Stirbt die Solarindustrie in Europa, Herr Erfurt?
- Tischgespräch: Wie Edmund Stoiber gleich zweimal erfolglos versuchte, Angela Merkels politische Karriere zu torpedieren.
- Zu Gast am Runden Tisch: Dr. Gunter Erfurt, der CEO von Solar-Hersteller Meyer Burger erklärt, warum er die Produktion in die USA verlagert..
- Nachtisch: Wie ein Roboter künftig vollautomatisch nervige Schlaglöcher stopfen könnte.
Der Chef des Solarpanel-Produzenten Meyer Burger, Gunter Erfurt, macht der Bundesregierung wegen der Absage von Zuschüssen für die Solarindustrie Vorwürfe. „Wir sprechen nicht von Subventionen. Es geht um faire Wettbewerbsbedingungen. Subventionen sind eher ein Problem in China“, sagte Erfurt im Podcast Table.Today. Die großen Volkswirtschaften USA, China und Indien würden ihre Märkte abschotten und die heimische Solarindustrie gezielt stärken. „Eine wettbewerbsfähige Produktion von Photovoltaik-Produkten in Europa ist möglich. Es geht nur um begrenzte staatliche Hilfen.” Es fehle Planungssicherheit in Europa. Erst werde die Photovoltaik-Industrie bestellt, dann wieder abbestellt.
Erfurt will an der Verlagerung des Werkes vom sächsischen Freiberg in die USA festhalten. Dort seien die Steuergutschriften ein echter Kostenvorteil, sagte er. Die US-Behörden bezuschussen die Solarmodul-Produktion mit elf Cent pro Watt-Peak. „Der Staat verzichtet für den Hochlauf der Industrie auf Steuereinnahmen und profitiert dann im Nachgang massiv als Volkswirtschaft. Das ist pragmatisch, das ist schnell. Man legt einfach los.”
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Transkript
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.
Sprecher 2: Guten Tag und herein spaziert zu diesem wunderbaren Table Today am Donnerstag, den 4. April. Mein Name ist Michael Bröker und Sie müssen noch wenige Tage mit mir vorlieb nehmen. Es ist trotzdem Ihr Podcast für den freundlichen Start in den Tag und heute mit diesen Themen. Warum Edmund Stoiber Angela Merkel gleich zweimal in seiner Geschichte verhindern wollte, einmal als er selbst Kanzlerkandidat wurde und ein zweites Mal, wie wir jetzt wissen, als er einen Kanzler gegen sie ins Rennen schicken wollte. Und dieser Mann heißt Wolfgang Schäuble. Dazu später mehr. Zum Tischgespräch bitten wir heute einen Mann, die ja wie kein zweiter für die vielleicht untergehende Solarindustrie in Europa steht. Es ist Gunther Erfurt, der CEO und Vorstandsvorsitzende von Meyer Burger, einem deutschen Solarproduzenten, der jüngst angekündigt hat, seine Werke hierzulande abzubauen und in den USA wieder aufzubauen. Wir wollen wissen, warum und wie das eigentlich im Wettbewerb mit China weitergehen könnte.
Sprecher 3: Man muss den Mut haben, industriepolitisch diese Skalierung durchzustehen, mit einem kleinen finanziellen Aufwand, einer Inzentivierung, die wirklich diese Marktbedingungen herstellt. Aber dann ist man eben über kurz oder lang in einer Wettbewerbssituation, in der es diese Inzentivierung auch nicht mehr braucht.
Sprecher 2: Zum Nachtisch gibt es eine wirklich gute Nachricht, ausnahmsweise in diesem ökologisch nachhaltigen Podcast mal für Autofahrer. geht um die Stolperfallen, die Schlaglöcher und wie man sie vielleicht auf eine sehr effiziente Art künftig füllen könnte. Edmund Stoiber, der große alte Mann der CSU, er war bekanntlich nie ein ganz großer Fan von Angela Merkel, machte für sich selbst damals 2002 in Wolfratshausen beim Frühstück einen Deal, damit er Kanzlerkandidat und Angela Merkel zurücktreten musste.
Sprecher 4: Wir haben bei diesem Frühstück vereinbart, dass Edmund Stoiber der Kanzlerkandidat der Union für die Bundestagswahl 2002 sein wird.
Sprecher 5: Ich habe mich letzten Endes im November durchgerungen, jedenfalls dafür zur Verfügung zu stehen und möchte diese Herausforderung für die gesamte Union zusammen natürlich mit Angela Merkel, mit den Spitzen der Union, die möchte ich schaffen.
Sprecher 2: Was man allerdings noch nicht so wusste, ist, dass Edmund Stoiber viele Jahre später einen anderen Kanzlerkandidaten gegen sie ins Rennen schicken wollte. Und das war Wolfgang Schäuble. Wie wir jetzt im Stern lesen können, die exklusiv bereits einige Passagen aus dem neuen Buch von Wolfgang Schäuble zusammengefasst haben. War Edmund Stoiber nicht nur ein scharfer Kritiker von Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik, er wollte auch damals einen anderen Unionskanzler installieren. Während Gerhard Schröder, der frühere SPD-Kanzler, seine Kritik an Merkels Politik mal so zu Zusammenfasste, viel Herz, aber wenig Plan, war Stoiber damals wirklich geladen. Und er fuhr richtige verbale Geschütze auf gegen die vermeintlich naive Flüchtlingspolitik von Angela Merkel.
Sprecher 6: Wir sind in einer ganz schweren Krise unseres Landes. Und da geht es nicht darum, ob der oder der das Gesicht war, sondern es geht um die unterschiedlichen Auffassungen, wie wir jetzt mit dieser großen Herausforderung in diesem Jahr und im nächsten Jahr, wenn das so weitergeht, fertig werden. Und gegenwärtig haben wir einen ungeordneten Zustrom an Menschen aus vielen, vielen Ländern, zum Teil nicht registriert, zum Teil über der grünen Grenze. Die sind hier in Deutschland. Wir wissen nicht, wer bei uns ist. Und das ist eine Kapitulation eines Rechtsstaates.
Sprecher 2: Sie mache Europa kaputt, sagte Stoiber in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung 2016. Und er forderte die Kanzlerin sogar darin auf, bis März ihre Flüchtlingspolitik grundlegend zu überdenken. Andernfalls, so sagte es Stoiber, müssten die Schwesterparteien CDU und CSU Konsequenzen ziehen. Notfalls ohne Merkel. Wie wir jetzt wissen, hatte er auch bereits einen Kandidaten dafür im Gepäck. Er heißt Wolfgang Schäuble. Er wollte, dass Wolfgang Schäuble Kanzler wird und die CSU Angela Merkel aus dem Amt drängt. Doch dazu kam es nicht, wie wir jetzt in der Biografie von Wolfgang Schäuble lernen. Denn Schäuble war vielleicht auch kritisch, aber er war nie illoyal.
Sprecher 7: Ich bin ziemlich stur, ich bin Rechtshaber. Und also da wird es schwierig. Ich bin loyal. Und ich bin so loyal, dass ich es nicht mehr beweisen muss. Das habe ich auch bewiesen. Ich habe Versuche gegen sie zu putzen, die gab es ja dann auch. Abgelehnt. Mach ich nicht. Und ich stehe dafür nicht zur Verfügung. Ich mache das nicht.
Sprecher 2: Wie heißt es jetzt in den Schäuble-Memoiren? Und ich zitiere, wie Jahrzehnte zuvor bei Helmut Kohl blieb ich bei meiner Überzeugung, dass der Sturz der eigenen Kanzlerin unserer Partei langfristig nur schaden könnte, ohne das Problem wirklich zu lösen. Das war mein Verständnis von Loyalität, das nach heutigen Maßstäben vielleicht ein wenig antiquiert erscheint. Zitat Ende. Nein, lieber Wolfgang Schäuble, sollte er uns da oben zuhören, dieses Verständnis von Loyalität ist nicht antiquiert. Es ist sogar zeitgemäß. Denn die Flüchtlingsproblematik wäre auch unter einem Kanzler Wolfgang Schäuble so schnell nicht zu lösen gewesen. Immerhin hat Schäuble ein Vier-Augen-Gespräch mit der Kanzlerin gesucht und ihr geraten, mit dem türkischen Präsidenten Erdogan, nicht gerade ein Freund von Angela Merkel, das Gespräch für ein mögliches EU-Türkei-Abkommen zu suchen. Dies könne sie nur persönlich mit Erdogan machen. Keinen anderen Regierungschef oder Europas Kommissionspräsidentin würde Erdogan akzeptieren. Nach anfänglichem Zögern hat Merkel genau dies getan und doch noch auf Wolfgang Schäuble gehört. Der EU-Türkei-Deal kam, die Flüchtlingszahlen gingen runter und Angela Merkel blieb Kanzlerin. Die Lehre aus dieser Geschichte ist, Stoibers Versuche einmal, Kanzler zu werden und einmal einen Kanzler zu machen, scheiterten. Beide Male blieb eine Gewinnerin übrig und die hieß und heißt Angela Merkel. Wie sie selbst ihre Flüchtlingspolitik begründet und wie sie die Szene mit Wolfgang Schäuble erinnert, das werden wir dann vielleicht im Herbst erfahren. Dann erscheinen die Memoiren von Angela Merkel. Der mächtigste Wirtschaftsvertreter in Deutschland ist immer noch der BDI-Chef Siegfried Russwurm. Er kritisiert inzwischen die Ampel und Kanzler Scholz für die Wirtschaftspolitik offen. Die bisherigen zwei Jahre seien verlorene Jahre gewesen, sagte Russwurm jetzt in einem Interview. Das Resultat sei deutlich langsameres Wachstum als in vergleichbaren Ländern. Der BDI-Chef verlangt eine ehrliche Debatte darüber, welche Industrien sich Deutschland angesichts der veränderten geopolitischen Weltlage eigentlich noch wirklich leisten kann und will. Klar sei, dass manche Industrien mittelfristig aus Deutschland verschwinden werden. Er nennt als Beispiel die Ammoniak-Herstellung. Aber bei uns im Kopf ist natürlich sofort auch die Solarindustrie angekommen. Denn die hat es im Moment im Wettbewerb zwischen den USA und China schwer. Aus China kommen Milliarden Importe von verbilligten, unter Einstandspreisen angebotenen Solarpanels. Und die USA subventionieren ihre Industrie mit Milliarden. Was bleibt also für Europa? Was bleibt für Meyer Burger, den großen deutschen Solarpanel-Hersteller, der gerade jüngst angekündigt hat? seine Produktion in Freiberg aufzugeben und in den USA neu aufzubauen. Gibt es überhaupt eine Chance für die Solarindustrie, die so wichtig ist für unsere EU-Klimaziele? Oder müssen wir uns darauf einstellen, dass bestimmte Industrien in diesem Land einfach nicht mehr zu halten sind? Das wollte ich von dem Mann wissen, der es wissen muss, dem CEO und Vorstandschef von Mayaburger, Gunther Erfurt. Einen schönen guten Tag nach Freiberg, dem Harzzentrum der deutschen Solarindustrie. Einen schönen guten Tag. Hallo, lieber Herr Erfurt.
Sprecher 3: Schönen guten Tag, Herr Polka.
Sprecher 2: Herr Erfurt, kaum genehmigt Ihnen die Bundesregierung nicht die Subvention, schon verlassen Sie das Land und gehen in die USA. Was ist denn da los?
Sprecher 3: Von Subventionen will ich ja gar nicht sprechen, will die gesamte Branche nicht sprechen, sondern worum es ging, muss man ja jetzt sagen, ist die Schaffung von fairen Wettbewerbsbedingungen. Subventionen sind eher ein Problem in China. Mit Subventionen wird dort die Industrie nach vorne gebracht oder wurde nach vorne gebracht in den letzten Jahren. Europa hat das Nachsehen. Insofern, es geht nicht um Subventionen, es geht um faire Wettbewerbsbedingungen.
Sprecher 2: Aber schaffen wir überhaupt diese fairen Wettbewerbsbedingungen noch? Hat die FDP nicht einen Punkt, wenn sie sagt, wir können gegen China und deren Investitionen und Subventionen der eigenen großen Solarindustrie niemals standhalten?
Sprecher 3: Es ist ja gerade ein geopolitischer Kampf um Zukunftstechnologien im Gange. Die größten Volkswirtschaften weltweit, USA, China, Indien. Dann schotten ihre Märkte ab bzw. Subventionieren eben ihre Industrie, um genau in diesem Kampf Punkte zu erzielen. Und das tun sie recht erfolgreich und Europa schaut bislang zu. Leider überzeugt Europa derzeit die Industrie nicht durch eine Planungssicherheit. Also es wurde Photovoltaikindustrie bestellt, dann wird sie wieder abbestellt, dann wird sie wieder bestellt und wieder abbestellt. Insofern ist eine Fokussierung auf die Märkte, die es aus Sicht der Solarindustrie verstanden haben, dass es hier um eine Zukunftstechnologie geht, sicher richtig.
Sprecher 2: Sie haben völlig recht. Europa hat klargemacht bei den Green Tech Investments, da will man 40 Prozent dieser neuen Technologien im eigenen Land oder im eigenen Kontinent haben, made in Europe. Und trotzdem kann man offenbar auch gegenüber den USA nicht standhalten, was die Bedingungen betrifft. Sie wollen jetzt zwei neue Fabriken in den USA öffnen. Was haben die Amerikaner Ihnen bieten können, was wir hier in Europa Ihnen nicht bieten können?
Sprecher 3: Zum einen ist unsere Amerika-Strategie älter als der Inflation Reduction Act. Wir haben bereits 2021 entschieden, dass wir in den USA in den Markt eintreten wollen. Zu dem damaligen Zeitpunkt waren die Marktverzerrungen auch noch nicht so stark, beziehungsweise noch gar nicht spürbar im Vergleich zu 2023, 2024. Dann kam es zum Inflation Reduction Act. Das Pragmatische des Inflation Reduction Acts ist das dahinterliegende Steuermodell. Das heißt, man gibt einer Industrie, die es heute gar nicht gibt, Steuervorteile für eine limitierte Zeitspanne mit dem Ziel, diese Industrie in dieser Zeitspanne einfach groß zu machen. Das heißt, würde man nichts tun, würde man nie Steuern einnehmen. Jetzt tut man etwas, verzichtet als Staat für eine limitierte Periode, genau für den Hochlauf der Industrie, auf die Steuereinnahmen, profitiert dann im Nachgang. Massiv davon als Land, als Volkswirtschaft. Es ist pragmatisch, es geht schnell, man muss sich für Projekte nicht bewerben, sondern man legt einfach los unternehmerisch und kann letztendlich dort profitieren, bis das Ganze wirklich auf Skala läuft.
Sprecher 2: Machen wir mal konkret, also Ihre Fabrik zum Beispiel in Colorado, Sie können die da hinstellen und zahlen, wie lange? Zehn Jahre lang keine Firmensteuern oder wie funktioniert diese Tax Credits ganz konkret?
Sprecher 3: Das Programm läuft bis Ende 2032. Und was passiert ist, dass man pro Wertschöpfungsschritt in der Photovoltaik eine Steuergutschrift erhält. In unserem Falle pro Watt Peak. Pro Watt Peak ist in der Photovoltaik immer der wichtige Performance-Indikator. Und das bedeutet, dass wir für das Solarmodul 7 Cent pro Wattpeak erhalten, für die Solarzelle 4 Cent pro Wattpeak. Das sind also in Summe 11. Das ist schon mal ein wirklich großer Betrag, wenn man davon ausgeht, dass die Herstellung eines Photovoltaikmoduls irgendwas zwischen 20 und 30 Cent kostet. Aber das ist eben noch nicht alles, sondern die Amerikaner haben schon seit den frühen 2010er Jahren Restriktionen in den Markt eingezogen. Das heißt, es wird nicht in jedem Fall jeder Zufluss von Solarmodulen geduldet. Es gibt also eine Limitierung für Zwangsarbeitsprodukte. Es gibt eine Limitierung für bestimmte Herkunftsbereiche. Das sorgt schon mal für einen fairen Wettbewerb, aber gleichzeitig erhalten auch unsere Kunden noch eine Inzentivierung für ihre Projekte, auch wieder steuerlicher Natur, wenn man eine hohe lokale Wertschöpfung nachweisen kann.
Sprecher 2: Das heißt, der Resilienzbonus, den die FDP jetzt gesperrt hat und von dem sie profitiert hätten, hätte doch dann ohnehin kaum etwas gebracht, weil das ist ja nur ein Vergütungszuschuss für die Endkunden. Der hätte Ihnen ja die Produktion gar nicht erleichtert, sondern nur die Nachfrage stimuliert, richtig?
Sprecher 3: Das ist grundsätzlich erstmal korrekt. Allerdings muss man auch sagen, Wir haben es bei jeder Aufskalierung neuer Technologien immer mit einem Henne-Ei-Problem zu tun. Und genau dort setzt das US-Modell an. Dort hätte aber auch der Resilienzbonus angesetzt, indem er die Nachfrage wirklich massiv stimuliert. Man muss ja erstmal durch diese Phase durchkommen, um entsprechend auch auf globaler Stufe die Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen. Möglich ist das auf jeden Fall. Das heißt, man muss den Mut haben, industriepolitisch diese Skalierung durchzustehen, mit einem kleinen finanziellen Aufwand, einer Inzentivierung, die wirklich diese Marktbedingungen herstellt. Aber dann ist man eben über kurz oder lang in einer Wettbewerbssituation, in der es diese Inzentivierung gibt. die wir auch nicht mehr braucht. Und genau das haben die Amerikaner verstanden. Europa braucht da scheinbar noch ein bisschen.
Sprecher 2: Welche Summen benötigt die europäische Solarindustrie in den nächsten fünf bis zehn Jahren, um diesen Wettbewerbsvorteil oder die Gleichheit, wie Sie sagen, zu haben?
Sprecher 3: Also ich würde vielleicht das Ganze nochmal im Vergleich dazu beantworten, was eigentlich das handelspolitisch korrekte Instrument im Moment für Europa wäre. Das wären Importschollen. Ich glaube, es ist kein Geheimnis mehr, dass die Preise, die heute China aufruft, mit wahren Herstellungskosten in China nichts mehr zu tun haben, sondern das sind Dumpingpreise. Und mittlerweile beschweren sich ja auch chinesische Hersteller, große Hersteller über eine Dumping-Situation im eigenen Land und fordern die eigene Regierung in Peking auf, das zu unterbinden. Wenn man Zölle einführen würde, dann würde das alleine für Deutschland Mehrkosten auf die Energiewende bedeuten von mindestens einer Milliarde, wenn nicht sogar 1,5 Milliarden pro Jahr, die man zusätzlich noch aufbringen müsste. Der Resilienzbonus, so wie er berechnet war, da haben wir im ersten Jahr besprochen über maximal Größenordnung 40, 50 Millionen. Und in den weiteren Jahren aufwachsend auf Größenordnung 400 Millionen im, ich sag mal, schlimmsten Fall. Allerdings hat die Industrie immer darauf hingewiesen, dass es nicht um eine Subvention geht. Das heißt, es geht um Schaffung fairer Wettbewerbsbedingungen. Wenn also auch in China die Dumpingphase vorüber ist und man wieder zu einem normalen Wirtschaften zurückkommt, findet, dann kann man eine Inzendierung wie ein Resilienzbonus oder andere Instrumente sofort wieder einstampfen, weil man sie nicht mehr braucht. Bleibe dabei, wir bleiben als Industrie dabei, eine wettbewerbsfähige Produktion von Photovoltaikprodukten in Europa ist absolut möglich aufgrund von Automatisierung und diesen Dingen. Jegliche Einflussnahme staatlicherseits nur vorübergehend und nur solange es wirklich notwendig ist.
Sprecher 2: Also wenn es nach Ihnen gehen müsste, der Bundeskanzler, der in zehn Tagen mit einer großen Wirtschaftsdelegation nach China fliegt, dort Importzölle ankündigen.
Sprecher 3: Ich glaube, das ist eher unwahrscheinlich, dass das passiert. Europa hat sich jetzt erstmal dazu positioniert. Allerdings wird sicher auch in der Beobachtung mit zweierlei Maß gemessen. Im Automobilbereich reicht der Verdacht auf Subventionen dazu, dass auch seitens... Da die EU-Kommission das Thema Zölle auf die Tagesordnung kommt, in der PV, nehmen wir es stillschweigend hin, dass Dumping erfolgt. Insofern will ich da dem Bundeskanzler nicht irgendwie empfehlen, was er zu tun und zu lassen hat. Und eine Entscheidung ist ja jetzt erstmal gegen die Industrie getroffen worden und für China. Insofern können wir das erstmal nur akzeptieren und uns den Märkten zuwenden, die dort eine andere Sicht drauf haben.
Sprecher 2: Können wir mittel- und langfristig überhaupt den Wettbewerb mit China in dieser maschinellen Fabrikation von Solarpanels überhaupt schaffen?
Sprecher 3: Europa muss die Frage beantworten, lassen wir uns auf gut Deutsch Schritt für Schritt die Butter vom Brot nehmen oder ist es wichtig, in Industrieländern eine industrielle Basis zu haben. Ich glaube, letzteres muss die Antwort sein. Und dann gilt es wirklich, die entsprechenden Instrumente einzuführen, mit denen man das auch sicherstellt. Und der Großteil der Kostensenkung in der Photovoltaik in den letzten 20 Jahren ist über Technologieentwicklung gekommen und nicht über Skala. Das wird oftmals übersehen und in der Technologieentwicklung steckt nach wie vor enorm Potenzial auch für weitere Kostensenkungen.
Sprecher 2: Was ist das genau? Wir waren ja oft technologisch effizienter, innovativer als die großen Märkte, die günstiger produzieren konnten. Was ist das genau bei einem Solarpanel? Die Effizienz, was könnten wir da leisten in den nächsten Jahren, was die Chinesen bisher nicht können?
Sprecher 3: Das Besondere an einem Solarmodul ist die hohe Anforderung an Langlebigkeit. Also stellen Sie mal ein Automobil zehn Jahre einfach auf die Wiese und lassen mal Sonne draufgehen und Regen und Schnee und alles. Und dann gucken wir uns das mal nach zehn Jahren an, das Auto, wie das aussieht und machen es, dass man mit einem Solarmodul. Dort steckt enorm viel Materialwissenschaft drin, enorm viel Halbleitertechnologie. Sehr viel Siliziumreinheit und all diese Dinge. Es macht einen großen Unterschied, ob das Modul in seiner Lebensdauer 20% degradiert oder nur 5%. Das hat einen gewaltigen Einfluss. Und zum anderen ist es natürlich klassisch auf den Energieertrag, der über... Den Wirkungsgrad natürlich bestimmt wird. Pro Jahr machen wir ein halbes Prozent Wirkungsgradsteigerung. Das heißt also, in zehn Jahren haben wir fünf Prozent mehr Wirkungsgrad. und damit Energieausbeute, das wird adäquat auf die Kosten weiter nach unten treiben.
Sprecher 2: Ein Solarpanel ist ja nicht nur einfach ein Produkt, sondern da drin steckt ganz viel Technologie, ganz viele Vorprodukte. Ist denn eine völlig chinafreie Lieferkette nicht ohnehin unmöglich? Sind wir nicht beim Solarausbau schon jetzt abhängiger von China, als wir es vielleicht früher vom Gas aus Russland waren?
Sprecher 3: China ist ein wichtiger Partner und wird es auch immer bleiben. Allerdings geht es darum, dass man eine übergroße Abhängigkeit verringert, damit man verhandlungsfähig bleibt, damit man im Zweifel auch aufskalieren kann, weil auch die Masse an Solarmodulen, die in Europa verbaut werden, wird in den nächsten Jahren ein Maß erreicht. Da können Sie davon ausgehen, dass 400.000, 500.000 Solarmodule in der Größenordnung jeden Arbeitstag in der Europäischen Union verbaut werden. In einem Seekontainer respektive Eisenbahnwabons sind ungefähr 1.000 Module. Dort eine Unabhängigkeit zu haben, schrittweit, ist auf jeden Fall wichtig. Die Vorprodukte, die man für Solarmodule braucht, die gibt es Stand heute alle in Europa. Das heißt, auch das ist eine reine Frage des Kalierens.
Sprecher 2: In Freiberg hat der Landrat jetzt eine neue Idee, um das Aus für die Solarfabrik mit 500 Beschäftigten zu verhindern. Er plant ein Photovoltaikkraftwerk, um sie am Standort zu halten und die Produktion autonom für die Gemeinden und Bewohner dort zu nutzen. Ist das ein realistischer Vorschlag?
Sprecher 3: Wir kennen noch nicht alle Details. Ich kann die Frage noch nicht beantworten. Ich finde es äußerst löblich und mutig, dass der Landrat hier diese Initiative gestartet hat. Und wir werden das prüfen und dann überlegen, was das für uns bedeuten kann.
Sprecher 2: Aber die letzte Entscheidung haben Sie als CEO noch nicht getroffen, komplett in die USA zu gehen oder Hand aufs Herz ist die eigentlich schon durch?
Sprecher 3: Das Werk ist erstmal heruntergefahren. Wir mussten leider einem wirklich tollen Team, was über die letzten drei Jahre aufgebaut wurde, die Kündigungen übergeben. Das Werk ist betriebsbereit, in jedem Fall, denn es sind hochwertige Anlagen, die wir nicht einfach irgendwie abbauen und verschrotten, sondern... Wir werden diese Produktionsanlagen in jedem Fall einer Weiternutzung zuführen. Und wo die sein wird, das werden wir sehen.
Sprecher 2: Joe Biden hat sie im vergangenen November namentlich erwähnt, ihre Firma. Wir wünschen uns selbstverständlich, dass auch in Europa kluge Unternehmer mit Energiewendeangeboten für nachhaltiges Wirtschaften bei uns bleiben. Herr Dr. Erfruth, ich bedanke mich für diese Einschätzung und Ihre Offenheit und wünsche allen Erfolg.
Sprecher 3: Vielen Dank.
Sprecher 2: Und zum Schluss eine wirklich gute Nachricht für die Autofahrer in dieser Republik, die voller Rückenschmerzen und Po-Schmerzen über die kaputten Straßen rumpeln. Ja, das Schlagloch ist ein Dauerärgernis in dem einstigen Infrastruktur-Wunderland Deutschland. Vor allem in Berlin, glauben Sie es mir, ist es ein wirkliches Ärgernis. Doch jetzt kommt Abhilfe. Das britische Startup Roboticized hat mit Forschern der Universität Liverpool ein System entwickelt, das gerade in der ersten britischen Kleinstadt getestet wird. Und was kann es? Aris Prevent, so heißt es, ist eine Art ferngesteuerter Roboter, der über die Straßen fährt, automatisch die Schäden erkennt und die kleinen Löcher direkt mit Teer auffüllt. Dadurch wird verhindert, dass Wasser in die Straße einbringen kann und sich ein noch größeres Schlagloch bildet. Bitte, liebe Berliner Stadtverwaltung, sofort mit diesem Start-up in Verbindung gehen und bei uns im Südwesten Berlitz bitte gerne anfangen. Das ist doch endlich mal eine Innovation und eine Idee, die wirklich im Alltag helfen könnte. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute ein entspanntes Fahren, sollten Sie mit dem Auto unterwegs sein und ansonsten auch einen schönen Tag. Ich freue mich, wenn wir uns morgen hier wieder hören. Ihr Michael Bröker.
Sprecher 1: Table Today mit Michael Bröker und Helene Bubrowski.