheitert daran, einen Asylantrag zu stellen. Es scheitert daran, zu den Anerkennungsstellen zu gehen. Es scheitert daran, in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Es scheitert daran, beim Arbeitgeber wirklich gut onzuboarden. Und daran müssen wir arbeiten. Und das machen uns andere Länder vor, wie das funktioniert. Allen voran die USA, Kanada.
Sprecher 2: Was machen die anders? In der Innovationsagenda wurde ja als ein Beispiel genannt, Englisch als zweite Amtssprache zum Beispiel. Aber sind es konkrete Kleinigkeiten, die wir verbessern können, um attraktiver zu werden für die klugen Köpfe da draußen?
Sprecher 6: Ich muss es erstmal leicht machen, hierher zu kommen. Wenn ich hochqualifiziert bin, muss es schnell gehen. Denn ich sitze ja nicht irgendwo im Land, möchte auswandern und warte nun Monate, wenn es die Option gibt, woanders innerhalb kürzester Zeit einzuwandern. Und das kanadische Punktesystem zum Beispiel ermöglicht es, sehr, sehr schnell einzuwandern.
Sprecher 2: Fachkräftezuwanderungsgesetz, ist das nicht ein Weg dahin?
Sprecher 6: Der gesetzliche Rahmen, ja. Nur die Bürokratie findet ja statt, erstens beim Asylantrag, zweitens bei der Anerkennung. Und da haben wir immer noch einen föderalen Flickenteppich. Also das müssen wir unbedingt verbessern.
Sprecher 2: Anerkennung von Berufsabschlüssen, da bist du.
Sprecher 6: Anerkennung von Berufsabschlüssen, absolut. Und dann einen Aufenthaltstitel beantragen, auch das dauert alles sehr viel Zeit, ist sehr komplex. Da müssen wir... besser werden. Aber dann scheitern wir natürlich auch in vielleicht auch einer mittelständisch gebrochenen Struktur daran, Arbeitsplätze zu schaffen, Umgebungen zu schaffen, Städte zu schaffen, in denen du integriert wirst. Und dann müssen wir auch darüber sprechen, dass ja eine qualifizierte Fachkraft nicht alleine nach Deutschland kommt, sondern häufig mit einer Familie. Das heißt, die Frage, die beantwortet werden muss, ist, welche Chancen haben denn eigentlich Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen? Und da sind wir zum Beispiel ganz schlecht da drin, Kinder, was die sprachlichen Fähigkeiten angeht, fit zu machen für die Schule und dann später für den Arbeitsmarkt. Das machen die Amerikaner wiederum sehr viel besser. Die sagen schon im Vorschulalter, musst du Englisch lernen, wenn du Englisch nicht als Muttersprache sprichst, damit du ab der ersten Klasse fit bist, diese Schule auch zu bestehen und dann am Ende, ich sage das mal ein bisschen aus volkswirtschaftlicher Sicht, als produktive Arbeitskraft im Arbeitsmarkt zur Verfügung stehst.
Sprecher 2: Wir haben ein Produktivitätsproblem, Stagnation und jetzt trifft das auf schrumpfende Bevölkerung. Das heißt, das Wohlstandsmodell ist in Gefahr.
Sprecher 6: Absolut. Ich habe in meinem Buch geschrieben, wenn rückläufige Bevölkerungszahlen auf eine stagnierende Produktivität treffen, dann bedeutet das nichts anderes als jahrzehntelange Rezession. Als ich das geschrieben habe, habe ich gedacht, naja, vielleicht ist es ein bisschen überspitzt, das wird jetzt nicht passieren. Aber es passiert jetzt. Die Bevölkerungszahl ist noch nicht rückläufig, weil wir haben eben darüber gesprochen, wir... Ich setze das jetzt sehr in Anführungsstrichen von der Fluchtmigration profitieren. Natürlich ist das kein echtes Profitieren, das ist ganz tragisch. Aber wir werden perspektivisch weniger Menschen werden und wir haben ein veritables Produktivitätsproblem. Unsere Produktivität Anfang 2024 liegt unter der Produktivität oder auf dem Niveau der Produktivität von 2019. Das heißt, wenn wir mal diese ganzen Fluktuationen der Pandemie rausrechnen, haben wir jetzt fünf Jahre Produktivitätsstagnation. Man kann das einfach übersetzen, es gibt keine Innovation mehr.
Sprecher 2: Jetzt haben wir über die von außen hier reinkommen schon gesprochen und die Maßnahmen, wie kriegen wir das inländische Produktivitätspotenzial gehoben? Also Stichwort Frauen, Stichwort Ausbildung, Stichwort Bildung, was sind da die Maßnahmen?
Sprecher 6: Dazu gehört natürlich die Teilzeitquote herabzusetzen. Also wir haben eine sehr gute Beschäftigungsquote von Frauen, auch im europäischen Vergleich. Nur das Problem ist, sie arbeiten viel zu häufig in Teilzeit. 50 Prozent der Frauen arbeiten in Teilzeit. Wir wissen aus Befragungen, dass viele Frauen das gar nicht möchten, sondern es mangelt vor allen Dingen an Betreuungsplätzen. Und selbst wenn es Betreuungsplätze gibt, sind sie häufig viel zu unzuverlässig, gibt viel zu viele Schließzeiten.
Sprecher 2: Aber das wissen wir doch auch schon seit Monaten und Jahren und reden darüber immer wieder. Gibt es nicht diesen einen konkreten oder zwei, drei Maßnahmen, wie man diese Betreuungsinfrastruktur wirklich mal radikal schnell nach oben schraubt? Das ist ein Thema, das wir seit zehn Jahren diskutieren.
Sprecher 6: Absolut. Und am Ende geht es darum, diesen Beruf attraktiv zu machen. Und jetzt können wir über ganz viele Dinge sprechen, aber natürlich ist auch das Thema Gehalt und die Frage, wie viel Geld sind wir eigentlich bereit zu investieren in die Betreuung unserer Kinder? Und das beginnt im Vorschulalter und zieht sich natürlich wie ein roter Faden bis zu...
Sprecher 2: Manch einer sagt, man müsste die Gehälter der Erzieher an denen der Professoren anpassen.
Sprecher 6: Ja, irgendwo dazwischen liegt wahrscheinlich die Wahrheit, aber man muss es anpassen und wir investieren in eine ganze Menge Dinge. Das ist de facto ja keine Investition in U. Umverteilung. Das hier ist eine echte Investition in die Zukunft. Es gibt so ein schönes Zitat von Barack Obama, der hat gesagt, countries who out-educate us today will out-compete us tomorrow. Und tatsächlich gibt es kaum ein Indikator, der so gut die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern vorhergesagt hat, wie die Investition ins Bildungssystem. Das wird kurzfristig nichts bewegen, das müssen wir uns klar machen. Aber wenn wir möchten, dass es diesem Land und uns als Deutschen in 20 Jahren noch gut geht, dann müssen wir jetzt anfangen, ins Bildungssystem zu investieren. Das zweite ist, wir brauchen Innovation. Das kann man ganz viel nach dem Staat rufen, ist vor allen Dingen, ehrlich gesagt, ein strukturelles Problem der Wirtschaft. Der Staat investiert genauso viel in R&D, wie es die Amerikaner tun. Das kann man natürlich über die Allokation sprechen. Die Privatwirtschaft investiert aber nur halb so viel, wenn man das relativ vergleicht zum wirtschaftlichen Output. Und wenn sie investiert, investiert sie in die falschen Branchen. In Europa sind 50% der R&D-Investitionen in Wirklichkeit Automobilinvestitionen. Also das ist eine Technologie. Kann man ein bisschen salopp formulieren, aus Mitte des 20. Jahrhunderts. In den USA sind über 80 Prozent der R&D-Investitionen Hightech-Investitionen. Die gehen also in Software, in Hardware, also Computertechnologie und in Pharmaceuticals. Da müssen wir uns die Frage stellen, wie kommen wir da hin? Und eins ist ganz sicher, wir werden keine Hightech-Nation werden, wenn wir alte Geschäftsmodelle übermäßig schützen. Wir brauchen die Transformation. Diese Transformation haben wir. angefangen zu vernachlässigen, nicht erst gestern, sondern die vernachlässigen wir seit den 90er Jahren. Und ich glaube, da brauchen wir ein Umdenken und noch mehr Transformation. Denken, wir können uns gar nicht leisten, aber wir brauchen die Transformation. Wir müssen es zulassen, dass unproduktive, veraltete Geschäftsmodelle ausscheiden aus dem Markt, dass ganze Industrien möglicherweise ausscheiden. Und wir müssen investieren da rein, dass sich Hightech-Industrien hier in Deutschland ansiedeln. Nur dann schaffen wir es auch, die Produktivität nach oben zu treiben.
Sprecher 2: Spannender Punkt und ist ja auch ein Kernthema dieser Innovationsagenda, Stichwort Zukunftsfonds und Investitionen auch in diese Wachstumsunternehmen. Aber nochmal zurück zu den arbeitenden Menschen hier in Deutschland. Also inländische Erwerbstätigkeit nach oben schrauben, bei den Frauen hast du gerade gesagt. Was ist mit denen, die arbeitslos sind? Wir haben immerhin knapp drei Millionen arbeitslose Menschen und knapp zwei Millionen offene Jobs. Und zwar in allen Bereichen. Auch einfache Tätigkeiten werden händeringend gesucht. Bei der Gastronomie hat man ja inzwischen das Gefühl, der Ruhetag ist eigentlich der Alltag. Also was kann man da tun, um dieses Matching zu verbessern?
Sprecher 6: Also erstmal ist das Potenzial natürlich auch begrenzt, das muss man ganz klar sagen. Und ungefähr die Hälfte der Arbeitslosen arbeiten nicht aus irgendwelchen konkreten Gründen, haben gesundheitliche Probleme und so weiter und so fort. Aber durchaus, glaube ich, braucht es einen besseren Ruf von Arbeit. Ja, emotional regt mich das auch manchmal auf, wenn ich bekomme, dass Menschen, die eigentlich arbeiten könnten, es nicht tun. Und du zu Recht sagst, gerade im niedrig qualifizierten Bereich gibt es viele Dinge, die nicht erledigt werden, aber erledigt werden könnten. Aber das ist nicht die Zukunft, sondern die Zukunft ist wirklich hochproduktive Jobs hier anzusiedeln und die Menschen dafür fit zu machen. Das heißt, meine... Die Frage wäre eher, wie kann ich die Menschen, die heute arbeiten oder nicht arbeiten, fit machen für die Jobs, die wir hier in 10 oder 20 Jahren brauchen. Und dann steht ja eins fest, wenn ich eine hochproduktivere Tätigkeit ausübe, dann geht das zwingend auch damit einher, dass ich mehr Geld verdiene. Damit erhöht sich zwingend auch der Abstand zu allen Sozialleistungen, die ich möglicherweise bekommen könnte und es wird unattraktiver. Insofern ist eigentlich der Vergleich von Niedriglohntätigkeiten mit der alternativen Option gar nicht zu arbeiten wenig zielführend, weil es das Produktivitätsproblem in diesem Land gar nicht lösen wird. Was es lösen wird, ist, dass wir etwas weniger Umverteilung haben.
Sprecher 2: Deine Einschätzung, hat die Politik diese Dramatik verstanden? Ist denen klar, was uns blüht? Weil sie müsste ja viel langfristiger agieren, wenn ich dir richtig zugehört habe gerade.
Sprecher 6: Also ich glaube, dass wir insgesamt eine politische Konstellation haben, die wenig Manövriermöglichkeiten lässt. Aber wenn ich mich mit Politikern unterhalte, stelle ich schon fest, dass die Situation begriffen worden ist. Wir arbeiten, auch wenn es aktuell ja total unpopulär ist, an einem vereinfachten Einwanderungsgesetz und vereinfachten Einwanderungsmechanismen. Das beginnt, wie wir das am Anfang schon gesagt haben, bei erleichterten Asylverfahren und Anerkennungsverfahren hierzulande. Ich glaube, wir müssen den Föderalismus abschaffen, so haben wir wieder ein strukturelles Problem. Das kannst du nicht einfach top-down entscheiden, sondern das ist tatsächlich etwas, was wir unter gemeinsamen Druck wahrscheinlich nur irgendwann gemeinsam entscheiden werden. Ich bin mir sicher, dass wir es entscheiden werden. Ich fürchte nur, dass es viel zu spät passieren wird. Nein, ich glaube schon, dass dieses Thema sehr, sehr gut erkannt ist. Ich glaube, dass manche Formen der... Politik uns gerade nicht helfen, dass wir eine Dreierkoalition haben, dass wir den Föderalismus haben, der an vielen Punkten, gerade was das Thema Migration angeht, uns im Wege steht. Insofern glaube ich, dass wir eher ein strukturelles Problem haben, nicht so sehr das Erkenntnisproblem. Der Ruf immer nur nach der Politik ist mir auch zu billig. Das zweite Thema ist aber das Thema Produktivität. Und da muss sich die Wirtschaft an die eigene Nase fassen. Wir investieren zu wenig in Forschung und Entwicklung. Wir investieren zu wenig in Weiterbildung. Wir trauen uns zu wenig, unsere eigenen Unternehmen zu transformieren, fit für die Zukunft zu machen und schöpfen eher die Gewinne ab. Und da brauchen wir keinen Politiker für, sondern dafür brauchen wir mutige Unternehmer und mutige CEOs. Und dann bekommen wir auch das Thema Produktivität in den Griff. Es ist ein Zusammenspiel wie immer von sehr, sehr vielen Dingen.
Sprecher 2: Sebastian Detmer, CEO von Stepstone mit diesem Weckruf für eine arbeitende, produktive Gesellschaft. Vielen Dank für dieses Gespräch.
Sprecher 6: Danke sehr.
Sprecher 2: Das war der Auftakt unserer neuen Serie Innovationsagenda 2030. Sieben Podcastgespräche mit bestimmten Persönlichkeiten und interessanten Wirtschaftsführern und Politikern, die beigetragen haben zu diesem Papier, haben wir noch für Sie bis zum März. Und dann beenden wir diese Serie mit einer großen Veranstaltung hier bei uns im Table Café. Also bleiben Sie uns treu, abonnieren Sie diesen Podcast, lesen Sie mindestens den Berlin Table, unseren Late Night Memo aus der Hauptstadt und erfahren Sie immer, was geplant ist.
Sprecher 3: So Michael, bevor auch wir ins Wochenende gehen, eine Sache noch, die dich wirklich seit Tagen beschäftigt. Ich kann es bestätigen, weil wir uns ja ein Büro teilen und auch ich denke natürlich, es ist wichtig. Worum geht es?
Sprecher 2: Ja, es nervt mich sehr, dass der Kanzler sich jetzt gerade wieder einmal für etwas feiert, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste. Es geht um den Job-Turbo für Geflüchtete. Diesen Mittwoch war das entsprechende Gesetz dazu im Kabinett. Und Scholz wirkte sehr zufrieden, dass endlich knapp 25 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer bei uns, also 266.000 Menschen, Arbeiten gehen, also einen Job haben.
Sprecher 3: Ja, das ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Aber unter Job-Turbo würde man zweieinhalb Jahre nach Kriegsbeginn, also nach Beginn der Flüchtlingswelle, sicherlich was anderes verstehen. Und andere Länder kriegen es auch einfach besser hin. In Dänemark zum Beispiel haben 55 Prozent der ukrainischen Kriegsflüchtlinge eine bezahlte Beschäftigung gefunden. In Polen und Tschechien sind es zwei Drittel sogar. In den Niederlanden und Großbritannien und Irland die Hälfte. Also da ist Deutschland tatsächlich mal wieder Schlusslicht.
Sprecher 2: Ja, und der Grund liegt wieder einmal in der deutschen Bürokratie. Die Vorgaben, die Formalien, die ukrainische Flüchtlinge erfüllen müssen, bevor sie einen Job antreten dürfen, die sind natürlich üppiger als in jedem anderen europäischen Land. Wie könnte es anders sein? Vor allem die Sprachtests sind angeblich so wichtig für einen Job. Dabei wissen wir doch, zumindest diejenigen, die in Berlin Mitte mal in ein Café gehen, dass dort ohnehin keine Bedienung mehr Deutsch spricht. Und insofern ist es, oder Helene, mal wieder das angebliche Sprachproblem, das eigentlich gar nicht. Ganz mir ist, una vez más, la burocracia alemana es el problema.
Sprecher 3: Una cerveza, was man in Mitte dann so bestellt. Ja, manchmal ist das Problem auch ganz leicht zu lösen. Es scheitert dann aber tatsächlich an der Bürokratie. Also in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel gab es Ukrainerinnen, die gesagt haben, lass mich doch einfach Tagesmutter sein. Ich kümmere mich um die Kinder meiner zehn ukrainischen Freundinnen. Dann können die nämlich arbeiten. Das scheiterte, weil die Ukrainerin dann natürlich nicht das Zertifikat hatte, weil nicht die DIN-Normen in ihrer Wohnung stimmten und von den zuständigen Behörden abgenommen werden durften. Also sie durfte selbst, wenn man das privat organisiert, nicht als Tagesmutter tätig sein. Da fasst man sich natürlich an den Kopf und das führt dann dazu, dass jede Ukrainerin sich um ihr eigenes Kind kümmern muss. Also irgendwie dramatische Zustände.
Sprecher 2: Völlig irre Geschichte, Helene. Dabei wäre diese Frau ja dann wirklich der Job-Turbo für ihre anderen Freundinnen gewesen.
Sprecher 3: So sieht es aus. Lasst es die Leute doch vielleicht einfach selber machen, wenn ihr es schon nicht hinkriegt. Das ist jetzt mein polemischer Abschied ins Wochenende.
Sprecher 2: Ich wünsche Ihnen auch ein schönes Wochenende. I hope you tune in on Monday, wenn es wieder heißt Table Today. Bis dahin, schönes Wochenende, erholen Sie sich. Ciao, ciao.
Sprecher 3: Passez un bon week-end. Salut.
Sprecher 2: Mmm, I love it.
Sprecher 7: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.