Round Table mit Christian Lindner
Christian Lindner ist zu Gast in der ersten Folge unseres neuen Gesprächsformats. Unser Round Table findet ab sofort einmal im Monat in der StäV, der Ständigen Vertretung in Berlin-Mitte, statt.
Lindner ist der dienstälteste Vorsitzende einer Partei in Deutschland. Seit fast elf Jahren führt er die FDP. Er steht nach elf Niederlagen seiner FDP bei den Landtagswahlen stark unter innerparteilichem Druck, ebenso wie in der Öffentlichkeit.
Lindner und seine FDP gelten als Blockierer, als Vetomacht in der Ampel. Viel von dem Streit, den wir erleben, wird ihm von SPD und Grünen zugeschrieben. Aber stimmt das wirklich?
Michael Bröcker hat sich mit Christian Lindner an den Round Table gesetzt. Es geht darum, grundsätzlich mit politischen Persönlichkeiten zusammenzukommen und abseits der tagesaktuellen Politik und der Hektik rund um Nachrichten darüber zu sprechen, was wirklich hinter den Kulissen los ist – in diesem Fall bei der FDP. Was hat Christian Lindner also wirklich mit der Ampel vor?
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Er ist der dienstälteste Vorsitzende einer Partei in Deutschland. Und wenn man ihn anschaut, dann mag man es gar nicht glauben, aber es ist tatsächlich so. Christian Lindner seit fast elf Jahren Parteichef der FDP und als Mitglied dieser unbeliebten Ampelregierung derzeit besonders unter Feuer. Denn Christian Lindner ist nach elf Niederlagen seiner FDP bei den Landtagswahlen. Stark innerparteilich unter Druck, aber in der Öffentlichkeit eben auch. Denn er gilt oder seine Partei zumindest als Blockierer, als Vetomacht in der Ampel. Und viel von dem Streit, den wir erleben, wird ihm zumindest aus roter und grüner Sicht angerechnet. Aber stimmt das eigentlich wirklich? Das wollten wir unter anderem von ihm wissen und haben unser neues Gesprächsformat, den Roundtable in der Ständigen Vertretung in Berlin, mit ihm eröffnet, mit Christian Lindner. Es geht darum, etwas grundsätzlicher mit politischen Persönlichkeiten zusammenzukommen, jenseits der tagesaktuellen Politik, der Hektik rund um Nachrichten, mal zu sprechen, was wirklich los ist hinter den Kulissen. Und in diesem Fall in der FDP. Was hat Christian Lindner also wirklich vor mit der Ampel? Eine knappe Dreiviertelstunde habe ich mit ihm gesprochen. Es sind durchaus überraschende Erkenntnisse dabei, finde ich. Los geht's. Ja, herzlich willkommen zum Roundtable in der Steff, unser erstes Gesprächsformat, was ein wenig abseits der tagesaktuellen Politik sein soll, hier bei uns in der ständigen Vertretung im Rheinland mit dem Wuppertaler Christian Littner.
Sprecher 3: Ja, in Wermelskirchen aufgewachsen, Wuppertal geboren und mit Michael Bröker, der offensichtlich Heimweh nach dem Rheinland hat.
Sprecher 2: Immer, immer schon, immer schon. Wie viel Rheinland steckt in Christian Lindner? Im Bergischen Land ist das dann eigentlich noch Rheinland?
Sprecher 3: Ja, das Bergische Land, würde ich sagen, ist zwischen Sauerland und Rheinland. Also wir verbinden, wie man so schön sagt, die rheinische Beständigkeit mit der sauerländischen Fröhlichkeit.
Sprecher 2: Ich kenne die sauerländische Sturheit eigentlich nur und die Mürrischkeit.
Sprecher 3: Und die Sparsamkeit.
Sprecher 2: Die Sparsamkeit.
Sprecher 3: Tatsächlich gelten übrigens die Bergischen von ihrer Mentalität. Einerseits als sehr sparsam und wenn ich es richtig weiß, aber auch als sehr wehrhaft, weil die bergischen Bauern den Erzbischöfen von Köln, wenn ich es richtig sehe, oft auch ein bisschen Ärger gemacht haben.
Sprecher 2: Sparsamkeit ist eine schöne Überleitung, lieber Herr Lindner, zum Thema, wie sparsam eigentlich die Deutschen mit der Zuneigung von der FDP im Moment sind. Ganz schön sparsam.
Sprecher 3: Gut. Wenn man sieht, wie die Zustimmung zu Koalitionsoptionen ist, da ist die FDP Teil der unbeliebtesten Koalition in Deutschland, der Ampel, und Teil, wenn ich es richtig sehe, einer der beliebtesten Zukunftsmodelle. Nämlich schwarz-gelb. Und das zeigt, es kann offensichtlich nicht nur mit der FDP ihren Werten und Programmen zusammenhängen, sondern es hat scheinbar was zu tun mit der Konstellation, in der wir Politik machen.
Sprecher 2: Haben Sie sich grandios getäuscht darin, in der Idee, dass die FDP von einer Ampel profitieren kann?
Sprecher 3: Das war nie meine Erwartung.
Sprecher 2: Ihre Äußerungen vor drei Jahren waren schon andere. 2021, Fortschritt, Aufbruch, das kann gut gelingen. Ein Kanzler, der führen kann. Wir haben einen Olaf Scholz kennengelernt, wie ich ihn noch nie kennengelernt habe. Da war schon viel Optimismus dabei.
Sprecher 3: Aber dass die FDP von einer Ampel profitiert, das war nicht wahrscheinlich. Dass das Land von einer Koalition profitieren kann, in der große Unterschiede zusammenkommen und dann... Versöhnt werden, dass wir gesellschaftliche Konflikte miteinander aushandeln. Auf der einen Seite zwei linke Parteien und dann auf der anderen Seite eine liberale Partei. Das war schon die Erwartung. Und tatsächlich haben wir ja auch Vorzeigbares geleistet. Dank unserer stabilitätsorientierten Finanzpolitik die Inflation runtergekämpft, haben die Europäische Zentralbank nicht konterkariert. Das hätten wir gemacht, wenn wir den ganzen Rufen gefolgt wären, die Schuldenbremse aufzuheben, expansive Finanzpolitik zu machen. Wir nehmen jetzt nur den einen Punkt, die Entlastung der Bürgerinnen und Bürger. Wir sind durch die Energiekrise gekommen, haben Flüssiggas-Terminal. Terminals schnell gebaut. Wir haben ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz und auf der anderen Seite eine forderndere, kontrolliertere Migrationspolitik begonnen. Weiteres muss folgen. Also ich könnte es länger fortsetzen, vertrauen Sie mir. Vorzeigbares ist geleistet worden. Aber eine Regierung muss sich immer die Frage stellen, ob sie den Anforderungen der Zeit, und die haben sich ja verändert während der vergangenen drei Jahre, ob sie den Anforderungen genügt oder ob sie ihre Politik verändern muss.
Sprecher 2: Wann ist der Bruch passiert, wo diese Maßnahmen, die Sie gerade aufgezählt haben, gerade das erste Jahr wurde ja durchaus auch positiv wahrgenommen in den Medien, auch von den Bürgern. Wo begann der Bruch, dass diese Ampel doch nicht mehr wirklich zueinander findet, sowohl in der Mentalität als auch in der Rhetorik, vielleicht sogar in den Maßnahmen?
Sprecher 3: Ich würde nicht von einem Bruch sprechen, aber zwei Dinge kann man feststellen. Zum einen enthält der Koalitionsvertrag, wie auch vorher das Sondierungspapier, viele Formulierungen. Und diese Formulierungen wurden von allen drei Beteiligten individuell interpretiert. Anders gesagt, sehr viel versteckter Dissens. Ich mache es an einem Beispiel deutlich.
Sprecher 2: Wenn die Redaktion besser sein soll bei dem Vertrag.
Sprecher 3: Die FDP hatte gedacht, dass eindeutig im Sondierungspapier und Koalitionsvertrag steht, dass wir uns gegen einen Verbrenner aus, beim Auto, auf europäischer Ebene wenden. So war aber nicht das Verständnis bei anderen. Und deshalb war das fortwährend eine Diskussion, ein Streit nahezu bis heute auf den Tag. Und zum anderen ist natürlich die Koalition auch dadurch zustande gebracht worden, dass mein Vorgänger, der Finanzminister Olaf Scholz mit seinem Team 60 Milliarden Euro für den Klima- und Transformationsfonds organisiert hat, durch eine Maßnahme, von der wir später dann über das Verfassungsgericht erfahren haben, die Unwidmung der Corona-Milliarden, genau, durch das Verfassungsgericht erfahren haben, dass das nicht der Schuldenbremse entspricht. Und nachdem dieser Versuch, insbesondere auch für Vorhaben der Grünen, zusätzliche Mittel zu organisieren, nachdem dies nicht möglich war, hat sich natürlich die Ressourcenkonkurrenz verschärft. Das heißt, die Anforderung der FDP, wir treten an der Regierung ein, unter der Bedingung, die Steuern sinken. Und werden nicht erhöht und die Schuldenbremse gilt, weil wir brauchen stabilitätsorientierte, nachhaltige Finanzen. Diese beiden Leitplanken waren plötzlich scharf gestellt, weil zuvor war das leicht für SPD und Grüne zu akzeptieren im Gedanken, naja, wir haben ja 60 Milliarden Euro. Gewonnen durch ein sogenanntes Frontloading, nachdem das untersagt wurde. wurde die Ressourcenkonkurrenz groß, das in Verbindung mit den versteckten Dissensen im Koalitionsvertrag, hat regelmäßig zu rustikalen Debatten geführt.
Sprecher 2: Aber Linda, das ist nicht genau das Problem, was Sie gerade angesprochen haben. Für Vorhaben der Grünen, haben Sie gesagt, müssten es nicht gemeinsame Vorhaben sein. Die ökologische Transformation der Wirtschaft ist doch auch ein Projekt der Ampel, also müsste es nicht auch ein Projekt der FDP sein.
Sprecher 3: Das Projekt der FDP ist durch Technologieoffenheit und marktwirtschaftliche Instrumente ohne Verbote und vorzeitige Ausstiegstermine. Die CO2-Vermeidungskosten zu reduzieren und einen Klimaschutz zu erreichen, der nicht Wohlstand und soziale Sicherheit gefährdet und auch nicht in die individuelle Freiheit der Menschen eingreift.
Sprecher 2: Herr Lindner, Kohleausstieg hat auch eine schwarz-gelbe Regierung in Nordrhein-Westfalen mit einem festen Datum versehen. Auch die FDP teilt doch, dass man raus will aus der fossilen Wirtschaft. Warum soll man dann ein Datum dran setzen?
Sprecher 3: Das kann ich nicht finden.
Sprecher 2: 2038 in NRW ist ein Konzept.
Sprecher 3: 2038 war eine Initiative der schwarz-roten Koalition unter Führung von Frau Merkel. Das war ein Bundesgesetz.
Sprecher 2: Bestätigt von der NRW-Regierung, Laschet.
Sprecher 3: Ja, man kann sich vielleicht nicht gegen... Ja, ich halte es für falsch.
Sprecher 2: Okay.
Sprecher 3: Ich halte es für falsch.
Sprecher 2: Ein Datum zu setzen.
Sprecher 3: 2038 ist jetzt gesetzt, aber 2030 halte ich für nicht erreichbar, wenn wir regelmäßig klagen über die...
Sprecher 2: Aber halten Sie auch Klimaneutralität 2045 dann als Ziel für falsch, weil es ein Datum setzt? Das ist doch Planungssicherheit für die Industrie, für die Wirtschaft, für den Staat, zu wissen, wir wollen bis dann klimaneutral werden. Über den Weg kann man ja streiten, aber das Ziel ist doch richtig.
Sprecher 3: 2050 ist das europäische Ziel. Ich habe mich immer gefragt, warum Deutschland fünf Jahre schneller sein will als die Europäische Union. Denn ich sehe darin auch keinen Vorteil, weil die... CO2-Emissionen der Europäischen Union insgesamt werden dadurch ja nicht weniger werden. Deutschland macht es sich nur zusätzlich schwerer. Frontrunner. Man darf ja nicht, ja wir sehen gerade bei VW und bei BASF, was ihr Frontrunner-Tum, das sie gerade ins Gespräch gebracht haben, für Auswirkungen hat.
Sprecher 2: Aber das ist ja nicht politisch induziert, die VW-Krise. Natürlich. Das hat auch Managementfehler.
Sprecher 3: Flottengrenzwert, natürlich hat das auch Managementfehler. Herbert Dies hat damals politischen Druck ausgeübt. Er wollte unbedingt ein Verbrennerverbot und scharfe Flottengrenzwerte und hat sein Unternehmen darauf ausgerichtet. Und jetzt stellen wir fest, die globale Entwicklung ist anders und auch die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden sind anders. Aber ich bin jetzt noch nicht ganz klar, worauf Sie mit Ihrem Gespräch hinaus wollen. Wir kommen so vom Holzchen auf Stöckchen.
Sprecher 2: Wir reden über Ziele. Wir reden gerade über Ziele dieser Ampel, die ihr doch einfach mal gemeinsam geteilt habt.
Sprecher 3: Ich möchte eigentlich gar nicht über die Ampel sprechen, sondern über Deutschland.
Sprecher 2: Sie sind ja noch drin. Sie regieren doch Deutschland. Die Ampel regiert Deutschland.
Sprecher 3: Genau, und deshalb sprechen wir doch über das, was Deutschland braucht.
Sprecher 2: Genau, okay, und ich rede über die deutsche Wirtschaft. Die gerade mit einem Nullwachstum ein Problem hat. Und deswegen die Frage, ist das Modell richtig? Wir reformieren sie, transformieren sie zu einer nachhaltigen grünen Wirtschaft, die, Klammer auf, ein Wirtschaftswunder erzeugen kann, Kanzler Scholz. Oder sind wir in der Wirtschaftspolitik auf einem völlig falschen Weg und erleben jetzt Jahre der Stagnation? Das ist eine relevante Frage, ein Mitglied der Bundesregierung. So ist es.
Sprecher 3: Und deshalb braucht Deutschland eine Politik, die stärker setzt auf unternehmerische Eigeninitiative, Einfallsreichtum. Eine Politik, die von Brüssel ausgehend und auch von manchen in Berlin hier geteilt, im Zentrum hat, eine Top-Down-Transformation, wo Politik entscheidet, welche Technologie, welches Unternehmen, welche Branche Zukunft haben soll. Und auf Pump finanziert der Staat das mit Subventionen. An dieses Modell glaube ich nicht. Ich glaube daran, dass wir gute Rahmenbedingungen setzen müssen. Bürokratieabbau, steuerliche Entlastungsmaßnahmen, Energie bezahlbar machen, Fachkräfte, Einwanderung verbessern, Fortschritte bei der Digitalisierung von Verwaltungsdienstleistungen, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Und dann gemeinsam geteilte europäische Ziele bei der Treibhausgasneutralität, die natürlich dazukommen müssen, aber auf dem Weg dahin möglichst viel Freiheit.
Sprecher 2: Sie haben nichts dagegen, dass wir Klimaziele... Nicht nur festgelegt haben, sondern uns auch daran orientieren. Wir wollen über den Weg streiten und haben zwei Bündnispartner, die das nicht so sehen wie Sie und einen ganzen...
Sprecher 3: Das ist ja keine News. Wir glauben als Freie Demokraten, dass der europäische CO2-Handel das beste und eleganteste und wirksamste Instrument ist. Dem sollte man auch dann vertrauen.
Sprecher 2: Auch die 1,5 Grad Orientierung ist für Sie unverhandelbar und richtig?
Sprecher 3: Das ist eine globale Übereinkunft, Herr Bröcker.
Sprecher 2: Ja, ich bin ja bei den Zahlen, weil Sie gerade eben sich dagegen gewehrt haben, dass man solche Pläne macht wie 2038 Kohleausstieg, 2045 Klima-Neutralität.
Sprecher 3: Herr Bröcker, ich glaube, Sie sind zu sehr Berliner Bubble.
Sprecher 2: Warum?
Sprecher 3: Weil in Deutschland sich die Menschen gegenwärtig vor allem interessieren für, wie kommt das Land wieder wirtschaftlich voran? Wie sorgen wir dafür, dass die Infrastruktur in Ordnung ist, die Bildung in Ordnung ist? Wie kommen wir dahin, dass wir eine konsequente, geordnete Einwanderungsstrategie nach Deutschland haben, die die irreguläre Einwanderung in unseren Sozialstaat unterbindet? Und Sie fragen mich hier die grüne Agenda ab.
Sprecher 2: Nee, im Gegenteil, Herr Lindner. Ich will auf einen Punkt hinaus, nämlich an das Festhalten an Zahlen. Und das hat genau mit dem zu tun, was die Menschen da draußen umtreibt. Die haben keine Wohnungen, sie haben schlechte Schulen, sie haben eine marode Infrastruktur. Und sie halten ja auch an einer Zahl fest, nämlich an der Zahl der Schuldenbremse. 0,35 Prozent. Das ist auch eine willkürliche Zahl, die damals ein gewisser Horst Seehofer in Verhandlungen durchgesetzt hat. Und die Frage ist, warum sind Sie dort so dogmatisch, wenn Sie an anderen Politikfeldern diese Zahlen eigentlich ablehnen, weil sie als Politikmodell nicht funktionieren?
Sprecher 3: Ich halte mich jetzt nicht an den Null. 3,5 fest, aber ich halte mich erstens daran fest, dass die Schuldenbremse im Grundgesetz gilt. Und man kann von ihr überzeugt sein oder man hält sich einfach an sie aus Rechtstreue, weil wir keine Bananenrepublik sind.
Sprecher 2: Ja, aber wir reformieren ja auch andere Maßnahmen im Grundgesetz immer wieder mal.
Sprecher 3: Es gibt keine Zweidrittelmehrheit, wenn ich es richtig sehe, für eine Änderung des Grundgesetzes. Es kommt was Zweites hinzu. Das wird völlig ausgeblendet inzwischen in der deutschen Debatte. Spricht kaum einer drüber. Wir haben einen europäischen Fiskalvertrag. Und dieser Fiskalvertrag gibt uns einen Ausgabefahrt vor. Der gibt Deutschland vor, um wie viel Prozent in jedem Jahr die Staatsausgaben in den nächsten Jahren steigen dürfen. Und jetzt kommt was Interessantes. Dieser Ausgabefahrt, den uns die europäischen Regeln vorgeben, der erlaubt gar nicht die ganzen Sondervermögen und Reformen der Schuldenbremse, von denen manche hier träumen.
Sprecher 2: Aber er erlaubt mehr Flexibilität, wenn man sich die südeuropäischen Länder anschaut. Die sind ja auch bei anderen Staatsschuldenquoten als wir und das ist auch europakonform.
Sprecher 3: Schauen Sie sich das vielleicht nochmal an. Das ist nicht so, wie Sie es sagen.
Sprecher 2: Weil Sie die Sondervermögen jetzt mit einberechnet in die Gesamtstatistik.
Sprecher 3: Weil wir einfach nur sagen, wie viele Ausgaben darf der Gesamtstaat haben. Wie dürfen diese Ausgaben in den nächsten Jahren steigen? Da gibt es einen Ausgabepfad, der vorgegeben wird. Dieser Ausgabefahrt sieht für Deutschland keine großen Sprünge vor. Also zu glauben, wir machen jetzt einfach... Nehmen einen Schluck aus der Pulle, das erlaubt das europäische Recht nicht.
Sprecher 2: Aber den Schluck aus der Pulle braucht man nicht. Brauchen wir doch um die Themen, die Sie gerade eben angesprochen haben, jenseits der Berliner Wabbel, Schulen, Wohnen, Infrastruktur, in den nächsten Jahren zu lösen. Sicherheit, wir brauchen doch völlig andere Summen, als Sie durch Umschichtungen im Haushalt theoretisch rausholen können. Ist das nicht wahr?
Sprecher 3: Mal abgesehen davon, dass wir ja auf einem Rekordniveau investieren.
Sprecher 2: Das machen wir jedes Jahr. Das ist bei Wachstumsjahren teilweise unter.
Sprecher 3: Das machen wir nicht jedes Jahr.
Sprecher 2: Jede Regierung hat einen Investitionsrekord.
Sprecher 3: Ja, in absoluten Zahlen. Aber mir geht es um den Prozentanteil der Ausgaben im Haushalt.
Sprecher 2: Sind wir jetzt wie hoch? 12, 13 Prozent?
Sprecher 3: Je nachdem, wie man rechnet, kommt man auch auf über 16. Und in der Tat, wir waren bei unter 12 im Jahr 2019 vor der Corona-Pandemie. Aber ich muss leider Ihnen auch in einem Punkt widersprechen. Sollen Sie? Mit Ihrer Feststellung, man könnte gar nicht so viel umschichten. Doch, können wir. Wenn ich alleine sehe, wie viele Milliarden Euro wir aufwenden müssen, um die Folgen der irregulären Einwanderung in den Sozialstaaten zu finanzieren. Wenn ich sehe, was uns das Bürgergeld kostet, weil die Menschen nicht arbeiten, sondern im Sozialleistungsbezug sind. Wie wir bis weit in die Mittelschicht mit Wohngeld arbeiten und damit auch teilweise die Anreize für die Ausweitung der Arbeit bei Teilzeit reduzieren. Das sind Milliarden und Milliarden. Und ich bin schon dafür zu sagen, dass wir bei... Lebensrisiken und Schicksalsschlägen alle miteinander natürlich solidarisch sind. Menschen, die bedürftig sind, werden in unserem Land unterstützt. Da fällt niemand ins Bodenlose. Aber zugleich muss doch die Erwartung sein, dass Menschen nur so lange und so weit die Solidarität in Anspruch nehmen und dass Menschen, die gar nicht verfolgt sind, die aber nach Deutschland kommen, dass die hier in unserem Land auch nicht in unserem Sozialstaat Karriere machen können.
Sprecher 2: Aber selbst wenn wir den Sozialstaat treffsicherer machen, wie Sie vorschlagen, und die Einwanderung zumindest begrenzen, stoppen werden wir sie ja nicht, das wissen Sie, dann kommen wir doch nicht auf Hunderte von Milliarden, die man eigentlich für Infrastruktur, für Bahn, für Bildung dringend benötigt. Und das sind ja auch nicht die Versäumnisse von Ihrer Regierungszeit, sondern die von den Jahren davor. Da könnten Sie doch selber...
Sprecher 3: Das ist die Zeit der schwarzen Null gewesen im vergangenen Jahrzehnt. Ja, richtig, zum Beispiel auch. Das ist übrigens eine interessante Fußnote. Wie haben sich die Paradigmen verändert? Dieses Jahr machen wir 50 Milliarden Schulden und es ist noch nicht genug. Damals war die schwarze Null und auch Sie haben es gefeiert. Und deshalb...
Sprecher 2: Ja, trotzdem bin ich der Meinung, in guten Jahren müssen wir mehr investieren. Und in schlechten Jahren müssen wir die Kasse beisammen halten.
Sprecher 3: Ehrlich gesagt würde ich es genau andersrum sagen. Wenn die Wirtschaft schlecht läuft, darf der Staat sich nicht nur zurücknehmen.
Sprecher 2: Aber ja, genau. Wenn die Wirtschaft schlecht läuft, müssen wir investieren. Und damals hatten wir das Geld und wir hätten die Überschüsse und wir hätten es machen können und haben es nicht gemacht.
Sprecher 3: So ist es. Wir hätten mal die Steuern senken können, aber es ist Rückspiegel. Geht ja um heute. Worum es geht, ist ein stetig hohes Niveau öffentlicher Investitionen. Und nicht einmalige Strohfeuer. Ein stetig hohes Niveau öffentlicher Investitionen. Und wir können auch nicht, zumindest aus meiner Auffassung, einfach jetzt unbegrenzt viel Geld auf den Tisch legen. Angenommen, es gäbe die europäischen Regeln und die Schuldenbremse nicht, dann sagen wir einfach, so, wir machen jetzt unendlich viel öffentliches Geld auf den Tisch. Warum halte ich das für kritisch? Wir verdrängen damit ja die private Investitionstätigkeit. Es gibt ja auch private Vorhaben. Es muss eine Fabrik gebaut werden.
Sprecher 2: Aber nicht Schulen und Schienen.
Sprecher 3: Ja, aber es gibt eben nur begrenzt viele Facharbeiterinnen und Facharbeiter, Bauunternehmen und so weiter. Und deshalb muss der Staat sein Investitionsniveau erhöhen und auch stetig hochhalten, damit überhaupt volkswirtschaftlich die Kapazitäten aufgebaut werden. Also Leute zum Beispiel in den Bausektor gehen und sagen, das ist jetzt meine Berufstätigkeit, dass Private dort investieren in den Fuhr- und Maschinenpark. Also so Strohfeuereffekte, jetzt einmal schnell ganz viel, die bringen uns nicht weiter. Stetig hohes Investitionsniveau. Und ihr erlaubt mir den zweiten Hinweis, dass fast 90 Prozent der Investitionen, die wir brauchen, um unser Land moderner zu machen, vom Privaten kommen müssen und nicht vom Staat.
Sprecher 2: Einverstanden. Und deren Bedingungen wollen Sie verbessern, unter anderem mit dem Wachstumsgesetz, was jetzt noch folgt, das Einschritt. Ist es für Sie crucial für den Fortbestand dieser Koalition, dieses Wachstumsgesetz, um diese Rahmenbedingungen zu verbessern?
Sprecher 3: Also es gibt nur einen Haushalt mit der Wachstumsinitiative. Beide hängen unmittelbar zusammen.
Sprecher 2: Wie viele Milliarden macht das nächstes Jahr schon aus, diese Wachstumsinitiative?
Sprecher 3: Kann man jetzt noch nicht genau sagen. Wir haben ursprünglich mal angenommen 6 Milliarden Euro. Aber das war eine vorläufige Zahl. Wir kriegen ja jetzt erst die Herbstprojektion und die Steuerschätzung, dann wissen wir es genau. Aber jedenfalls gehen wir bei der Ausgabenseite, also reduzierte Ausgaben, und der Einnahmeseite, höheres Wachstumspotenzial, gehen wir beim Haushalt davon aus, dass es die Wachstumsinitiative gibt. Wenn es sie nicht gäbe, könnte man auch das Haushaltsgesetz so nicht beschließen. Insofern hängt beides zusammen. Und ehrlich gesagt, eine Regierung ohne Haushalt, die dauerhaft ohne Haushalt bleibt, die in der vorläufigen Haushaltsführung verharrt, die ist vielleicht...
Sprecher 2: Nach einer Bundestagswahl von ein paar Monaten möglich.
Sprecher 3: Interessant für den Finanzminister, weil dann ja alle Ausgaben in der vorläufigen Haushaltsführung...
Sprecher 2: Dann sind Sie der wahre Kanzler.
Sprecher 3: Ja, in der vorläufigen Haushaltsführung geht ja alles über den Schreibtisch des Finanzministers. Fürs Land insgesamt aber keine dauerhaft durchhaltbare Situation.
Sprecher 2: Also Sie glauben, dass dann eine unechte Vertrauensfrage im Parlament gestellt werden müsste, wenn es keinen Haushalt für 2025 gibt?
Sprecher 3: Nee, so weit will ich gar nicht spekulieren.
Sprecher 2: Aber ist das die Grundlage für eine Regierung? Muss der Haushalt doch sein. Das ist schon eine Verknüpfung, die jetzt nicht völlig an den Haaren herbeigezogen ist, dass selbst der Bundespräsident sich dann einschalten könnte.
Sprecher 3: Das ist gar nicht an den Haaren herbeigezogen, aber ich will mir einfach öffentlich nicht an Spekulationen, Ultimaten und so weiter...
Sprecher 2: Den Erbst der Entscheidung haben Sie ja reingebracht, lieber Herr Lindner. Das ist ja Ihr Wort.
Sprecher 3: Ja, aber Ihre Interpretation ist offenbar, dass das irgendwie was...
Sprecher 2: Das hat nichts mit dem... Wollt ihr damit zu tun, dieser Begriff?
Sprecher 3: Es hat zunächst zu tun mit wirtschaftlicher Entwicklung, Migration und Haushalt.
Sprecher 2: Sie denken doch selber in internen Gremien und reden darüber, ob diese Ampel noch Zukunft hat. Das ist doch jetzt, da kann man doch, muss man doch ehrlich sein.
Sprecher 3: Das behaupten Sie. Also andere jedenfalls...
Sprecher 2: Das war Thema in einer der jüngsten Vorstandssitzungen.
Sprecher 3: Andere sind jedenfalls so weit gegangen, öffentlich zu sagen, die Ampel sei eine Übergangsregierung. Und man solle kein Herz ranhängen, so der scheidende Grünen-Vorsitzende.
Sprecher 2: Und mancher Liberaler hat gesagt, die Ampel ist stehend K.O.
Sprecher 3: Das hat mancher Liberaler gesagt. Meine Auffassung ist, solange es möglich ist, Gemeinsamkeiten zu finden, sollte man diese Gemeinsamkeiten auch umsetzen. Wenn es irgendwann so ist, dass die Möglichkeiten der Regierung... Was politisch verabredet werden kann, wenn die Möglichkeiten der Regierung nicht mehr zu dem passen, was das Land braucht, dann stellen sich erst Fragen.
Sprecher 2: Mal ehrlich, Herr Lindner, Sie sind ja jetzt auch kein junger Heißsporn mehr. Sie sind ja ein Mann mit 40 und mit jahrelanger Regierungserfahrung jetzt sogar. Sie wollen doch auch nicht ein Bündnis scheitern lassen mitten in einer Krise, oder? Dieser Gedanke spielt bei Ihnen schon auch eine Rolle, oder? Interpretieren wir das nur immer hinein.
Sprecher 3: Stabilität für Deutschland ist von ausgesprochen und überragender Wichtigkeit.
Sprecher 2: Ist ein Selbstzweck auch.
Sprecher 3: Ja, aber irgendwann kann eine Regierung... auch selbst Teil des Problems sein.
Sprecher 2: Aber stabiler wird es ja auch keinen Fall. Durch Wahlkampf und Neuwahlen oder vorgezogene Neuwahlen. Also das Szenario stabiler danach ist ja nicht denkbar, oder sehe ich das falsch?
Sprecher 3: Ich will gar nicht diese öffentlichen Spekulationen machen. Alles, was ich darauf antworte, wäre eine.
Sprecher 2: Okay. Und nochmal zu der Rolle der FDP in dieser Ampel. Damit haben wir das Gespräch begonnen. Elf Landtagswahlen, wo die FDP verloren hat. Ist es wirklich immer nur die Ampel schuld im Sinne von dieses Bündnis tut uns nicht gut, wir können keine FDP-Politik machen? Oder hat die FDP selbst, auch sie als Parteivorsitzender, Fehler in der Ampel gemacht? Zum Beispiel vielleicht zu wenig konstruktiv, vielleicht auch Dinge mitmachen, die gar nicht FDP sind, aber damit das öffentliche Wohl dadurch oder die öffentliche Meinung einer anderen über die FDP ist. Weil genauso wie die Grünen als Verbotspartei da stehen, stehen sie ständig als Blockadepartei da. Ob wahr oder nicht, aber das ist zumindest das Image.
Sprecher 3: Das ist eine ganz interessante Frage. Also wir nehmen jetzt mal die Wähler der letzten Bundestagswahl. Die haben die FDP gewählt, weil es die Partei war mit dem klarsten Profil für persönliche Freiheit, Eigenverantwortung, Technologiefreundlichkeit, Weltoffenheit, Leistungsbereitschaft, Respekt vor Eigentum. Gegen Bevormundung, für Meinungsfreiheit, gegen Eingriffe in die Privatsphäre. Corona damals. Jetzt überlegen wir mal, diese Partei, würde jetzt einfach sagen, wir wollen nicht öffentlich als Störenfried und Blockierer dastehen. Wir winken eine Agenda von SPD und Grünen durch.
Sprecher 2: Es gibt ja nicht nur 0 und 1.
Sprecher 3: Aber wir machen jetzt ein Gedankenexperiment. Dann würden wir ja nicht als Blockierer dastehen. Ich glaube nämlich, wir machen ja den Grauton. Aber Sie wollen ja jetzt im Gedankenexperiment auf eine ganz andere Seite. Wir stehen öffentlich als Blockierer da, aber in Wahrheit sagen unsere Wählerinnen und Wähler, ihr macht zu viel rot-grüne Politik. Das ist doch die Wahrheit. Die sagen nicht, ihr seid Blockierer. Lasst die mal in Ruhe.
Sprecher 2: Aber ihr Wähler sind ja weniger geworden. Ich frage mich, warum.
Sprecher 3: Weil die Menschen, die ich treffe, sagen, ihr macht zu viel Rot-Grün. Vielen Dank, dass ihr das verhindert habt, ist aber immer noch zu viel Grün. Vielen Dank, dass ihr das umgesetzt habt, ist aber ein hoher Preis für dies und das. Das ist die Lage. Ich bin deshalb davon überzeugt.
Sprecher 2: Gibt es ein zentrales Projekt innerhalb dieser Ampel, wo Sie sagen würden, das war wirklich rot-grün, das hätten wir nicht mitmachen müssen? Also was ist denn das, was dann kommt von den Wählern? Was sagen die denn an?
Sprecher 3: Heizungsgesetz.
Sprecher 2: Aber das ist doch entschärft worden. Sie haben damals gesagt, Sie haben es von dem Kopf auf die Füße gestellt. So ist es. Dann hätten das die Wähler doch gutieren müssen, dass sie das umgedreht haben.
Sprecher 3: Die Leute haben den ersten Aufschlag, Heizhammer wurde damals gesagt, den haben die in Erinnerung, den Zugriff auf den Heizungsgeld.
Sprecher 2: Ist das wirklich aus Ihrer Sicht der Nukleus für die schlechte Bewertung der Ampel?
Sprecher 3: Der Entwurf des Heizungsgesetzes ist ein Bestandteil. Aber mir werden auch Personalfragen, die Antidiskriminierungsbeauftragte, werden mir immer noch in Veranstaltungen genannt. Wie konntet ihr dieser Personalie zustimmen? Und deshalb ist meine Wette bei der nächsten Bundestagswahl, Herr Bröker. Und damit hafte ich ja auch als Parteivorsitzender. Das Programm und die Werte der FDP sind nicht das Problem. Das ist meine Wette. Ich glaube, die Wählerinnen und Wähler...
Sprecher 2: Jetzt sagen Sie nicht, der Parteivorsitzende ist das Problem.
Sprecher 3: Ich bin überzeugt davon, dass die Menschen, die unsere Grundwerte teilen, noch dieselben sind.
Sprecher 2: Das heißt, Sie gehen mit FDP nur in den Wahlkampf?
Sprecher 3: Das ist ein Unterschied zu den Grünen.
Sprecher 2: Ja, verstehe ich.
Sprecher 3: Das ist ein Unterschied zu den Grünen, weil bei den Grünen ist deren Kernthema Klimaschutz auch mit harten Zugriffen auf die persönliche Freiheit, Klimaschutz auch um den Preis, dass Wohlstand verloren geht. Also das ist ein Problem bei denen, bin ich von überzeugt. Deren Kern- und Identitätsthema hat sich von einem Gewinner-Thema bei der letzten Wahl zu einem Defensiv-Thema entwickelt. Sieht man ja alleine bei den Umfragen unter jungen Menschen. Da ist ganz oben wirtschaftliche Sorgen, Einwanderung und drittens, man kann in Deutschland nicht mehr seine Meinung sagen. Vor drei Jahren war ganz oben das Thema Klimaschutz. Ich bin umgekehrt der Meinung, dass die Themenagenda der FDP individuelle Freiheit, wirtschaftliches Vorankommen stärken, Technologiefreundlichkeit, Konsequenz bei der Einwanderung, keine naive, nahezu grenzenlose Aufnahmebereitschaft. Ich glaube, dass die Themen, die wir vorantreiben wollen, eher Konjunktur haben.
Sprecher 2: Das heißt, Sie machen einen gedanklichen Sprung zwischen dem, wie... die FDP in der Ampel bewertet wird und den Themen, die die FDP alleine im Bundestagswahlkampf konnotieren will, richtig? Und der dann zu völlig unterschiedlichen Werten führen müsste aus Ihrer Sicht.
Sprecher 3: So wird es sein.
Sprecher 2: Die Grünen haben ja nun offenbar auch verstanden und sagen, wir haben Fehler gemacht, haben die Führungsspitze ausgetauscht. Hat das für Sie eine respektable Note gehabt, als Sie das gehört haben? Wie sehen Sie es?
Sprecher 3: Mich interessieren...
Sprecher 2: Sie haben gerade auch über die Grünen gesprochen. Ja, klar.
Sprecher 3: Mich interessieren Kursfragen, also inhaltliche Fragen. Ich habe mit Frau Lang und Herrn Noripur immer fair zusammengearbeitet. Überhaupt ist in der Koalition das Zwischenmenschliche kein Problem. Mich interessieren die Kursfragen. Sind mit neuen Köpfen bei den Grünen jetzt andere inhaltliche Punkte verbunden? Wenn ich jetzt den jüngsten Zukunftskongress der Grünen Partei sehe, das klingt wie vorher. Also mehr Umverteilung, also man muss irgendwie an die großen Vermögen ran und das muss umverteilt werden. Mehr Klimaschutz, was war noch? Und natürlich mehr Schulden, klar. Wer findet jetzt für den Spielraum? Klang jetzt nicht nach neuem Kurs.
Sprecher 2: Macht die FDP im Bundestagswahlkampf im Regierungsprogramm inhaltlich etwas anders, als sie es in der Ampel thematisch durchgezogen hat? Also Sie haben ja gerade gesagt, wirtschaftliche Stabilität, Wachstum. Steuersenkungen, kalte Progression waren Ihre Schwerpunkte in dieser Regierungszeit, die Sie durchgesetzt haben. Jetzt noch durchsetzen wollen. Bleiben das Ihre zentralen Themen im Wahlkampf? Oder wenn Sie irgendwo auch eine andere FDP zeigen wollen?
Sprecher 3: Natürlich wird die FDP sich weiterentwickeln. Sie wird dann im Wahlkampf beschreiben, wo Erwartungen an Politik während der Regierungszeit nicht erfüllt worden sind. Für mich sehr klar der Bereich des Bürgergeldes. Da hatten wir andere Erwartungen.
Sprecher 2: Sind Sie auch der Meinung, dass es weggehört wie die CDU? Nicht weg. Eine neue Regierung, aber reformiert.
Sprecher 3: Nicht weg. Die CDU sagt ja immer nur alles falsch. Aber es muss weiterentwickelt werden, weil bestimmte Erwartungen sich nicht erfüllt haben. Beispielsweise die Frage, vermitteln wir erst in Arbeit oder qualifizieren wir erst? Da würde ich sagen, das muss man nochmal evaluieren, kritisch drauf schauen, sind die Erwartungen erfüllt worden. Also sicherlich wird es einerseits Punkte geben, wo wir sagen, wir haben gelernt aus den praktischen Erfahrungen mit Gesetzgebung, die wir unterstützt haben, dass sie weiterentwickelt werden muss. Themen, die wir nicht haben, durchsetzen können mit Sozialdemokraten und Grünen. Beispielsweise ein Impuls für Leistungsbereitschaft, unternehmerische Risiken und Investitionen, in dem der Solidaritätszuschlag abgeschafft wird. Das ist ja eine Sondersteuer auf Unternehmertum, Investitionsbereitschaft und Qualifikation.
Sprecher 2: Wir werden mal abwarten, was wir so unterhalten.
Sprecher 3: Bei denen zahlen Fach- und Führungskräfte und Menschen, die unternehmerische Verantwortung tragen. Und da würde ich sagen, also, was, wenn wir eins brauchen, dann motivierte Fach- und Führungskräfte und Leute, die bereit sind, den Karren zu ziehen.
Sprecher 2: Kleiner Exkurs, wenn das Verfassungsgericht jetzt sagt, das war nicht... Rechtmäßig, wo bekommt er dann das Geld her, um das Ding auszuzahlen? Könnte ja rückwirkend sein.
Sprecher 3: Ja, das kann ich jetzt nicht spekulieren, wie das Urteil aussehen wird. Also Reserve dafür haben Sie nicht in der Finanzmission. Ich gehe nicht davon aus, dass das rückwirkend sein wird, sondern wenn das Gericht urteilt, dass aufgegeben wird, den Soli jetzt abzuschaffen. Weshalb ich der Meinung, wenn das politisch klug wäre, politisch zu entscheiden, man macht ihn jetzt in drei Schritten weg. Das würde ohne weiteres gegenzufinanzieren sein aus dem Bundeshaus.
Sprecher 2: Würde das mit Scholz machbar sein, aber nicht mit den Grünen?
Sprecher 3: Weder noch. Also solche Themen sind im Wahlprogramm. Und natürlich neue Ideen, was das Land braucht.
Sprecher 2: Nennen Sie mal eine. Sie haben sie doch schon im Kopf, wenn Sie so lächeln.
Sprecher 3: Nee, wir sind gerade im Programmprozess. Aber es wird solche geben. Und übrigens werden wir ja dann die unterschiedlichen Programme nebeneinander legen. Also ich bin neugierig, was wird die CDU, CSU eigentlich sagen? Die sind gegenwärtig ganz gut mit dem Nein, niemals zu wenig, zu langsam. Aber eigene Vorschläge kommen ja dann erst. Kommen die? Da bin ich gespannt. Ja, da kommt ja ein Wahlprogramm. Kommt nur ein Wahlprogramm. Bei SPD und Grünen bin ich auch gespannt. Da habe ich den Eindruck, die rücken eher nach links gegenüber der Politik der Ampel. Wo das Land eigentlich insgesamt sagt, wir wollen nach vorne, wir wollen nicht nach links. Und da bin ich dann auch gespannt, welche Koalitionsoptionen sie... Also zum Beispiel ist die Union ja völlig ambivalent in ihrem Verhältnis zu Bündnis 90 Die Grünen. Da bin ich einfach auch neugierig, wie die Union sich einlässt zu den Grünen.
Sprecher 2: Wir wollten ja über die FDP reden, mit der Union reden wir dann mit der Union. Der Spitzenkandidat der FDP ist Christian Lindner.
Sprecher 3: Ja, darum bewerbe ich mich.
Sprecher 2: Warum ist das eigentlich so klar? Sie könnten doch auch sich selbst hinterfragen nach elf verlorenen Landtagswahlen. Wie die Grünen es jetzt nach einigen Landtagswahlen in Niederlagen auch gemacht haben. War das in Ihrem Kopf? Kam das vor?
Sprecher 3: Ich hinterfrage mich jeden Tag. Und da ist auch immer Anlass dazu da, wenn ich Umfragen, Wahlergebnisse oder Kommentare und Leitartikel sehe. Aber ich bin eben auch jeden Tag draußen. Nahezu jeden Tag habe ich Veranstaltungen im kleinen oder großen Format mit Bürgerinnen und Bürgern. Meine große Leidenschaft sind ja Townhalls, wo ich nicht eine lange Rede halte, sondern zwei Minuten guten Tag und dann anderthalb Stunden mit einem zufällig zusammengesetzten Publikum aus allen Teilen der Gesellschaft diskutieren. Und da merke ich eins, irgendwie die Argumente und auch so wie ich sie darstelle, kommen dort so im Saal an. Und deshalb traue ich mir auch weiterhin zu, meine Partei zu führen und zu einem guten Wahlergebnis bei der nächsten Bundestagswahl zu führen und dann in eine... Fortsetzung in Regierungsverantwortung in anderer Konstellation. Das ist ja das Ziel.
Sprecher 2: Als Sie die FDP wieder in den Bundestag gebracht haben als Parteichef und auch in dem Bundestagswahlkampf danach, gehörten Sie zu den Top 4, 5 beliebtesten Politikern in Deutschland. Es gab auch gerade bei den Jungen und bei den Digitalen gab es fast einen Kultfaktor. Ich erinnere mich da an bestimmte Plakate. Heute, Platz 9, ich habe es gerade nochmal nachgeschaut, ZDF-Politbarometer knapp vor Frau Weidel. Was ist da passiert, dass offenbar Sie nicht mehr so populär sind, wie Sie es mal waren?
Sprecher 3: Irgendwie hat auch damals, als ich so populär war, das mediale Berlin auch keine Notiz davon genommen.
Sprecher 2: Glauben Sie, das ist eine Berliner mediale Beschreibung? Nein. Und Sie sind da draußen eigentlich beliebter, als wir es manchmal thematisieren?
Sprecher 3: Nein, aber auch Michael Bröker hat niemals geschrieben, ist ja erstaunlich, wie populär Lindner ist. Wir haben geschrieben, das war ein sehr guter Wahlkampf. Jetzt kommen Sie darauf, wo die Zahlen momentan nicht so gut sind.
Sprecher 2: Ich versuche den Menschen Christian Lindner dahinter nahe zu kommen, ob der sich in so einer Phase selbst hinterfällt oder ob er wirklich davon überzeugt ist. Die FDP konnte in der Ampel es nicht besser machen, als sie es gemacht hat. Und deswegen ist sie da, wo sie ist.
Sprecher 3: Also natürlich kann man einzelne Entscheidungen immer anders machen.
Sprecher 2: Ja, sagen Sie mal, wo haben Sie als Person falsch gelegen vielleicht im Umgang mit Scholz, mit Habeck bei einem Thema? Wo würden Sie sagen, okay, das hätte ich anders machen sollen? Ich als Christiane, als Parteichef.
Sprecher 3: Nach dem 60 Milliarden Euro Urteil hätte der Koalitionsvertrag neu verhandelt werden müssen. Darauf hätte ich dringen müssen. Ganz neue Dinge reinschauen. Und in diesem Jahr beim Haushalt 2025 hätte ich nicht so freundlich sein dürfen, die drei Prüfaufträge des Kanzleramts anzunehmen, weil dort der Eindruck entstanden ist, die seien schon abgehakt. Das hätte ich nicht machen sollen. Also einmal war ich zu freundlich in diesem Jahr und einmal war ich zu... Beide Male war ich zu freundlich.
Sprecher 2: Herr Linde, ich frage Sie nach Selbstkritik und Sie sagen, ich war zu freundlich.
Sprecher 3: Ja, aber das gehört auch zur Kritik dazu.
Sprecher 2: Lagen Sie irgendwo mal inhaltlich falsch?
Sprecher 3: Das war doch zwei inhaltlich falsche Entscheidungen.
Sprecher 2: Und dass Sie zu freundlich waren gegenüber der Ampel, das würde ja kaum ein Ampelaner von Rot oder Grün jemals bestätigen.
Sprecher 3: Aber ich sage ja, wie ich sehe, die 60 Milliarden hätten eine Zäsur bedeuten müssen mit Neuverhandlung des Koalitionsvertrags, weil danach ist ja fortwährend Streit ausgebrochen. Es soll irgendwie alles bleiben, wie es ist. Aber uns fehlt in Wahrheit das Geld. Und das Zweite habe ich Ihnen jetzt geschildert.
Sprecher 2: Keiner ist so ein Politik. Erklärer gewesen, verstehe auch Junkie in meinem politischen Leben wie Sie, liebe Herr Linde. Haben Sie in diesen drei Jahren Ampel auch Politik neu oder anders gelernt? Also gibt es für Sie Dinge, die Sie in einer neuen Regierung, wenn Sie wieder Teil derer werden sollten, anders machen würden in der Systematik, in der Methodik, wie Politik für dieses Land gemacht werden sollte? Gibt es da etwas?
Sprecher 3: Also vom Management der Koalition haben wir es hier falsch angelegt durch die Größe des Koalitionsausschusses, der deshalb ja auch...
Sprecher 2: Durch die sechs Grünen wurde er so groß.
Sprecher 3: Der de facto ja keine Rolle spielt, der Koalitionsausschuss. Das war in anderen Koalitionen, in denen ich mitgewirkt habe, anders. Und insofern war das ein klein bisschen...
Sprecher 2: Welche meinen Sie zum Beispiel als Vorbild? Zum Beispiel NRW zum Beispiel.
Sprecher 3: NRW 2000 und...
Sprecher 2: Also kleiner Kreis, sehr vertraulich.
Sprecher 3: Kleiner Kreis und regelmäßig kommt man zusammen. Das Kabinettvorgespräch, das Olaf Scholz eingeführt hat, das ersetzt einen solchen Kreis der inneren Führung, Parteien, Fraktionen, Regierungsmitglieder nicht. Und die Dreierrunde Scholz, Habeck, Lindner ersetzt das auch nicht, diesen Austausch, wo Fraktionen und Parteien mit dabei sind. Also das würde ich vom Management immer anders empfehlen.
Sprecher 2: Und was die Kommunikation betrifft, die Rhetorik betrifft, oder müssen wir uns einfach daran gewöhnen, dass Dreierkonstellationen in diesem Land öffentlich nie als eine Formatierung erscheinen können?
Sprecher 3: Ich glaube, das kann auch anders sein.
Sprecher 2: Also wir können ja sagen, dass wir Medien anders bewerten müssen, was da passiert.
Sprecher 3: Nein, nein, das kann auch anders sein. Die Art und Weise des Umgangs ist mitunter auch schon sehr früh in der Ampel. nicht so gewesen, wie ich es mir wünschen würde. Warum?
Sprecher 2: Was glauben Sie? Auch Kubicki, Ihr Parteifreund, spielt da ja auch eine gewisse Rolle.
Sprecher 3: Ach, wissen Sie, Herr Bröker, da kann jeder Namen nennen. Ich glaube, dass die Grünen und der linke Teil der SPD von Anfang an auch damit gefremdelt hat, mit der FDP zusammenzuarbeiten. Was ist über mich alles in Umlauf gebracht worden? An persönlichen Noten. Lindner mehr Verständnis für Porsche als für Kinder und solche Sachen. Ich meine, ich nehme das locker hin. Das sagen Bundestagsabgeordnete der Grünen, Twitter und sowas. Ich nehme das persönlich hin. Ich kenne meine öffentliche Rolle. Das hat mit mir als Person nichts zu tun.
Sprecher 2: Neulich im Spiegelporträt war zu lesen, dass Sie längliche Vorträge halten.
Sprecher 3: Ja, aber das genau stimmt, glaube ich, gerade nicht. Nee, genau das stimmt gerade nicht.
Sprecher 2: Sie müssen mehr zuhören, als dass Sie Vorträge halten, wenn Sie da zu dritt zusammenkommen.
Sprecher 3: Ich glaube, das wurde nicht aus der Dreierrunde berichtet, sondern aus größeren Runden. Und ja, was muss ich mich da rechtfertigen?
Sprecher 2: Aber wenn Sie drei zusammenkommen, geht noch was?
Sprecher 3: Sicher. Ich sagte ja, zwischenmenschlich ist das absolut okay.
Sprecher 2: Auch innerlich meine ich zum Beispiel jetzt bei der Verfügbarkeit der nicht ausgegebenen Intel-Milliarden. Also kann man sich noch auf Dinge einigen zu dritt?
Sprecher 3: Ja, sicher.
Sprecher 4: Zum Beispiel?
Sprecher 3: Ja, das wird jetzt der Herbst der Entscheidungen sein. Er wird das zeigen.
Sprecher 4: Ich bin gespannt auf das, was kommt und bedanke mich für dieses Gespräch.
Sprecher 3: Ja, gerne, Herr Brücker.
Sprecher 2: So viel kann man sagen nach diesem Gespräch mit Christian Lindner. Der Ausstieg aus der Ampel, der ist ein ernsthaftes Szenario für den FDP-Chef. Auch wenn er, so meine Erkenntnis, den genauen Fahrplan nicht in der Schublade hat. Aber Ende November die Haushaltsverhandlungen, da wird es zum Schwur kommen. Ich hoffe, bei unserem ersten Roundtable waren auch für Sie die ein oder andere neue Erkenntnis dabei und die neue Information. Wir werden dieses Gesprächsformat einmal im Monat fortsetzen. Im November kommt dann ein Kollege aus einer anderen Partei. Morgen geht es an dieser Stelle natürlich wieder ganz normal weiter mit Table Today ab 6 Uhr, Ihrem Nachrichten-Podcast. Diesmal mit unserem Innovations-Spezial, eine Kooperation mit der Deutschen Börse und dem Startup-Verband. Wir sprechen mit dem CEO von Stepstone, Sebastian Detmers, über den Fachkräftemangel, die Fachkräftelücke und wie man sie am besten schließen könnte. Bis dahin wünsche ich Ihnen einen wunderbaren Tag der Einheit. Genießen Sie den Feiertag. Bis morgen, Freitag, 6 Uhr an dieser Stelle. Ihr Michael Bröker.
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.