Duell oder Duo?
Robert Habeck und Annalena Baerbock sind die prominentesten Grünen in der Bundesregierung. Ihr Verhältnis war in der Vergangenheit oft schwierig.
Beide waren stets auch Konkurrenten. Im kommenden Bundestagswahlkampf wollen sie jedoch Geschlossenheit zeigen.
Günther Oettinger war Ministerpräsident von Baden-Württemberg und von 2010 bis 2019 EU-Kommissar. Heute ist der 70-jährige CDU-Politiker als Berater tätig und mischt hinter den Kulissen noch kräftig mit. Dass sein langjähriger Andenpakt-Freund Friedrich Merz nun Kanzlerkandidat der Union wird, freut ihn. Im Podcast sprechen wir mit Oettinger über die Lage der CDU und den Industriestandort Deutschland.
Table.Briefings - For better informed decisions.
Sie entscheiden besser, weil Sie besser informiert sind – das ist das Ziel von Table.Briefings. Wir verschaffen Ihnen mit jedem Professional Briefing, mit jeder Analyse und mit jedem Hintergrundstück einen Informationsvorsprung, am besten sogar einen Wettbewerbsvorteil. Table.Briefings bietet „Deep Journalism“, wir verbinden den Qualitätsanspruch von Leitmedien mit der Tiefenschärfe von Fachinformationen.
Professional Briefings kostenlos kennenlernen: table.media/registrierung.
Audio-Werbung Table.Today: jan.puhlman@table.media
Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.
Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Gut, dass Sie hier gerade nicht zugehört haben im Podcaststudio, denn Helene Bubrowskis heute sehr albern. Wir kommen zur Themenübersicht. Jan Böhmermann, über den geht es heute hier bei uns, denn er wird verklagt von dem ehemaligen Präsidenten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, Arne Schönbohm. Heute geht es los in München und wir haben einfach mal mit dem Kläger gesprochen, was da los ist.
Sprecher 3: Ja, ich bin natürlich überhaupt nicht albern, sondern es geht um ganz ernste Themen, nämlich um das Verhältnis Baerbock und Habeck. Und da können wir feststellen, dass aus den erbitterten Rivalen, die einstmals eine Art Larve-Fair angeblich hatten, nun... Freunde geworden sind. Diese Frage analysieren wir hier. Baerbock und Habeck, Duell oder Duo?
Sprecher 2: Wer es glaubt, wird grün. Aber egal, Günther Oettinger ist heute zu Gast bei uns am runden Podcast-Tisch von Table Today. Der ehemalige Ministerpräsident und EU-Kommissar. Natürlich sprechen wir mit ihm über die neue EU-Kommission, aber auch über den Standort Deutschland und seinen Freund Friedrich Merz.
Sprecher 3: Und den Nachtisch gibt es bei uns aus der Tupperdose. Jeder hat sie, die nützliche Dose und bald könnte sie zur Rarität werden.
Sprecher 2: Ich hoffe, dieser Themenmix und Helene Bubrowski überfordert Sie heute nicht. Wir versprechen, das alles mal zu ordnen. Es ist der 19. September. Los geht's.
Sprecher 4: Indiet statt Ausreden. In meinem Möbelhaus verkauft die Controllerin jetzt die Wasserbetten. Liquidität ist ihr Fachgebiet, oder? Find lieber die richtigen Mitarbeitenden und sichert ihr 75 Euro Startguthaben. Auf indiet.com slash Guthaben. Es gelten die AGB.
Sprecher 5: Ich glaube, zur Ehrlichkeit gehört, dass wir wahrscheinlich gegenseitig genervt sind manchmal vom unterschiedlichen Tempo oder Herangehen des anderen. Aber die letzten Jahre zeigen ja, wie erfolgreich es ist, wenn man das nicht als, oh, die Frist ist abgelaufen oder jetzt kommt er schon wieder an mit seinem Gequatsche oder so. Das so abtut, sondern einfach mal das zulässt.
Sprecher 6: In manchen Dingen sind wir einfach sehr anders. Und da gibt es natürlich Themen. Vom Hause her kommt eher Hühner, Schweine, weiß nicht, was hast du, Kühe melken. Ich komme eher aus dem Völkerrecht. Da kommen wir aus ganz anderen Welten im Zweifel. Das passt gut.
Sprecher 2: Das war ein Ausschnitt aus der NDR-Reportage von Reinhold Beckmann im Wahlkampf 2021. Und das war nicht ganz nett, was Frau Baerbock da zum Schweinezüchter gesagt hat.
Sprecher 3: Und da war das Verhältnis noch lange nicht an seinem Tiefpunkt angekommen. Es war quasi nur der Vorläufer, bis dann Baerbock im Frühjahr 2021 sich die Kanzlerkandidatur gegriffen hat. Ich möchte...
Sprecher 6: heute hier mit meiner Kandidatur ein Angebot machen.
Sprecher 3: Und Habeck in die Röhre guckte und unter Grünen sich erzählt wurde, wie schlecht das Verhältnis ist, wie tief das Misstrauen sitzt. Und es hat lange gedauert, um das zu kitten.
Sprecher 2: Ja, und dann hat er ja dieses, aus meiner Sicht, unsägliche Interview in der Zeit gegeben, wo er sich beklagt hat, dass er verloren hat. Man muss auch mal mit Anstand und Souveränität und gerade Haltung gegen eine starke Frau verlieren können. Das mache ich hier jeden Tag.
Sprecher 3: Sehr schön, Michael, dass du dich jetzt dafür feierst, wenn Sie ihn jetzt sehen könnten. Wie feist er grinst. Männer können nicht verlieren und schon gar nicht gegen Frauen, ist jetzt heute hier meine These. Habeck konnte es damals auch nicht gut. Er hat sich natürlich selber für den besseren Kanzler gehalten. Kürzlich sagte er nochmal bei dem geschätzten Kollegen Gordon Repinski, der Ball lag auf dem Elfmeterpunkt. In Klammern, und sie hat ihn verschossen. Natürlich, dass diese ganze Zeit sitzt tief bei den Grünen, dieser ganze Kanzlerschaftswahlkampf ging voll nach hinten los. Und Habeck, würde ich so rückblickend sagen, war auch nicht immer unterstützend, auch bei der Sache mit ihrem Buch.
Sprecher 2: Und wo stehen die beiden Grünen jetzt heute, Helene? Parteichef sind sie nicht mehr. Die K-Frage ist auch beantwortet. Das macht jetzt der Mann mit den Kühen. Wie ist das Verhältnis?
Sprecher 3: Bärbock und Habeck haben jetzt ihre große Comeback-Tour verkündet, wie Oasis, Roll With It heißt es, und die Tourdaten, so kann man auf Instagram lesen, werden für 2025 noch bekannt gegeben. Wieder gibt es lächelnde Fotos der beiden. Das ganze Spirit der Anfangsjahre von Baerbock und Habeck soll zurückkommen. Allerdings natürlich ist es eingetrübt von allem, was dazwischen passiert ist. Also ich würde sagen, das Verhältnis ist jetzt um einiges realistischer, denn in Wahrheit sind sie wahrscheinlich nicht so gut befreundet, wie das auf den Bildern aussehen soll. Aber sie haben eine Interessengemeinschaft und die lautet, die Grünen wollen weiter regieren. Und die Erkenntnis ist, das funktioniert nur, wenn jeder seinen Teil beiträgt, wenn man jedenfalls mal nicht gegeneinander arbeitet.
Sprecher 2: Ja, und Annalena Baerbock, die ja wirklich um die Welt reist, wie es sich Hans-Dietrich Genscher selbst in seinen Träumen nicht hat vorstellen können, ist sehr zufrieden in ihrem Amt. Es gibt zwar viel Kritik von einem Mitte-Rechts-Lager in Deutschland über diese Frau Baerbock und ihre feministische Außenpolitik, aber sie ist angekommen im Amt. Sie will eigentlich nur dieses Amt behalten. Das ist ihr Ziel. Und ich glaube ihr das.
Sprecher 3: Ja, warum auch nicht? Es ist ein großartiges Amt und ehrlich gesagt, ob die Grünen am Ende tatsächlich ins Kanzleramt einziehen, das steht ziemlich in den Sternen. Man kann auch sagen, derzeit deutet relativ wenig darauf hin, auch wenn die beiden Konkurrenten von Robert Habeck, nämlich Friedrich Merz und Olaf Scholz, sich in der Unbeliebtheit in diesem Land gegenseitig immer nochmal unterbieten. Insofern, da hofft Habeck natürlich irgendwie mit einer Optimismuskampagne, die er offenbar starten will, noch vorbeizuziehen. Man weiß es nicht, zwölf Monate sind eine lange Zeit. Aber ja, wie viele Posten es am Ende für Grüne gibt, ob es überhaupt welche gibt, wissen wir nicht.
Sprecher 2: Aber hier wird es dann besser. Besonders spannend, denn wenn es schwarz-grün gäbe, Helene, dann wird natürlich Habeck sich das Finanzministerium dieses Mal greifen müssen als das zentrale Vetoministerium und trotzdem Annalena Baerbock das Außenministerium behalten wollen. Und ob Friedrich Merz die Außen- und Finanzpolitik, zwei seiner... Zumindest Lieblingsthemen abgibt einem Koalitionspartner, ist dann auch noch eine Frage. Vielleicht gibt es dann ein neues Duell.
Sprecher 3: Ja, zumal in finanzpolitischen Fragen natürlich Habeck und Merz sehr weit auseinander liegen. Aber wo jetzt die Realität in der Ampel schon so schwierig ist, möchte ich jetzt über die nächsten Schwierigkeiten einer möglichen schwarz-grünen Regierung mir ehrlich gesagt heute noch keine Gedanken machen.
Sprecher 2: Naja, ich glaube, wir können festhalten, die Bilder trügen. Wir haben das bei der Instagram-Inszenierung der Ampelkoalition gesehen und ich traue auch diesem Braten nicht. Dafür sind die beiden viel zu unterschiedlich und viel zu viel ist auch vorgefallen.
Sprecher 3: In der Tat, wenn wir uns nur daran erinnern, wie Baerbock ausgerechnet in Washington CNN ein Interview gegeben hat und gesagt hat, sie verzichtet diesmal auf die Kanzlerkandidatur, weil ihr Außenministerium, ihr wichtiges Amt, das nicht zulässt, auch noch irgendetwas anderes zu machen, war das natürlich auch ein ausgestrecktes Beinchen in Richtung Habeck, der selber sagen sollte, das Wirtschaftsministerium ist ja in Zeiten der Wirtschaftsrezession nicht so wichtig, deswegen kann ich es machen. Also nett war auch das nicht, aber insgesamt, Michael, haben wir doch die Erfahrung der letzten Jahre, bitte nicht so viel Überbau, bitte nicht so viel Inszenierung, nicht zu viele lächelnde Bilder, dann ist man umso enttäuschter. Ein realistisches, pragmatisches Zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen. schon angesichts der großen Probleme in den vielen Punkten, die dieses Land hat, etwas, was eine gute Basis ist.
Sprecher 2: Die Affäre Schönbohm, sie begleitet Nancy Faeser bis heute, denn der ehemalige Präsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik wurde von ihr versetzt nach einem kritischen ZDF-Bericht. Und naja, danach hat weder die beamtenrechtliche noch die sonstige juristische Prüfung ergeben, dass an den Vorwürfen wirklich was dran ist. Eigentlich hätte Frau Faeser diesen Mann gar nicht versetzen dürfen.
Sprecher 3: Na, mir ging es schon so, als ich damals die Sendung gesehen habe, dachte ich dann, what's new? Also ein Teil der Vorwürfe war bekannt, der andere Teil der Vorwürfe war konstruiert und da wurden Dinge vermischt, die nichts miteinander zu tun haben. Also das Ganze war überhaupt gar keine Grundlage, auf der aber Nancy Faeser und ihr Haus ziemlich voreilig schon die Entlassung verkündet haben, um dann zu merken, oh, der Mann ist gar kein politischer Beamter und jetzt musste man schnell eine Ersatzstelle beschaffen. Also das war wirklich kein Landstück von Nancy Faeser.
Sprecher 2: Zur Erinnerung, Böhmermann hatte damals in seiner Sendung Magazin Royale gesagt, er sei eine Gefahr für Deutschland, Arne Schönbohm, und auf einen angeblichen Kontakt zu russischen Geheimdiensten hingewiesen, die es bei Schönbohm und seinem Verein, wo er ein Grußwort gehalten hatte. All das hat sich nicht bestätigt. Böhmermann sagt allerdings wiederum, dass alles ausreichend recherchiert war und die Fakten... Alle stimmten. Heute jedenfalls Landgericht München. Der ehemalige Präsident des Amtes verklagt den ZDF-Moderator auf Schadensersatz.
Sprecher 3: Die Causa Schönbohm wird vielleicht erst dann richtig verständlich, wenn man den Winkel etwas weiter fasst. Schönbohm war von Anfang an ein umstrittener BSI-Präsident. In der Community hatten einige Zweifel an seiner Eignung und auch im BMI gab es immer wieder Konflikte, die allerdings damals noch nicht nach außen gedrungen sind. Also man könnte sagen, der Mann ist zurechtgegangen, aber aus dem falschen Grund.
Sprecher 2: Seine Kompetenz kann ich hier nicht bewerten, das kann andere besser, aber jedenfalls hat sich Frau Faeser da nicht mit Ruhm bekleckert. Aber wir reden ja nicht nur über die Protagonisten der Berliner Republik, sondern wir reden vor allem immer mit ihnen. Und deswegen haben wir gedacht, rufen wir doch Herrn Schönbohm mal eben auf dem Weg nach München ins Landgericht an und fragen ihn, was er an der Sache dran ist und was er von dem Prozess erwartet. Einen schönen guten Tag, Herr Schönbohm.
Sprecher 7: Grüß Sie, Herr Bröcker.
Sprecher 2: Herr Schönbohm, Sie verklagen das ZDF. An diesem Tag geht es los vor dem Landgericht in München wegen Rufschädigung, wegen eines Berichts, der dazu geführt hat, dass Nancy Faeser die Innenministerin sie versetzt hat. Und Sie verklagen jetzt das ZDF auf Schadensersatz.
Sprecher 7: Ja, das ist richtig. Es geht darum, dass das Magazin Royale verschiedene Falschaussagen gemacht hat, nach unserer Einschätzung. Beispielsweise wurde mir unterstellt, eine Nähe zu russischen Nachrichtendiensten. Und Sie können sich vorstellen, wenn Sie Chef sind der Nationalen Cybersicherheitsbehörde mit den höchsten Sicherheitsstufen, und gleichzeitig ein Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine tobt, dann ist so ein Vorwurf natürlich tödlich und ein mediales Massaker gegen mich gewesen.
Sprecher 2: Jan Böhmermann hat mehrfach öffentlich klargestellt, in unserer Sendung, so zitiere ich ihn, ist nichts drin, was nicht den Tatsachen entspricht. Wir haben keine falschen Behauptungen oder unwahre Vorwürfe erhoben.
Sprecher 7: Das sehe ich anders. Es ist ja so gewesen, dass es geht beispielsweise um einen Auftritt beim Sauber-Sicherheitsrat Deutschland TV, der ein zündiges Bestehen gefeiert hat unter der Schirmherrschaft von Herrn Höferlin, den Inbietensprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Und dort habe ich mir ein Grußwort genehmigen lassen von dem zuständigen Staatssekretär Markus Richter. Und das wurde als große Entdeckung gefeiert und als Nähe zu einem Verein, den ich vor zehn Jahren gegründet hatte. Und ich bin mir relativ sicher, das wird sehr klar herauskommen, dass diese... Journalistische Tätigkeit, die da gemacht worden ist, stümperhaft gewesen ist und fahrlässig und damit letzten Endes auch die Sicherheit des Landes gefährdet wurde.
Sprecher 2: Also es gab nie Kontakte, Gespräche, E-Mails zwischen Ihnen und relevanten russischen Stellen, die das irgendwie belegen könnte, was dort in der Sendung betont wurde?
Sprecher 7: Das ist korrekt.
Sprecher 2: Wir sind gespannt, was das Gericht dazu sagt. Vielen Dank für diese erste Einschätzung, Herr Schönbohm.
Sprecher 7: Ich danke Ihnen, Herr Brücker. Auf Wiederhören.
Sprecher 2: Die neue EU-Kommission steht am Dienstag, hat Ursula von der Leyen das Kunststück vollbracht. 27 Staaten, 27 Befindlichkeiten, 27 neue Kommissare im Europe Table, haben Sie hoffentlich die Großanalyse dazu schon gesehen. Jedenfalls gibt es auch neue Strukturen, Prioritäten und wir dachten uns, wir fragen einfach mal einen EU-Kommissar der vergangenen Periode, wie er das bewertet und haben bei Günther Oettinger angerufen. Herr Oettinger, wir müssen kurz über die neue EU-Kommission sprechen und vor allem die Struktur mit den sechs Exekutiv-Vizepräsidenten. Viele Themen, viele Kandidaten. Was ist Ihr erster Eindruck?
Sprecher 8: Einige gute Entwicklungen, zum Beispiel ein Kommissar für Verteidigung, für Verteidigungsindustrie und Raumfahrt. Das ist eine richtige Entscheidung, die passt in die Zeit. Aber ich sehe auch viele Kommissare, deren Zuständigkeiten sehr unklar sind. Da sind Wortschöpfungen dabei, das sind zum Teil Dossiers, die kaum Kompetenzen haben oder die nicht zusammenpassen. Der Energiekommissar für Wohnungsbau daneben, was soll das? Sechs Vizepräsidenten, alle Neulinge. Das heißt, erfahrene Kollegen wie der Sozialist Maros Sefcovic oder wie der Christdemokrat Waldis Dombrovskis sind zurückgestuft auf die Ebene eines Kommissars. Und sechs, die erstmals dabei sind, werden Vizepräsidenten. Das halte ich für eine nicht gute Entscheidung.
Sprecher 2: Sie merken schon, die neue Kommission hat viele alte Probleme zu lösen. Aber wenn wir Günther Oettinger schon am Telefon haben, dann haben wir uns gedacht, dann müssen wir mit ihm auch mal über den Industriestandort Deutschland reden, was er zur Wettbewerbsfähigkeit unseres Geschäftsmodells sagt. Und vor allem, was das Mitglied des Andenpakts eigentlich zu seinem langjährigen Freund Friedrich Merz zu sagen hat, der es jetzt nach so vielen Jahren geschafft hat, Kanzlerkandidat der Union zu werden. Günther Oettinger ist ein enger Freund von ihm. Und deswegen habe ich Herrn Oettinger dann doch noch zwei, drei Fragen mehr gestellt. Hören Sie doch einfach mal rein. Wie bewerten Sie den Industriestandort Deutschland, Industriestandort Europa, nachdem Sie aus der Kommission ausgeschieden sind? Lag der Fokus auf Green New Deal, ökologische Transformation des Kontinents? Jetzt reden alle wieder über Wettbewerbsfähigkeit. Auch für die Kommission ist das der zentrale Auftrag, zu Recht?
Sprecher 8: Ja, natürlich. Aber es ist zu spät. Im Jahre 2000 haben die Staats- und Regierungschefs eine Lissabon-Strategie beschlossen.
Sprecher 2: Eine große Wettbewerbsstrategie.
Sprecher 8: Ich zitiere, wir werden der dynamischste, wettbewerbsfähigste Kontinent der Welt. Das hat nicht geklappt. 2010 kam dann Europa 2020, dasselbe Ziel. Genauso verfehlt. Und jetzt kommt Draghi, der vor wenigen Tagen seinen Bericht vorgestellt hat, in dem er eine schonungslose Analyse vornimmt über den Zustand der Wirtschaft, der Stärke und Schwäche. und der Wettbewerbsfähigkeit Europas. Und klar ist, Klimaschutz ist notwendig. Aber zu glauben, dass ein Green Deal ein Wirtschaftswunder erzeuge, so wie es der Kanzler auch gesagt hat, der täuscht sich. Das sind zuallererst Transformationskosten und keine Profite. Leider ist Europa und Deutschland in vielen Feldern nicht mehr wettbewerbsfähig oder waren es nie. Im digitalen Sektor waren wir es weitgehend nicht, bei Social Media waren wir es kaum, bei Big Data waren wir es nicht. Wir haben ein starkes Industriepotenzial, die Leitindustrie ist die Autoindustrie. Und da fallen wir gewaltig zurück. Wir haben im besten Jahr in Deutschland in allen Fabriken 5,8 Millionen Autos gebaut. Jetzt noch vier. VW ist jetzt der bekannteste, größte Fall, Sanierungsfall, aber viele andere. Zulieferer ZF, Conti, Bosch und auch die Namenlosen aus der Schwäbischen Alb bauen genauso ab. Und wir haben eine Stagnation in Deutschland, die anhält, und eine Industrierezession, die anhält.
Sprecher 2: Lassen Sie uns erst zurückkommen auf Europa. Was ist denn falsch gelaufen? Sind die Strukturen der Europäischen Union nicht geeignet, um diesen Kontinent wirtschaftlich, wettbewerbsfähig, dynamisch zu machen? Sie sind ja dann Teil des Problems gewesen in der Kommission.
Sprecher 8: Potenzial hätten wir. Aber die Prioritäten werden falsch gesetzt. Wenn Sie einmal anschauen, was in den letzten fünf Jahren an regulatorischen Auflagen gekommen ist, an Berichtspflichten gekommen ist. Die europäische Lieferkettenregelung. Und, und, und. Und da ist der Mittelstand heillos überfordert. Die Zahl der Stunden und der Kosten für Berichte, die man abgeben muss, für Steuerberater, die man bezahlen muss, die sind explodiert.
Sprecher 2: Und allein will jetzt ein Drittel kürzen, muss man der Fairness halber zu sagen.
Sprecher 8: Ja, mir fehlt nur der Glaube. Sie hat 19 gesagt, one in, one out, wörtlich. Also für jeden neuen Paragrafen, Alter weg, ergibt es nach fünf Jahren four in, one out, vier zu eins. Und deswegen glaube ich nicht daran. Und ich war jetzt drei Tage in Brüssel, die Maschine läuft wie eh und je. Von welchen Zeiten wende? Vielleicht ist es trage ein Weckruf, vielleicht. Aber noch sind nicht in Parlament und Kommission wirklich viele für die Veränderung vorbereitet und bereit. Und klar muss sein, in diesen Zeiten, wo wir als Europäer zurückfallen, wo Deutschland ein Potenzialwachstum von 0,4% noch hat, wo wir eine Demografie haben, die auch nicht gerade Wachstum verspricht, brauchen wir ein umfassendes Agenda-Konzept mit mehr Arbeit, mit mehr Forschungsinvestments, mit mehr Binnenmarkt, mit neuen Handelsabkommen. Und dafür müsste jetzt im Grunde genommen in den nächsten Monaten der Grund gelegt werden.
Sprecher 2: Was spricht dagegen die Vision, Herr Oettinger, dass wir in Europa irgendwann 10, 20, 30 Jahre der grüne Ausrüster der Welt sind? Mit grünen Technologien.
Sprecher 8: Wir werden mit Sicherheit da einen Beitrag leisten. Aber jetzt nehmen Sie mal Windenergieanlagen oder nehmen Sie Chips, die man braucht. Oder seltene Erden, die dafür benötigt werden. Oder Solarpanels. Das machen die Chinesen gleich gut, besser und billiger wie wir. Nein, wir sind nicht mehr überregend.
Sprecher 2: Die Rohstoffe, aber die Veredelung zu grünen Technologien, von Wasserstoff bis Hybrid bis hin zu Effizienz bei Wind und Solar, kann doch auch Europa eine Rolle spielen.
Sprecher 8: Ja, sicher können wir Elektrolyseure bauen. Aber die werden dann in Saudi-Arabien installiert. Weil dort ist so nicht wirklich viele Stunden am Tag eine gute Energiequelle. Bei uns nicht. Und die Gefahr ist, dass dann auch die Grundstoffchemie oder die Düngemittelindustrie dorthin geht und dort produziert und nicht mühsam den Wasserstoff über Schiff oder über Pipelines zu uns bringt.
Sprecher 2: Was ist Ihre Alternative? Was ist das Geschäftsmodell Europa, wenn nicht nachhaltig ökologische Transformation?
Sprecher 8: Also wir sollten das nächste Mal schauen, unsere Stärken zu erhalten. Im Maschinenbau sind wir noch bärenstark. Also Materialien wie Blech, Stahl, Kunststoff, Holz, biegen, stanzen, nippen, schneiden, sägen, das können wir. Da müssen wir stark bleiben. Im Automobilbereich müssen wir stark bleiben. Deswegen war es ein großer Fehler, das Verbrenner auszubeschließen 2035. Warum?
Sprecher 2: Warum nicht dasselbe machen wie China und volle Kraft auf E-Mobilität? Es sind ja auch andere ehemalige Schwellenländer. die komplett sagen, wir wollen den Weg gehen und wir wollen dort führend sein.
Sprecher 8: China hat erkannt, dass sie beim Verbrenner uns nie einholen. Und sie haben ein Smog-Problem. Also müssen sie dort elektrisch fahren. Und der Strom kommt von dem Nordwesten Chinas, über 2000 Kilometer mit Supergrids hergebracht, aus Kohlekraftwerken, aus Kernkraftwerken, auch aus Wasserkraftwerken. Aber zu alles aus Kohlekraftwerken. Das heißt, dem Weltklima. Helfen elektrische Fahrzeuge in Shanghai gar nicht. Sie helfen nur gegen den Smog.
Sprecher 2: Welche politische Konstellation ist die richtige für die Comeback-Story des Wirtschaftsstandards Deutschland?
Sprecher 8: Also ich glaube, dass die CDU gebraucht wird.
Sprecher 2: Das ist jetzt wenig überraschend, ja.
Sprecher 8: Dass die CDU und die CSU die Kanzlerpartei werden. Dann brauchen sie einen Partner. Und es spricht einiges dafür, eine schlanke SPD nach Olaf Scholz und ohne Hubertus Heil dann zu nehmen. Es muss klar sein, wer ist Korn, wer ist Kellner. Also wenn die CDU 30 plus hat und die Sozialdemokraten 15 plus, dann ist klar, wer den Schwerpunkt der Programmatik der Koalitionsvereinbarung bestimmt.
Sprecher 2: Ein alter Freund von Ihnen, Herr Oettinger, könnte Kanzler werden.
Sprecher 8: Ich hoffe es, ja. Aber ich habe einige Freunde, die meinen aber, in dem Fall Friedrich Merz, ich hoffe es und glaube es.
Sprecher 2: Wann haben Sie daran geglaubt, dass er es werden könnte?
Sprecher 8: Ich habe ihn näher kennengelernt, als er junger Fraktionsvorsitzender war.
Sprecher 2: 2000?
Sprecher 8: 99, ja. Und wir sind Freunde. Ich schätze ihn. Er ist jetzt nicht der Liebling. der Nation. Aber die Lage ist derart schwierig, dass sein Sachverstand, seine klare Analyse gebraucht wird. Und ich bin mir sicher, er hat den Ehrgeiz in den nächsten vier Jahren, in denen er Kanzler ist, oder vier bis sechs Jahren, den Turnaround für den Wirtschaftsstand in Deutschland zu erreichen.
Sprecher 2: Was glauben Sie, warum ist er nicht der Liebling der Nation?
Sprecher 8: Er wirkt zu streng, er ist körperlich lang, deswegen von oben herab, wenn er spricht, er ist nicht von oben herab, er ist nicht arrogant, aber er sieht so aus. Und er ist natürlich schon konservativ, das heißt, manche reden schlecht über ihn, weil es ihnen stinkt, dass die CDU wieder eine christlich-demokratische, liberale, aber auch konservative Partei ist.
Sprecher 2: Was ist denn das Konservative an ihm?
Sprecher 8: Sicherheit zum Beispiel, innere Sicherheit, äußere Sicherheit, der Ordnungsstaat im besten Sinne. Der Staat, der entschieden gegen Vergehen, Verbrechen, Missstände vorgehen will. Dann sicherlich auch mehr Eigenverantwortung für die Bürger. Ich glaube, dass er ordnungspolitisch einen guten Job als Kanzler machen kann.
Sprecher 2: Vielen Dank, lieber Herr Oettinger.
Sprecher 8: Sehr gerne.
Sprecher 2: Das war es jetzt hier wieder für diesen wunderbaren, intensiven Podcast mit Helene Bobrowski.
Sprecher 3: Bist du so fertig? Ich dachte, du bist erheitert.
Sprecher 2: Ich bin völlig gestresst, aber wir lassen sie jetzt hier nicht gehen, ohne doch noch eine wichtige Nachricht zu vermelden, die uns alle betrifft, die wir im Haushalt täglich arbeiten und für die Kinder, auch für den Schulweg, Brote schmieren. Die Tupperware, die steht vor dem Aus.
Sprecher 3: Genau, und wir haben vorhin nochmal geguckt, wie heißt denn, liebe Hörerinnen und Hörer, vielleicht können Sie es beantworten, Tempo, Ceva, Edding, Tippex und Puppa und Uhu übrigens, auch wenn das bei der Familie Bröker nicht so gehandhabt wurde. Wie nennt man diese Dinge, die markenmäßig so stark sind, dass sie schon stellvertretend für ein Produkt in unseren Sprachgebrauch eingewandert sind? Es sind...
Sprecher 2: Wir haben es nachgeguckt.
Sprecher 3: Deonyme.
Sprecher 2: Noch nie gehört.
Sprecher 3: Ich dachte, es gibt einen anderen Ausdruck.
Sprecher 2: Auch die promovierte Juristin kannte diesen Begriff noch nicht. Das ist für mich auch ein bisschen tröstlich.
Sprecher 3: Das ist schön, dass ich dir da helfen kann, Michael. Nein, ich dachte, es gibt einen anderen Ausdruck. Aber wie auch immer, was hat es mit dem Deonym-Tupper auf sich?
Sprecher 2: Jedenfalls Firmen, die sowas geschafft haben, dass sie ihre eigene Gattung begründen. Übrigens, Table Briefings ist so eine. Das nur nebenbei. Müssten eigentlich unbesiegbar sein, das denkt man sich zumindest. Aber bei Tupper ist das Gegenteil passiert. Am Dienstagabend hat die Firma offiziell Insolvenz beantragt. 700 Millionen Dollar. Schulden überfordern das Unternehmen. Naja, und als Tupper 1946 gegründet wurde, gab es keine Konkurrenz zu diesem Vertriebssystem, die Tupper-Partys zu Hause. Heute gibt es vor allem andere und viel günstigere Anbieter als die, die das Original gemacht haben.
Sprecher 3: Und das ist natürlich genau das Problem für jedes Deonym. Du sagst, komm, gib mir mal schnell eine Tupper und dann ist es dir völlig egal, ob es wirklich Tupper ist oder ob es irgendein Billigzeug ist.
Sprecher 2: Es werden jedenfalls noch Investoren gesucht. Bitte melden Sie sich, falls Sie doch Lust haben, Tupper zu retten. Für uns war es das hier heute im Podcast. Helene, es hat mir wieder mal großen Spaß gemacht.
Sprecher 3: Riesige Sache.
Sprecher 2: Danke, bis morgen. Sie sind hoffentlich mindestens ab 6 Uhr, spätestens ab 6 Uhr wieder für uns da. Dann mit einem neuen Podcast mit unfassbar spannenden Gästen.
Sprecher 3: Dürfen wir schon verraten, wer morgen kommt?
Sprecher 2: Ja.
Sprecher 3: Andrea Römmelle ist morgen dran, Politikwissenschaftlerin und Autorin eines neuen Buches über die Zukunft der Demokratie.
Sprecher 2: Bis dahin, auf Wiederhören.
Sprecher 3: Tschüss.
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.