Kiffen die Schüler jetzt alle, Herr Düll?
Dauer: 28:01

Kiffen die Schüler jetzt alle, Herr Düll?

Stefan Düll hatte vor der Teillegalisierung von Cannabis davor gewarnt, dass „die Gefahr bekiffter Schüler im Unterricht“ größer geworden sei – durch die Teillegalisierung von Cannabis. Ist es so gekommen. Außerdem geht es im Gespräch mit ihm um die  Chancengerechtigkeit von Schülern aus verschiedenen Elternhäusern. 

Und Düll erklärt, wie schwer es ist, Lehrkräfte zu motivieren. Denn der Druck wächst auf Lehrerinnen und Lehrer wächst, nicht zuletzt auch wegen zunehmender Gewalt. 


  • Tischgespräch: Wie sich der Iran nach dem Tod Raisis um den Anschein der Normalität bemüht 
  • Nachtisch: Wie in Namibia Musik neue Verbindungen schafft 


Table.Briefings - For better informed decisions.

  

Sie entscheiden besser, weil Sie besser informiert sind – das ist das Ziel von Table.Briefings. Wir verschaffen Ihnen mit jedem Professional Briefing, mit jeder Analyse und mit jedem Hintergrundstück einen Informationsvorsprung, am besten sogar einen Wettbewerbsvorteil. Table.Briefings bietet „Deep Journalism“, wir verbinden den Qualitätsanspruch von Leitmedien mit der Tiefenschärfe von Fachinformationen.  

Professional Briefings kostenlos kennenlernen: table.media/registrierung.




Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.

Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Auf geht's in eine kurze Arbeitswoche. Heute ist Dienstag, der 21. Mai und ich freue mich, dass Sie dabei sind.

Sprecher 3: Und Michael Bröker ist natürlich auch wieder dabei. Helene, keinen Tag ohne einen Podcast mit dir. Herzlich willkommen.

Sprecher 2: Ja, und unsere Arbeitswoche ist natürlich wieder nicht kurz, Michael, weil wir auch am Feiertag für unsere liebe Hörerinnen und Hörer da sind. Und wie sind wir das? Natürlich sehr gerne. Ja, Michael, wir müssen natürlich sprechen über den Tod des iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi und des iranischen Außenministers. Beide sind bei einem Helikopterabsturz ums Leben gekommen. Und die Frage ist, was bedeutet das nun? Plus die Frage ist, wer hat eigentlich kondoliert und wer nicht? Zu unserem Tischgespräch begrüßen wir heute Stefan Düll, den Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Der Oberstudienrat wird mit uns darüber sprechen, was die neue Cannabis-Gesetzgebung eigentlich für die Schulen bedeutet und woher die zunehmende Gewalt im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof kommt. Und zum Nachtisch haben wir gute Nachrichten aus Namibia. Ja, Michael, in Iran herrschen jetzt fünf Tage Staatstrauer, denn der iranische Präsident Ebrahim Raisi ist tot. Es gibt zwar schon die ersten Verschwörungstheorien darüber, ob nicht doch jemand anders hinter dem Absturz dieses Helikopters steckt, aber derzeit deutet doch alles darauf hin, dass es sich um einen Unfall handelt, das einfach sehr, sehr schlechtes Wetter herrschte, als der Außenminister und der Präsident auf dem Rückweg von einem Besuch in Aserbaidschan waren.

Sprecher 3: Ja, und man dachte natürlich sofort an Israel, die ja jüngst von iranischen Raketen angegriffen wurden, ob das da eine Art Vergeltungsaktion ist. Aber Israels Regierung hat ja schon klargemacht, dass sie damit nichts zu tun haben und es sieht wohl nach einem Unfall aus. Aber, Helene, es lenkt auch politisch wieder das Scheinwerferlicht auf einen der großen Schurkenstaaten in der Region, der seit Jahren Terror finanziert und von manchem, unter anderem von unserer ehemaligen Kanzlerin und ihrem Außenminister, durchaus brav behandelt wurde, das Land Iran nämlich.

Sprecher 2: Ja, dazu passt ja auch die Frage, wer eigentlich kondoliert hat zum Tod des Präsidenten. Und das ist ganz interessant, weil das nämlich vor allem auch andere sogenannte Schurkenstaaten gewesen sind. Also Bashar al-Assad hat sein Mitgefühl ausgedrückt. Und natürlich auch die Hezbollah im Libanon und die Houthi im Jemen und auch die Hamas, auch der katarische Emir und Ägypten und Jordaniens König, Wladimir Putin nicht zuletzt, der Raisi als... wahren Freund Russlands würdigte, aber auch Europäer haben sich zu Wort gemeldet, nämlich Italiens Ministerpräsidentin Meloni und last but not least der EU-Ratsvorsitzende Charles Michel, der tatsächlich sein aufrichtiges Beileid der gesamten Europäischen Union zum Ausdruck gebracht hat. Also da würde ich sagen, nicht in meinem Namen.

Sprecher 3: Ja, das erinnert mich auch wieder an Frank-Walter Steinmeier, der 2019 als Bundespräsident herzliche Glückwünsche zum Nationalfeiertag Irans, auch im Namen meiner Landsleute, wie er damals schrieb, gesendet hatte. Da würde ich auch sagen, nicht in meinem Namen, bitte. Aber die Frage ist ja, niemand wünscht sich den Tod eines Menschen, aber muss man eigentlich sehr... Öffentlichkeitswirksam kondolieren als Ratspräsident. Ich weiß gar nicht, ob das mit Frau von der Leyen abgesprochen war oder mit einem Staatschef zum Beispiel in Deutschland, Olaf Scholz, weiß der das? Wie macht das Charles Michel als Chef aller Ratschefs? Also ich bin da sehr überrascht, denn Iran ist ein ganz großes Problem im Nahen Osten und wir haben viel zu lange uns bei dem Land angebiedert, statt irgendwie mit harten, scharfen Maßnahmen gegen diese Terrorfinanzierer vorzugehen, die immer noch als Staatsdoktrin haben, Israel zu vernichten.

Sprecher 2: Man muss natürlich unterscheiden, der Tod eines Menschen ist in meinen Augen nie ein Grund zu feiern. Natürlich verstehe ich jetzt alle Iranerinnen und auch Iraner Oppositionellen, die auf die Straße gehen und sich freuen, weil der Schlechter von Teheran, wie der Mann auch genannt wird, tot ist. Es gibt ja Leute, die sagen, diese Regime können gar nicht anders aus den... Angeln gehoben werden. So wird ja auch teilweise über Russland gesprochen, dass das Regime Putin nur dann zu Grabe getragen wird, wenn der Mann Putin auch mal irgendwann beerdigt wird.

Sprecher 3: Das ist nun mal eines der dunkelsten Regime, die wir überhaupt haben. Das Mullah-Regime, der größte Terrorsponsor der Welt und seit der Islamischen Revolution wahrlich kein schöner Ort, gerade für Frauen und Mädchen. Insofern irgendwann muss sich Realpolitik dann auch mal realistisch zeigen und harte Kante. Das war leider bei uns nicht der Fall. Eine Iran-Strategie haben wir bis heute nicht. Aber gut, ich kenne mich nicht so gut aus mit dem Iran. Ich denke mir nur manchmal, die Trauer sollte sich in Grenzen halten, weil dieser Mann sehr viele Tote auch mit zu verantworten hat.

Sprecher 2: Ja, Michael, weil auch ich mich mit Iran nicht besonders gut auskenne, haben wir einen Mann zugeschaltet, der ganz genau weiß, was in Iran vor sich geht und vor sich ging. Rainer Herrmann, nämlich Islamwissenschaftler und mein ehemaliger Kollege von der FAZ. In den vergangenen 30 Jahren war er mindestens 25 Mal in Iran und wird uns nun erzählen, was der Tod Raisis für die dortige Innen- und die Außenpolitik bedeutet. Hallo Herr Hammer.

Sprecher 4: Ja, guten Morgen, Frau Popowski, ich freue mich ebenso.

Sprecher 2: Der Präsident Ibrahim Raisi, der ums Leben gekommen ist beim Helikopterabsturz, wird auch genannt der Schlechter von Teheran. Was ist das für ein Mann? Was hat er auf dem Kerbholz?

Sprecher 4: Der unrühmliche Titel Schlechter von Teheran geht darauf zurück, dass er in der 80er Jahre für die Hinrichtung von Hunderten von politischen Dissidenten verantwortlich war und er das in die Wege geleitet hat. Raisi ist ein Produkt von Khamenei. Khamenei hat ihn über die vergangenen Jahre aufgebaut in der Hoffnung, ihn die Nachfolge zu übergeben, denn Rabinay ist 85 Jahre alt und er brauchte einen, der als Präsident ein loyaler Verstrecker seiner Politik ist. Raisi war nominell Präsident, aber ohne großen Entscheidungsspielraum. Die Außensicherheitspolitik beispielsweise ist die alleinige Domäne des obersten Führers und er allein entscheidet, wann und in welcher Art beispielsweise mit den Vereinigten Staaten Gespräche wie derzeit in Oman geführt werden. Darauf hatte Raisi nie einen Einfluss. Er war lediglich als Chef des Kabinetts, als Präsident, der auf der Vollstrecker der Strategie, der Politik, die ihm Khamenei vorgegeben hat.

Sprecher 2: Also immerhin aber Vollstrecker. Wie glaubwürdig ist es denn nun, wenn aus dem Kabinett zu hören ist, man werde nun in Teheran ohne die geringste Störung, so das Zitat, weiterarbeiten, abgesehen von den fünf Tagen Staatstrauer, die der Revolutionsführer Khamenei angeordnet hat. Aber ist es glaubwürdig, dass es so einen Unterschied jetzt gar nicht macht? Immerhin, Sie haben es gerade gesagt, ist ja der mögliche Nachfolger. Gachameneis nicht mehr am Leben.

Sprecher 4: Aber in diesem System, das Khamenei mit großer Umsicht in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut hat, ist jemand wie Raisi austauschbar. Entscheidend ist der oberste Führer allein. Iran läuft seit Jahren wie auf Autopilot, vor allem in der Außenpolitik. Denn Khamenei hat seit Jahren seine Nachfolge mit dem Ziel vorbereitet, die Islamische Republik ideologisch rein zu übergeben. Deswegen auch die repressive Politik im Innern, die der Schlechter von Teheran so konsequent weitergeführt hat. Aber dann im Äußeren auch dafür zu sorgen, dass die Feinde Irans weit von den Grenzen Irans ferngehalten werden. Raisi hatte keinerlei Einfluss auf die Entscheidungen darüber, beispielsweise wie im Atomprogramm verfolgt wird oder ob mit den Vereinigten Staaten gesprochen wird, in welchem Rahmen mit den Vereinigten Staaten gesprochen werden soll, wie beispielsweise derzeit im Oman, wo die Vereinigten Staaten auf Iran einwirken wollen, im Gaza-Krieg sich zurückzuhalten und den Konflikt nicht weiter zu befeuern.

Sprecher 2: Das heißt, Israel kann jetzt nicht aufatmen dafür, die Konfrontation ändert sich durch den Tod nichts?

Sprecher 4: Die Islamische Republik hat zwei Grundprämissen, gegen die sie nicht verstoßen wird. Einmal die Feindschaft gegenüber den Vereinigten Staaten und dann zweitens das Ziel, Israel auszulöschen bzw. Israel zu verhindern. kriegerisch zuzusetzen. Und solange diese Grundprämissen der Islamischen Republik da sind, kann sich Israel mit Sicherheit nicht zurücklehnen.

Sprecher 2: Was wissen Sie denn über den Nachfolger Mohamed Mokber, der jetzt erstmal die Interimspräsidentschaft antreten soll?

Sprecher 4: Mochberg ist ein blasser Technokrat, der sich Verdienste erworben hat um den Aufbau der sogenannten Widerstandsökonomie, die die iranische Wirtschaft gegen die Sanktionen stellen sollte. Er ist überhaupt kein Politiker und hat nun die Aufgabe, mit dem Justizchef Ece in den kommenden 50 Tagen eine Neuwahl vorzubereiten und durchzuführen. Er ist ganz gewiss kein Kandidat für diese Präsidentenwahl, sondern wird dann wieder in die zweite Reihe zurückdrehen. Es wird allerdings möglicherweise andere Kandidaten geben, die sich nun Chance erhoffen, von der zweiten Reihe nach vorne zu kommen, um dann auch, wenn es um die Bestimmung eines Nachfolgers von Khamenei geht, eine Rolle spielen zu können. Dazu zählt der bisherige Parlamentspräsident Ghalibaf, dazu zählt die Familie Larijani, die so zu den Adligen der islamischen Revolution sozusagen gehört. Im Parlament sehen wir einen interessanten Machtkampf zwischen den Hardlinern. Die Reformer sind ja ganz ausgebotet, wo es um gegenseitige Vorwürfe zu Korruption geht, wo man versucht, die Gegner zu Fallen zu bringen. Also es ist eine knallharte... Schlammschlacht, die dort stattfindet und auch vor diesem Hintergrund findet die Parlamentswahl statt. In dieser Lage muss das Regime einen neuen Präsidenten wählen.

Sprecher 2: Ja, und irgendwann muss auch ein neuer Revolutionsführer antreten. Ayatollah Khamenei ist 85 Jahre alt und tatsächlich in seiner Nachfolge gibt es nun einen Namen, der nicht mehr auf der Liste steht, nämlich Raisi. Was bedeutet das? Ist das nicht zumindest in dieser Hinsicht eine Schwächung des Regimes?

Sprecher 4: Das Regime besteht aus einer Reihe von Säulen, die bedingungslos zu der Islamischen Republik stehen. Dazu zählen insbesondere die Revolutionswächter, die Basij, das sind diejenigen, die die Waffen tragen. Weniger der Klerus. Der Klerus ist zu zwei Dritteln gegen diese Herrschaftsform, die Khomeini 1979 eingeführt hat. Aber das Regime sitzt stabil im Satten. Der Grund dafür ist, dass die bewaffneten Einheiten, die Revolutionsgarden, die Basij, die Armee, geschlossen zum Regime stehen und dass nirgends auch nur ein Riss erkennbar ist. Allerdings kommt nun dieser Tod von Haraisi zur Unzeit, weil sie, wie Sie vorhin gesagt haben, die Liste der potenziellen Kandidaten für den Nachfolger Khamenei reduziert hat. Und es ist derzeit nur eine Person erkennbar, Motschtaber, der Sohn von Khamenei, was im Establishment der Islamischen Republik sehr... umstritten ist, denn Moqtaba Khamenei steht zwar für eine enge Verbindung mit den Revolutionsgarden, er steht allerdings stünde für eine dynastische Regelung. Und das war ja gerade ein Ziel der Revolution von 1979, den Schah und dessen Dynastie zu stürzen. Und deswegen würde eine Nominierung von Moqtaba Khamenei für sehr viel Unruhe im Regime sorgen.

Sprecher 2: Hermann, Sie sagen, der Tod Raisis kommt in dieser Hinsicht dann doch zur Unzeit. Kann sich die Opposition denn ernsthaft Hoffnung machen? Nach dem Tod der Kurden Massah Aminis sind ja doch in Teheran und im ganzen Land viele, viele junge Menschen auf die Straße gegangen und haben gegen das Regime protestiert.

Sprecher 4: Seit 30 Jahren, jetzt haben wir in Iran regelmäßige Proteste, die von Jahr zu Jahr sich ausgeweitet haben und stärker geworden sind. Sie hatten jedoch nie die kritische Masse erreicht, um das Regime ernsthaft in Bedrängnis zu bringen, was vor allem darin liegt, dass das Regime sich der Loyalität aller bewaffneten Einheiten sicher weiß und es nicht erkennbar ist, dass es da zu Abspaltungen kommt und zu einer Solidarisierung mit der Opposition. Die Proteste Ende 2022 waren mit Sicherheit die größten, die möglicherweise gefährlichsten. Und jetzt könnte der Tod von Raisi, der sehr unpopulär ist, zum einen die Erinnerung an seine unrühmliche Rolle bei der Hinterrichtung vieler politischer Gefahren, in den 80er Jahren, aber auch seine Rolle heute, seine Verantwortung für die wirtschaftliche Lage, für die zunehmende Armut. Jetzt könnte der Tod von Raisi der Zünder sein für neue landesweite Proteste. Ich sehe nicht, dass auch diese Proteste das Regime ins Wanken bringen könnten. Aber es bedeutet, dass sich das Regime wieder in den nächsten Wochen und Monaten sehr auf die Innenpolitik konzentrieren muss und von außenpolitischen Abenteuern dann wahrscheinlich Abstand nehmen wird.

Sprecher 2: Das ist ja wiederum eine gute Nachricht für den Rest der Welt. Vielen Dank, Herr Herrmann, für Ihre Einschätzung der Lage im Iran und der Dinge, die wir zu erwarten haben. Danke, dass Sie heute bei uns waren.

Sprecher 4: Danke Ihnen, Frau Bock.

Sprecher 2: Anlässlich der Teillegalisierung von Cannabis warnte er vor der Gefahr bekifter Schüler im Unterricht, die nun größer sei als in der Vergangenheit. Die Rede ist von Stefan Düll, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes und Schulleiter des Justus von Liebig-Gymnasiums in Neusees bei Augsburg. Er ist nun zu Gast bei unserem Tischgespräch und meine Kollegin Vera Kraft vom Bildungstable hat mit ihm gesprochen.

Sprecher 5: Herr Düll, hat sich Ihre Befürchtung denn mittlerweile bewahrheitet?

Sprecher 6: Nein, das hat sich so momentan noch nicht bewahrheitet. Ich habe auch nicht vor bekifften Schülern im Unterricht gewarnt, sondern davor gewarnt, dass bei den jungen Leuten, bei den Minderjährigen der Eindruck entsteht, dass der Cannabiskonsum auch etwas ist, was ausdrückt, dass ich erwachsen bin und dass es ja bei den Erwachsenen ein legales Produkt ist. Also es ist ja nicht ganz so schlimm, wenn ich das auch konsumiere. Und bei Zigaretten verhält es sich ja genauso.

Sprecher 5: Schauen wir trotzdem auch noch auf die weiteren und vielleicht auch ein bisschen größeren Herausforderungen, vor denen Schulen und Lehrkräfte gerade stehen. Kürzlich kam die Umfrage des Schulbarometers heraus. Auf Platz 1 der Herausforderungen sieht man, dass Lehrkräfte das Verhalten der Schülerinnen und Schüler sehen, unter anderem wegen mehr Gewaltvorfällen. Was bedeutet das denn im Schulalltag?

Sprecher 6: Naja, für Kolleginnen und Kollegen. An den Schulen, wo genau diese Problematik verstärkt auftritt, ist zum Teil ein Angstgefühl da. Kann ich da in die Schule gehen? Kann ich in den Unterricht gehen mit dieser oder jener Klasse? Und das ist ein Zustand, den es auf gar keinen Fall geben darf. Aber insgesamt stelle ich fest, dass wir eine Art Verrohung in der Gesellschaft haben und auch eine Respektlosigkeit in der gesamten Gesellschaft. Das zeigt sich beispielsweise auch im Demonstrationsverhalten einzelner Gruppen. Es zeigt sich aber auch beispielsweise in den Medien, wie da gesprochen wird, auch in Comedy-Sendungen, in denen man vermeintlich den Wutbürger spielt und es mitunter aber gar nicht mehr so genau erkennbar ist, dass es der Wutbürger ist. Und da werden Vokabeln benutzt, die eigentlich nicht üblich sein sollten. Und so gibt es verbale Gewalt in unserer Gesellschaft. Es gibt Gewalt, die als zivil Ungehorsam bezeichnet wird. Und dann brauche ich mich nicht wundern, wenn es in den Schulen Ähnliches gibt.

Sprecher 5: Zum Beispiel die Rolle von Social Media oder an was denken Sie da?

Sprecher 6: Das ist Social Media, das ist das Vorbild von Erwachsenen. Es ist auch das, was an Eindrücken auf junge Menschen einströmt in der kurzen Erinnerungszeit ihres Lebens. Ein 16-Jähriger hat ja noch nicht sehr viel erlebt, sage ich mal, im Vergleich zu einem 60-Jährigen oder zu einem 40-Jährigen. Das heißt, für den fällt es schwer, gewisse Dinge einzuordnen. Wie ordnet er den Ukraine-Krieg ein, den Überfall Russlands? Wie ordnet man ein, was im Nahen Osten an Gewalt passiert und an Tötungen? Ich ein, diesen Klimawandel, wird er sich so darstellen, wie es in den Schreckensszenarien dargestellt wird? Habe ich als Menschheit überhaupt eine Chance, mit den Folgen umzugehen? Und das sind Dinge, die verunsichern. Und die verunsichern einen 60-Jährigen durchaus auch, aber einen 16-Jährigen nochmal ganz, ganz anders.

Sprecher 5: Und für den Schulkontext, was muss geschehen, damit Lehrkräfte nicht nur als Streitschlichter agieren, sondern auch wieder sich vermehrt auf ihre Hauptaufgabe, das Unterrichten, konzentrieren können?

Sprecher 6: Wir müssen uns alle an der Nase fassen und überlegen, ob wir gewisse Äußerungen öffentlich tätigen, ob wir sie in den Medien tätigen, wie wir miteinander umgehen, wie wir übereinander reden. Das ist das eine. Dann sind die Elternhäuser gefordert und an den Schulen müssen wir ein Klima des guten Miteinanders pflegen. Das heißt für mich auch, wenn jemand gegen diese Regeln verstößt, dann gibt es da keine Toleranz, dann kann ich manches auch nicht mehr nur bei Erziehungs- oder Ordnungsmaßnahmen belassen. Wenn die strafrechtliche Relevanz erreicht ist, dann schalte ich die Polizei ein. Und das muss ich konsequent machen und das muss ich ohne ansehender Person machen und das muss ich unverzüglich machen.

Sprecher 5: Inwiefern spielt der Fachkräftemangel an Schulen, also sowohl von Lehrerinnen und Lehrern als auch von Sozialarbeitern, da auch eine Rolle?

Sprecher 6: Also angesichts der heterogenen Schülerschaft und die Schüler können nichts dafür, dass sie zusammengenommen eine sehr heterogene Gruppe heutzutage bilden, benötige ich über die Fachkraft für den Unterricht hinaus Personal im Bereich der Schulpsychologie. der Jugendarbeit, der Sozialarbeit, die bräuchte ich dringendst. Und zwar nicht vom Prinzip her an allen Schulen, aber natürlich an den Brennpunktschulen insbesondere. Und das bedeutet natürlich, dass ich in genau einer Situation, wo ich Fachkräftemangel in all diesen Bereichen habe, gerade die dann besonders benötigen würde.

Sprecher 5: Viele Prognosen gehen ja davon aus, dass der Lehrkräftemangel sich zwar vielleicht verschiebt, also zum Beispiel die Situation an Grundschulen etwas entspannter wird, aber trotzdem der Lehrkräftemangel im Großen und Ganzen und vor allem in der Sekundarstufe 1 bis 2035 bestehen bleiben wird. Wie kann man denn die Situation trotzdem auch bis 2035 an den Schulen schon gut angehen?

Sprecher 6: Unser Schulwesen hat ein sehr hohes Niveau und ist äußerst leistungsfähig, wenn man mal ganz Ehrliches betrachtet. In den letzten Jahren sind allerdings Herausforderungen in einer hohen Zahl in kürzester Zeit auf die Schule. Quasi reingeprasselt. Und das hat die Kolleginnen und Kollegen durchaus bis an den Punkt der Zermürbung gebracht. Da ist es eben ganz wichtig, dass man deutlich macht, dass man weiß, was die Kolleginnen und Kollegen da leisten, dass man ihnen die entsprechenden Fortbildungen gibt, dafür auch die entsprechenden Zeiten einräumt. Und das ist aber auch wieder wichtig, dass ich als Politik und aber auch als Gesellschaft der Schule den Stellenwert einräume, den sie nun mal verdient, denn da haben wir das wertvollste Kapital sozusagen, das klingt jetzt sehr materiell, Da muss ich junge Menschen auch motivieren, dass sie bereit sind, diesen Beruf zu ergreifen. Das wird aber dauern, bis die dann da sind. So ehrlich muss man natürlich das auch betrachten. Und die Lehre im System, die muss sich motivieren, dass sie, ich sage es jetzt mal so, ihren Einsatz quasi erhöhen. Und das machen Kolleginnen und Kollegen auch gerne, wenn sie wissen, wofür, wenn sie wissen, dass man das ernst nimmt und zu schätzen weiß. Und das muss man dann beispielsweise auch durch entsprechende Bezahlung deutlich machen oder durch Leistungsprämien. Ist etwas, was miserabel eigentlich ist. Meine Schule hat für 75 Lehrer eine Gesamtleistungsprämie von 4.500 Euro circa. Jetzt können Sie sich mal überlegen, wie Sie da eine besondere Leistung, einen besonderen Einsatz in irgendeiner Weise in Anführungszeichen vergolden wollen. Wird nicht gehen. Denn sie wollen ja mehr Paarleute beglücken.

Sprecher 5: Noch immer ist es in Deutschland ja so, dass der Bildungserfolg sehr stark von dem Bildungsabschluss der Eltern und auch von dem Einkommen der Eltern abhängt. Wie setzen Sie sich auch als Präsident des Deutschen Lehrerverbands oder auch als Direktor an Ihrer Schule für mehr Chancengleichheit ein?

Sprecher 6: Wir müssen dabei aber auch ehrlich sein. Wenn Sie einen Zwölfjährigen aus Afghanistan haben, der noch nie eine Schule besucht hat, wollen wir das wirklich dann behaupten, dass wir das schaffen, ihn in kürzester Zeit zum Abitur zu bringen? Wie wollen wir das mit jemandem machen, der durch Fluchterfahrung traumatisiert ist und der kein Wort Deutsch spricht? Das muss jetzt nicht dieser afghanische Junge sein, das kann auch jemand sein, der Schule besucht hat. Wie mache ich das mit jemandem, der in einer Familie lebt, in der kein Wort Deutsch gesprochen wird, wo der Deutschsprachkurs nicht stattfinden kann oder schwer besucht werden kann oder nicht zum Erfolg führt? Wir glauben ja immer, wenn wir Input bieten, dass der Input immer zu dem gewünschten Output führt. Und genau das ist das pädagogische Paradoxon, dass wir, wenn wir uns noch so bemühen und noch so einsetzen und noch so viel machen, nicht unbedingt den Erfolg haben, den wir haben möchten. Und wenn Sie in einer Grundschulklasse kein Kind mehr haben, das Deutsch als Muttersprache hat, dann ist die Lehrkraft erstmal damit beschäftigt, Deutsch zu vermitteln. Und erst wenn die Kinder Deutsch haben, dann kann ich eigentlich mit dem Stoff der ersten Klasse beginnen. Also es ist jetzt sehr vereinfacht ausgedrückt. Das sind Bedingungen, die sind eigentlich fürchterlich, die dürfte es nicht geben. Aber wir können diese Klassen nicht über das gesamte Land verteilen oder Internate schaffen, die gemischt sind oder so, weil dann sind wir in einem Zwangsstaat. Wir müssen so arbeiten, wie die Bedingungen eben sind und wir müssen ehrlich zu uns selber sein und sagen, wir können manche Dinge nicht erreichen, wir können manche Dinge auch nicht in kürzester Zeit erreichen, aber wir können mit unserer zwölfjährigen... Schulpflicht, die wir haben, wird auch gerne ausgeblendet. Ich muss zwölf Jahre zur Schule gehen. Nur mit dem Abitur bin ich dann davon befreit, weil ich dann die zwölf Jahre schon hinter mir habe. Oder wenn ich einen Realschulabschluss habe, aber sobald ich in die Lehre gehe, bin ich wieder an der Berufsschule. Und das ist die große Stärke in Deutschland. Wir lassen die Kinder und die Jugendlichen nicht allein. Wir zwingen sie zwar zur Schule, man muss es so formulieren, aber am Ende kommt dann für die allermeisten etwas sehr, sehr Positives dabei raus. Und deswegen sage ich dann auch immer, das Glas ist halb voll und nicht halb leer und vermutlich ist es sogar dreiviertel voll. Und wir sollten an dem Viertel arbeiten. Aber an dem Viertel auch nicht verzweifeln.

Sprecher 7: Okay, vielen Dank für das Gespräch.

Sprecher 6: Gerne.

Sprecher 2: Und zum Nachtisch, liebe Hörerinnen und Hörer, möchten wir Ihre Aufmerksamkeit auf ein Projekt in Namibia lenken. Und meine Kollegin Paulina Welling hat mit Nora Wernicke gesprochen, die dort gelebt hat und mit jungen Menschen Musik gemacht hat. Und ich kann Ihnen jetzt schon versprechen, dass es auch etwas für die Ohren gibt.

Sprecher 8: Erzähl uns doch mal, worum und was genau das Projekt ist.

Sprecher 9: Wir sind ein Märchen für Namibia. Wir arbeiten mit dem Rundfunk-Symphonieorchester zusammen. Unser Ziel ist es, praktisch ein namibisches Märchen vor Ort als Grundlage für Musikunterricht zu nehmen. Sprich, wir haben den namibischen Komponisten Eslon Hindundu, der hat die erste namibische Oper komponiert. Es gab einen Wettbewerb, wo in 15 verschiedenen Grundschulen Namibia Märchen von den Kids geschrieben worden sind. Und eins wurde jetzt ausgewählt und der vertont das dann. Ziel des Projekts ist einfach, mit dem Rundfunk-Symphonieorchester, Musikern des Rundfunk-Symphonieorchesters, das Märchen, was von Eslon Hindundu geschrieben, also vertont wurde, und einem Kinderorchester aus Windhoek und dem Chor aus dem Süden, wo ich mitgearbeitet habe, zusammen ein Märchen zu schaffen und auf die Bühne zu bringen und somit dann auch national namibisches Kulturgut zu schaffen, was halt identitätsstiftend dann auch ist. Denn in Namibia gibt es 13 verschiedene Stämme und je... Der Stamm hat seine eigene Geschichte, was auch wunderbar ist, aber das Land ist erst 33, mittlerweile 34 Jahre alt. Und das macht es ein wenig schwierig, was zu finden, was jeden verbindet und nicht nur die Stämme unter sich, sondern wirklich namibisch ist.

Sprecher 8: Damit eben dieses Märchen oder Europa dort vor Ort so funktionieren kann, wie ihr euch das vorstellt, sammelt ihr ganz fleißig auch Gelder. Und das in Form von Benefizkonzerten. Da gab es vergangenes Jahr schon eins hier in Berlin in der Gedächtniskirche. Und jetzt ist dieses Jahr, habt ihr auch nochmal eins in Hamburg in der Leishalle. Magst du da ein bisschen was zu erzählen?

Sprecher 9: Am 9.6. In der Leishalle werden Albert Lau und Philippa Moe eine Matinee spielen zu unserem Projekt als Benefizkonzert, das heißt Devastation, Romance and Hope. Super spannendes Programm, wird bestimmt ganz, ganz toll. Ich freue mich riesig. Und auch da er selber auch Teil vom Projekt ist und bei Pro Namibia ganz engagiert ist, wird das einfach praktisch ein Wiedersehen. Und ja, hoffentlich wird es so, wie wir es uns erhoffen.

Sprecher 8: Also liebe Zuhörer, Sie haben es gehört, Tickets für das Konzert gibt es auch noch. Vielen Dank, liebe Nora, dass du uns Einblicke in dieses tolle Projekt gegeben hast. Und wir wünschen dir und auch deinem Team alles Gute.

Sprecher 9: Danke.

Sprecher 2: Vielen Dank, dass Sie heute dabei waren. Das war schon wieder unser Programm. Morgen sind wir wieder für Sie da, wieder ab 6 Uhr, wie immer. Wenn Sie in der Zwischenzeit etwas loswerden wollen, schreiben Sie uns doch gerne an. Podcast at table.media. Darüber freuen wir uns und auch wenn Sie wieder einschalten. Bis dann, Ihre Helene Bobrowski.