Warum sind wir so gewalttätig, Frau Mihalic?
Dauer: 24:10

Warum sind wir so gewalttätig, Frau Mihalic?

Als Reaktion auf die gestiegene Anzahl von knapp sechs Millionen registrierter Straftaten im vergangenen Jahr fordert Irene Mihalic, Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, eine bessere Ausstattung der Sicherheitsbehörden, die Verstetigung von Präventionsprogrammen und mehr Engagement für Integration. Sie nennt die aktuellen Zahlen aus der polizeilichen Kriminalstatistik „alarmierend“. Die Gewaltkriminalität ist dort um 8,6 Prozent gestiegen.  

Zugleich mahnt sie einen differenzierten Blick an. Zur Ausländerkriminalität, die gegenüber dem Vorjahr um 13,5 Prozent gestiegen ist, sagt Mihalic, dass man dabei auch den wachsenden Anteil von Ausländern in der deutschen Gesellschaft sowie die Lebensbedingungen der Menschen anschauen müsse.  

Mihalic äußert methodische Bedenken gegen die Kriminalstatistik. Diese gebe keinen Aufschluss über tatsächliche Verurteilungen und leuchte nur das Hellfeld aus. Sie fordert, dass der Bundestag stattdessen die gesetzliche Grundlage für einen „periodischen Sicherheitsbericht“, beschließt. Er solle „Auskunft darüber geben, wie die Zahlen tatsächlich einzuordnen sind“.


  • Tischgespräch: Harsche Reaktionen auf Christian Lindners Vorschlag eine "Lust auf Überstunden" zu wecken.
  • Nachtisch: Wie in Südkorea bald die künstliche Sonne aufgehen und Energieprobleme lösen könnte.


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Transkript

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.

Sprecher 2: Herzlich willkommen zu Table Today. Hier ist ein neuer Tag mit einer neuen Ausgabe. Ich bin Helene Poprowski und an meiner Seite, mir gegenüber, sitzt...

Sprecher 3: Endlich, sag es!

Sprecher 2: Michael?

Sprecher 3: Bröker ist mein Name. Bröker. Michael Bröker. Du hast immer noch die Italienbräune im Gesicht. Steht dir.

Sprecher 2: Danke, danke, danke. Ich habe auch mal was Weißes an, damit man es besser noch sieht. Und wir zwei grooven uns schon ein für die EM, oder?

Sprecher 3: Auf jeden Fall. Ich bin schon ganz, ganz, ganz, ganz heiß. Denn es gibt eventuell doch noch eine Chance auf Tickets von denjenigen, die sie zurückgegeben haben.

Sprecher 2: Ah, sehen Sie. So ist es. Gute Nachrichten zum Start und gute Nachrichten am Ende dieses Podcasts. Apropos Sonnenbräune reden wir über die koreanische Sonne, die viel, viel, viel heißer ist, als man sich das überhaupt vorstellen kann und möglicherweise unser Energieproblem lösen wird. Zum Gespräch des Tages kommt Irene Mihalic, die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen und langjährige Polizistin aus Köln. Und sie wird uns erzählen, was sie über die erschreckenden Zahlen der Kriminalitätsstatistik denkt, was los ist mit unserer Gesellschaft, die so verroht ist, die immer gewalttätiger wird und was sie eigentlich selber erlebt hat als Polizistin in puncto Gewalt gegen die Polizei. Jetzt aber zunächst, Michael, wollen wir reden über Überstunden. Hast du in deinem Leben schon mal mehr gehabt? Arbeitet, als du musstest.

Sprecher 3: Lustigste aller Fragen. Ich habe, glaube ich, in meinem journalistischen Leben ständig diesen schlimmen Passus in allen Verträgen immer unterschrieben. Alle Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten. Insofern, also ich arbeite ständig und immer und bin ja ein Junkie und das ist für Arbeitgeber echt cool, ehrlicherweise.

Sprecher 2: Du bist offenbar direkt eingestiegen bei der außertariflichen Bezahlung, das ist sehr schön. Aber jetzt stellen Sie sich mal vor, man will weniger Steuern von Ihnen und Sie sagen, nein, das mache ich nicht mit. So jedenfalls reagieren die Gewerkschaften auf den Vorschlag von Bundesfinanzminister Lindner von der FDP, der sagt, für Menschen, die Überstunden leisten, soll weniger Geld abgezogen werden. DGB-Chefin Fahimi nennt diese Idee verrückt. Und wer ist jetzt eigentlich verrückt? Lindner, die FDP, Fahimi oder der Bröker? Wir wissen es nicht, wir werden es jetzt besprechen. Ja, Michael, es sollte doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass man mehr arbeitet, als man muss, oder?

Sprecher 3: Sagt die Arbeitgeberin Lene Bubrowski, die selber ständig mehr arbeitet, als sie muss. Nein, denk an den Gesundheitsschutz. Denk daran, dass das Geld, was man dann diesen Überstundenmenschen gibt, also das Steuerzahlergeld an anderer Stelle fehlt, bei den Investitionen, in die Infrastruktur. Also die Gewerkschaften sind natürlich angefasst, weil sie eigentlich andere Pläne mit diesem Geld vorhaben. Und vor allem, überlegt mal, es gibt 1,3 Milliarden Überstunden im Jahr 2022 und davon 700 Millionen unbezahlt. Also das kann die Gewerkschaft natürlich nicht gut finden.

Sprecher 2: Jetzt hören wir uns erstmal an, was Christian Lindner gut findet. Der tritt nämlich eine Debatte los über die Idee, wie man mehr Überstunden generiert und sie steuerlich begünstigt. Sein O-Ton von Karin Mioska.

Sprecher 4: Wenn Menschen arbeiten, dann hat das natürlich einen Effekt auf den Staatshaushalt, weil die Leute nichts empfangen, sondern sie zahlen Steuern und Abgaben. Aber Arbeit ist doch mehr. Das ist doch auch Sinnstiftung, das strukturiert den Alltag, das verbessert Lebenschancen. Und aus diesem Grund spreche ich von einer Wirtschaftswende. Den Leuten Lust machen auf die Überstunde, weil sich die vielleicht steuerlich lohnt. Weil man nicht alles abgibt beim Staat. Das brauchen wir. Das ist vielleicht sogar eine Mentalitätsreform.

Sprecher 2: Michael, Lust machen auf Überstunden. Du hast schon gesagt, die Gewerkschaften sind total dagegen. Es gab ja tatsächlich im Jahr 2022 700.000. Millionen unbezahlte Überstunden. Das ist vielleicht schon auch ein bisschen ungerecht.

Sprecher 3: Ja, es ist natürlich ein Thema, absolut. Die unbezahlten Überstunden. Auf der anderen Seite haben wir zwei Millionen offene Stellen. Und es ist nicht gerade so, als würden wir in Deutschland zu viel arbeiten. Inzwischen haben uns gerade die Länder alle abgehangen bei der wöchentlichen Arbeitszeit, die man früher mal ein bisschen verächtlich angeschaut hat. Italien, Griechenland, Polen, Rumänien, alle arbeiten mehr. Wir arbeiten mit 34, irgendwie Stunden pro Woche weniger als der EU-Durchschnitt. Also es ist schon ein Thema, Anreize zu setzen, um mehr zu arbeiten, Helene. Aber nur um das mal einmal eben einzugrenzen, es ist nicht Lindners Idee. Diese Idee hat Carsten Lindemann vor einem Jahr als CDU-Generalsekretär gehabt. Da wurde von der Ampel kritisiert. Jetzt entdeckt offenbar Lindner eine versteckte Steuersenkung durch die Hintertür.

Sprecher 2: Ich finde es eigentlich keine schlechte Idee, dass man sagt, Überstunden werden ja, Achtung, nicht nur wie bei dir. bezahlt, sondern sie werden auch noch steuerlich begünstigt. Das heißt, wenn du mehr arbeitest, als du musst, hast du am Ende wirklich mehr Brutto vom Netto. Nein, Netto vom Brutto.

Sprecher 3: Das heißt, die werden bezahlt, die sind abgegolten in meinem Gehalt. Wer weiß eigentlich, ob mein Gehalt angemessen ist bei den Überstunden, die ich leiste.

Sprecher 2: Absolut, eine sehr, sehr berechtigte Frage.

Sprecher 3: Aber es ist jedenfalls ein Anreiz, mehr zu arbeiten. Das ist der Sinn von Christian Lindner, das ist der Sinn von Carsten Lindemann. Insofern kann man das natürlich auch durchaus gut begründen. Aber die Gewerkschaften sagen natürlich auch, Freunde, bei aller Liebe, wir haben schon ein Problem mit unbezahlten Überstunden und wir haben ein Problem mit Gesundheitsschutz, Burnout, so viele Depressionen wie noch nie und so weiter und so weiter. Also als Anwalt der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können die Gewerkschaften Wir schämen das ja gar nicht gut finden.

Sprecher 2: Ja, und du natürlich auch nicht, auch als Anwalt deiner Mitarbeiter, oder?

Sprecher 3: Absolut nicht. Wer das freiwillig macht, weil da natürlich diese eine Information, dieses eine Interview, diese eine Geschichte unbedingt noch fertig werden muss, ich halte ihn oder sie davon nicht ab. Klar, aber das finden wir insgesamt natürlich nicht gut. Freizeit ist freie Zeit, Helene.

Sprecher 2: Bier ist Bier, Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst, oder? Man darf aber auch mal daran erinnern, dass Dienst Dienst ist. Nein, Michael, Spaß beiseite. Es ist natürlich eine merkwürdige Gleichzeitigkeit, die wir hier in Deutschland beobachten. Einerseits gibt es dieses Phänomen Burnout, die Leute irgendwie können nicht mehr, sind überlastet, Krankheitstage nehmen zu, das Gefühl von abgeschlafft sein. Die Leute wollen früher in Rente, weil sie einfach nicht mehr können. Und gleichzeitig gibt es diese ständig sinkende Arbeitsbelastung. Wenn man lange zurückgeht in die 50er Jahre und sich anschaut, was die Leute da gearbeitet haben. So, dann haben wir aber wieder die Veränderung, dass man jetzt jederzeit erreichbar ist. Schon morgens um 6.15 Uhr die erste E-Mail schreibt und abends um 23 Uhr die letzte. Alles geht ineinander über. Das war natürlich früher auch anders. Und wir haben natürlich, darüber haben wir noch gar nicht gesprochen, einen eklatanten Fachkräftemangel. Das heißt, der Bedarf an Arbeit nimmt natürlich ständig zu. Das heißt, jedes Unternehmen, das vielleicht manche Stellen nicht besetzen kann, würde sich natürlich wünschen, dass die Menschen, die dort sind, mehr arbeiten. Und übrigens auch die Frauen, dass die mehr arbeiten und nicht in Teilzeit arbeiten. Auch das würde unsere Wirtschaftskraft deutlich stärken.

Sprecher 3: Flexibilisierung ist doch die Antwort, Helene. Und wir brauchen dringend endlich auch... neue Strukturen in den tariflichen Arbeitszeiten und hin zu einer Wochenarbeitszeit. Und der eine macht mehr, der andere macht weniger, der andere muss die Kinder abholen, dann ist er mal einen halben Tag raus. Dafür macht er es aber vielleicht Samstagmorgen, weil er da in Ruhe im Garten sitzt und ein paar E-Mails beantworten will. Ich finde, das muss man teilweise wirklich auch den Arbeitnehmern und Arbeitnehmern mal überlassen, wie sie das in der Woche organisieren. Und dann kommt man mal zu einer ganz neuen Diskussion, nämlich diese Starrheit, auch jetzt die digitale Zeiterfassung. Das sind natürlich ganz schwierige Korsetts, die wir versuchen, auf diese sehr digitale, sehr flexible Arbeitsgesellschaft drauf zu fropfen. Das funktioniert einfach nicht.

Sprecher 2: Genau, und die Zeiterfassung, die ja auch jetzt gesetzlich vorgeschrieben ist, ist natürlich für viele Berufe, insbesondere den journalistischen Beruf, auch wirklich eigentlich sehr unpassend. Wir dürfen aber bei dieser ganzen Diskussion, die wieder eine typische Akademiker-Diskussion ist, also Homeoffice im Garten und all das, sind natürlich Leute, die nach wie vor am Fließband stehen, die in der Bäckerei stehen, die an der Kasse sitzen, nicht gemacht. Die darf man bei der ganzen Sache nicht vergessen.

Sprecher 3: Richtig, für Sie wäre das ein Anreiz, wenn Sie mehr arbeiten wollen als der Kollege Y, dann bekommt der Kollege X eben bei diesen Überstunden einen Steuerbonus. Und deswegen, ich finde es ja auch eine gute Idee. Es ist ein Anreiz, mehr zu arbeiten. Und es ist ja nicht so, als würden wir in Deutschland gerade ein Wirtschaftswunderland sein. Insofern ist es völlig richtig, über diese Anreize endlich mal nachzudenken und nicht immer nur über die Anreize, wie wir alle weniger arbeiten, weil davon gibt es genug.

Sprecher 2: Genau, und mein Appell an alle Frauen und auch an die Mütter in diesem Land ist ja auch, ich finde das absurd. Wenig zu arbeiten. Ich weiß, dass es mit Kindern anstrengend ist und so weiter und trotzdem würde Ich würde jeder Frau einfach raten, viel zu arbeiten, nicht nur, weil es Spaß macht, weil man unabhängig ist, weil die Kinder ja irgendwann auch größer werden und man da nicht nur zu Hause sitzen will und weil es natürlich auch am Ende uns allen hilft, wenn man nicht nur... Sich ausbilden lässt, sondern auch von seiner Arbeitskraft was zurückgibt.

Sprecher 3: Und außerdem kümmern wir uns ja um die Kinder. Also nicht so, als würden wir als Führungskräfte nicht auch beides machen wollen. Das ist doch nur eine Frage der Flexibilität, finde ich wirklich.

Sprecher 2: Und der Aufteilung, genau. Und am Ende ist natürlich das Wichtigste, dass Arbeit auch... Ja, das große Wort Spaß macht, das trifft vielleicht nicht immer auf jede Sekunde, abgesehen mal hier im Podcaststudio, wo es wirklich riesigen Spaß macht. Ansonsten ist Arbeit natürlich auch immer anstrengend und so weiter, das soll es auch sein. Aber gerne hingehen, ich glaube, wenn man gerne hingeht, dann arbeitet man auch gerne viel. Und das wollen wir allen wünschen und deswegen auch der Appell an alle Arbeitgeber, doch bitte Umfelder zu schaffen, in denen man gerne arbeitet. Wie steht es um Deutschlands innere Sicherheit und wie steht es um die innere Verfasstheit von Sicherheitsbehörden? Konkret die Polizei bei uns im Land. Zwei Fragen, die gerade innerhalb weniger Tage aufgeploppt sind. Erst hören wir von 400 Ermittlungsverfahren gegen Polizisten, weil sie im Verdacht stehen, rechtsextrem zu sein oder dem Rechtsextremismus zumindest näher stehen, als es einem lieb sein kann. Und gestern nun auch noch die offizielle Vorstellung der Kriminalitätsstatistik. Gewaltkriminalität hat zugenommen, mehr als jeder zehnte Verdächtige ist minderjährig und insgesamt 41 Prozent aller möglichen Straftäter haben keinen deutschen Pass. Darüber sprechen wir jetzt hier am runden Tisch im Podcaststudio mit Irene Mihalic. In ihrem Bundestagsbüro steht eine Puppe, die eine grüne Polizeiuniform trägt. Frau Mihalic ist selbst von den Grünen und war 20 Jahre lang Polizistin in Köln. Seit 2013 sitzt sie im Bundestag. In dieser Legislaturperiode ist sie parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen und sitzt im parlamentarischen Kontrollgremium. Hallo Frau Mihalic. Ja, vielen Dank, dass ich hier sein darf. Gestern hat Nancy Faeser, die Bundesinnenministerin, die PKS vorgestellt, die polizeiliche Kriminalstatistik, ja mit durchaus erschütternden Zahlen, die wir erfahren haben. Lassen Sie uns darüber sprechen. Wir sprechen insbesondere über den Anstieg der Gewaltkriminalität. Es sind 214.000 Gewalttaten im vergangenen Jahr registriert worden von der Polizei. Das ist ein Anstieg von 8,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

Sprecher 5: Das sind natürlich Zahlen, die uns alarmieren müssen. Und wir müssen selbstverständlich genau hinter die Ursachen blicken. Und es ist aber natürlich auch schwierig, da sozusagen den richtigen Erklärungsansatz zu finden. Das Bundeskriminalamt spricht ja zum Beispiel davon, dass es zum Beispiel wegen der Corona-Pandemie einen gewissen Nachholeffekt gibt. Also das Jahr 2023 ist ja praktisch das erste, in Anführungszeichen, Corona-freie Jahr gewesen. Die Leute sind wieder mobiler, sie treffen sich wieder häufiger. Gleichzeitig verändert sich aber auch unsere Zusammensetzung in der Gesellschaft. Und wir haben es auch mit vielen Krisen zu tun. Und das sind alles Faktoren, die da zusammenkommen, die vielleicht dann eben auch dazu führen, dass es halt eben auch vermehrt Straftaten gibt, aber halt eben auch vermehrt Gewaltdelikte. Und wichtig ist aber natürlich, dass wir hinter die Ursachen blicken.

Sprecher 2: Denn nur wenn man auf die Ursachen schaut, kann man ja auch die geeigneten Konsequenzen ziehen. Nancy Faeser hat da gestern in der Pressekonferenz schon etwas vorgeschlagen und hat gesagt, bei... Gewalttaten müsse man hart durchgreifen, es gelte null Toleranz, schnelle Verfahren, spürbare Strafen. Würden Sie das als Grüne auch so unterschreiben?

Sprecher 5: Also gegen schnelle Verfahren kann niemand etwas haben. Das Problem an den Zahlen... Der PKS ist natürlich, dass wir gar nicht wissen, ob all diese Straftaten auch tatsächlich zu Verfahren geführt haben. Also das ist noch ein methodisches Problem, darauf kommen wir vielleicht noch. Aber wir Grüne fordern ja schon seit geraumer Zeit und sind ja auch froh, dass wir das in der Koalition so vereinbaren konnten, einen periodischen Sicherheitsbericht, der uns eben tatsächlich Auskunft darüber gibt, wie eigentlich solche Zahlen tatsächlich einzuordnen sind, der wissenschaftliche Grundlagen darüber liefert, wie unsere Bevölkerung auch auf bestimmte Phänomene reagiert, wie sich das auf die Kriminalitätslage, aber dann auch auf die Sicherheitslage am Ende auswirkt. Und nur dann kann man ja tatsächlich auch wirklich seriöse Schlussfolgerungen daraus ziehen.

Sprecher 2: Sie haben recht, es gibt schon lange methodische Bedenken gegen die PKS, die ja im Übrigen auch nur das Hellfeld anschaut und das Dunkelfeld ausblendet. Parallel dazu hat ja das Bundeskriminalamt aber einen Bericht über die gefühlte Sicherheit auch schon erstellt, der glaube ich nur alle zwei Jahre erscheint, also jetzt gerade nicht. Man eben schon eine Korrelation sieht zwischen auch einer großen gefühlten Unsicherheit. Deswegen ist natürlich so, dass es derzeit wahrscheinlich den allermeisten Menschen nicht reichen wird, zu sagen, oh ja, auf diese Zahlen und diese gefühlte Unsicherheit ist die Antwort jetzt, wir müssen noch mehr Recherchen anstellen, sondern die Leute erwarten schon auch Antworten, oder?

Sprecher 5: Das ist richtig. Und die Leute sollen natürlich die Antworten auch bekommen. Deswegen ist es wichtig, dass wir natürlich auch in der Analyse dieser Zahlen also schnell werden und auch keine Fehler machen. Ja, also das ist einerseits wichtig, aber dass wir natürlich auch die Dinge, die wir heute schon wissen, tatsächlich umsetzen. Und das, was wir heute... schon wissen ist, dass wir mehr Personal bei den Sicherheitsbehörden brauchen, dass wir sie besser ausstatten müssen, dass wir Präventionsprogramme verstetigen müssen, dass wir mehr für Integration tun müssen. Das ist aber auch eine Aufgabe für die Länder. Also dass wir sozusagen im Föderalismus zwischen Bund und Ländern uns anschauen, welche Maßnahmen funktionieren gut, welche funktionieren weniger gut. Die guten müssen wir verstetigen, die weniger guten können wir sein lassen.

Sprecher 2: Einen Aspekt, über den haben wir jetzt noch nicht gesprochen, das ist der Bereich Ausländerkriminalität. Die Zahlen sind erschreckend nach oben gegangen. Der Anteil unter den Tatverdächtigen von Nichtdeutschen ist bei 40 Prozent, bei über 40 Prozent sogar. Und der Anteil der Nichtdeutschen in der Bevölkerung sind ungefähr 15 Prozent. Wie gehen Sie als Grüne damit um? Ist das etwas, das man deutlicher vielleicht als in der Vergangenheit ansprechen muss? Oder würden Sie auch da sagen, Vorsicht vor schnellen Schlüssen?

Sprecher 5: Selbstverständlich müssen wir darüber reden. Wir müssen aber auch schauen, wie wir darüber reden. Also weil die Art und Weise, wie wir über diese Probleme sprechen, beeinflusst natürlich auch das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung. Und deswegen ist da größte Sorgfalt angebracht. Wenn wir uns die Zahlen anschauen im Bereich der Straftaten, die von Ausländern begangen werden, dann müssen wir natürlich erstmal die Zahlen herausrechnen, die nur von Ausländern begangen werden können. Also zum Beispiel ausländerrechtliche Verstöße, illegale Einreise. Das sind Strafen, die können Deutsche natürlich gar nicht begehen. Wenn man das rausrechnet, kommt man wieder zu einem anderen Verhältnis. Wenn man dann noch berücksichtigt, wie groß eigentlich die Zahl der Zugewanderten nach Deutschland war. Also das heißt, wenn sich der Anteil der Menschen erhöht, die in Deutschland leben, die keinen deutschen Pass haben, dann haben wir natürlich auch einen Anstieg der Straftaten von Menschen, die keinen deutschen Pass haben, einfach weil das soziologisch so ist. Auch das muss in ein Verhältnis gesetzt werden. Und dann müssen wir uns natürlich auch die Lebensbedingungen der Menschen anschauen, die Voraussetzungen, unter denen sie vielleicht kriminell werden oder nicht, wie ist eigentlich die Bevölkerungszusammensetzung. Wir haben zum Beispiel viele Menschen, die aus der Ukraine zu uns gekommen sind, die aus einem Kriegsgebiet zu uns gekommen sind, die Gewalterfahrungen gemacht haben. Wir haben aus anderen Regionen junge Männer zum Beispiel, die zu uns gekommen sind. Da ist es auch einfach erwiesen, dass gerade junge Männer sehr häufig ein höheres Risiko haben, kriminell zu werden. Das sind alles Faktoren, die muss man da berücksichtigen. Und dann kann man auch die richtigen Schlüsse daraus ableiten. Was verkürzt wäre, zu sagen, Leute ohne deutschen Pass sind per se krimineller. Und das ist die Instrumentalisierung, von der ich spreche.

Sprecher 2: Und was ist mit dem Satz, steigende Migration hat zu mehr Straftaten geführt?

Sprecher 5: Den kann man so unterschreiben, einfach weil es ja logisch ist, dass wenn mehr Menschen in Deutschland wohnen, wir auch einen Anstieg von Straftaten haben. Da, wo keiner wohnt, da begeht auch keiner Straftaten. Aber da, wo viele Leute zusammenkommen, da steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass Straftaten begangen werden. Deswegen, das ist so ein reines Zahlenspiel.

Sprecher 2: Das ist der Satz von Bundesinnenministerin Nancy. Feser, die Ihnen gestern gesagt hat bei der Vorstellung der PKS. Und ich glaube, sie hat ihn noch ein bisschen anders gemeint, als einfach nur den Zuzug und deswegen durch mehr Menschen mehr Straftaten. Aber lassen wir das mal dahingestellt und sprechen über den Polizeibeauftragten des Bundestages, den es seit Mitte März gibt. Und Sie, Frau Mehalic, kämpfen seit Jahren dafür, dass es ihn gibt. Nun ist es Uli Grötsch geworden von der SPD. Sagen Sie uns mal, was bringt das so ein Polizeibeauftragter?

Sprecher 5: Eine ganze Menge. Wir haben Beispiele aus inzwischen acht Bundesländern, wo es vergleichbare Stellen gibt, wo die Erfahrungen sehr, sehr positiv sind. Und zwar verstärkt es einfach auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei, wenn sie wissen, dass es da Stellen gibt, an die sie sich wenden können, wenn sie zum Beispiel Probleme mit der Polizei haben oder solche wahrnehmen. Und es da einfach ein unabhängiges Institut gibt, was für einen gewissen Ausgleich sorgt oder einfach auch den Dialog ermöglicht und dafür Sorge trägt, dass bestimmte Dinge einfach auch anständig aufgearbeitet werden. Und das stärkt am Ende das Vertrauen in die Institution Polizei.

Sprecher 2: Das ist ja auch eine Reaktion auf verschiedenartige Vorfälle bei der Polizei von rechtsextremen Chatgruppen über andere Racial Profiling und andere Verhaltensweisen, die zumindest mal entweder rechtswidrig waren oder jedenfalls Misstrauen erweckt haben. Würden Sie von strukturellem Rassismus in Teilen der Polizei sprechen? Wie sehen Sie das?

Sprecher 5: Also es gibt Probleme mit strukturellem Rassismus in der Gesellschaft. innerhalb unserer Bevölkerung. Also das hat nicht immer etwas mit gewollt rassistischem Verhalten zu tun, sondern das sind sozusagen eingeübte Klischees, von denen sich kein Mensch in unserer Gesellschaft irgendwie von uns befreien kann. Und das trifft natürlich auch auf Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte zu. Problematisch wird es natürlich, wenn solche rassistischen Stereotypen zum Beispiel eben polizeiliches Verhalten beeinflussen. Und deswegen ist es wichtig, da eben genau hinzuschauen. Das soll nicht bedeuten, dass wir große Probleme haben mit bewusst rassistisch agierenden Polizisten, sondern das soll einfach verdeutlichen, dass es verschiedentlich innerhalb dienstlicher Handlungen zu Problemen kommen kann, die man eben wiederum genau beleuchten muss. Und da kann ein Polizeibeauftragter zum Beispiel dabei helfen, eben genau diese Strukturen, wenn es sie gibt, zu ergründen.

Sprecher 2: Sie waren 20 Jahre Polizeibeamtin von 1993 bis 2013 in Köln. Da haben sie sicherlich viel erlebt und worüber wir noch nicht gesprochen haben, ist Gewalt, die Polizisten selber erleben. Das kommt in unserer Debatte manchmal zu kurz und auch da sind die Zahlen erschreckend. Wie haben Sie das damals erlebt?

Sprecher 5: Ja, also das lässt sich nicht so einfach in Worte fassen. Also es gibt immer mal wieder oder es gab auch in meiner dienstlichen Vergangenheit immer wieder Einsatzsituationen, wo es, ich sag mal, hart zuging, wo auch mir Gewalt begegnet ist. Aber das war sozusagen jeweils von der Einsatzsituation einfach abhängig. Also wenn man schon weiß, Dass man, ich sag mal, zu einer Schlägerei fährt, dann wundert man sich nicht sozusagen, wenn einem auch die Faust entgegenfliegt. Was, glaube ich, heute eher das Problem ist, ist, dass viele Polizisten es mit so unvermittelten Angriffen zu tun haben. Also aus einer vermeintlich ruhigen dienstlichen Situation, die dann plötzlich eben eskaliert. Ja, und das ist natürlich ein Problem, mit dem man sich tiefer auseinandersetzen muss, einfach weil man da natürlich ja auch besonders mit umgehen muss. Man muss sich da gut darauf vorbereiten, dass so etwas passieren kann. Also Fragen von Eigensicherung spielen da eine wesentliche Rolle. Aber auch da ist natürlich wiederum die Frage, warum das eigentlich passiert. Ja, und das ist wirklich, ja, also eigentlich auch eine problematische Entwicklung, mit der man sich noch intensiver befassen muss.

Sprecher 2: Ja, auch da könnte man Studien sicherlich anstellen. Was ist Ihre Antwort? Ist der Respekt vor der Polizei insgesamt gesunken?

Sprecher 5: Das würde ich so nicht unterschreiben. Also ich kann mich an meine dienstlichen Anfänge erinnern. Sie haben gerade gesagt 93, also Anfang der 90er Jahre, als ich zur Polizei kam. Da haben die älteren Kollegen beklagt, dass heute der Respekt nicht mehr da ist, aber früher war alles besser. Also das heißt, das werden sie, glaube ich, von einer dienstlichen Generation zur nächsten immer wieder erleben, dass die älteren Kollegen sagen, früher war alles besser und heute herrscht das Chaos. Ja, ich glaube, das ist einfach auch eine Frage der eigenen Wahrnehmung. Deswegen so pauschal kann man das nicht beantworten. Aber wir stellen in manchen Bereichen... ebenso gewisse Veränderungen fest, ob das jetzt beim Demonstrationsgeschehen ist oder ob das jetzt zum Beispiel bei bestimmten Einsatzlagen ist. Und darauf muss man eben auch entsprechend reagieren.

Sprecher 2: Vielen Dank, dass Sie hier waren, Frau Mihalic.

Sprecher 5: Sehr gern.

Sprecher 2: Gestern Abend saßen sie wahrscheinlich auch im Biergarten auf ihrem Balkon, auf der Terrasse oder sonst wo und haben die wunderbaren sommerlichen Temperaturen genossen. Bis zu 27 Grad warm war es in Berlin und heute, das ist die schlechte Nachricht zu Beginn, dieses kleine Nachtisch ist Fall, die Temperaturen. Auf maximal 15 Grad in Berlin und im Bundesgebiet sieht es leider nicht viel besser aus. Aber unser Versprechen ist, diese Podcast-Sendung mit einer guten Nachricht zu beenden. Und die haben wir. Und als Ersatz für die echte Sonne gibt es heute die koreanische künstliche Sonne. Und es sind wirklich... Großartige Nachrichten, die wir aus Korea bekommen. Und zwar im Fusionsreaktor K-Star wurde ein neuer Rekord der Kernfusion aufgestellt. Dabei wurden Temperaturen erzeugt, die siebenmal heißer sind als der Sonnenkern. Also für Menschen nicht gerade erträglich, aber ein Quell von sauberer Energie, die unser Energieproblem von heute auf einen Schlag lösen könnte. In diesem Reaktor werden die Prozesse des Sonnenkerns nachgeahmt. Dort verschmelzen Wasserstoffkerne zu Heliumkernen und dabei wird jede Menge Energie erzeugt. freigesetzt. Für Wissenschaftler besteht die größte Herausforderung darin, das Plasma, also die extrem heiße Gaswolke, mithilfe von Magnetfeldern zu stabilisieren. Der K-Star hat gezeigt, dass er Plasma länger als je zuvor einschließen kann, und zwar dank des Elements Wolfram, ein Übergangsmetall, wie Sie sicherlich auch noch aus dem Periodensystem kennen, das wir alle im Chemieunterricht durchgenommen haben. Auf diese Art und Weise, dank dieses wunderbaren Elements Wolfram, konnte man also Temperaturen erzeugen von mehr als 100 Millionen Grad und die für sage und schreibe 48 Sekunden stabil halten. Das ist deutlich mehr als der bisherige Rekord von 30. Wir können also gemeinsam in eine sonnige und saubere Zukunft blicken. Und mit diesem schönen Gedanken verabschiede ich mich heute von Ihnen. Danke, dass Sie dabei waren. Wenn Sie uns eine Nachricht hinterlassen wollen, können Sie das wie immer tun unter podcast.table.media. Morgen ab 6 Uhr sind wir wieder für Sie da. Ich freue mich drauf. Machen Sie es gut. Ihre Helene Bukrowski.

Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.