Wie rechts ist die CDU?
Dauer: 25:45

Wie rechts ist die CDU?

Dennis Radtke ist neuer Chef des Sozialflügels der CDU und Nachfolger von Karl-Josef Laumann. Der Europaabgeordnete aus dem Ruhrgebiet verwahrt sich seit Jahren gegen einen Rechtskurs in der Partei und ist darüber immer wieder auch mit CDU-Chef Friedrich Merz aneinandergeraten. In seinem ersten Podcast-Interview als CDA-Chef nennt Radtke inhaltliche Bedingungen für das Regierungsprogramm.  


Entspricht Chinas enge Verbindung zu Russland einer tiefen, ideologischen Verbindung oder lediglich einer geopolitischen Taktik? Darüber schreibt der Journalist, Autor und Filmemacher Adrian Geiges in seinem Buch „Front gegen die Freiheit”. Im Gespräch mit MIchael Bröcker sagt er auch, wie Europa darauf reagieren sollte. 



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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Wieder einmal ein Jahrhundertregen in Mitteleuropa, wieder einmal drastisch steigende Wasserpegel. Was kommt jetzt auf uns zu und sind wir eigentlich vorbereitet? Darüber reden wir gleich.

Sprecher 3: In der Union läuft nun alles ganz steil auf Friedrich Merz zu und angeblich soll es auch schon einen Termin geben. Selbst der neue Arbeitnehmerchef der CDU reiht sich ein. Wir sprechen mit ihm, mit Dennis Radtke.

Sprecher 2: Sind China und Russland jetzt wirklich neue beste Freunde oder ist dieses Bündnis eigentlich nur aus taktischer Natur zusammengekommen? Zu Tisch ist heute der Journalist, Autor und frühere Peking-Korrespondent des Stern, Adrian Geiges.

Sprecher 3: Und zum Nachtisch haben wir für Sie eine neue Initiative aus Berlin. Sie bekommen ihr Geld zurück, wenn sie alte Sachen reparieren lassen.

Sprecher 2: Auf geht's in eine noch regnerische, später aber dann irgendwann auch wieder sommerliche Woche. Es ist Montag, der 16. September.

Sprecher 4: Die ARD Info Nacht. Nachrichten. Um 5 Uhr mit Wolfgang Berger. In Österreich bleibt die Hochwasserlage dramatisch.

Sprecher 5: Dämme sind gebrochen, Wohnviertel überschwemmt. In einer Region, die eigentlich nach der Hochwasserkatastrophe 2002 vorbildlich in Hochwasserschutz investiert hat.

Sprecher 4: Auch in anderen Ländern, in Mittel- und Osteuropa, gibt es verheerende Überschwemmungen.

Sprecher 2: So ist auch die Lage in Tschechien besonders angespannt. An mehr als 120 Pegelmessstationen im Land gilt die höchste Hochwasser-Alarmstufe. Über 50 Stationen melden sogar ein Jahrhundert Hochwasser bisher. Tote in Rumänien und Österreich, zehntausende Personen evakuiert in Tschechien und auch die Elbe ist an diesem Morgen schon deutlich über fünf Meter wieder, ist von einem Jahrhundert Hochwasser die Rede.

Sprecher 3: Ja, in diesem Jahrhundert ist es schon das x-te Jahrhundert Hochwasser. Das stimmt offenbar mit dem Begriff irgendwas nicht. Die Katastrophe vom Ahrtal mit 180 Toten ist noch nicht verdaut. Dort läuft der Wiederaufbau noch und nun schon wieder hohe Pegelstände. Menschen in Angst. Das, und um das ganz klar zu sagen, ist natürlich auch Folge der Klimakrise.

Sprecher 2: Ja, Helene, man wundert sich immer wieder, wie wenig vorbereitet wir in diesen urbanen Zentren in Europa dann doch noch sind. In Polen der Pegel bei 6,84 Meter. Üblich ist dort ein Meter. Und die kleinen Bäche werden zu reißenden Flüsse. Ich frage mich... Kann man sich darauf nicht vorbereiten? Sind wir zu schlecht vorbereitet? Oder warum werden wir immer wieder davon überrascht?

Sprecher 3: Ja, Michael, dabei ist es ja so, dass seit den 50er Jahren immer mehr investiert wird in den Schutz der Menschen. Also in moderne Deiche, in Dämme, in Warnsysteme. Letzten Donnerstag, wir erinnern uns an den Bundeswarntag, wo um 11 Uhr alle unsere Handys klingeln. Auch das soll vor solchen Katastrophen schützen, indem man sich dann möglichst schnell in Sicherheit bringt. Und richtig ist eben auch, dass die Zahl der Opfer seit den 50er Jahren deutlich zurückgegangen ist, nämlich um 84 Prozent von 412 Todesfälle pro Hochwasser auf 67. Also ein deutlicher Rückgang und trotzdem natürlich völlig klar noch viel zu viele Tote und trotzdem spitzt sich die Lage natürlich zu. Diese Starkregenereignisse, das sagt der IPCC-Bericht ganz klar vom Weltklimarat, sind extreme Ereignisse, die auf die Klimakrise zurückzuführen sind.

Sprecher 2: Also die Botschaft kann nur heißen, Klimawandel bekämpfen einerseits und trotzdem Klimaanpassung ermöglichen. Immerhin die Ausgaben für den Schutz gegen diese Fluten sind in Deutschland von 215 Millionen Euro auf knapp 400 Millionen Euro inzwischen gestiegen. Und die Lehren aus Rheinland-Pfalz waren ja auch gemeinsame Kompetenzzentrum, Stärkung des THW, die Bundeswehr bekommt neue Rettungshubschrauber. Also ich glaube, wir tun, was möglich ist und können doch nicht die Kräfte der Natur aufhalten, wenn sie wie jetzt wieder einmal passieren und auch wahrscheinlich in diesen nächsten Tagen auch Deutschland noch stärker erreichen werden.

Sprecher 3: Ja, und wir sehen natürlich jetzt schon, wie der ideologische Krieg wieder losgeht, dass die Leute sich aufregen, wenn Robert Habeck sagt, das sind ja Folgen der Klimakrise, werfen ihm vor, das Ganze zu instrumentalisieren.

Sprecher 6: Immer häufigere Hochwasser, Katastrophen wie im Ahrtal oder dieses Jahr in Bayern, sie sind eine Folge der Klimakrise. Es ist wichtig, das klar zu benennen. Es ist wichtig, denn wir brauchen viel Kraft und langen Atem, um diese Klimakrise einzudämmen. Daran erinnern und bestärken uns diese Tage einmal mehr. Faktisch geht es nicht um den Schutz des Klimas, sondern den Schutz von Menschen. Deshalb treiben wir den Klimaschutz, die Eindämmung der Klimakrise so stark voran. Der schnellere Ausbau der Erneuerbaren, die Wärmewende, eine klimafreundliche Produktion der Industrie. Sie haben diesen einen Grund.

Sprecher 3: Das tun Grüne gerne mal, dass sie auch Wetterereignisse sofort nutzen für ihre Programmatik. Und gleichzeitig gibt es dann die anderen, die sagen, nein, das hat es schon immer gegeben. Tatsächlich, ich war vergangene Woche in Kitzingen im schönen Fränkischen und dort habe ich gesehen, dass der Main tatsächlich um 1575 schon mehrere Meter über die Ufer gegangen ist. Dort gibt es Striche an einer Hauswand, wo man das ablesen kann. Also natürlich hat es das immer gegeben. Wir sehen, die Debatte um die Klimakrise ist natürlich hochideologisch aufgeladen und jedes dieser Ereignisse führt dazu, dass alle sofort sich wieder aufbäumen. Mein Fazit ist, es ist beides. Natürlich ist es Menschen. Es ist die Klimakrise, es ist die Versiegelung der Flächen, es ist die Verengung der Flüsse. Und gleichzeitig hat es natürlich Unwetterereignisse immer gegeben. Und davor muss man sich auf jeden Fall besser schützen.

Sprecher 2: Spätestens am Mittwoch soll das Wetter wieder besser werden, der Regen aufhören. Hoffen wir, dass dann nicht allzu viel bis dahin passiert ist. Und wenn Sie wissen wollen, was das Ganze mit dem Klima wirklich zu tun hat und wie man sich schützen kann, wir empfehlen an dieser Stelle natürlich den Climate Table, unser klimapolitisches Fachbriefing. Table.media slash climate.

Sprecher 3: Ja, Michael, wir werden ganz genau schauen, wie sich das auf den Brandenburg-Wahlkampf auswirkt. In einer knappen Woche wird dort gewählt und wir wissen ja in der Vergangenheit, die eine oder andere Wahl wurde schon mal durch Gummistiefel im Hochwasser entschieden.

Sprecher 2: Stimmt, ich erinnere mich an Matthias Platzeck in Gummistiefeln.

Sprecher 3: Ja, eben.

Sprecher 2: Du hast recht. Wir warten das ab und werden natürlich kritisch drauf schauen.

Sprecher 7: Wenn du irgendwo Ehrenvorsitzender wirst, dann ist das ungefähr vergleichbar, als wenn du Opa bist.

Sprecher 3: Ja, das war er, Karl-Josef Laumann, der nun Ehrenvorsitzender der CDA ist. Das soziale Gewissen der CDU.

Sprecher 7: Rede den Nachfolger nicht in alles rein. Aber wenn er gebraucht wird, ist er halt da.

Sprecher 3: Meine Prognose ist, er wird gefragt sein, denn die CDU ist gut beraten, diesen sozialen Flügel mit abzudecken.

Sprecher 8: Wir sind doch im Grunde genommen als Union in einer Luxussituation. Weil bei uns wird pausenlos darüber geredet, dass wir mit Friedrich Merz und Markus Söder und Hendrik Wüst drei Leute haben, die diesen Job machen können. Das ist eine Luxussituation.

Sprecher 2: Ja, und der andere Mann, den wir gehört haben, das ist der Nachfolger von Karl-Josef Laumann, nämlich Dennis Radtke, das neue soziale Gewissen sozusagen, der Chef des Sozialflügels in der CDU, der CDA. Dennis Radtke, ein Raufbold aus dem Ruhrgebiet, Europaabgeordneter, der sehr gerne mal mit Klartext auch in den Medien nicht immer zur Freude von Friedrich Merz auftaucht.

Sprecher 3: Nach der Wahl haben wir mit Dennis Radtke gesprochen, auch über sein Verhältnis zu Friedrich Merz. Und jetzt hören Sie den Rheinländer und den Ruhrpöttler. Bitteschön.

Sprecher 2: Einen wunderschönen guten Tag, Herr Radtke, und Glückwunsch zu 83,1 Prozent.

Sprecher 7: Ja, herzlichen Dank, Glück auf.

Sprecher 2: Glück auf, Herr Radke. Sagt man auch in Bochum Glück auf?

Sprecher 8: Ja, selbstverständlich, im ganzen Ruhrgebiet. Glück aufgeht überall.

Sprecher 2: In diesen Wochen wird das Regierungsprogramm bereits erarbeitet in kleinen Gruppen in der CDU-Bundeszentrale in Berlin. Was sind die zentralen drei Forderungen des christlich-demokratischen Arbeitnehmerflügels?

Sprecher 8: Ein ganz zentraler Punkt ist für uns natürlich die Frage, wie will die CDU weitermachen beim Mindestlohn? Ich glaube, es ist unstrittig, dass so wie es jetzt ist, eine Mindestlohnkommission, die im Grunde genommen an vielen Stellen handlungsunfähig ist und eine SPD, die nicht mehr bereit ist, dieses Instrument als Wahlkampftool aus der Hand zu geben. So kann es nicht bleiben. Wir müssen wieder zu einer Entpolitisierung kommen. Deswegen schlagen wir als CDA vor, die Idee aus der europäischen Mindestlohnrichtlinie zu übernehmen, sprich 60 Prozent Medianlohn, den sogenannten Keitz-Index anzuwenden und somit sozusagen automatisch entpolitisiert zu einer Erhöhung zu kommen. Wichtig ist für uns auch nochmal die Frage bezahlbares Wohnen und auch Eigentumsbildung, gerade auch für kleinere und mittlere Einkommen. Wir müssen in Deutschland den Mut haben, neue Wege zu gehen bei der Eigentumsbildung. Und wir schlagen deswegen unter anderem sogenannte Mietkaufmodelle vor, wie es das in Österreich auch schon gibt. Wir wollen, dass wir wegkommen vom letzten Platz bei der Eigentumsquote in Europa.

Sprecher 2: Das Rentenniveau würden Sie bei 48 Prozent fixieren, genauso wie jetzt? jetzt Hubertus Heil gemacht hat?

Sprecher 8: Muss, weil man einfach sagen muss, wenn wir die Akzeptanz auch des Rentenversicherungssystems bei den Beschäftigten auf Dauer aufrechterhalten wollen, dann können wir nicht mehr unter 48 Prozent absenken. Es ist überhaupt nicht möglich, weil ansonsten werden sich Menschen zu Recht fragen, warum zahle ich eigentlich 45 Jahre in ein solches System ein, wenn das, was am Ende rauskommt, nur unwesentlich höher ist als Grundsicherung, die auch jemand bekommt, der in seinem ganzen Leben noch nie gearbeitet hat.

Sprecher 2: Klare Botschaft. Und dann noch eine letzte und vielleicht auch für Sie durchaus wichtige Frage, nämlich die natürlich nach dem CDU-Vorsitzenden und wahrscheinlichen möglichen Kanzlerkandidaten Friedrich Merz. Ist das auch Ihr Kandidat?

Sprecher 8: Also mein Kandidat ist der, auf den sich am Ende CDU und CSU gemeinsam verständigen. Und mir ist das auch einfach wichtig, weil ich auch dieser Tage wieder viel gelesen habe über den Anti-Merz-Dennis Radtke und Merz-Kritiker. Und was ich alles binde, es ist immer die gleiche Schublade. Ich habe das auch in meiner Rede am Samstag gesagt. In diese Schublade passe ich mit meinem dicken Hintern eigentlich gar nicht rein. Mir ist am Ende wichtig, dass wir einen Kandidaten haben, hinter dem sich CDU und CSU auch geschlossen versammeln. Denn ein Theater, wie wir es beim letzten Mal gemacht haben, dass bis eine Woche vor der Wahl eine Co-Kommentierung aus München stattfindet mit dem Tenor, naja, wir wissen ja, hätten wir jemand anders aufgestellt, stünden wir jetzt viel besser da. So etwas können wir uns nicht mehr erlauben. Unser wichtigstes Ziel ist es, Olaf Scholz abzulösen, spätestens nächstes Jahr im Herbst. Auf wen sich CDU und CSU verständigen, das ist auch mein Kandidat. Und für den werde ich zwölf Monate lang mit Herz und Leidenschaft auch Wahlkampf machen, um dieses Ziel zu erreichen.

Sprecher 2: Nun ist es in Berlin ein offenes Geheimnis, dass sich Friedrich Merz durchaus auch jemand anderen an der CDU-Spitze hätte wünschen können und er oftmals sich über sie aufgeregt hat. Hat sich das jetzt alles wieder eingerenkt?

Sprecher 8: Also unser Arbeitsverhältnis ist absolut in Ordnung. Ich habe mich am Wochenende auch nicht als potenzieller Schwiegersohn von Herrn Merz vorgestellt. Die Messe ist ja auch gelesen, seine Töchter sind unter der Haube. Auch bei mir ist diese Frage abschließend geklärt. Unser Arbeitsverhältnis ist absolut in Ordnung. Ob er sich jemand anders gewünscht hat, mag sein, das kann ich nicht beurteilen. Das spielt aber für mich am Ende auch keine Rolle. Wichtig ist, dass wir miteinander arbeiten können. Und das können wir. Wir haben gemeinsame Ziele. Wir wollen, dass die CDU Wahlen gewinnt. Wir wollen, dass die CDU nächstes Jahr wieder den Bundeskanzler stellt. Und das ist das Wichtigste. Und deswegen muss man persönliche Befindlichkeiten in dem Zusammenhang auch nicht überbewerten.

Sprecher 2: Dann hätten wir das auch geklärt. Vielen Dank, lieber Herr Radke und Glück auf nach Bochum.

Sprecher 8: Ja, Glück auf.

Sprecher 2: Eine neue Achse der Autokraten, so möchte ich es mal nennen, hat sich da draußen gefunden nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Und den folgenden Sanktionen des Westens schlägt die russische Seele nur noch nach Fernost. China und Russland sind ein Bündnis eingegangen und man fragt sich, ist das Taktik? Und hat sich China vielleicht einfach nur einen billigen Rohstofflieferanten suchen und sichern wollen? Oder ist das auch ein ideologisch aufgeladenes Bündnis, das gefährlich werden könnte für uns im Westen? Das wollte ich mit einem Menschen besprechen, der eine besondere Vita hat, denn er war sowohl in Moskau als auch in Peking Korrespondent. Adrian Geiges ist sein Name, Buchautor, Filmemacher und ehemaliger Journalist beim Stern. Sein Buch ist schon ein Bestseller geworden. Es heißt Front gegen die Freiheit, Peking, Moskau und ihre Komplizen in aller Welt. Er richtet sich mit dem Buch, so sagt er, es nicht gegen die Chinesen oder die Russen, sondern gegen die Naivität in der westlichen Politik. Denn er sagt, Xi Jinping und Putin hätten genau wie ihre Vorgänger nie ein Hehl aus ihrer diktatorischen Politik und ihren weltweiten Ambitionen gemacht. Das klang spannend und ich wollte mal wissen, wie wir in Europa vielleicht auch darauf reagieren sollten. Einen schönen guten Tag, lieber Adrian. Ja, hallo Michael, ich grüße dich. 30 Prozent der Wähler in Thüringen und fast so viele in Sachsen haben eine rechtsextreme Partei gewählt, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik. Sind das eigentlich auch alles Menschen, die du zu einer Front gegen die Freiheit zählen würdest?

Sprecher 9: Naja, nicht alle Leute, die das gewählt haben, die wählen das ja aus unterschiedlichsten Gründen. Aber die Anführer dieser Parteien, also jetzt konkret der AfD und, obwohl ich das überhaupt nicht vergleichen möchte, Sarah Wand, aber die Politik, die die machen, insbesondere Russland und der Ukraine, ist natürlich extrem nützlich für Putin und im Ergebnis dann auch für Xi Jinping und insofern nützliche Idioten. Also wie gesagt, nicht die Wähler, aber die Anführer dieser Bewegungen.

Sprecher 2: Woher kommt aus deiner Sicht diese Faszination, diese Zustimmung zu Russland und diese Sehnsucht, mit Russland jetzt nicht so kritisch umgehen zu müssen?

Sprecher 9: Ja, ich kenne das ja auch ein bisschen aus meiner eigenen Jugend. Auch das beschreibe ich ja in meinem Buch. Ich war in meiner Jugend, ja wie viele in meiner Generation, sehr weit links gewesen, aktiv natürlich in der Friedensbewegung, Bonner Hofgarten und so weiter.

Sprecher 2: Du verschweigst gerade, dass du Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei warst.

Sprecher 9: Das verschweige ich nie, auch das steht im Buch.

Sprecher 2: Wie konnte es denn dazu kommen, Mensch?

Sprecher 9: Ich habe ja sogar als Westdeutscher ein Jahr in der DDR studiert, an der Jugendhochschule Wilhelm Pieck, einer Kaderschule der höchsten Ausbildungsstätte der FDJ. Und das führt mich direkt wieder zurück zu deiner Frage. Und da haben nämlich nicht nur wir studiert, da hat auch der ANC aus Südafrika studiert, da haben die Sandinisten. aus Nicaragua studiert, hat die PLO aus Palästina studiert und so weiter. Und damit komme ich zu diesem gemeinsamen Nenner, nämlich der gemeinsame Nenner ist so der Gedanke, ja, die USA, das sind die Bösen und gegen die muss man eine gemeinsame Front bilden. Nun bin ich auch oft in den USA gewesen und könnte auch stundenlang erzählen, was ich alles in den USA kritisch sehe. Aber es ist eben keine totalitäre Diktatur wie China und auch Russland mittlerweile wieder. Und ich mag nicht mal den Begriff autokratisch oder autoritär, sondern es sind wirklich wieder totalitäre Regime geworden. Ich selbst habe in China, als ich dort zehn Jahre gelebt habe, in der Zeit bis zu den Olympischen Spielen 2008 noch eine andere Zeit erlebt. Da war auch Diktatur der kommunistischen Partei. Aber da war es möglich, wenn man sich als Chinese, Chinesin aus der Politik rausgehalten hat, wenn man irgendwie künstlerisch aktiv war oder ein eigenes Business betrieben hat, unabhängig vom Staat was zu machen. Jetzt ist China unter Xi Jinping wieder totalitär. Jetzt wird wieder aktives Mitmachen gefordert. Jetzt werden Boygroups verboten, weil die Führung der kommunistischen Partei meint, die sehen zu weiblich aus. Jetzt wird Xi Jinping-Kunde schon im Schulunterricht gelehrt und dafür Englischunterricht zusammengekürzt in Russland unter Putin. ist es nicht anders. Auch da wird alles gleichgeschaltet. Und das ist, und damit kommen wir wieder zu diesen nützlichen Idioten in Deutschland zurück, das ist die Naivität zu denken, naja, das ist halt irgendwie, die sind kulturell ein bisschen anders dort, als ob das irgendwas mit der Kultur der Chinesen oder der Russen zusammenhänge, dass die unter einer Diktatur leben. Da wird das einfach viel zu naiv gesehen von ganz vielen.

Sprecher 2: Adriana, nochmal zu dem Punkt Kommunismus, DKP. Du sagst, dieses Faszinosum ist eigentlich der gemeinsame Feind USA, die diese Menschen da reinbringt und nicht dieses kollektivistisch-sozialistische?

Sprecher 9: Ja, auch. Es ist der Glaube, wir kämpfen für eine bessere Welt. Und weil dieser Kampf für eine bessere Welt so schwierig ist, weil so mächtige Feinde dem entgegenstehen, muss man halt auch erstmal zu ein paar schlimmen Mitteln greifen oder muss bestimmte Sachen auch tolerieren in Russland, China und so weiter.

Sprecher 2: Du schreibst ja selber, dass Putin und Xi, aber auch die Vorläufer Lenin oder Mao, nie einen Hehl daraus gemacht haben, dass sie diese totalitären Strukturen haben wollen, dass sie sie für notwendig erachten, um ihre Ordnung zu erhalten und gleichzeitig diese weltweiten Ambitionen zu haben. Also wächst zwischen Russland und China da vielleicht gerade zusammen, was zusammengehört?

Sprecher 9: Auf jeden Fall. Ich meine, das beschreibe ich ja auch im Buch. Die Geschichte, die waren ja schon mal zusammen. Die Kommunisten in China sind nur an die Macht gekommen durch die massive, vor allem militärische, militärische Unterstützung aus der Sowjetunion damals. Dann haben sie sich verstritten in der Frage, wer diese Weltrevolution anführen soll. Die Sowjetunion sagte, weil sie das erste sozialistische Land ist. China sagte, weil es das bevölkerungsreichste Land ist. Mittlerweile ist diese Frage klar entschieden. China ist nicht nur das bevölkerungsreichere Land, sondern auch das wirtschaftlich vielfach stärkere. Das hat Putin eingesehen und mittlerweile sind sie wieder gemeinsam geeint in der Ablehnung unserer freiheitlichen und demokratischen Werte und unseres freien Lebens.

Sprecher 2: Aber hat Putin das wirklich eingesehen? Das finde ich interessant. Man denkt manchmal ja wirklich an diese Koch-und-Kellner-Analogie von Gerhard Schröder zwischen Chinesen und Russen. Die Russen müssen jetzt alles, was sie an internationalen Partnern hatten, eigentlich Richtung China lenken, weil von dort kommt jetzt das Geld. Und die Chinesen, die eine Weltmacht sind und eine Wirtschaftsmacht, nutzen die billigen Ressourcen und Rohstoffe aus Russland, weil sie sie eben für sich benötigen. Aber sie brauchen Russland ja nicht, während die Russen die Chinesen dringend benötigen.

Sprecher 9: Genau so ist es und darum weiß Putin das auch. Natürlich markiert er für seine eigenen Leute den starken Mann, aber er weiß natürlich, dass er völlig von China abhängig ist.

Sprecher 2: Die große Frage ist doch, wie gefährlich ist dieses Bündnis für den Rest der Welt? Wenn die gemeinsame Abnähigung gegenüber den USA, das Feindbild USA, dann heißt das ja auch, die USA müssen das Werte- oder Wirtschaftsbündnis gegen China und Russland schmieden. Wie viel Aussicht auf Erfolg hat das? dass sich der Westen, die Demokratien, die Marktwirtschaften durchsetzen.

Sprecher 9: Es ist sehr gefährlich, deshalb, weil diese Bewegung, diese Front gegen die Freiheit so stark ist, wie sie noch nie gewesen ist. Im letzten Kalten Krieg war es ja so, wie Helmut Schmidt sagte, die Sowjetunion war Oberwolter mit Atomraketen, militärisch stark, aber wirtschaftlich völlig unbedeutend. Jetzt ist dieses Bündnis natürlich vor allem durch die Stärke Chinas wirtschaftlich sehr, sehr stark. Und man sieht das ja gerade jetzt diese Tage zum Beispiel das Treffen der afrikanischen Staats- und Regierungschefs in Peking mit Xi Jinping. Die sind natürlich auch nur deshalb da, weil China so stark ist.

Sprecher 2: Haben wir den Battleground in Afrika schon verloren eigentlich?

Sprecher 9: Ich möchte nie sagen verloren. Es kann natürlich immer das Unterschiedlichste passieren. Und ich sage auch immer, der, der Xi Jinping am gefährlichsten werden kann, ist Xi Jinping selbst. Weil er natürlich mit dieser Rückkehr zu kommunistischer Ideologie, mit dieser Rückkehr zu Aggression nach außen, natürlich auch vieles von dem kaputt macht, was China in den letzten Jahrzehnten stark gemacht hat. China hat ja bereits viele wirtschaftliche Probleme, Immobilienkrise, Jugendarbeitslosigkeit an die 20 Prozent und so weiter. Von daher kann natürlich auch innerhalb Chinas oder innerhalb Russlands alles Mögliche passieren. Aber wir müssen uns vorsehen. weil, wie gesagt, diese Gegner der Freiheit sind so stark wie noch nie.

Sprecher 2: In ihren öffentlichen Verlautbarungen, und das erlebe ich seit Jahrzehnten eigentlich bei den Chinesen, ist es ja immer die Konstante, mischt euch nicht in unsere inneren Angelegenheiten ein, wir haben auch keine größeren Ambitionen. Du schreibst in deinem Buch, dass es eigentlich Imperialisten sind unter der Flagge des Anti-Imperialismus. Also woher nimmst du die Gewissheit, dass sie eigentlich nach mehr streben, als nur ihr Land zusammenzuhalten?

Sprecher 9: Aus den Reden Xi Jinpings. Vor Xi Jinping war es tatsächlich so unter Deng Xiaoping, dem Reformer und seinen Nachfolgern, dass China sich international bewusst zurückgehalten hat, um sich im Inneren gut wirtschaftlich zu entwickeln. Aber Xi Jinping sagt, wir müssen chinesische Lösungen für die Welt anbieten. Also man nennt das heute nicht mehr Weltrevolution, aber er möchte chinesische Lösungen für die Welt. Und dem dient ja zum Beispiel diese große Seitenstraßeninitiative von ihm, Belt and Road Initiative. Das ist ja nicht, wie manche glauben, rein wirtschaftlich, dass China halt überall gute Geschäfte machen möchte. Das sind ja gar nicht immer gute Geschäfte, sondern oft ist es ja so, dass die Abnehmer, also diese Großprojekte, Eisenbahnen, Bauten und so weiter, Kraftwerke, dass sie dann nicht bezahlen können ihre Schulden und so aber wirtschaftlich und im Ergebnis dann auch politisch von China abhängig werden. Und das ist... ist das Ziel. Man will die Welt wirtschaftlich abhängig machen und so politisch beherrschen. Es geht eben nicht, wie manche glauben, nur darum, gute Geschäfte zu machen.

Sprecher 2: Zum Abschluss, ist das De-Risking-Konzept statt De-Coupling das aus deiner Sicht erfolgversprechende des Westens? Oder ist es schlicht alternativlos?

Sprecher 9: Ja, also die Risking brauchen wir auf jeden Fall. Die Cutting, würde ich sagen, ist unmöglich. Dafür ist China viel zu mächtig. Und China ist natürlich ein wichtiges Land. Natürlich, ich schreibe ja auch, man sollte ja auch schon deshalb weiter zu China Kontakt behalten, um auch den kulturellen Austausch zu fördern. Nur das ändert nicht automatisch etwas, aber ohne das wird es noch schlimmer. Aber die Risking ist auf jeden Fall notwendig, weil wir sind ja in allen Bereichen völlig von China abhängig, noch viel mehr, als wir von Russland mit dem Erdgas abhängig waren. Und da müssen wir ganz dringend schauen, da Indonesien, Vietnam auch, zwar auch sozialistisch, aber kritisch gegenüber den Chinesen, Indien und so weiter, da unsere Abhängigkeiten besser zu verteilen und vor allem auch wieder selbst stärker zu werden.

Sprecher 2: Adrian Geiges war das, der Autor des Buches Front gegen die Freiheit Peking, Moskau und ihre Komplizen in aller Welt. Vielen Dank für deine Einschätzungen und Analysen heute an diesem Morgen und einen schönen Tag noch. Tschüss, lieber Adrian.

Sprecher 9: Ja, danke auch. Schönen Tag.

Sprecher 2: Reparieren statt wegwerfen und dafür auch noch vom Staat belohnt werden, das ist eine neue Idee des Landes Berlin. Sie gilt für uns, für die Privathaushalte, die gerne mal die alte Spülmaschine oder den alten Kühlschrank, die Nähmaschine oder das Gartengerät wegwerfen, anstatt es vielleicht reparieren zu lassen. Zum Beispiel vom lokalen kleinen gewerblichen Handel, diesen kleinen Reparaturcafés, die oft von ehemaligen Arbeitslosen geführt werden oder sonstigen Initiativen. Und natürlich ist die längere Nutzung für die Umwelt immer besser als das schnellere Wegwerfen. Also hat sich das Land Berlin gedacht, es soll eine Prämie geben. Maximal 200 Euro sind drin. 1,25 Millionen Euro stellt das Land in diesem Jahr noch zur Verfügung. Und ab morgen, ab Dienstag. 17. September können Sie diese Prämie online ganz bequem beantragen. Mein kaputtes Auto, das gestern plötzlich keine Servolenkung mehr anbieten wollte, kann ich leider nicht abgeben. Aber vielleicht nehme ich die defekte Kaffeemaschine und schmeiße sie nicht einfach weg. Also ich freue mich über diese Initiative. Machen Sie einfach mal mit. Ab morgen gibt es das Online-Portal der Stadt Berlin für die Reparaturprämie. Das war's für uns heute. Der erste Podcast in dieser Woche ist schon wieder vorbei. Einige spannende werden noch folgen. Glauben Sie mir, vertrauen Sie mir einfach. Ich freue mich jedenfalls, wenn Sie morgen wieder dabei sind.

Sprecher 1: Michael Bröker. Table Today. Mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.