Wie sieht die Stadt der Zukunft aus, Herr Onay?
Dauer: 24:44

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus, Herr Onay?

Viele Städte in Deutschland bemühen sich seit Jahren um eine Verkehrswende. Konflikte sind die Regel, wenn Fahrspuren oder Parkplätze zugunsten des Radverkehrs reduziert werden sollen. Belit Onay möchte in Hannover mehr Raum für Radfahrer schaffen. Er zeigt Verständnis für den Widerstand, den seine Maßnahmen hervorrufen: „Wenn ich solche Veränderungen aus der Verwaltung oder der Politik heraus anstoße, hat das natürlich einen direkten Einfluss auf Ihren Alltag. Das führt verständlicherweise dazu, dass manche Menschen vielleicht auf Abstand gehen oder mitreden möchten.“


Onay versucht, die Fehler anderer Städte zu vermeiden. Man könne nicht einfach nur den Autoverkehr herausnehmen. „Man muss auch etwas hineingeben“, sagt Onay und spricht von einer Chancendebatte. Wie gelingt es Onay, den Ausbau der Radwege in Hannover voranzutreiben, ohne die Autofahrer gegen sich aufzubringen?


  • Tischgespräch: Warum die Spitzenkandidaten zur Europawahl auch in ihren eigenen Parteien nur wenig Rückhalt haben.
  • Nachtisch: Wie Deutschland bei der KI-Revolution weltweit ganz oben mitspielen könnte   



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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Gestern kam bei mir die Benachrichtigung für die Europawahl an. Genau in einem Monat findet sie statt. Vielleicht sind Sie an anderen Orten in Deutschland schon längst versorgt worden mit der Wahlbenachrichtigung. Man hört ja, dass es in Berlin manchmal etwas länger dauert. Aber jedenfalls müssen wir uns alle innerlich darauf vorbereiten, zur Wahl zu gehen. Und da stellt sich die Frage, wen wählen wir eigentlich und wen wählen wir nicht? Und die interessante Erkenntnis unserer Kollegen des Berlin Table ist, die deutschen Spitzenkandidaten sind allesamt in ihren Parteien extrem unbeliebt. Und jemand, der dieses Gefühl überhaupt nicht kennt, ist natürlich heute auch dabei. Sie ahnen es.

Sprecher 3: Herzlich willkommen, Helene Bubrowski. Achso, du meintest Michael Bröker. Ja, schönen guten Tag, Helene.

Sprecher 2: Der beliebteste Mensch dieser Welt, der sich einfach in diese Situation natürlich überhaupt nicht reindenken kann. Aber Fakt ist, weder Ursula von der Leyen noch Terry Reinke noch Katharina Barley noch Marie-Agnes Strack-Zimmermann sind wahnsinnig beliebt in ihren Parteien. Und wir reden gleich darüber, warum. Zum Tischgespräch haben wir heute den Hannoveraner Bürgermeister Belet Onay von den Grünen. Und er wird uns erzählen, wie die Stadt der Zukunft aussieht. Und so viel darf ich vorab verraten. Seine Stadt Hannover sieht er da schon ziemlich weit vor. Ja, Michael, bis gestern hast du ausgeharrt in der Parteitagshalle im Estrell und hast dir angeschaut, wie Ursula von der Leyen von der CDU gefeiert wurde. Fragezeichen?

Sprecher 3: Ja, gestern war ich noch einmal in der Estrell-Hotelhalle. Es war der Abschluss eines Parteitags und Ursula von der Leyen wurde schon gefeiert, bevor ihre Rede begonnen hat. Ich glaube, das liegt daran, dass die CDU vor allem Europapartei sein will, unbedingt sich abgrenzen gegen die linken und rechtsextremen, aber nicht, dass sie alle Ursula von der Leyen so sehr lieben.

Sprecher 2: Ja, das ist ja offenbar das Problem. Das liegt an ihrer Vergangenheit als Familienministerin, wo sie die Union ganz schön gepiesackt hat mit Projekten wie Elterngeld und Kita-Ausbau, was ja jedenfalls in den konservativeren Kreisen damals, hat sich ein bisschen geändert, galt als Entmündigung der Eltern, als Umkehrung der Rollenverhältnisse und all sowas. Wie schaut man heute darauf? Bleibt da immer noch ein schlechtes Gefühl zurück?

Sprecher 3: Also Helene, Ursula von der Leyen ist innerhalb der CDU vor allem natürlich auch eine Merkelianerin. Sie hat in kleiner Runde noch am Vorabend des Parteitags gesagt, sie finde Angela Merkel super, das werde immer so bleiben. Also selbst, dass Angela Merkel nicht zum CDU-Parteitag geht und anstattdessen Jürgen Trittins Buch vorstellt, findet sie gar nicht so schlimm. Also Ursula von der Leyen ist für die Kritiker in der CDU vor allem eine Merkelianerin, die gesellschaftspolitisch liberalisiert und als EU-Kommissionspräsidentin. Präsidentin und das ist eigentlich das Hauptargument, zu viel Bürokratie, zu viel Green New Deal gemacht hat und zu wenig Wirtschaftspolitik und Wettbewerbsfähigkeit. Und deswegen hat sie es gestern auch ganz an den Anfang ihrer Rede gestellt. Sie will jetzt wieder als Wirtschaftspolitikerin wahrgenommen werden und das nimmt man ihr nicht so richtig ab in der CDU.

Sprecher 2: Ja, insofern eine Neuinszenierung, wenn man so will, die Ursula von der Leyen da probiert. Christian Lindner spottete ja neulich, Bürokratie habe einen Vornamen in Europa und der lautet Ursula. Ähnlich sehen es offenbar auch CDU-Mitglieder. Aber wie du sagst, es hat natürlich auch eine programmatische Seite, da wir haben über die Vergangenheit schon gesprochen, Kita-Ausbau, Elterngeld und natürlich insbesondere jetzt der Einsatz für die Klimapolitik, den die Grünen ja sehr gut fanden, die aber die CDU durchaus kritisch sieht. Und jetzt steuert Ursula von der Leyen nach, um eben auch die konservative Kandidatin zu sein, die dann eben hoffentlich auch, so das Kalkül der CDU, von den eigenen Leuten gewählt wird.

Sprecher 3: Ja, Helene, sie hat gestern noch ein Angebot gemacht. Sie hat zwei Angebote gemacht an die CDU. Eins ist wirklich erstaunlich gewesen und wir hören mal eben rein in die Rede.

Sprecher 4: Weniger Bürokratie, einfachere Verfahren, schnellere Entscheidungen. Und Friedrich, du hast es am Montag wieder gesagt, Europa braucht es im Kleinen weniger und im Großen mehr. Und deshalb will ich im Kleinen, aber es ist viel Kleines, 25 Prozent dieser elenden Berichtspflichten der Unternehmen für die Europäische Union streichen, ersatzlos, denn auf die großen Themen kommt es an.

Sprecher 3: Ja, mit diesem Versprechen holt sie natürlich genau diesen Bürokratiefrost über die EU auch bei den Delegierten ab und macht ein Versprechen, auf das man sie noch erinnern wird müssen. Denn ob sie das wirklich durchsetzt in der neuen Legislatur, werden wir sehen. Auf der anderen Seite hat sie den Asylkompromiss gegen die Grünen, gegen die Stimmen der Grünen im Europäischen Parlament durchgesetzt. Auch dafür wird sie hier durchaus gelobt. Also man zwingt sich so ein bisschen zu der eigenen Kommissionspräsidentin. Eine große frenetische Jubelfeier ist das hier für Frau von der Leyen nicht.

Sprecher 2: Also weniger als neun Minuten Applaus, die Friedrich Merz bekommen hat?

Sprecher 3: Das ist offensichtlich gewesen, ja.

Sprecher 2: Wobei das natürlich andererseits auch eine lächerliche Kategorie ist. Wir erinnern uns an die Minutenzählung der Küsse von irgendwelchen Royals. Also wie auch immer, aber Michael, wir sind noch nicht am Ende. Wir müssen noch über die anderen Spitzenkandidaten reden. Und auch da hat unser Kollege Sven Siebert rausgefunden, sie sind leider allesamt unbeliebt. Katharina Barley, Spitzenfrau der SPD, angeblich Deutschlands stärkste Stimme für Europa, so plakatiert die SPD. Da ist auch der Kanzler teilweise zu sehen. Aber einen gemeinsamen Fototermin hat es nicht gegeben. Er wurde also in die Plakate offenbar reinkopiert. Auch sie ist seltsam blass, oder?

Sprecher 3: Ja, Katharina Barley ist, obwohl sie eine solche multikulturelle Vita hat, wie Britin, britisches Blut und eine echte Europäerin, nicht nur von der Beherkunft her, sondern eigentlich auch von der Überzeugung, aber sie konnte innerhalb der SPD nie wirklich große Akzente setzen. Erinnert sich noch einer eigentlich an ihre Ministerzeit als Justizministerin? Helene, kaum einer. Also in der SPD war sie nie ein Machtfaktor. Und das Gefühl ist immer, dass diejenigen, die nicht viel zu sagen haben, aber irgendwie vielleicht etwas in der Vita vorzeigbares haben, dann nach Europa geschoben werden. Also eine richtige Überzeugungspersönlichkeit ist das für Europa nicht.

Sprecher 2: Ja, wobei ich erinnere mich natürlich schon an Sie, weil ich ja jahrelang für das Justizministerium zuständig war. Und Sie, das war damals interessant, weil Sie ja eigentlich eine überzeugte und für viele auch überzeugende Justizministerin war, die ja mal am Bundesverfassungsgericht auch gearbeitet hatte, durchaus sich dafür interessiert hat, anders als ihr Nachfolger Heiko Maas. Und dann ja von Andrea Nahles, der damaligen Parteivorsitzenden, überredet wurde, ins Europaparlament zu wechseln, mitten in der Legislaturperiode. Und damals wurde sie angepriesen als Wunderwaffe der SPD. So, das ist in Europa irgendwie nicht richtig durchgedrungen. Eigentlich bitter für Sie.

Sprecher 3: Ja, es gibt natürlich auch dieses große Problem, Helene, 44 Prozent der Deutschen interessieren sich überhaupt nicht für die Europawahl. Ich glaube, die Bekanntheitsgrade dieser spitzen Kandidaten, die sind erschreckend niedrig. Mal abgesehen vielleicht von, und da kommen wir zu Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die FDP-Frau ist außerhalb ihrer eigenen Parteibubble durchaus beliebt. Kontrovers natürlich bei denjenigen, die Waffenlieferungen ablegen, aber bei vielen Frauen und auch jungen Leuten durchaus beliebt, weil sie Klartext spricht. Also sie ist bekannter, müsste man fast sagen, als es die FDP-Zahlen eigentlich derzeit hergeben.

Sprecher 2: Aber in der FDP ist sie eben auch durchaus umstritten. Manche sind von ihr genervt, finden sie zu provokant. Auch ihre Attacken gegen den Kanzler gehen manchen auf die Nerven. Sie gilt dann eben doch auch als zu selbstbezogen, dass sie ihre eigene Profilierung im Sinn habe. Und natürlich ist sie in Teilen Deutschlands, insbesondere im Osten, auch wegen ihrer programmatischen Ausrichtung unbeliebt. Insbesondere natürlich die ganz klare Unterstützung der Ukraine mit allen möglichen Waffensystemen. Da geht es ja sehr, sehr viel weiter als viele in der SPD und auch in ihrer eigenen Partei.

Sprecher 3: Und was sagst du jetzt zu Terry Reinke von den Grünen?

Sprecher 2: Terry Reinke ist eine Frau, der immer wieder aufs Brot geschmiert wird von ihren Kritikern, wie sie damals ins Europaparlament kam und ein kleines lustiges Video gedreht hat, das dann als Teletubby-Video in die Annalen einging. Ich fand es eigentlich gar nicht schlimm, damals war sie wirklich noch sehr jung. Jan Philipp Albrecht ist auch auf dem Video zu sehen. Mittlerweile ist sie der Sache natürlich entwachsen. Ich habe es jetzt vor ein paar Monaten auf dem Parteitag erlebt. Sie ist eine gute Rednerin und eine Partei Linke, die aber auch pragmatisch zum Teil ist. Manchen gilt sie auch ein bisschen zu sehr als selbstbezogen. Zum Beispiel hat sie sehr darauf bestanden, nicht die Doppelspitze zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen, die sie ja eigentlich mit Sergej Lagodinsky zusammen einnimmt, sondern überall alleine plakatiert wird. Also sie möchte die Spitzenkandidatin sein. Das finden schon manche Realos nicht so toll. Und sie hatte natürlich auch schlechte Schlagzeilen, weil es tatsächlich unter den Grünen einen MeToo-Fall im Europäischen Parlament gab.

Sprecher 3: Aber entscheidend ist doch unabhängig von der Pop. Polarität dieser Kandidatinnen und Kandidaten. Helene, diese Wahl ist wahrscheinlich keine Personenwahl, vielleicht sogar weniger denn je. Denn sie ist vor allem eine Wahl, willst du dieses Europa, diese Friedensordnung, wie Wolfgang Schäuble immer gesagt hat, auch in dem erhalten, was es jetzt ist, trotz aller Komplexität, trotz aller bürokratischen Vorgaben, willst du einen pro-europäischen Kurs, dann musst du schon mal wählen gehen und einer dieser demokratisch verfassten Parteien wählen, völlig unabhängig eigentlich von den Kandidaten, die man da dann auch indirekt mitwählt.

Sprecher 2: Ja, und insofern kann man doch sagen, Michael, als positives Fazit, dass die Europawahlen sich dann positiv abheben von den nationalen Wahlen, weil es eben vielleicht doch mehr um Inhalte geht als um Personen. Und zu unserem Tischgespräch begrüße ich nun sehr herzlich Belet Oney, Oberbürgermeister von Hannover und Grünen-Politiker, sitzt außerdem für die Grünen auch im Parteirat, ist also auch hin und wieder mal in Berlin. Jetzt ist er uns telefonisch zugeschaltet und wir wollen darüber reden, wie vertragen sich eigentlich Autos und Fahrräder und Fußgänger und E-Roller und Busse auf der Straße. Hallo Herr Oney.

Sprecher 5: Hallo, grüßen Sie.

Sprecher 2: Sie sind seit November 2019 Oberbürgermeister Hannovers, also seit ungefähr dreieinhalb Jahren. Und, das kann man vielleicht auch noch hinzufügen, der erste Bürgermeister einer Landeshauptstadt mit Migrationshintergrund. Wir wollen heute sprechen um den Kampf auf der Straße. Und damit meine ich nicht den Kampf von Clans oder anderen, was wir hier auch teilweise zum Thema mal gemacht hatten, sondern den Kampf der verschiedenen Verkehrsteilnehmer um den Platz. Ja, ich bin heute Morgen selbst wieder mit dem Fahrrad ins Büro gefahren und habe immer den Eindruck, in Berlin begibt man sich so ein bisschen in Lebensgefahr, wenn man zwischen den Bussen, Autos, anderen Fahrrädern, Lastenrädern, E-Bikes, E-Rollern und so weiter sich durchkämpfen muss. Wie ist das in Hannover?

Sprecher 5: Also die Situation ist schon so, dass wir natürlich Verbesserungsbedarf haben. Also ich glaube, wir sind noch ein bisschen besser aufgestellt, wenn ich das so ein bisschen selbstbewusst sagen darf, im Vergleich zu Berlin. Aber das Grundproblem bleibt natürlich. Wenn man mit Blick auf die Klima zieht, mit Blick auch auf die Qualität in einer Stadt, also auch Lebensqualität, Luftqualität, Raumverteilung und so weiter und so fort, dann braucht es da auch entsprechende Qualität. Und dann ist es natürlich wenig attraktiv, wenn man gerade mit Blick auf das Fahrrad jeden Morgen oder abends beim Berufsverkehr um sein Leben fürchten muss, um von A nach B zu kommen. Das ist keine echte Alternative, das ist nicht attraktiv. In Hannover machen wir das so, dass wir gerade sehr offensiv ein Bedo-Routensystem, so nennen wir das, ausbauen, also hochwertige Fahrradstraßen innerhalb der Stadt, aber auch interkommunal, also auch für Pendlerinnen und Pendler. Und da merkt man schon, das wird angenommen, das wird genutzt. Aber es führt eben zu den genannten Konflikten, die Sie angesprochen haben, wenn zum Beispiel Parkplätze wegfallen müssen.

Sprecher 2: Das Oberthema ist ja jedenfalls bei den Grünen Mobilitätswende. Und da frage ich mich, fängt vielleicht bei diesem Wort schon das Problem an. Heute ist irgendwie alles Wende und man weiß eigentlich immer gar nicht genau, wohin soll es sich eigentlich wenden. Es gibt in Teilen der Bevölkerung gegen das Wort Wende, Mobilitätswende, sonstige Wende schon eine Art von Aversion. Haben Sie sich darüber mal Gedanken gemacht?

Sprecher 5: Wenn ich jetzt solche Veränderungen anstoße oder wir aus der Verwaltung heraus, aus der Politik heraus, dann hat das einen direkten Einfluss ja auch auf ihren Alltag. Das ist natürlich etwas, wo Menschen vielleicht auch dicht machen oder auch mal mitreden wollen, logischerweise. Und das ist völlig legitim und vollkommen verständlich. Begriffe können da die Emotionalität noch steigern. Das ist richtig, das merken wir bei ganz unterschiedlichen Triggerwörtern. Dazu zählt die Mobilitätswende oder Wende insgesamt, Autofreiheit und so weiter und so fort. Versuchen, und ich glaube, das ist auch der entscheidende Ansatz, ist das Ganze nicht nur mit Buzzwords oder mit Schlagwörtern irgendwie zu versehen und dadurch irgendwelche Dinge zu erzeugen, sondern das wirklich auch am Bedarf festzumachen. Und wenn wir Raum neu verteilen, also Parkraum zum Beispiel rausnehmen, was machen wir dann mit diesem Raum? Und dann wird da plötzlich eine Chancendebatte draußen. Das ist, glaube ich, der Fokus, um den es gehen muss. Das ist das, was wir versuchen, das zu definieren, nämlich indem man sagt, es ist für dich individuell ein Vorteil, weil man kann sich mehr bewegen, Fahrradfahren ist einfach gesünder, es spart Platz in der Stadt, man kann den Platz und den Raum ganz anders nutzen für Einzelhandel, für Gastronomie, für soziale oder sportliche Angebote oder auch nur für Grünflächen. Und damit steigern wir natürlich auch die Lebensqualität einer Stadt. Also an dem Thema Verkehrswende, Mobilitätswende oder Veränderung von Mobilitätsverhalten hängt so viel dran. Und das ist genau der spannende Punkt, um den es aus meiner Sicht eben gehen muss in einer solchen Debatte.

Sprecher 2: Ja klar, man kann den Leuten sagen, es ist alles eine Chance für dich, für deine Sicherheit, für die Luftqualität und so weiter. Und trotzdem haben viele Menschen den Reflex zu glauben, man will ihnen das Auto wegnehmen. Das war hier in Berlin zu beobachten. Das Thema hat den Wahlkampf vor einem guten Jahr stark dominiert. Die CDU hat Plakate geklebt mit den Worten, Berlin, lasst ihr das Auto nicht verbieten. 25 Prozent weniger Parkplätze nicht mit uns. Also da gab es richtig eine Art von Kulturkampf. Grüne gegen CDU, Autos gegen Fahrräder und Fußgänger und am Ende die Innenstadt gegen den Rand von Berlin. Das hat man dann auch in den Wahlergebnissen gesehen. Der Kern war grün, der Rand war schwarz. Gibt es ein Mittel, das zu verhindern, dieses Gegeneinander?

Sprecher 5: Wenn man aber jetzt mal diese Beispiele aus Berlin und vielleicht auch vergleicht mit dem, was wir hier gemacht haben, dann wird, glaube ich, nochmal deutlich, was so Fehler sein können, die man vermeiden kann. Zum Beispiel ist es so, dass nach meiner Beobachtung in Berlin, also ich habe mir das selbst mal angeschaut, die Friedrichstraße zum Beispiel, und man hatte ja aus der Berichterstattung fast den Eindruck, Berlin zieht die Stadtmauer wieder hoch. Und dabei war es eigentlich nur ein kleiner Teil dieser Friedrichstraße, der da wirklich betroffen war. Was dort aus meiner Sicht jedenfalls der Fehler war, war, dass da diese Straße und das Setting sich selbst überlassen. Also man hat im Grunde die Autos rausgenommen, aber nichts reingegeben oder zu wenig reingegeben. Und das ist aus meiner Sicht genau der Fehler. Das funktioniert so nicht. Also gerade wenn man auch Menschen mitnehmen möchte und das mal verbildlichen möchte, was eben diese Chance ist, dass das nicht nur ein geschwafelt, politisches Geschwafel ist, sondern ernst gemeint und wirklich ein Potenzial hat. Und das haben wir in Hannover so versucht, dass wir gesagt haben, wir machen das auch, wir verändern einfach mal in sogenannten Experimentierräumen, also haben wir Dinge versucht einfach in der Stadt, wo wir den Autoverkehr, den parkenden Verkehr rausgenommen haben. Aber dann haben wir auch schnell was reingegeben. Also wir haben einfach mal zum Beispiel mal ein Jugendzentrum dort veranstaltet über ein Wochenende, haben Kulturangebote dort geschaffen, haben einfach auch mal Grünflächen geschaffen, dass Menschen dort verweilen können, also gar nicht mit Halligalli, sondern einfach nur sich selbst überlassen. Aber man kann dort sein, man kann dort in diesem Platz nutzen. Und siehe da, das ist angenommen worden. Es fanden nicht alle gut, also ich will das nicht romantisieren, es fanden nicht alle gut. Aber es war jedenfalls so, dass Menschen verstanden haben, Viele jedenfalls in den Diskussionen gesagt haben, okay, ich verstehe, wo ihr hinwollt, das ist schon mal gut, aber macht bitte dieses oder jenes anders.

Sprecher 2: In Berlin gab es ja um diese wenigen Meter, muss man am Ende sagen, Friedrichstraße, einen Kampf, der, ja, als gäbe es kein anderes Thema. Am Ende, da stimme ich Ihnen zu, war das nicht besonders schön, was dabei rausgekommen ist, aber da haben sich auch die Grünen, so würde ich das jedenfalls sagen, absolut verrannt und haben ja auch die Lehren daraus, jedenfalls einige Grüne, die Lehren daraus gezogen. Aber bei Ihnen, Herr Ohne, Sie sagen jetzt, es sei alles an Hannover besser und das bin ich natürlich auch bereit zu glauben und trotzdem habe ich eine Frage, weil ja bei Ihnen auch im Rat die Koalition mit der SPD am Thema Verkehr zerbrochen ist. Also ganz so einfach, wie Sie das jetzt darstellen, scheint es ja auch nicht zu sein. Die SPD, der ging es am Ende auch ums Auto. Die SPD ist natürlich in Niedersachsen auch irgendwo eine Autopartei, kann man vielleicht sagen. Welche Lehren ziehen Sie jetzt daraus? Haben Sie vielleicht Ihren Koalitionspartner nicht geschafft zu überzeugen?

Sprecher 5: Ja, also Sie haben recht erwischt, auch in Hannover ist es, das sagte ich ja nicht, nicht so, dass es einwandfrei einfach funktioniert. Also das, was die Experimentierräume angeht, da bin ich nach wie vor von überzeugt. Und das war auch der Teil, wo die Koalition auch noch weiterhin funktioniert hat. Also wir haben auch einen Stadtbaurat, der selber Sozialdemokrat ist, der das Ganze natürlich mit ausgedacht, geplant, entwickelt hat. Und auch wenn man mal so in den Rat schaut, also vor allem die Parteiprogramme oder die Programmatiken der unterschiedlichen... Parteien im Rat, dann hätte sozusagen das, was wir vorgeschlagen haben, eigentlich ohne Diskussion durchgehen müssen. Also wenn man mal schaut in die Wahlkämpfe der letzten Jahre oder auch in die Positionierung immer wieder dazwischen, dann wird ja, wenn man die Lippenbekenntnisse jetzt mal zumindest zur Grundlage nimmt, überall sozusagen propagiert, Fahrradhauptstadt Europas, Autoverkehr zurückdrängen, mehr Grün in der Straße, mehr Grün in der Stadt und so weiter und so fort. Nur wenn es dann aber heißt, ich will aber genau diesen einen Parkplatz vor deinem Laden, mit dem wollen wir jetzt diskutieren, dann wird der Widerstand größer.

Sprecher 2: Dieses Phänomen kennen wir aus anderen Bereichen auch. Not in my backyard, man findet das abstrakt alles richtig und wenn es einen selber betrifft, auf einmal nicht mehr. So haben wir es auch beim Thema Mobilität natürlich beobachtet. Es gibt viele, die das gut finden und trotzdem sehe ich immer jeden Morgen den Stau, in dem pro Auto eine Person am Steuer sitzt und man sich fragt, macht das eigentlich Sinn? Den Grünen wird ja nachgesagt, bei der Verkehrspolitik Politik für die eigene Klientel zu machen, für die Innenstädter, für die hippen jungen Leute mit Lastenrädern, die ihre Kinder zur Kita fahren und selber irgendwie im, ich weiß nicht was, Wollpulli in die Arbeit gehen können. Und dann gibt es die anderen, die dann, also ich rede total in Klischees, ja, ich gebe es zu, aber dann gibt es die anderen, die sagen, naja, und was ist mit den Menschen, die nicht so fit sind, die nicht fahren können, die was weiß ich, aus welchen Gründen auch immer gar kein Auto benutzen können, die der ländliche Raum und all diese Punkte. Stimmt was von dem Vorwurf, dass Sie die vielleicht nicht so auf dem Schirm haben? haben, wenn sie über Mobilitätswende sprechen, sondern dass das am Ende was für ihre Wähler ist.

Sprecher 5: Das ist ja nicht nur eine Diskussion, die wir in Hannover oder in Deutschland allein führen. Europaweit wird ja diese Diskussion geführt. Wir müssen darüber sprechen, wie schaffen wir es, diejenigen aus dem Auto zu kriegen, die darauf verzichten können, da echte, gute Angebote zu machen. Wie schaffen wir es auch den ländlichen Raum, und gerade für Hannover ist das undenkbar, dass man das vernachlässigt. Wir sind innerhalb der ländlichen Provinz hier in Niedersachsen, in der Landeshauptstadt, davon abhängig, dass auch Menschen aus der Umgebung, aus der Region, aus dem Umland auch zu uns kommen. Und da ist es so, dass gerade auch diese Frage, wie kriegt man Menschen, die weiterhin auf das Auto angewiesen sind, Weiterhin in die Stadt, vielleicht durch Mobilitätsketten, wie das ein bisschen technisch heißt. Also wie schafft man es auch durch Park-and-Ride, Bike-and-Ride-Angebote, einen Teil mit dem Auto zurückzulegen und den Rest dann bequem. Und gerade mit dem Deutschlandticket ist das für Arbeitnehmer und Arbeitnehmer natürlich nochmal eine gute Alternative, wo wir auch ganz anders planen können, Dinge auch zu verknüpfen. Und dann wird da ein Schuh draus. Also mir persönlich geht es nicht darum, Menschen die Mobilität zu beschneiden oder das Auto einfach blind rauszudrängen, sondern wenn man sich mal anschaut, wie kriegt man eigentlich Mobilität so hin, dass sie klimafreundlich ist, platzsparend ist, auch kostengünstiger ist, dann schmiert das Auto eben im Ranking ab. Dann ist das Auto ganz weit hinten, aber das Fahrrad zu Fuß gehen, ÖPNV, relativ weit vorne, weil das ist nicht sozial mit dem Auto. Das Auto verursacht Kosten, ist wie gesagt auch... im Verkehr selbst eine Belastung, dadurch, dass es sehr viel Raum einnimmt. Und das sind die Fragestellungen, die man eben, finde ich, ohne Schaum vom Mund behandeln und bearbeiten kann, ganz pragmatisch.

Sprecher 2: Städte wie Paris haben gezeigt, dass es geht. Die Vision einer guten Mobilität der Zukunft ist sicherlich, dass jeder Verkehrsteilnehmer irgendwo den Platz hat. Und die Autos sind natürlich einfach durch das viele Metall, das um sie rum ist, besser geschützt als die Fahrradfahrer. Da muss man also einen guten Weg finden, das Ganze zu regeln, oder?

Sprecher 5: Das ist so. Also die Raumverteilung ist echt eine Frage. Nur wenn es dann zum Schwur kommt, also die Frage, ja gut, aber wo bauen wir diesen Radweg dann hin? Und wie breit soll der sein? Wie sicher, wie Sie ja sagen, soll der sein, dass er nicht in Konkurrenz eben zum stärkeren Auto steht? Dann wird es eben um Platzverteilung gehen. Dann geht es auch mal an die Fahrspur sozusagen. Da sind es dann nicht mehr drei Spuren, sondern nur noch zwei oder nur noch eine. Selbst hier in Hannover, wir hatten jetzt vor kurzem ein aktuelles Beispiel über einen Parkplatz mitten in der Stadt. Ein wirklich schöner Platz, den wir im Rahmen dieser Experimentierräume, das ist der Köbelinger Markt, im Zentrum unserer Stadt mal genutzt haben, die Autos dort verbannt haben und dann einfach mal verschiedenste Aktivitäten da reingegeben haben. Das ist ein traumhaft schöner Platz mitten in der Stadt unter vollen Platanen. Ich glaube, in jeder anderen europäischen Stadt, wenn da Cafés oder andere Angebote, bei uns sind da Parkplätze. Und jetzt gab es sozusagen nochmal eine Diskussion von CDU, SPD, FDP, die gesagt haben, nein, die Parkplätze dort müssen erhalten bleiben. Und selbst, und das ist jetzt kein grüner Fanclub, selbst der ADAC hat sich zu Wort gemeldet und gesagt, Leute, ist nicht notwendig, der Platz ist umzingelt von anderen Parken. Häusern, die nicht ausgelastet sind, lasst von diesem Platz ab. Lasst da über andere Stadtentwicklungen sprechen, über städtebauliche Entwicklungen. Also worauf ich hinaus will, das ist keine spinnerte grüne Idee, sondern wir müssen uns anschauen, wie stellen wir eigentlich eine zukunftsfähige, lebensfähige Stadt auf. Und da spielt eben das Thema Mobilität und die Neuverteilung von Raum eine sehr, sehr große, gewichtige Rolle.

Sprecher 2: Also Sie haben uns jetzt wirklich Lust gemacht, als Podcast-Team mal nach Hannover zu fahren und mal anzuschauen, was von dieser Vision einer freien Zukunft für alle Verkehrsteilnehmer, wenn ich es mal so ausdrücken darf, Sie schon realisiert haben und wo Sie noch auf dem Weg sind. Vielen Dank, dass Sie uns das heute erläutert haben, Herr Oney.

Sprecher 5: Ja, vielen Dank für das Gespräch.

Sprecher 2: Und zum Nachtisch haben wir heute gute Nachrichten, aber man kann vielleicht eher sagen, einen sehr guten Tipp von einem Forscher, und zwar Richard Socher, gebürtiger Dresdner, jetzt wohnhaft im Silicon Valley und ein Computerlinguist. Er hat die Grundsteine für die Entwicklung von Chat-GPT gelegt und weiß wie kein anderer, was der Nutzwert von KI sein kann. Unsere Kollegin Anne Brüning von unserem Research Table hat mit Richard Socher gesprochen. Und er sagt, was Deutschland tun kann, um nichts Geringeres zu leisten als eine echte KI-Revolution. Und die Empfehlungen sind eigentlich ganz einfach. Deutschland könne sich gut positionieren, wenn Informatik an allen Schulen Pflichtfach wäre. Und statt Latein solle doch künftig die Programmiersprache Python gelehrt werden. Wenn außerdem an den Hochschulen Informatik zum Nebenfach würde und auch Juristen, Mediziner und Naturwissenschaftler das Programmieren lernen könnten, dann könne es auch in Deutschland gelingen. Und wenn es dann auch noch gelingen könnte, eine deutsche Uni in die Top Ten Rankings zu bekommen, am besten im Bereich KI, dann müsste auch wirklich niemand mehr befürchten, dass KI-Talente, so es sie denn überhaupt gibt, aus Deutschland abwandern. Was ja übrigens der gebürtige Dresdner Socher gemacht hat. hat der in diesem Interview auch sagt, warum er eigentlich keine riesigen Ambitionen hat, nach Deutschland zurückzukommen, was aber unter anderem an privaten Umständen liegt. Dafür haben wir natürlich Verständnis. Und nun hoffe ich, dass Sie einen wunderschönen, sonnigen Feiertag haben. Wir sind morgen wieder für Sie da und zwar mit einer Sonderfolge. Nicht nur, weil wir wieder ein Demokratie-Spezial haben, sondern weil wir auch unseren ersten Live-Podcast hier senden. Mit Elisabeth Nier, der Geschäftsführerin der Hertie Stiftung und unserem Spezialgast, der First Lady der Bundesrepublik Deutschland, Elke Budenbender. Und wir sprechen über, ja was wohl, die Demokratie. Ich freue mich auf Sie. Bis morgen, Ihre Helene Bobrowski.

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.