Wie gefährlich leben Politiker, Herr Chialo?
Der Berliner Kultursenator Joe Chialo hält auch nach dem Farbanschlag auf seine Wohnung an den Plänen für ein Antisemitismus-Gesetz bei der Vergabe von öffentlichen Geldern an Institutionen und Kulturvereine fest. „Wer versucht, mich und meine Familie zu verängstigen, bestätigt nur meine politischen Ansichten“, sagt er in dieser Episode.
Dr. Henning Radtke ist Bundesverfassungsrichter, Professor in Hannover und Präsident des Deutschen Juristentags. Im Gespräch mit Helene Bubrowski erklärt er, wie groß der Einfluss des Juristentags auf die Politik ist und welche Rolle die deutsche Justiz bei der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in der Ukraine spielt.
Der ukrainische Präsident Selenskyj wird im Laufe des Tages vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen sprechen. In einem Interview mit ABC hat er angedeutet, der Krieg könne schneller zu Ende sein, als wir denken. Aber nur, so machte er klar, wenn der Westen die Ukraine weiter unterstützt.
Wie spendenbereit sind die Deutschen wirklich? Die Deutschen gelten eher als zurückhaltend, wenn es darum geht, ihr privates Geld für gemeinnützige Projekte auszugeben. Warum Spenden nach wie vor wichtig sind, erklärt Dr. Anna Herrhausen, Vorstandsmitglied der PHINEO gAG.
PHINEO „prüft“ Projekte und Organisationen, sodass klar erkennbar wird, wie gut und sinnvoll die einzelnen Vorhaben sind.
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Wo Lodomir Zelensky glaubt, dass es im nächsten Jahr Frieden geben wird. Nur wie könnte so ein Friedensplan aussehen? Darüber wird gerade in New York diskutiert. Wir sprechen hier mit Professor Henning Radtke darüber, wie die deutsche Rolle bei der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in der Ukraine eigentlich ist. Herr Radtke ist Richter am Bundesverfassungsgericht und Präsident des Deutschen Juristentages, der heute in Stuttgart beginnt.
Sprecher 3: George Yallow wurde wieder einmal Opfer von vermeintlich pro-palästinensischen Aktivisten. Jetzt das zweite Mal. Diesmal wurde sein Wohnhaus mit Farbe beschmiert. Bei uns hier im Podcast sagt er, wie es ihm geht und wie es vor allem weitergeht.
Sprecher 2: An unserem Tisch begrüßen wir heute Anna Herrhausen. Sie ist seit Mai Vorstand der Beratungsgesellschaft Fineo. Und wir diskutieren mit ihr darüber, ob die Deutschen beim Thema Spenden wirklich so knauserig sind, wie man glauben könnte.
Sprecher 3: Es ist Mittwoch, der 25. September. Wir haben wieder ein paar Themen auf dem Zettel. Geben Sie uns ein bisschen Zeit. Los geht's.
Sprecher 4: An ABC News exclusive. Ukraine President Zelensky and First Lady Zelenska in their first joint interview since the war began on Zelensky's victory plan.
Sprecher 5: Is there anything that you want to say to the American people to help them understand where you are?
Sprecher 6: We are very thankful to people of America. We can't, I'm so sorry, I know that you have your challenges and etc. But I have to underline it and to repeat. We can't now be weak, we can't relax, because we didn't stop Putin. That's why we have to be strong and I'm asking to understand us, to be around us, to support us as you did at the very beginning of the war. And I think that we are closer to the peace than we think. We are closer to the end of the war. We just have to be very strong.
Sprecher 2: Wir sind dem Frieden näher, als wir denken, so hat es Zelensky gesagt, jetzt gerade im US-Sender ABC News.
Sprecher 3: Ja, Zelensky hat sich erstmals, finde ich, sehr offensiv und optimistisch zu einem möglichen Frieden geäußert. Entweder, weil er Angst hat vor dem Winter und einem weiteren Eskalieren des Krieges. Und immerhin sind ja 60 oder 70 Prozent der kritischen Infrastruktur bereits zerstört. Oder es gibt wirklich Chancen auf Frieden. Wobei...
Sprecher 2: Das eigentlich schwer vorstellbar ist, dass es einen echten Frieden gibt, der kein Diktatfrieden ist, also einen echten Frieden mit Russland, der ja nach ukrainischer Vorstellung bisher immer so aussah, dass die Russen sich vollständig vom ukrainischen Territorium zurückziehen müssten. Jetzt hat die Ukraine natürlich zum Tausch ein bisschen was anzubieten, nämlich die Region Kursk, die sie vor kurzem erobert hat. Aber ob das reichen wird, um Putin wirklich dazu zu bewegen und ob wir dann auch alle darauf vertrauen können, dass Putin sich an dieser Absprache hält, das steht freilich in den Sternen.
Sprecher 3: Ja, denn Zelensky hat in seinem Friedensplan eigentlich klar gemacht, dass er die besetzten Gebiete auch in Teile des Donbass zurückhaben will. Moskau will allerdings erreichen, dass Kiew alle von russischen Truppen besetzten Gebiete auch abtritt. Wie man da zusammenkommen will, weiß man nicht. Aber immerhin, Zelensky hat die beiden führenden amerikanischen Politiker, die dort eine Rolle spielen werden, informiert über diesen Plan, nämlich Kamala Harris und angeblich auch Donald Trump.
Sprecher 2: Jedenfalls nutzt er jetzt das Treffen in New York, das Treffen aller UN-Staaten, um für seinen Friedensplan zu werben, um, wenn man es so sagen will, die Truppen zu sammeln, hinter sich zu stellen. Am Ende sind natürlich die entscheidenden Kräfte wieder mal nicht die Europäer, sondern insbesondere die Chinesen. Wir erinnern uns, die hatten ja schon dafür gesorgt, mal Wladimir Putin zu sagen, dass er bitte keine Atomwaffen einsetzt, dass das die rote Linie ist. Also China, insbesondere Xi Jinping, ist ein ganz entscheidender Player auf dem Gebiet. Aber die Rede ist auch von Brasilien und Indien, die dabei eine größere Rolle spielen sollen. Also irgendwo soll auch der globale... Süden mit einbezogen werden in diesen Plan, der wahrscheinlich ist, dass die Idee nicht mehr der Plan der einzigen Mächte USA und Russland sein soll, sondern auch anderer Beteiligter.
Sprecher 3: Das große Problem vielleicht auch für die Amerikaner ist, Zelensky macht klar in diesem Plan, es muss einen ukrainischen Sieg geben bis dahin auf dem militärischen Feld und Russland soll militärisch zermürbt werden, wie es in einer amerikanischen Berichterstattung heißt. Also schwierig, aber immerhin ein Hoffnungsschimmer.
Sprecher 2: Ja, wenn dieser Friedensplan eine Chance hat, müsste er bis November ausgearbeitet sein und sagen wir mal im Großen und Ganzen konzertiert sein. Denn dann soll der zweite Friedensgipfel stattfinden. Allerdings sind die Erwartungen gedämpft. Moskau hat eine Teilnahme bereits abgelehnt. Und parallel zu diesen Bemühungen um einen Frieden, die Bemühungen, die hoffentlich irgendwann Früchte tragen, bemühen sich die Juristen international und auch in Deutschland schon jetzt um die Aufarbeitung, um die Aufklärung der Verbrechen Russlands in der Ukraine. Heute geht es los, in Stuttgart trifft sich der Juristentag und dort wird auch das Völkerstrafrecht eine Rolle spielen. Wir haben gesprochen mit Henning Rathke, Bundesverfassungsrichter und Präsident des Deutschen Juristentags. Er ist jetzt bei uns. Hallo Herr Rathke.
Sprecher 7: Herzlichen Dank für die Einladung zum Gespräch.
Sprecher 2: Ja, was soll das eigentlich, dieses Treffen von 2000 Juristinnen und Juristen aller Fachrichtungen? Was bringt das?
Sprecher 7: Es bringt eine gute Grundlage für zukünftige gesetzgeberische Aktivitäten. Der Deutsche Juristentag versucht, rechtspolitische Anschlüsse zu geben, ohne auf eine Weltanschauung, eine bestimmte Partei, einen bestimmten Interessenverband festgelegt zu sein, sondern übergreifend auf einer wissenschaftlich fundierten Basis. Anregungen an den Gesetzgeber zu geben für bestimmte Felder, wie zukünftig Gesetzgebung in besonders derzeit aktuellen und herausfordernden Lebensbereichen betrieben werden könnte.
Sprecher 2: Eigentlich im Leben sind Sie ja Richter am Bundesverfassungsgericht. Vielleicht ist es dieser Tag zu einem Nebenjob geworden. Aber sagen Sie mal, können Sie ganz praktisch uns erzählen, was Impulse sind vom Deutschen Juristentag der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, die ihren Eingang gefunden haben in das deutsche Recht.
Sprecher 7: Das tue ich sehr gerne und wenn Sie es gestatten, Frau Borski, dann will ich das an meinem alten Fachgebiet im Strafrecht tun. Wir kennen beispielsweise das, was wir als die dritte Spur im Strafrecht bezeichnen, nämlich dass wir nicht nur Strafen und Maßregeln auf der Sanktionsseite haben, sondern dass wir ganz häufig Strafverfahren beenden über Möglichkeiten des Täter-Opfer-Ausgleichs der Mediation. Dazu gibt es gesetzliche Regelungen sowohl im Strafgesetzbuch als auch in der Strafprozessordnung. Und viele dieser Regelungen, die uns jetzt selbstverständlich geworden sind, die diesen großen Bereich Täter-Opfer-Ausgleich betreffen, gehen ursprünglich auch zurück auf Diskussionen auf dem Deutschen Juristentag, der immer so organisiert ist, dass ganz am Ende des Juristentages in den Abteilungen konkret Empfehlungen abgegeben werden, wie man zukünftig Lebensbereiche gestalten kann. Das Beispiel der dritten Spur im Strafrecht, der Mediation im Strafrecht des Täter-Opfer-Ausgleichs, ist, glaube ich, ein besonders prägnantes Beispiel, wie sehr viele Gedanken, die auf dem Juristentag mehr verörtert worden sind, dann am Ende Eingang in die staatliche Gesetzgebung gefunden haben.
Sprecher 2: Ja, Selbstwirksamkeit würde man das wahrscheinlich neudeutsch nennen. Also es ist nicht nur ein Netzwerktreffen, sondern es gibt auch den Namen. weiß, dass es tatsächlich Wirkung zeigt, was die Juristen da ab heute diskutieren für die nächsten drei Tage. Herr Radke, Sie selbst wirken mit an einem Podium mit dem Titel Krieg in Europa und das Recht? Da geht es ums Völkerstrafrecht, also ein Ausschnitt aus Ihrem damaligen Wirkungsgebiet am Bundesgerichtshof, kann man sagen. Wie sehen Sie das? Gibt es eine Art von Zeitenwende auch in der Aufarbeitung von Völkerrechtsverbrechen in Deutschland?
Sprecher 7: Ich glaube, es hat eine Zeitwende gegeben, die schon ein wenig zurückliegt. Das sind die 90er Jahre gewesen. Ein Klima, in dem die Blockbildung sich auflöste, in dem auf einmal in der Welt insgesamt eine große Bereitschaft dafür da war, Völkerrechtsverbrechen zu bestrafen. Wir erinnern uns alle an die Ad-Hoc-Gerichtshöfe für die Aburteilung der Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien. Den wirklich unglaublich großen Schritt hin zu einem internationalen Strafgerichtshof, als ständiger Strafgerichtshof. Und vieles davon hat gerettet werden können. Die internationale Strafgerichtsbarkeit existiert immer noch, sie arbeitet immer noch. Sie ist in schwierigeren... Umständen, als das vormals der Fall gewesen ist. Wir haben wieder neue Blockbildungen. Das ändert aber nichts daran, dass auch jetzt etwa die Kriegsverbrechen, die Völkerrechtsverbrechen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg, da werden Beweise gesammelt, da werden zukünftige Gefahren vorbereitet und es ist wie immer im Völkerstrafrecht dann eine Frage der Zeit. ist die Zeit so reif, dass tatsächlich auch Verfahren durchgeführt werden können. Aber ich bin auch da Optimist, dass das Völkerstrafrecht auch in der Lage sein wird, mittelfristig das, was dort an Völkerrechtsverbrechen verübt worden ist, einer angemessenen Sanktionierung und Aufarbeitung zuzuführen.
Sprecher 2: Ja, im Völkerrecht braucht man in der Tat Geduld. Aber sprechen wir nochmal kurz über die Rolle Deutschlands. Es gibt ja immer wieder aus dem politischen Raum auch Forderungen an den Generalbundesanwalt, doch etwas aktiver tätig zu sein bei der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in der Ukraine. Wie sehen Sie das?
Sprecher 7: Ich bin jetzt schon aufgrund meines Hauptamtes nicht in der Lage, dem Generalbundesanwalt Handlungsempfehlungen zu geben, will auch nur auf die Schwierigkeiten hinweisen, die sich auf diesem Feld ergeben. Wir haben auf der einen Seite die Situation, dass Deutschland als Vertragsstaat des ICC-Statuts nach dem Weltrechtsprinzip die Völkerrechtsverbrechen des Statuts verfolgen darf, selbst wenn sie eben keine unmittelbaren deutschen Interessen berührt. Auf der anderen Seite haben wir eben tatorte nahe Staaten, die eigentlich nach dem Verständnis des Völkerstrafrechts vorrangig die Strafverfolgung betreiben sollten. Die Vorstellung ist, eigentlich sind diejenigen Staaten zuständig für die Verfolgung solcher Taten, die entweder, weil sie über die Täterseite, über die Opferseite, über das Territorium getroffen sind, vorrangig betreiben, dass dann andere Nationalstaaten, wie Deutschland in Bresche springen, wenn die Betroffenen eigentlich primär vorgesehenen Staaten ausfallen. Und ganz nachrangig, wenn niemand auf der Ebene der Nationalstaaten bereit ist oder in der Lage ist, eine effektive Strafverfolgung zu betreiben, dann kommt der ACC ins Spiel. Das ist das Grundmodell. Und vor diesem Hintergrund ist klar, dass Deutschland... Als nicht unmittelbar betroffener Staat nochmal weder das Territorium ist betroffen, noch sind deutsche Staatsangehörige auf Täter- oder Opferseite betroffen, dass es da eine gewisse Zurückhaltung gibt, sofort mit dem scharfen Schwert des Weltrechtsprinzips die Deutschstrafgewalt zur Anwendung zu bringen. Was genau das für die Tätigkeit des Generalbundesanwalts und seiner Behörde bedeutet, das entscheidet die Behörde und ihr Behördenleiter autonom. Aber die Rahmenbedingungen habe ich einmal versucht abzustecken.
Sprecher 2: Herr Radke, ich wünsche Ihnen einen guten Juristentag. Danke, dass Sie heute bei uns waren.
Sprecher 7: Ich danke ganz herzlich für das Gespräch und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.
Sprecher 3: Wieder ein Angriff auf einen Politiker, Helene, das ist mein Thema. Diesmal ist es Joe Cialo, der Berliner Kultursenator, der mit seiner Antisemitismus-Klausel die gesamte pro-palästinensische Szene hier in dieser Stadt offenbar aufgeschreckt hat. Angriffe auf sein Privathaus in Pankow, unsäglich.
Sprecher 2: Ja, George Cialo hatte schon vor einem guten Jahr, kurz nach dem 7. Oktober, den Vorschlag gemacht, dass künftig Förderung für Kultur nur dann stattfindet, wenn sich die Kulturschaffenden klar vom Antisemitismus distanzieren, ein Bekenntnis abgeben, dass sie nicht antisemitisch tätig sind. Und der Antisemitismusbegriff, den er dabei gewählt hat, das ist der der International Holocaust Remembrance Alliance, der beinhaltet auch den israelbezogenen Antisemitismus, also auch die Dämonisierung des Staates Israel. Aus meiner Sicht vollkommen richtig, aber aus Sicht der Kulturszene geht das natürlich zu weit, ist ein Angriff auf die Kunstfreiheit und deswegen wurde sie angefeindet. Und auch juristisch, muss man sagen, gab es einige Bedenken, weil es nämlich nicht in einem Gesetz festgelegt war ursprünglich. Das will der Berliner Senat jetzt ändern. Aber George Cialo schlägt seitdem der Hass entgegen von Teilen der Kulturszene. Er wird sogar als Rassist beschimpft.
Sprecher 3: Ja, und wir wollten natürlich von ihm wissen, wie er sich fühlt nach diesem Anschlag und ob er eigentlich dabei bleibt, diese Klausel in der Kulturverwaltung einzuführen, was er ja angekündigt hatte. Hören wir mal rein, was er gesagt hat.
Sprecher 8: Ich weiß, dass politisches Engagement, besonders im Amt, harte Debatten und in den Austausch von Argumenten erfordert. Das politische Geschäft ist keine Komfortzone, das ist mir klar. Aber hier geht es nicht nur um die politischen Ansichten von Senator Joe Cialo. Es geht auch um mich als Menschen und vor allen Dingen auch um meine Familie. In diesem Moment hatte ich schon das Gefühl, dass eine Grenze deutlich überschritten wurde. Wer versucht, mich und meine Familie durch den Anschlag zu ängstigen, bestätigt nur meine politischen Ansichten. Ich werde klar gegen Antisemitismus und Israel-Hass auftreten und zeitgleich aber auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hier in Berlin. Wer den gewaltfreien Dialog verlässt, muss mit Widerstand rechnen. In Deutschland tragen wir nämlich eine besondere Verantwortung, die wir nicht erfüllen, wenn wir uns ducken. Ich werde keine Steuergelder und das ist mir persönlich sehr wichtig, an politische Extremisten vergeben.
Sprecher 2: Der Staat kann nicht alles richten, das wissen wir spätestens seit den Querelen um den Haushalt innerhalb der Ampel. Deswegen brauchen wir Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, beziehungsweise die Menschen insgesamt im ganzen Land mit Spenden. Bei Krisen wie Fluten, Erdbeben, bei Kriegen für Opfer von Gewalt und vielem anderen ist es oft das private Geld, das die größte Not lindert. Aber uns Deutschen begegnet das Vorurteil, dass wir nicht besonders hilfsbereit sind, nicht besonders spendenfreudig, anders als zum Beispiel die Amerikaner. Stimmt das überhaupt? Darüber habe ich mit Anna Herhausen gesprochen. Sie war bis zum vergangenen Jahr Geschäftsführerin der Alfred-Herhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank und ist seit Mai im Vorstand der Beratungsgesellschaft Fineo, die sich auch damit beschäftigt, wie Spenden sinnvoll eingesetzt werden können. Schön, dass du heute bei uns bist. Hallo Anna.
Sprecher 9: Guten Morgen, Helena.
Sprecher 2: Das Vorurteil ist ja, dass Deutsche tendenziell knauserig sind und gar nicht so viel Geld geben. Ist das eigentlich richtig?
Sprecher 9: Das würde ich nicht sagen. Tatsächlich sind die Deutschen, wie ich finde, durchaus sehr spendenbereit. Vor allen Dingen zeigt sich das. Bei Katastrophen, Ahrtalflut beispielsweise oder auch international, da sind Deutsche sehr großzügig, würde ich schon sagen. Insgesamt haben wir... Laut der Bilanz des Helfens im letzten Jahr so ungefähr 5 Milliarden Euro, die in Deutschland gespendet wurden.
Sprecher 2: Was muss denn zusammenkommen, damit Menschen bereit sind zu spenden? Du hast gerade gesagt, bei Katastrophen. Also sind es die Bilder, die unser Mitleid erregen oder was ist es? Weil das würde ja bedeuten, dass manche Projekte, die man besonders gut in Szene setzen kann, überproportional profitieren, oder?
Sprecher 9: Ja, das kann man schon sagen. Es ist vor allen Dingen die Katastrophenhilfe. Es sind aber auch Themen wie Bildung beispielsweise, wo schon viel gespendet wird. Was wir jetzt aktuell gesehen haben im letzten Jahr, ist, dass im Vergleich zu den Vorjahren, wo wir eben auch noch eine große Spendenbereitschaft zum Beispiel Richtung Ukraine hatten, dass im letzten Jahr dann schon wieder ein Stück zurückgegangen sind. Also sozusagen das Spendenverhalten sich etwas normalisiert hat.
Sprecher 2: Gibt es denn in Deutschland auch diese Großspender, die wir aus Amerika kennen, also Warren Buffett, ich spende die Hälfte meines Vermögens, mache das noch öffentlich, sowas gibt es in Deutschland eher selten, ist das richtig?
Sprecher 9: Ich würde auch sagen, dass es das eher selten gibt, es gibt es schon und da haben natürlich die Menschen auch unterschiedliche Möglichkeiten, das zu tun. Viele errichten Stiftungen, es gibt in Deutschland ungefähr 25.000 Stiftungen bürgerlichen Rechts. Es gibt aber auch diese großen Einmalspenden, die dann natürlich auch über einen öfters längeren Zeitraum verteilt werden. durften da auch mal mitwirken, eine große Einzelspende an verschiedene kleinere gemeinnützige Organisationen auch zu verteilen.
Sprecher 2: Kannst du das ein bisschen konkreter machen? Wer hat gespendet und was habt ihr mit dem Geld gemacht?
Sprecher 9: Das war Susanne Klatten, die Scala-Initiative und da ging es um 100 Millionen Euro.
Sprecher 2: Ja, das ist ja eine stolze Summe. An sich trauen sich aber Spender doch in Deutschland eher selten, so in die Öffentlichkeit zu gehen. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass unser Verhältnis zum Geld um einiges verkrampfter ist als in Amerika. Ist das richtig?
Sprecher 9: Ich glaube, das sind verschiedene Faktoren. Einer ist wahrscheinlich, dass man das nicht unbedingt so vor sich her trägt, wie viel Geld man übrig hat. Ein anderer ist auch, wenn du es jetzt mit Amerika vergleichst zum Beispiel, dass wir natürlich ein sehr viel dichteres soziales Sicherungsnetz in Deutschland haben und dementsprechend zivilgesellschaftliche Organisationen und Initiativen eben nicht nur von privatem Geld abhängig sind.
Sprecher 2: Der private Sektor ist gar nicht so gefragt, wobei wir ja jetzt in diesen... Wochen sehr, sehr deutlich gesehen haben, dass eben auch der Haushalt seine Grenzen hat, dass man nicht unendlich Schulden machen kann. Das heißt, perspektivisch wäre der private Bereich die Menschen selber stärker gefordert, auch was zu tun für den Zusammenhalt der Gesellschaft, für die soziale Absicherung bestimmter Projekte?
Sprecher 9: Das auf jeden Fall. Ich würde sagen, das ist nicht nur perspektivisch so, sondern... Nein, nein, das ist auch jetzt schon so. Da kommt auf der einen Seite sozusagen Haushaltsengpässe dazu. Da kommt auch dazu die allgemeine Lage, in der wir uns befinden. Du hast das Stichwort gesellschaftlichen Zusammenhalt angesprochen. Man kann auch... sagen, die Förderung unserer resilienten Demokratie. Und das wissen wir, dass hier gerade vieles auch umkämpft ist und dass auch antidemokratische Kräfte sehr gezielt auch vorgehen, die Zivilgesellschaft zu schwächen.
Sprecher 2: Die Sorge mancher ist ja auch, dass sie Geld spenden, dass das Geld dann aber gar nicht da ankommt, wo es ankommen soll, sondern entweder... In den Mühlen der Verwaltung zerrieben werden oder eben in Projekten, die am Ende gar keine Wirkung haben. Auch darum kümmert sich Fineo. Was macht ihr da genau?
Sprecher 9: Ja, wir haben tatsächlich oder so sind wir gestartet und tun es auch weiterhin, nämlich Wirkung von gesellschaftlichen Organisationen greifbar zu machen und sichtbar zu machen, um genau diesen Sorgen ein Stück weit vorzubeugen und natürlich auch um Menschen und auch Stiftungen und Unternehmen dazu zu ermutigen und ihnen etwas an die Hand zu geben, in besonders wirksame Organisationen zu investieren oder an genau die zu spenden. Wie kann man sich das vorstellen? Eine gemeinnützige Organisation hat bestimmte Aktivitäten. Aktivitäten und Ressourcen, die sie dafür verwendet. Die Ressourcen sind die Inputs, die Aktivitäten, wenn ich jetzt mal ein Beispiel nehme, zum Beispiel Workshops mit Jugendlichen, um denen den Übergang Schule-Beruf zu erleichtern. Dann gibt es eben die sogenannten Outputs, das sind die Workshops, die gemacht werden. Und dann wollen wir ja, dass das bei den Jugendlichen eine Veränderung erreicht. Das wäre der Outcome. Und dann irgendwann der gesellschaftliche Impact, die Wirkung ist, dass wir weniger Jugendarbeitslosigkeit haben beispielsweise. Pro Organisation sich anzuschauen. Das macht Fineo und bringt diese Transparenz rein und zeigt eben, wo funktioniert das wirklich, was die Organisationen tun.
Sprecher 2: Genau, sie muss sauber arbeiten. Die Aufstellung der Organisation kostet auch Geld, das ist klar. Und trotzdem verschlingt das natürlich dann wieder einen Teil der Spenden. Kann man das sagen im Schnitt? Wann ist eine Organisation wirkungsvoll, wenn wie viel Prozent meiner Spende dann beim Projekt tatsächlich ankommen?
Sprecher 9: Ja, es gibt so wirklich grobe Daumenpeilungen, wo man sagt, das ist eine gute Aufteilung zwischen kommt bei der Zielgruppe an und wird für die Organisation selbst verwendet. Über 30 Prozent für die Organisation sollte es nicht gehen. Ganz viele Organisationen schaffen das aber deutlich drunter und sind irgendwo bei 10 oder 20 Prozent.
Sprecher 2: 10 bis 20 Prozent ist ja wirklich eine gute Sache, wenn die öffentliche Verwaltung so arbeiten würde. Dann würde es wahrscheinlich vieles sehr viel besser laufen. Anna, was ist denn dein Appell an die Deutschen? Wahrscheinlich doch, sich mehr zu engagieren mit Spenden, oder?
Sprecher 9: So ist es. Und ich finde das gerade jetzt sehr, sehr wichtig, gerade in Zeiten, wo du angesprochen hast, dass auch die Haushaltslage schwierig ist. Das bedeutet für viele Organisationen tatsächlich, dass sie sehr schnell an einen Kampf um die Existenz kommen. Und da finde ich es besonders wichtig für private Personen, aber auch für Stiftungen sozusagen antizyklisch sich zu engagieren.
Sprecher 2: Vielen Dank, dass du heute bei uns warst, liebe Anna.
Sprecher 9: Danke, Helene.
Sprecher 3: Helene, das kann jetzt nicht alles gewesen sein.
Sprecher 2: Natürlich nicht, Michael. Es gibt noch eine gute Nachricht zum Schluss. Und zwar, dass Deutschland-Ticket bleibt. Allerdings so ein bisschen wie manchmal in den guten Nachrichten ist auch ein bisschen Schlechtes verpackt. Es wird teurer, nicht mehr 49 Euro Ticket, was ja übrigens ein Dionym geworden ist. Ein Wort, das wir kürzlich gelernt haben. Das 49 Euro Ticket war quasi gleichbedeutend mit dem Deutschland-Ticket. Jetzt müssen wir alle umlernen, wie bei God Save the King. Es kostet jetzt 58 Euro ab 2025. Also nicht mehr das 49-Euro-Ticket, sondern das 58-Euro-Ticket. Kannst du dir das merken, Michael Broker?
Sprecher 3: Ich finde ja 49 Euro deutlich besser. Am liebsten wäre mir 50 gewesen, weil das kann ich mir wirklich merken. Aber auch 58 Euro ist übrigens immer noch günstiger als ein Monatsticket bei der BVG hier in Berlin für den Bereich AB. Ich bin ein großer Fan dieses Deutschland-Tickets, liebe Helene, obwohl es nicht viele neue zum ÖPNV gebracht hat, sondern nur bestehende Abonnementkunden. Aber es ist einfach, es ist digital, es ist klar und vielleicht geht es in die Geschichtsbücher ein als das Beste, was diese Ampel je gemacht hat.
Sprecher 2: Könnte sein. Wäre doch schön, wenn es so etwas Schönes gäbe.
Sprecher 3: Das Kissing-Ticket.
Sprecher 2: Ja, das weiß ich nicht. Wird das jemals ein Deonym werden? Wir werden abwarten.
Sprecher 3: Christian Lindner versucht ja gerade seinen Altersvorsorgefonds zum Lindner-Fonds umzudefinieren. Muss man eigentlich immer, ist das hier der Bubrowski-Podcast?
Sprecher 2: Der Broker and Bubrowski-Podcast. I don't know. Ist mir auch wirklich... Komplett egal. Liebe Hörerinnen und Hörer, es geht wie immer nur um Sie. Und wenn Sie Lust haben, sind Sie am Donnerstag wieder mit dabei. Dann haben wir schon den 26. September. Wir freuen uns auf Sie. Bis dahin alles Gute. Ihre Helene Poprowski und... Tschüss, Michael Brücker war auch dabei.
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.