Ist das die neue Kriegsführung?
Wie ist der mutmaßlich israelische Angriff mit manipulierten Pagern und Walkie-Talkies im Libanon völkerrechtlich zu bewerten?
Wie sieht die Zukunft unserer Demokratie aus? Mit welchen Herausforderungen müssen wir in naher Zukunft umgehen? Das sind Fragen, die Andrea Römmele, Professorin für politische Kommunikation an der Hertie School in Berlin, in ihrem neuen Buch „Demokratie neu denken“ behandelt hat. Sie hat sich Gedanken gemacht, wie der Stand der Digitalisierung, Urbanisierung und Migration in den Jahren 2035, 2040 und 2045 sein könnte. Ihre erfreuliche These: Es wird nicht alles schlechter.
Wie sinnvoll sind Milliarden-Subventionen für einzelne Unternehmen? Der (vorläufige) Stopp des Neubaus von Intel in Magdeburg hat die Diskussion über staatliche Förderung neu angefacht.
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Erleben wir gerade eine völlig neue Kriegsführung im Nahen Osten. Mit zwei groß angelegten Hackeraktionen hat angeblich der israelische Geheimdienst, die Hisbollah, aufgeschreckt. Eine Eskalation droht. Mindestens 32 Menschen sind tot. Mein Thema heute.
Sprecher 3: Mein Thema sind 10 Milliarden Euro, die plötzlich zur freien Verfügung sind. Der Grund ist nicht so schön, denn der Traum vom deutschen Silicon Valley ist geplatzt. Intel legt die Pläne für die Chipfabrik auf Eis. Und jetzt geht der Streit los, was mit diesem Geld, das eigentlich für die Chipfabrik gedacht war, passieren soll.
Sprecher 2: An unserem Rundentisch sitzt heute Andrea Römmelle. Sie ist Professorin für politische Kommunikation an der Hertie School hier in Berlin. Und sie hat ein interessantes neues Buch über die Demokratie geschrieben. Darin fünf Megatrends, die uns in den nächsten Jahren ganz besonders beschäftigen werden.
Sprecher 3: Die politische Woche ist fast vorbei. Das Wochenende steht vor der Tür. Noch einmal rein ins Geschehen. Es ist Freitag, der 20. September.
Sprecher 2: Mein Thema ist der Libanon und das, was wir in den letzten Tagen dort erlebt haben. Helene, eine unfassbare Aktion, angeblich vom israelischen Geheimdienst Mossad. Am Dienstag sind tausende Pager gleichzeitig im ganzen Land explodiert. Es gab 2800 Verletzte. Die Hisbollah ist in Aufruhr. Eine solche Attacke haben wir wohl auch noch nie erlebt, oder?
Sprecher 3: Offiziell bestätigt haben die Israelis ja noch nicht, dass sie dahinter stecken. Aber der Verteidigungsminister Garland hat gesagt, dass jetzt eine neue Phase des Krieges beginnt. Das hört sich schon so an wie eine Bestätigung.
Sprecher 2: Israel ist im Krieg mit der Hisbollah. Darf man das eigentlich völkerrechtlich, was die da gemacht haben?
Sprecher 3: Naja, es ist nicht ganz einfach. Man darf natürlich einen Kombatanten, so heißt der Fachausdruck, umbringen. Und so zynisch es klingt, völkerrechtlich wäre es kein Problem, wenn die Israelis Hisbollah-Kämpfer mit Scharfschützen zum Beispiel eliminieren. Hier ist das Problem, dass man nicht ganz genau weiß, unter welchen Umständen und in welchem Kontext diese Pager explodieren. ist, unschuldige Menschen, die einfach zum Beispiel auf Marktplätzen oder ähnliches rumstehen, können genauso getroffen werden. Und das wird zumindest billigend in Kauf genommen von dem, der für diese... Tat verantwortlich ist. Das sind dann die Kollateralschäden, so wie sie bezeichnet werden. Und das ist dann am Ende eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Also wie viele unschuldige Zivilisten werden davon getroffen? Wie viele Kombatanten sind getötet worden? Hier muss man sagen, die Opferzahlen halten sich ja noch ziemlich in Grenzen.
Sprecher 2: Ein Schritt zurück nochmal, die Pager, technische kleine Geräte, die ich eigentlich nur aus der 80er Jahre Serie The Wire kenne, wo Drogenhändler in Baltimore in den USA sich darüber informieren, wo gerade welcher Drogenhandel stattfinden soll. Denn diese Pager, das sind nichts anderes als kleine Kommunikationsinstrumente, wo Nachrichten verschickt werden und man danach jemanden dann anrufen kann, dessen Nummer auf diesem Pager gelistet ist, sind nicht ortbar und deswegen offenbar bei Hisbollah-Anhängern sehr beliebt und sehr verbreitet. Und diese Pager wurden vor der Lieferung angeblich von Mossad abgefangen und präpariert von einer taiwanesischen Firma, Gold Apollo genannt, über Ungarn in den Nahen Osten geschleust und vorab eben in dieser großen Zahl präpariert. Erstaunlich.
Sprecher 3: Die Frage ist ja jetzt, wie es weitergeht. Die Hisbollah hat Vergeltung angekündigt. Erste Raketen sind schon in Israel eingeschlagen. Wir erinnern uns, dass die arabische Welt ja sowieso auf Rache sind. Nicht nur, weil sie das allgemein tut, sondern auch ganz speziell, weil ja der Hamas-Auslands... Chef Ismail Haniyeh im Juli in Teheran bei einem Besuch getötet wurde. Wir haben auch damals hier drüber gesprochen, dass man lange dachte, jetzt erfolgt der Gegenschlag von Teheran oder von anderen befreundeten Mächten. Das ist nicht passiert. Insofern mal sehen, was jetzt sich tut in diesem Pulverfass.
Sprecher 2: So präsent die internationale Kritik ist, so groß ist die Genugtuung in Israel. Denn man muss ja sagen, der Mossad hat gnadenlos versagt beim Angriff am 7. Oktober von Hamas auf Israel. Da sind diese Jungs mit einem Bolzenschneider durch den Zaun gekommen. Und jetzt schafft es offenbar dieser Geheimdienst, tausende Pager und danach ja auch noch die Walkie-Talkie einen Tag später in die Luft zu jagen, sodass die Hisbollah im Libanon gar nicht mehr weiß, mit welchen Geräten sie eigentlich jetzt noch kommunizieren. Eine Demütigung für diese Terrormiliz und eine Genugtuung für den Mossad. Insofern kann das gar nicht unwidersprochen bleiben, glaube ich, auch aus dem Libanon. Wir sind jetzt wieder in einem Zwei-Freunden-Krieg, vor dem alle gewarnt haben.
Sprecher 3: Ja, genau so ist es. Die Verunsicherung ist natürlich riesengroß, dass man den Eindruck hat, man weiß gar nicht, wo der Mossad überall seine Finger drin ist, was als nächstes passieren könnte. Genau das ist natürlich das Ziel solcher Aktionen, die Destabilisierung des Gegners. Insofern, Michael, wir müssen uns darauf gefasst machen, dass, und der 7. Oktober, der Jahrestag, steht unmittelbar bevor, dass es jetzt wieder sehr blutig wird. Mein Thema, Michael, hat nichts mit Menschenleben zu tun. Es geht um Geld und trotzdem ist die Nachricht nicht gut. Sie ist jetzt schon ein paar Tage alt. Das Leuchtturmprojekt der Ampel ist gescheitert. In Magdeburg sollte eine Chipfabrik entstehen. 10 Milliarden Euro wollte der Bund dafür hinlegen. Und das Ziel war Unabhängigkeit von China. Einerseits Strukturpolitik, Arbeitsplätze in Ostdeutschland, andererseits. Und daraus wird nun nichts.
Sprecher 2: Nichts mit Saxony, Anhalt, Valley. Ich war immer schon skeptisch, generell bei Subventionen, aber in diesem Fall besonders. Intel schreibt schon länger rote Zahlen. Alleine letztes Quartal eine Milliarde Dollar Miese. Und sie haben unlängst bekannt gegeben, dass sie 15.000 Jobs streichen. Also warum wir als Steuerzahler offenbar einem schlechten Management gutes Geld hinterherwerfen sollten, weiß ich nicht. Die Unabhängigkeit, die Souveränität bei Rohstoffen, bei Produktion von Chips, sie kann nicht mit Steuerzahlergeld erkauft werden.
Sprecher 3: Man kann jedenfalls darüber streiten und das tun ja auch die Ökonomen, ob es sinnvoll ist, ganz spezifische Leuchtturmprojekte, wenn man sie so nennen will, zu fördern und zu subventionieren. Oder ob es nicht der richtige Weg ist, die Rahmenbedingungen zu verbessern, um die Ansiedlung von Unternehmen zu unterstützen, sie anzulocken, gerade auch was die kritische Infrastruktur angeht. Da gehen die Meinungen auseinander und der Fall Magdeburg Inter spricht jetzt eher dafür, dass man vielleicht an die Rahmenbedingungen ran müsste.
Sprecher 2: Stefan Kurz vom Institut für Weltwirtschaft hat es gesagt. ist der Meinung, wir zeigen, dass Intel nur kommt, wenn Standortnachteile durch Subventionen ausgeglichen werden. Zitat Ende. Er meint, die Intel-Milliarden könnten besser in Bildung und in Strukturen angelegt werden. Und der Ökonom Daniel Stelter macht eine Rechnung auf, die kann man... diskutieren, aber sie ist ziemlich plausibel. 10 Milliarden Euro, das hätte bedeutet, jeder neue Arbeitsplatz, der dort entstehen soll, wäre uns Steuerzahler 3 Millionen Euro wert. Das ist auch schon bei Holzmann und Gerhard Schröder falsch gelaufen.
Sprecher 3: Ja, wobei diese Rechnung natürlich etwas zu einfach ist, denn es soll ja nicht einfach nur Arbeitsplätze subventioniert werden mit Millionen Euro, sondern es geht ja vor allem um die Chips, die dabei herauskommen, die die deutsche Industrie auch braucht und wo wir eben nicht wollen, dass die alle aus China importiert werden müssen.
Sprecher 2: Ich bleibe dabei, Subventionitis ist mindestens genauso schlimm wie Ausschließeritis. Diese ganzen Itisse bringt eh nichts.
Sprecher 3: Illtisse könnte man auch sagen. Aber es bleibt die Frage, was machen wir mit den 10 Milliarden, die am Ende ja uns, den Steuerzahlern, gehören. Die kommen ja nicht aus dem Haushalt, sondern aus dem KTF, dem Klima- und Transformationsfonds. Aber auch von dem wissen wir, und das hat der Kollege Malte Kreuzfeld hier auch schon berichtet, dort fehlt auch das Geld. Auch dort wird mit der sogenannten globalen Minderausgabe gearbeitet. Also der KTF ist unterfinanziert und nun hat er mehr Geld oder wird das doch noch für was anderes verwendet? Die Debatte in der Ampel, der neue Streit kann man auch sagen, ist schon wieder voll im Gange.
Sprecher 2: Und überraschend steht Christian Lindner diametral gegen Robert Habeck und Olaf Scholz ist irgendwo in der... Und keiner weiß, was er jetzt will.
Sprecher 3: Also alles wie immer. Mal sehen, wie viel Nachtsitzung es dauert, bis wir hier eine Einigung bekommen.
Sprecher 2: Wie sieht die Zukunft unserer Demokratie aus? Mit welchen Herausforderungen müssen wir in Zukunft umgehen? Das sind wichtige Fragen, die die Professorin für politische Kommunikation an der Hertie School of Governance in Berlin, Andrea Römmelle, in ihrem neuen Buch behandelt. Sie sagt, Digitalisierung, Urbanisierung, Migration und Demografie sind die größten Aufgaben für die Demokratie. Der Klimawandel natürlich auch. Helene hat mit ihr darüber gesprochen, wie man jetzt konstruktiv diese Themen angehen kann und warum es bei uns eigentlich vielleicht doch gar nicht so schlecht läuft. Los geht's.
Sprecher 3: Hallo, schön, dass du da bist, Andrea.
Sprecher 4: Grüß dich, Helene.
Sprecher 3: Ja, du hast ein tolles Buch geschrieben, das in diesen Tagen erscheint. Demokratie neu denken heißt es. Es ist ein Blick in die Zukunft der Demokratie, wie sie sich entwickelt. Es geht um Ängste, aber es geht auch um Chancen. Das finde ich sehr schön. Große Empfehlung schon an dieser Stelle. Reden wir drüber. Und meine erste Frage ist... Reden wir unser Land und die Zukunft viel zu schlecht?
Sprecher 4: Ja, würde ich schon sagen, weil wir viele positive Dinge auch erleben, in der Politik auch sehen. Wir kritisieren beispielsweise die Ampel die ganze Zeit, ohne auch zu sagen, was funktioniert. Machen wir in ganz vielen Bereichen. was Verwaltung anbelangt, was Ministerien anbelangt. Wir sagen immer, was nicht funktioniert, wo etwas hakt. Aber mal zu sagen... Wo was funktioniert, was gut funktioniert, ist nicht in unserer DNA. Und ich glaube, dass wir uns so ein bisschen in Ruck geben müssen und uns selber auch sagen, jetzt hören wir mal auf zu kritisieren, sondern A, schauen, was eigentlich schon funktioniert und B, was... Kann ich dazu beitragen, dass noch mehr funktioniert?
Sprecher 3: Du hast fünf Megatrends aufgezeigt in deinem Buch. Das sind Entwicklungen, die in den nächsten 5, 10, 15 Jahren unser Land bestimmen, unser Leben bestimmen. Oder wie würdest du Megatrend genau beschreiben?
Sprecher 4: Megatrend lässt sich beschreiben am besten als eine Lawine in Zeitlupe. Also Entwicklungen, die uns als... Gesellschaft erfassen und zwar ganzheitlich erfassen, also wirtschaftlich, sozial, kulturell, politisch und denen wir auch nicht entfliehen können. Das sind Trends, die sich in 20, 30, 40 Jahren aufbauen. Im Französischen gibt es da ein ganz schönes Wortspiel. Die französische Sprache hat zwei Worte für Zukunft. Wir haben nur eins. Und zwar unterscheidet die französische Sprache zwischen avenir, also eine Zukunft, die uns passiert, der wir nicht entweichen können, und Futur, eine Zukunft, die wir gestalten. Und dieses Wortspiel war so ein bisschen Ausgangspunkt meiner Überlegung. Die Megatrends, die... Sind Avenir, die kommen auf. Und ich habe mir jetzt fünf für das Buch ausgewählt. Es gibt deutlich mehr. Ich habe jetzt Digitalisierung, Urbanisierung, Migration und Demografie, Klimawandel und politische Ökonomie, also Internationalisierung der Ökonomie. Aber es gibt noch einige mehr. Die habe ich beschrieben praktisch als eine Zukunft, die auf uns zukommt. Aber das Futur ist der Teil, den wir gestalten können. Wie gestalten wir die Auswirkungen dieser Megatrends? Und darum geht es. Wie können wir diese Megatrends demokratisch gestalten? Und wie kann unser Land 2030, 2035 aussehen?
Sprecher 3: Ja, das wäre genau meine Frage gewesen. Also Lawine klingt nach etwas, was man überhaupt nicht beeinflussen kann. Der ist man einfach ausgesetzt, du sagst, aber das ist die These deines Buches. Wir haben die Zukunft auch in der Hand. Das heißt, das Ohnmachtsgefühl, das viele Menschen beschleicht, also man kann sowieso nichts tun, denn die Verwaltung ist schon so bürokratisch, selbst im Kleinen und im Großen sowieso nicht. Der Klimawandel kommt, mehr oder weniger egal, was wir tun, die Migration auch. Das ist nicht so. Wo hat der Mensch... Demokratie neu denken, Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen jenseits des Kreuzes, das wir alle vier Jahre bei der Wahl machen, wenn wir denn hingehen.
Sprecher 4: Ich möchte mal ein Beispiel nennen, wie Bürokratie ganz auf einmal auch unbürokratisch und schnell sein konnte. Erinnern wir uns doch einfach nochmal an die Pandemie, auch wenn wir das jetzt nicht so gerne tun. Aber da... War Computerbestellen, Laptopbestellen an Schulen auf einmal gar kein Problem mehr. Da gingen die Dinge auf einmal schneller. Und ich meine, man muss jetzt nicht immer gleich in einem Ausnahmezustand sein, aber Verwaltung kann schon. Und ich glaube, wir brauchen große Visionen und Ideen, wie unser Land in zehn Jahren aussehen soll. Und daraus leiten sich dann auch Maßnahmen für bestimmte Dinge ab. Also ich habe zum Beispiel in dem Digitalisierungskapitel, als ich den Megatrend Digitalisierung beschrieben habe, ist natürlich eine Auswirkung davon, Fake News, Deep Fakes und so weiter, habe ich auch beschrieben, ist eine echte Gefahr, wenn wir nicht mehr auf der Grundlage von Fakten und Wahrheit diskutieren, sondern auf der Grundlage von Missinformation und Deep Fakes. Digitalisierung kann aber auch eine Riesenchance sein, wenn wir es beispielsweise für die Verwaltung richtig einsetzen. Zur Demokratie gehört ja auch immer Vertrauen in Prozesse. Und das Vertrauen in Prozesse ist bei uns ein großes Stück zurückgegangen, wenn man die Daten anschaut. Das Vertrauen in Prozesse, in Verwaltung ist zurückgegangen. Wenn wir es endlich schaffen, hier die Prozesse auch zu digitalisieren, zu streamlinen, dass die Verwaltung zu uns kommt, dass ich zum Beispiel auf meinem Smartphone angesagt kriege, in drei Tagen muss ich zur Tetanusimpfung gehen oder andere Sachen, dann ist das... Das Vertrauen in die Demokratie, das Vertrauen in die Prozesse wieder durchaus gestärkt.
Sprecher 3: Du beschreibst ja in deinem Buch verschiedene Zukunftsszenarien der Jahre 2035, 2040, 2045. Das Beispiel mit der Tetanusimpfung kommt aus dem Jahr 2045. Also in meinen Augen ein sehr attraktives Szenario. Man sitzt auf dem Sofa und das Handy sagt einem, dein Personalausweis läuft ab, die Steuererklärung ist fällig und die Tetanusimpfung muss aufgetrischt werden. Auch wenn das natürlich relativ viele nervige To-Dos sind, weiß man, was man tun muss und muss nicht selber nachschauen. Da ist aber beim Lesen schon hat man den Reflex, oh Gott, oh Gott, was ist denn da mit dem Datenschutz? Ist das jetzt vielleicht auch ein typisch deutscher Reflex? Ich weiß es nicht. Ist das nicht auch wieder eine große Gefahr? Also Stichwort der gläserne Mensch.
Sprecher 4: Ja, natürlich. In den Szenarien sind natürlich auch gewisse Stolpersteine. Manche Dinge habe ich auch nicht bedacht. Beim Datenschutz würde ich sagen, da gibt es davor auf dem Smartphone, muss man einwilligen, dass man diese Verwaltungs-App benutzt und damit sind auch die Daten freigegeben. Aber überall kann man Bedenken anmelden. Aber ich glaube, es geht darum, mal in großen Linien zu zeigen, dass wir wirklich Potenzial haben, beziehungsweise dass wir wirklich Grund auch dafür haben, Demokratiemut zu haben.
Sprecher 3: Demokratiemut heißt also auch Vertrauen in unser System.
Sprecher 4: Absolut. Vertrauen in unser System, weil wir haben kein, wie ich es im Buch auch sage, kein Hardware-Problem. haben kein systemisches Problem im Sinne von, wir brauchen ein anderes Wahlsystem irgendwie. Warum haben wir überhaupt noch diesen komplexen und komplizierten Föderalismus? Da sind die Studien eigentlich total eindeutig, dass die Art von Systemen, die wir haben, eigentlich die in Anführungsstrichen nachhaltigeren Demokratien sind. Meiner Ansicht nach haben wir ein Software-Problem. Also wir müssen unser Betriebssystem mal wieder neu starten. Dazu gehört... Narrative. Demokratie heißt auch eine positive Geschichte in die Zukunft erzählen. Und es braucht auch jemand, der sie erzählt. Wir haben momentan so eine gewisse Gesprächsstörung.
Sprecher 3: Ja, gibt es ja auch interessante Bücher zu dem Thema, hatten wir hier neulich gerade, Defekte Debatten von Julia Reuschenbach. Ich wollte noch einmal das challengen, was du sagst, so ein Thema Hardware und Software, weil ja durchaus unser System unter Druck gerät im Systemwettbewerb mit den Autokratien dieser Welt. Die nicht nur Narrative entwickeln, dass unser System dysfunktional sei, der Föderalismus alles zu kompliziert, Europa, keiner weiß, wer eigentlich entscheidet, sondern das empfinden ja auch viele Menschen hier, dass unser System eigentlich nicht zukunftsfähig ist, dass wir uns selber eingemauert haben in viel zu viele Regularien und die Zukunft eben viel weniger, als wir das vielleicht wollen, gestalten können. Ist da nicht was dran?
Sprecher 4: Alle meine Szenarien haben gezeigt, dass wenn man nicht gegensteuert, Ungleichheit die größte Konsequenz ist. die größte Folge bei Nichtsteuerung dieser Megatrends. Und jetzt ist das demokratische System das einzige System, das nachhaltig versucht, der Ungleichheit entgegenzuwirken. Insofern würde ich sagen, nur Demokratien können eigentlich diese Megatrends in den Griff kriegen, nachhaltig in den Griff kriegen.
Sprecher 3: Du wohnst in diesem Jahr viele Monate, die Hälfte der Zeit im wunderschönen Kalifornien, wohin du auch bald zur Wahl, rechtzeitig zur Wahl zurückkehrst. Ist Kalifornien sowas wie ein Zukunftslabor für das, was du für Deutschland beschrieben hast? Manchmal kommt es einem so vor, als ob die Amerikaner in dem, was sie jetzt durchleben, im Guten wie im Schlechten uns voraus wären. Nimmst du das auch so wahr?
Sprecher 4: Ja, das ist nämlich absolut so wahr, dass die Megatrends, die wir hier beobachten, in Kalifornien schon sehr viel ausgeprägter sind. Das habe ich beim Klimawandel massiv so erfahren. Also die Regenstürme, die Hitzewellen, die Waldbrände, die es dort gibt, ist es wie unterm Brennglas im wahrsten Sinne des Wortes. Und auch der Megatrend Urbanisierung und dessen Folgen beobachtet man gerade in Los Angeles sehr. Also die große Frage des Wohnens ist ja eine der ganz großen, wir bemerken das ja hier in Deutschland schon, aber das ist in den Megastädten der USA nochmal viel weiter fortgeschritten. Und die große Frage, also ich sage ja Wohnen ist die neue soziale Frage und das sieht man in Städten wie Los Angeles, San Francisco. Francisco, New York, nochmal viel mehr, als wir es hier schon tun.
Sprecher 3: Und kriegen die Amerikaner das gut in den Griff? Was ist dein Gefühl?
Sprecher 4: Bisher nicht.
Sprecher 3: Trotz Demokratie.
Sprecher 4: Ja, trotz Demokratie. Da würde ich sagen, die USA haben ein Hardware-Problem, im Gegensatz zu uns. Die USA brauchen ein neues Wahlsystem, nicht mehr Electoral College, auch nicht First Past the Post, sondern ein Verhältniswahlsystem, wie wir es haben. Also mit ein Grund dieser massiven Polarisierung, die wir in den USA erleben, ist natürlich dem Wahlrecht geschuldet. Deswegen würde ich sagen, reformiert euer Wahlsystem, dann habt ihr auch ein anderes Parteiensystem und das wird die Megatrends demokratischer in den Griff kriegen.
Sprecher 3: Vielen Dank, dass du bei uns warst heute, Andrea. Dein Buch Demokratie neu denken erscheint am 18. September im Campus Verlag. Danke dir.
Sprecher 4: Ich danke dir.
Sprecher 3: So, Michael, du Host der Woche. Das war's jetzt, oder?
Sprecher 2: Nein, einen habe ich noch, liebe Helene, denn deutsche Wissenschaftler wollen jetzt den Grand Canyon des Mars genauer untersuchen. Du warst da noch nicht, oder?
Sprecher 3: Ich war noch nicht mal bei dem Grand Canyon hier auf der Erde. Echt? Schrecklicherweise, ja.
Sprecher 2: Helene, du musst da hin. Jedenfalls gibt es ein riesiges System aus Schluchten und Höhlen da oben irgendwo auf diesem Mars, in dem eventuell ja auch Leben versteckt sein kann. Dazu soll jetzt ein Schwarm aus Drohnen eingesetzt werden und die Uni Würzburg, die entwickelt dieses gesamte Programm. Der Bund fördert es übrigens mit 1,5 Millionen Euro. Aber an der Uni hat man sich jetzt überlegt, dass man den Himmel über dem Mars ja noch nie wirklich genau untersucht hat, sondern nur die Oberfläche. Also sollen die Drohnen auch jetzt nach oben gucken und Wolken, Blitze, Meteore und Achtung, UAPs beobachten. Das sind Unidentified Anomalous Phenomena, also die UFOs. Vielleicht gibt es doch noch UFOs da draußen, Helene. Ist das nicht eine beruhigende Nachricht?
Sprecher 3: Fliegende Untertassen auf dem Mars, das wäre jedenfalls mal Stoff für eine richtig gute Serie.
Sprecher 2: Ja, und ist es nicht tröstlich, dass wir hier nicht alleine sind mit unseren Problemen vielleicht?
Sprecher 3: Das finde ich auch so, Michael. Jetzt war es das aber wirklich.
Sprecher 2: Nicht ganz, Helene, denn morgen ab 6 Uhr geht es hier ausnahmsweise schon wieder weiter. Auch am Samstag bieten wir Ihnen ein Table Today Spezial. Diesmal kommt es aus dem hochkompetenten Klimateam, genannt Climate Table. Frau Endres spricht über die klimagerechte Zukunft.
Sprecher 3: Und wir sind am Montag wieder da. Dann hat Brandenburg gewählt und vielleicht haben wir eine ganz neue Lage.
Sprecher 2: Und das schönste Montag hostet hier eine Kollegin, die ich wirklich sehr schätze. Sie heißt, mir fällt es gleich ein, Helene Bubrowski.
Sprecher 3: Tschüss Michael Brücker, ein schönes Wochenende.